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Nummer 251.
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, 30. September 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Kornwalzen Kehraus.
Der zweite Krupp-Prozetz r Angeklagter Maximilian Brandt und ein Genoffe!
Gegen den früheren Berliner Vertreter der Firma Krupp, Maximilian Brandt und einen der matzgebenden Letter der Essen« Firma wird am dreiundzwanzigsten Dktober vor der Berliner Strafkammer wegen De rrat Smilttitrischer Geheimnisse und Bestechung verhandelt werden. Die «»klage gegen einen dritten Verdächtigen wurde von der Beschlutzkamm« falle» gelassen.
Das offiziöse Wolff'sche Depeschenbureau, das alS Schwichtiger in der Krupp- Affäre eine gradezu rühmliche Rührigkeit entwickelt hat (ob aus eignem Antrieb, ob in höherm Auftrag, entzieht stch der öffentlichen Kenntnis), erzählt uns. daß der wild-kreitzende Berg öffentlicher und siaatsanwaMcher Erregung nach überlangen Wehen nur drei winzige Mäuslein geboren habe, von denen eines sogar aus dem Lebt« schied, bevor «s das Licht des Tages sah. Man hörte: »Die im Februar dieses Jahres zuerst gegen Maximilian Brandt und zwei andere Angestellte der Firma Krupp ein- gcleitete Untersuchung hat zeitweise einen großen Umfang angenommen, und sich im ganzen gegen elf Personen gerichtet, von denen zehn als Leiter oder Angestellte der Firma Krupp angehören oder angehört haben. Die Staatsanwaltschaft hat aber nach Abschluß der gerichtlichen Voruntersuchung die öffentliche Klage nur gegen drei der Angcschuldigten aufrechterhalten, und auch von diesen hat das Gericht nach einen außer Versvlgung gefetzt, sodaß sich in der mündlichen Verhandlung neben dem bereits aus der Verhandlung des Königlichen Kommandanturgerichts gegen TMan und Genoffen bekannten Berliner Vertreter der Firma Krupp, Maximilian Brandt, noch einer der maßgebenden Leiter der Essener Firma zu verantworten Haden wird ...!" So steht's zu lesen nn offiziösen Krupp-Bericht des Wolffischen Bureaus. Die Eröffnung, daß neben dem hyper-nervösen Er- Repräsentanten Maximilian Brandt (der unter der Folter des Gewissens völlig zusammen- gcbrochen ist und im Prozeß gegen Tilian und Compagnie als Zeuge eine gradezu mitleid- weckende Rolle spielte) nur noch einer der Vertrauensmänner des Essener Kanonenkönigs auf der Anklagebank Platz zu nehmen hat. ist einigermaßen tröstlich, die sorgfältig auf Wirkung und Echo abgetönte Mitteilung indessen, daß dieser Eine »einer der maßgebenden Leiter der Essener Firma* ist, gibt zu der Befürchtung Anlaß, daß der Prozeß am drei- undzwanzigften Oktober uns noch einige peinliche Ueberraschungen bringen wird. Die Anklage lautet auf Verrat militärischer Geheimnisse und Bestechung. Von Herrn Brandt Weitz man aus dem ersten Prozeß, daß er der Bestechung in Dutzenden von Fällen überführt ist: ob es sich dabei um bewußte oder unbewußte, direkte oder indirekte Bestechung handelt, wird erst festzustellen sein, ebenso, ob stch die eigenartigen Llauagor-Methoden des Herrn Maximilian Brandt auf ideale oder egoistische Motive gründeten. Man wird die Herren Tilian und Genossen, die in dem freigebigen Repräsentanten des Welthauses Krupp den Mb em Kameraden und großherzigen Freund schätzten, am dreiundzwanzigsten Oktober als Zeugen vor Gericht sehen; die Rollen werden vertauscht sein und man wird dann (unterm Zwang des Zeu- gcneids) das in der Kriegsgerichts-Verhandlung in allgemeinen Umrissen angcdeutete Bild der Kornwalzen-Idylle in allen seinen bürgerlich-strafrechtlichen Einzelheiten aus dem Schalten des staatsanwaltlichen Aktenbergs austauchen sehen.
*
Einer der »maßgebenden Leiter der Essener Firma" wird Herrn Maximilian Brandt auf der Anklagebank Gesellschaft leisten. Noch ist nicht festgcstellt, inwieweit dieser »Maßgebende" schuldig ist, noch ist zu erweisen, inwieweit er als Bürger und Vertrauensmann des Kanonenkönigs seine Pflicht verletzt: Die Tatsache indessen, daß ein der Direktion des Welthauses Knipp Angehörender, angeklagt des Verrats militärischer Geheimnisse und der Bestechung, vor dem Strafrichter zu erscheinen hat, bedeutet allein schon eine Sensation, weckt ernsteste Befürchtungen und berechtigt zu dem Schluß, daß der Vertreter der Anklage im ersten Krupp-Prozeß, als er mit erhabner Stimme sich gegen das »Kanonen-Panama" (das finstrer Skeptizismus im Korn- Walzen-Potpourri erkannt zu haben glaubte) wandte, von allzufrohem Optimismus befreit gewesen ist. Ob uns ein Panama befchämen oder nur die Irrung einiger Schwächlinge das Gewissen belasten wird, läßt stch erst dann übersehen, wenn übet dem in Moabit bworüeben-
den forensischen Schauspiel der Vorhang gefallen. das Urteil des Gerichts gesprochen sein Wird. Und selbst dann wird das Straf- erkenntnrs sAhnender Gerechtigkeit nicht allein den Maßstab ethischen Urteils und sittlicher Kritik bestimmen, sondern man wird dies Urteil und diese Kritik gründen müssen auf die Feststellung des Matzes der Anteilnahme, die die Firma Kmpp an der Leichtsinn- und Sündenschuld der in ihrem Solde Stehenden hat: Ganz gleich, ob es sich um »einen ihrer maßgebenden Leiter" oder um den zitternden „Märtyrer" Brandt handelt, der als Zeuge vor Gericht schluchzend erklärte, »nur sein Diensteifer habe ihn dazu verführt, mit dem Golde freundschaft-werbende Liebe zu locken." So harmlos, wie die Eilfertigkeit offiziöser Schwichtigung uns das Kornwalzen-Jdyll vor- zuzaubem bemüht war. ist die PcinAche Geschichte jedenfalls nicht, denn wenn der Staatsanwalt »einen der maßgebenden Leiter der Essener Firma" dem Sünder Brandt gesellt, kann zum mindestens über Eins kein Zweifel mehr bestehen: Daß die Fäden des Systems nicht in der ungelenken Hand des re- lativ harmlosen Mittelbeamten Brandt endeten; sondern ihren eigentlichen Knotenpunkt im Essener Direktionsbureau der Firma Krupp hatten. Diese Erkenntnis, gerichtlich erwiesen, würde das in der kriegsgerichtlichen Tiliau-Ouvertüre verneinte.Panama" zur weithin sichtbaren Tatsache machen. Und barum (dünkt uns) besteht Anlaß, dem dreiundzwanzigsten Oktobertag mit einiger Sorge entgegenzuharren ...! F. H.
Niesenbrand in Westfalen!
Ein Städtchen durch Fener zerstört.
Das kleine westfälische Städtchen Meiner z h a g e n ist am Sonnabend von einer verheerenden Brand - Katastrophe heimgesucht worden, die fast den gesamten Ort zerstört hat. Zahlreiche Familien sind ihres Hab und Guts beraubt worden, und an fünfhundert Personen sind obdachlos. Der Schaden ist umso größer, als die meisten der von dem Brande Bcttoffenen nicht gegen Feuer versichert waren Hebei die Katastrophe erhalten wir folgenden Bericht:
Fünfhundert Menschen obdachlos!
(Privat-Telegramm.)
Hage« i. W., 29. September.
In der Ortschaft Meinerzhagen- Vollmetal brach am Sonnabend mittag ein Feuer aus, das eine ganz ungeheuere Ausdehnung nahm. Das Feuer entstand in der Krugmannschen Brennerei, die schon nach wenigen Augenblicken völlig in Flammen stand. Trotz energischer Löscharbetten konnte nicht verhindert werden, daß die benachbarten Häuser vom Feuer ergriffen wurden. Nach kurzer Zeit brannten schon zwanzig Anwesen. An den in den letzten Tagen eingebrachten Feldfrüchten fand das Feuer reiche Nahrung, so daß es stch mit rasender Schnelligkeit ausbreitete. Die Bewohner konnten nur das nackte Leben retten, während ihre ganze Habe vernichtet wurde. Zahlreiche Feuerwehren der Nachbarschaft eilten zur Hilfe herbei. Trotzdem hatte das Feuer in wenigen Stunden vierundzwanzig Wohnhäuser eingeäschert, darunter zwei Wittschaften, eine Buchdruckerei, eine Brennerei und das Geschäftslokal des Konsumvereins. Ueber dreißig Familien sind obdachlos und haben
kaum das nackte Leden rette« können. Sie sind vorläufig in bett Sckul- räumen untergebracht. Der Landrat von Altena weilte am Nachmittag an der Brandstätte. Der Gemeinderat wurde noch für den Abend zu einer dringlichen Sitzung einberufen zwecks Vorbereitung einer Hilfsaktion, an deren Spitze der Regierungspräsident trat. Aus der näheren und weiteren Umgebung herbeigerufenen Feuerwehren hatte die Eisenbahn Extta- züge zur Verfügung gestellt. Rach einer weiteren Meldung aus Dortmund standen bis Sonnabend nachmittag drei Uhr außer vielen Scheunen, Schuppen und Stallungen zweiundzwanzig Häuser in Braud. Die evangelische Kirche konnte geschützt werden. Dreißig Feuerwehren waren aus einer Entfernung bis zu vier Stunden gekommen; sie versuchten die übrigen Häuser zu schützen, was schließlich auch gelang. Die meisten der von der Katastrophe Betroffenen haben ihre größtenteils nicht versicherte Habe verloren. Hunderte von Arbeitern sind brotlos geworden.
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Großfeuer in einer Kaserne.
Wie uns aus Brandenburg berichtet wird, brach am Sonnabend abend in der Kaserne ves Füsilier - Regiments Nr. 35 ein
Grotzfeuer aus. Es war in den auf den Bodenräumen gelegenen Kammern des Regiments entstanden und verbreitete stch mtt rasender Schnelligkeit über das drei Stock hohe Gebäude und ergriff auch die Mannschaftsstuben, die jedoch sämtlich erhalten werden konnten. Die ganze Kriegsausrüstung des ersten Bataillons ist vernichtet. Der Schaden bettägt schätzungsweise eine halbe Million Mark, ist aber durch Versicherung vollständig gedeckt.
3er Friede auf dem Wer.
Friedensschluß und neue Kriegspläne.
Der Friedensvertrag zwischen Bulgarien und der Türkei, dessen Zustandekommen in den letzten Tagen wieder fraglich geworden schien, soll nun heute unterzeichnet werden. Der Vertrag liegt bereits im Text fertig vor. Die Einleitungsworte lauten: Der Sultan und der König von Bulgarien, geleitet von dem Wunsche, auf freundschaftlicher Weise und dauerhafter Grundlage die durch die Ereignisse seit dem Londoner Vertrag bestehenden Zustände in Ordnung zu bringen und die für das Wohl der Völker notwendigen fteundschastlichen Beziehungen wieder herzustellen, haben folgenden Vertrag vereinbart:
Am Tage nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages werden die Armeen beider Länder die der anderen Partei zufallenden Gebiete räumen und die tteberaabe spätestens nach vierzehn Tagen vollziehen. Die Demobilisierung beider Armeen findet in drei Wochen statt. Im Text folgt dann die G re n z r e g u l i e r n n g, die Bekanntgabe einer Amnestie für politische Vergehen in Höhe von drei Wochen, die Be- sttmmung, daß das Eigentumsrecht in den bulgarisch werdenden Gebieten nach türkischem Gesetz anerkannt wird, daß die ländlichen Güter Eigentum der muselmanischen Gemeinden bleiben, daß die Friedhöfe geschont und daß Bulgarien in die über die Orientbahn getroffenen Abmachungen eintritt. In einem Zusatzprotokoll wird der Bcvölke- rung des aufständischen Thraziens geraten, stch mit den neuen Zuständen abzufinden.
Vier weitere Zusätze des Friedensvertrages werden nickt veröffentlicht. Sie besagen, daß alle Eheschließungen zwischen Mohammedanern und Nichtmohammedanern seit Beginn des Krieges null und nichtig sind und daß alle entführten Frauen und Mädchen in ihre Heimat entlassen werden müssen. Der Vertrag tritt sofort in Kraft, die Ratifizierung erfolgt innerhalb vierzehn Tagen. In unterrichteten Kreisen verlautet, daß die Bestim- mtmgen des ttirkisch-bulaarifchen Vertrages über die Stnatsangehörigkeit, die muselmanischen Gemeindeschulen und die Vakufs das M V- nimum der Vorschläge darstellt, die Griechenland seitens der Türkei unterbreitet werden sollen. Die türkische Presse bespricht denn auch den Vertrag als einen diplomatischen Erfolg der Türket.
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Türkisch-bulgarische Kriegspläne?
Belgrad, 29. Sevtember. (Privattele- aramm.) In diplomatischen Kreisen ist man überzeugt, daß die Türkei Bulgarien folgendes Uebereinkommen vorgeschlagen hat: Die Türkei mit ihrer starken Armee und Bulgarien werden gemeinschaftlich Mazedonien und Albanien zurückerobern. Bulgarien solle für seine Hilfe ganz Thrazien einschließlich Kawalla erhalten. Auf Mazedonien müsse Bulgarien allerdings gänzlick verzichten. General Sawow, der gegenwärtig in Konstantinopel verhandelt, hat (so wird bestimmt ver- stchert) diesen Vorschlag angenommen.
Der Rückzug der Albaner.
Belgrad, 29. September (Privattelegramm.) Die Serben sind jetzt zur Offensive übergegangen und haben die 6000 Albanier in bic Flnckt gejagt. Dadurch ist der Vormarsck der Albanier gegen Gostivar verhindert. Zwischen Dibra und Mawrowo ist eine große albanische Sckar von serbischen Truppen umzingelt und gänzlich geschlagen worden. Tie gegen Ockrida vorgeganqe- nen Albanier wurden ebenfalls geschlagen Die Nachricht. Siruga fei in die Hände der Albanier gefallen, bestätigt sich nicht, vielmehr wird Struga von den Serben behauptet. Die Kämpfe dauern fort.
Kriegsrüftungen der Türkei!
Konstantinopel, £>9. September. (Privat- Teleqramm) Trotz der Unerklärlickkeit. was die Türkei von einem Angriff auf Griechenland erhofft, scheint die Absicht ersichtlich zu sein, den ferbisch-albanischen Konflikt und d>e aufrichtigen Bündnisbestrebungen Bulgariens für ein tatkräftiges Vorgeben auszunüven. Die Truppen werden durch fortgesetzte Einziehung von Rekruten verstärkt. Allmählich findet ein Abschub von fünf bis sechs Militärzügen statt. Die Transporte ünd nickt uniformiert, damit fie vor
der Oeffentlichkeit als Rückzug ehemaliger Flüchtlinge gelten.
Tas Zatho Zrama.
Das verbotene Zatho - Drama: „Pfarrer Hellmund"; aus dem Inhalt des Dramas.
Der „Fall Jatho", der lange Zett hindurch die Gemüter erregte, hat nun auch seinen Dichter gefunden. Schon vor längerer Zeit hatte d« Wiesbadener Pfarrer Philippi, der sich bereit» durch mehrere Romane und ein Drama „Setemta" einen geachteten Schrtftstellernamen erworben hat, fein Schauspiel „Pfarrer Hellmund", da» die Affäre Jathos behandelte, beim Residenz-Theater in Wie», baden etngeretcht, Die Aufführung de» Drama» wurde behördlich verboten. Die Redaktion.
Wir wissen nicht, ob Pfarrer Philippi fein Iatho-Drama anderswo einreichen wird. Wenn er es tut, so wird er vielleicht Gefahr laufen, fein Werk ein zweites Mal zurückziehen zu müssen. Vielleicht hat auch die Wiesbadener Behörde ihren Entschluß nur deshalb gefaßt, weil Philippi in Wiesbaden selbst amtiert und sehr bekannt ist. Man wollte eine Sensation vermeiden. Jedenfalls aber wird Philippis Iatho-Drama nicht nur als Litera- lurwcrk. sondern auch als Werk, das freimütig das brennendste Problem nuferes geistigen Lebens erörtert, die Oeffentlichkeit weiter be» schästigen. Und so dürste eine Inhaltsangabe besonderes Interesse finden: »Hellmund und Lenning sind Jugendfreunde. Hellmund ist der beliebte Stadtpfarrer, an dessen mit hinreißender Beredsamkeit und tiefster Ueberzcu- guug vorgetragenen Predigten sich jeden Sonntag viele Hunderte erbauen. Er ist liberal. Lenning ist Präsident des Landeskouststoriums. Hfllmnnds Tochter, Trante, ist mit Lennings Sohn, einem jungen Offizier, verlobt. Der Präsident weilt bei dem Pfarrer, dem er nach wie vor in aufrichtiger Freundschaft zugetan ist, zu Besuch, um die soeben vollzogene Verlobung Kurts und Trautes zu feiern. Aber er bringt der Frau Marthe, der Gattin des Pfarrers, böse Nachricht. Das Konsistorium hat gegen Hellmund ein Verfahren eingeleitet, weil der Pfarrer sich der Irrlehre schuldig gemacht habe. Acht Punkte zählt die Schrift auf, die der Präsident, ein edler Mann und pflichttreuer Beamter, dem Freunde zeigt. Eine Weihnachtsund eine Ofterpredigt sind da zittert. Er halte sich nicht an den Agende, lasse bei Taufe und Konfirmation das Apostolikum fort. Lenning bittet Hellmund, sich pensionieren zu lassen. Wenn der Pfarrer das nicht tut, zerstört er
das Glück der Kinder,
denn ein Offizier darf die Tochter eines wegen Irrlehre abgesetzten Geistlichen nicht ehelichen. Frau Marthe sragt entsetzt den Präsidenten: »Leben wir zur Zeit der Menschenopfer?" Lenning antwortet: »Gewiß! ... Marthe, Hellmund, laßt wenigstens unsere Kinder nicht geopfert werden! Wir sind grau, unsere Kinder wollen nach uns leben ...!" Hellmund kämpft einen furchtbaren Kampf. Wohl ist er bereit, sich für fein Kind zu opfern. Aber noch lebt ja ferne Mutter, seine alte Mutter, die von den neuen Idealen des Sohnes nichts weiß, die in ihm den Prediger der alten Gotteslehre sieht. Wenn er aus dem Amte scheidet, wird das ihr Todes st oß sein. Er ringt sich zum Verzicht auf die Mutter durch. Doch es gibt ein anderes Mittel, der Mutter den tödlichen Stteich zu versetzen. Bisher hat die alte Frau Hellmund bewußt den größeren Defl von Hellmnnds Liebe, von Hellmunds ganzem Wesen besessen. In einer Szene zwischen Mutter und Sohn und Fran Marthe gibt Hellmund Frau Marthe sein ganzes Ick. Die Mutter stirbt. Hellmund sckreibt im Fieber dieser entsetzensheißen Nacht sein Abschiedsgesuch. Noch ehe er es abschicken kann, wird er an das Lager sterbender Typhuskranker gerufen. Gierig stürzt er ins Hospital. Die Typhusbazillen der Krankenräume scheinen ihm die einzige Erlösung aus seinem Leiden. Die Krankheit packt ihn und wirft ihn aufs Lager. Die Kunst des Arztes entringt ihn dem Tode. Im Pfarrersgarten, zwischen Marr- Hans imd Kirchhof, von dem die Totenkreuzr über die niedrige Mauer winken, sitzt
die Familie Hellmunds
mit dem Präsidenten und seinem Sohne zusammen. Wieder legen Lenning und Frau Marthe dem kaum Genesenen das Abschiedsgesuch vor, damit er zu dessen Absendung die Einwilligung gebe. Da richtet sich Hellmund auf: »Die Angst ist fort. Denn unvermutet ist die große Einmüligkeft ringsum überein gekommen. was ich tun soll." Er zerreißt das Abschiedsgesuch. Lenning tut seine Pflicht: »Ich muß die Kirche vor Dir schützen, weil Du eigensinnig dem Willen der Kirchenordnung widerstehst, obwohl Du feierlich Gehorsam gelobtest ... darum suspendiere ich Dich von heute ab vom Amte." Hellmund hebt die Hände empor: »Das kannst Du jetzt nicht mehr. Vor dieser hellen Einmütigkeit bat Dein Wille kurze Hände ...!" Hellmund ist seines iÄntes enthoben, aber seine Gemeinde steht treu zu ihm. An dem Sonntagmorg.m, an dem Hell- mund sein Haus verlassen soll, und ein neue: Prediger auf der Kanzel der Stadtkirche sieht, rotten sich die Scharen seiner Treuen auf dem Platze zwischen Kirche und Pfarrhaus zusammen, und während die Kirchenglocken zum Gottesdienst rufen, schallt der tausendfache Ruf