Einzelbild herunterladen
 

Casseler Neueste NaWten

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Dt« Cassel« Reuest«, Nachrichten erschein«, wöchentlich sechsmal «ad zwar abend«. T« Abonnem«nl»pr«tS betrügt monalltch 60 Psg. bei tret« Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden jederzeit von d« SeschüftSstelle 06« den Boten «ntgegengenommen. Drucknei, B«lag und RedaMon: Schlachthofstratze 2S/3U Sprechstunden 6« Redaktion nur von 7 bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden b« Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag voa 6 bi» 8 Uhr abend». B«lin« Vertretung: 8W Friedrichstr. 16, Telephon: Ami Moritzplatz 12681.

JnsertionSpreise: Die s«ch»gespalten- Zeile für einheimisch« »eschüste 15 Psg., für au», wärttge Inserat- 25 Pf., Reklame,eile für einheimische «eschüste 40 Ps, für auSwürtig« «eschüste »0 Pf. Einfache Beilagen für Sie Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihr« dichten Berbreitmig in der Residenz und der Umgebung sind di« Lastel« Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» gnferttoniorgon. Geschäftsstelle: »ölnisch« Straß« 5. B«lin« Bertretung: SW.. Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

Nummer 251.

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 30. September 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Kornwalzen Kehraus.

Der zweite Krupp-Prozetz r Angeklagter Maximilian Brandt und ein Genoffe!

Gegen den früheren Berliner Vertreter der Firma Krupp, Maximilian Brandt und einen der matzgebenden Letter der Essen« Firma wird am dreiundzwanzigsten Dktober vor der Berliner Strafkammer wegen De rrat Smilttitrischer Geheimnisse und Bestechung verhandelt werden. Die «»klage gegen einen dritten Verdächtigen wur­de von der Beschlutzkamm« falle» gelassen.

Das offiziöse Wolff'sche Depeschenbureau, das alS Schwichtiger in der Krupp- Affäre eine gradezu rühmliche Rührigkeit entwickelt hat (ob aus eignem Antrieb, ob in höherm Auftrag, entzieht stch der öffentlichen Kenntnis), erzählt uns. daß der wild-kreitzende Berg öffentlicher und siaatsanwaMcher Er­regung nach überlangen Wehen nur drei winzige Mäuslein geboren habe, von denen eines sogar aus dem Lebt« schied, bevor «s das Licht des Tages sah. Man hörte: »Die im Februar dieses Jahres zuerst gegen Maximilian Brandt und zwei andere Angestellte der Firma Krupp ein- gcleitete Untersuchung hat zeitweise einen großen Umfang angenommen, und sich im ganzen gegen elf Personen gerichtet, von denen zehn als Leiter oder Angestellte der Firma Krupp angehören oder angehört haben. Die Staatsanwaltschaft hat aber nach Abschluß der gerichtlichen Voruntersuchung die öffentliche Klage nur gegen drei der Angcschuldigten aufrechterhalten, und auch von diesen hat das Gericht nach einen außer Versvlgung gefetzt, sodaß sich in der mündlichen Verhandlung neben dem bereits aus der Verhandlung des Königlichen Kommandanturgerichts gegen TMan und Genoffen bekannten Berliner Ver­treter der Firma Krupp, Maximilian Brandt, noch einer der maßgebenden Leiter der Essener Firma zu verantworten Haden wird ...!" So steht's zu lesen nn offiziösen Krupp-Bericht des Wolffischen Bureaus. Die Eröffnung, daß neben dem hyper-nervösen Er- Repräsentanten Maximilian Brandt (der unter der Folter des Gewissens völlig zusammen- gcbrochen ist und im Prozeß gegen Tilian und Compagnie als Zeuge eine gradezu mitleid- weckende Rolle spielte) nur noch einer der Vertrauensmänner des Essener Kanonenkönigs auf der Anklagebank Platz zu nehmen hat. ist einigermaßen tröstlich, die sorgfältig auf Wir­kung und Echo abgetönte Mitteilung indessen, daß dieser Eine »einer der maßgebenden Leiter der Essener Firma* ist, gibt zu der Befürchtung Anlaß, daß der Prozeß am drei- undzwanzigften Oktober uns noch einige pein­liche Ueberraschungen bringen wird. Die Anklage lautet auf Verrat militärischer Geheim­nisse und Bestechung. Von Herrn Brandt Weitz man aus dem ersten Prozeß, daß er der Be­stechung in Dutzenden von Fällen überführt ist: ob es sich dabei um bewußte oder unbewußte, direkte oder indirekte Bestechung handelt, wird erst festzustellen sein, ebenso, ob stch die eigen­artigen Llauagor-Methoden des Herrn Maxi­milian Brandt auf ideale oder egoistische Mo­tive gründeten. Man wird die Herren Tilian und Genossen, die in dem freigebigen Repräsen­tanten des Welthauses Krupp den Mb em Ka­meraden und großherzigen Freund schätzten, am dreiundzwanzigsten Oktober als Zeugen vor Gericht sehen; die Rollen werden vertauscht sein und man wird dann (unterm Zwang des Zeu- gcneids) das in der Kriegsgerichts-Verhand­lung in allgemeinen Umrissen angcdeutete Bild der Kornwalzen-Idylle in allen seinen bür­gerlich-strafrechtlichen Einzelheiten aus dem Schalten des staatsanwaltlichen Aktenbergs austauchen sehen.

*

Einer der »maßgebenden Leiter der Essener Firma" wird Herrn Maximilian Brandt auf der Anklagebank Gesellschaft leisten. Noch ist nicht festgcstellt, inwieweit dieser »Maß­gebende" schuldig ist, noch ist zu erweisen, in­wieweit er als Bürger und Vertrauensmann des Kanonenkönigs seine Pflicht verletzt: Die Tatsache indessen, daß ein der Direktion des Welthauses Knipp Angehörender, angeklagt des Verrats militärischer Geheimnisse und der Bestechung, vor dem Strafrichter zu erscheinen hat, bedeutet allein schon eine Sensation, weckt ernsteste Befürchtungen und berechtigt zu dem Schluß, daß der Vertreter der Anklage im ersten Krupp-Prozeß, als er mit erhabner Stimme sich gegen das »Kanonen-Pa­nama" (das finstrer Skeptizismus im Korn- Walzen-Potpourri erkannt zu haben glaubte) wandte, von allzufrohem Optimismus befreit gewesen ist. Ob uns ein Panama befchämen oder nur die Irrung einiger Schwächlinge das Gewissen belasten wird, läßt stch erst dann über­sehen, wenn übet dem in Moabit bworüeben-

den forensischen Schauspiel der Vorhang ge­fallen. das Urteil des Gerichts gesprochen sein Wird. Und selbst dann wird das Straf- erkenntnrs sAhnender Gerechtigkeit nicht allein den Maßstab ethischen Urteils und sittlicher Kritik bestimmen, sondern man wird dies Urteil und diese Kritik gründen müssen auf die Fest­stellung des Matzes der Anteilnahme, die die Firma Kmpp an der Leichtsinn- und Sündenschuld der in ihrem Solde Stehenden hat: Ganz gleich, ob es sich um »einen ihrer maßgebenden Leiter" oder um den zitternden Märtyrer" Brandt handelt, der als Zeuge vor Gericht schluchzend erklärte, »nur sein Dienst­eifer habe ihn dazu verführt, mit dem Golde freundschaft-werbende Liebe zu locken." So harmlos, wie die Eilfertigkeit offiziöser Schwichtigung uns das Kornwalzen-Jdyll vor- zuzaubem bemüht war. ist die PcinAche Ge­schichte jedenfalls nicht, denn wenn der Staatsanwalt »einen der maßgebenden Leiter der Essener Firma" dem Sünder Brandt ge­sellt, kann zum mindestens über Eins kein Zweifel mehr bestehen: Daß die Fäden des Systems nicht in der ungelenken Hand des re- lativ harmlosen Mittelbeamten Brandt endeten; sondern ihren eigentlichen Knotenpunkt im Essener Direktionsbureau der Firma Krupp hatten. Diese Erkenntnis, gerichtlich er­wiesen, würde das in der kriegsgerichtlichen Tiliau-Ouvertüre verneinte.Panama" zur weit­hin sichtbaren Tatsache machen. Und barum (dünkt uns) besteht Anlaß, dem dreiundzwan­zigsten Oktobertag mit einiger Sorge ent­gegenzuharren ...! F. H.

Niesenbrand in Westfalen!

Ein Städtchen durch Fener zerstört.

Das kleine westfälische Städtchen Mein­er z h a g e n ist am Sonnabend von einer ver­heerenden Brand - Katastrophe heim­gesucht worden, die fast den gesamten Ort zer­stört hat. Zahlreiche Familien sind ihres Hab und Guts beraubt worden, und an fünfhun­dert Personen sind obdachlos. Der Schaden ist umso größer, als die meisten der von dem Brande Bcttoffenen nicht gegen Feuer ver­sichert waren Hebei die Katastrophe erhalten wir folgenden Bericht:

Fünfhundert Menschen obdachlos!

(Privat-Telegramm.)

Hage« i. W., 29. September.

In der Ortschaft Meinerzhagen- Vollmetal brach am Sonnabend mittag ein Feuer aus, das eine ganz ungeheuere Aus­dehnung nahm. Das Feuer entstand in der Krugmannschen Brennerei, die schon nach we­nigen Augenblicken völlig in Flammen stand. Trotz energischer Löscharbetten konnte nicht verhindert werden, daß die benachbarten Häu­ser vom Feuer ergriffen wurden. Nach kurzer Zeit brannten schon zwanzig Anwesen. An den in den letzten Tagen eingebrachten Feld­früchten fand das Feuer reiche Nahrung, so daß es stch mit rasender Schnelligkeit ausbrei­tete. Die Bewohner konnten nur das nackte Leben retten, während ihre ganze Habe ver­nichtet wurde. Zahlreiche Feuerwehren der Nachbarschaft eilten zur Hilfe herbei. Trotzdem hatte das Feuer in wenigen Stunden vierund­zwanzig Wohnhäuser eingeäschert, darunter zwei Wittschaften, eine Buchdruckerei, eine Brennerei und das Geschäftslokal des Kon­sumvereins. Ueber dreißig Familien sind ob­dachlos und haben

kaum das nackte Leden rette« können. Sie sind vorläufig in bett Sckul- räumen untergebracht. Der Landrat von Altena weilte am Nachmittag an der Brand­stätte. Der Gemeinderat wurde noch für den Abend zu einer dringlichen Sitzung einberufen zwecks Vorbereitung einer Hilfsaktion, an deren Spitze der Regierungspräsident trat. Aus der näheren und weiteren Umgebung herbeigeru­fenen Feuerwehren hatte die Eisenbahn Extta- züge zur Verfügung gestellt. Rach einer wei­teren Meldung aus Dortmund standen bis Sonnabend nachmittag drei Uhr außer vielen Scheunen, Schuppen und Stallungen zweiund­zwanzig Häuser in Braud. Die evangelische Kirche konnte geschützt werden. Dreißig Feuer­wehren waren aus einer Entfernung bis zu vier Stunden gekommen; sie versuchten die übrigen Häuser zu schützen, was schließlich auch gelang. Die meisten der von der Katastrophe Be­troffenen haben ihre größtenteils nicht ver­sicherte Habe verloren. Hunderte von Arbei­tern sind brotlos geworden.

*

Großfeuer in einer Kaserne.

Wie uns aus Brandenburg berichtet wird, brach am Sonnabend abend in der Ka­serne ves Füsilier - Regiments Nr. 35 ein

Grotzfeuer aus. Es war in den auf den Bodenräumen gelegenen Kammern des Regiments entstanden und verbreitete stch mtt rasender Schnelligkeit über das drei Stock hohe Gebäude und ergriff auch die Mannschafts­stuben, die jedoch sämtlich erhalten werden konnten. Die ganze Kriegsausrüstung des er­sten Bataillons ist vernichtet. Der Schaden bettägt schätzungsweise eine halbe Mil­lion Mark, ist aber durch Versicherung voll­ständig gedeckt.

3er Friede auf dem Wer.

Friedensschluß und neue Kriegspläne.

Der Friedensvertrag zwischen Bul­garien und der Türkei, dessen Zustandekom­men in den letzten Tagen wieder fraglich ge­worden schien, soll nun heute unterzeichnet wer­den. Der Vertrag liegt bereits im Text fertig vor. Die Einleitungsworte lauten: Der Sul­tan und der König von Bulgarien, geleitet von dem Wunsche, auf freundschaftlicher Weise und dauerhafter Grundlage die durch die Ereignisse seit dem Londoner Ver­trag bestehenden Zustände in Ordnung zu brin­gen und die für das Wohl der Völker notwen­digen fteundschastlichen Beziehungen wieder herzustellen, haben folgenden Vertrag ver­einbart:

Am Tage nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages werden die Armeen beider Länder die der anderen Partei zufal­lenden Gebiete räumen und die tteberaabe spätestens nach vierzehn Tagen vollziehen. Die Demobilisierung beider Armeen findet in drei Wochen statt. Im Text folgt dann die G re n z r e g u l i e r n n g, die Be­kanntgabe einer Amnestie für politische Vergehen in Höhe von drei Wochen, die Be- sttmmung, daß das Eigentumsrecht in den bulgarisch werdenden Gebieten nach türki­schem Gesetz anerkannt wird, daß die ländli­chen Güter Eigentum der muselmanischen Gemeinden bleiben, daß die Friedhöfe ge­schont und daß Bulgarien in die über die Orientbahn getroffenen Abmachungen eintritt. In einem Zusatzprotokoll wird der Bcvölke- rung des aufständischen Thraziens geraten, stch mit den neuen Zuständen abzufinden.

Vier weitere Zusätze des Friedensvertra­ges werden nickt veröffentlicht. Sie besagen, daß alle Eheschließungen zwischen Mo­hammedanern und Nichtmohammedanern seit Beginn des Krieges null und nichtig sind und daß alle entführten Frauen und Mädchen in ihre Heimat entlassen werden müssen. Der Vertrag tritt sofort in Kraft, die Ratifizie­rung erfolgt innerhalb vierzehn Tagen. In un­terrichteten Kreisen verlautet, daß die Bestim- mtmgen des ttirkisch-bulaarifchen Vertrages über die Stnatsangehörigkeit, die muselmani­schen Gemeindeschulen und die Vakufs das M V- nimum der Vorschläge darstellt, die Grie­chenland seitens der Türkei unterbreitet wer­den sollen. Die türkische Presse bespricht denn auch den Vertrag als einen diplomati­schen Erfolg der Türket.

*

Türkisch-bulgarische Kriegspläne?

Belgrad, 29. Sevtember. (Privattele- aramm.) In diplomatischen Kreisen ist man überzeugt, daß die Türkei Bulgarien folgendes Uebereinkommen vorgeschlagen hat: Die Türkei mit ihrer starken Armee und Bulgarien werden gemeinschaftlich Mazedonien und Albanien zurückerobern. Bulgarien solle für seine Hilfe ganz Thrazien einschließ­lich Kawalla erhalten. Auf Mazedonien müsse Bulgarien allerdings gänzlick verzichten. Gene­ral Sawow, der gegenwärtig in Konstanti­nopel verhandelt, hat (so wird bestimmt ver- stchert) diesen Vorschlag angenommen.

Der Rückzug der Albaner.

Belgrad, 29. September (Privattele­gramm.) Die Serben sind jetzt zur Offen­sive übergegangen und haben die 6000 Al­banier in bic Flnckt gejagt. Dadurch ist der Vormarsck der Albanier gegen Gostivar verhindert. Zwischen Dibra und Mawrowo ist eine große albanische Sckar von serbischen Truppen umzingelt und gänzlich geschla­gen worden. Tie gegen Ockrida vorgeganqe- nen Albanier wurden ebenfalls geschlagen Die Nachricht. Siruga fei in die Hände der Alba­nier gefallen, bestätigt sich nicht, vielmehr wird Struga von den Serben behauptet. Die Kämpfe dauern fort.

Kriegsrüftungen der Türkei!

Konstantinopel, £>9. September. (Privat- Teleqramm) Trotz der Unerklärlickkeit. was die Türkei von einem Angriff auf Griechenland erhofft, scheint die Absicht ersichtlich zu sein, den ferbisch-albanischen Kon­flikt und d>e aufrichtigen Bündnisbestrebungen Bulgariens für ein tatkräftiges Vor­geben auszunüven. Die Truppen werden durch fortgesetzte Einziehung von Re­kruten verstärkt. Allmählich findet ein Ab­schub von fünf bis sechs Militärzügen statt. Die Transporte ünd nickt uniformiert, damit fie vor

der Oeffentlichkeit als Rückzug ehemaliger Flüchtlinge gelten.

Tas Zatho Zrama.

Das verbotene Zatho - Drama:Pfarrer Hellmund"; aus dem Inhalt des Dramas.

DerFall Jatho", der lange Zett hindurch die Gemüter erregte, hat nun auch seinen Dichter gefunden. Schon vor längerer Zeit hatte d« Wies­badener Pfarrer Philippi, der sich bereit» durch mehrere Romane und ein DramaSetemta" einen geachteten Schrtftstellernamen erworben hat, fein SchauspielPfarrer Hellmund", da» die Affäre Jathos behandelte, beim Residenz-Theater in Wie», baden etngeretcht, Die Aufführung de» Drama» wurde behördlich verboten. Die Redaktion.

Wir wissen nicht, ob Pfarrer Philippi fein Iatho-Drama anderswo einreichen wird. Wenn er es tut, so wird er vielleicht Gefahr laufen, fein Werk ein zweites Mal zu­rückziehen zu müssen. Vielleicht hat auch die Wiesbadener Behörde ihren Entschluß nur des­halb gefaßt, weil Philippi in Wiesbaden selbst amtiert und sehr bekannt ist. Man wollte eine Sensation vermeiden. Jedenfalls aber wird Philippis Iatho-Drama nicht nur als Litera- lurwcrk. sondern auch als Werk, das freimütig das brennendste Problem nuferes geistigen Le­bens erörtert, die Oeffentlichkeit weiter be» schästigen. Und so dürste eine Inhaltsangabe besonderes Interesse finden: »Hellmund und Lenning sind Jugendfreunde. Hellmund ist der beliebte Stadtpfarrer, an dessen mit hin­reißender Beredsamkeit und tiefster Ueberzcu- guug vorgetragenen Predigten sich jeden Sonn­tag viele Hunderte erbauen. Er ist liberal. Lenning ist Präsident des Landeskouststoriums. Hfllmnnds Tochter, Trante, ist mit Lennings Sohn, einem jungen Offizier, verlobt. Der Präsident weilt bei dem Pfarrer, dem er nach wie vor in aufrichtiger Freundschaft zugetan ist, zu Besuch, um die soeben vollzogene Ver­lobung Kurts und Trautes zu feiern. Aber er bringt der Frau Marthe, der Gattin des Pfar­rers, böse Nachricht. Das Konsistorium hat ge­gen Hellmund ein Verfahren eingeleitet, weil der Pfarrer sich der Irrlehre schuldig gemacht habe. Acht Punkte zählt die Schrift auf, die der Präsident, ein edler Mann und pflichttreuer Beamter, dem Freunde zeigt. Eine Weihnachts­und eine Ofterpredigt sind da zittert. Er halte sich nicht an den Agende, lasse bei Taufe und Konfirmation das Apostolikum fort. Lenning bittet Hellmund, sich pensionieren zu lassen. Wenn der Pfarrer das nicht tut, zerstört er

das Glück der Kinder,

denn ein Offizier darf die Tochter eines wegen Irrlehre abgesetzten Geistlichen nicht ehelichen. Frau Marthe sragt entsetzt den Präsidenten: »Leben wir zur Zeit der Menschenopfer?" Len­ning antwortet: »Gewiß! ... Marthe, Hell­mund, laßt wenigstens unsere Kinder nicht ge­opfert werden! Wir sind grau, unsere Kinder wollen nach uns leben ...!" Hellmund kämpft einen furchtbaren Kampf. Wohl ist er bereit, sich für fein Kind zu opfern. Aber noch lebt ja ferne Mutter, seine alte Mutter, die von den neuen Idealen des Sohnes nichts weiß, die in ihm den Prediger der alten Gotteslehre sieht. Wenn er aus dem Amte scheidet, wird das ihr Todes st sein. Er ringt sich zum Verzicht auf die Mutter durch. Doch es gibt ein anderes Mittel, der Mutter den tödlichen Stteich zu ver­setzen. Bisher hat die alte Frau Hellmund bewußt den größeren Defl von Hellmnnds Liebe, von Hellmunds ganzem Wesen besessen. In einer Szene zwischen Mutter und Sohn und Fran Marthe gibt Hellmund Frau Marthe sein ganzes Ick. Die Mutter stirbt. Hellmund sckreibt im Fieber dieser entsetzensheißen Nacht sein Abschiedsgesuch. Noch ehe er es abschicken kann, wird er an das Lager sterbender Typhus­kranker gerufen. Gierig stürzt er ins Hospital. Die Typhusbazillen der Krankenräume scheinen ihm die einzige Erlösung aus seinem Leiden. Die Krankheit packt ihn und wirft ihn aufs Lager. Die Kunst des Arztes entringt ihn dem Tode. Im Pfarrersgarten, zwischen Marr- Hans imd Kirchhof, von dem die Totenkreuzr über die niedrige Mauer winken, sitzt

die Familie Hellmunds

mit dem Präsidenten und seinem Sohne zu­sammen. Wieder legen Lenning und Frau Marthe dem kaum Genesenen das Abschieds­gesuch vor, damit er zu dessen Absendung die Einwilligung gebe. Da richtet sich Hellmund auf: »Die Angst ist fort. Denn unvermutet ist die große Einmüligkeft ringsum überein ge­kommen. was ich tun soll." Er zerreißt das Abschiedsgesuch. Lenning tut seine Pflicht: »Ich muß die Kirche vor Dir schützen, weil Du eigensinnig dem Willen der Kirchenordnung widerstehst, obwohl Du feierlich Gehorsam ge­lobtest ... darum suspendiere ich Dich von heute ab vom Amte." Hellmund hebt die Hände empor: »Das kannst Du jetzt nicht mehr. Vor dieser hellen Einmütigkeit bat Dein Wille kurze Hände ...!" Hellmund ist seines iÄntes ent­hoben, aber seine Gemeinde steht treu zu ihm. An dem Sonntagmorg.m, an dem Hell- mund sein Haus verlassen soll, und ein neue: Prediger auf der Kanzel der Stadtkirche sieht, rotten sich die Scharen seiner Treuen auf dem Platze zwischen Kirche und Pfarrhaus zusam­men, und während die Kirchenglocken zum Gottesdienst rufen, schallt der tausendfache Ruf