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Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

Sonntag, 28. September 1913

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Nummer 250

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khaffalas Ehrentag.

Die tausendjährige Jubelfeier Caffels; Gaffel, die Stadt der taufend Jahre.

Lichter Herbstfonilenglanz strahlt über der September-Erde; vom wolkenlos - stahlblauen Himmel grüßt die Unendlichkeit nieder aus die tausendjährige Stadt. Ein einziger Tempel Weihevoll-Mcklicher Freude, ein weiter Tom feierlicher Gegenwart-Andacht vor der Ehr- würdigkfft tausendlähriger Vergangenheit: Das ist heut Cassel, die Stadt, deren Schicksal zehn Jahrhunderte in Freud und Leid an sich vorüberranschen sah. Die Iah r tau s end- Wen de stempelt den Tag der Chassala-geier zum ge­schichtlichen Ereignis: Geschichtlich und bedeut­sam nicht nur für die Stadt der tausend Jahre, sondern auch sür's Bürgertum, das in zehn Jahr­hunderten an der Entwicklung Caffels in treuer Heimatliebe gearbeitet, das in den Mauern oer Fulda-Residenz Tage des Glücks und der Heim­suchung vorüberziehen sah. und im Glück stark und stolz, im Leid tapfer und ungebeugt seine Pflicht tat. Chassalas Ehrentag ist das Jnbcl- sest hessischer Treue, hessischer Heimatliebe und hessischer Volkskraft; ein Triumph starker Stammes-Tugenden und stolzer Beharrlichkeit, und wenn wir, rückschauend, die Geschichte des nun zur Neige gehenden Jahrtausends über­blicken. sehen wir in besten und dunklen Tagen Bürgerstnn und Heffentreue untrennbar vereint mit starker Schicksalfügung und historischer Ent­wicklung, die Cassel tot Lauf der Jahrhunderte emporgetragen zur Höhe wirtschaftlicher Straft und kommunaler Entfaltung.

Nicht ein rasch vorüberhastendes Zu- sast- Jubiläum Ms, dem heute Glockengruß und Feierklänge gelten, nicht ein Fest rau­schender Freude und prunkenden Glanzes allein: Die eherne Wucht der Geschichte drückt ihm den Stempel auf, und aus grauer Vorzeit grüßen stolze Erinnerungen zur hellen Gegenwart herüber. Lickt und Schatten wech­seln tot bunten Bilde vergangner Tage, Jubel und Leid Lingen durch tausend Jahre Ge­schichte, aber über dem brandenden Wirbel der Ereignisse, die ins Jahrtausend Caffeler Ver­gangenheit ihre Spuren eingegraben, thront, licht und sonnig, die unverzagte Straft, die stolze Zuversicht deutscher Stammesart. die in der Geschichte des Casseler Büraertums ihre wuch­tigste Offenbarung spiegelt, und diese urwüchsige Ausprägung völkischer Kraft, die tut Streben nimmermüd, im Kümpfen heldenhaft und siegsgewitz, tot Dulden groß und tapfer

Eine unübersehbare Menschenmenge bela­gerte heute um die elfte Stunde das Rathaus, um die Anfahrt des Prinzen August Wilhelm von Preußen zu beobachten. Im Rathaus selbst versammelte sich inzwischen eine -glänzende Versammlung zum Festakt der Städtischen Körperschaften. Als Vertreter des Grotzherzogs von Hessen erschien Großherzoglicher Oberkammerherr von Ried­esel Freiherr zu Eisenbach, als Vertreter des Landgrafen Alexander Friedrich von Hes­sen Generalleutnant von Heydwolff, in Vertretung des Prinzen Friedrich Karl von Hessen Landrat und Kammerherr von Schwertzell. Weiter sah man in dem glän­zenden Bilde die bekanntesten Persönlichkeiten, die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden, eine große Zahl von Oberbürgermeistern und Bürgermeistern als Vertreter des Deuffchen, Preußischen und Hessischen Städtetags, die Mit­glieder der städtischen Körperschaften, des Lan­desausschusses, den Vertreter der Landcsuni- versttät, den Vorstand des Großen Casseler Bürgervereins, die Vertreter der Presse, die von nah und fern herbeigeeilt waren, und eine große Anzahl weiterer prominenter Persönlichkeiten aus Cassel und Umgebung. Eine festliche Stim­mung ruhte über der Versammlung. Fansaren- Länge ertönten, und geleitet von Oberpräsident Hengstenberg und Oberbürgermeister Dr. Scholz, betrat raschen Schrittes Prinz August Wilhelm von Preußen in großer Uniform den Saal, begrüßte den Kommandie­renden General. Freiherrn von Scheffer-

Boyadel, und nahm sodann zwischen den Vertretern der Fürstlichkeiten vor dem Redner­pult Platz. Ein Doppel-Quartett der Casse­ler Liedertafel unter Leitung von Musik- direttor H a l l w a ch s ließ,, feierlich gedämpft und dann zu Begeisterung auflohend, einen von der Gattin des Dirigenten und von ihm selbst komponierten Weihechor erklingen. Dann be­grüßte Oberbürgermeister Dr. Scholz den Prinzen August Wilhelm als Vertre­ter des Kaisers und die sämtlichen Ehrengäste des Festaktes. In seiner Rede führte

Oberbürgermeister Dr. Scholz

aus: Ein bedeutungsvoller Markstein to der Geschichte der alten Restdenzstadt Cassel ist cs, den wir durch die Feier dieser Tage dem Gedächtnis unserer schnellebigen Zeit ein­prägen wollen. Ein Jahr, in dem wir rück­schauend alten Glanzes uns erfreuen und vorwärtsblickend mutvoll und gettost der Zu­kunft ins Auge sehen wollen. In den tausend Jahren ihres Bestehens hat die Stadt Cassel annähernd den gleichen Werdegang durchge- macht, wie die meisten alten deutschen Städte, denen günstige Umstände es ermöglichten, nicht ausschließlich der Erinnerung zu leben. Aus kleinen Anfängen allmählich er­starkt, war es ihr vergönnt, im Mittelalter als Residenz weitsichtiger, geistvoller, kunst- und prachtliebender Fürsten eine Periode strahletoien Glanzes zu sehen, um die die Mitwelt sie beneiden konnte. Einer Zeit des Rückgangs oder mindestens des Stillstandes folgte wiederum jener gewaltige Auffchwung. den das Prinzip der Selbstverwaltung den deutschen Städten fast allgemein bescherte. Die alte Residenz hat in dieser Zeit k e i n e n Dornröschenschlaf gettäumt; unter dem kraftvollen, friedenwahrenden Zepter der Hohcnzollern, stets unterstützt und geför­dert von wohlwollenden und verstäiwnisvol- len Männern, die die Staatsaufsicht auszu­üben berufen waren, hat sie kräftig gearbeitet, um nicht zurückznbleiben im Wettbewerbe der «modernen deuffchen Großstädte, die als wahre Kulturzentren auf dem Gebiete na­mentlich der Schule, der Wohltätigkett, der Sozialpolittk, der Wissenschaft und Kunst

für die Wett vorbildlich

heute wieder durch Entsendung seines Soh­nes bewiesen hat. Seine Majestät hatte noch im vergangenen Jahre die Gnade, mir gegenüber zu äußern, wie sympathisch ihn bei jedem Besuche der C h a r a k t e r un- ferer Stadt berühre. Ich glaube, daß neben den innigen Beziehungen und Jugend­erinnerungen, die Seine Majestät mit Cassel verbinden, dazu wesentlich beiträgt, ein ge­wisse Parckllelismus zwischen der kraftvollen Persönlichkeit unseres Allerhöchsten Herrn und dem Charatter der Stadt: Hier wie da entschiedene Wahrung der Tradition, pietätvolle Erinnerung an glanzvolle Tage, liebevolles Versenken in die Romantik des Ge­wesenen, gepaatt mit lebhaftem Erfassen aller modernen Errungenschaften und mit kräfti­gem Griff in die reale Welt der Gegenwart! So erhält die unbegrenzte Verehrung des Volkes für seinen Fürsten bei uns eine besonder persönliche Rote und doppelt begei­stert klingt der Ruf, mit dem die tausendjäh­rige Stadt ihrem Landesherrn zu Beginn der festlichen Veranstaltungen huldigt, der Ruf, der tausendfältiges Echo in den Herzen der Bevölkerung wecken wird, der alte Ruf der Treue, in den ich die geehrte Festversammlung einzustimmrn bitte: Seine Majestät, unser Allergnädigstcr Kaiser, König und Herr hoch, hoch, hoch!!!

In das Kaiserhoch stimmte die festliche Ver­sammlung begeistert ein. Alsdann hielt Pro­fessor Dr. Steinhaufen, der Direktor der Murhardt-schen StadtbMiothek, die Festrede zur Tausendjahrfeier. Der Redner ließ den Blick weit zurückschweifen in die älteste Ver­gangenheit Cassels, als die Füfften nicht nur die Herren des Hessenlandes, s ndern gleichzei­tig auch die Leiter der Geschicke der Stadt Cas­sel waren. Fürsten und Bürger trugen mit vereinten Kräften die Stadt zur Höhe einer gewissen Bedeutung empor, aber von :en da­mals geschaffenen Kulturwerten sind nur we- nige erhalten geLlieben. Ein anderes glänzen­des Bild gewann dann Cassel -int»r dem Landgrafen Karl, der, der Typus eines Lihn vorwättsstrebenden Füfften der absslu« tisttschen Zeit, durch Einführung von Handel, Industrie und Gewerbe die Stadt zu. heben suchte. Prächtige Bauten enfftanden in jener Zei: und die Anlage der Karlsaue. Rech mehr als unter Karl hob sich un*:r Landgraf Friedrich die Bedeutung Cassels. Friedrich verstand es, die Aufmerksam! ft der ganzen Welt auf seine Residenzstadt zu lenken und Cassel neue Bahnen der Entwicklung .zuzu­weisen. Dann kam die Jsrömffche Zeit, die für Cassel in materieller Beziehung nicht nnanZe- nehm war, aber für den Patrioten eine schmerz­liche Erinnerung bedeutet. Die Folgezeit der Befreinnqskffege War ausgefüllt durch die Vci- fassungskämpfe. und diese wurden für Cassel wichtig und bedeutsam: Sie ließen das Bür­gertum in seiner Selbständigkeit mehr und mehr hervortreten und kräftigtcn die Selbstverwaltung, nachdem 1866 erneut das Schicksal über Cassel hereingebrochen war. Nicht mehr der spezielle Wille eines Fürsten allein, sondern das Bürgertum selbst bat dann Cassel seine heutige Blüte gebracht. Große, bedeutsame Ausgaben <so schloß Pre- sessor Dr Steinhausen seine Rede» harren noch der Lösung; aber in der Gemeinsamkeit der Ideale, in der Wiege alter vornehmer Tradi- fonen und modernen Geistes wird Cassel das Erbe der alten Landgrafen m Ehren halten..!

geworden find. Es ist wohl kein Zufall, daß es der größte Dichter und Deuker Deutsch­lands war, der in seinem gewaltigsten, fa übermenschlichen Werke seinen Faust die Krö-1 nung des Lebenswerkes, denhöchsten Augen, blick" in der effolgreichen Durchführung jener inneren und äußeren Kolonisierung finden läßt, die den Zielen moderne« Städtebaues, moderner Städtevcrwaltung zum Verwechseln ähnlich fleht. In dieser erneuten Blütezeit des Städtewesens steht unsere tausendjährige Chassala nicht in zitternder Greisenhaftigkeit, sondern in schwellender, zukuustsftoher Ju- gendkrast da, der besonderen Huld ihres- ujoS sich erfreuend, die Seiue Majestät auck

Taus end Jahre Caffel

Der heutige offizielle Festakt zur Jahrtausendfeier der Restdenzstadt Cassel im Caffeler Rathaus.

Der Schluß des Festakts.

Oberbürgermeister Dr. S ch o l z gab sodann eine große Zahl Stiftungen und Ge­schenke aus Anlaß der Tausendiahrseier be- kann, die wir an anderer Stelle Mitteilen. Dr. Scholz verstand mit dieser Bekanntgabe den Ausdruck des Dankes der Stadt an die Spen­der. Noch einmal sang das Doppel-Quartett SchillersHeilige Ordnung" aus demLied von der Glocke', von Musikdirektor Hall­wachs vettont, dann war der Festakt voffiber. Prinz A u g u st W i l b e l m zog noch Professor Dr. Steinhaufen in ein Gespräch und verließ dann mit dem Kommandierenden General und den Spitzen der Behörden den Festsaal. Im Anschluß an den Festakt bot sodann die Stadt Cassel ihren Gästen im Ratbaus ein Frühstück, an dem auch Prinz August Wilhelm teilnahm. Nach Aufhebung der Tafel bei der Oberbür­germeister Dr. Scholz die Houueurs machte, begab sich der Prinz im Automobil zurück zur Billa des Prinzen SReufi,

begann!

Die Aufführung des Festspiels.

Das Festspiel1385', Bennos von Francken greift mit glücklichem Instinkt in eine Epoche unserer hessischen Geschichte, die mächtig erfüllt ist von echt dramatischem Leben. Steht doch Cassel unter der Regierung des Landgrasen Hermann an einem bedeutsamen Wendepunkt: Sowohl für Geschichte und Ge- chicke der Stadt wie für Entwicklung und Ge­ialtung des gesamten Staatswesens. Der po­litische Kampf jener Zeit, der sich in Cassel und ganz Niederhessen abspielt, führt letzthin auf einen sozialeuKlassenlampf zurück, der uns in der gesamten abendländischen Geschichte begegnet. Freilich: Ueberall mit ganz verschiedenem Er- olge. In Hessen heißt es: Hie Stadt und Ge- chlechterregiment, das den $8Uten zur Macht hat, weil es zur freien Städterepublik strebt; hie Landgraf Hermann, der die weltgeschichtli­che Tat vollbffngt, Stände und Ritterschaft nie. derzuschlagen, die beide wider den Stachel löcken. Er tut dies im Interesse seines Hauses, der Brabantiner, aber er legt zugleich die Ge­leise für eine jahrhundertelange Kulturentwick- lung. Hermann löscht das stolze Bürgerphan­tasma der Städterepublik für alle Zeit aus und richtet den Territorialstaat auf, gleich einem rocher de bronce. Cassel wird Fürstenstadt. Seine Geschichte, die in künstlerischen Taten gip­felt, ist Fürstengeschichte geworden. Bleibt noch die neugierig-interessante Kindertage: Wie würde sich aber die Geschichte Cassels und Hes­sens gestaltet haben, wenn ...?! Die drama­tisch erregte Zeit Hermanns zum Hinter­grund eines Festspiels zu wählen, daran hat der Dichter Recht getan. Mit interessanter Schlagkraft werden die Kämpfe ins Licht ge­rückt, die der Landgraf mit den niederhessischen Städteschasien fühtte. deren Mittelpunkt

die Caffeler Bürgerschaft

bildet Der Füfft hat den deutschen Städte« jenes berühmte Ungeld auferlegt, das die Bürger als zu doch und widerrechüch emp­fanden: So ist offener Widerspruch gegen ibn ausgebrochen. Vor allem in Cassel wächst vie Gärung, da Hermanns Gewaltakt die Städte- veffaffung aufhob, um sich selbst zum Stadt- Herrn, zum alleinigen Gebieter und feinen Wil­len zum obersten Gesetz zu machen. Dazu hat sich der Quäde von Braunschweig in den Han­del geschlagen, um Cassels Bürger in feinen Netzen zu betören; weiter hinten stehen Thü­ringen und das Erzbistum Mainz mit ihren Absichten, wenn das güldene Fell des Löwen zerschnitten werden soll. Aber ich darf den In­halt des Festspiels als bekannt voraussctzffl. Es bleibt mir nur, meine Eindrücke nach der Erstaufführung mit wenigen Worten zu fixieren. Und da mutz ich sagen, daß ich das Festspiel für einen recht guten Wurf halte. Un­begreiflich deucki mir der Glaube, daß die Bür­ger eine klägliche Rolle spielten. Mit Nichten. Die Bürger sind in ihrer historischen Stellung gut gefaßt. Wenn sie bandeln, so handeln sie im Interesse einer selbstbewußten Bürgerge. meinschaft, die aber am Ende, genau wie di« Ritterschaft, die innerpolitischeu Kämpfe zum Schweigen bringt, wenn es das Wohl und di« Ehre des hessischen Gesamtvaterlandcs gebietet. Und das scheint mir gerade das Gute, daß

war. vefflärt die tausend Jahre Sn« gangenbeit mit dem Glorienschein deutscher Größe, mag selbst Cassels Schicksal 'm wuchtigen Gefüge deutscher Volksgeschicht« in zehn Jahrhunderten nur ein Bild im engem Rahmen bedeuten. Die Vergangenheit spricht zu uns in den Regungen der Gegenwart; sie weist uns auch die Wege zur Zukunft, und die ideale Tradition freuen Bürgersinns, die aus tausend Jahren geschichtlicher Entwicklung in die Jubiläumstage hinüberstrahlt, soll uns, als den Enkeln der Ahnen, Leitstern und Richt­schnur eignen Strebens sein.

Es ist histoffsche, schicksal-geweihte Erde, über die heut der Glockengruß des Ju­belfestes hallt; ein Stück deutscher Geschichte hat in Caffels Mauern feine Vollendung er­fahren, und die tausend Jahre, die jetzt sich runden, sahen den bunten Wechsel von Freud und Leid in seinen hastigsten Wendungen. Der Hauch der Vergangenheit umfächelt die Flag­gen- und Girlandenzier; aus tausend Jahren Casseler Stadtgeschichte tauchen vor unferm Auge die markigen Gestalten Derer auf, die vor uns auf dieser Erde gewandelt, die ihre ganze Kraft Heimat und Vaterstadt gewidmet und Chassalas Namen weit hinausgetragen in alle Lande. Ihrer in froher Feierstunde dank­bar zu gedenken, ist Enkel-Pflicht; ihnen nach­zueifern im hohen Streben für Stadt und Herd Gebot der Treue! So lanZe die Mauern die­ser Stadt stehen, so lange Menschen in ihr Zu­flucht und Heimat sanden, sah Cassel keinen Tag, der s o wuchtig und imposant, s o all- umsassend und all-umschlingend Heimatliebe und Hessentreue sonnbestrahlt in stolzer Offen­barung einte, wie die Jahrtausend-Wende, de­ren Weihfftimden ans allen Ländern der Erde die Heimatliebe zur Stadt der tausend Jahre rief! Eine einz'ge große Gemeinde, die die Liebe zur Hennat und die Treue des Hes­senherzens eint, schaff sich heut um Chassalas Panier, und wenn aus Turmeshöhen der Jubelgruß an's neue Jahrtausend wie ein ehern Gebff der Voffehung durch die Lande Hingt, werden unser Aller Herzen von dem einen Gedanken, der einen Hoffnung be­wegt sein:

Glück und Segen in» ueueu Jahrtausend!

ZubilöüMS-FeWiel.

Die gestrige Aufführung des Festspiels don Benno v. Franken:1385" in der Stadhalle.

Die Tausendjahrfeier nahm gestern abend, als die Dunkelheit hereinbrach, mit großer Fei­erlichkeit in der Stadt Halle ihren Anfang. Längs der Hohenzollernstraße loderten aus den Laternen die Flammen frei und flackernd als Ruhmesfackeln für das Fest der Heimat und beleuchtete die überfüllten Straßenbahnwagen, glänzende Autos und elegante Gefährte, die in unendlicher Reihe folgten. Die Fenster der Stadt­halle waren hell erleuchtet und durch die weit- geöffneten Pforten drängten die Tausende, die der ersten Veranstaltung in der Stadthalle bei­zuwohnen gedachten. Die großzügige Anlage der Garderoben bewährte sich gestern glänzend. Bald war der riesig große Saal bis auf den letzten Platz von einer festlick gestimmten Men­ge besetzt, die mit Interesse den neuen Festsaal n Augenschein nahm. Noch war alles roter Backstein und nur wenig verdeckte die Dekora­tion das Halbfeffige. Als eine der ersten Fest- gäfte erschien mit ihrer Hofdame Prinzes- in Reuß, die rasch einen Kreis von Singe» tätigen der ersten Gesellschaftsklassen um sich ammelte. So sah man den Kommandierenden Seneral Freiherr von Scheffer-Boya­del, fast die gesamte hiesige Generalität, die Kommandeure der Casseler Truppenteile und viele hohe Offiziere, die Spitzen der staatlichen Behörden, Intendant Graf von Bhlandt- R h e y d, Oberbürgermeister Müller, das frühere Casseler Stadtoberhaupt, Oberbürger­meister Dr. Scholz, und den tünftigen Lenker der Casseler Geschicke, Stadtdirettor Koch. Die Mitglieder der städtischen Körperschaften warm nahezu vollzählig versammelt. Kein Name, der in Cassel guten Klang besitzt, fehlte in der Schar der Festgäste. Bald nach sieben Uhr er­klangen Fanfarenflänge und der Vorhang ging zur Seite. Das Festspiel der Tausendjahrfeier

3. Jahrgang, im 1.1 .........»1