Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
3. Jahrgang.
Sonnabend, 27. September 1913
Fernsprecher 951 und 952.
Nummer 249.
Fernsprecher 951 und 952.
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Sie Blutrache am Ballan.
Serbische Grausamkeiten, albanische Rache.
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trägt sich schon feit längerer Zeit mit dem Gedanken, eine Reise nach den afrikanischen Kolonien zu unernehmen. Schon auf bei Indien- Reise war dieser Plan erwogen worden, die Ausführung mußte aber damals unterbleiben. Die Reife fall nun im nächsten Frühjahr bestimmt stattfinden. Wahrscheinlich wird der Kronprinz zunächst über den Balkan und Aegypten Ostafrika besuchen und dann Südafrika. Die Kronprinzessin nimmt an der Reise ebenfalls teil.
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hat ergeben, daß der Unfall lediglich auf bl» mangelhafte Organisation und bje Ueberarbeitung bet Angestellten zurück* zuführen ist. . Die verantwortlichen Personen werden sämtlich zur Rechenschaft gezogen werden.
Das kommende Luft-Recht.
Wie uns aus Berlin berichtet wird, dürste eine der ersten Vorlagen, die dem Bundesrat zu Beginn des nächsten Monats zugehen wcrden, das Gesetz zur Regelung des Verkehrs mit Luftfahrzeugen fein, das den Namen „Luftrecht-Gesetz" führen wird. Der Entwurf ist inzwischen im Reichsamt des Innern fertiggestellt worden und soll im kommenden Winter an den Reichstag gelangen. Das Gesetz wird eine Regelung des Verkehrs mit Luftfahrzeugen herbeisühren und dazu ge- wisse verkehrspoliz etliche und gewerbepolizei- liche Vorschriften erlassen. Außerdem ist die Regelung dcr Haftpflicht in den Gesetzentwurf einbezogen.
Seit 1908 ist bereits das Parzellierungsgesetz in Aussicht gestellt, ohne daß eine Verabschiedung bischer gelungen wäre. Das Grundbesitz-Befesti- gungsgesetz soll in der Hauptsache der
MinWrrat in Berlin!
Vor wichtigen Entscheidungen in Preußen.
(Privat-Telegram m.)
Berlin, 26. September-
Amerikanischer biseubahn-Zkandal.
Das Eiso: bah«-Drama von Rewhaven.
Newyork, 26. September. (Privat - T elegramm.) Die Untersuchung anläßlich des Eisen -ahnunsalles von Rewhaven in der Nähe von Newyork, bei dem am zweiten September zwetundzwanzig Personen getötet und fünfundsiebzia verletzt wurden,
Sie Frisco-Sphinx.
Deutschland und die San Franzisko^Weltaus- ’ Peilung; haben wir in Amerika Ehancen, vo« (
Dt. jor. Hanns von Bleichröder.
Da» in »er tragischen Afföre der Prinzessin ( Sofia von Weimar vielgenannte Mitglied , der alten Hochfinanzfamilie BleithrSder, die infolge ihrer anSgedehnten Beziehnngen ' zur tu* und ausländischen Industrie einen be- , sonderen Einblick in wirtschaftliche Möglichkeiten hat, Sntzert sich hier über ein Problem, da» jetzt vielfach diSkntiert wird, anf Grund eigener amerikanischer Erfahrungen. Was Dr. vonBleichröder über unsere diplomatische und handelspolitische Vertretung im Au»lande sagt, ist anläßlich de« Falle» Schrieben von besonderem Interesse.
Für oder gegen San Francisco: Das ist jetzt die Frage. Ich möchte gleich sagen, daß ich entschieden auf dem Standpunkt stehe, Deutschland muß sich an der Weltausstellung in San Francisco beteiligen. Von den Gegnern der Beteiligung wird der Einwand erhoben, die Beteiligung sei für uns nicht besonders nützlich, da doch in Amerika für uns »nicht mehr allzu viel zu holen" sei. Das ist der törichtste Einwand, der sich denken läßt. Drüben sind für uns gewaltige Absatzquellen zu erschließen, nur muß man unter „Amerika" nicht bloß die Vereinigten Staaten verstehen wollen. Die haben ihre eigne starke Produktion, der sich von unsrer Seite natürlich nur in Einzel- sällen Konkurrenz machen läßt. Aber Mittel- und Südamerika sowie Mexiko und C a n a d a: Was bieten sich da noch für Möglichkeiten! Die Allermeisten, die jetzt unsre Beteiligung an der Weltausstellung in San Francisco mit der Motivierung ablehnen, Amerika biete für uns nur geringe kommerzielle Interessen, kennen eben nur die Bereinigten Staaten und nicht die anderen Länder der neuen Welt. Grade die aber werden sämtlich ihre Vertreter nach San Francisco schicken. Was sie dort sehn, wird für ihre künftigen Bestellungen und Aufträge maßgebend sein und der Schaden, der uns angesichts dieser Umstände im Falle unsrer Nichtbeteiligung erwächst, ist kaum wieder gut zu machen.
Infolge der ungeheuren Propaganda, die in ganz Amerika für die Ausstellung gemacht wird, und infolge der Verkehrserleichterungen, die für ihre Besucher getroffen werden (Entfernungen spielen ja drüben keine Rolle) wird die ganze amerikanische Welt in San Francisco zusammenströmen. Das Riesenheer der Konsumenten wird sich versammeln, bereit, Eindrücke zu empfangen und zu bewahren! Wir mögen sonst so viel Propaganda für die deutsche Industrie in Amerika machen, wie wir wollen: Wenn wir diese glänzende und in absehbarer Zeit nicht wiederkehrende Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne unfern fast wichtigsten Exportländern fo nahe als möglich ad ocules zu demonstrieren, was wir leisten, dann haben wir eine Konkurrenzschlacht verloren. Denn die Andern, unsere Rivalen, die werden da sein. Namentlich die Vereinigten Staaten von Amerika selber, die auf dem Wirtschastsmarkt der nicht-unioniftischen Länder (um den in Sau Francisco am heißesten gefochten werden wird) mit uns in schärfstem Wettbewerb stehen! Und wir haben doch auch wirllich genug zu zeigen. Ich denke zum Beispiel nur an unser Kunst- g e w e r be ! Was es bieten kann, steht s o hoch über den amerikanischen Produkten auf diesem Gebiet und ist im Verhältnis zu den sonst im Umkreis des Panamakanals geforderten Preisen fo billig, daß es fast ein Spiel sein müßte, uns für diesen Artikel den Markt ganz zu erobern. So sehr der wirkliche Kenner der Verhältnisse das Argument belächeln muß, daß „in Amerika für uns nicht viel zu holen ist", ebensowenig wird er auch die vielfach (zum Teil sogar von unfern Konsulat-Vertretern) geäußerten Besorgnisse teilen, daß die Weltausstellung von San Francisco benutzt werden könnte, um ünS zu „bestehlen", um unsre Muster und Patente nachzuahmen.
Auch das ist nicht tragisch zu nehmen, denn die Vertreter unsrer Diplomatie im Ausland und viele unsrer Konsuln sind oft meilenweit entfernt vom Verständnis der Dinge, das sie im Interesse unsers Handels und unsrer Industrie besitzen sollten. Ein Einwand wie der vom „Diebstahl unsers geistigen Eigentums" sieht ihnen recht ähnlich. Wie ich höre, hat schon Cornelius Gurlitt darauf die treffende Antwort gegeben: „Wenn die Amerikaner Das wollen, warten sie nicht erst, bis wir zu ihnen kommen. Man kann vielmehr überzeugt sein, daß sie von jeher verstanden haben, unsre Patente und Neuerfindungen so schnell als möglich kennen zu lernen und für sich auszunutzen. Bei dem heutigen enormen Tempo, in dem die moderne Teckmik sich ent»
Die Koionialfahrt des Kronprinzen.
Die Reise findet im Frühjahr statt!
Berlin, 26. September. (Privat-Telegram tu.) lieber die beabsichtigte Kolonialreife des Kronprinzen ver- L'-cot .-Ti unterrichtetet Stelle: Der Kronprinz
Belgrad- 26. September-
20000 Albaner befinden sich ans dem Vormarsch nach Elbaffan «nd Strnga. 2000 bulgarische Komitatschis haben fich ihnen angeschlosse«. Die Serben stellen ihnen viele Truppen entgegen. Man erwartet für morgen den Be. ginn des Kampfes.
Belgrad, 26. September.
Die Serben schlugen eine» große» Tc.rpp Albaner bei Gostivar zurück und Verhinderten einen Angriff auf das Ja- magebirge. 25000 Albaner griffen Dja- kowiha an. Sie wurden «ach zweitä- gigemKamPfzurückgeschlage«. Viele Tote blieben auf dem Kampfplatz.
Belgrad, 26. September-
Die Zahl der Albaner- die gegen die Serben ziehen- wächst lawinenartig an. Zn dem kleine« Städtchen Galitschick kam es zu einem heftigen Zusammenstoß. Bei Matzarewok kam es gestern zu einem blutige« Kampf, der uoch ««dauert.
Ein Privattelegtamm aus Wien berichtet uns: Die Albanische Korrespondenz teilt mit, daß der Kampf «egen die Serben nur von den Bewohnern d er Gebiete geführt werde, die von den Serben besetzt gehallten worden sind. Häuptlinge aus Hasivo und Kra- nici erzählen, der Ausstand fei durch die Gewalttätigkeiten der Serben hervor- gerufen worden. Diese hätten bie Bewohner des Dorfes Fachaj entwaffnen wollen. Als diele sich weigerten, wurde bas ganze Dor f Vern ich t e t. Dreiundsiebzig Personen (darunter Frauen und Kinder) wurden in em Haus eingesperrt und lebendig verbrannt Mehrere andere Dörfer wurden ebenfalls zerstört.
gleite Siege ■bet Albaner!
Wien, 26. Septtmber. (Privat-Tele- gramm.) Nach den heute mittags hier vorliegenden Meldungen haben die Albane g stern Galitschnik genommen. Kttfchewo, Gostivar und Kalkandele« sind von Flüchtlingen überfüllt. Wie unbestätigt verlautet, sollen auch Struga und Ochrida in den Händen bet Albaner sein. Die Albaner nahmen Galitschnik «ach erbittertem Kampf mit starken serbischen Ttuppenabteilungen. Am Dienstag haben albanische Abteilungen Djakovitza angegriffen, wurden aber zurück geworfen.
Am Vorabend des neuen Krieges?
Saloniki, 26. September. (Privat- Telegramm.) Es steht fest, daß die Türkei sofort nach dem Bukarester Frieden alle waffenfähigen Leute vom 19. bis 29. Lebensjahre unter die Fahnen gerufen und allenthalben selbst die Reservisten der ältesten Jah- resklaffen cingezogcn hat. Diese Tatsache, im Zusammenhang mit der ander«, daß man emc größere Anzahl türkischer Soldaten verkleidet und wohlbewaffnet durch Thrazien ziehen sah, gibt zu der Befürchtung Anlaß, daß neue kriegerische Ereignisse im Orient bevorstehen.
wickelt, sind kaum die ersten Maschinen «ach einem neuen Patent gebaut, und es ist schon verbessert, überholt, wertlos. So streng bas Patentgesetz ist, wer will, kann es umgehn... !"Der Einwanb also, ein Ausstellen unsrer Jndustrie- erzeugnisse würbe ben „Anbern" Gelegenheit geben, uns unsre Tricks abzugucken, kann nur von Leuten vorgebracht werden, die die Entwicklung der Industrie vom Schreibtisch aus verfolgen. Ich glaube nicht, daß er tüchtige Kaufleute, die sich in der Welt umgesehen haben, und wissen, wie es auf dem Weltmarkt zugeht, ernhaft schrecken kann. Und wer ben Weltmarkt kennt, ber weiß auch, daß die Ausstellung von San Francisco eins seiner wichtigsten Schaufenster sein wird, und wenn unsre Konkurrenten ausstellen, dürfen wir, wenn wir uns nicht schweren Schaden zufügen wollen, nicht unsichtbar bleiben und nicht veräMtt abseits am Wege steh'». . .!
Das preußische Staatsministerium wird in der ersten Oktoberwoche zusammentreten, um in einer Reihe von wichtigen gesetzgeberischen Fragen Entscheidungen zu treffen. In erster Linie handelt es sich dabei um die Einbe-
Die Kämpfe au der serbisch-albanischen Grenze dauern fort. Die Nachrichten über die Einnahme von Sakowa und den Angriff aus Prizrend sind zwar bisher nicht bestätigt worden, es ist aber zweifellos, daß die Albanesen weiter vorzubringen suchen, wenn auch vorerst nur in dem Gebiet, das von der Grenzkommission in London als albanesisch bezeichnet worden ist. Von albanischer Seite wird die " :gung damit motiviert, daß die serbische Grenzbesatzung Grausamkeiten an der albanischen Einwohnerschaft verübt, Dörfer niedergebrannt und die Einwohner in ber grausamsten Weise abgeschlachtet habe. lieber die letzten Kämpfe liegen uns heute folgende Draht-Meldungen vor:
Exzellenz Semiurg. Drei Jahre «ach Bernhard Dornburgs Rück' tritt; Dernbnrg als Mensch «nd Finanzier.
Als Fürst Bülow noch nicht einmal Graf und kaum Staatssekretär des Auswärtigen war, suchte er schon in ben Hansastädten einen tüchtigen Kolonialbirektor. Ein hochangesehener Hamburger Kaufmann antwortete ihm dazumal auf die Frage, ob er ben aussichtsreichen Posten nicht annehmen wolle, mit bet trockenen Gegenfrage: „Am Vormittag verdiene ich ein tüchtiges Stück Geld an der Börse, des Nachmittags sahre ich mit zwei schönen Füchsen nach meinem Landhause, und das soll ich mit der Schinderei und Ausregung in ber Berliner Wilhelmstraße vertauschen? Exzellenz, können Sie mir mit gutem Gewissen dazu raten?" Bernhard von Bülow konnte es nicht, und nachdem er sich noch einige Refüs geholt hatte, gab er das Amt wieder einem gelernten Bureaukraten Acht Jahre darauf machte et dem Generaldirektor des Norddeutschen Lloyd einen Antrag, und auch Herr Wiegand (et ist vor drei Jahren gestorben) lehnte ab. Auch der damalige Leiter ber Dresdner Bank, bet Geheime Oberfinanzrat Müller, bankte für die Ehre, unb fo würbe bie Stellung in bet Berliner Haute finance geradezu öffentlich ausgeboten, mit der Versicherung, baß ber Kolonialbirektor (ber eine „Nachgeordnete Stelle" des Staatssekretärs war) demnächst selbst Staatssekretär und nut dem Reichskanzler unterstellt werden solle. Bernhard Dem- burg hörte davon und meldete sich bei Herr« von Loebell, Bülows Unterstaatssekretär; Äeth- mann Hollwegs Vorgänger bat den.Bank«! zu sich und über eine Weile wurden sie handelseinig. So verwandelte sich im September 1906
der Bankgewaltige Dernbnrg in den Direktor der Kolonialbateilung des Auswärtigen Amtes mit dem Titel eines Wirklichen Geheimen Rates. Der damals Zweiund- vierzigjährige besaß ein Vermögen von drei bis vier Millionen und konnte es sich darum leisten, für achtunddreißig ergiebige AufsichtLratsposten eine schlecht bezahlte Position beim Deutschen Reich anzunehmen. Keine vier Jahre ist Bernhard Dernbnrg Staatssekretär gewesen, aber in dieser kurzen Spanne Zeit hat et so Großes vollbracht, daß sich bie deutsche Öffentlichkeit heute noch (drei Fähre nach seinem Rücktritt) nicht nur mit seinem lebendigen Werk, sondern auch mit dem Mann unausgesetzt beschäftigt. Vor Deruburg huldigten die meisten Deutschen (sogar Fürst Bismarck) ber Meinung, Kolonien seien nichts weiter, als ein burchaus unrentabler, meist höchst kostspieliger Aufputz für eine Großmacht. Seit Dernbnrg hat eine zielbewußte Kolonialpolitik im deutschen Volk ,mit Recht noch mehr Freunde, als sie früher Feinde hatte. Heute ist bie Ueberzeugung verbreitet, daß eine auffteigenbe Nation, bie sich noch immer vermehrt, Kolonien aus volkswirtschaftlichen Gründen nicht entbehren kann, weil ein kräftiges Land mit fünfundsechzig Millionen Bewohnern unbedingt ein Neuland braucht, das die sichere Aussicht bietet, der heimischen Industrie ein leistungsfähiger Lieferant und Abnehmer zu werden. Nur durch Dernburgs Bemühungen hat sich das deutsche Großkapital bereit gefunden, in ben Kolonien zu arbeiten und in die deutsch-afrikanischen Dinge einen größeren Zug zu bringen. Ehe er ging, hat Deruburg dem Reichstag im Prinzip
die Zenttalbah« abgettotz«, die jetzt in Ostafrika gebaut wird, unb biefe Bahn gibt Menschen- unb Bodenkräften, die lauge brach liegen mußten, die Möglichkeit, neue, unerhörte Kräfte zu schaffen. Die deutschen Kolonien werden durch Dernburgs kraftvolle Initiative in einer nicht zu fernen Zeit zu einer wahren Geldquelle für das Reich werden, unb darum ist es sehr wahrscheinlich, daß ber amtlich scheintote Deruburg eines Mot- geus zu einem neuen Ministerdasein erwacht. Kaiser Wilhelm ist freilich bem ersten Staatssekretär der Kolonien außerordentlich böse gewesen, weil sich Deruburg in all feiner rücksichtslosen Unbekümmertheit ganz laut von dem Kabinett Bethmaun losgesagt hatte. Aber ebenso gewiß ist es, daß sich Herr von Bethmaun Hollweg in diesem Jahr wiederholt bet Vermittlung Dernburgs ßebient hat, wenn er da unb dort Mißverständnisse aufzuklären wünschte, unb ebenso steht es fest, daß sich Deruburg der aufrichtigen Freundschaft von Al b e r t Ballin und der beiden R a t h e • nau erfreut, die bekanntlich nicht ohne Einfluß auf ben Deutschen Kaiser siub. Dazu kommt uoch, daß sich die Versöhnlichkeit des Kaisers mit ben Jahren steigert. Dernburgs Eltern haben es sich nicht träumen lassen, : daß es ihrem Zweitgeborenen beschieben sei» würde, in der Lotterie des Lebens ein so gro- : ßes Los zu ziehen. Um sich und ihn vor den = wahrscheinlichen Enttäuschungen eines akademi- i scheu Berufes zu bewahren, nahmen sie den , physisch unb psychisch ausgezeichnet entwickelten
rufung des preußischen Lanbtags. Sie erfolgte in den letzten Jahren regelmäßig erst im Januar. Dadurch entstanden aber erhebliche Schwierigkeiten in Bezug aus die rechtzeitige Fertigstellung des Etats unb die Aufarbeitung ber vorliegenden Gesetzentwürfe. Infolgedessen hat das Plenum des preußischen Abgeordnetenhauses im letzten Winter noch einmütig ben Wunsch geäußert, ber Einberufungstermin möge in Zukunft früher gelegt werden. Der Einwand, daß die Vorbi retiungen ber Regierung für den Etat im Herbst noch rückständig seien, ist diesmal hinfällig Eine Reihe wichtiger Gefetze liegt nämlich noch aus der letzten Legislaturperiode des vorigen Landtags unvollendet vor und könnte fo- fort in Angriff genommen werden, ehe die Etatsberatung beginnt. In dieser Hinsicht drängen besonders die Gesetzentwürfe betreffend die Güterparzellierung unb bie Grund- " ' feftigung in ben Ostprovinzeu.
ist bereits bas Parzellierungsgesetz in
Unterstützung des Deutschtums
in ben Ostprovinzeu bienen unb wird des- wegen von allen Befürwortern ber gegenwärtigen preußischen Polenvolitik unbebingt erwartet. Beide Gesetze würden auch sicher schon vom vorigen Landtag fertiggestellt worden fein, wenn sie nicht neben ben parteilpolitischen noch weitgehende technische Schwierigkeiten zu pas- sieven gehabt hätten. Eben darum ist ihre Verabschiedung in ber bevorstehenden ersten Session des neuen Landtages nur bann möglich unb gesichert, wenn die Einberufung bereits im Oktober erfolgt. Neben ber Terminfrage für ben preußischen Landtag wirb sich die bevorstehende Tagung des preußischen Staatsnnm- steriums auch mit der Regelung ber braun« schwe i gischen Thronfolge frage beschäftigen müssen. Der Bundesrat hat ange- künbigt, daß er bie Angelegenheit in den ernten Oktobertagen zum Gegenstand einer Beratung machen will. Bis dahin muß der preußische Antrag vorliegen, ber bekanntlich auf bie Einsetzung des kaiserlichen Schwiegersohnes als Herzog von Braunschweig hinaus- laufen wird. Die staatsrechtliche Begründung dieses Antrages ist allerdings nicht ganz leicht, und man darf gespannt darauf fern, wie Herr von Bethrnann Hollwog des „Braunschweiger Rätsels" Lösung finden wird.