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Weier Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nunnner 247.

3. Zshrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952. Donnerstag, 25. September 1913.

Konsul öchliebe«.

Austritt Schliebsns aus dem Reichsdienst; Schlieben gründet eine Agentur-Kanzlei.

Wie«nS Depeschen ans Belgrad melden, hat der dortige deutsche Konsul Dr. Schlic­hen, der infolge BorgehenS ber Wiener Re­gierung von seinem Posten adbcrufcn und nach Quito (Ecuador) strafversetzt werde« sollte, sein Abschiedsgesuch eingereicht. Sterz« wurde er veranlatzt durch die unge­wöhnlich« Art, in der man mit ihm von Ber­lin verfuhr, insbesondere auch dadurch, datz sein Nachfolger, «onsul von Sstmann, ziem­lich unerwartet bei ihm erschien und von ihm Bie sofortige Uebergabe der Konsulats, geschäste forderte. Die Angelegenheit erregt in Belgrad ungeheures Aufsehen. Schlichen errichtet in Belgrad eine Agentur - Kanzlei.

Daß es so kommen werde, war vorauszu- fehen. Als ob wir im Reich des Herrn Gottlieb von Iagow derart mit Köpfen nnd Männern gesegnet seien, daß wir uns den Luxus gestatten könnten, e'-nmal einen als tüchtig und tatkräftig Erprobten in die Wild­nis von Ecuador zu verbannen, wo er seine Kraft nnd Energie an ber Sänftigung pascha­launiger Präsidenten und aus der Cowboy- Romantik zur Exzellenzenhöhe emporgcstieaner Mestizen erproben darf! Die Affäre Schlie- ben, Über die unsre offiziösen Moniteure so be­harrlich schweigen wie über ein siebenfach ge­siegeltes Geheimnis der Wilhelmstraße, sie ist ein Attentat auf Vernunft und Erkenntnis, eine Sünde wider das natürliche Rechtsempfinden und eine jagowisch angekränkelte Verbeugung vor Oesterreich, zu der wir weder Anlaß noch Grund hatten. Wie war's doch gleich? Konsul Schlieben hat sich in jahrelanger erfolgreicher Tätigkeit in der schwülen Luft von Belgrad mit rühmlichem Eifer um die Förderung der deutschen Handels- und Wirtschafts-Interessen im Reich des schwarzen Perer bemüht, hat's erreicht, daß die kommerziellen Beziehungen zwischen der deutschen Heimat und dem Ser­benland sich festigten nnd der deutsche Handel auf serbischer Erde sein Absatzgebiet beträcht­lich erweitern konnte, und blieb auch in den Tagen der Balkankrise, (da man in Wien streitbar mit dem Säbel rasselte und von der Donau her gen Belgrad das wilde Kriegsgc- schrei der Wiener Ballplatz-Recken dröhnte) der sorgliche Wächter deutscher Interessen, der em­sige Friedensarbeit im Dienst der nationalen Weltwirtschaft durch die Kabalen balkanischer Kriegs- und Kulisienpolitik nicht stören ließ. Herr von Ugron, der an des Serbenpcters Hof die Geschäfte Oesterreich-Ungarns führt, sieht's mit Jng-mim, erkennt in der kühlen Verstandspolitik des deutschen Konsuls sträfli­chen Frevel am legcndcn-umwobnen Geist der Nibelungentreue und erwirkt beim hohen Chef in Wien Intervention. Die erfolgt (prompter, als Weaner Gemütlichkeit es sonst beliebt), und in der Wilhelmstraße in Berlin schwillt die Zornesader der Erzellenzen-Stirn. Der Bann­strahl Gottlieb Iagows zuckt: Verbannung nach Quito; Urwald-Idyll in Ecuador! Finish!

Einen Mann, der rechtschaffne Arbeit ge­leistet, brav seine Pflicht erfüllt und dem Va­terland unter schwierigen Verhältnissen Nut­zen geworben hat. schickt man nicht nach Quito- Tobolsk, opfert ihn nicht einem Märchcnwahn (dessen Truggesahr unterdessen auch einem schwachen Auge sichtbar geworden sein dürste) und läßt sich von kleinlicher Verärge­rung nicht bestimmen, deutsche Energie und deutsche Männerart vor der Slavenwelt an­zuprangern. In Belgrad pfcifen's die Spatzen von den Dächern, daß der Konsul Schlieben mit dem Bann der Berliner Wilhelmstraße be­legt wurde, weil Exzellenz Gottlieb von Ja- gow das Stirnrunzeln des Wiener Kollegen Berchtold peinlich war, und in serbischen Mi- nisterstuben wird mit verständnisinnigem Augenzwinkern erzählt, daß der Konsul des Deutschen Reichs deshalb in Ungnade fiel, weil er zu emsig und zu wacker seine Pflicht getan. Seine Pflicht: Die (als Konsul) darin bestand, die Intereffen des Deutschen Reichs in allen den Amtsbetrieb des Konkuls berühren­den Fragen tatkräftigst wahrzunehmen und Handel und Industrie, die in Serbien wirt- schastlich intereffiert sind, ein gewissenhaster und energischer Förderer zu sein. So will's hie Dienstverpflichtung, deren Erfüllung der Konsul mit der Diensteid-Leistung übernom­men. Konsul Schlieben hat's nicht nur ge­wollt: Er hat's auch getan, hat die ganze Kraft einer starken und temperamentvollen Persönlichkeit an die Erstrebung wichtiger Ziele gesetzt, und sieht nun, daß man in Berlin eines Konsuls Verdienst nach andern Regeln schätzt. Daß er die Urwald-Mission nach Ecuador höflich, aber entschieden in die wohlgepflegten Hände des Herrn von Iagow zurückgeben werde, war als selbstverständlich zu betrachten, ist wohl auch in Berlin bei der

Kalkulation des Effekts derMaßregelung" klug berücksichtigt worden, und unser Auswär­tiges Amt erlebt also die Freude, einen der b e st e n K ö p f e des deutschen Konsulats­dienstes, der in Belgrad den Lärmtrompetern von Wien unbequem geworden war, verbittert ans dem Amt scheiden zu sehen, weil er ... seine Pflicht getan!

Man Weitz: Die Organisation unsres Kon­sulatswesens grenzt so ungefähr an eine Tragikomödie, und Handel und Industrie stnd's, die diese Tragikomödie in ihren wirt­schaftlichen Wirkungen als eine verhängnis­volle Misere empfindlich zu spüren haben. Die Stellung eines deutschen Konsuls im Aus­land ist meist nur eine Etappe auf dem Weg zum eigentlichen diplomatischen Dienst, und schon aus diesem Grunde fehlt in der Orga­nisation des Konsulatwesens die erforderliche Stabilität. Es ist keine Seltenheit, daß ein Konsul in zwei oder drei Jahren auch zwei oder drei verschiedne Posten auf der östlichen und westlichen Erdhälfte verwaltet; der Kon­sul übt seine Tätigkeit gewiffermaßenim Um» Verziehen" aus, und es kann also nicht Wun­dern, wenn unter diesen Umständen sich Miß­verhältnisse herausbilden, die mitunter- an's Ko­mische grenzen. Es ist erwiesen, daß deutsche Ausland-Konsuly in einem Lande tätig wa­ren, dessen Sprache ihnen so fremd war wie das Idiom der Patagonier: Trotzdem er­wartete man von ihnen,daß sie des Reiches Interessen nach Kräften fördern und Handel und Industrie ein zuverläfliger Wegführer im ftemden Land sein würden! Sankt Bürokra­tius ist eine blondlockige Unschuld gegenüber dem Geist, der zuweilen am Wcbstuhl der Weltgeschichte sitzt und deffen Inkarnation wir als das große Geheimnis der Diplomatie be­staunen. Die Affäre Schlicken enthüllt uns ein Teilchen dieses Geheimnisses, und diese Enthüllung fStnae "einen Schwankdichtk be­geistern, die Komödie des Grünen Tischs zu schreiben. Indessen: Es handelt sich im Falle Schlieben nickst um eine Komödie, sondern um eine Tragikomödie, deren Schlußakt mit dem Exodus des Konsuls aus Iagows Reich der unbegrenzten Möglichkeiten endet. Als Herr von Kiderlen-Waechter noch in der Wik­helmstraße schaltete, sprach man sehr ernsthaft von einer Reform unsres diplomatischen Dienstes, die schon Bernhard von Bülow tu den Frühlenztagen seiner Staatssekretär-Zeit gelobt. Der Traum ist bisher noch nicht Wirklichkeit geworden, vielleicht, weil Herr Gottlieb von Iagow von Träumen nichts hält. Wenn aber im Herbst der Reichstag wieder zu neuem Leben erwacht, wird man hoffen dürfen, daß er den Herrn Staatssekretär des Auswärtigen Amts sehr energisch darüber be­fragt, seit wann die deutsche Diplomatie sich den Luxus erlauben kann, ihre b e st e n Köpfe und t ü ch t i g st e n Persönlichkeiten nach Quito in den Urwald zu schicken, trotzdem Persönlich­keiten und Köpfe bei uns am Grünen Tisch so rar geworden sind wie die Perlhühnchcn in Grönland ...! F. II.

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Konsul Schlieben und Serbien.

(Information von diplomatischer Seite.)

Berlin, 24. September.

Es bestätigt sich, daß der deutsche Konsul in Belgrad, Tr. Schlieben, es abgelehnt hat, seinen Belgrader Posten mit einem Kon­sulat in Südamerika zu vertauschen. Es ist zwar richtig, daß Konsul Schlieben wahrschein­lich in nächster Zeit seinen Posten in Belgrad verlassen wird, er wird aber nicht länger im Dienst bleiben, vielmehr bei seinem Aus­scheiden in Belgrad seinen Abschied nehmen, um weitgehende eigene Pläne auszufüh- ren. Konsul Schlieben beabsichtigt nämlich, in Belgrad, das ihm eine zweite Heimat geworden ist, und wo er einen bedeutenden Wirkungskreis besitzt, ansässig zu bleiben und dort eine in- dustrielleAgenturzu begründen, für die ihm eine Subvention d er serbischen Regierung angeboten worden ist. Diese Agentur, für deren Begründung gerade ietzt, am Anfang einer Periode wirtschaftlichen Auf­blühens, der günstigste Zeitpunkt ist, soll die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Serbien fördern und den beiderseitigen Liefe­ranten und Konsumenten als Mittelstelle die­nen. Ucbrigens wird die Angelegenheit Schlic­ken demnächst im Reichstag zur Sprache kommen. wobei man dann auch erfahren fmrb, welche Gründe für die Abberufung des Kon­suls aus Belgrad maßgebend gewesen sind.

Tromel will Ruhe haben!

Unterredung mit dem Ex-Bürger meister.

Paris, 24 September. §Privat - Te­legramm.) Der Korrespondent des Echo de Paris in Oran hatte gestern eine Unterre­dung mit dem Exbürgermeister T r ö m c l von Usedom, der sich gegenwärtig in Oran aufhält.

Er befindet sich augenblicklich zwecks Beobach­tung seines Gesundheitszustandes im Hospital von Oran und wird nach einer Verfügung des Kriegsministcrs vorläufig dort bleiben. Trömcl bat, man solle ihn doch endlich in Ruhe lassen nnd sich nicht mehr um ihn kümmern. Rach seiner Entlassung wolle er sich in Paris niederlassen und sich einem bürger­lichen Beruf zuwenden. Er hoffe, daß seine Fran und seine Kinder dann zu ihm nach Pa­ris kommen würden.

M neuer Krieg am Balkan? Serbien mobilifiert gegen Albanien! Rach Meldungen aus Uesküb haben die albanisch-serbischen Gr e tt z k ä rn p s e eine un­erwartete Wendung genommen. Es ist den an Zahl überlegenen und, wie verlautet, nicht nur mit modernen Gewehren, sondern auch mit Gebirasgeschützen und Mitrailleusen versehe­nen Albaniern am Montag gelungen, in unauf­hörlichem Ansturm die bereits verlorene Posi­tion bei Pischkoplja wiederzugewinnen und nach heftigen Kämpfen D i b r a s e l b st zu nehmen. Inzwischen liegen folgende neue Meldungen vor:

Serbien mobilisiert seine Armee!

(P r i v a t - T e l c g r a m m.) Belgrad, 24. September.

König Peter hat seinen Aufenthalt im Badeort Ribarska-Banja wegen der Unru­hen en der albanischen Grenze unterbrochen. Nach seiner Ankunft hier wurde ein dring­licher Ministerrat ab gehalten, der be­schloß, acht neue Regimenter gegen die Alba­nier marschieren zu lassen. Teile der Reser­ven, sämtliche beurlaubten Offiziere und Mi­litärbeamte sind unter die Fahnen gerufen worden. Neue Meldungen besagen, daß die K ä m p f e f o r t d a u e r n und auf beiden Seiten große Opfer gefordert haben. Die Nachricht, daß die Albanier Dibra genommen haben, rief hier große Aufregung her­vor. Die albanischen Freischarcn stehen un­ter dem Kommando von Issi Boljetinatz und kämpfen mit großer Erbitterung.

Derheilige Krieg" der Albanier.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 24. September-

Die Albanische Korrespondenz veröffent­licht einen Brief des albanischen Führers Boljetinatz, in dem es heißt: An dem Blut, was nun vergossen wird, ist die U n g e - rechtigkeit Europas Sch uld. Es ist ein furchtbares Unrecht, Koffowo, das Herz Albaniens, in die Hände unserer Feinde zu geben. WaS in unserer Heimat seit Monaten vor sich geht, ist e n t s e tz l i ch, viele unserer Besten haben an den Galgen der Serben ge­endet. Unseren Brüdern in der Malissia ha­ben die Serben die Märkte gesperrt; bis in das Herz der Malissia sind serbische Truppen eingedrungen, überall haben sie die Malisso­ren niedergemetzelt. Europa will un­sere Klagen nicht hören. Wir greifen jetzt zu den Waffen, um unsere Feinde zu verj^n oder zu sterben.

Weitere Depeschen aus Belgrad melden uns: Das Regierungsblatt Samuprava spricht seine Verwunderung darüber aus, daß die Großmächte sich anscheinend gleichgültig gegen die Wirren in Albanien verhielten, da doch die Großmächte erst Albanien geschaffen hätten. Die Großmächte seien moralisch v e r p f l i ch t e t, da derartige Uebergrifse leicht zu neuen Balkanverwicklunaen füh­ren könnten, energisch vorzugehen. Wie, nun­mehr festgestellt ist, haben die Albanier mit Er­folg Tu z i Angegriffen und die dortige über­raschte montenegrinische Garnison von sechzig Mann Vertrieben.

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Auch Montenegro mobilisiert!

Cetinje, 24. September. (Privat- Telegramm.) Mit Rücksicht auf die Be­wegungen an der albanischen Grenze sollen (wie von amtlicher Seite verlautet) Truppen dahin abgesandt werden, da Montenegro sich gegen die albanischen Umtriebe schützen müsse. Montenegro wird mit Serbien gemeinsam gegen die Albanesen vorgehen, und es wird befürchtet, daß eine militärische Aktion der bei­den Staaten gegen Albanien zu neuen Bal­kan-Wirren führt, da eine Lösung der al­banischen Frage ohne Anwendung von Waffen­gewalt unmöglich erscheint.

Die Tragödie der Prinzessin.

Prinzessin nnd Dragoner-Leutnant?

Berlin, 24. September. (Privat-Te- le gramm.) Wie demRoland von Berlin" mitgcteilt wird, haben angeblich nicht die Be- ziehnngrn der Prinzessin Sofiavon Wei­

mar zu Herrn von Bleichröder das tra­gische Ende der Prinzessin hcrbeigeführt, es handle sich vielmehr um die Nachwirkung eine, Neigung zu dem Leutnant von Putt- litz von den zweiten Garde-Dragonern, der 1907 aus Afrika zurückgekehrt war und in Nizza und Rom die Freundschaft der Prinzessin ge­wonnen hatte. Herr von Puttlitz wurde im Jahre 1913 nach Athen zur Gesandtschaft ab­kommandiert, wo er kürzlich starb, wahr­scheinlich eines freiwilligen Todes. Aus Gram darüber sei nun auch die Prinzessin in den Tod gegangen.

Zeppelins Memoiren.

Das erste Kapitel der Zeppelin-Erinne» citngen: Dis Jugend des Luft-Eroberers.

Wie wir schon berichteten, Hai sich Gras Zep­pelin entschlossen, feine Memoiren hetanSzugeben Wit sinb in bet Satte, das Interessanteste au« dem ersten Kapitel dieses Memoirenwerles heute schon wieberzux-ben. Graf Zeppelin erzählt in diesem Ka­pitel hauptsächlich von seiner Juacnd, von Heimat und Elternhaus, und manches aus seinen Mittei­lungen rolr't interessante Schlaglichter auf die damalig- Zeit. Der greise Graf Zeppelin schreibt:

Von meinem zweiten Lebensjahr an lebten meine Eltern dauernd auf dem Gute Girs - berg bei Konstanz. Mein Urgroßvater Ma- caire hatte dieses um 1770 von dem Herzog von Württemberg gekauft, dem es als Abt von Zwiefalten bei der Säkularisation der Abtei zugefallen war. Um jene Zeit (1840) trug Girsberg noch ssanz das Ansehen eines Klo­stergutes. Diese Anlage gehört zu meinen ersten Erinnerungen. Sehr bald ist dann alles umgestaltet worden. Mein Vater, der vorher in Sigmaringen eine Art Hofmar­schallamt bekleidet hatte, lebte sich auf Girsberg ganz in die Landwirtschaft ein. Er war auch sehr musikalisch und spielte die Violine/In spä- teren Jahren bemühte er sich dann sehr um die Bereicherung einer wertvollen Schmetterling-. Käfer- und Mineraliensammlung, die uns aus der Hinterlassenschaft meines Großvaters Ma» caire, der ein großer Gelehrter gewesen war, zufiel. Von meiner Mu Her, die uns früh genommen wurde, weiß ich, daß, wer sie kannte, ihre zarte, weibliche Anmut und ihre,Güte und daneben ihren lebhaften und launigen Geist rühmte. Sie galt auch für eine Schönheit. Aber sie war frei von jeder Art und Spur von Koketterie, gab sich immer durchaus schlicht und natürlich. Eine gute Vorstellung von ihrer Art gibt ein Brief, den sie einer neugewonnenen Schwägerin über sich und ihr Haus schreibt. Er mag auch deshalb hier zum Teil Platz fin­den, weil er besseren Aufschluß über uns Kin­der und unser Treiben Ci6t, als ich es selbst vermöchte. Meine Mutter schreibt im Jahre 1843 unter anderem:Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurden die armen Mönche aus dem Kloster auf einer Insel, da, wo der Rhein aus dem Bodensee tritt, vertrieben, und

Kaiser Josef von Oesterreich schentte die Insel samt allen Gebäulichkeiten usw. einem Genfer, dem Herrn I. Louis Ma- caire. meinem Großvater, der sich in einem Teil der Zellen häuslich niederließ und die Kel­ler, Küchen und Refektorien der geistlichen Her- ren in eine prosaische Kattunfabrik verwandelte. Endlich, am zehnten Januar 1816, erblickte ich in eben einer dieser Zellen das Licht der Welt. Du siehst, liebe Anna, daß ich, was die Mauern unserer Behausungen betrifft, nicht weniger ein historischer Personnage bin als Du selbst. Meine Kindheit und meine erste Jugend hätten sehr glücklich sein können, wäre ich nicht bestän­dig krank gewesen. Mit fünfzehn Jahren, als es anfing, mit mir besser zu werden, wurde ich plötzlich halb blind (die Aerzte fürchteten, ich würde es ganz werden). Mit siebzehn toa ' aber die Gefahr verschwunden und ick amüsierte mich ganz gut. Aber eben, als ich die Flügel lustig ausgebreitet, mußte ich sie wieder sinken lassen: Fritz war vor mir gestanden, und ... na, Tu hast's ja selbst erfahren, wie gefährlich die ehrlichen Augen dies er Zeppe­lin e r sind. Mein Mann war damals Oberst- hofmarschall des Fürsten von Hohenzollern- Sigmartngen. eines mächtigen Herrn über eilt Land, in dem, wie in den meisten anderen, auch ein Blatt erscheint mit den Landtagsverhand­lungen und das eine Armee hält, die zu mei­ner Zeit von einemmajorisierenden" Oberst­leutnant befehligt wurde. Mein Mann trug bei Zeremonien eine Uniform mit goldenen Epau- letten. und in der Hand einen schwarzen Stab mit silbernem Knopf. Wie es kam, daß wir beide

des großen Glanzes satt wurden, kann ich Dir nun nicht fagen; es kam unverhofft, und eines Tages legte Fritz den schwarzen Stab nieder und zog mit mir ins Dominikanerkloster zurück, wo er sich mit meinem Bruder assoziierte. Leider wurde seine Ge­sundheit schlecht, und wir schlugen unsere Wohnung in Girsberg auf, um der feuchten Seeluft zu entgehen. So, nun hast Du meine Lebensgeschichte von den Römerzeiten an bis auf den heutigen Tag! ... Nun Du mich ge­sehen hast, erlaube ich mir, Dir meinen Herrn und Gebieter vorzustellen. Du wirst ihn gleich an einem gewissen air de famille für den Bru­der Deines Ferdinand erkennen, wenn auch im einzelnen betrachtet gar keine Aehnlichkeit vop,