Nr. 246. — 3. Jahrgang.
«Lasserer Neueste Nachrichten
Mittwoch, 24. September 1913.
gewöhnt, nur diese liebe ich.- Die Tugenden und Vorzüge einer Frau faßten sich für ihn in den Begriffen Hausfrau und Mutter zusammen, alles andere schien ihm Beigabe, wenn nicht überflüflig. Hat er doch Frau von Statzl, als sie ihn fragte, welche Frau er für die erste in Frankreich halte, geantwortet: „Die, die ihrem Gatten die meisten Kinder schenkt, Madame.- Ihm wurde die Frau erst schätzenswert, wenn sie Mutter war. Diese Anschauung Napoleons gibt uns den Schlüssel zu seiner Scheidung von Josephine, die, wenn er sie auch nicht mehr mit der Leidenschaft des Generals Bonaparte liebte, doch noch immer die einzige Frau war, der er wahrhafte Neigung entgegenbrachte. Hätte sie ihm Kinder, hätte sie ihm einen Sohn geschenkt, er würde ihr wie einer Heiligen zu Füßen gelegen haben. Ihren Kindern, Eugen und Hortense war er
stets ein guter Vater
und liebte sie mit der Zärtlichkeit eines solchen. Daß er eine wahre Manie hatte, Eben zu stiften, ist bekannt. Nie hat es einen Herrscher gegeben, der an seinem Hofe so viele Ehen zustande brachte, wie Napoleon. Er verheiratete seine Brüder, seine Schwestern, seine Generale, seine Minister und hoben Beamten, und manchem wurde zu diesem Schritt kaum vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit gegeben. Napoleon nahm von der Frau, was sie ihm zu geben vermochte, lieferte sich ihr aber nicht aus. Infolge seiner ganz besonderen geistigen Veranlagung konnte nie ein Identifizieren zwischen ihm und irgendeiner Fran stattfinden. Von einer g e i st i g e n Gemeinschaft konnte keine Rede sein, es sei denn, die Frau würde annähernd auf seiner Höbe gestanden haben. Dann aber hätte es einer jener Frauen sein müffen. die er verabscheute, einer iener trauen, die sich in irgendeiner Hinsicht dem Manne überlegen tüb- len und ihn gerade deswegen am meisten lieben. Eine solche Geliebte oder Frau konnte ein Napoleon nicht baben, so lange er die Welt beherrschte. Als er später auf dem öden Felsen von St. Helena seine Tage beschloß, hätte er wohl eine solche Trösterin finden können aber er verschmähte sie, vielleicht in der Hoffnung, daß ihm die Frau, die der Verlassene so sehnlich erwartete, Maria Luise,
die Mutter seines Sohnes-
noch seine letzten Stunden verschönen würde, Sie kam nicht . . .! Auf den ersten Blick hin scheint Napoleon eine D op p e l s e e l e zu haben. Große und edle Eigenschaften paaren sich in ihm mit unedlen und kleinen. Er scheint in seinen Sitten und seinem Empfinden einfach zu sein, umgibt sich und seinen Hof aber mit fast orientalischer Pracht. Er scheint uneigennützig und selbstlos in vielen Dingen, und kennt doch nichts Reizvolleres, als die unum- schränfte Gewalt. Er liebt die Einsamkeit, die ungestörte Ruhe des Philosophen, und sitzt doch auf seinem Throne, dadurch alle seine Handlungen, sein Fühlen und Denken der Oef- fentlichkeit preisgebend. Kurz: Er vereinigt in sich die widersprechendsten Eigenschaften und läßt sich von einem Doppellicht beleuchten, dessen Reflexe uns einerseits entzücken, andererseits so starke Schatten werfen, daß uns davor fröstelt. Noch einmal sei hervorgehoben: Wenn auch die Frau im Leben des großen Kaisers eine untergeordnete Rolle gespielt hat, fo war er doch zum Weibe weder brutal noch tyrannisch, weder ausschweifend nock lasterhaft. Sicher ist, daß Napoleon für alle Leidenschaften und Gefühle. empfänglich war. Bewunderungswürdig ist die Organisation eines Menschen, der mit der größten Kaltblütigkeit Dinge vollbringt, die anderen als ungeheuerlich erscheinen, und doch von dem Zauber eines liebenswürdigen Wesens, von einer zarten, sanften Frau, einem höflichen Wort berührt wird. Aber Napoleons korsischer Charakter wurde von dem unersättlichen Ehrgeiz beherrscht, der ein dem Herrenmenschen angeborener
Impuls ist und dem alle anderen Gefühle weichen müffen. . .1 ' ***
Aus des Lebens Tiefen. Der Knabenmörder Ritter vor Gericht.
(Von unfern». P. L.-Korrespondenten.)
Berlin, 23. September-
Gin schweres Verbrechen, das im Mai dieses Jahres die R e i ch s h a u p t st a d t in Aufregung versetzte, wird jetzt vor dem Schwurgericht des Landgerichis I seine Sühne finden. Wie noch erinnerlich, fand man am Mittag des elften Mai in einer Bedürfnisanstalt an der Ecke der Kaiserallee und Meierottostraße in Wilmersdorf in einem Paket zwei menschliche von einem jugendlichen Körper abgetrennte Beine, und am Abend des gleichen Tages in der Vorhalle des Potsdamer Bahnhofs den dazu gehörigen Oberkörper. Die Kriminalpolizei ermittelte bald, daß der Ermordete identisch war mit dem dreizehnjährigen Laufburschen Otto K l ä h n, der in einem Materialwa- rcngeschäft an der Lützowstraße bedienstet war. Der Verdacht der Täterschaft fiel bald auf den Koch und Hausdiener Josef Ritter, der bei einem Bankier in der Hohenzollernstraße in Dienst stand. Die Polizei, die zur Verhaf-I lung des Verdächtigen schritt, fand in seiner Wohnung in einem Kasten die Stiefel des Ermordeten und eine mit Blut befleckte Schürze. Unter der Wucht dieser Beweise legte Ritter, der im Jahre 1873 in Sagor in Oesterreich geboren ist, ein Geständnis ab. Er gab den ihm zur Last gelegten unsittlichen Verkehr mit seinem Opfer zu, behauptete aber, die Tat erst vollführt zu haben, nachdem der Junge an ihm
einen Erpreffungsversnch verübt
hatte. Zu der gestrigen Verhandluna waren achtunddreißig Zeugen und sechs Sachverständige geladen. Die Vernehmung des Angeklagten ergab, daß er angeblich während seiner Militärzeit in Laibach, wo er den Militärärzten bei Leichenöffnungen kleinere Hilfsdienste leistete. an Tobsuchtsanfällen mit religiösen Wahnvorstellnnaen gelitten habe u. deshalb längere Zeit ärztlich behandelt worden sei. Nach beendetem Militärdienst hat Ritter bei verschiedenen Herrschaften gedient und ist im Jabre 1912 nach Berlin gekommen. Er stand im Rufe großer Frömmigkeit. Nach der Feststellung der Personalien und Erhebung des Vor- ftbens Ritters stellte der Staatsanwalt den Antrag, wegen Gefährdung der Sittlichkeit während der ganzen Dauer der Verhandlung d i e Oeffentlichkeit auszu schließen. Das Gericht entsprach diesem Antrag, ließ aber die Vresie zu. Zu der Tat selbst gab Ritter an. der Knabe habe lehr an ihm gehangen. Bei feinem Weggang aus dem Zimmer Ritters an dem fraglichen Abend habe er zuerst zwanzig Pfennig verlangt, nach einem Blick in Ritters Geldbörse aber plötzlich hundert Mark. Erst in diesem Augenblicke sei. behauptete Ritter, ibm der Gedanke gekommen, »u keiner eigenen Sicherheit den Knaben zu beseitigen. Während er in der Voruntersu-bnng ohne weiteres geständig war, wollte er sich in der gestrigen Verhandlung auf Einzelheiten nicht mehr genau besinnen können. Der Prozeß nimmt heute seinen Fortgang.
M MM MstW.
Was man in Rußland erlebt.
Das offiziöse Wolffsche Deveschen-Büro verbreitet folgende Draht-Meldung aus Memel: Seit Freitag nachmittag befindet sich der Unteroffizierschüler Schröder von der Potsdamer Unteroffizierfchule, der bei seinem Vater, einem Eisenbahnbeamten, in Lie- benau zum Besuch weilte, in Rußland in Haft. Der junge Mann war auf seiner Radtour über die ruffische Grenze geraten und wurde dort festgenommen. Er wurde zunächst
nach Gareden und von dort nach Russisch- Krettingen gebracht, von wo aus er nach Tel- schi, dem Sitz des ruffischen Landratsamtes, transportiert wurde. Der Memeler Landrat als Grenzkommiffar hat die Angelegenheit in die Hand genommen, doch ist die Freilassung des Unteroffizierschülers noch nicht erfolgt.
Der Deutsche Bauschutz-Tag.
Im kleinen Kongreßsaal der Internationalen Baufachausstellunq zu Leipzig fand gestern der Erste Deutsche Bauschutztag statt, zu dem aus allen Teilen des Reiches Vertreter von fünfzehn Bauschutzverbänden Arbeitgeberverbänden und sonstigen Organi- sattonen erschienen waren. Auch die Handelsund Gewerbekammcr von Leipzig hatte ihr Interesse durch die Entsendung von Vertretern bekundet. Unter dem Vorsitz des Stadtrats Dr. Gruyter-Berlin kam einstimmig folgende Resolution zur Annahme:
Die auf dem deutschen Bauschutztage vertretenen Bauschutzverbände sprechen ihre Ueberzeugung dahin aus, daß zum Schutze des gesamten Baumarktes gegen unlautere Elemente, sowie zur Förderung der sonstigen Interessen aller am Baumarkt beteiligten Kreise. ein Zusammenschluß der deutschen Bauschutzperbände bei Erhaltung der völligen Selbständigkeit jedes einzelnen Verbandes dringend erforderlich ist. Der Zusammenschluß hat seinen äußerem Ausdruck durch die Schaffung einer Zen- tral stelle zu finden, der es insbesondere obliegt, ein gemeinsames Vorgehen hinsichtlich aller wirtschaftlichen, den Bau betreffenden Bestrebunaen und Fragen herbeizuftihren und bei der Schaffung von neuen Bauschutz- verbänden unterstützend einzugreifen.
Als Sitz der Zentrale wurde Berlin bestimmt; zum Vorsitzenden wurde vorläufig Dr. de Gruyter gewählt. Außerdem wurde ein erweiterter Ausschuß eingesetzt, der eine besondere Kommission bilden soll. (gr wurde zunächst damit betraut die Satzungen umzuarbeiten und die erforderliche Fühlung mit den Staats- und kommunalen Behörden wie mit den maßgebenden Faktoren der Gesetzgebung zu nehmen um wirkungsvoll zur Beseitigung vorhandener Schäden und zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Bauinteressenten eintreten zu können.
Will Oesterreichs Moltke geken?
Aus Wien kommt die überraschende Nachricht, daß der Generalstnbschef Conrad von Hötzendorfs sich mit der Absicht trage, von seinem Posten zurückzutreten, und zwar werden als Grund seiner Rücktritts-Absichten Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und den maßgebenden Stellen genannt Ob dies zutrifft oder nicht, läßt sich vorerst nicht feststellen. Ein Privat-Tele- gramm ans Wien berichtet uns soeben:
Die Gerüchte von einer Demission des Generolstabschefs Conrad von Hötzendorf werden derzeit als verfrüht bezeichnet, doch sprechen verschiedene Anzeichen dafür, daß Unstimmigkeiten mit dem Thronfolger feine Stellung erschüttert haben. Man nennt als Conrads Nachfolger den Kommandierenden General in Budapest Terßtyansky und den Grazer Divisionskommandanten Colerus von Geldern.
Die Nachricht über Unstimmigkeiten zwischen dem Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und Hötzendorff überrascht einigermaßen, denn es ist bekannt, daß gerade der Thronfolger es gewesen ist, der Hötzen- dorff in kritischer Zeit (als seine Rüstungs- Politik gegenüber Italien eine Krise ber- aufzubeschwören drohte) gehalten bat. Gebt
Hötzendorfs tatsächlich, dann verliert Oesterreich1 gen.
seinen Moltke, den zu ersetzen fast eine Unmöglichkeit ist.
Politischer Tagesbericht.
Der neue Obcrlandforstmeister. Wie de? Reichsanzeiger meldet, hat der König anstelle des am ersten Oftober 1913 in den Ruhestand tretenden Oberlandforstmcisters Wirklicher Geheimer Rat Wesener den vortragenden Rat im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Landforstmeister von Freier, zum Obcrlandforstmeister und Direktor der Forstabteilung in diesem Ministerium ernannt.
Ter Stettiner Hafenarbeiterstreik. Der Streik der Stettiner städtischen Hafenarbeiter hat gestern (einem Privattelegramm aus Stettin zufolge) eine gewisse Verschärfung erfahren. Nachdem mehrere Arbeiterverfammlungen stattgefunden hatten, legten sämtliche Speditionsarbeiter im Hafen, die dem deutschen Transportarbeiterverband angegliedert sind, die Arbeit nieder. Es sollen über 400 in Betracht kommen.
Militär gegen Streikende. Die Streikunruhen am Münster-Grenchen-Tunnek bei Genf wo letzthin Arbeitswillige und P. sszei von Streikenden angegriffen und gegen 20 Personen verletzt'wurden, haben neuerdings bedenklichen Umfang angenommen. Infolgedessen beschloß die Regierung des Kantons Solothurn, zwei Kompagnien Infanterie zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu entsende.».
Jas Kenests aus Syssel.
Herbst-Stimmungen.
„Wenn im Purpurschein blinkt der wilde Wein..." ist der H e r b st gekommen. Mögen die mächtigen Laubkronen auch noch sommerlich grün und üppig stehen und sich nur hier und da erst eine Brombeerranke färben, wir spüren es doch auf Schritt und Tritt: Der Herbst ist da! Mag die Sonne mitunter am Mittag noch so warm scheinen, ftübmorgens verschleiert der Nebel die Straßen kühl und weiß, die Luft ist voll schwerer Feuchtigkeit und in den ersten grauen Morgenstunden gebt ein Frösteln und Frieren an wie kaum im Winter. Gar zu leicht holt man sich jetzt etwas, die Stuben sind kalt und von dem Sommerleichtsinn in her Kleidung kann man sich noch nicht trennen; so wird es ganz begreiflich, wenn die meisten Menschen eine Erkältung jetzt in der Uebergangszeit als ein notwendiges Uebel anseben. Wer in diesen Tagen durch unsere Anlagen Wander,«, der hat es gesehen, wie hier ein Sträuchlein sich lichtete und dort eine Baumkrone sich wie mit blassem Sonnenschein vergoldete. Und wir wissen, es dauert nicht mehr lange, daß uns Gold- und Purpurftämmchen von jedem Zweig entgegenlodern, und wieder ein Stückchen weiter: Dann sind wir am Schlußkapitel, „wenn die rotaelben Blätter fallen."
Herbstbunt sieht es auf unfern Straßen jetzt aus. Die ersten eleganten Herbstkostüme zeigen sich abends beim „shopping" in den Geschäftsstraßen der Stadt in Gesellschaft der neuesten Schöpfungen der Hutmode. Hier und dort erscheint schon ein verfrühter Möbelwagen voll Kisten und Kasten, ein hübsches Dienstmädchen mit weißer Schürze zieht mit einem Palmentopf und einem Schrubber bewaffnet mit zielbewußtem Schritt in die neue Wohnung, die durch einen unglücklichen Zufall schon vierzehn Tage früher frei geworden ist, um die leeren Zimmer noch einmal vorzunehmen. Aus allen Fenstern des Hauses, das sie betritt, äugen sen- sterputzende Kolleginnen, die seit Tagen die Schrecken des Herbstgroßreinemachens um sich verbreiten, auf „dir Neue' herab und taxieren sie mit kühler Sachverständigkeit. Und als ich gestern kurz vor Toresschluß die stille Straße passierte, in der ich wohne, da schimmerte es mir vor jeder zweiten Haustüre in den Wappenfarben des Herbstes Rot und Gold entge-
Rote Kragenstreifen und Aufschläge und
Bit Wittklsksch-TrsgöMe.
Hofrat Dr. Franz Karl Müller f.
In München Ist an einem der letzten Tage der Hofrat Dr. Franz Karl Müller gestorben. Er war als Spezialist Nervenarzt, daneben aber auch der ärztliche Beistand mehrerer Münchener Theater. Man sah den stillen, klugen Mann häufig, wo Münchens Künstlerkreise sich zur Feier eines Jubiläums, einer Premiere fröhlich versammelten. Daß er einst in einem weltgeschichtlichen Drama nicht die unbedeutendste Rolle spielte, war den meisten unbekannt, von vielen vergessen. Und er selbst sprach von dieser Episode seines Lebens, das sonst so ruhig verlief, nur sehr selteu. Obwohl er manches zu erzählen gehabt hätte, und einiges davon, um der Legendenbildung vorzubeugen, in einer Broschüre niederlcgte, die wohl den Anlaß dazu gab, daß er den Staatsdienst verließ und sich der freien Praxis zuwandte. Dr. Müller war der Assistent des Dr. Bernhard von Gudden, der mit König Ludwig dem Zweiten von Bayern in der Nacht des 13. Juni 1886 den Tod im Starnberger See fand. Er war es, der im Uferschlamm des Sees Guddens und des Königs Leichen fand. Er hat (wie gesagt) die Erlebnisse dieser schaurigen Stunden schriftlich niodergelegt, hat geschildert. wie dem König Ludwig auf Schloß Schwanstein seine Entthronung nicht eben sehr zart und diplomatisch mitgeteilt und der Monarch, von Jrrenwärtern geleitet, nach Schloß Berg gebracht wurde, das er lebens nicht mehr verlassen sollte.
Am Abend es dreizehnten Juni unternahm der König einen Spaziergang durch den Park des Schloffes Berg. Dr. von Gudden lehnte die Bitte seines Assistenten, einen Wärter in einiger Entfernnng folgen zu lassen (wie es übrigens die Regentschaft strengstens vorgeschrieben hatte) lächelnd ab. Ter erfahrene, vortreifliche Psychiater, dem der Umgang mit in Purpur geborenen Irren nichts Ungewohntes war. glaubte an keine Gefahr. Und so Verloren König Ludwig und Dr. Bernhard v. Gud- dcn sich in den weithin gedehnten, dunklen Anlagen des Schloffes Berg, wo Adjutanten, Hof- kavalicre und Guddens Assistent mit immer wachsender Angst und Aufregung ihrer Rückkehr harrten, bis sie mit Laternen auszogen, sie zu
suchen, und sie sanden ...! Dr. Franz Karl Müller ist auch einer der Merzte gewesen, die Ludwigs des Zweiten 93ruber, den König Otto, behandelten. Er nannte die Krankheit dieses seit vierzig Jahren unheilbaren Irren, unter dessen Scheinherrschaft Bavern seit länger als einem Vierteljahrhundert steht, ein Schulbeispiel der Paranoia. Und da er den König schon als Prinzen zu beobachten und die Anfänge seines Leidens wissenschaftlich studiert hatte, so wußte er, daß Otto von Bavern bereits als Kind nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war.
Dr. Müller wußte, daß der spätere König als Kind Münzen am Rande eines Weges vergrub, ehe er ihn zu betreten wagte. Angstzustän- den unterworfen war und im Kriege gegen Frankreich aus dem Hauptquartier heimqesckickt werden mußte, weil er untrügliche Zeichen des Irrsinns gab: Sich weigerte, die Stiefel auszuziehen, bis sie an seinen Füße fast verfaulten, ein Kavallerie-Regiment, dem er nur einen Befehl überbringen sollte, zur Attacke gegen eine gänzlich unbesetzte Kirchhofsmauer führte und am achtzehnten Januar 1871 bei dem Galadiner, das den Tag der Kaiserproklamation in Versailles beschloß, wirre, mit der gehobenen Festesstimmung wenig harmonierende Reden hielt. Es wird den künftigen, durch höfische Rücksichten nicht beeinträchtigten Geschichtsschreibern wahrscheinlich keine besondere Schwierigkeit verursachen, die gemeinsame Quelle zu erforschen, aus der die Könige Ludwig der Zweite und Otto von Bayern die Keime ihrer nur in den Einzelerscheinungen, nicht im Wesen verschiedenen Krankheit empfingen. Dr. Franz Karl Müller, der schließlich noch ein Hofrat wurde, doch niemals ein Hofmann war, hatte sich (als ein junger baverischer Prinz durch Sturz aus dem Fenster Selbstmord verübte) vorgenommen, die Wahnsinnsanfälle im Hause Wittelsbach zum Gegenstand eines tiefgründigen, wissenschaftlichen Werkes zu machen, und er war erstaunt, als die ihm vorgesetzte Behörde ihm eröffnete, derartige Studien seien von einem Staatsbeamten nicht erwünscht . . .! ***
■-'V Ein Jugendheim am Völkerschlachtdenkmal. Aus Leipzig wird uns geschrieben: Vier Wochen vor der Einweihung des Völker
schlachtdenkmals hat in diesen Tagen der Deutsche Bund abstinenter Frauen, dicht unter dem Völkerschlachtdenkmal ein Erfrischungsheim eröffnet, das „Königin-Luise-Haus-, in dem kein Alkohol verabreicht wird, und das in erster Linie für die deutsche Jugend gedacht ist, die „in Zukunft zum Völkerschlachtdenkmal pilgern wird, und hier eine Stätte finden kann, wo es nicht nötig ist, patriotische Empfindung und Hobe Sttmmüng, wie man sie auf diesem bedeutenden Platze wohl erleben kann, in Alkohol zu begraben."
Ein unbekanntes Festspiel Friedrich Rük- kerts. Die Erben des schriftlichen Nachlasses von Friedrich Rückert haben sich entschlossen, anläßlich des Völkerschlachtjubiläums ein noch ungedrucktes und unbekanntes Festspiel des Dichters zur Leipziger Schlacht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Das Werk, ein Lustspiel unter dem Titel „Der Leipziger Jahr- marft- wurde vom Dichter bald nach 1813 geschrieben, die Drucklegung mußte aber damals wegen Zensurschwieriakeiten unterbleiben.
Frau Regisseur Der Direktor des Nürnberger Stadttheaters hatte die Dresdener Pädagogin des musikdramatischen Stiles, Kammersängerin Luise Reuß-Belce, mit der Inszenierung des Richard Wagnerschen „Ring"- Zhklus beauftragt. Der eben abgeschlossene Zvklus hatte einen von Abend zu Abend sich steigernden Erfolg. Tie Nürnberger Kritik bucht einmütig den Hauptanteil daran für die hervorragende Leistung der Regie, die stellenweise ganz unerhörte Wirkungen aus diesen Partituren hervorzuzaubern verstand.
Anna Klie ch. Aus Braunschweig meldet uns ein Privattelegramm: Die Jugend- schriststellerin und Dichterin Anna Klie. Gattin des Professors Tri Hans Martin Schultz, Braunschweig, ist gestern im Alter von fünsund- vierzig Jahren gestorben.
Tosellis „Bizarre Prinzessin". Wie uns ein Privattelegramm aus Mailand berichtet. findet dort in den nächsten Tagen die Uraufführung der Komischen Over „Die bizarre Prinzessin" statt, deren Libretto von der ehemaligen Kronprinzessin von Sachsen, jetzigen Frau Toselli, stammt. Die Musik ist von Enrico Toselli, dem geschiedenen Gatten der Prinzessin. In dem Libretto finden sich satyrische Hinweise auf die Liebesgeschichte der
Prinzessin und in den handelnden Personen erkennt man eine Anzahl bekannter Persönlichkeiten des Dresdener HoseS.
ßismardi und Moltke.
So häufig sich auch in den „Gedanken und Erinnerungen-, sowie in dem Briefwechsel Bismarcks der Name Moltke erwähnt findet, und so oft auch Moltke in seinen hinterlassenen Schristen von Bismarck spricht, so findet sich doch bei keinem von beiden bemerkt, wo und wann sie sich zum ersten Mal gesehen und kennen gelernt haben. Die erste Begegnung zwischen den beiden Männern dürfte nun, mündlicher Ueberlieferung zufolge, zu Beginn der fünfziger Jahre, also vor ~ rund sechzig Jahren, in Speyer stattgefunden haben, und zwar bei Gelegenheit eines Familien -Be- suche s, den der damalige Prinz von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm der Erste, mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Luise dem Großherzog Friedrich von Baden, dem nachmaligen Gatten der preußischen Prinzessin, ab- stattete. Die prinzliche Familie und der Großherzog wohnten in dem noch heute bestehenden „Wittelsbacher Hof", während für einen Teil des Gefolges, zu dem auch Moltke, damals Oberst im preußischen Generalstabe, und bet aus Frankfurt zur Begrüßung des Prinzen nach Speyer gekommene Bundesgesandte von B i s - marck-Schönhausen gehörten, in dem überfüllten Gasthof kein Platz mehr war. Beide mußten daher in einem Privathause untergebracht werden, und zwar wohnten sie in dem benachbarten Hause der Familie Stockinger- Roe singet, in der sich die Erinnerung an b i denkwürdigen Tage fortgeerbt hat, an denen sie die beiden Männer, denen die Gründung des neuen Deutschen Reichs in erster Linie zu danken ist, unter ihrem Dache beherbergen konnte. Bei dieser Gelegenheit wird das erste persönliche Zusammentreffen von Bismarck und Moltke stattgefunden haben. Mit Vorliebe pflegte der vor einigen Jahren verstorbene Senior des Hauses, der damals Gastgeber Bis- marcks »nd Moltkes war, von jenem Ereianis zu erzählen, und er fügte hinzu, daß sich Bis- marck bei seiner Abreise mit höflichen Watten für die genossene Gastfreundschaft bedankt habe, während Moltke nur mit kurzem Gruße und ohne weitere Dankesworte abaerrist fei. v. L