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Nr. 246. 3. Jahrgang.

«Lasserer Neueste Nachrichten

Mittwoch, 24. September 1913.

gewöhnt, nur diese liebe ich.- Die Tugenden und Vorzüge einer Frau faßten sich für ihn in den Begriffen Hausfrau und Mutter zu­sammen, alles andere schien ihm Beigabe, wenn nicht überflüflig. Hat er doch Frau von Statzl, als sie ihn fragte, welche Frau er für die erste in Frankreich halte, geantwortet:Die, die ihrem Gatten die meisten Kinder schenkt, Ma­dame.- Ihm wurde die Frau erst schätzenswert, wenn sie Mutter war. Diese Anschauung Na­poleons gibt uns den Schlüssel zu seiner Schei­dung von Josephine, die, wenn er sie auch nicht mehr mit der Leidenschaft des Generals Bona­parte liebte, doch noch immer die einzige Frau war, der er wahrhafte Neigung entgegenbrachte. Hätte sie ihm Kinder, hätte sie ihm einen Sohn geschenkt, er würde ihr wie einer Heiligen zu Füßen gelegen haben. Ihren Kindern, Eugen und Hortense war er

stets ein guter Vater

und liebte sie mit der Zärtlichkeit eines solchen. Daß er eine wahre Manie hatte, Eben zu stiften, ist bekannt. Nie hat es einen Herr­scher gegeben, der an seinem Hofe so viele Ehen zustande brachte, wie Napoleon. Er verheira­tete seine Brüder, seine Schwestern, seine Gene­rale, seine Minister und hoben Beamten, und manchem wurde zu diesem Schritt kaum vier­undzwanzig Stunden Bedenkzeit gegeben. Na­poleon nahm von der Frau, was sie ihm zu geben vermochte, lieferte sich ihr aber nicht aus. Infolge seiner ganz besonderen geistigen Ver­anlagung konnte nie ein Identifizieren zwischen ihm und irgendeiner Fran stattfinden. Von ei­ner g e i st i g e n Gemeinschaft konnte keine Re­de sein, es sei denn, die Frau würde annähernd auf seiner Höbe gestanden haben. Dann aber hätte es einer jener Frauen sein müffen. die er verabscheute, einer iener trauen, die sich in ir­gendeiner Hinsicht dem Manne überlegen tüb- len und ihn gerade deswegen am meisten lieben. Eine solche Geliebte oder Frau konnte ein Napoleon nicht baben, so lange er die Welt beherrschte. Als er später auf dem öden Felsen von St. Helena seine Tage beschloß, hätte er wohl eine solche Trösterin finden können aber er verschmähte sie, vielleicht in der Hoffnung, daß ihm die Frau, die der Verlassene so sehn­lich erwartete, Maria Luise,

die Mutter seines Sohnes-

noch seine letzten Stunden verschönen würde, Sie kam nicht . . .! Auf den ersten Blick hin scheint Napoleon eine D op p e l s e e l e zu ha­ben. Große und edle Eigenschaften paaren sich in ihm mit unedlen und kleinen. Er scheint in seinen Sitten und seinem Empfinden einfach zu sein, umgibt sich und seinen Hof aber mit fast orientalischer Pracht. Er scheint uneigen­nützig und selbstlos in vielen Dingen, und kennt doch nichts Reizvolleres, als die unum- schränfte Gewalt. Er liebt die Einsamkeit, die ungestörte Ruhe des Philosophen, und sitzt doch auf seinem Throne, dadurch alle seine Handlungen, sein Fühlen und Denken der Oef- fentlichkeit preisgebend. Kurz: Er vereinigt in sich die widersprechendsten Eigenschaften und läßt sich von einem Doppellicht beleuchten, des­sen Reflexe uns einerseits entzücken, anderer­seits so starke Schatten werfen, daß uns davor fröstelt. Noch einmal sei hervorgehoben: Wenn auch die Frau im Leben des großen Kaisers eine untergeordnete Rolle gespielt hat, fo war er doch zum Weibe weder brutal noch tyrannisch, weder ausschweifend nock lasterhaft. Sicher ist, daß Napoleon für alle Leidenschaften und Gefühle. empfänglich war. Bewunderungs­würdig ist die Organisation eines Menschen, der mit der größten Kaltblütigkeit Dinge voll­bringt, die anderen als ungeheuerlich erschei­nen, und doch von dem Zauber eines liebens­würdigen Wesens, von einer zarten, sanften Frau, einem höflichen Wort berührt wird. Aber Napoleons korsischer Charakter wurde von dem unersättlichen Ehrgeiz beherrscht, der ein dem Herrenmenschen angeborener

Impuls ist und dem alle anderen Gefühle wei­chen müffen. . .1 ' ***

Aus des Lebens Tiefen. Der Knabenmörder Ritter vor Gericht.

(Von unfern». P. L.-Korrespondenten.)

Berlin, 23. September-

Gin schweres Verbrechen, das im Mai die­ses Jahres die R e i ch s h a u p t st a d t in Aufregung versetzte, wird jetzt vor dem Schwur­gericht des Landgerichis I seine Sühne finden. Wie noch erinnerlich, fand man am Mittag des elften Mai in einer Bedürfnisanstalt an der Ecke der Kaiserallee und Meierottostraße in Wilmersdorf in einem Paket zwei menschliche von einem jugendlichen Körper abgetrennte Beine, und am Abend des gleichen Tages in der Vorhalle des Potsdamer Bahnhofs den dazu gehörigen Oberkörper. Die Kriminalpo­lizei ermittelte bald, daß der Ermordete iden­tisch war mit dem dreizehnjährigen Laufbur­schen Otto K l ä h n, der in einem Materialwa- rcngeschäft an der Lützowstraße bedienstet war. Der Verdacht der Täterschaft fiel bald auf den Koch und Hausdiener Josef Ritter, der bei einem Bankier in der Hohenzollernstraße in Dienst stand. Die Polizei, die zur Verhaf-I lung des Verdächtigen schritt, fand in seiner Wohnung in einem Kasten die Stiefel des Er­mordeten und eine mit Blut befleckte Schürze. Unter der Wucht dieser Beweise legte Ritter, der im Jahre 1873 in Sagor in Oesterreich ge­boren ist, ein Geständnis ab. Er gab den ihm zur Last gelegten unsittlichen Verkehr mit sei­nem Opfer zu, behauptete aber, die Tat erst vollführt zu haben, nachdem der Junge an ihm

einen Erpreffungsversnch verübt

hatte. Zu der gestrigen Verhandluna waren achtunddreißig Zeugen und sechs Sachverstän­dige geladen. Die Vernehmung des Angeklag­ten ergab, daß er angeblich während seiner Mi­litärzeit in Laibach, wo er den Militärärzten bei Leichenöffnungen kleinere Hilfsdienste lei­stete. an Tobsuchtsanfällen mit religiösen Wahnvorstellnnaen gelitten habe u. deshalb län­gere Zeit ärztlich behandelt worden sei. Nach beendetem Militärdienst hat Ritter bei ver­schiedenen Herrschaften gedient und ist im Jabre 1912 nach Berlin gekommen. Er stand im Rufe großer Frömmigkeit. Nach der Feststel­lung der Personalien und Erhebung des Vor- ftbens Ritters stellte der Staatsanwalt den Antrag, wegen Gefährdung der Sittlichkeit wäh­rend der ganzen Dauer der Verhandlung d i e Oeffentlichkeit auszu schließen. Das Gericht entsprach diesem Antrag, ließ aber die Vresie zu. Zu der Tat selbst gab Ritter an. der Knabe habe lehr an ihm gehangen. Bei feinem Weggang aus dem Zimmer Ritters an dem fraglichen Abend habe er zuerst zwan­zig Pfennig verlangt, nach einem Blick in Rit­ters Geldbörse aber plötzlich hundert Mark. Erst in diesem Augenblicke sei. behauptete Rit­ter, ibm der Gedanke gekommen, »u keiner eige­nen Sicherheit den Knaben zu beseitigen. Wäh­rend er in der Voruntersu-bnng ohne weiteres geständig war, wollte er sich in der gestrigen Verhandlung auf Einzelheiten nicht mehr ge­nau besinnen können. Der Prozeß nimmt heute seinen Fortgang.

M MM MstW.

Was man in Rußland erlebt.

Das offiziöse Wolffsche Deveschen-Büro verbreitet folgende Draht-Meldung aus Memel: Seit Freitag nachmittag befindet sich der Unteroffizierschüler Schröder von der Potsdamer Unteroffizierfchule, der bei sei­nem Vater, einem Eisenbahnbeamten, in Lie- benau zum Besuch weilte, in Rußland in Haft. Der junge Mann war auf seiner Rad­tour über die ruffische Grenze geraten und wurde dort festgenommen. Er wurde zunächst

nach Gareden und von dort nach Russisch- Krettingen gebracht, von wo aus er nach Tel- schi, dem Sitz des ruffischen Landratsamtes, transportiert wurde. Der Memeler Landrat als Grenzkommiffar hat die Angelegenheit in die Hand genommen, doch ist die Freilassung des Unteroffizierschülers noch nicht erfolgt.

Der Deutsche Bauschutz-Tag.

Im kleinen Kongreßsaal der Internationa­len Baufachausstellunq zu Leipzig fand gestern der Erste Deutsche Bauschutztag statt, zu dem aus allen Teilen des Reiches Vertreter von fünfzehn Bauschutzverbänden Arbeitgeberverbänden und sonstigen Organi- sattonen erschienen waren. Auch die Handels­und Gewerbekammcr von Leipzig hatte ihr Interesse durch die Entsendung von Vertretern bekundet. Unter dem Vorsitz des Stadtrats Dr. Gruyter-Berlin kam einstimmig folgende Re­solution zur Annahme:

Die auf dem deutschen Bauschutztage ver­tretenen Bauschutzverbände sprechen ihre Ueberzeugung dahin aus, daß zum Schutze des gesamten Baumarktes gegen unlau­tere Elemente, sowie zur Förderung der sonstigen Interessen aller am Baumarkt beteiligten Kreise. ein Zusammenschluß der deutschen Bauschutzperbände bei Erhal­tung der völligen Selbständigkeit jedes ein­zelnen Verbandes dringend erforderlich ist. Der Zusammenschluß hat seinen äußerem Ausdruck durch die Schaffung einer Zen- tral stelle zu finden, der es insbesondere obliegt, ein gemeinsames Vorgehen hinsicht­lich aller wirtschaftlichen, den Bau betreffen­den Bestrebunaen und Fragen herbeizuftihren und bei der Schaffung von neuen Bauschutz- verbänden unterstützend einzugreifen.

Als Sitz der Zentrale wurde Berlin be­stimmt; zum Vorsitzenden wurde vorläufig Dr. de Gruyter gewählt. Außerdem wurde ein er­weiterter Ausschuß eingesetzt, der eine beson­dere Kommission bilden soll. (gr wurde zu­nächst damit betraut die Satzungen umzuar­beiten und die erforderliche Fühlung mit den Staats- und kommunalen Behörden wie mit den maßgebenden Faktoren der Gesetzgebung zu nehmen um wirkungsvoll zur Beseitigung vorhandener Schäden und zur Besserung der wirtschaftlichen Lage der Bauinteressenten ein­treten zu können.

Will Oesterreichs Moltke geken?

Aus Wien kommt die überraschende Nach­richt, daß der Generalstnbschef Conrad von Hötzendorfs sich mit der Absicht trage, von seinem Posten zurückzutreten, und zwar werden als Grund seiner Rücktritts-Absichten Meinungsverschiedenheiten zwi­schen ihm und den maßgebenden Stellen ge­nannt Ob dies zutrifft oder nicht, läßt sich vorerst nicht feststellen. Ein Privat-Tele- gramm ans Wien berichtet uns soeben:

Die Gerüchte von einer Demission des Generolstabschefs Conrad von Hötzendorf werden derzeit als verfrüht bezeichnet, doch sprechen verschiedene Anzeichen dafür, daß Unstimmigkeiten mit dem Thronfolger feine Stellung erschüttert haben. Man nennt als Conrads Nachfolger den Kommandierenden General in Budapest Terßtyansky und den Grazer Divisions­kommandanten Colerus von Geldern.

Die Nachricht über Unstimmigkeiten zwischen dem Thronfolger, Erzherzog Franz Fer­dinand, und Hötzendorff überrascht einiger­maßen, denn es ist bekannt, daß gerade der Thronfolger es gewesen ist, der Hötzen- dorff in kritischer Zeit (als seine Rüstungs- Politik gegenüber Italien eine Krise ber- aufzubeschwören drohte) gehalten bat. Gebt

Hötzendorfs tatsächlich, dann verliert Oesterreich1 gen.

seinen Moltke, den zu ersetzen fast eine Un­möglichkeit ist.

Politischer Tagesbericht.

Der neue Obcrlandforstmeister. Wie de? Reichsanzeiger meldet, hat der König anstelle des am ersten Oftober 1913 in den Ruhestand tretenden Oberlandforstmcisters Wirklicher Ge­heimer Rat Wesener den vortragenden Rat im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Landforstmeister von Freier, zum Obcr­landforstmeister und Direktor der Forstabtei­lung in diesem Ministerium ernannt.

Ter Stettiner Hafenarbeiterstreik. Der Streik der Stettiner städtischen Hafenarbeiter hat ge­stern (einem Privattelegramm aus Stettin zufolge) eine gewisse Verschärfung erfahren. Nachdem mehrere Arbeiterverfammlungen statt­gefunden hatten, legten sämtliche Speditionsar­beiter im Hafen, die dem deutschen Transport­arbeiterverband angegliedert sind, die Arbeit nieder. Es sollen über 400 in Betracht kommen.

Militär gegen Streikende. Die Streikun­ruhen am Münster-Grenchen-Tunnek bei Genf wo letzthin Arbeitswillige und P. sszei von Streikenden angegriffen und gegen 20 Perso­nen verletzt'wurden, haben neuerdings bedenk­lichen Umfang angenommen. Infolgedessen beschloß die Regierung des Kantons Solothurn, zwei Kompagnien Infanterie zur Aufrechter­haltung der Ordnung zu entsende.».

Jas Kenests aus Syssel.

Herbst-Stimmungen.

Wenn im Purpurschein blinkt der wilde Wein..." ist der H e r b st gekommen. Mögen die mächtigen Laubkronen auch noch sommerlich grün und üppig stehen und sich nur hier und da erst eine Brombeerranke färben, wir spüren es doch auf Schritt und Tritt: Der Herbst ist da! Mag die Sonne mitunter am Mittag noch so warm scheinen, ftübmorgens verschleiert der Nebel die Straßen kühl und weiß, die Luft ist voll schwerer Feuchtigkeit und in den ersten grauen Morgenstunden gebt ein Frösteln und Frieren an wie kaum im Winter. Gar zu leicht holt man sich jetzt etwas, die Stuben sind kalt und von dem Sommerleichtsinn in her Kleidung kann man sich noch nicht trennen; so wird es ganz begreiflich, wenn die meisten Menschen eine Erkältung jetzt in der Uebergangszeit als ein notwendiges Uebel anseben. Wer in die­sen Tagen durch unsere Anlagen Wander,«, der hat es gesehen, wie hier ein Sträuchlein sich lichtete und dort eine Baumkrone sich wie mit blassem Sonnenschein vergoldete. Und wir wissen, es dauert nicht mehr lange, daß uns Gold- und Purpurftämmchen von jedem Zweig entgegenlodern, und wieder ein Stückchen wei­ter: Dann sind wir am Schlußkapitel,wenn die rotaelben Blätter fallen."

Herbstbunt sieht es auf unfern Straßen jetzt aus. Die ersten eleganten Herbstkostüme zeigen sich abends beimshopping" in den Geschäfts­straßen der Stadt in Gesellschaft der neuesten Schöpfungen der Hutmode. Hier und dort er­scheint schon ein verfrühter Möbelwagen voll Kisten und Kasten, ein hübsches Dienstmädchen mit weißer Schürze zieht mit einem Palmen­topf und einem Schrubber bewaffnet mit ziel­bewußtem Schritt in die neue Wohnung, die durch einen unglücklichen Zufall schon vierzehn Tage früher frei geworden ist, um die leeren Zimmer noch einmal vorzunehmen. Aus allen Fenstern des Hauses, das sie betritt, äugen sen- sterputzende Kolleginnen, die seit Tagen die Schrecken des Herbstgroßreinemachens um sich verbreiten, aufdir Neue' herab und taxieren sie mit kühler Sachverständigkeit. Und als ich gestern kurz vor Toresschluß die stille Straße passierte, in der ich wohne, da schimmerte es mir vor jeder zweiten Haustüre in den Wap­penfarben des Herbstes Rot und Gold entge-

Rote Kragenstreifen und Aufschläge und

Bit Wittklsksch-TrsgöMe.

Hofrat Dr. Franz Karl Müller f.

In München Ist an einem der letzten Tage der Hofrat Dr. Franz Karl Müller ge­storben. Er war als Spezialist Nervenarzt, da­neben aber auch der ärztliche Beistand mehrerer Münchener Theater. Man sah den stillen, klugen Mann häufig, wo Münchens Künstlerkreise sich zur Feier eines Jubiläums, einer Premiere fröhlich versammelten. Daß er einst in einem weltgeschichtlichen Drama nicht die unbedeutendste Rolle spielte, war den meisten unbekannt, von vielen vergessen. Und er selbst sprach von dieser Episode seines Lebens, das sonst so ruhig verlief, nur sehr selteu. Obwohl er manches zu erzählen gehabt hätte, und eini­ges davon, um der Legendenbildung vorzubeu­gen, in einer Broschüre niederlcgte, die wohl den Anlaß dazu gab, daß er den Staatsdienst verließ und sich der freien Praxis zuwandte. Dr. Müller war der Assistent des Dr. Bernhard von Gudden, der mit König Ludwig dem Zweiten von Bayern in der Nacht des 13. Juni 1886 den Tod im Starnberger See fand. Er war es, der im Uferschlamm des Sees Guddens und des Königs Leichen fand. Er hat (wie gesagt) die Erlebnisse dieser schau­rigen Stunden schriftlich niodergelegt, hat ge­schildert. wie dem König Ludwig auf Schloß Schwanstein seine Entthronung nicht eben sehr zart und diplomatisch mitgeteilt und der Mo­narch, von Jrrenwärtern geleitet, nach Schloß Berg gebracht wurde, das er lebens nicht mehr verlassen sollte.

Am Abend es dreizehnten Juni unternahm der König einen Spaziergang durch den Park des Schloffes Berg. Dr. von Gudden lehnte die Bitte seines Assistenten, einen Wärter in einiger Entfernnng folgen zu lassen (wie es übrigens die Regentschaft strengstens vorge­schrieben hatte) lächelnd ab. Ter erfahrene, vortreifliche Psychiater, dem der Umgang mit in Purpur geborenen Irren nichts Ungewohn­tes war. glaubte an keine Gefahr. Und so Ver­loren König Ludwig und Dr. Bernhard v. Gud- dcn sich in den weithin gedehnten, dunklen An­lagen des Schloffes Berg, wo Adjutanten, Hof- kavalicre und Guddens Assistent mit immer wachsender Angst und Aufregung ihrer Rückkehr harrten, bis sie mit Laternen auszogen, sie zu

suchen, und sie sanden ...! Dr. Franz Karl Müller ist auch einer der Merzte gewesen, die Ludwigs des Zweiten 93ruber, den König Otto, behandelten. Er nannte die Krankheit dieses seit vierzig Jahren unheilbaren Irren, unter dessen Scheinherrschaft Bavern seit länger als einem Vierteljahrhundert steht, ein Schul­beispiel der Paranoia. Und da er den König schon als Prinzen zu beobachten und die An­fänge seines Leidens wissenschaftlich studiert hatte, so wußte er, daß Otto von Bavern be­reits als Kind nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war.

Dr. Müller wußte, daß der spätere König als Kind Münzen am Rande eines Weges ver­grub, ehe er ihn zu betreten wagte. Angstzustän- den unterworfen war und im Kriege gegen Frankreich aus dem Hauptquartier heimqesckickt werden mußte, weil er untrügliche Zeichen des Irrsinns gab: Sich weigerte, die Stiefel aus­zuziehen, bis sie an seinen Füße fast verfaulten, ein Kavallerie-Regiment, dem er nur einen Be­fehl überbringen sollte, zur Attacke gegen eine gänzlich unbesetzte Kirchhofsmauer führte und am achtzehnten Januar 1871 bei dem Gala­diner, das den Tag der Kaiserproklamation in Versailles beschloß, wirre, mit der gehobenen Festesstimmung wenig harmonierende Reden hielt. Es wird den künftigen, durch höfische Rücksichten nicht beeinträchtigten Geschichts­schreibern wahrscheinlich keine besondere Schwierigkeit verursachen, die gemeinsame Quelle zu erforschen, aus der die Könige Lud­wig der Zweite und Otto von Bayern die Keime ihrer nur in den Einzelerscheinungen, nicht im Wesen verschiedenen Krankheit emp­fingen. Dr. Franz Karl Müller, der schließlich noch ein Hofrat wurde, doch niemals ein Hof­mann war, hatte sich (als ein junger baverischer Prinz durch Sturz aus dem Fenster Selbstmord verübte) vorgenommen, die Wahnsinnsanfälle im Hause Wittelsbach zum Gegenstand eines tief­gründigen, wissenschaftlichen Werkes zu machen, und er war erstaunt, als die ihm vorgesetzte Behörde ihm eröffnete, derartige Studien seien von einem Staatsbeamten nicht erwünscht . . .! ***

-'V Ein Jugendheim am Völkerschlachtdenk­mal. Aus Leipzig wird uns geschrieben: Vier Wochen vor der Einweihung des Völker­

schlachtdenkmals hat in diesen Tagen der Deut­sche Bund abstinenter Frauen, dicht unter dem Völkerschlachtdenkmal ein Erfrischungsheim eröffnet, dasKönigin-Luise-Haus-, in dem kein Alkohol verabreicht wird, und das in erster Linie für die deutsche Jugend gedacht ist, diein Zukunft zum Völkerschlachtdenkmal pil­gern wird, und hier eine Stätte finden kann, wo es nicht nötig ist, patriotische Empfindung und Hobe Sttmmüng, wie man sie auf diesem bedeu­tenden Platze wohl erleben kann, in Alkohol zu begraben."

Ein unbekanntes Festspiel Friedrich Rük- kerts. Die Erben des schriftlichen Nachlasses von Friedrich Rückert haben sich entschlossen, anläßlich des Völkerschlachtjubiläums ein noch ungedrucktes und unbekanntes Fest­spiel des Dichters zur Leipziger Schlacht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Das Werk, ein Lustspiel unter dem TitelDer Leipziger Jahr- marft- wurde vom Dichter bald nach 1813 ge­schrieben, die Drucklegung mußte aber damals wegen Zensurschwieriakeiten unterbleiben.

Frau Regisseur Der Direktor des Nürn­berger Stadttheaters hatte die Dresdener Pä­dagogin des musikdramatischen Stiles, Kam­mersängerin Luise Reuß-Belce, mit der Inszenierung des Richard WagnerschenRing"- Zhklus beauftragt. Der eben abgeschlossene Zvklus hatte einen von Abend zu Abend sich steigernden Erfolg. Tie Nürnberger Kritik bucht einmütig den Hauptanteil daran für die hervorragende Leistung der Regie, die stellen­weise ganz unerhörte Wirkungen aus diesen Partituren hervorzuzaubern verstand.

Anna Klie ch. Aus Braunschweig meldet uns ein Privattelegramm: Die Jugend- schriststellerin und Dichterin Anna Klie. Gat­tin des Professors Tri Hans Martin Schultz, Braunschweig, ist gestern im Alter von fünsund- vierzig Jahren gestorben.

TosellisBizarre Prinzessin". Wie uns ein Privattelegramm aus Mailand be­richtet. findet dort in den nächsten Tagen die Uraufführung der Komischen OverDie bi­zarre Prinzessin" statt, deren Libretto von der ehemaligen Kronprinzessin von Sach­sen, jetzigen Frau Toselli, stammt. Die Musik ist von Enrico Toselli, dem geschiedenen Gat­ten der Prinzessin. In dem Libretto finden sich satyrische Hinweise auf die Liebesgeschichte der

Prinzessin und in den handelnden Personen er­kennt man eine Anzahl bekannter Persönlichkei­ten des Dresdener HoseS.

ßismardi und Moltke.

So häufig sich auch in denGedanken und Erinnerungen-, sowie in dem Briefwechsel Bis­marcks der Name Moltke erwähnt findet, und so oft auch Moltke in seinen hinterlassenen Schristen von Bismarck spricht, so findet sich doch bei keinem von beiden bemerkt, wo und wann sie sich zum ersten Mal gesehen und kennen gelernt haben. Die erste Begeg­nung zwischen den beiden Männern dürfte nun, mündlicher Ueberlieferung zufolge, zu Beginn der fünfziger Jahre, also vor ~ rund sechzig Jahren, in Speyer stattgefunden haben, und zwar bei Gelegenheit eines Familien -Be- suche s, den der damalige Prinz von Preu­ßen, der spätere Kaiser Wilhelm der Erste, mit seiner Gemahlin und seiner Tochter Luise dem Großherzog Friedrich von Baden, dem nach­maligen Gatten der preußischen Prinzessin, ab- stattete. Die prinzliche Familie und der Groß­herzog wohnten in dem noch heute bestehenden Wittelsbacher Hof", während für einen Teil des Gefolges, zu dem auch Moltke, damals Oberst im preußischen Generalstabe, und bet aus Frankfurt zur Begrüßung des Prinzen nach Speyer gekommene Bundesgesandte von B i s - marck-Schönhausen gehörten, in dem überfüllten Gasthof kein Platz mehr war. Beide mußten daher in einem Privathause unter­gebracht werden, und zwar wohnten sie in dem benachbarten Hause der Familie Stockinger- Roe singet, in der sich die Erinnerung an b i denkwürdigen Tage fortgeerbt hat, an de­nen sie die beiden Männer, denen die Gründung des neuen Deutschen Reichs in erster Linie zu danken ist, unter ihrem Dache beherbergen konnte. Bei dieser Gelegenheit wird das erste persönliche Zusammentreffen von Bismarck und Moltke stattgefunden haben. Mit Vorliebe pflegte der vor einigen Jahren verstorbene Se­nior des Hauses, der damals Gastgeber Bis- marcks »nd Moltkes war, von jenem Ereianis zu erzählen, und er fügte hinzu, daß sich Bis- marck bei seiner Abreise mit höflichen Watten für die genossene Gastfreundschaft bedankt habe, während Moltke nur mit kurzem Gruße und ohne weitere Dankesworte abaerrist fei. v. L