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Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 246. Fernsprecher 951 und 952. Mittwoch, 24. September 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.

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Tie Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnementLprei» beträgt monatlich 50 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen nMden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Bote» «ntgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bi« 8 Uhr abend». Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi« 8 Uhr abend« Berliner Vertretung: SW, Frtedrtchftr. 16, Telephon: Amt Mortyplatz 12564.

Wie reich find wir?

25 Jahre deutscher Wirtschastsarbett r Volks. Einkomme« und Rational-Wohlstand, von Dr. Karl Helff erich

WtrMcher LegationSrat, Direktor der Deutschen Bank.

Dr. Selfferich, der Gelehrte unter den deutschen Bankdirektoren, dessen Sinslutz auf unsere BolkSwirtschaft und auch auf unsere auStvitrtige Politik bekannt ist, hat anläßlich de« SiegterunglsubsliinmS des Kaisers die Aufgabe übernommen, ,um ersten Male eine genaue Untersuchung Über den Gesamt. Wohlstand des deutschen Volke« vorzu- nehmen. Seine Arbeit, die die gründlichste ist, die je auf diesem Gebiete versucht worben ist, erscheint in einigen Wochen bei Georg Stille in Berlin als Separatdrurk. Wir stnd schon heute in der Lage, nachstehend die Zu. sammensaffung ihrer außerordentlich bedeu­tungsvollen Ergebnisse zu veröffentlichen.

Das deutsche Volks-Einkommen.

Eine verhältnismäßig zuverlässige Grund­lage für die Schätzung des deutschen Volks- Einkommens bilden die Ergebnisse der Einkommensteuer. Für Preußen allein läßt sich danach das Gesamteinkommen der Privaten auf rund 24 Milliarden Ma rk beziffern. Bei einer Bevölkerung von etwas über vierzig Mil- tionen Einwohnern ist das ein durchschnittliches Einkommen von nahezu 600 Mark pro Kopf. Der preußische Durchschnitt ergibt in seiner An­wendung auf das Reich mit seiner Einwohner­zahl von etwa fechsund sechzig Millionen eine Summe der privaten Einkommen von 39 bis 40 Milliarden Mark. Den privaten Einkommen hinzuzuschlagen ist aber das von keiner Steuer erfaßte sehr erhebliche Einkommen der öffent­lichen Korporationen, insbesondere die aus sol­chen Quellen stammenden Einnahmen der gro­ßen Bundesstaaten und des Reichs. Ein Ansatz von mindestens einer Milliarde Mark erscheint gerechtfertigt. Das jährliche Gesamteinkommen Deutschlands würde sich hiernach gegenwärtig auf'ctwas mehr als vierzig Milliarden Mark beziffern. Für 1396 würde sich auf der­selben Grundlage ein Gesamteinkommen von etwa 21% Milliarden Mark (gleich zirka 410 Mark auf den Kopf) ergeben. In den letzten sechzehn Jahren würde hiernach die Steigerung des Gesamteinkommens rund 80 Prozent, die Steigerung des durchschnittlichen Einkommens pro Kopf der Bevölkerung rund fünfund- vierzig Prozent betragen haben. Das französische Volkseinkommen ist vor einer Anzahl von Jahren von Leroy-Beaulieu auf 25 Milliarden Francs, gleich 20 Milliarden Mark, geschätzt worden; da zu jener Zeit das deutsche Volkseinkommen bereits auf etwa 35 Milliar­den Mark zu veranschlagen war, würde also Frankreich an Volkseinkommen beträchtlich h i n- t e r Deutschland zurückstchen. Das englische Volkseinkommen hat gleichfalls vor einigen Jahren Chiozza Money auf 1710 Millionen Pfund Sterling, gleich 35 Milliarden Mark, ge­schätzt, also genau auf den Betrag, auf den sich nach unseren Annahmen damals das deutsche Volkseinkommen stellte. Auf den Kopf der Be­völkerung gerechnet, ergibt diese Summe für England ein Einkommen von 815 Mark, gegen gleichzeitig 555 Mark in Deutschland.

Das deutsche Volks-Vermögen.

Die Schwierigkeiten, die einer einigermaßen genauen Berechnung des Volksvermö­gens entgegenstehen, sind erheblich größer, Allerdings besteht in einigen Bundesstaaten, vor allem in Preußen, neben der Einkommen­steuer auch eine Vermögenssteuer. Das veran­lagte Vermögen und die einzelnen Zuschläge ergeben zusammen cinn Betrag von 15 5 M i l - liarden Mark. Eine Aufrundung nach oben um einen nicht geringen Betrag ist angesichts des nicht unter die Ergänzungssteuer fallenden Vermögens der juristischen Personen ohne wei­teres statthaft, so daß die Summe der Privat- vcrmögen in Preußen sich auf 160 Milliarden Mark stellen würde. Dies ergibt als durch­schnittliches Privatvermögen pro Kopf der Be­völkerung einen Satz von 4000 Mark. Für die Reichsbevölkerung würde das ein privates Volksvermögen von rd. 260 Milliarden M. erge­ben. Dazu kommt nun aber das große Vermögen der öffentlichen Körperschaften (Staatsbahnen, Bergwerke, Reichsbank und Schulen). Insge­samt werden die Aktiven des Reichs, der Bun­desstaaten und der kommunalen Körperschaften einen Wert von rund 50 Milliarden darstellen.

thode als Wert des deutschen Volksvermögens einen Betrag von rund 285 Milliarden Mark ergab, führt eine zweite, im wesentlichen die Statistik der Feuerversicherung benutzende Me­thode zu einem Wert von 330 Milliarden Mark. Zwischen diesen beiden Grenzen, also nahe bei der Ziffer von 300 Milliarden Mark, wird man den tatsächlichen Wert des deut­schen Volksvermögens suchen dürfen.

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Der deutsche Volks-Wohlstand.

Der jährliche Bruttoertrag der deutschen Volkswirtschaft wird für die Gegenwart auf rund 40 Milliarden Mark veranschlagt. Die­ses Roheinkommen wird im Laufe des Jahres zu einem großen, zunächst noch unbestimmten Teil verbraucht. Der verbleibende Ueberschuß wächst dem deutschen Volksvermögen als Reinertrag oder (wenn man so will) als Ersparnis" zu. Ein nicht geringer Teil des Verbrauchs entfällt auf das Reich, die Bundes­staaten und die sonstige öffentlichen Körper­schaften. Die ordent^chen Ausgaben des Reicks sind zurzeit auf etwa drei Milliarden Mark für das Jahr zu veranschlagen, diejenigen der sämtlichen Einzelstaaten auf rund 5.8 Mil­liarden Mark zusammen also auf 8,8 Milliar­den Mark. Von diesen Ausgaben fallen auf staatliche Erwerbsbetriebe, die hier nicht mit­zählen. etwa 3,6 Milliarden Mark, so daß als eigentlicher staatlicher Verbrauch die Summe von 5.2 Milliarden Mark jährlich ver­bleibt. Zu den staatlichen Ausgaben kommen die Ausgaben der kommunalen und sonstigen öffentlichen Körperschaften, die mit zwei Mil­liarden Mark kaum zu hoch veranschlagt sind. Die Gesamtheit des öffentlichen Ver­brauchs würde sich mithin auf etwas über sieben Milliarden Mark, also auf nahezu ein Sechstel des jährlichen Volkseinkommens stellen. Der Zuwacks deS Volksvermögens tritt nnmittel-, bar in Erscheinung in der Summe der jährlichen Emissionen, der Zunahme der Bankdepositen, der Sparkasseneinlagen und des Vermögens der Arbeiterverstcheruna. Sie ergibt einen Betrag von viereinhalb Milliarden Mark. Es ist klar, daß diese Ziffer die Zunahme des Volksvermö- gens nickt entfernt erschöpft. Denn nur ein Teil des jährlich sich neu bildenden Kapitals kommt in der Form van börsengängigen Eiiek- ten aus den Markt oder tritt als Bank- oder Sparkaffeneinlage in Erscheinung: ein anderer Teil von unbestimmter und kaum bestimmbarer Größe wächst den privaten Einzelunternebmnn- gen in allen Berufsgrupven als verdientes und erspartes Betriebskapital zu und vermehrt das Verbraucksvermögen der einzelnen Hausbal- tungen: doch darf für die letzten Jahre der Zuwacks an Volksvermögen auf mindestens neuneinhalb bis zehn Milliarden Mark geschätzt werden. Diese lapidaren Zif­fern faffen, in Geldeswert ausgedrückt, das Er­gebnis der gewaltigen, wirtschaftlichen Arbeit zusammen, die das deutsche Volk in den letzten fünfundzwanzig Jahren geleistet hat.

VeMlvsrmg imS^n?

Die Gelbs Gefahr in neuer Gestalt.

Die Revolution in China ist zwar mißglückt, dock ist die Riesen-Republik, das Reich der Mitte, immer noch von Gefahren umlauert und jeder Tag kann verhängnisvolle Ueberraickun- gen br'nyen. China hat Javan die Erfüllung seiner Forderungen wegen der Sühnung der Japaner-Morde in Nanking zugesaat, indeffen scheint es. daß die Einlösung dieses V-rsvrecken neue Schwierigkeiten heranfbeschwört und die Situation d.r Regierung verschlimmert. Bis zu welchen Tollbeifen sich die Vläne der chinesischen Revolutionsführer versteigen, zeigt folgende Draht-Meldung:

Schanghai, 23. September.

Ter Peking Jipau bringt folgende sensa­tionelle Meldung: Sunjatsen und Huingh- flng im Verein mit chinesischen Geheimbünd­lern erstreben ein Zusammenarbeiten der revolutionären Elemente in China, Japan,In di en und R u ß l a n d, zu de­nen später noch Siam treten soll. In China soll Juanschikai, in Japan die gegenwärtige Dynastie, in Indien die englische Herrschaft geMrzt und in Rußland der Nihilismus ge­stärkt werden. Sitz des Bundes wird Schang­hai sein» Filialen sollen in Tokio, Delhi und Petersburg errichtet werden.

ttsche und ungeheuerliche Gedan- Es wäre jedenfalls das beste

Diesen Aktiven stehen etwa 25 Milliarden öffentliche Schulden gegenüber, so daß ein Ak­tivsaldo von 25 Milliarden Mark verbleibt. Zu dem privaten Verrnögen von 260 Milliarden Mark würde also ein öffentliches Vermögen von etwa 25 Milliarden Mark hinzutreten, so daß sich das deutsch« Volksvermögen insge­samt auf 2 85 Milliarden Mark berechnet. Während diese im wesentlichen auf der Veran-

Die Nachricht klingt zu ungeheuerlich, als daß sie ohne weiteres Glauben finden dürfte. Vielleicht handelt es sich nur um Gerüchte, wir sie sich namentlich in diesen unruhigen Zeiten so leicht bilden. Aber trotzdem verdient die Meldung Beachtung, denn einem so erfahrenen Fachmann der Verschwörer- und Revolutions- Praxis wie Sunjatsen es ist, darf man auch so phantastische und ungeheuerliche Gedan-

kcn zutrauen. . ...______

lagung zur Ergänzungssteuer beruhende Me- und einfachste Gcacnmittel. wenn Javan endlich

dem Verlangen der Pekinger Regierung nach­käme und die revolutionären Führer, die be­kanntlich sämtlich nach Japan geflüchtet sind, auslieferte.

Zar Maos in Albanien. Neue blutige Kämpfe an der Grenze. Die Lage in Albanien wird tagtäglich verworrener. Essad Pascha hat beschlossen, der provisorischen Regierung in Vallona ein Ende zu machen und tut alles, um dies zu erreichen, und das Ministerium zu beseitigen. Die Anar­chie in Albanien nimmt unter diesen Umstän­den einen immer größeren Umfang an. Vor­gestern und gestern griffen die Albanesen auf serbischem Gebiete in der Umgebung von Dibra an und es entwiecklten sich blutige Kämpfe. Wir erhalten darüber folgende Meldung:

Die Kämpfe an der Grenze. (Privat - Telegramm.)

Belgrad, 23. September.

Die Zusammenstöße an der albanischen Grenze bei Dibra und Djakovitza haben e r n - stenCharakter angenommen. Nach Mel­dungen aus Dibra und Monastir fanden am Freitag. Sonnabend und Sonntag bei Pifch- koplja hinter dem schwarzen Drin, etwa zwan­zig Kilometer von Dibra entfernt, unun­terbrochene Gefechte statt. Es sollen 20 000 Albanier, die an Zahl den Serben weit überlegen waren, im Kampfe gestanden haben. Sie waren gut bewaffnet und wur­den nach den serbischen Meldungen von Jffa Boljetinatz geführt. Auch bulga­rische Offiziere sollen sich unter ihnen beftmden haben. Bei einem Kampf unweit Djakovitza sollen zweihundert Arnau- ten gefallen sein. Nach dreitägigem Kampf, in dem auf serbischer Seite ein Haupt­mann «nd viele Soldaten fielen, gelang e8 den serbischen Truvven. die Albanier zu ck- zuschlagen und Pisckkoplje, einen der wichtigsten strategischen Punkte der dortigen Gegend, zu behaupten. Gestern sind weitere Truppen nach der albanischen Grenze entsandt worden, nachdem bereits acht Regimenter zur Verstärkung der Grenztruvven abgegangen sind: Ein Beweis, daß Serbien die Lage als außerordentlich ernst betrachtet.

Ein weiteres Privat -Telegramm aus Belgrad meldet uns: Die serbische Re­gierung verbreitet als Vorbereitung ihrer di­plomatischen Aktion bei den Mächten eine halb­amtliche Darstellung der serbisch-albanischen Grenzkämple. Die Situation sei ernst und bedenklich. Djakowa und Prizrend seien stark bedroht. Die Stimmung sei erregt und die Erregung gegen die Serben sei offen­bar das Resultat fremder Einflüffe. Das ser­bische Kriegsministerium entsende bedeutende Verstärkungen nack Albanien. Aus Malis- sia wird der Ausbruch des Aufstandes der Albaner gegen die Serben gemeldet. Die Erbitterung der Malissier sei ungeheuer.

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Der Abschluß des Friedensvertrags.

Konstantinopel, 23. September. (Privat- Telegramm.) In d-r gestrigen Sitzung ha­ben die türkisch-bulgarischen Friedensdelegier­ten siebzehn Paragraphen des Friedens- Vertrages revidiert. Der Vertrag wird wahrscheinlich dreiundzwanzig Paragraphen enthalten. Die näckste Sitzung findet am Mitt­woch statt. Die Demobilisierung wird sofort nach der Nnterzcichnuno des Fr'sdens- vertrages beginnen, auch dürften nach dem Friedens-Abschluß die diplomatischen Bezie­hungen zwischen Sofia und Konstantinopel so­fort wieder aufgenommen werden.

Die Griechen «nd die Türke«.

Athen, 23. September. (Privat - Tele­gramm.) Soeben trifft hier die Nachricht ein, daß R e s ch i d Bei. der moram mit neuen Vorschlägen der Pforte nach Athen abreisen sollte, seine Reise auf unbestimmte Zeit ver­schoben hat. Trotzdem der Fricdensschluß hierdurch hinausgeschoben wird, glaubt man nicht an eine Verschlimmerung der Lage. Tie Presse verurteilt scharf die türkischen WinMzüge und fordert die Regierung auf, der Türkei be­züglich -er Beantwortung der Vorschläge der griechischen Regierung ein Ultimatum zu stellen.

Kaiserfahrt durch die Mel.

Die Reise-Dispositionen des Kaisers.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 23. September.

Der Kaiser wird am fünfzehnten Oktober in Gerolstein in der Eifel erwartet. Hier ist eil. neues Krongut begründet worden, dessen Kirche feierlich eingeweiht werden soll. Von Gerolstein aus begibt sich der Kaiser nach Trier, wo die große Kaiserbrückr über die

Mosel eingeweiht werden soll. Außerdem wird der Kaiser dort die Ausgrabungen des römi­schen Kaiserpalastes besuchen. Von Trier aus begiebt sich der Kaiser nach Donaueschin­gen und von dort nach Leipzig zur Einwei­hung des Völkerschlachtdenkmals.

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Kolonial-Reise des Kronprinzen?

Berlin, 23. September. (Privat« Telegramm.) Der Kronprinz, der auf seinen Wunsch bis zum ersten Oktober 1914 in Langfuhr bleiben wird, dürfte sein Kommando als Kommandeur der ersten Leibhusaren erst am erste» April nächsten Jahres abgeben. Der Kronprinz hat den Plan, auf einer grotzange- lcgtcn Reife die deutfchen Kolonien zu besuchen. Andererseits hat der Kronprinz den Wunsch geäußert, ein Kommando im Großen General st ab z» erhalten, doch steht bisher noch nicht lest, ob sich diese beiden Pläne verwirklichen lassen werden,

DieLiebe eines Kaisers. Der erste Napoleon «nd die Frauen; die Liebe im Leben und Handeln des Kaisers.

Im BerlaP von Georg Müller in München ist ein interessantes, reich tllusiriertes Werk an« der Feder Gertrude Kircheisens erschienen;Napoleon und die Frauen", das das Empsindungsleben des großen Korsen in ganz neuem Lichte zeigt und feine gigantischen Pläne und seine weltumspannende Poli­tik unter dem Gesichtswinkel des Frauen-Ein­flusses behandelt. Wir entnehmen dem Werke, das in seinen Einzelheiten bisher einzig dasteht folgenden interessanten, charakteristischen Abschnitt:

Was ist Liebe? Das Gefühl seiner eigenen Schwäche, von dem der alleinstehen- de Mensch bald durchdrungen wird; gleichzeitig auch das Gefühl seiner Machtlosigkeit. Das Herz krampft sich zusammen, es erweitert sich, schlägt stärker . . . süße Tränen rinnen. Das ist die Siebe." So sprach der junge Na­poleon. Von Rousseauschen Gedanken er­füllt und begeistert, schrieb er seine Ansichten über die Liebe, die er selbst noch kaum kannte, an einem düsteren Frbruartage im Jahre 1791 aus seiner Wanderung durch die Dauphins nie­der. Sein junges Herz empfand die Liebe als eine niedrige Eigenschaft, durch die Völker und Sitten zugrunde gerichtet würden. Nur eine Liebe erkannte er an: Die Liebe zum Vater­land.Ein dem Frauenkult überliefertes Volk hat nicht einmal soviel Kraft, zu begreifen, daß es Patrioten gibt!" Standen diese Aussprüche mit seinem Wesen und Verhalten im Ein­klang? Durste und konnte er so sprechen? Ja! Denn für Napoleon war die Frau nichts wei­ter als ein Z e i t v e r t r e i b. Er suchte ihre Gesellschaft, ihre Zärtlichkeit, ihre Liebe, wenn sein Geist das Verlangen nach Ruhe, nach Abwechslung hatte, oder die Frau war ihm rein Mittel zum Zweck, wenn seine ehrgeizigen oder politischen Pläne es erforderten.Frauen dürfen an meinem Hofe nie eine Rolle spielen (sagte er einmal zu Frau von Römusctt) sie werden mich deshalb hassen, aber ich habe we­nigstens Ruhe vor ihnen. . ." Aus seinen Hof­sesten

zitterte jede Dame

vor dem Augenblick, wo der Kaiser das Wott an sie richten würde. Es war ihm nicht gege­ben, jenen leichten Ton zu finden, tnvem man mit einem Nichts eine Liebenswürdigkeit, eine Schmeichelei aus spricht. Es kam Napoleon nicht darauf an, einer Dame, die kein Rot auf­gelegt hatte, vor versammelter Hofgesellschaft zu sagen:Madame, gehen Sie, schminken Sie sich. Sie scheu aus wie eine Leiche." Und den­noch besaß dieser Mann, der ein so schroffes Wesen vor der Oefsentlichkeit zur Schau trug, der die Liebe als Verderben bringend verab­scheute, der die Frau gering zu schätzen schien, ein liebebedürftiges Herz. Dennoch schrieb er die zärtlichsten, die glühendsten Brie­fe, wie sie nur ein Mann an eine geliebte Frau schreiben kann. Dennoch wurde er, der behaup­tete,die Liebe ist weiter nichts als ein wahn­sinniges Hoffen", von sehnsüchtiger Leidenschaft verzehrt, als er in Italien vergebens auf Jo- sephine wartete. I o f e p h i n e! Diese Frau allein hat sein Her, wahrhaft besessen; sie allein hatte Einfluß auf ihn. Napoleon selbst gesteht:Ich war niemals verliebt, ausgenom­men in Josephine". Wenn es einige Frauen außer ihr gegeben hat. wie die Gräfin Walews- ka oder die Schauspielerin George, Madame Fourös, Madame Duchhtel und Carlotta Gaz- zani, die

die Gunst des Kaisers

länger als manche andere besaßen, so konnten sie sich doch nicht rühmen, jemals irgendwelchen Einfluß auf ihn gehabt zu haben. War Napo­leon deshalb ein T Y r a n n, war er brutal ge­gen die Frauen, die ihm nahe standen? Der Schein zeugt gegen ihn, doch müssen wir mit einemNein" antworten. Eine sanfte Stimme, ein zärtliches Wort, eine Träne ver­mochten auch in seinem Herzen eine Saite er­klingen zu lassen, die zarte Empfindungen ver­riet.Ich hasse intrigante Frauen (schrieb er am sechsten November 1806 aus Berlin an Josephine), ich bin an gute und sanfte Frauen