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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
3» Jahrgang.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, 21. September 1913
Nummer 244
Fernsprecher 951 und 952.
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JnWen-Ewde!
TFtinf Jahre unschuldig im Zuchthaus; eine Fßair als Opfer eines Justiz-Irrtums.
Die Berliner Kriminalpolizei befaßt sich augenblicklich mit der Aufklärung eines Kapitalverbrechens, das schon im März 1908 das Schwurgericht des Landgerichts Elberfeld beschäftigt hat. Es wurde damals eine Frau Hamm wegen Beihilfe und Anstiftung zur Ermordung ihres Mannes für schuldig erachtet und zu vierzehn JahreuZuchthaus verurteilt. Nach- deur die Berlin« Kriminalpolizei erneut Ermittlungen in dieser Affäre angestellt hat, dürfte es jetzt als bestimmt erwiesen anzusehen sein, daß Frau Hamm, die vo« vornherein ihre Unschuld be- schwt^r und inzwischen fünf Jahre Zuckst- haus verbüßt hat, des Verbrechens nicht schuldig ist. Trotz der zwingenden Beweise, die der Berliner Polizeirat Braun auf Grund der Ermittlungen des Kriminalkommissars Metelmann in einem ausführlichen Gutachten zusam- mengestellt hat, befindet sich Frau Hamm noch immer im Zuchthaus zu Siegburg, da der Erste Staatsanwalt in Elberfeld es nicht für angebracht erachtet hat, die Strafhast zu unterbrechen. Es soll nun der Versuch gemacht werden, eine Wiederaufnahme des Falles durchzusetzen Eine Justiz-Tragödie, deren Opfer Ane Frau geworden. Wte's kam? Der Po- lizeirat Braun vom Berliner Polizei-Prüfldi- um, eine Autorität auf kriminalistischem Gebiet, erzählfs in einem ausführlich begründeten Gutachten, das alle kriminellen und prozessualen Momente des Falles scharf beleuchtet und in der Ueberzeugung gipfelt, daß die un- glückliche Frau, die seit fünf Jahren hinter den Mauern des Zuchthauses in Siegburg schmachtet, das Opser eines verhängnisvollen Justiz- Irrtums geworden ist. Es handelt sich um folgende Ereignis- und Zufall-Verkettung: Am siebzehnten November 1907 wurde nachts in Flandersbach bei Elberfeld der Bauernhofbe- sitzer Hamm ht seinem Wohnhause von seiner Frau mit schweren Verletzungen aufgefunden. Noch ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war, verblutete der Verletzte, da die große Schlagader unter dem Arm durch einen Messerstich getrosten worden war. Trotz der umfangreichsten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Polizei-' behörden gelang es zunächst nicht, den Täter ausfindig zu machen. Man wandte sich deshalb (tote es bei Kapital-Verbrechen in der Provinz fast immer zu geschehen pflegt) an das Berliner Polizeipräsidium und verschrieb sich den Kriminalkommissar von Tresckow, der inztoische» aus seinem Amt geschieden ist. Tresckoto lentte den Verdacht sofort auf die F r a u des Ermordeten. Er ermittelte, daß die Ehe der Hammschen Eheleute recht unglücklich gewesen sei, und kam dann aufgrund einer großen Anzahl von Indizien zu dem Schluß, daß Frau Hamm einen unbekannten Täter zu dem Morde an ihrem Manne angestiftet habe. Der Kommissar glaubte Beweise dafür zu haben, daß Frau Hamm einen Einbruch vorgetäuscht habe, »m auf diese Weise den Verdacht von sich abzulenken. Die Frau beteuerte ihre Unschuld, flehte, beschwor, verzweifelte: Das Jndizien- Verhängnis triumphierte und am achtzehnten Juli 1908 fällten die Schwurrichter von Elberfeld ihren Spruch: Schuldig der An stift»n g zum Morde; Urteil: Vierzehn Jahre Zuchthaus!
Dieses Urteil (sagt Polizeirat Braun) ist ,'itt Spruch irrender Justiz, und fein Opfer ist ein Menschen-Schicksal! Der erfahrne Kriminalist ist überzeugt, daß die größte Schuld an dieser verhängnisvollen Irrung sttafender Gerechtigkeit den Kriminal-Kommissar von Tresckow trifft, der eine unschuldige Frau auf lange Jahre ins Zuchthaus gebracht und eine um den Verlust des Gatten trauernde Witwe zur Mörderin gestempelt habe. Die vom Berliner Polizei-Präsidium in der Angelegenheit angestellten Recherchen haben nämlich zwei- felftei ergeben, daß Hamm überhaupt nicht das Opfer eines Mörders geworden ist, sondern im Kampf mit einem Einbrecher die tödlichen Verletzungen erhalten hat. Polizeirat Braun stellt in seinem Gutachten fest, daß alle Voraussetzungen, auf die sich das Zuchthaus-Urteil des Schwurgerichts Elberfeld stützt, irrig sind und einer kritischen Nachprüfung nicht standhalten. Der gesamte Indizienbeweis gegen Frau Hamm, der durch den Kommissar von Tresckoto konstruiert worden war, falle in nichts zusammen, und damit schwänden naturgemäß auch die Schlußfolgerungen, die sich daraus hinsichtlich der Beurteilung der Schuldftage ergäben. Die amtlichen Ermittlungen des Berliner Polizeipräsidiums erweisen Puntt für Puntt das unver
rückbare Gegenteil derjenigen Feststellungen, die vor sechs Jahren der Kommissar von Tresckow als Ergebnis seiner Untersuchungen protokollierte, und es ist sicher die schärfste Kritik der Tätigkeit Tresckows, wenn Polizeirat Braun in seinem Gutachten zu dem Schluß kommt, daß „in dem umfangreichen Bericht des Kommissars auch nicht der Schatten einer Tatsache zur Belastung der als Mörderin verdächtigten Frau aufzufinden fei". Trotzdem: Die Schwurrichter von Elberfeld erkannten die unglückliche Frau als schuldig der Anstiftung zum Gattenmord und überantworteten sie für vierzehn lange Jahre dem Zuchthaus. Jndizien-Sünde wurde Sünde an der Unschuld!
Das Gutachten des Polizeirats Braun ist inzwischen der zuständigen amtlichen Stelle: Der Staatsanwaltschaft in Elberfeld (als Strafvollstreckungs-Behörde) zugestellt worden, da Polizeirat Braun die sofortige Unterbrechung der Strafhaft und die Wiederaufnahme des Verfahrens von amiswegen als Dringlichkeitsgebot der Gerechtigkeit bezeichnete. Die Elberfelder Staatsanwaltschaft hat sich indessen trotz der überzeugenden Darlegungen des gewiegten Kriminalisten bisher nicht zu der Auffassung bewegen lassen, daß im Falle Hamm ein Justiz-Irrtum begangen worden ist, hat vielmehr dem Berliner Polizei-Präsidium den Bescheid zngehen lassen, daß „die übersandten Ausfiihrungen die Staatsanwaltschaft nicht veranlassen könnten, die Strafhast der Frau Hamm zu unterbrechen ..." Es wird also vermutlich nichts übrig bleiben, als im Wege der Ersttebung des Wiederaufnahme-Verfahrens die Justiz von der Schuldlosigkeit einer unglücklichen Frau zu überzeugen. Daß diese Schuld- losigkeit erwiesen ist, kann nach den eingehenden Darlegungen des Polizeirats Braun (der sich um die Ermittlung der Wahrheit ein vom Menschlichkeit- und Gerechtigkeit-Standpunkt aus gleich hoch zu schätzendes Verdienst erworben hat) nicht zweifelhaft feilt. Die Tragödie der unglücklichen Frau, die, eine Schuldlose, feit fünf langen Jahren hinter Zuchthaus-Mauern schmachtet, zwingt zu derFrage, wie es möglich war, daß aufgrund eines künstlich konstruierten, auf irrigen Voraussetzungen fußenden Jndizien-Beweises ein Urteil zustande kommen konnte, das über ein Menschen-Schicksal entschied! Der Kommissar von Tresckow fand, als er von Berlin zum Schauplatz des Verbrechens beordert wurde, den erweislichen Tatbestand einer unglücklichen Ehe vor, und es liegt also nahe, anzunehmen, daß auf der Basis dieser Feststellung die Konstruftion des gesamten Beweis-Materials des Kommissars aufgebant worden ist. Sherlock Holmes würde vielleicht zu ähnlichen Schlüssen gelangt sein; aber wir leben im deuffchen Rechtsstaat und nicht in Amerika, und eine einz'ge Sünde der Gerechtigkeit wiegt schwerer als ein Dutzend ungesühnter Verbrechen. Der Fall Hamm ist eine Anklage wider die Gerechtigkeit, und nicht nur die Justiz, sondern auch das Menschlichkeit-Gewisse» wird darüber das Urteil sprechen ...! F. EL.
kill Kampf um SalmM
Friedensabschlutz ««d Kriegsgefahr.
Wie aus Konstantinopel amtlich mitgeteilt wird, haben die türkischen und bulgarischen Friedensdelegierten in ihrer letzten Sitzung das Protokoll über die endgültige Grenz- fest setzung unterzeichnet und damit die Kernftage des Friedensvertrags erledigt. Das Friedensabfchlußprotokoll wird wahrfcheinlich bereits am Montag unterzeichnet werden.
Konstantinopel, 20. September.
Selbst amtliche türkifche Kreife geben nunmehr zu, daß die jetzige Bewegung in West-Thrazien und der Vormarfch türkifcher Streitkräfte tatsächlich auf die Wiedergewinnung Salonikis abziele», wodurch Mazedonien und Thrazien selbständig werden würden. Tie Diplomatie verfolgt mit großer Besorgnis die weitere Entwicklung der Dinge.
Sofia, 20. September.
Die Regierung erhielt authentische Nachrichten, daß 2500 Bulgaren aus der Gegend von Florina von den griechische» Behörde» auf Reine unbewohnte Inseln im Acgäifchen Meere deportiert worden find, wo sie verhungerten oder getötet wurden. Die Nachricht hat in Bulgarien die grüßte Erbitterung gegen Griechenland Hervorgerufe«.
Es bleibt abzuwarten, ob die beiden Meldungen sich b e st ä t i g e n werden. Entsprechen sie aber den Tatsachen, dann ist ihre Bedeutung nicht zu unterschätzen, denn wenn die Türkei tatsächlich den Plan hegt, Salonifi von den Griechen zurückzuerobern, dann würde
das gleichbedeutend sein mit der Heraufbe- schwörung eines dritten Balkankrieges, in dem die Bulgaren sicher auf Seite der Türkei zu finden fein würden, da in Bulgarien die Erbitterung gegen die Griechen den Höhepunkt erreicht hat. Man sieht also: Trotz des Friedensfchlusses drohen immer noch Gefahren!
Bethmann «nd HelffeM.
Die Zukunft bet deutschen Politik.
Wir haben schon mitgeteilt, daß der Reichskanzler von Bethmann Hollweg seine Ferien beendet hat und in den September- Frieden der Berliner Wilhelmstraße zurückgekehrt ist. Der Kanzler hatte sich seinen Urlaub in zwei Teile geteilt. Als der echte Philosoph, der er ist, blieb er während der Hauptreisezeit daheim in der Stille von Hohenfinow und erst als sich die Hochflut der Reisenden verlaufen hatte, packte er seine Koffer. Sein Ziel war die Schweiz. Diesmal ging die Fahrt nach Sils Maria, wo der Kanzler seine Ferien verlebte. Wir erhalten dazu folgende Mitteilungen:
Kanzler «nd Bankdirettor. j
(Von unferm politischen Mitarbeiter.)
Berlin, 20. September.
Wenn wir auch nichts davon gehört haben, daß Herr von Bethmann Hollweg aus den Höhen von Sils Maria prasselnde Tatblitze in die deutsche Heimat niederzucken ließ, so wissen wir doch, daß der Kanzler dort wichtige Taten vorbereitet hat. Er hat sich nicht der Einsamkeit ergeben, sondern sich die Gesellschaft einer sehr bemerkenswerten Persönlichkeit gesichert. Das war Herr Karl Helfferich. Von Beruf Direktor der Deutschen Bank. Aber Herr Helfferich ist ein ganz besonderer Bankdirektor. Von feinen Kollegen ist er sicher der gelehrteste, wie feine volkswirtschaftlichen Bücher (ein neues Werk von ihn; foll bald erscheineii) beweifen. Aber Herr Helfferich ist auch ein P o l i t i k e r. Er hat lange Zeit unserm auswärtigen Amt angehört und dort den Titel eines Wirflichen Legationsrats erlangt.. Er arbeitete in der Kolo- nialabtellung und viele Leute festen ihn in der Zukunft an der Spitze eines Reichsamts oder Staatsfekretariats. Jedenfalls legt die Reichsregierung auf Helfferichs Ratschläge den größten Wert. Denn Helfferich hat eine
große Orient-Erfahrung.
Er war ja auch einmal Direftor der A n a i o - lifchen Bahn und der Bagdad-Bahn. Er war es, der vor einigen Jahren die letzten Verhandlungen über die Bagdad-Bahn zwifcheu Deutfchland und Frankreich in Paris im Auftrag der Reichsregierung führte. Und er hat sich in Paris nicht nur um die Bagdad- Bahn gekümmert. Er hat bei Politikern und Ministern, bei Finanziers und Journalisten an der Seite allerlei zufammengehört und zufam- mengehorcht. Das Resultat trug et nach Sils Maria, um es dort dem Kanzler des Reichs zu unterbreiten. Die beiden Herren hatten täglich stundenlange Konferenzen und man kann es glauben, daß sie sich nicht bloß über das fchlechte Wetter unterhalten haben. Es ist in Sils Maria anderZukunstder deut- fcheu Politik gearbeitet worden, an der Zukunft unserer Orient-Praxis und an der Zukunft unserer Franzofen-Behand- l n n g. Das war die Ferienaufgabe des Reichskanzlers, der nun daran geht, in der Wilhelmstraße zu ernten, was er in Sils Maria gesät hat. Ob m i t. ob o h n e Helfferich, wird sich bald offenbaren.
Die Kaiserfahrt «ach Oesterreich.
Wie uns Depeschen aus Wien melden, trifft Kaif et Wilhelm am dteiundzwan- zigften Oktober zum Besuch des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand auf Schloß Konopischt ein, wo er zwei Tage bleiben wird. Darauf wird er Kaiser FtanzJoseph in Schönbrunn einen Besuch abstatten, der wahrscheinlich einen Tag dauern wird. Daß es sich bei diesen Besuchen um mehr als einen Höflichkeitsatt des Kaisers handelt, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Die österreichische Presse spricht denn auch übereinstimmend von dergroßenpoli- tischenBedeutungdes Kaiserbesuches.
Armee-Flucht der Erzherzoge!
Auch Erzherzog Friedrich will gehe«.
Wie», 20. September. (Privat-Te- l e g r a m m.) Der Armee-Jnspettor und Oberkommandant der öftereichische« Landwehr, General der Infanterie, Erzherzog Friedri ch, soll de» Kaiser Franz Joseph neuerdings gebeten haben, ihn von seinedr militärischen Dienstposten aus Gesundheitsrücksichten zu entbinden. Die Entscheidung des Kaisers über diese Bitte ist noch nicht bekannt, doch alauto.
man, daß dem Ersuchen des Erzherzogs statt- gegeben werden wird. Es ist dies innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitraumes der vierte Fall, daß ein österreichischer E r z- herzog aus seinem militärifchen Dienstverhältnis scheidet. A
Prinzessin Sofia.
Die Prinzesfinnentragödie im Fürstenhäuser der Tod der Prinzesfin «nd seine Gründe.
Depeschen ans SeidekVerg ntclben uns r Die Staatsanwaltschaft verweigert «ach wie vor über die Resultate ihrer Erhebungen, die sie itber den Selbstmord der Prinzessin Sofia angestellt hat, jede Auskunft. ES ist aber Tatsache, datz es fich bei der Prinzesfin um Selbstmord ans Liebeskummer handelt. Zu der Nacht wurde So« einem Schaffe in dem Palais nichts gehört. Erft in der sriihen Morgenstunde sand die sranzöstsche Kammerzofe diePrinzesfin mit durchschos- senerStirn im Bett. Der herbeigernfene Arzt konnte nur den Tod seftftellen. Die Leiche der Prinzesfin liegt jetzt im Speisesaale deS Palais unter einem Berge von Blumen «nd Kriinzen aufgebahrt. Im Trauerhause laufen zahlreiche B eile idskundgebunge« ein.
Der plötzliche Tod der Prinzessin Sofia von Sachsen-Weimar, der den Hev- zensromarr der jungen Prinzessin jäh abschloß/ steht (wie wir schon gestern mitteilten) in unmittelbarem Zusammenhänge mit den Schwierigkeiten, die sich einer Verbindung der Prinzessin mit Dr. jur. Hans von Bleich- röder entgegenstellten. Von zuständiger Sette wird bestätigt, daß zwischen den beiden jungen Leuten ein heimliches Verlöbnis bestand, und daß man bis zum letzten Moment gehofft hat, die Hindernisse, die der ehelichen Verbindung gegenüberstanden, beseitigen zu können. Es liegt keine Veranlassung vor, diese Schwierigkeiten auf gegensätzliche Auffassungen konfessioneller oder zeremonieller Fragen zurückzuführen. Gerüchte, daß Dr. Bleichröder feine Verlobung vor kurzer Zeit gelöst habe und die Prinzessin in Verzweiflung über die-, fen Schritt geraten fei, werden dementiert. Erwähnt sei noch, daß der Onkel der Prinzessin, Prinz Alexander von Weimar, vor- mehreren Jahren Selbstmord durch Erschießen in Baden-Baden beging. In Heidelberg erregt das tragische Ende der Prinzessin Sofia um so mehr Tefluahme, als die Prinzessin bisher stets ein lustiges und heiteres Wesen an den Tag legte. Von der Staatsanwaltschaft werden nach wie vor alle Auskünfte über den Tod der Prinzessin verweigert, doch werden jetzt von Persönlichkeiten, die in engster Beziehung mit dem Hofe standen, die Nachrichten, daß die Prinzessin durch Selbstmord geendet hat, be- ftätiflit.
Die Beisetzungs-Feierlichkeiten werden am heutigen Sonnabend nachmittag stattfindeu. Die Leiche wird im Krematorium zu Heidelberg verbrannt und die Asche bann nach Weimar gebracht werden, wo die Urne in der Fürstengruft beigesetzt werden soll. Man hat von allen größeren Trauerfeierlichkeiten abgesehen und will die Einäscherung nur im Beisein der engsten Famflienmitglieder vollziehen. Herr von Bleichröder soll, wie es heigt, an diesen Feierlichkeiten teilnehmen und bereits in Heidelberg eingetroffen fein. Bis zur Stunde ist jedoch Näheres über fernen Aufenthalt in Heidelberg noch nicht bekannt geworden. Inwieweit der Selbstmord tatsächlich mit der Herzensneigung der Prinzessin zu dem Sohne des Bankiers von Bleichröder zusammenhaugt, läßt sich noch nicht seststellen. Jedenfalls wurde die Verbindung vom Haufe Weimar stets in Abrede gestellt. Soviel aber sieht fest, daß die Prinzessin sich sch o n la n g e mit dem Gedanken, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, trug. So soll sie kürzlich erst ihre Enttäuschung über einen glücklich überstandenen Auto-Unfall in Tirol offen ausgedrückt haben. Das tragische Ende der Prinzessin hat auch in Weimar lebhafte Teilnahme und Aufsehen hervorgerufen. Die Prinzessin, eine Cousine des, Großherzogs, ist übrigens persönlich in Weimar fast unbekannt! Sie hat sich mit ihrem Vater immer außerhalb des Grotzherzogtums aufgehalten und unterhielt mit dem Hofe keine engeren Beziehungen. Den Großherzog wird die Nachricht umso schwerer treffen, als feine Gemahlin feit Monaten an den Folgen einer Schatlacherkrankung schwer leidend darniederliegt.
Fürstenkinder-Liebe.
Demokratische Prinzessinnen unb ihre Ehe«.
(Von unferm P. v. Ll.-Mitarbeiter.)
Berlins 20. September-
Auch die Fürsten haben ein Herz, genau wie die anderen Menschen, und auch das Herz der Fürsten will nicht immer Das, was die Politik oder die Staatsraison vorschreibt. Ma« hat denn auch genug Beispiele in der Geschichte der Fürstenhäuser von Prinzen und Prinzessinnen, die Ehen eingingen nach eigenem Gefallen, selbst toemt sie ihr Glück mit dem Verlust von Rang und Würde erlaufen mußten. Ein markantes Beispiel dafür war die Prinzessin Pauline von Württemberg, die eine. Nain-tugsheirat mit dem vor einigen Jahrrn