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Kasseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 243.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 20. September 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Prmzesfimen Tragödie. Selbstmord der Prinzessin Sofia von Sach- sen-Weimar; ein Opfer unglücklicher Liebe.

Die fünfnndzwanzigjiihrige Prinzessin Sofia von Sachsen - Weimar, die einzige Tochter des in Heidelberg lebenden Prinzen Wilhelm von Sachsen-Weimar, hat fich in der Rächt zürn Donnerstag im Palais Weimar ta Heidelberg erschossen. DaS tragische Ende der Prinzessin wird mit einer nngliick- lichen Liebe in Zusammenhang gebracht, die die Fiirstentochter mit dem Sohne des Ber­liner Grohfinanzi«svon Blerchröder ver- band nnd der angeblich seitens des grotz. herzoglich-weimarischen Hanfes dauernd stärk­ster Widerstand entgegengestellt worden. Seltsame Kontraste: Felix Holländer, der in fünfundvierzig Lebensjahren Gereiste, vom Ruhm des Dichtererfolgs sonnig Ueberstrahlte, opfert seiner Liebe Alles, das ihn an die Hei­mat-Erde fesselt: Ehre, Lorbeer, Gold und Macht, legt zwischen Vergangenheit und Zu­kunft die ungeheure Weite des Atlantik und scheidet, ein urn's Glück Kämpfender, von Allem, das ihm lieb und teuer. Ein junges Fürsten­kind, emporgewachsen im Prunk der höfischen Sphäre, umgeben von allen Reizen des Lebens und des Glücks, stirbt für seine Liebe, wirft das ihm zur Qual gewordne Dasein von sich und entsagt der Welt, weil sie ihm nichts mehr bieten kann. Dort der starke, kämpfende und ringende Mann, der Welt und Widerständen trotzt, kühn die Konsequenzen seines Handelns zieht und voll Energie daran geht, aus eigner Kraft in einer neuen Welt ein neues Dasein zu gestalten. Hier das verwöhnte Kind des Glücks, inrrüften allen Prunks und Glanzes eine Unglückliche; auch eine Kämpfende, Rin­gende, dix alle Macht des Empfindens, alle Kraft des Willens gegen Tradition und Kon­vention stemmt, und die schließlich doch unter­liegt, weil sie die Unmöglichkeit erkennt, das in traumhaft-weiter Ferne entschwebende ZiÄ zu erreichen! Der Revolverschuß, der das blü­hende Leben der fünfundzwanzigjährigen Prin­zessin Sofia geendet, hat mit katastrophaler Ge­walt eine Tragödie zum Abschluß gebracht, die das Gefühl nicht verstehen und der Verstand nicht begreifen kann. Eine Tragödie starren Vorurteils, deren Ursachen und Wirkun­gen man umso tiefer bedauert, als sie unsrer Zeit so *remd geworden wie die Puder-Perrücke und das Ritterschwert.

Die Tochter des Fürstenhauses Weimar liebt den Sohn eines Millionärs, den Sprossen eines Königshauses der Finanz, sicht diese Liebe voll Leidenschaft erwidert und erkennt doch, daß das Glück der Sehnsucht so fern, wie die Erde der Sonne: Das Ebenbürtigkeit-Prinzip stellt sich zwischen die Liebenden wie der Mauer­wall einer bröckelnden Ruine. Es versagt die Vernunft und es versagt das Gefühl: Durch Jahrhunderte zurück führt das starre Vorurteil bis zum Ursprung einer Laune, einer in grauer Vorzeit längst versunkncn Fiktion, die mehr Opfer an Menschenglück und Herzenfrieden ge­fordert hat als der blutigste Krieg der Weltge­schichte. Was tut's? Das stirstliche Hausgesetz, dessen Härte der eiskalte Egoismus dynastischer Interessen in urväterlicher Zeit bestimmte, nennt die Hoheit des Fürstenhauses für immer vom breiten Lebensstrom bürgerlicher Welt, und obgleich Wissenschaft und Rechts-Erkennt­nis längst die Unvernunft des Inzucht-Zwangs erwiesen: Es fallen Opfer 'am Opfer und der Geist des Mittelalters triumphiert! Man fühlt auftichtigcs Mitleid mit der Unglücklichen, die sich durch die Flucht vorm Leben aus den Fes­seln dieses Zwangs Befreite, die keinen andern Ausweg aus dem Konflikt zwischen (aufer- zwungner) Pflicht und Liebe sah als den Ver­zweiflungs-Schritt in den Tod, und das Men- schen-Gewissen fragt: Ist die dämonisch-grau­same Heiligkeit des Ebenbürtigkeit-Prinzips nicht ein Verbrechen, wenn sie das Menschliche im Menschen ertötet und die in ihrem Bann Lebenden zwingt, die Freiheit des Menschen­tums widerspruchslos einer verhängnisvollen Fiktion zu opfern?

Man lenke, rückschauend, den Blick von Weimar hinweg auf Oesterreich, durchblättre die Schicksal-Geschichte des Kaiserhauses Habs­burg, und man wird auf jeder Seite dieser düstren Chronik den Spuren jener Tragödien begegnen, die aus dem Ringen freien Menschen­tums mit dem Zwang mittelalterlichen Vor­urteils emporwuchsen und dem Hause Rudolf von Habsburgs tiefre Wunden schlugen als all« Irrungen seiner Herrschaft-Zeit. Das Le­ben rächt sich am Leben, und man kann's ver­stehe«, daß Fran; Josef, dem Greis auf dem Kaiserthron, die Tränen über die welken Wan­gen rannen, als er vor Zweijahresstist den Erzherzog Franz Karl als Franz Karl Burg aus dem Familicn-Verband des Kaiserhauses entließ, um der Stimme des Herzens zu fol­

gen. Franz Josef sah das Schicksal, das auch auf Fürstenthonen Glück und Leid bestimmt, in allen seinen Wandlungen und Fügungen; er wurde mild und weich, lernte verstehen und erkennen und gab dem Leben, was ihm gebühr­te. Auch in Weimar hat man den Flügelschlag der neuen Zeit gespürt: Prinz Hermann von Sachsen-Weimar, aus dem Metternich-Prozeß und andern Sensations-Affären bekannt, ging als Graf Ostheim in die Fremde, irrte und sühnte und versank schließlich in London im Nebelmeer der Vergessenheit. Die Tragödie der Schwester ist erschütternder, düstrer und ver­hängnisvoller: Sie endete ein blühendes, jun­ges Leben, das an der Sehnsucht nach Glück und Freiheit, Liebe und Sonne zugrundeging: Das Leben rächt sich am Leben ...! F. H.

Prinzessin Sofia von Weimar f.

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Heidelberg, 19. September.

In der Rächt zum Donnerstag starb hier plötzlich in ihrem fünftmdzwanzigsten Le­bensjahre die Prinzessin Sofia von Sachsen-Weimar, die einzige Tochter deS hier lebenden Prinzen Wilhelm von Sach­sen-Weimar-Eisenach. Als die Nachricht be- kannt wurde, daß die Prinzessin plötzlich einem Herzschlag erlegen sei, verbreite­te sich unmittelbar daraus das Gerücht, sie habe Selbstmord verübt. Dies wird von unterrichteter Seite bestätigt. Ter Vorgang wird wie folgt geschildert: Die Prinzessin Sofia hatte sich am Mittwoch, wie allabendlich, von den Ihrigen verab­schiedet und sich dann auf ihr Zimmer zu­rückgezogen. Im Schloß waren die meisten Bewohner bereits zu Bett gegangen, als man plötzlich eine Schutzdetonation vernahm. Man eilte in das Zimmer der Prinzessin und fand sie bereits als Leiche auf. Sie hatte fich mit einem Revolver in die Stirn geschossen und war sofort tot. Die Prinzessin war vor wenigen Tagen von einer Automobilreise durch Tirol zurückgekehrt die sie gemeinsam mit ihrem Vater und einem Offizier der Heidelberger Garnison unternom­men hatte. Vor mehreren Monaten waren, wie erinnerlich Gerüchte über einen Liebesro­man der Prinzessin verbreitet. Es hieß, daß sie sich mit dem Sohn des bekannten Berliner Großfinanziers von Bleichröder, dem dreißig­jährigen Baron Dr. H a n s v o n B l e i ch r ö - der, verlobt habe, aber diese Gerüchte wurden damals vom Hause Weimar energisch demen­tiert. Trotzdem ist die Prinzessin noch bis m die letzte Zeit häufig in der Gesellschafl dieses Herrn gesehen worden, und es wurde immer wieder behauptet, daß sie trotz aller Dementis mit dem Sohn des Finanziers verlobt sei. Es wird bekannt, daß der Vater der Prinzessin nut einer Heirat einverstanden gewesen wäre, je­doch habe der regierende Großherzog als Chef des Hauses die Verbindung nicht zuge­geben und da dieser Zweig der Linie materiell vom Großherzog abhängig ist, konnte der Vater der Prinzessin nichts anderes tun, als die Er­laubnis verweigern. Die Trauerfeier findet am Sonnabend in Heidelberg im Palais Weimar statt. Nach der Einäscherung im hiesigen Kre­matorium wird die Urne nach Weimer ge­bracht. Prinz Wilhelm erflärte auf Befragen, daß er über die Gründe des Todes der Prin­zessin keine Angaben machen könne. Am Abend vor der Tat saben Straßenpassanten, daß die Prinzessin mit ihrem Bruder ein sehr ernstes Gespräch führte, das jedenfalls in Beziehung zu der Herzensaffäre der Prinzessin stand. Die Leiche der Prinzessin ist im herzoglichen Palais unter Blumen aufgebahrt. Ein Bruder der Prinzessin ist der in London unter dem Na­men eines Grafen von Ostheim lebende frühere Prinz Hermann von Sachsen-Weimar, der seinerzeit auf Rang und Titel eines Prinzen verzichtet hat.

Jede Auskunft wird verweigert!

Heidelberg, 19. September. (P r i - vat-Telegramm.) Das tragische Ende der Prinzessin Sofia von Sachsen-Weimar erweckt hier umso mehr allgemeine Teilnah­me, als die Prinzessin stets ein lebensfrohes und heiteres Wesen an den Tag legte. Von der Staatsanwaltschaft werden Auskünfte über den Tod der Prinzessin nach wie vor verweigert, doch werden heute von Per­sönlichkeiten, die in enger Beziehung mit dem Hof stehen, die Nachrichten über den tragischen Selbstmord der Prinzessin aus unglücklicher Liebe bestätigt.

Verhaftete Hamburger Direktoren.

Neue Hamburger Sensationen.

Hamburg, 19. September. (Privat- Telcgram m.) Auf Grund eines von der Staatsanwaltschaft ergangenen Haftbefehls wurden heute wegen Handels- und Konknrs-

delikts, sowie Unterschlagung die beiden Di­rektoren der Hanseatischen Bank, Aktienge­sellschaft, Kramer von Clausbruch, und Heinrich A. B ü t h e verhaftet. Die Geschäfts­bücher wurden beschlagnahmt.

Griif Zeppelins Memoiren.

Die Erinnerungen des Luft-Eroberers.

In nächster Zeit, etwa Anfang Januar näch­sten Jahres, wird ein M e m o i r e n w e r k er­scheinen, das nächst den Erinnerungen Bis­marcks Wohl eines der für die deutsche Kultur­geschichte der neuesten Zeit bedeutsamsten Werke sein dürste. Graf Zeppelin, der Pionier der Luftschiffahrt und Schöpfer unserer wichtig­sten Luftwasfe, ist nämlich damit beschäftigt, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Das Werk, das einen starken Band füllt, soll in einem Berliner Verlag erscheinen und Alles enthalten was Zeppelins Tätigkeit als Vor­kämpfer der Luftschiffahrt betrisst. Es Wird uns dazu geschrieben:

Zeppelins Kampf und Sieg.

(Von unserm H. v. ^.-Mitarbeiter.)

Berlin, 19. September.

Die demnächst erscheinenden Memoiren des Grafen Zeppelin werden gleichzeitig eine Art Bekenntnis und Vermächtnis des Pioniers der Luftschifsahrt an seine Zeit ent­halten. Graf Zeppelin beginnt mit der Erzäh­lung seiner frühen Jugend und zeichnet sein ganzes Leben mit seinen vielfältigen Wechsel­fällen, Schlägen und Triumphen, bis zur neue­sten Zeit nach. Auch die Anfangs-Kapitel, die zum ersten Male einen wirklichen richtigen Einblick in den Entwicklungsgang des großen Erfinders geben werden, dürften in weitesten Kreisen regem Interesse begegnen. Gerade von der Jugend und der Jüng­lingszeit des Grafen Zeppelin weiß man bisher nur äußerst wenig, während die letzten Jahre fast jedem Kinde geläufig sind. Den Höhepunkt der Zeppelin'schen Erinnerungen wird sicherlich die Schilderung jener Tage im Jahre 1908 bilden, die die Wendung zum G u - t e n im Leben und der Arbeit Zeppelins brach­ten: Der Tage von Echterdingen, in de­nen das deutsche Volk mit seiner National- 'pende so großartig eingriff, um dem Grafen Zeppelin die Weiterarbeit an seinem Werk zu ermöglichen. Es liegen gerade jetzt die ersten authentischen Mitteilungen über die Verwen­dung derZeppelin-Spende" vor, aus denen folgende Einzelheiten interessieren dürft ten. Aus der Summe von 6100 000 Mark er richtete Graf Zeppelin dieZeppelin-Stiftung" mit der Bestimmung, daß alle Einkünfte aus dieser Stiftung der Entwicklung der Luft- s ch i f f a h r t und deren Verwendung für die Wissenschaft dienen sollten, und daß 1500 000 Mark des Kapitals

unantastbar miindelficher anzulegen seien. Der Vorstand der Stiftung ist uneinge­schränkt Graf Zeppelin; nach seinem Tode sind es Freiherr von Gemmingen und Freiherr von Bassus, denen ein Aussichtsrat zur Seite stehen wird. Zugleich mit der Stiftung wurde als Gesellschaft mit beschränkter Haftung der Luftschiffbau Zeppelin" gegründet, von dessen Kapital (im Ganzen vier Millionen Mark) die Stiftung 3 698 000 Mark besitzt. Für 300 000 Mark der Geschäftsanteile übernahm Graf Zeppelin persönlich, je einen Anteil von 1000 Mark erhielten Freiherr von Gemmingen und Freiherr von Bassus. Der Stiftung wur­den noch die Mittel für den Ersatz des bei Echterdingen zerstörten Schiffes und für die Herstellung des späteren Militärluftschiffes Z T entnommen. Beide Schiffe hatte Graf Zeppelin dem Reich zu liefern, um eine ihm vom Reichstag in Anerkennung seiner Leistungen be­willigte Summe von 2150 000 Mark einzulösen. Die Mittel waren bestimmt, ihm seine frühc- ren Auslagen zu ersetzen, sie hatten es ihm zu­gleich ermöglicht, sein Werk durchzuführen. Als dann der vorn Reichstag bewilligte Betrag mit Ablieferung beider Schiffe eingelöst werden konnte, erstattete Gras Zevvclin alle ihm früher zur Verfügung gestellten Mittel zurück. Auch die Aktionäre der ehemaligenAktiengesellschaft zur Förderung der Lustschiffahrt" erhielten die von ihnen gewiß längst ausgebuchten Beträge für ihre Aktien wieder zurückbezahlt.

Zeppelin-Schiffe ans der Fahrt.

Depeschen aus Leipzig melden uns: Das Militärluftschiff Z I hat auf der Fahrt von Liegnitz nach Frankfurt a. M. heute stütz um halb sieben Uhr die Stadt Leipzig passiert. Die Ankunft in Frankfurt dürfte mittags erfolgen Das LuftschiffSachsen" ist heute früh kurz nach sechs Uhr zu einer Fahrt nach der Sächsi­schen Schweiz aufgesticgen. Ferner wird uns ans Erfurt berichtet: Um halb neun Uhr vslftniftags passierte das Militärlustschiff Z I in schöner Fahrt unsere Stadt.

Zn den ShinmWhlerr Frankreichs.

Das Opiumlaster in der Marine.

Paris, 19. September. (Privat-Te- legramm.) Die Verheerungen, die der Be­such der Opiumhöhlen in den sranzösischen Kriegshäfen uni> namentlich in Toulon unter den französischen Marineoffizieren an­

gerichtet hat, befchäftigt feit Monaten die Oes- fentlichkeit und die Behörden. Jetzt ist die Ver­haftung von vier Opiumhändlern in Toulon erfolgt und es zeigte sich dabei, datz das ver­derbliche Laster unter den Marineoffizieren ge­nau fo grassiert, wie früher. Die Händler hat­ten bei der Kriegsmarine eine ausgedehnte Kundschaft. Wiederum befindet sich unter den Festgenommenen eine Frau.

Kassels «leftrizitSts Werk.

Das Ende der A. E. G -Affäre; hinter ver« schlvffenen Türen; Vertrag mit dem Staat.

Die fernere Gestaltung der Zukunft des Casseler Elettrizitätswerks wurde gestern abend in vertraulicher Sitzung der Stadtver­ordneten entschieden: Die Stadt Cassel schloß günstige Verträge mit dem Staat und dem Landkreise Cassel ab. die bereits die Genehmigung des Ministers gefunden ha­ben. Damit hat die A. E. 6.-Affäre, die über ein halbes Jahr hindurch die Gemüter der Bür­gerschaft erregte, ein Ende gefunden, wie es nicht anders erwartet werden konnte. Auch ge­stern wieder wurde an dem alten, vielbefeh­deten Brauch sestgehalten, Verträge jeder Art, von wie weiftragender Bedeutung sie auch für die Allgemeinheit sein mögen, unter Ausschluß der Oessenftichkest zu verhandeln. Ein von so- zialdemokraftscher Seite in der öffentlichen Stadtverordnetensttzung gestellter Antrag, mit diesem unbegründetenPrinzip" zu brechen und die Angelegenheit vor der breitesten Oeffent- lichkeit zu verhandeln, wurde, obwohl sich ver­schiedene Stadtverordnete dafür, erklärten, durch nur dreizehn von ... dreiundvie^ig Stimmen unterstützt. Allem Anschein nach befürchtete man, in einer Debatte könnte an Dinge gerührt werden, die nicht gerade in das Gebiet des Angenehmen gehören. Wie der Verlauf bet ge­heimen Verhandlungen zeigte, waren diese Be­sorgnisse vollkommen unbegründet, und die Er­kenntnis davon kam offen zum Ausdruck. Jeden­falls is» nun die schicksalsschwere Frage der Zukunft unseres größten gewerblichen Unto nehmens gelöst, die Verträge mit dem Staat sind günstig, und es besteht alle Hoffnung, daß das Elektrizitätswerk fortan eine kräftige Ent- Wicklung nach oben vornimmt. Wenn die trübe Zeit der Verhandlungen mit der A. E. G. die Lehre gebracht hat, daß eine Kommune die Pflicht hat, ihre durch die Steuerkraft der Bür­gerschaft geschaffenen Werke selbständig zu er- bolten und spätere Ausbeutung zugunsten von Privatgesellschaften zu vereiteln, dann wird auch das Schmerzliche der Vergangenheit nicht ohne Vorteil für die Stadt Cassel und ihre fernere Entwicklung zu einem großen Gemein­wesen sein, wie wir alle erhoffen.

*

Der Vertrag mit dem Staat.

(Von unserm R. N.-Mitarbeiter.)

Cassel, 19. September.

Der sozialdemokratische Stadtverordnete Thöne hafte für die gestrige öffentliche Sitzung der Stadtverordneten eine Anfrage angemeldet, und bevor die Versammlung in die Tagesordnung eintrat, erhielt er von dem Stadtverordnetenvorsteher Justizrat Dr. Schier das Wort. Thöne beantragte die Uebernahme der Verhandlungen über den Verttag mit dem Staate in die Tagesordnung der öffentlichen Sitzung: So weit er den Vertrag durchgesehen habe, finde er nichts, rein gar nichts darin, das nicht geeignet fei, in öffentlicher Sitzung ver­handelt zu werden. Das einzige Bedenken ge­gen eine derartige Behandlung der wichtigen Angelegenheit könnte einer der Paragraphen bilden, die den Abschluß mit der Straßen­bahn betreffen, aber diese Sache könne dann in geheimer Sitzung durchgenommen werden. Eine nichtöffentliche Beratung habe auch inso­fern keine Bedeutung, als die auch seinerzeit vertraulich gewesenen Verhandlungen in der Oeffentlichkeit bekannt geworden seien. Ein gro­ßer Teil der Pürgerschaft, auch viele Stadtver­ordnete. waren über den Verlaus der Ange­legenheit nicht unterrichtet, wohl aber die Interessenten. Justizrat Dr. Schier wollte bemerken, daß die Verlegung der Sache in die vertrauliche Sitzung auf Antrag des Magistrats geschehen sei, Oberbürgermeister Dr. Scholz fiel ihm jedoch verneinend ins Wort, und so beschränkte er sich auf die Feststellung, daß nach der Geschäftsordnung über den Abschluß wich­tiger Verträge vertraulich verhandelt werden müsse. Der gleichen Ansicht wie Stadtverord­neter Thöne war auch der Stadtv. W i e b e r. Er erflärte. die Aften geprüft und daraus dieNeber- zeugung gewonnen zu haben, daß eine öffent­liche Behandlung, abgesehen von dem vom An- tragsteller berührten Punkte, wohl möglich sei. In die Oeffentlichkeit drängen die Einzelheiten der Verhandlungen doch, umso mehr, als diese offiziell unterrichtet werden müsse Schon ans dem Grunde empfehle sich eine öffentliche Ver­handlung. um die Vorwürfe (wenn sie auch nicht berechtigt seien) zu entkräften, es werde grundsätzlich jede größere kommunale An­gelegenheit

unter Ausschluß der Oeffentlichkeit erledigt. Anderer Meinung war der Elektrizi- täts-Prakftker Stadtverordn. van Heys. Der Punkte, die unbedingt geheim verhandelt wer-