Einzelbild herunterladen
 

Nr. 3 Jahrgang.__________

bringen konnte. Er war der Mann der Unter­handlungen mit Autoren und Schauspielern; Regie führte er selten und nicht immer mit Glück. Immerhin:Man durfte ihm in jeder Beziehung die Fähigkeiten zutrauen, ein großes Stadttheatcr zu leiten. Nur lagen die Verhält­nisse in Frankfurt so ungünstig wie mög­lich. Das vor etlichen Jahren neuerbaute Schauspielhaus ist in Frankfurt selbst nie eigentlich populär gewesen. Man beklagte seine Akustik wie seine unglückliche Platzordnung. Dann war ein Schlendrian ausgebrochen, der nur noch durch eine starke Hand zu heilen war, und Holländer glaubte an sich. Ein

Mann mit stärkeren Nerven

hätte vielleicht ausgehaltcn. Aber die Frank­furter zeigten sich von Herzen undankbar. Sie hatten das Schauspielhaus im Stich gelassen, weil dort schlecht gespielt wurde, und als dann Holländer daran ging, die einstigen Lieblinge des Publikums, die lange nicht mehr ihre Wirkung taten, zu entfernen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Schwer zu sagen, wer da Recht hatte. Holländer, der in Berlin fast gar nicht an die Oeffentlichkeit trat, sah ' plötzlich im Mittelpunkte der allgemeinen Dis- kuffion, die man in einer mittelgroßen Stadt viel schwerer erträgt, als in Berlin. Und da seine Liebesgeschichte auch nicht dem gewünsch­ten Ziel zuzuführen war, zog er es vor, den Schauplatz seiner Handlungen nach Amerika zu verlegen. Man wird den kleinen, betriebsa­men Mann hier nicht vergeffen, wo er sich in aller Stille manches Verdienst erworben hat. Er wird wohl bald einen neuen Roman über das große Wasser zu uns schicken, und am Ende ... wird e r s e l b st zu uns zurückkehren. Aber auch in künstlerischer Beziehung waren die letzten Tage an Sensationen reich. Die neuen Herren im Leffingtheater und die der einstigen Kurfürstenoper (das jetzige Sozi- etätstheater) wollten mit außerordentlichen Ta­ten beweisen, was sie können. Aber weder der zum großen Teil gelungenePeer Gyrtt" des Herrn Barnowsky noch der zum größeren mißlungene Tell des Herrn Dr. Hauptmann werden als Vorbedeutungen für

künftige Entwicklungen

genommen werden dürfen. Derartige Kraftan- strengunqen macht man einmal, und überläßt sich dann lohnenderen Aufgaben. Das Lessing- theater hat seinen Namen von einer Nathan- Aufführung. Mit einem anderen Werk ist Lessing an dieser Bühne kaum erschienen. Wer weiß, ob es Schiller bei den Leuten der Sozie­tät besser gehen wird. Viele werden sagen: Hof- fentlich nicht, denn es ist ihm gestern schlecht ge­nug ergangen. Aber die Versuche, das Pathos eines Schiller zu dämpfen oder mit Realis­mus zu versetzen, haben (wie sie auch ausgehen mögens immer einen sehr vernünftigen Grund. Da die Feuerseelen eines Kainz und Mat- ko w s k h erloschen sind, ist an die Stelle der

schönen Leidenschaften auch auf den besten Bühnen ein unerträglicher Ton steifer, Hobler Würde einaerissen. Hauptmann, der sei­nen Schiller liebt, will ihm ein neues Leben ge­ben. Deshalb verdient er Anerkennung, auch, wo sein Versuch mißlang. Not tun Schau­spieler großen Stils, und wir werden auch wieder einen Stil für Schüller finden. Reinhard hat ihn ja hin und wieder getroffen. Die Leute der Sozietät aber sind die großen Schauspieler der Wirklichkeit, nicht des tönen­den Gedankens, und man soll weder die ihnen wesensfremden Dichter für sie zurechtbiegen, noch sie selbst zu Aufgaben führen, denen sie ihrer Natur nach nicht gewachsen fein können.

Paul Schlesinger.

Sn Nacht und Aurm.

Sturmfahrt eines Zeppelinkreuzers.

Eine in der Geschichte der Luftschiffahrt ein­zig dastehende Sturm fahrt unternahm in

Casseler Neueste Nachrichten

der Nacht zum Dienstag das aus dem schlc- sischen Manöver heimkehrrnde Militär-Zeppe- linluftschiffZ I". Das Luftschiff geriet auf der Fahrt von Liegnitz in stockfinsterer Nacht in einen Gewittersturm und wurde bis Posen abgetrieben.

Die Irrfahrt des 1. I.

(Von unserem aeronautischen Mitarbeiter.) Liegnitz, IS. September-

Die Sturmfahrt desZ I" von Liegnitz nach Posen und zurück über Breslau nach Liegnitz war eine der gefährlichsten Fahrten, die bisher von einem Zeppelinluftschiff ausgeführt wur­den, wahrscheinlich sogar die im ganzen ge­fährlichste, denn der Untergang desL> I" er­folgte während einer nur wenige Augenblicke dauernden, allerdings überaus ungünstigen Wetterkonstellation,Z I" aber war gezwun­gen. mehrere Stunden lang im Gewitter Kreuz­fahrten zu machen. Tie Gewitter, die in jener Nacht sich über Hosen und der Umgegend ent­luden, waren so stark, daß niemand zuerst glau­ben wollte, ein Luftschiff könne es wagen, sich in ihnen aufzuhaltcn. In der Tat hatte das Luftschiff unter dem Gewitter ganz unerhört zu leiden, und es ist fast ein W u n d c r, daß in jener Nacht auf die Katastrophe desL I" nicht die Vernichtung desZ I" gefolgt ist. Gerade diese Fahrt ist wieder so recht geeignet, alle neu aufgetauchten Zweifel an der Sturmsestigkeit derZeppeline" völlig zu beheben. Das Luft­schiff war in Liegnitz in der zehnten Stunde aufgestiegen, um Gotha zu erreichen. Unter­wegs traf es aber auf so

schweres Unwetter,

daß es umkchrw, um wieder in Lftgnitz zu lan­den. Ter Sturm machte aber eine Landung unmöglich, und der Luftkreuzer war gezwun­gen. zunächst in der Luft zu bleiben. Mittler­weile hatte sich das Unwetter über die gesamte nähere und weitere Umgebung verbreitet, so­daß der Führer es für ratsam hielt, Posen zu erreichen. Hier aber geriet das Luftschiff in noch schlimmeres Wetter. Man erreichte Vosen zwar, es war aber infolge der Dunkelheit un­möglich, herunterzugehen, zumal die durch Funkentelegramm erbetenen Vorbereitungen wegen verspäteten Eintreffens der Nachricht nicht hatten getroffen werden können. Der Z I" verließ deshalb nach längerem Kreuzen über der Stadt Vosen wieder und erreichte nach einer weiteren fünfstündigen Fahrt, während der das Wetter wieder besser geworden war, seinen Hafen in Liegnitz. Jedenfalls ist der Z I" einer schweren Gefahr entgangen. Es hat sich dabei gezeigt, daß heuff schon tatsächlich be­sonders ungünstige Umstände zusammentteffen müssen, um ein Zeppelinlufffchiff zu vernichten

*

Zeppelinfahrt nach Kopenhagen.

Leipzig, 18. September. (Privat-Tele­gram m.) Am nächsten Sonntag unternimmt das auf dem neuen Flugplatz und Luftschiff- Hasen Mockau bei Leipzig stationiert: Zeppelin- lufischiffSachsen" eine Ueberlandfahrt nach Dänemark. Es wird beabsichtigt, in Kopen­hagen eine Zwischenlandung mit Passagier­wechsel vorzunehmen und daun wieder «.ach Leipzig zurückzukehren. Das Interesse an dieser Fahrt ist außerordentlich groß. Schon jetzt hat sich eine Anzahl Fluggäste vormerken lassen.

Ne ta Lager.

Die Adjutanten der Fürsten.

Die Verminderung der Zahl der Adju­tanten der deutschen Fürsten war bei Be­

ratung des 'Militäretats von der Budgetkom­mission des Reickstags gefoibett worden. Der Kriegsminister hatte damals dieser Forderung nicht zustimmen können, da die Adjutanten den Fürsten.durch Staatsverträge zugesichert sind, et hatte aber zugesagt, der Angelegenheit im Sommer näherzutreten. Fünfundfünf­zig Adjutantenstellen sind durch Tradition und Konvention festgelegt, es sind dies die Ad­jutanten der preußischen Prinzen und der Bundesfiirsten, die mit Preußen Militörkon- ventionen abgeschlossen hatten, es sind dies die norddeutschen und mitteldeutschen Kleinstaaten. Es ist n i ch t beabsichtigt, diese Adjutantenstel­len künftig in Fortfall zu bringen, doch soll verschiedentlich, wo zwei Adjutanten vorge­sehen sind, einer fortfallen. Die Streichung der gesetzlich zugebilligten Konventionsvorteile ist auch nicht möglich, sofern die Fürsten nicht selbst diese Vorteile aufgeben. Bezüglich des Fortfalls einiger anderer Adiutantenstellen, die gesetzlich nicht sestaelegt sind, sind Erwägun­gen im Gange. Alles in allem wird aber nicht viel geändert werden. Von den fiinfundsechzig persönlichen Adjutanten dürsten zehn vielleicht fortfallen: der Etat für 1913 setzte 364 000 Mark für die Besoldung der Adjutanten aus.

Blutige Kampfe in Tripolis!

(Draht-Meldung.)

Rom, 18. September-

Die offiziöse A gencia Stefani erhält aus Suara (Tttpolis) folgende Nachricht: Die italienischen Truvpen unter dem Befehl des Generals T o r e l l i rückten am Dienstag mor­gen vor, nm die Aufständischen anzugreifen und zu zefftreuen. die am Tage zuvor ihre Stellun­gen bei Gsur verlassen und sich in beträchtlicher Stärke in einer Stellung in der Umgebung des Tales von Teeniz versammelt hatten. Der Marsch wurde in zwei Abteilungen ausaeführt. deren erste, welche ein lehr ansteigendes, mit dichtem Geh"'z behacktes Gelände durchgueren mußte, auf hartnäckigen Widerstand des Fein­des stieß.

Der Feind versuchte auch, zum Angriff vorzugehen, wurde aber nach einem heftigen Feueraefecht geschlagen. Infolge lebhaf­ten Artilleriefeuers und wiederholter Gegen­angriffe und bedrobt durch die zweite Abtei­lung wurden die Aufständischen zu eiligem Rückzüge in nordöstlicher Richtung ge­zwungen. Tie Italiener erlitten schmerz­liche Verluste. General Torelli, der sich in der vordersten Linie befand, starb den Heldentod, ebenso zwei Offiziere und achtundzwanzig Mann, darun­ter sieben Italiener. Drei Offiziere und siebzig Mann wurden verwundet, darrmter 19 Italiener. Die Aufständischen hatten eben­falls beträchtliche Verluste, auch einige Häupt­linge fielen. Die Italiener nicken weiter vor.

Rach dieser Darstellung des offiziösen De- Peschen-Bureaus gewinnt es den Anschein, daß die Lage der Italiener in Tripolis weit s ch w i e ri g e r ist. als amtlich zugegeben wird. Die Aufständischen verfügen offenbar über große Truppenmassen und gute Ausrüstung, wenn sie es wagen können, die Italiener im offenen Gelände anzugreifen. Auch zeigen die schweren Verluste der Italiener, daß die Rebellen den Kambs mit größter Erbitterung geführt haben und daß es aller Anstrengungen der Italiener bedurft hat, um sich gegenüber dem Feind zu behaupten

Politischer Tagesbericht.

Keine deuffchen Instrukteure für China. In Londoner politischen Kreisen war man über­rascht, in zahlreichen Blättern zu lesen, daß hundert deutsche Instrukteure mft einem Gene- ralinstrufteur an der Spitze nach China ent­sandt werden sollten. Man nimmt an, daß

________________Freitag, Iff SeffkeinMr I9T?. der Entstehungsort dieser gänzlich erfundenen Nachricht die französische Gesandtschaft in Pe­king ist.

Frauenstimmrecht in Holland? Aus Rot­terdam meldet uns ein Privat-Tolegramm: Gestern fand hier eine Kundgebung von Frauen statt. Der holländische Ministerpräsident ant­wortete ciroeT Frauen-Deputation, der Gesetz­geber würde nach der angekündigten Ver­fassungsrevision das Frauenstimmrecht gewühr-n können.

Japan beruhigt sich. Die japanische Regie­rung hat (Depeschen aus Tokio zufolge) keine neuen Forderungen an die chinesische Regierung gestellt. Das Gerücht, Japan habe die Ver­längerung des Pachtvertrages der Halbinsel Kwantung verlangt, wurde von der Opposition in der Hoffnung ausgesprengt, das gegenwär­tige Kabinett durch Straßendemonstrationen zu stürzen.

Jas Umeste am Kassel.

Eingemeindung von Harleshausen?

Wie eingeweihte Kreise ver­sichern, wird Harleshausen in nicht allzuferner Zeit in die Residenzstadt Cassel eingemeindet werden. Har­leshausen hat gegenwärtig dreitausend, Einwohner. Bis die Eingemeindung in Cassel vollzogen ist, werden allerdings noch etwa drei Jahre vergehen.

Von einer den Harleshäuser Verwaltungs­kreisen nahestehenden Persönlichkeit wird uns zu der Frage einer Eingemeindung der Ort­schaft Harleshausen in Cassel geschrieben: Der Gemeinde Harleshausen stehen derart wichtige und rmaufschiebbare Aufgaben bevor, die die Gemeinde schwerlich zu lösen imstande ist, daß das Gerücht auch in Gemeindeverwaltuuas- freifen eine festere Gestalt annimmt, daß keine drei Jahre mehr darüber hingehen werden, bis Harleshausen ein Teil der nahen Residenzstadt Cassel bilden wird. Die Eingemeindung liegt auch sicherlich im Intersse des größten Teiles der Einwohner, denn es steht schon jetzt fest, daß auch im nächsten Jahre die Steuern abermals (in diesem Jahre um etwa 25 Pro­zent) bedeutend erhöht werden müssen. Bildet Harleshausen erst einen Teil von Cassel, so wird auck> erreicht werden, daß das lange er­sehnte Ziel nach Verlängerung der Straßenbahn von Rothenditmold nach Harleshausen dirrckgeftihrt wird. Erst wenn eine derartige billige und bequeme Verkehrs­möglichkeit mit dem Zentrum der Stadt besteht, wird die Bautätigkeit in Harleshausen und da­mit der Zuzug besser situierter Bürger von neuem aufblühen, was man von der heutigen Bahnverbindung infolge des sozusagen weit außerhalb des Ortes liegenden Bahnhofes nicht erwarten konnte.

Die Bilanzierung der Einnahmen und Aus­gaben des Gemeinde-Haushalts-Etats ist in den letzten Jahren nur noch unter Hinausschie­bung eigentlich notwendiger Ausgaben auf fpä- tere Zelten möglich gewesen. Ganz besonders wurde bei her Etatsberatung an der Einstel­lung von Mitteln zur Verbesserung und Aus- bauüng von Straßen gespart, obwohl sich man­che Straßen in einem äußerst schlechten Zu­stand befinden. Die Ausgaben für bie Schule sind ober in den letzten Jahren derart gestiegen, daß sie fchon heute ein Drittel der Ge­samt-Ausgaben beanspruchen. Unb von Jahr zu Jahr werden diese Ausgaben größer wer­den, denn mit dem erheblichen Wachstum der Bevölkerung «und damit der Kinderzahl) sieht sich die Gemeindeverwaltung vor die unbedingte Notwendigkeit gestellt, mindestens noch aus drei bis vier Jahre hinaus alljährlich eine weitere Lehrerstelle zu errichten, trotzdem auch bann noch bie Schülerzahl ber einzelnen Klassen über ein halbes Hunbert betragen wird, also ein

Ls mar einmal...!

Auch eine Erinnerung an den fünfzigsten Todestag Jakob Grimms am 20. September.

Das Grimm-Haus in der Casseler Marktgasse stört den Verkehr, dcshalb muß es fort: Das erzählt man ganz trocken mit einem kleinen, mitleibiginr Achselzucken.Selbst der enragiertefie Heimalschützler, der wärmste Freund alter Baudenkmäler, wird und darf sich nicht sträuben, einmal ein Opfer gebracht zu sehen, wenn es nötig ist; und nötig ist es, das ist bereits allseitig zugegeben ...!" So! Bereitsallseitig zugegeben!" Ich weiß nicht, ob die Bewohner des Anevierteis, des Hohen- zollernviertels, des Holländischen Tores, ja selbst der Altstadt allseitig zugestimmt haben, ich vermute, daß sich die Zustimmung zu diesem Plan auf dieallseitigen" Hausbesitzer - bei unteren Marktgasse beschränkt! Oder sind selbst diese nicht vollzählig dabei? Also, weil die Marktgasse früher einmal eine der belebtesten wnd verkehrsreichsten Straßen war (meiner Ansicht nach ist sie das noch immer) soll sie es jetzt wieder werden, indem man den unteren Teil derartig verbreitert, daß der Fuhrwerks­verkehr wieder gestattet werden kann. Ja, um Himmelswillen, was ist denn der unteren Marktgasse oder ihren Anliegern damit gebient, wenn die Fuhrwerke wieder hindurch rasseln und keuchen können?

Aber Scherz beiseite, die Sache ist ja so rief« traurig und ernst: Da haben wir nun in Cassel mal mitten im verkehrsreichsten Geschäftsviertel ein Winkelchcn, das nicht in die aalglatte mo­derne Schablone paßt, das stehen geblieben ist in seiner knorrigen Art, und deshalb soll es verschwinden! Wieviele Dutzend solcher und noch viel verzwickterer Winkel hat Frank­furt am Main zwischen Zeil und Main-Ufer, hat Nürnberg und München, Straß­burg und Köln: Alles Städte mit zehn­fachem, wirklichen Großstadtverkehr; und feine Hand wagt sich auch nur dagegen zu erheben! Und wo ist denn (offen gestanden) in Cassel ein Gro ßstadt-Straßenverkehr? Höchstens die Kreuzung Königstraße-Hedwigsttaße gibt in den Abendstunden ein schwaches Bild davon, und auch da (wie jeder wftklich moderne Ver­kehr) umgeht cr spielend jedes Hindernis und beseitigt es nicht etwa.

Wer nur ein klein wenig Sinn für alte schöne Straßenbilder hat, der gehe jetzt in den

Nachmittagsstunden der Septembertage vom Martinsplatz in die Marktgasse hinein bis über die Kreuzung des Grabens hinaus, es wird ihm warm ums Herz werden beim Anblick die­ses traulichen, behaglichen, in sich geschlossenen Bildchens, wo trotz der verschrobenen Giebel und würdigen Patrizier-Mienen der alten Häuser das moderne Geschäftslebcn eine leb­hafte Heimstätte hat. Und eben die Hauptwir­kung dieses prächtigen, stimmungsvollen, in Photographien und Ansichtskarten zestgehaltenen Straßenbildes beruht darauf, daß sich unten zum Abschluß der Straßenflucht gerade so ein schiefes, wunderliches, altes Giebelhaus her­vorschiebt. Dies allein schon: Die Erhaltung eines so malerischen Stückchens Alt-Cassel, müßte genügen, um jeden Gedanken, dies Hans kalt dem angeblichen modernen Verkehr zu opfern, zu ersticken.

Aber die Sache ist weit schlimmer und trau­riger. In diesem Hause haben vor hundert Jahren die Brüder-Grimm gewohnt und niedergeschrieben, was sie an Märchenschätzen zufammengetragen hatten. Man komme mir hier nicht mit dem Einwand, die Brüder Grimm hätten sich ein wertvolleres bleibenderes Denk­mal in den Heizen der deutschen Jugend ge­setzt! Von diesem Standpunkt aus könnte man auch das Haus am Hirschgraben in Frankfurt und das am Frauenplan in Weimar herunter« reißen undpraktische" Geschäftshäuser oder Hotels hinsctzcn; der Mann, der mit ihnen zusammenhängt, hat sich auch noch ein wert­volleres Denkmal gesetzt. Nein, dieser Ein­wand sollte doch in Cassel nicht mehr erhoben werden, oder ist die kleine Blamage mit dem doch weit weniger wichtigen Spohr-Hänschen schon vergessen?

Es handelt sich nicht darum, den Brüdern Grimm ein Denkmal zu setzen, sondern darum, etwas zu verhindern, was wir selbst bald am tiefsten bereuen würden: Es handelt sich darum, die geweihte Stätte zu er­halten. an der das Buch geschaffen wocden ist, das sich wie kein zweites der ganzen deut­schen Literatur das Volk von den höchsten bis zu den niedersten Schichten erobert hat, jenes Buch, über dem wir und unsere Eltern und Großeltern als Kinder mit funkelnden und feuchten Augen, mit klopfenden und jubelnben Herzchen gesessen haben, oeuau wie unsere Kinder und Enkel und Urenkel darüber sitzen werden, um olles um sich her zu vergessen Aus diesem alten wackeligen House ist die Frau

Holle und das Rotkäppchen, das Schneewittchen und Dornröschen und Hänsel und Gretel Hand in Hand hinausgezogen in Paläste und Hütten, ja über den ganzen Erdball in die sernsten Winkel hinein, wo nur je ein blondes deutsches Kinderköpschen in den brennenden Weihnachts­baum geblickt hat.

Durch die trüben Fensterscheiben dieses alten Häuschens hat der goldene Märchenzau­ber hinausgestrahlt in das deutsche Gemüt und sich so tief hineingewoben, daß des dem Groß­vater und der Großmutter noch glücklich und frei ums alte Herz wird, wenn sie die Schätze aus dem vertrocknenden Gedächtnis in die verson­nenen Kinderaugen zu ihren Füßen wieder bin» einlegen können. Dieses Haus soll fallen! Weil die rasselnden Lastwagen und fauchenden Autos sonst einen kleinen Umweg machen müssen: Herunter mit dem alten Kasten!" Am nächsten Sonnab.nd sind ja schon fünfzig Jahre ver­flossen seitdem der alte Jakob Grimm ins Land der Schatten ging. Weiß Chaffala keine würdigere Totenfeier...?

TTdwi Utma.

i-~-f Radium im Fuldaer Krankenhaus. Im Landkrankenhaus in Fulda wird demnächst R a d i u m als Krebsheilmittel zur Verwen­dung kommen können. In Fulda sind in den jüngsten Tagen über 80 000 Mark zur Anschaf­fung von Radium von Menschenfteunden zur Verfügung gestellt worden.

Arno Holz-Premiere in Hamburg. Im Hamburger Thalia-Theater erlebt dieser Tage die TragödieSonnenfinfttrnis" von Arno Holz ihre Uraufführung. Die Tragödie läßt den Zuschauer durch den grenzenlosen Ernst, der sie durchdringt, an Sophokles und an Shel- lep denken. Arno Holz hat ferne Figuren mit der ganzen Inbrunst des Wahrheitsfanatikers gezeichnet. Die Auffiihrirna vermittelte unter der Leitung des Regisseurs Jeßner sehr starke künstlerische Eindrücke.

!-"ck Tas Bild aus Goethes Haus. Ein wert­volles Gemälde:Der kranke Königsfobn". das Goethe wiederholt inWilhelm Meisters Lehrjahre" lobend erwähnt, ist in Berlin aufgefunden worden. Dieses Gemälde wurde seinerzeit von Goethes Großvater mft einer Sammlung zum größten Leidwesen des jungen Johann Wolfgang verkauft und war seit dieser Zeit nickt wieder äufzufinden. Sachverständige - haben festgestellt, daß das Bild aus dem An-

fang des siebenzehnten Jahrhunderts und höchstwahrscheinlich von einem Bologneser Mei­ster stammt/

la: Luise Dumonts Rücktritt. Zum Rück tritt Luise Dumonts und Gustav Linde­manns von der Leitung des Düssetdorfer Schauspielhauses mit Ablauf der Saison 1913/14 wird noch gemeldet, daß zwei Drittel des Ensembles dieser Bühne aus wirtsckaft- lichen Gründen Gastfahrten nach Brüssel, Ant­werpen und Amsterdam machen werden.

Das Grad rinrr Königin.

(Von unferm E. O.-Mitarbeiter.)

Weimar, 18. September-

Eine hochinteressante und für die Kulturge­schichte äußerst wichtige Entdeckung ist soeben des Kustos des Museums der Stadt Weimar, dem namhaften Archäologen Möller, gelun­gen. Er hat nämlich bei Haßleben in Sachsen- Weimar eine große alte Grabstätte aus- gedeckt, die er, auf Grund ihres Inhaltes, für das Grab einer thüringischen Königin aus der Zeit um 300 nach Christi Geburt hält. In dem Grabe sand sich ein weibliches Skelett, das von zahlreichen Schmuckaegenständen um­geben war. Bei näherer Besichtigung des Grabinhaltes zeigte es sich, daß man einen Goldschatz vor sich hatte, der einen Vergleich mit dem vor kurzem aufgebetften, dem Kaiser geschenkten Everswalder Goldschatz.durchaus verträgt. Nach dem Bericht des Leiters der Ausgrabungen betrug die Zahl der gefundenen Schmuckgegenstände allein weit über fünfzig. Darunter waren goldene Kugeln, Körbchen, Si­cherheitsnadeln aus Gold mit Edelsteinen, Fin­gerringe. Ohrringe aus Goldbleck, dreißig bir- nen förmige Bernsteinperlen, ein Halsring von einem Viertelpfund Gewicht, runde Perlen, Schmuckkästchen mit Silberbefchlag, römische Kaisermünzen, Kämme und Radel und viele andere aus Gold, Silber und Kupfer hergestell'e Schmuck- und Gebrauchsgegenstände. Die Schmuckgegenstände vor allem sind von aller- feinster Arbeit und vom besten Golde, wora'.'s man schließen darf, daß bie beigesetzte Frau von sehr hohem Stande gewesen sein muß. Es ist nicht gelungen, über diese Grabstätte r'Tiere« stu zustellen. Daß es sich um eine thü-

Fürstin handelt, erscheint sicher, über i ' - « - -amen und ihre Abstammung hat man jedoch vorläufig nicht einmal Vermutungen.