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Casseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 242.

Fernsprecher 951 unv 952.

Freitag, IS. September 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Stern und Band.

Die Krankheit unserer Zeit; Die Titelsucht; Stern und Band im Urteil großer Geister.

Die Bayrische StaatSzeitung, das anrt» l i ch e Organ der Königlich Bayrische» Re­gierung, schreibt in einem Artikel, der die be­schwerlichen Arbeite« der Landbürgermeister behandelt:Eben deshalb aber dürfte« äußere Anerkenuungen, die sonst Privatpersonen für Geldspenden so reichlich zukommen, wenigstens alte» und bewährten Vorstehern größerer Dorf­gemeinde« von feite» der Behörde »och häufiger zuteil werden, al« die« bi« jetzt der Fall war..!" Ein niedliches Bekenntnis:Für Geld­spenden erhalten Privatpersonen äußere Auszeichnungen!" Das Blatt, das diese für das zwanzigste Jahrhundert charakteristische Tatsache seststellt, ist offizielles Organ der Kö­niglich Bayrischen Staatsregierung, vom Mi­nisterpräsidenten Freiherrn von Hertling be­gründet und höchstamtlich approbiert: Man darf also annehmen, daß seine Mitteilungen zutreffen. Neu ist nun zwar die Feststellung, daß äußre Ehren um gutes Gold zu haben sind, käuflich erwerbbar wie Bartwichse oder Glacehandschuhe, nicht; aber es ist doch in­teressant, zu hören, daß selbst die öffentliche Meinung der Regierungs-Sphäre kein Hehl daraus macht, wie der schnöde Mammon die äußre Kennbarmachung der Honorigkeit beein­flußt. Kürzlich erst ging durch die Presse die wundersame Mär, daß ein Industrie-Ritter, der durch verlockende Titel- und Ordenvermitt­lungs-Angebote die Aufmerksamkeit des Staats­anwalts geweckt hatte, dem Arm strafender Ge­rechtigkeit entging, weil der dunkle Ehrenmann in der angenehmen Lage war, nachzuweisen, daß er tatsächlich von irgend einer offiziellen Seite den Auftrag hatte, die liebe Eitelkeit titelsüchtiger Zeitgenossen bei passender Gelegen­heit tarifgemäß zu schröpfen, und den Bändern, Sternchen und Titeln des Ländchens gegen blinkenden Mammon ein größeres Absatzgebiet zu erschließen. Das ist, iws Groteske über­tragen, ungefähr das Wirklichkeit-Bild der von der Bayrischen Staatszeitung mit einem hör­baren Seufzer schämig angedeuteten Tatsache, die in diesem Moment, wo in Berlin eine Titel- Komödie sich zum Menschendrama verdüstert hat, in peinlichster Deutlichkeit in der Erinne­rung austaucht. Die Kammerherrn-Sehnfucht des Rittmeisters von Westernhagen hat sein Verhängnis heraufbeschworen, und wenn auch die Titelsucht unsrer Zeit nicht immer Tra­gödien, sondern meist Komödien webt: Ein be­schämendes Dokument kulturellen Nieder­gangs bleibt sie doch!

Wir vernahmen jüngst mit einigem Stau­nen, daß im letzten Vierteljahrhunderi allein in Preußen ein Dutzend und einige Orden neu­geschaffen wurden, gar nicht zu rechnen die Menge der Titel und Ehren, die in der gleichen Zett erstanden: Der beste Beweis, daß unsre Zeit sich gegenüber der kernigen Schlichtheit unsrer Väter im Gehalt der Menschenwürde und des Verdienstes märchenhaft entwickelt hat, denn selbst heute deckt das Angebot an Stern und Band bei weitem noch nicht die allerdring­lichste Nachfrage. Das weckt einige Erinnerun­gen. Im Jahre 1763 herrschte über Preußen ein König, dem die Geschichte den Ehren-Namen der Große" gegeben hat, und der nicht nur als Herrscher und Feldherr, sondern auch als Mensch groß war. In jenem Jahr erschien vor dem Philosophen von Sanssouci der Graf Keyserling, um dem König für die Verleihung der Kammerherrn-Würde zu danken. Friedrich der Große lächelte, als der Graf seinen Dank vorgebracht, und entgegnete dem neuen Wür­denträger:Er überschätzt den Wert eines Kammerherrn-Titels viel zu sehr. Ich hielt Ihn für vernünftiger, als daß Er einen schi­märischen Titel überschätzen könnte...!" Und auf das Gesuch eines Hofbeamten um Ver­leihung des Kammerherrn-Titels schrieb des großen Friedrich Hand den lapidaren Satz: Beim Kammerherrn kommt nichts heraus, denn das heißt auf gut Deutsch nur: Ein Hof­schlingel ...!" Wir sind heute hundert- sünszig Jahre Wetter und Friedrichs des Gro­ßen Lebens-Maxime kennt nur noch die Ge­schichte: Aber hat sich derweil etwas ereignet, das die Welt- und Daseins-Auffassung dieses größten tmb feinstgeschliffnen Geistes auf dem Zollernthron als Irrung charakterisieren könnte? Man war damals vielleicht ärmer an äußern Ehren, aber reicher an i n n e r m Gehalt, und unter dem großen Friedrich be- scufzte kein Staats-Organ die Mammoni- sierung der Berdienstlichkett, wie es soeben Ex­zellenz Hertlings Regierungs-Gazette getan.

Aber auch Andre, Große und Bewunderte, haben gedacht und empfunden, wie Friedrich von Preußen empfand. Man schrieb das Jahr 1868. Im preußischen Unterhaus sprach der Ministerpräsident von Bismarck dem Parla- mentsvräsidenten Mar von 8 orcke nbeck den

Dank der Regierung für seine Bemühungen um die Milderung des Konflikts zwischen Regie­rung und Landtag aus. Bei dieser Gelegen­heit meinte Bismarck lächelnd:Erst jetzt er­fahre ich, daß Sie keinen Orden haben; das ist ja ein Unglück."Möge man nur nicht (antwortete Forckenbeck) auf den Gedan­ken kommen, dem Unglück abzuhelfen." Vier Jahre später ist freilich auch Forckenbeck seinem Schicksal nicht entgangen: Bei einem Besuch des Kaisers in Ostpreußen drückte ihm anläß­lich einer Festlichkeit in Marienburg der Mini­ster Graf Eulenburg plötzlich einen Orden in die Hand mit den Worten:Seien Sie nicht böse, esließ sichnichtvermeiden ...I" Und wie hat erst der Säkularmensch Bismarck selbst über das Ordens- und Titelwesen ge­höhnt! Als ihm 1871 in Versailles das Eiserne Kreuz verliehen wurde, gab er seiner Freude über diese Auszeichnung (wie uns der indis­krete Busch erzählt) mit den Worten Ausdruck: Wat ick mir dafor koofe!" Und niemand wird wohl behaupten wollen, daß der Gründer des Reichs Verdienst und Arbeit gering geschätzt habe. Daß auch Ludwig U h l a n d der äußern Kennbarmachung der Verdienstlichkeit durch Stern und Band im tiefften Innern wider­strebte, ist bekannt, und man weiß, wie energisch der große Dichter aus Schwabenland sich gegen die Annahme des ihm vom König von Preußen zugedachten Ordenspour le merite" gesträubt hat. Auf die wiederholten Vorstellungen Hum­boldts, daß der König das Patent bereits un­terschrieben habe und daß es doch schon deshalb nötig sei, damit ein so schöner Name auf der Liste nicht mangele, diedie größten Männer des Zeitalters enthalten solle", lehnte er er­neut ab, und zwar mit der schriftlichen Be­gründung, daß erdadurch in unlösbaren W i- derspruch mit seinen literarischen und Poli­tischen Grundsätzen geraten würde...! Hätte der Rittmeister von Westernhagen wie der Dichter Ludwig Uhland gedacht, dann wäre uns (vermutlich) das Drama im Berliner Land­wehr-Kasino erspart geblieben. Und würde heute der Geist des Großen Friedrich und des Großen Kanzlers überm deutschen Vaterlande schweben, dann hätten wir vielleicht weniger Orden, Ehren und Bänder, aber sicherlich nicht weniger Männer, deren Verdienst noch die Enkel rühmend bestaunen dürsten F. H.

Sie Shronik der Lager.

Geht Deutschland «ach San Franeiseo?

(Privat - Telegramm.)

Berlin, 18. September.

Die deutsche Zentralstelle für di« Weltaus­stellung in San Francisco hat an die deutschen Handelskammern und freien Ver­bände ein Rundschreiben gesandt, in dem dar­auf hingewiesen wird, daß die Ausstellung in San Francisco eine einzigarttge Gelegenheit sei, die Erzeugnisse deutschen Könnens den Vereinigten Staaten vorzuführen, daß die Muster durch strenge Bestimmungen geschützt bleiben und daß die Kosten durch ermäßigte Frachten und durch den Wegfall der Platzmiete für deutsche Aussteller nicht sehr hoch würden. Die deutschen Verbände in den Staaten Kalifornien, Washington, Oregon und Texas haben an den Deutschen Kaiser ein Telegramm gesandt, mtt der Bitte, er möge sür die Beschickung der deutschen Ausstellung sorgen.

Das Generalstreik-Problem«

(Privat-Telegram m.)

Zürich, 18. September.

Der Kongreß des schweizerischen Gewerk­schaftsbundes, der fett Sonnabend hier tagt, nahm gestern Stellung zur Frage des Generalstreiks. Es wurde beschlossen, den revoluttonären Generalstreik nach dem Sinne der Syndikalisten abzulehnen, da die bestcbende wirtschaftliche Ordnung durch ein solches Kampfmittel nicht geändert werden könne. Dagegen soll die Möglichkeit offen ge­lassen werden. Massen st reiks als Not­wehr oder Protestaktion durchzuführen, wenn es sich darum bandelt, Maßnahmen der Behörden gegen die Freiheit der Arbeiter zu verhindern. Die Anwendung des Massenstreiks zur Eroberung polittscher Rechte hält das Bun- deskomttee der schweizerischen Gewerkschaften und die Geschästsleitung der sozialdemokrati­schen Partti nicht für empfehlenswert.

Eisenbahnerstreik in England.

(Privat-Telegram m.)

London, 18. September.

Der Stteik der Eisenbahner in Liver­pool und Manchester greift langsam aber stetig um sich. Gestern abend zählte man zehn­tausend Ausständige. Es werden die größten Anstrengungen gemacht, um Verhand­lungen zwischen den Ausständigen und der Eisenbahn-Verwaltungen herbeizuführen. In Dublin feiern dreizehntausend Mann.

Die Verkündung der Aussperrung der Arbeit­geber hat große Erregung unter den Eisenbahnern hervorgerusen. Die Lage ist außerordentlich kritisch.

Set Gerichtstag in Sena.

Sozialdemokratie und Parlamentarismus.

Nach dem Massenstteik-Sieg über die Radi­kalen beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung der Sozialdemokratische Parteitag in Jena mit der parlamentarischen Taktik der sozialdemokratischen Fraktionen. Es berichtete darüber der frühere Bremer Volksschullehrer und jetzige Vorsitzende des Jugendbildungs-Ausschusses. Reichstagsabge­ordneter Heinrich Schulz-Berlin. Die Stellung der Fraktion zur Wehrvorlage scheidet vor­läufig aus, da sie mit den Steuerfragen zu­sammen behandelt werden soll. Geichzeitig werden aber eine Reihe von Anträgen, die mit dem Fraktionsbericht in ursächlichem Zusam­menhang stehen, mit zur Debatte gestellt. Sie beschäftigen sich unter anderm mit dem Feh­len sozialdemokratischer Abgeordneter bei wichfigen Abstimmungen, das scharf miß­billigt wird.

Parteitag und Reichstag-Fraktion.

(Bericht unseres P. L.-Mitarbeiters.)

Sena, 18. September-

In der gestrigen Sitzung des Sozialdemo- krattschen Parteitags betonte der Referent Schulz bei der Berichterstattung über die parlamentarische Tätigkeit der Pattei, daß die Frattion wegen ihrer Haltung im Reichstag, abgesehen von den Dcckungsvor- lagen, fast nirgends angegriffen worden sei. Er vetteidigtt das Fehlen einzelner Abgeord­neter und entschuldigte sie durch unaufschieb­bare Berufspflichten. Die Angriffe auf die Fraktion wegen der Haltung in der Wehr- vorlage seien unberechtigt; man wolle die vollseitige Ausbildung des Heeres im Hinblick ans die Wehrhaftigkeit des Volkes fördern, da­her stellte man berechtigte Forderungen in der Richtung des Zieles: Des Volksheeres ohne Charge«. Das Erfutter Urteil sei ein Schulbeispiel für die Situation, die die Bedeutung der Massen für das Parlament und umgekehrt beleuchtt. Die Regierung habe sich gefügt, weil sie sich in einer Zwangslage be­funden habe. In der Debatte erhob Rosen- f e l d - Berlin den Vorwurf gegen die Frattion, sie hätte eS bei der Milttärvorlage an der nö­tigen Verve fehlen lassen. Er tadelte besonders das Verhalten der Fraktton bei der Ansprache des Präsidenten am sechzehnten Juni beim Regierungs-Jubiläum des Kaisers. Die stumme

Demoristratton des Fernbleibens hätte nicht genügt, man hätte heftiger demon- sttteren müssen. Dann wäre der Vorgang unmög­lich gewesen, daß die Fraktton an einer Be­schlußfassung überhaupt nicht teilnehmen konnte. Da die Gegner auf die Gefühle der Sozial­demokraten keine Rücksicht nähmen, hätten auch die Sozialdemokraten keinen Anlaß, ihre re­publikanischen Gefühle irgendwie zu­rückzustellen. Ihre grundsätzliche Gegnerschaft gegen die monarchische Regierungsform hätte in schärfster Weise zum Ausdruck gebracht wer­den müssen. Stengel-Hamburg befreitet jeden Erfolg der Reichstagsfraktton. Durch die Besitzsteuern sei das Volk von der Blutsteuer, die die Milttärvorlage enthalte, doch nicht be­freit worden. Ledebo ur-Berlin begrüßte die Kttttk an der parlamentarischen Tätigkett, da sie doch Jnttresse an der Sache verrate. Man tue der Frattion aber Unrecht, sie habe viel gearbetttt, besonders in den Kommissionen, was aus den Berichten hierüber nicht so klar hervor­gehen könne. Von den geheimen Sitzungen dürfe man nicht fernbleiben, sonst würde man nidft erfahren, wie die Regierung die bürger­lichen Parlamentatter e i n s e i f e. Durch den Korruptionsfonds, das Diätengesetz, werde den Abgeordneten eine Prämie auf möglichst schnel­len Schluß gezahlt. Diese Wirkung des Ge­setzes sei aber nicht vorauszusehen gewesen.

Keinegrobe Nachlässigkeit"!

Abgeordneter Hoffmann-Berlin ttat den Ausführungen Ledebours bei:Wenn wir nicht wissen, wie die bürgerlichen Vettreter einge­seift werden, so können wir sie auch nicht rasie­ren. Es wäre gut, wenn die Frattion überall so vertreten wäre, wie im preußischen Parla­ment: Ein Abgeordneter im Lesesaal, einer in der Bibliothek, einer im Erfrischungs­raum, einer im Vorraum, einer auf der Rednertribüne und e i n Genosse ist der lebhafte Bttfall (Große Heiterkeit)." Nach eine mSchluß- wott des Referenten erklätt sich der Parteitag mit dem Bericht der Reichstagsfraktion ein­verstanden. Der Antrag Hamburg, der das Fehlen der Abgeordneten eine grobe Nachlässigkeit nennt, wird abgelebnt.

Heute soll die Frage der Arbeitslosen- Fürsorge erörtett werden.

Berliner Tagebuch.

Momentbilder ans der Reichshauptstadt; Tragödien der Liebe nnd der Eitelkeit; Westernhagen-Maatz nnd Felix Holländer.

(Von unserm ständigen Mitarbeiter.)

Berlin, 18. September.

In diesen Tagen, da man nach den plötz­lichen theatralischen Entladungen der jungen Saison eben zusammensassen möchte, welche Aussichten sich eröffnen, wird Berlin selbst zum Schauplatz zweier Tragödien: Ein Professor schießt einen Kammerherrn tot und Felix Holländer flieht nach Amerika! Man muß sagen, der Maler hatte mehr dramatisches Blut in sich als der Dramaturg, der erfreu­licherweise alles am Leben ließ und seine Seele in der Ferne restaurieren will. Dem Professor aber geht es schlecht, er ist von der Schwere seiner Tai tief erschüttert, und vielleicht umso tiefer, als er sie wahrscheinlich nicht vor einem Richter zu verantworten haben wird. Tragisch bleibt der Fall, so Nein sein Motiv ist. Es ist die grimmige Tragödie der Eitel­keit, und wenn auch der Fall in feiner gan­zen Schärfe vereinzelt bleiben wird: Seine Ur­sachen liegen in einer Art Volkskrank, heit, die in Deutschland unausrottbar zu fein scheint: Der Titel- und Ehrensucht. Es. ist ja mit vernünftigen Sinnen einigermaßen schwer zu begreifen, was einen erwachsenen Menschen dazu bringen kann, einen Titel zu erstreben, der nie nach Verdienst, sondern immer nur nach äußerer gesellschaftlicher Rangstellung verliehen wird. Allerlei Schleichwege müssen bttreten werden, um zu dem gewünschten Ziel zu gelangen. Protektionen wollen ergattert sein, und der unglückliche

Kammerherr vo« Westernhagen war auch bereit, eine stattliche Geldmenge für seinen Zweck zu opfern. Freilich: Lieber hätte er den Titel noch umsonst gehabt, und als er ihn endlich hatte, zögerte er nicht, die ihm zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, das als Vorschuß hergegebene Geld wieder an sich zu 6ringen. Zwei wenig schöne Motive stehen da bei einander, und wenn auch alle Welt den blu- ttgen Ausgang dieses Dramas bedanett: Zn einer sympathisierenden Stimmung hat es der tote Kammerherr nicht gebracht. Wäre er noch am Leben, so würde ihn vielleicht die unbestech­liche Kühle der ösfentlichen Meinung darüber belehren, wie wenig wett doch so ein Kam- merherrntitel ist, und wie verzweifelt nutzlos seine Aufregung, sein Kampf am Ende war. Aber vielleicht gibt fein trauriges Ende all Denen zu denken, die bisher gar zu wenig von ihrem Schädelinhalt Gebrauch machen, und sinnlos irgend einem fchönen Titel nachjagen, um alsbald von allerhand Winkelblättern lächerlich gemacht zu werden. Ernster, wenn auch weniger furchtbar, geht die Tragödie eines Mannes aus, der gerade in den letzten Wochen die Aufmerksamkeit aller Theaterkreise auf sich gelentt hatte.

Felix Holländer

ist im Grunde seines Herzens Romancier geblieben, und selbst die leidenschaftlich gelei- ftete Arbeit für seinen Herrn und Meister Max Reinhardt hat ihn nie gehindert, jährlich einen Romanband auf den Büchettisch der Nation zu legen. Auch die plötzliche Flucht ins Privat­leben ist romanhaft. Man wird zwar erschüt- tett, aber die Geschichte hat offenbar eine Fort­setzung, und man kann noch immer hoffen, daß sie ein gute s En d e nimmt. Felix Holländer, der kleine, unansehnliche Schriftsteller aus Leob- schütz, der sich mit eisernem Fleiße seine Stel­lung unter den Berliner Literaten erobert hatte, war vielleicht gar zu f r ü h in die Ehe getre­ten. Man wußte, daß seine Ehe seit Jahren unglücklichwar. ohne daß eine laute Affäre, zur Scheidung geführt hätte. Vielleicht hielt ihn die Liebe zu seinen Kindern lange vor dem verhängnisvollen Schritt zurück. Dann aber trat dem gereiften Manne die schwarze, schlanke, anmutige Gina entgegen, und endlich sollt« sich fein Schicksal in irgend einer Weise (und erfreulicherweise auch nur vorläufig) erfüflen. Eben hatte er seine Frankfurter Stellung ange- tteten, da riß die Leidenschaft das Gebäude seiner theatralischen Zukunft nieder. Ma« darf annehmen, daß die Leidenschaft zu Gina nicht allein an der Wendung die Schuld trug. Hol­länder war

Professor Max Reinhard

eine fast unentbehrliche Stütze. Mit einer un­glaublichen Betriebsamkeit arbeitete er hinter den Kulissen des Deutschen Theaters, und ein Napoleon ist nie ein bequemer Herr. Morgens um zehn Uhr sah man den Heinen Holländer auf sein geliebtes Büro zustreben, und wenn er auch mal zwischendurch eine Mittagspause gemacht hat: Die sonderbare Versassuna deS Chefs verlegte alle eigentlichen Konferenzen auf die Nachtstunden. Vor drei Uhr morgens war er kaum feinem Dienst entronnen. Einer, der dabei noch Romane schtteb, mußte notwen­dig an feinen Nerven Schaden nehmen. Aber das Romaneschreiben mag für ihn umso not­wendiger gewesen sein, als er am Deutschen S-bester rein künstlerisch keine Großtaten voll-