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Hessische Abendzeitung

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3. Jahrgang.

Donnerstag, 18. September 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 241

Fernsprecher 951 und 952.

Die rettende Mole.

Randbemerkungen zur Affäre Maaß- Westernhagenr Tötung in der Notwehr?

Der Paragraph dreiundfünfzig des im Deut­schen Reich gültigen Strafgesetzbuchs bestimmt, daß diezur Abwehr eines gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriffs erforderliche Verteidi» gung" als Notwehr zu betrachten ist und daß Derjenige, der in berechtigter Notwehr das Leben eines Andern gefährdet oder vernichtet, straffrei zu bleiben hat. Die tragische Illustra­tion dieses (in seiner Willensdeutung seit Jahr­zehnten heiß umstrittnen) Strafgesetz-Paragra­phen hat uns jetzt das Drama im Berliner Landwehr - Offizierkasino in katastrophaler Realistik vor's Auge geführt: Ein Alltag-Inter­mezzo in den Ursachen und Anfängen, eine Menschen-Tragödie in den Wirkungen und End­effekten! Der Reserve-Rittmei^er von We­sternhagen verkehrt Jahre hindurch als Gqst und Freund im Haufe des Kunstmalers Maaß, den der Fürst zur Lippe in dankbarer Schätzung künstlerischer Meisterschaft zum Hof­maler ernannte und mit dem Professor-Prädikat beehrst, Die Freundschaft zwischen Künstler und Offizier erfährt die erste Trübung in dem Moment, als der Rittmeister sich beim Hof zu Detmold um die Kammerherrn-Würde bewirbt. Aus Mißverständnissen, Enttäuschungen und Argwohn wächst schließlich Haß empor, die Freunde von einst stehen sich als Feinde gegen­über, und als eines Tags in einem Wochen­blättchenEnthüllungen" über Werden und Reifen des (inzwischen Wirklichkeit gewordnen) Kammerherrn-Jdeals des Reserve-Rittmeisters erscheinen, zeigt der Finger des Grolls auf den Hofmaler als Urheber. Die Affäre gelangt, wie's üblich ist, vor den Ehrenrat, die Gegner werden gehört und ein unglücklicher Zufall Will'A, daß sie in kritischer Stunde, als alle Nerven in Hochspantrang leidenschaftlicher Er­legung zittern, zusammentreffen. Der Knall der Pistole endet dann das düstre Spiel der Szene: Das Intermezzo ist zum Drama geworden, ein Menschenleben vernichtend!

Die Gerichtskommifsion, die am Tatort die er­forderlichen Feststellungen protokollierte, erkennt an, daß der mit der Brwning-Pistole zur Ver­nehmung erscheinende Kunstmaler in berechtigter Notwehr gehandelt habe, und die Unter­suchungs-Behörde hat daraufhin die sofortige Haftentlassung des temperamentvollen Schützen verfügt. Professor Maaß (der erst vor ein paar Wochen als von einem Herzleiden kaum Genesner aus Nauheim heimkehrte) erklärt, daß er sich durch den Faustschlag des hünenhaften Kürassier-Rittmeisters derart bedroht gesehen habe, daß ihm keine andre Abwehrmöglichkeit geblieben sei als die Pistole. Herr Maaß ist ein kleiner, schwächlicher Herr, gegenüber dem Riesen Westernhagen ein Zwerg, und man kann's verstehen, daß er im Moment der Attak- kierung durch den Rittmeister sich in höchster Gefahr sah. Gab ihm aber die Erkenntnis die­ser Gefahr das Recht, sofort zum Browning zu greisen und den Gegner niederzuschießen? Das Strafgesetzbuch sagt (im Paragraphen biet« undfünfzig): Ja, denn: Ob der Angriff vor­gesehen war oder ob er im Aftett höch­ster Erregung geschah, ob er von dem An­gegriffnen verschuldet worden oder nicht, ist nach dem geltenden Recht gleichgültig; aus­schlaggebend ist nur die Frage, ob der Professor durch den tödlichen Schuß aus der Bröwningptstole die Grenzen der b erecht i g - ten Notwehr nicht überschritten hat. Die Be­gleitumstände der Tat und die Feststellungen des Gerichts scheinen darauf hinzudeuten, daß eine Notwehr-Ueberschreitung nicht vorliegt (oder besser: Als vorliegend nicht erachtet wird), und so wird vermutlich der Revolverschutz, der ein Menschenleben vernichtete, strafrechtlich un­gesühnt bleiben, weil Herr Maaß nach dem gel­tenden Gesetz berechtigt war, in der Not­wehr, deren Tatbestand das Gericht anerkannt hat, seinen Gegner ohne weiteres niederzu­schießen. I u r i st i s ch läßt sich diese Anwen­dung des Gesetzeswillcns auf das Drama im Landwehr-Kasmo nicht anfechten; vom Stand­punkt menschlichen Rechtsempfindens aus betrachtet, erscheint sie als eine Ungerechtigkeit, als eine Privilegierung der Leidenschaftlichkeit und Unbesonnenheit.

War's notwendig, daß der Hüne Western­hagen dem schwächlichen Professor einen Faust­schlag versetzte, und gab's für den Künstler keine andre Rettung als die Pistole? Der Vorgang ist für beide Beteiligte beschämend, und die Tragik des Endakts mindert nicht den Zwang zur rücksichtlosen Verurteilung der Mo­tive, die das Verhängnis herausbeschworen. Der Rittmeister hat als Sklave seines Tempe­raments gehandelt, als er den Maler angriff, und der Künstler ist ein Opfer der Furcht und ocr Erregung geworden, als er die Waffe auf

den Gegner richtete. Ein Zweikampf vor Zeu­gen ist immer noch erträglicher, männlicher und sittlicher als diese Explosion blinder Leiden­schaftlichkeit auf dem dunklen Korridor eines Kasino-Gebäudes, wo der Kampf Mann gegen Mann in der düstren Szenerie eines feigen Uebcrfalls aus dem Hinterhalt versinkt, und nach der Katastrophe die Tränen bittrer Reue rinnen. Der Professor hat bei seiner Verneh­mung ausgesagt, daß er seit Wochen die Brow­ning-Pistole ständig bei sich getragen habe, weil er einen Ueberfall seitens des Rittmeisters fürchtete. Das Intermezzo im Kasino-Haus hat nun zwar die Berechtigung seiner Befürch­tungen erwiesen, aber es bleibt trotzdem noch die Frage bestehen: Gab es für den Künstler keinen andern, sicherem Schutz als die.. Pistole, die in der Hand eines Leicht-Erregten allzuschnell Unheil anrichten kann? Die ret­tende Pistole" scheint zum Verhängnis zu werden, und wie sie in der Hand des Ver- -brechers Wagner aus Degerloch Menschenleben in grausamer L u st vemichtete, so hat sie in der erregung-zitternden Hand des nervösen Herz­kranken Maaß in panischer Furcht ein Leben zerstört. Hier wie dort ist's die P i st o l e, die zum Urheber des Verderbens wurde, die Pistole in der Hand des Verbrechers und der Schwäche. Seit längerer Zett be­schäftigt die Regierungsstellen der Plan, eine gesetzliche Regelung des Waffenverkaufs an Privatpersonen herbeizusühren, um Verbrechen und Leichtsinn zu bekämpfen. Es regt sich scharfe Opposition gegen diese Absicht des Gesetzgebers, weil man (vielleicht nicht ohne Grund) bureau- kratische Schikane befürchtet. Die Affäre im Berliner Landwehrkasino zeigt uns indessen, daß derKampf gegen die Pistole" ein Notwen­digkeit-Gebot ist, wenn Menschenleben nicht dem Zufall verbrecherischen, leichtfertigen oder leidenschpfl-überreizten Wasfensptels preis- gcZeben wirren scheu'..>! F. H.

6m neuer Balkan-Bund?

Schutzbund gegen Bulgaren und Türken.

Während die Politik Bulgariens dar­auf abzielt, durch den Friedensschlutz mit der Türkei die Basis eines engeren Anschlusses Bulgariens an die Türkei mit dem Endplan eines regelrechten Bündnisvertrages zu schaf­fen. sind auch die Gegner Bulgariens im zweiten Balkankrieg nickt untätig geblieben: Sie planen die Schaffung eines neuen Balkanbundes, der Rumänien, Griechen­land, Serbien und Montenegro umfassen soll und in dem wahrscheinlich Rumänien die Führung übernehmen wird. Der neue Bund soll offenbar das staatliche und militärische Gegengewicht gegenüber dem geplanten tür­kisch-bulgarischen Bündnis darstellen. Wir er­halten darüber folgenden Draht-Bericht:

Belgrad, 17. September.

Aus Bukarest meldet die Tribuna, daß dort spätestens im Laufe dieses Monats die Ministerpräsidenten von Serbien, Griechenland und Montenegro zusammen­treten sollen, um im Verein mit Rumänien in detaillierter und formeller Weise einen neuen Balkanbund abzuschlietzen, des­sen Schaffung bereits zwischen den einzelnen Kabinetten vereinbart worden ist. Die Füh­rung in diesem Bunde würde dann Rumä­nien als der wichtigste Staat übernehmen.

Tie Bedeutung des geplanten Balkan­bundes würde in erster Linie in der Sickerung gegen etwaige neue Kriegspläne Bul­gariens liegen, denn es ist klar, daß König Ferdinand die jetzige Gestaltung der Dinge am Balkan nicht als endgültig betrachtet, sondern sich nur dem Zwang fügt und die Gelegenheit abwartet, um in einem neuen Kriege das jetzt Verlorene zurückzuerobern. Gelingt es Bulga­rien, mit der Türkei ein Schutz- und Trutzbünd­nis abzuschlietzen, und die Türken für einen Revanche-Krieg" gegen Rumänien, Serbien, Griechenland und Montenegro zu gewinnen, dann droht in naher Zukunft am Balkan die Gefahr eines Verzweiflungskampfes, dessen Ende und Ausgang nicht äbzusehen ist.

*

Vor dem Friedensschluß.

Konstantinopel, 17. September. (Draht-Meldung.) Man erwartet hier, daß der türkisch-bulgarische Ver­trag heute entweder ganz oder zum größten Teile paraphiert werden wird. Der Ver­trag regelt unter anderm die Fragen der Grenze, der muselmanischen Gemeinden, des Austausches der Kriegsgefangenen und der Entschädigungsansprüche der Tür­kei, bezüglich welcher die Bulgaren int Prinzip Bezahlung des Betrages der während der bul­garischen Okkupation gemachten Requisitionen zugestimmt haben. Die Stadt Dimotika wird wahrscheinlich den Bulaaren zugesprochen

werden, während alle anderen strategischen

Punfte der Türkei verbleiben. _

In Massenstreil-Krieg.

Niederlage der Radikalen in Zenak

Der in Jena versammelte Sozial­demokratische Parteitag erörterte gestern ausschließlich die Frage des polittschen Massenstreiks. Die Generaldebatte wurde von dem Abgeordneten Eduard Bernstein eingeleitet. Er führte aus, daß die Waffe des Massenstreiks heute noch nicht angewandt wer­den könne. Die belgischen Genossen hätten Gro­ßes geleistet, doch herrschten bei ihnen ganz an­dere politische Verhältnisse, die ihnen einen wenigstens relativen Erfolg sicherten. Bei uns, vor allen Dingen in Preußen, lägen die Dinge aber ganz anders. Man dürfe nicht ins Blaue hinein einen Massenstreik in Szene setzen, ohne an das Ende zu denken. Wenn man den Mas­senstreik bis zur Bewilligung des preußischen Wahlrechts durchführen wollte, müßte man so­lange streiken, bis die ro 1 e F a h n e a u f d e m Schlosse von Berlin wehe. Wegen einer Teilreform lohne sich eine derartige Anstren­gung nicht. Hierauf begründete Rosa Luxemburg bett Zusatzantrag ber Radi- kalen. Sie griff den Parteivorstanb wegen sei­ner Lauheit scharf an; er wisse nicht, daß in bett Massen eine große Unzufriedenheit herrsche: Wir wollen frisches Blut im Parteikampf sehen. Der Parteivorstand will aber keine Schwarzseher dulden. (Heiterkeit.) Mit der Unzufriedenheit der Massen geht der Stillstand in der Mitgliederbewegung Hand in Hand.

ed>eibcmattn hat ja sogar für die Militär­vorlage Entschuldignngögründe und hält ledig« lieh die Nörgler in den eigene« Reihen für ge­fährlich. Beim N «gier« ng Sjnbilänm und beim Zarenbesuch hätte« wir nicht ruhig zusehrn dürfen, sondern eine gewaltige D e m o n - stratio« inS Leben rufen müffen, an die der Zar fetit Lobetag hätte denken müffen. ES ist Unsinn, wenn man fordert, de« Maffenstreik im geheimen vorzubereiten; er mutz ans de« Maffen heranSkrmmr«.

Eine Partei, die an der Spitze der Be­wegung stehen will, muß die Massen im revo­lutionären Sinne vorbereiten. Wir wollen den Gegnern sagen: Wir schärfen unsere Waffen, wir sind bereit! (Stürmischer Beifall.) Der Gewerkschaftsführer Bauer trat der Vor­rednerin scharf entgegen: Wenn die Massen so­weit sind, geht der Massenstreik auch ohne Dis­kussion vonstatten. Die ganze Frage ist keine Gewerkschafts-, sondern eine Parteifrage. Wir haben keine Veranlassung zu einer Schä­digung der Gewerkschaften beizutragen, das sagt uns allein unsere Verantwortlichkeit. Die Erringung der preußischen Wahlrechts­reform ist absolut nicht so dringend gewor­den, daß wir zu diesem äußersten Mittel grei­fen müßten. Wir müffen den Feind Schritt für Schritt zurückdrängen und vor allem unsere Vertretung im Reichstag stärken. Durch Begei­sterung der Massen in den Versammlungen er­reicht man gar nichts: wenn sie nachher in das graue Elend zurückkehren, fühlen sie das doppelt schwer. Wir wollen nur dann an den Massenstreik denken, wenn wir das Problem auch verwirklichen können. Was die Radikalen jetzt sagen, ist nichts weiter als eine starke revu- lutionäre Phraseologie. Was Rosa Lnremburg will, ist reiner Syndikalismus, die Theorie der fortgesetzten Putsche. Da­durch werden aber die Gewerkschaften völlig aufgerieben. Von dem bisherigen bewähtten Wege abzuweichen, haben wir keine Veranlas­sung. (Stürmischer Beifall.) Reichstagsabge­ordneter Pens-Dessau ruft warnend, man solle das Ende bedenken. Der Maffenstreik sei eine Katastrophe für die Pattei: was solle werden, wenn er fehlschlüge? Der nächste Red­ner ist Abgeordntter Dr. Frank-Mannheim:

Wir fielen «ich« mit den Waffe«, sondern wir Schärfen fi«. Wir kommen in Preutzcn nicht mehr ohne den Massenstreik ans. Wir müffen den herrschenden Klaffen zeigen, datz da» Proletariat gewillt ist, sich in der Wahlrechtsfragr sei« gutes Recht ««bedingt innerhalb oder antzerhalb de« Parlaments zn holen. Aierir» gibt es zwischen Nord und Siid keinen Unterschied. Das eine ist sicher: ES kommt in Preutze« eine Wahlreform oder ei« Maffenstreik.

In feinem Schlußwort hebt Abgeordneter Scheidemann hervor, daß er sich nur gegen jene Nörgler gewandt Hobe, die sich alsSchul­meister der Pattei" aufspielen wollen: Rosa Lnremburg war heute geradezu sanft und milde gegenüber Dem, was sie vor dem Par­teitag von sich gegeben hat. Die Pattei wird von Rosa Luxemburg geradezu verspottet. Richt Reden und Leitattikel setzen die Masten in Bewegung, sondern Tatsachen, die den Masten an die Nieren gehen. Liebknecht be- zeicknete mich als einboshaftes Luder" (Hei­terkeit.) Man fordert von uns zur Erregung der Massen gröbere Akkorde im Reichstag, nun, auf Liebknecht, Ledebour und mich kann das nicht zutreffen (Heiterkeit), uns hat man schon zugernfen: Zum Fenster hinaus! Scheibemann fordert schließlich die Ablehnung des Zusatzan­trages Lnremburg. Die Resolution Luxem­burg, bezüglich des Massenstreiks wird schließ­lich mit 142 gegen 350 Stimmen abgelehnt und die Resolution des Parteivorstandes mit allen gegen zwei Stimmen angenom­men.

Professor und Kammerherr.

Die Totschlagsaffäre im Berliner Landwehr» Kafin»; die Vorgeschichte der Ehrenaffäre.

Die Charlottenburger Kriminalpolizei und die ,«ständige Staatsanwaltschaft haben im Laufe des gestrigen Tages umfangreiche Er» mittlungen angestellt, um die Totschlags-Affäre Maatz-Westernhagen in allen ihren Ein» zelheite« aufzuklären. Der von Profeffor Maatz gegebenen Darstellung, in der Rot-' wehr gehandelt ,« habe«, gla«bt man, und er wurde schlietzlich wieder auf freien Fuh gesetzt. Profeffor Maatz soll übrigens schwer herzkrank sein und erst kürzlich eine längere Kur in Bad Rauheim beendet haben.

Wie wir schon in unferm gestrigen telegra­phischen Bericht über die sensationelle Affäre mitteilten, liegt dem Drama im Berliner Land-! Wehr-Kasino eine Ehren-Affäre zugrunde. Es handelte sich um eine Ehrenratssttzung des Bezirkskommandos 5 Berlin, dem der Rittmei­ster der Reserve Lothar von Western­hagen untersteht. Der Ehrenrat tagte im Landwehroffizierskasino in einer Sache, die zwischen Professor Maatz und dem Ritt­meister von Westernhagen schwebte. Kaum war die Ehrenratssitzung beendet (kurz nach acht Uhr abends), so gab Rittmeister von Western­hagen außerhalb des Sitzungszimmers dem Profeffor Maaß mit atte; Kraft einen Schlag ins Gesicht. Maaß zog darauf einen Re­volver und schoß auf den Kammerherrn. Nur einen Schuß hatte er abgegeben, der aber Sofort tödlich traf. Profeffor Heinrich Maaß steht im dreiundfünfzigsten Lebensjahre. Er ist feit mehreren Jahren mit einer Tochter des Haus­besitzers Wygodzinski verheiratet und wohnt in der ersten Etage des Hauses Brückenallee 6, das seinem verstorbenen Schwiegervater gehört hat. Die Ehe des Professors Maaß blieb kin- - verlos. Der Künstler, dessen Heimat Anklam in Pommern ist, hat an der Akademie der Künste in Berlin und später bei den Profes­soren ßcfebre und Robert Fleury in Paris studiert. Sein Hauptwerk sindDie drei Frau­en am Grabe Christi" in ber SchloßkapeÜc zu Detmold, wofür er mit der Lippeschen Rose für Kunss und Wissenschaft ausgezeichnet wur­de. Maaß hat außerdem noch den Leopolds- orden mit der Krone. Er aehört ber Allge­meinen Deutschen Kunstgenossenschaft und seit 1890 dem Verein Berliner Künstler an.

Die Vorgeschichte der Affäre.

Ueber die Vorgeschichte der Affäre und ihren Hergang werden folgende Einzelheiten bekannt: In einem Berliner Wochenblatt er- fchienen vor einiger Zeit Artikel, die sich gegen den lippeschen Kammerherrn Lothar von We- stembagen richteten. Diefer hatte den ihm be­kannten Kunstmaler Professor Maaß im Ver­backt, bie Artikel geschrieben ober doch veran­laßt zu haben, unb sprach diese Beschuldigung auch aus. Maaß bestritt jedoch entfdjieben die Autorschaft und beantragte, um sich zu rehabili­tieren, die Einleitung eines ehrengerichtlichen Verfahrens gegen Herrn von Westernhagen. In biefem Verfahren fand am Dienstag abend bie erste Vernehmung statt. Der Ehrenrat Haft- Professor Maaß, ber nicht Reserveoffizier ist, zu abenbs acht Ubr als Zeugen unb Kammer­herrn von Westernhagen zu neun Uhr zur Ver­nehmung geladen, fo baß keiner ber beiben et­was von ber Ladung und Vernehmung des andern wußte. Durch »inen unglücklichen Zu­fall oder Irrtum erschien Herr von Western- Hagen, der als Reserveoffizier seine Uniform angelegt hatte, aber auch schon um acht Uhr im" Landwehroffizierskasino. Er wurde in das Wartezimmer, das eine Treppe tiefer liegt, ge­wiesen mit der Bitte, sich hort bis zu seiner Vernehmung, die ja erst auf neun Uhr anbe­raumt war. zu gedulden. Jnzwifcken wurde Professor Maaß von dem aus drei Mttglie- bern beftebenben Ehrenrat vernommen. Die Vernehmung erreichte bald nach acht Uhr ihr Enbe, und Profeffor Maaß schickte sich nun an, das Kasino zu verlassen. Unglücklicherweise war Herr von Westernhagen ans dem Zenaen- zimmer herausgetreten und ging auf dem Kor­ridor auf unb ab. So kam es, daß

beide Gegner znsammentrafer».

Kaum hatte von Westernhagen den von ihm Beschuldigten auf der Treppe erblickt, als et auf ihn zntrat, voller Erregung feine Beschul­digungen wegen der Artikel wiederholte und gegen Professor Maaß tätlich wurde. Ein Gefreiter vom Bezirkskommando war Ohren­zeuge dieses Renkontres. Er erklärt, baß sich ein kurzer, äußerst heftiger Wortwech- s e l entspannen habe, in bem von ben erwähn­ten Artikeln bie Rebe war Unmittelbar dar­auf fiel ein Schn ß. Die Offiziere des Ehren­rats unb ber Verwaltungsdirektor des Kasinos, Lehnett, stürzten auf den Korridor, und man hörte nur noch, wie von Westernhagen rief: Ich bin in» Herz getroffen!" Dann taumelte er und sank um. Profeffor Maaß stand auf der Treppe, eine kleine ameri­kanische Pistole in der Hand. Ter Be­wußtlose, aus dessen Herzwunbe nicht ein Tröpfchen Blut quoll, wurde auf bie Chaise­longue eines nahen Zimmers gelegt. Ebe noch ber schnell herbeigerufene Arzt von ber Un­fallstation am Zoo erschien, war Herr von Westernhagen verschieben. Ter Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Die Todesnach­richt wurde sofott der Gattin und dem Bruder von Westernhagens, der als Hauptmann, t«*