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Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 236

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 12. September 1913

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

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Sau Franzisko.

Der Kampf um die Welt - Ausstellung; Herr Ballin gegen die Reichsregierung.

Der Streit der Meinungen über die Betei­ligung Deutschlands an der Meltaus- stellung in San Franzisko wogt noch im­mer hin und her und dürfte wohl so bald noch nicht zur Ruhe kommen, wenn auch die Regierung schon gesprochen hat. Ballins Wort, das sich f ü r die Teilnahme Deutschlands ausgesprochen hat, mußte natürlich viel Staub aufwirbeln und fällt bei der Bedeutung des Hsxax-Generaldirektors in der internationalen Handels- und Jndustriewelt mächtig in die Wagschale. Als ein Mann, der sich immer der persönlichen Gunst des Deutschen Kaisers in hohem Maße erfreuen konnte und zum in­timem Kreis des Kaiserhofes zählt, wird er auch in dieser Angelegenheit kaum ohne allen Einfluß auf des Kaisers Meinung bleiben, die freilich heute noch so gut wie unbekannt ist. Und es ist somit nicht ausgeschloflen, daß sich die deutschen Anschauungen, die der Beteili- flUhg der deutschen Industrie in San Franzisko mit aller Schroffheit widerstreben, zu einer milderen Auffassung in der bedeutungsschweren Frage bekehren taffen. Sollte eine allgemeine Vertretung des Deutschen Reichs auf der Aus­stellung nicht Zustandekommen (wie es ja im­merhin aus den gegebenen Verhältnissen ver­ständlich wäre) so bleibt gleichwohl nicht einzu­sehen, warum die Ausstellungsfrage ganz und gar fallen sollte, denn die Vergleichsvorschläge, die die goldne Mittelstraße ziehen, scheinen den Umständen entsprechend durchaus nicht unvor­teilhaft zu sein.

Man darf das Eine vor allem nicht aus den Augen lassen, daß England sich noch keines­wegs endgültig entschieden hat. Von Britan­nien ging zwar der Absagebrief an Amerika aus, dem sich Deutschland umgehend anschlie- ßen zu müssen glaubte, und die englische Re­gierung hat nicht zuletzt aus handelspolitischen Gründen ihre Nichtbeteiligung erklärt. Die britische Jndustriewelt jedoch hat sich nicht einmütig auf die Seite der Regierung gestellt. Lange Zeit fah man in jenem Schritt nur einen Druck in den heiklen Panamaftagcn. Und so kann man in Berlin mit einem Male die Ueberraschung erleben, daß unser Konkur­rent in der Union vertreten sein will, und daß Deutschland, das durch Austauschprofessoren und auf alle andere Weise sich immer um rege Beziehungen mit der Union bemüht hat, um die Stellung der Deutsch-Amerikaner zu schüt­zenausstellungsmüde" und verstimmt zu Hause bleibt. Das Solches im Interesse un­serer wirtschaftlichen Zukunft vermieden werden muß, bedarf keines Beweises. Die Si­tuation wäre in diesem Fall in der Tat höchst heikel.

Ein diesbezüglicher Vorschlag des Ober­bürgermeisters Dr. W i l m s, des Direktors der Nationalbank, verdient jedenfalls alle Beach­tung. In voller Erkenntnis der Wichtigkeit, die in einer Beteiligung Deutschlands steht, rät er, diese mehr auf die soziale Seite zu beschränken; auch hält er es für wahrscheinlich, daß ein großer Teil der deuffchen Städte sich für eine einheitliche Beteiligung bereit finden würde. Bei dem lebhaften Interesse, das die Amerikaner für soziale Fragen in weitestem Sinne des Wortes (besonders für das deutsche Städtewesen, das von dem amerikanischen so sehr verschieden ist) bekunden, wär« vorzüg­liche Gelegenheit gegeben, die bedeutungsvolle und vorbildliche Arbeit Deutschlands auf die­sem Gebiet zu beleuchten. Die Repräsentation des Deutschtums wäre gewahrt, besonders, wenn auf der Weltausstellung ein besonderes Deutsches Haus" errichtet werden könnte, das einer Verzettelung der kleineren Ausstellungs­objekte vorbeugen würde. Die Kosten sind in diesem Falle nicht so übermäßig hoch, wie es bei einer Beteiligung der Industrie (vor allem der Schwerindustrie) der Fall wäre, namentlich dann nicht, wenn Ballin, der sich so intensiv für die Ausstellung eingesetzt hat, bei den Transportkosten entgegenkommen würde. Eine solche Beteiligung, die sich auch nur in ange­messenen Grenzen hält, liegt durchaus im In­teresse des deutschen Ansehens und ist auch nach Ablehnung von Gewerbe und Industrie noch höchst erwägenswert.

Firmen, die sich besondere Vorteile ver­sprechen, steht es ja immerhin noch frei, sich an« zuschließen und ihre Erzeugnisse zu zeigen. Widerstände deutscher Jndustriekreise hat es vor jeder Ausstellung gegeben, wenn auch vor St. Louis im Jahre neunzehnhundertvier die Umstände etwas günstiger lagen als heute. Aber auch jetzt schon hat die amerikanische Han­delspolitik an Schärfe gegenüber Europa etwas

verloren, und es scheint heute eine (wenn auch vorerst noch geringe) Neigung zum Entgegen- kommen vorhanden zu sein. Das beweist die Aufhebung des deutschen Bücherzolls, nachdem man in Washington eingesehen hat, wie böses Blut eine solche Maßregel in Deutschland machen muß. Es liegt nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, daß Amerika noch weiterhin sich bemühen wird, sich die Gunst Europas auf handelspolitischem Gebiet zurückzuerobern. Gerade aber für die nächsten Jahre, die die Panamadurchfahrt bringen werden, steht für den deutschen Handel, für die Wirtschafts-Be- ziehur^en auch zu Mittel- und Südamerika, wie zu Ostasten zu viel auf dem Spiele, als daß eine schroffe Absage bei der Weltausstellung er- solgen dürfte. Wenn also auch die Beteiligung Deutschlands in San Franzisko nicht in dem Umfange erfolgt, wie es sonst üblich gewesen ist: Ganz fehlen darf das Deutsche Reich bei einem solchen Anlasse sicher nicht!

Die deutsche Fndusstie.

Der Bund der Industriellen in Leipzig.

(Bericht unsers S. U.-Korrespondenten.)

Leipzig, 11. September.

Im großen Kongreßsaal der Internationa­len Baufachausstellung trat gestern der Bund der Industriellen zu seiner diesjährigen Generalversammlung zusammen. Syndikus Dr. Schneider -Berlin behan­delte als erster Referent das Thema:Aus­fuhrindustrie und Mittellandkanal". Er gab ein Bild der Entwicklung der Kanalfrage in Deutschland und wies namentlich auf die für Deutschland ungünstige geographische Lage hin, die es zwingen, die Rohstoffe vielfach aus wei. ter Ferne zu beziehen und dafür außerordent­lich hohe Frachtkosten zu bezahlen. Ueberge- hend zu dem Mittellandkanalpro- j et t selbst schilderte er die Schwierigkeiten, mit denen dasselbe von Anfang an infolge des heimlichen Widerstandes einzelner einflußrei­cher Persönlichkeiten und der agrarischen Poli­tik zu kämpfen hatte. Mit der Stellung nähme des Kaisers zu dem Projekt kam die Sache in Fluß, wenn auch die Vorlage der Regierung im Abgeordnetenhause eine glatte Ablehnung fand und dafür ein Rhein-Weser- Kanal mit Anschluß bis Hannover genehmigt wurde. Augenblicklich scheine die Angelegen­heit völlig eingeschlafen zu sein. Im Gegensatz zum Ausland verwerfe man in Deutschland Projekte, auch dann, wenn ihnen nicht in dem Grade wie in dieser Frage das agrarische Interesse entgegenstehe. Demgegenüber wichen die Regierung und die direft interessierten Kreise in beschämender Weise zurück. Die Frage des Mittellandkanals scheine aber noch nicht ganz verloren zu sein und deshalb dürfe der Bund der Industriellen nicht Nachlassen,

das Mittellandkanal-Projekt

zu untefftützen. Landtagsabgeordneter Zuck­schwert- Magdeburg bekannte sich als war­mer Freund des Mittellandkanalprojekts und betonte, daß es eine ernste Pflicht sei, die Geg­ner desselben weiter aufzuklären. Der Gene, ralsekretär des Zentralvereins sür deutsche Binnenschiffahrt, Dr. Grotewoldt-Ber- lin, äußerte die Ansicht, daß die Gegnerschaft gegen das Projekt nicht mehr so erheblich sei wie ftüher und bemerkte, daß der Bau des Kanals durchgesetzt würde, wenn die Industrie das Projekt unterstütze. Nach einer kurzen wei­teren Debatte trat die Versammlung den An­schauungen des Referenten bei. Der General­sekretär des Deutschen Vereins für Wohnungs­reform in Frankfurt, Dr. M a n g o l d t, sprach überIndustrie und Wobnungswesen". Er betonte das Interesse der Industrie an einer Verbesserung der gesamten Arbeiterverhält­nisse. Wenn die Industrie die Wohnungsre­form zu fördern suche, so könne sie das am besten durch die Unterstützung der allgemeinen Reformbestrebunaen in der Wobnungsftage, die nicht nur gelöst werden könne, sondern auch gelöst werden müsse. Schließlich behandelte Syndikus Dr. F a s o l d - Berlin die besonders für Cassel wichtige Frage:Monopol­bestrebungen der elektrischen In­dustrie". Er beantragt, an die Reichsregie­rung und die Bundesstaaten die Bitte zu rich­ten, allen mit der öffentlichen Elektrizitätsver­sorgung Deutschlands zusammenhängenden Fragen, besonders der Konzessionserteilung an Privatunternehmer, dem Verkauf kommuna­ler Elektrizitätswerke und der Errichtung soge­nannter gemifcht-wirtschaftlicher Unternehmun­gen volle Aufmerksamkeit zu widmen. Der Antrag wurde angenommen.

Die neueste Flieger-Katastrophe.

Ein Flieger-Absturz ins Publikum.

Büchenbeuren (Hunsrück), 11. Sep­tember. (Draht - Meldung.) Beim Auf­stieg eines Militürffugzcugs im Manöver­gelände des 16. Armeekorps stürzte heute früh das Flugzeug in die Menschenmenge. Bier Personen wurde» getötet, darunter

der Gendarm eriewachkmeister Schmidt aus Blankenrath. Mehrere andere Personen wur­den verletzt. Das Flugzeug hatte sich nur wenige Meter vom Erdboden erhoben, als der Motor aussetzte. Das Flugzeug stürzte, kippte um und fiel in die Zuschauer.

Sie Greuel nm Valka«.

Bulgarische Anklagen gegen die Griechen.

Man weiß: Die Kriegführenden am Bal- f« n haben sich gegenseitig der ur,Leheuer- lichsten Greueltaten beschuldigt, und wenn nur ein Hundertstel von Dem Wirklichkeit ist, was von bulgarischer, serbischer, griechischer und türkischer Seite an Anklagen gegeneinan­der vorgebracht wurde, bann haben sich im letz­ten Balkankriege Greuel ereignet, die aller Menschlichkeit und aller Kultur spotten, und die Völker am Balkan der Gemeinschaft europäi­scher Gesittung für immer entfremden. Eine internationale Kommission ist unterwegs, um die Wahrheit zu erforschen, aber sie kommt zu spät, als daß sie noch tatsächliche Feststellun­gen machen könnte. Inzwischen erwacht das Gewissen der Balkanier: Das offiziöse Wolff'sche Depeschen-Bureau übermittelt uns folgende Mitteilung:

Das Drama von Serres.

Die Königlich Bulgarische Gesandtschaft in Berlin bittet uns, der verehelichen Redaktion folgenden offiziellen Bericht mitzutei­len: Man hat genau feststellen können, wie die furchtbare Schlächterei in Serres, die von den Griechen gegen die Bulgaren ver­übt wurde, vor sich gegangen ist. Außer dem geretteten Beleff haben sich noch andere sieben Personen, darunter Frau Maria Nikolowa, gerettet, indem sie stundenlang trotz ihrer Wunden zwischen Leichen dahinflüchteten. Feder von ihnen hatte vier bis sechs Wun­den an Kops und Hals. Am sechsten Juli hat die griechische Bevölkerung die kleine bulga­rische Wache in Serres getötet, die Waf- fendepots beraubt und angefangen, die Bulgaren in ihren Häusern und Läden in der Umgebung zu verfolgen. Die An- barten (griechische Banden) erklären gerade­heraus, daß sie vom griechischen Hauptquar­tier ausgeschickt worden sind, um die bulgarische Bevölkerung zu ver­nichten. Die von ihren Häusern fortge­triebenen Bulgaren wurden vor den griechi­schen Bischof geführt, der ihnen versprach, sie zu befreien und sie trotzdem ins Gefäng­nis sperren ließ. Der elfte Juli war für die gefangenen Bulgaren

der schrecklichste Tag.

Zweihundert Bulgaren wurden zu zweien zusammen gebunden, in demselben Gefäng­nis in rin besonderes Zimmer geführt, wo sie wie Tiere hingefchlachtet wur­den. Die Griechen gingen in ihrer Grausam­keit so weit, daß sie ihnen die Kehlen durchschnitten. Diese in der Geschichte unerhörten Grausamkeiten haben bis zwei Uhr nachmittags gedauert. 'Sobald die An- banten ben Kanonendonner der griechischen und bulgarischen Artillerie hörten, flohen sie aus der Stadt, indem sie auf ihrem Wege alleS verbrannten und vernich­teten. Unter den auf diese tierische Art Getöteten befanden sich mehr als dreißig bul­garische Soldaten, sechs Frauen und fünf­undzwanzig Schutzleute. Noch grausamer gingen die Griechen in dem Dorfe Metoh vor, wo siebzehn bulgarische Bauern mit Tieren zusamrne «gebunden und unter dem RufeKönig Konstantin und Griechenland fallen leben" abgeschlach- tet wurden. Der griechische Bischof, der diese Grausamkeiten den Bulgaren zuge­schrieben hat, war der Urheber dieser schrecklichen Szenen. Die Leichen der Bul­garen sind den Korrespondenten, die von Saloniki nach Serres berufen wurden, als griechische Leichen bezeichnet worden.

Wenn diese Darstellung, di« als offiziel­ler Bericht von der Berliner bulgarischen Gesandtschaft gegeben wird, den Tatsachen entspricht, bann ist Serres zum Schanbmal des Griechentums geworden, und Europa muß sich mit Abscheu von einem Volke abwenden, das in Orgien brutalster Grausamkeit seine Siege gefeiert. Indessen: Die Griechen beschuldigen die Bulgaren, die Bulgaren die Griechen, und es wird wohl niemals möglich fein, festzu- steilen, wer am meisten gesündigt und sich am furchtbarsten wider die Gesetze der Kultur und Menschlichkeit vergangen har. Sicher ist nur das Eine: Die Greuel am Balkan sind eine Kulturfchande für Europa und ein Doku­ment des Barbarismus, das die Balka­nier den Horden Asiens zugesellt.

Die Cholera in Rumänien.

Konstantinopel, 11. September. (Pri- vat-Telegramm.) Die Cholera ver­breitet sich i« Rumänien mit furchtbarer

Schnelligkeit und man sagt, daß auch Buka­rest davon betroffen fei. Die Regierung soll jedoch den wahren Zustand verheimlichen. Nach ärztlicher Feststellung wurden fechshundertfünf- zig Cholerafälle festgestellt. Zweitausend Per­sonen stehen unter Beobachtung. Die Stadt Bukarest selbst ist vorerst nur wenig von der Cholera betroffen. Die meisten Fälle ereigneten sich in den Vorstädten. Die Kranken sind iso- liert. Wie weiter bekannt wird, ist die Cholera von den Bulgaren an der Tschataldschattnie aus­genommen und nach dem Balkan verschleppt worden.

Jas Nordsee-Irama.

Ein Bericht über die Ursache des Untergangs des Marine - Luftschiffs; die Gerettete« in Hamburg; bo neueste Zeppelin-Anfall.

Die Geretteten Som Scrungliutten Reichs» Marine - Luftschiff L I trafen gestern abend in Hamburg ein. Wie einer der Geretteten erzählte, suchten sich die meisten Teilnehmer an der UngliiSSfahrt durch A 6» springen zu retten. Das schwere Leder­zeug hinderte aber im Schwimmen. Die Ge­retteten haben fich vierzig Minuten lang an den Trümmern des Luftschiffes feftgehalten, ehe fie in Sicherheit gebracht werden tonnten.

lieber bi« Vorgeschichte und bie Ur« fache des Unglücks bei Helgoland werben jetzt folgen« Einzelheiten bekannt: Das Luftschiff L I erhielt am Dienstag den Befehl, sich zu einer länger als zwölf Stunden dauernden Fahrt zu rüsten und die Nordsee zwischen Hel­goland und Norderney nach feindlichen Kriegs­schiffen abzusuchen. Infolgedessen wurden die Reservemannschaften mitgenommen, die die erste Besatzung nach sechs Stunden ablöfen sollten. Von Hamburg aus übernahm Kapi­tänleutnant Hanne, der erste und älteste Marine-Zeppelinführer. das Kommando des Schiffes, während Korvettenkapitän Metzing mit der Leitung der Aufklärungsfahrten be­traut war. Die Fahrt ging bei anfangs ruhi- gem Wetter über Blankenese und Glückstadt zur Elbnründung, wo L I nordwestlichen Kurs nahm und in gerader Richtung auf Helgoland zuhielt, dem sich feindliche Schisse nähern soll­ten. Der Ballon stand mit Hamburg und Nor­derney sowie der Funkenstation Norddeich und den Kriegsschiffen in ununterbrochenem draht­losem Verkehr, «mpftng Weisungen und gab Bericht über feine Beobachtungen. Gegen drei Uhr nachmittags hatte er Helgoland er» reicht und überfuhr die Insel in großer Höhe. Von der Seewarte in Hamburg war für die Abendstunden schlechtes Wetter ge­meldet worden. Das über Norwegen und Schweben lagernde große Tief rückte uner- toartet schnell heran und man fürchtete mit Recht, baß bie Ausläufer Sturm und Regen bringen würden. Aus diesem Grunde mußte man von einer großen Fahrt nach Norden, wie sie ursprünglich geplant war, Abstand nehmen und der Führer, Kapitänleutnant Hanne, er­hielt auch durch Funkenspruch den Befehl, sich

in der Nähe der Torpedoboote

zu halten. Dieser Auftrag wurde auch streng ausgeführt und der L I verlor während des ganzen Tages nicht den Kontakt mit den Schif­fen. An Bord des Luftschiffes war man über die Witterungsverhältnisse ebenfalls durch den Barometerstand auf di« drohende Ge­fahr vorbereitet und so tat der Führer, was in fehlen Kräften stand. Da bei dem her» anziehenden Sturm, dessen Ausläufer wirbel- artige Winde bildeten, ein Verweilen in der Lust nicht ratsam erschien, ließ Kapitänleutnant Hanne, der sich in der vorderen Maschinen­gondel neben dem Steuermann befand, alles zu einer Wa s s er la n d u n g klar ma­chen und ließ der Helgoländer Station einen Funkenspruch zugehcn, in dem er um Bereit­stellung eines Torpedobootes zum Abschleppen bat. Die Maschinenanlage im L I war voll­ständig intakt, außerdem besaß man noch Brennstoff für mindestens zehn Fahrstunden. Das Unheil kam jedoch schneller, als die Führer es ahnen tounicn. L I geriet in einen strömenden Regen, der das schon be­stehende Uebergewicht noch vermehrte. Infolge des starken Gasverlustes, der bei der Höhen- fahri eingetreten war, war bie Manövrier­fähigkeit stark beeinträchtigt. So kam es, daß bei dem Abstieg zur Seeoberfläche das Lust- schiff, obwohl die Motoren mit Vollkraft an beiteten, um die Wirkung des Höhensteuers zu verstärken, den Druck der von oben kom­menden Böen nicht überwinden konnte. Es ist beobachtet worden, daß bei Führer ver­zweifelte Anstrengungen machte, um

den drohende« Sturz

möglichst abzuschwächcn. Er ließ etwa hundert Meter über bem Meere noch einmal Höhen- steuer geben, um mit voller Kraft in die Höhe zu gehen. Das stark abgekühlte Gas aber besaß feine volle Tragkraft nicht mehr, und so gehorchte L 1 dem Manöver nicht in aus­reichender Weise. Zum Unglück wurde das Heck von einem gewaltigen, abwärts strebenden Luftwirbel erfaßt, der das Luftschiff i« die Tiefe zog. Di« hintere Gondel schlug auf das Wasser auf, und durch die entgegen« wirkenden Kräfte trat im zweiten Drittel des