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Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 234.

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 10. September 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Exzellenz int Varietee.

Der amerikanische Staatssekretär Bryan als Varietee Nummer; Geschäft ist Geschäft!

3« den letzte« Tage« erschien in Washing. toner Zeitungen ei« Inserat, das besagte, datz der Staatssekretär der Vereinigten Staate«, Drhan, mit ei«er Truppe, di, sich ans her- vorragende« Artisten gusammensetzt, einen Variete, . «ertrag adgeschloste» hat, de«,«folge er in zwölf Staaten während der Varietee.Borstelln«g Vorträge halten wird, ««fang« glaubte mau, da« Snfeeat sei ein schlechter Scher,, jetzt ab«: wird bekannt, datz Brhan tatsächlich im Varietee aus. trete« und Vorträge über -Politik halte« wird.

William Bryan, der Staatssekretär der Vereinigten Staaten, der als Politiker, Präfl- dentschasts-Kandidat und Bannerträger der Aankee-Demokratie vor der neuen und der alten Welt so lange Theater gespielt hat, ist nun zum Varietee gegangen, und man darf sagen: Er gehört dorthin! Der Herr, der in seiner politischen Tätigkeit die Reklamekunst Barnums weit in den Schatten gestellt, der noch als Minister des Aeußern den Kino-Apparat am Schreibtisch und im Schlafzimmer für unent­behrlich erachtete, der seinen Freunden und Feinden Tag für Tag die Erinnerung an den leitenden Staatsmann" durch Filmzauber und Reklame-Tricks auszwang und seinen Ruhm alsMentor der Union-Politik" an allen Straßenecken Washingtons durch Miets-Enthu- flasten und Messenger-Boys der Oeffentlichkeit ins Ohr schreien ließ: Er ersteigt nun den Gipfel der Geschmacklosigkeit! Als Staats­sekretär der Vereinigten Staaten bezieht Mister Bryan «in Jahresgehalt von sünfzigtausend Mark, eine Summe, die zur Not ausreicht, um das Leben angenehm und lieblich zu gestalten. In Preußen regieren die Minister bekanntlich etwas billiger, und selbst die Zeit der schweren Not mit dem Hammel in Eis und dem däni­schen Beefsteak im Gefolge hat ihnen keine Teuerungszulage gebracht. Der Business -man Bryan erklärt indessen: Mit fünfzigtausend Mark im Jahr verkümmern Glück und Freude, und da die Union nicht Hilst, so helfe ich mir selber! Geht hin, verpflichtet sich einem pfiffi­gen Varietee-Llanoger für zwölf Vorträge im Tempel der leichten Muse und darf sich rühmen, an jedem der Abende, die den Staatssekretär der Vereinigten Staaten neben Clowns, Feuer- fressern und Jodlern in heißem Wettbewerb um die Gunst des Publikums auf den Brettern des Washingtoner Maryland-EtablissementS sehen bare zwölftausend Silberlinge zuerwer­ben". Für die zwölf Vorträge zusammen also hundertvierundvierzigtausend Mark: Eine Summe, um die der amerikanische Minister des Aeußern fast drei Jahre hindurch in Regie­rungs-Sorgen frohnden muß. Geschäft ist Geschäft!

Als Herr Bryan, nachdem er seine Hoffnung aufs Weiße Haus trauernd begraben, zum Minister des Aeußern berufen wurde, über­raschte er dieobern Fünfhundert" von Washing­ton durch dieReformen", die er, ein tüchtiger Hausvater, für den gesellschaftlichen Verkehr einführte. Seine Diners erinnerten an das Menu einer Volksküche in Hoboken, und statt des perlenden Sekts, dessen Marken-Rcinheit den Ruf des Vorgängers fester begründet hatte als alle Kunst seiner Diplomatie, präsentierte er seinen Gästen sorglich verdünnten Frucht­saft! In Washington drohte damals so etwas wie eine Revolution, aber Herr Brhan blieb unerbittlich, und die einz'ge Folge des Sturms der Entrüstung war eine noch intensivere Wäs­serung des von allen Göttern des Alkohols geflohenen Tafelgetränks. In der Presse der Union wurde schon damals die Frage aufge­worfen, warum man William Brhan nicht zum Säckelmeister der Vereinigten Staaten be­rufen habe; einen idealem Finanzminister als den sruchtsaft-wässemden Staatssekretär würde selbst Woodrow Wilsons W-isheit zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean vergeblich suchen. Der Aufstieg Bryans zum Varietee be­weist, wie zutreffend diese Annahme gewesen. Amerika, dasLand der unbegrenzten Mög­lichkeiten", hatte Präsidenten, die aus der Hir­tenbuben- und Holzknecht-Rolle emporstiegen zum höchsten Amt der Republik; es hat Milliar­däre, die als Weberlehrlinge und Depeschen­boys begannen und nennt gefeierte Pioniere der Wissenschaft und Technik seine Bürger, die in der Schlosserwerkstatt und auf dem Schreiber­schemel den Gmnd zum Weltruhm legten: Einen Minister aber, der mit Clowns, Feuer- fressem und Jodlern im Varietee Komödie spielt, die Politik auf die Bretter trägt und im Rampenlicht sich dem erfreuten Publikum in ganzer Größe präsentiett: Einen solchen Minister hatte bisher selbst Amerika nicht, und es ist Herrn Bryan Vorbehalten geblieben, der ministeriellen Kollegenschast den Weg zu zeigen, auf dem eine richtig gehende Exzellenz

sich mühlos und ohne Sorgenlast einen ange- nehmmNebenerwerb" sichern kann.

Der Grundsatz:Geschäft ist Geschäft!" gilt in Amerika in des Wottes allgemeinster Bedeutung und niemand hat Theodore Roose­velt einen Vorwurf daraus gemacht, als er nach seinem Abschied vom Weißen Haus in die Outlook-Redattion einzog und die Er­fahrungen einer überlangen Präsidentenzeit zu reich - bemessnen Journalisten - Honoraren um. münzte. Herr Bryan aber hat die Amerikaner in ihrer Empfindlichkeit verletzt, hat sie an ei­ner Stelle getroffen, an der der Yankee am leichtesten zu verletzen ist und wird drum auch alsVarietee-Minister" von der gesamten Presse mit Spott und Hohn überschüttet. Er wird, nachdem er die Politik ins Varietee ge­tragen, nicht lange mehr an der Bürde des Ministeramts zu tragen haben, und wenn er, vom Sturm der Entrüstung hinweggefegt, in der Versenkung versckwindet, wird von al­len seinen Taten sicher die eine am längsten in der Erinnerung haften, die ihn den Clowns und Feuerfressern gesellte! Betrachtet man in dessen den Werdegang des neuen Varietee- Stars genauer, so kann der Endakt seiner Laufbahn, der sozusagen den Gipfel der Ent­wicklungsmöglichkeit im Land der unbegrenzten Möglichkeiten darstellt, nicht überraschen: Bryans politische Tätigkeit ist eine einz'ge Kette von theatralisch angelegten Coups, von seinem ersten Auftreten als demokratischer Patteigänger an bis zu seinem Debüt alsStaats- sekretär des Aeußern im letzten Frühjahr, als er in dem Moment allerhöchster Balkanspan- nung die politische Welt durch eine märchenhaft- utopistische Friedensidee verblüffte. Woodrow Wilson war Bryan zu Dank verpflichtet; seine Wahltaktik ebnete Wilson den Weg zum Wei­ßen Haus und bescheidner als mit dem Mini- teramt fürs Ausland-Geschäst konnte der neue Präsident seinen Manager nicht wohl entlohnen. So ist's gekornmen, daß die Union in kritischer Zeit die Ausland-Politik in den Händen eines Mannes sieht, der ein tüchtiger Rechenmeister, aber kein Staatsmann, ein erfolgreicher Agita­tor, aber keine Schöpferkraft ist, und dessen Un­zulänglichkeit eben erst wieder der Konflikt mit Mexiko deutlich erwiesen hat. Der Enttäuschung über den Politiker Bryan gesellt sich nun die Entrüstung über den Varietee-8tar Bryan, der Amerika und die Staatsmannschast der Shilturtoelt auf den Brettern karikiett und um hundettvierundvierzigtausend Silberlinge den Exzellenzenstuhl der Schaubühne ausliefert. Wir sehen Amerika auf der Bühne, und im Spiegel der Komödie offenbart sich die finstre Tragödie des modernen Amerikanismus: Geschäft ist Geschäft . . .!" F. H.

Zwei Flieger Katastrophen.

Die Flieger Dr. Ringer «nd Senge tot.

Zur gleichen Stunde, als auf dem Militär­friedhof in Cassel mit militärischem Ge­pränge, im Beisein vieler Fliegeroffiziere, der Vertreter des Kurhesstschen Vereins für Luft- fahtt, des Lustflottenvereins und anderer Flie- gerkorporattonen Leutnant Prins bestattet wurde, trug man auf dem Berliner Gamison- friedhof das weitere Todesopfer der Kata­strophe von Brieg, den Fliegeroffizier Leut­nant von Eckenbrecher, zu Grabe. Am sel­ben Tage ereignet« sich wieder ein tödlicher Fliegerunfall, und heute morgen ein zweiter, nicht minder tragischer.

Berlin, 9. September.

Der Fokker - Flieger Dr. Ringer, der heute früh 6 Uhr 29 Minuten in Johannis­thal aufgestiegen war, um sich um die Prämie der Rationalflugspende zu bewer­ben, stürzte bereits neun Minuten später in der Nähe von Rudow am Teltower Kanal aus etwa zweihundert Meter Höhe ab. Dr. Ringer war sofort tot. Der Apparat ist vollständig zettrümmett.

Gelseykirche«, g. September.

Der Flieger Senge von den Aristoplan- werkcn in Wanne, der in der Wanner Gegend eine Notlandung vornehmen mußte, stieg dort gestern nachmittag wieder auf, in der Absicht, nach Viersen zu fliegen. Er flog aber nach Grevenbroich und stürzte dort mit seinem Flugzeug so unglücklich ab, daß er sofort tot war.

Der Aristoplan-Flieger Paul Senge, der bei Grevenbroich tödlich verunglückte, war trotz seiner Jugend in der Reihe der Flieger kein Unbekannter. Er hatte bereits eine große Zahl Flüge ausgefühtt und sich erfolgreich an Kon­kurrenzen beteiligt, während Dr. Ringer noch wenig genannt worden ist. Paul Senge war erst dremndzwanzig Jahre alt! Er stammte aus dem Elsaß, erwarb das Flugführerzeugnis im Mai des Vorjahres auf einem Dr. Lübner-

Mosbach-Eindecker auf dem Flugplatz Mann­heim und hielt sich seitdem in Karlsruhe auf, wo er seine eigene Flugzeug-Halle besaß.

Irr Feldmarsthpst-Stsb. Der Deutsche Kaiser und sein Schwager.

Bei der Ueberreichung des Feldmar­schallstabs an den König von Grie­chenland hielt der Kaiser eine für die deutsch-griechischen Beziehungen charakteristische und politisch bedeutsame Ansprache Der König antwortete im gleichen Sinne und wandte sich besonders an die anwesenden Generale, um die glänzenden Erfolge preußischer Grundsätze über Krieg und Kriegführung auf dem Balkan festzustellen. Nach der offiziösen Wiedergabe hatte die

Ansprache des Kaisers an de» gttechifchen König folgenden Wort­laut: Eure Majestät haben während und nach dem Kriege bekundet, daß die großen Er­folge der griechischen Armee nächst der he­roischen Tapferkeit und der opferfreudigen Hingabe aller griechischen Truppen, den b e - währtenpreutzischenGrundsätzen über die Kriegführung zu verdanken seien. Diese seien von Eurer Majestät und den Offizieren ihres Stabes in Berlin beim zweiten Garde-Regiment zu Fuß und auf der preußischen Kriegsakademie er­worben worden und hätten, in die Praxis umgesetzt, sich glänzend bewährt. Mein Heer ist stolz auf dieses Urteil Eurex Maje­stät, das eine Anerkennung für unsere militärische Geistesarbeit enthält, und zugleich dafür einen schlagenden Beweis erbringt, daß die von unseren Generalen und unseren Truppen gepflegten Prinzipien bei richtiger Anwendung stets den Sieg ver­bürgen.

Der König von Griechenland antwortete; Eurer Majestät spreche ich mit be­wegten Herzen meinen D a n k für die große Ehre aus, dir mir zuteil wird durch die Verleihung des Fcldmarschallstabes. (Zu den Generalen gewendet:) Ich stehe nicht an, noch einen«! laut und öffentlich auszuspre­chen. datz unsere Siege nächst der un­überwindlichen Tapferkett meiner Griechen den Grundsätzen über Ktteg und KriegM- rung zu danken sind, die ich und meine Her­ren hier in Berlin bei meinem lieben zweiten Garderegiment zu Fuß, der Kttegs- akademie und in dem Verkehr mit dem preußischen Generalstab uns unge­eignet haben. Ich danke Deiner Majestät dem hochseligen großen Kaiser Wilhelm dem Ersten, daß er die Gnade hatte, mir zu ge­statten, kostbare Monate hindurch hier in der Truppe und auf der Akademie die militäri­schen Kenntnisse mir aneignen zu dürfen, welche mir im Kriege nachher so glän­zende Erfolge gebracht haben.

Ein Privat - Telegramm meldet uns aus Athen: Der äußerst ehrenvolle Emp- äng, den der Deutsche Kaiser dem König der Hellenen bereitet hat, hat das griechische Volk mit Dankbarkeit und Patriotismus erfüllt. Sämtliche Zeitungen geben ihrer Ge­nugtuung über die veränderte Haltung Deutsch­lands Ausdttick, die durch die Bewunderung der großen Waffentaten der griechischen Armee und die Schneidigkeit der Heerführung König Konstantins während der letzten beiden Kriege hervorgerufen worden sei.

Reue Balkan-Besorgnisse!

Wien, 9. September. (Privat-Tele- gramm.) In hiesigen diplomatischen Kreisen wird mit Besorgnis konstatiett, daß die gestern begonnenen türkisch-bulgarischen Frie­densverhandlungen unter unfreundlichen Auspizien ihren Anfang genommen haben. Die Forderungen der Türkei seien derartig weitgehend, daß Bulgarien sie schwerlich akzep­tieren könne. Gleichzeittg wird bekannt, daß owohl reguläre, als auch irreguläre tür - kischeTruppenden Mestafluß überschritten haben. Dieses Vorgehen der türfischen Truppen dürfte, wenn es sich bewahrheitet, unbedingt neue Komplikationen nach sich ziehen.

Iresden als Luftschiff-Zentrale.

Der Ausbau des Dresdener Flugplatzes.

(Privat-Telegram m.)

Dresden, 9. September.

Binnen wenigen Jahren wird die sächsische Residenzstadt zur deutschen Luftfahr- Zentrale ausgebaut werden. Dies wurde gestern bei einer Besichttgung des neuen Flug­platzes der Presse verkündet. Nicht nur die geographische Lage mitten im Herzen Deutsch­lands wird zu diesem Ziele führen, sondern auch die sonstigen außerordentlich günstigen Umstände, die sowohl einen regen Flugverkehr

aller militärischen Uebungen, als auch vor allem Wasserflugzeug-Wettbewerbe ermöglichen, an denen es in Deutschland noch sehr mangelt. Der Dresdener Flugplatz weist einen Flächeninhalt von 1800 000 Qua­dratmeter auf. übertrifft also den Johannis- thaler Flugplatz bei weitem. Er wird je eine Luftschiffhalle für den Betrieb der Delag und für die Militärverwaltung auf­weisen, außerdem zahlreiche Hallen für die Flugapparate, eine Kaserne für das Luftschiffer-Bataillon und mehrere Fabriken, die sich hier ansiedeln wollen. Die Militärlustschiffhalle foll erst im nächsten Jahre begonnen werden, sie wird eine drehbare Doppelhalle werden. Die Halle für die Delag wird dagegen schon im Oktober dieses Jahres eröffnet werden können.

Nachtschatten der Kultur. Das Spiel mit dem Tode : Tragödien und Tragikomödien menschlicher Irrungen.

In der Zeit vom ersten Juli bis heute sind in Deutschland insgesamt vierunddreitzig Personen LiedeStragödien nnd Familiendramen rum Opfer gefallen. Von diesen vierunddreitzig Opfern befanden sich zweiundzwanzig im Alter von siebzehn biS vierundzwanzig Jahren. In vierzehn weiteren Fällen wurden die Beteiligten schwer verletzt. Tie Liebestragödien verteilen sich auf An­gehörige aller Gesellschaftsllasien und Berufe. In achtzehn von vierunddreitzig Fällen hatten die Sie. benden im gegenseitigen Einverständnis gehandelt. Das Leben selbst webt immer die düstersten Dramen, die erfchütternsten Tragödien und die tollsten Burlesken, und wer hellen Auges den Film des Daseinsbilds an sich vorüberhasten läßt, gewinnt auch aus dem scheinbar Alltägli­chen, aus dem Nüchternen und Reizlosen, Eindrücke, die mehr Wert repräsentieren, als drei Bände moderner Sozialphilosophie. Und wenn man die Flut der schaffenden, zerstören­den, natürlichen und gewalttätigen Aeußerun- gen des Lebens prüfend vergleicht, erkennt man als eines der erschreckendsten Symptome der sozialen und psychischen Verfassung unsrer Zeit die verminderte Schätzung, die Entwertung des Lebens überhaupt! Dem hier sich offenbarenden ethischen Defett der human sich gebärdenden Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts haben unsre besten und ehrlichsten Denker Worte bitterster Anklage und eindringlichster Ermahnung gewidmet, und in ihren Schriften spiegelt sich die furchtbare Bilanz der hekatomöenweisen Opfer, die Indu­strien und Bergwerke, Krieg und Verkehr, tau­fend vermeidbare Nöte und selbstgeschaffne Gefahren alltäglich nur deshalb erfordern, weil sich der Sinn für den Lebenswert des In­dividuums ebenso geschwächt hat, wie das so­ziale und moralische Verantwotttichkeit-Gesühl. Furchtbare Katastrophen ereignen sich, die di« Umsicht hätte abwenden können, und in der

Mechanisierung des Lebens und in dem Schwinden idealen Empfindens offenbart sich die tiefste Tragik unsrer Kultur, gähnt der Weg zu einem Abgrund. Ein noch viel schlimmres Symptom, und zwar das Symptom einer psychischen Entartung ist jedoch die ausfallende Erscheinung, daß das eigne Leben immer mehr an Wert verliett, datz es bet jeder Verstimmung und Erschütte­rung, bei jedem Hindernis im Beruf und bet den Wünschen der Leidenschaft wie wertloser Ballast abgeschüttelt wird. Von dieser Krank­heit ist namentlich unsre Jugend befallen. Da sind die Schülerselbstmorde aus enttäuschter Eitelkeit, der Selbstmord in heroischer Pos«. Nervosität und seelische Schlaffheit, im tiefste» Grunde aber ein rücksichtsloser Egoismus, wirken in diesem Spiel mit dem Leben mit. In den meisten Fällen ist et das erste Aufflammen der Liebesleidenschaft, der Genius des Ge­schlechts, der den tragischen Ausgang herbei- führt. Frank Wedekind hat die Tragödie dieses Erwachen des Frühlings" in noch hemmung- losen jungen Seelen geschrieben, das versengen­de Anflodern ftüher Sinnlichkeit, dem Eltern und Erzieher so wenig Verständnis, so wenig sorgsames Zartgefühl entgegenbringen. Zu diefer Dichtung haben

die letzten Ereignisse traurige Kommentare und Bestätigungen gelie« fett. Tas hervorstechende Mommi dieser Vor. fälle war der gemeinsame Tod, der Doppel» felbstmord der Liebenden. Man erinnert sich noch an den Selbstmord eines Liebespaares vornehmster Abkunft in einem Kupee des öster­reichischen Südbahnzugs. Es waren zwei i« ihrer Liebesanschaimng und ihrem Willen Voll­reife Menschen, die an einer aussichtslosen Sie­be scheiterten. Und eben wieder hat sich bet Doppelselbstmordversuch zweier hoffnungslos Liebender ereignet, der nur dem einen der Bei­den den ersehnten Tod brachte. Aber nicht im­mer haben derattige Herzensaffären einen so traurigen nnd so unveränderlichen Abschluß. Zuweilen kommt es bei dieser Lebenssluchi nur zu einem kindischen Versuch und das Drama erhält nicht nur durch seine Motive, sondern auch durch feine Ausführung einen Einschlag von Komik. Ein derattiges kleines Drama hielte sich in seinen letzten Szenen vor weni­gen Tagen im gerichtlichen Verbandlungssaal