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Kasseler Neueste MWtkn

Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 232

Sonntag, 7. September 1913

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

1910: 131,5; 1911: 128 und 1912: Nur noch 121 Arbeitsuchende, während im kaufenden Jahre die Ziffer des Angebots eine noch geringere sein dürfte. Wir haben nur einige Anzeichen der Krise aufgezählt. Diese selbst entsteht jedes­mal, wenn Ueberproduktion und Geldknappheit zusammcnfallcn. Ist dies heute der Fall? Wir müssen sagen: Es war der Fall! Die Balkan­wirren haben durch Krediteinschränkungen der Banken der Ueberproduktion ein natürliches Hindernis gesetzt. Deshalb kam die Krise noch nicht zum Ausbruch. Schreitet die Produktion jetzt (nach der Erholung der Geldmärkte von politischen Sorgen) weiter im Tempo des Vorjahres fort, so wird der Ausgang des Jah­res 1913 entschieden die lange drohende Krise herbeiführen. Bleibt dagegen die Pro­duktion (aber hierfür ist wohl kaum Aussicht) in den durch die Geldknappheit zeitweise gebo­tenen Grenzen, so kann die kommende Krise als eine sehr milde, die Wirtschaft im wahrsten Sinne reinigende angesprochen werden. So viel steht aber fest: 1913 noch oder 1914 wird im Zeichen der Wirtschaftskrise stehen, und es wird sich dann zeigen müssen, ob unser wirtschaftliches Leben stark und gesund genug ist, um diese Krise ohne die Gefahr von Katastrophen überstehen zu können . . .!

Der Straßenschmuck zur Feier.

Der Vorsitzende des Großen Casseler Bür­gervereins, Privatmann Protscher, richtete dann an die Casseler Bürgerschaft einen be­herzigenswerten Appell. Danach hat die Be­völkerung durch die Tausendjahrfeier ein wun­derbares Schauspiel zu erwarten und kann da­für wohl einige Groschen opfern, wenn jetzt nochmals an sie herangetreten wird. Die Aus- fchmückung der Häuser ist hauptsächlich Sache des Hausbesitzers, aber es wird nicht zu viel verlangt sein, wenn die verschiedenen Mieter den Hausbesitzer bei der Ausschmückung der Häuser unterstützen. Nicht nur die Häuser der Straßen, durch die der Festzug geht, sollen fest­lich ausaeschmückt werden: Der Wunsch des Großen Casseler Bürgervereins und der der städtischen Körperschaften geht dahin, daß alle Häuser der Stadt Cassel geschmückt werden möch­ten, damit die ganze Stadt ein einziges Bild der Festfreude bietet und einen unauslöschlichen Eindruck auf alle Fremden hinterläßt, die gele­gentlich der Tausendjahrfeier in Cassel erwartet werden. Hinsichtlich des F e st z u g s warf ein Herr die Frage auf, ob die Altstadtbewohner Stiefkinder" seien. Für die Oberstadt seien die Straßen bereits bestimmt, die vom Festzug be­rührt werden, für die Altstadt aber nicht. Stadt­verkehrsinspektor Weber erwiderte darauf, daß polizeiliche Bedenken bestehen und deshalb die Straßen, die der Zug in der Altstadt Pas- nert, noch nicht festgelegt sind. Die Anordnung der Straßen, wie sie gestern veröffentlicht wor­den ist. kann überdies noch nicht als definitiv angesehen werden, denn gestern hat wieder aus Polizeilichen Gründen eine Acnderung insofern getroffen werden müssen, als der ?ug bei der Rückkehr über die Fulda über die Ha­se n b r ü cf e geht. Genaues läßt sich noch nicht tagen, da noch immer Verhandlungen schweben die jedoch in den nächsten Tagen zum Abschluß kommen werden.

der F a ß h a l l e, die sämtliche Bezirksvereim umfassen soll. Hiergegen erhob der Verein bei Saal- und Konzertlokalbesitzer Einspruch. Di« Gründe der Saalbesitzer wurden vollauf gewür- digt, es kam aber auch zum Ausdruck, daß ein geeignet großes Lokal für die Tausendjahrfeie, in Cassel nicht bestehe. Ein Kompromißvorschlao fand schließlich Annahme, wonach Verhandlun. gen mit den Saalbesitzern angeknüpft werden daß zwei ihrer Mitglieder die Bewirtschaftung übernehmen. Es wurde im Zusammenhang dm mit mitgeteilt, daß die Bezirksvereine von Ein­zelfeiern Abstand nehmen. Ein Nachteil er­wachse also den Saalbesitzern nicht. Es wird demnach voraussichtlich der Kommers stattfin­den können.

TmseMMeier -PMMen.

Ein Abend im Großen Bürgerverein.

Durch den Stadtverordnetenbeschluß vom Donnerstag abend, der die leidige Kosten« krage der Tausendjahrfeier regelte, sind endlich die Vorbedingungen für die Inan­griffnahme der Arbeiten zur Tausendjahrfeier gegeben worden. Deshalb war die gestrige Gesamtvorstandssitzung des Großen Bür­gervereins imCasseler Hof" von eminen­ter Bedeutung und der Verlauf des Abends lehrte, daß viel Unklarheiten und Mißverständ­nisse zu klären und zu beseitigen waren. Bisher wußte tatsächlich der Bezirksobmann nicht, wel­che Instruktionen der künstlerische Obmann er­halten hatte und die Frage, welche Straßen der Festzug passieren wird, bewegte alle Gemüter.

Die Bürgervereins-Stiftuug.

(Von unserem B. U.-Mitarbeiter.)

Cassel, 6. September.

Eine Debatte von genau drei Stunden Dauer entspann sich in dcr gestrigen Bürgervereins- Sitzung über die vom Großen Casseler Bürgerverein seinerzeit ins Leben gerufene Sammlung für arme, kranke Kin­der. Mit hochherzigem Eifer stellten sich be­geisterte Bürger in den Dienst der guten Sache, nahmen viele Unannehmlichkeiten auf sich und trugen die Sammellisten von Haus zu Haus. Das Ergebnis war, daß eine Summe von 31 000 Mark aufgebracht worden ist, eine Sum­me, die als Bürger-Stiftung einige Tage vor dem Feste dein Magistrat überwiesen werden soll. Stadtrat Hoffa und Armendirektions- Obersekretär Hoffmeister schlugen der Ver­sammlung vor, die Spende dem Magistrat mit der Bestimmung zu übergeben, daß sie gemein­sam mit der 400000 Mark-Stiftung des hessi­schen Chemikers Mond in London, die nach dem Tode der Witwe des Spenders an die Stadt fällt, und zur Erbauung eines Gene­sungsheims in Kragenhof dienen soll, verwal­tet wird. Lebhafter Widerspruch war die Folge, da allgemein angenommen wurde, d«ß die Spende dadurch ihre Selbständigkeit ver­liere, daß sie mit der Mond-Stiftung verquickt und daß nicht im Sinne der Spender gehandelt werde. Es bedurfte großer Redekunst, die Ver­sammlung von dem Gegenteil zu überzeugen. Rach langen Kämpfen kam endlich eine Eini­gung zustande: Die Spende führt den Namen Tausendjahrstiftung des Großen Casseler Bürgervereins zum Be­sten erholungsbedürftiger Casse- l e r K i n d e r." Von den Zinsen des Kapitals sollen nur 90 Prozent alljährlich zum Zwecke von Ferien- und Milchkuren, Solbädern, Er­holung im Wald und aus dem Lande für kranke arme Kinder verwandt werden. Die übrigen zehn Prozent einschließlich etwa nicht ver­wandtem Zinsen werden dem Kapital zugc- schlagen.

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zuleiten: In diesem wichtigen Moment tier. sagt die offizielle deutsche Reichsregie, rung gänzlich

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An mein Volk. Ich glaube an kei­nen Gott. Ich wünsche mich als Bun­desgenossen des Teufels und jeden er» bürmlichen Bundes. Ich möchte alles was sich vor meine Pistole findet, mar­tern, aber ich weiß, daß das nicht geht. Ich wünsche auch, daß ich «ach der Tat gemartert werde. Ich felbft, gehe seit Jahren stets mit Dolch «ud Messer in das Bett!'

Wagner ist vernehmungsfähig, er verwei­gert jedoch vorläufig jede Auskunft. Nach Ansicht zweier Aerzte, die ihn untersucht haben, ist er nicht unzurechnungsfähig. In seinem Rucksack fand man noch einen dritten Revolver. Wagner konnte erst bewältigt werden, nachdem er seine Pistolen abgeschossen hatte und keine Zeit mehr sand, sie zu laden. Der Polizeidiener Heckte ihn dann mit einem Säbelhieb nieder.

Der Kampf «m die Faßhalle.

.Da der Kommers in der Stadthalle für die Bürger «ur in beschränktem Maße zugänglich beabsichtigte der Große Bürgerverein die Abhaltung einer eigenen Feier in

gungen geworden, ohne die Millionen und aber Millionen dem wirtschaftlichen Tode preis­gegeben sein würden. Auf die Konjunktur folgt die Krise und auf diese die Depression: So geht es im wirtschaftlichen Kreislauf unauf­haltsam und unabänderlich weiter! Auf der Höhe sich fragen, wie wird der Abstieg fein, ist oft wichtiger, als in der Tiefe die richtige Prognose für den Aufstieg zu stellen.

Um die Krise im Wirtschaftsleben werten zu können, ist es nötig, auch die beiden anderen Perioden im wirtschaftlichen Ringe in großen Zügen zu erkennen. Nachdem eine Zeitlang das wirtschaftliche Leben geruht oder wenig­stens keine größeren Fortschritte gemacht hat, zeigt sich langsam ein Wiedererwachen der in­dustriellen Tätigkeit. Die Produktion steigt, und zwar vornehmlich die Erzeugung derjeni­gen Güter, die in der Hauptsache nicht dem Verbrauch, sondern wiederum der Produktion dienen, wie beispielsweise das Eisen Die Konjunttur setzt ein und die Preise der Jndu- strieprodukte heben sich, die Zahl der Arbeits­losen wird geringer. Neue Unternehmungen entstehen, das Geld sucht in Industrie und Han­del Anlage. Steiler wird der Ausstieg, die ganze Volkswirtschaft stellt ständig größere Ansprüche an den Geldmarkt und verursacht eine immer drückender werdende Geldknappheit. Die Geldknappheit findet ihren Ausdruck in dem hohen Markt- und Bankdiskontsatz und in der starken Inanspruchnahme der Zentralnotenbank. Früher oder später muß diese Auswärtsbewe- gung ihr Ende finden. Den Zeitpunkt, wann diese Erscheinung eintritt, daß heißt: Wann die Krise ins Wirtschaftsleben tritt, möglichst ge­nau zu bestimmen, soll unsere Aufgabe sein. Suchen wir die Lebensdauer der jetzigen Kon­junktur nach Möglichkeit genau zu bestimmen.

Ein Vorbote der Krise ist die Erschöpfung der Kapitalreserve. Ist eine solche heute schon bemerkbar? Der hohe Marftdiskont scheint darauf hinzudeuten, doch ist im Vergleich mit dem ebenfalls stetig gestiegenen Normal- zinssuß eine weitere Aufwärtsbewegung im Laufe der Konjunkturperiode noch möglich. Die Grenze würde nach den besten Berechnungen erst um 1,5 Prozent über dem Diskont von 1912 (4,22 Prozent) liegen. Dagegen ist gewiß, daß die deutsche Wirtschaft bis zur Mitte dieses Jahres schon zum größten Teil die während der Depressionsperiode aufgespeicherten Kapi­talien verbraucht hatte. Ein zweiter Vor­bote der Krise ist die den Verbrauch überholen­de Eisenproduktioii. Sie ist gänzlich unnormal. Notwendigerweise hat dieser Mehrverbrauch dazu geführt, überflüssige Produktionsmittel zu schaffen. Wir finden dieselbe Erscheinung bei den aus dem Roheisen gewonnenen Walz- waren. Ebenso deuten hohe Flußstabeiseu- preise, die im Jahre 1912 um 10,7 Mark per Tonne ü b e r dem Preise von 1911 standen, auf die zuende gehende Konjunktur und die herannahende Krise. Ms letztes Zeichen der höchst geschraubten Konjunktur mö­ge schließlich noch dcr entlastete Arbeitsmarkt gelten, dessen Entwicklung sich feit Jahren^in aussteigender Linie bewegt. Auf hundert'freie Stellen kamen nämlich 1908: 160; 1909: 154,3;

Vallin gegen die Regierung. (Privat-Telegram m.)

Nürnberg, 6. September.

Der Generaldirektor der Hamburg-Amerika- Linie, Ballin, der zurzeit hier weilt, sprach ich gestern in einem Interview über die Nichtbeteiligung Deutschlands an der Weltausstellung in San Franzisko folgendermaßen aus:Tie Nichtbeteiliguna des Deutschen Reiches ist ein Fehler, der haupt- ächlich deshalb begangen wird, um Eng­land zu gefallen. Der Deutsche Kaiser hat sich feit langer Zeit persönlich bemüht, die "reundschastlichen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche zu festigen. Wir haben zu diesem Zwecke die Ausstellungen in St. Louis und Chicago be- chickt. Prinz Heinrich wurde mit besonderer Mission nach Amerika gesandt, und jetzt, wo es sich darum handelt, eine ganz neue Ent­wicklung speri o de nicht nur der Ver­einigten Staaten, sondern auch Südamerikas und des Handelsverkehrs mit dem Osten ein-

Zroht eine Krise?

Die allgemeine Wirtschaftslage in Deutsch­land und die Gefahr einer neuen Krise, von

Hans Prehn von Dewitz.

Auf dem Bergmannstag In Breslau erklä te der preußische HandelSminlster Dr. Stjboro:Sie Derlode der Hochkonjunktur geht jetzt zu Ende. Das Ist ein natürlicher Vorgang und es besteht begründete Hoffnung, daß der Niedergang ohne Erschwerung des Wirtschaftslebens durch eine Auf. wärtSbewegung wieder ausgeglichen wird. Unsere wirtschaftllche Lage ist durch und durch gesund und der Wohlstand steigt andauernd...!" Wir stehen im Zeichen der Hochkonjunk- tur: Wer wollte Das kennen? Wieder einmal ist der wirtschaftliche Ring geschlossen, das End­glied vollendet, und ein neuer beginnt, der ebenso enden wird. Dem Ausstieg folgt der Niedergang und diesem wiederum der Aufstieg: Das ist des eherne Gesetz, nach dem sich die Wirtschaft in Werden, Sein und Vergehen einordnet. Doch wie der Mensch des zwanzig­sten Jahrhunderts den Naturgewalten nicht willenlos sich beugt, so darf er auch den Wirt- schaftsprozeß nicht in tatenloser Ohnmacht über sich ergehen lassen. Wirtschaft mit ihren tau­send und abertausend Anhängseln ist heut mehr denn je das Lebenselement des modernen Menschen geworden: In ihm lebt er, in ihm steigt er, und in ihm fällt er! Wirtschaftliche Veränderungen zu erkennen, ja sie sogar im Voraus richtig abzuschätzen und zu wägen der- mögen, ist deshalb heute nicht nur zu einer kapitalbedeutenden Kunst: Erkenntnis und An­passung sind vielmehr zu Lebensbedin-

ZazImMg dm NWhimsen. Fünfzehn Opfer des Massenmörders Wag­ner; der Mörder als geistig normal er­kannt; die Vorbereitungen des Verbrechens.

Depeschen aus Stuttgart zufvlge hat bie Eerrchts-Kornmifston, di« gestern den Maffen- mörder Wagner von Mühlhausen unter­suchte, Wagner für geistig normal erMrt- Er macht überhaupt nicht den Eindruck eines Geistesgestörten. Bei allen VcrnehmungSver» suchen erklürte er, nich« aus sag en tu wollen, und wies daraus hin, datz «ralles, was mit der Tat im Zusammenhänge stehe, schriftlich niedergelegt habe. Dcr Grund der Tat wird in mitzlichen Faurilienver» hült Nissen gesucht. Wagner soll fich in seiner Ehe nicht besonders glücklich gefühlt haben, lieber das Schauerdrama in Mühlhau- ; en an der Enz, dem insgesamt fünfzehn Menschenleben zum Opfer gefallen sind, da im Lause des gestrigen Tages zwei der von Wagner verletzten Personen ihren Ver­letzungen erlegen sind, werden uns draht, lich noch folgende Einzelheiten gemeldet: Der Lehrer Wagner, der fünfunddreißig Jahre alt ist, hatte, ehe er nach Mühlhausen fuhr, an der Glastür seiner Wohnung eine Tafel an­gebracht mit der Mitteilung, datz die ganze Familie einen Ausflug unternommen habe und niemand zu Hause sei. Als die Untersu­chungsbehörde gestern vormittag ankam, wurde die Glastür zur Wagnerschen Wohnung erbro­chen. In zwei Zimmern lagen die Leichen der zweiuuddreitzigjährigen Frau Wagners, der zwei elf- und neunjährigen Töchter Elsa und Klara und der beiden acht- und sieben­jährigen Söhne Robert und Richard erstochen auf ihren Betten. Der Täter war Alkoholiker, aber bei seinen Schulkindern durchaus beliebt, obgleich er sich manchmal zu recht heftigen Zornesausbrüchen hinreitzen ließ. Seine Hausgenossen schildern ihn als einen Sonderling, der jede Gesellschaft gemieden ha­be. Bei der Tat trug Wagner eine schwarze Maske und einen Schleier vor dem Ge­sicht. Aus einem Nachbarort hatte er an seine Hausbewohner eine Karte folgenden In­haltes geschrieben:

Verzeiht mir, ich mußte es tun, ob­wohl ich weiß, daß es feinen Wert hat." Es wurde früher noch nie irgend eine Spur geistiger Störungen bei ihm wahrgenommen. In der letzten Zeit allerdings soll er ein eigen­tümliches Wesen an den Tag gelegt haben. An den Rektor der Volksschule, an der er angestellt war, hatte Wagner in einem längeren Brief Mitteilung von der bevorstehenden Tat gemacht. Außerdem richtete er einen wirren Brief an das Stuttgarter Neue Tageblatt, in dem es unter anderem heißt:

Sie ßhronik der Tages.

Wechsel in der Leitung der Kriegsakademie.

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 6. September.

Dem Direktor der Kriegsakademie, General der Infanterie von G ü n d e l l, ist aus sein Ge­such der Abschied mit der gesetzlichen Pension er­teilt worden. Zu seinem Nachfolger wurde Ge­neralleutnant von S t e u b e n, bisheriger Kommandant der 36. Division in Danzig, er­nannt. Der Wechsel in der Leitung der Kriegs­akademie hat (wie kaum anders zu erwarten war) in militärischen Kreisen große Ueber- r a f ch u n g hervorgerufen. General der In­fanterie von Gündell stand erst seit März dieses Jahres an der Spitze der Akademie, hat also die höchste militärische Bildungsanstalt nur knapp ein halbes Jahr geleitet. Die Gründe des Rücktritts sind gänzlich unbekannt, und der Wechsel überrascht deshalb umsomehr, als Er­zellenz von Gündell sich der besten Gesundheit erfreut und also durch Gesundheitsrücksichten kaum veranlaßt worden sein kann, von seinem Posten zurückzutreten. Noch vor ein paar Wo­chen sprach der General von weitausgrei­fenden Plänen, die sich auf seine Tätigkeit als Direktor der Kriegsakademie bezogen, der beste Beweis, daß er an Abschied nicht dachte.

Neue Nordland-Abenteuer.

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 6. September.

Nach einer Meldung aus Christtania hat der Kapitän des deutschen FischdampfersKa- roline Kreutzer" aus Geestemünde, der wegen unberechtigten Fischens in norwegi­schen Gewässern angehalten worden war, sich dem Machtbereich der norwegischen Behörden, die ihn verhaften lassen wollten, entzogen, indem er den Kurs in See genommen hat. Die Angelegenheit dürste noch ein diplomati­sches Nachspiel haben. Die Presse des ganzen Landes spricht sich in scharfen Worten über das Austreten des deutschen Kapitäns aus und fordert die Regierung auf, energische Maß­nahmen zu ergreifen. Tie Nervosität in Nor- toegen ist allgemein. Der Kapitän soll in Ge- wäpern gefischt haben, die für fremde Schiffe gesperrt sind und es hieß deshalb zuerst, der Kapitän sei ein deutscher Spion gewesen, der in den norwegischen Gewässern Spionage getrieben habe. Dieser Umstand führte dann auch zu der scharfen Stellungnahme der norwe­gischen Presse, die sich in einzelnen Organen bis zu heftigen Angriffen auf Deutsch­land steigerte.

Geständnisse des Mörders.

Im Laufe des gestrigen Nachmittags wur­de der Massenmörder Wagner dem Unterfu. chungsrichter vorgeführt. Er war vollkom­men ruhig und gefaßt und machte mit klarer Stimme und scheinbar mit voller lieber- legung seine Aussagen. Auf die Frage, wie et zu der entsetzlichen Tat gekommen sei, antwor­tete er, ohne mit den Wimpern zu zucken:3 ch habe die Tat schon seit langem vor­bereitet". Jedenfalls hat niemand, der den Mörder in den Stunden nach der Tat und vor dem Untersuchungsrichter beobachten konnte, den Eindruck gehabt, daß es sich hier um einen