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Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 230

Freitag, 5. September 1913

Fernsprecher 951 und 952.

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3. Jahrgang

JnferttonSprets«: Die fechSgespallen« Seile für einheimisch« »«schäfte 15 Pfg., für aus. roartige Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte «0 Pf, für auswärtige Seschäste W Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werven mit 5 Mark pro Tausend be- rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind di- Lasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: Noln!sch° Straße 5. Berliner Bertretung: SW, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Moritzpla? r>684

i~ie Lasseier Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der AdonnementSpreiS beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung ins Hau«. Bestellungen werden iederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Vertan unB Redaktion: Schlachthofstraße 28/30, Sprechstunden der Redaktton nur von 1 bis 8 Uhr abenb«. Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi« 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrichs». 18, Telephon: Amt Moritzplay 12584

Friedrich Wilhelm.

Der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen; von Danzig nach Vresla«.

Ein Prtvat-Telegrarmn meldet «ns ans Berlin: Wie jetzt feststeht, wird der Kron- prin, sein BrcSlaner Kommando am 27. Ja­nuar nächst-« Jahres, am GebnrtStag des Kaisers, antreten.. Die Uederstedclung von Danzig.Langfnhv nach Breslau erfolgt bereits Anfang Januar. Der Aufenthalt in Breslau ist auf etwa zwei Jahre berechnet, doch soll Breslau auch späterhin Prinzen-Refidenz bleiben und zwar soll dann Prinz A u g u st Wi l h e l m in Breslau Wohnung nehmen. Am sechsten Tag der Maien, zwölf Jahre nach dem großen Krieg, wurde dem Prinzen­paar Wilhelm von Preußen der erste Sohn geboren und dem Hohenzollernhaus ein neuer Thronerbe gegeben. Ueberm jungen Reich strahlte die Sonnenhöhe glücklichen Friedens, Bismarcks Eisenhand nutzte kühn die Wucht germanischen Machtgehalts, und der greise Kaiser saß, mit dem Urenkel im Arm, dem Photographen zum historischen Vierkaiser-Bild. Erzvater, Großvater, Vater und Sohn: Die Huld freundlicher Vorsehung schien einem sieg­haften Volk auch iy der Formung innern Ge­schicks nur Glück zu spenden, und das Vierkai­ser-Bild kündete der Welt die stolze Sicherheit der Zollern-Dhnastie! Das war der Maientag, der den Eintritt des ersten Sproflen einer jun­gen Ehe versonnte. Selten, daß Glück und Schicksal einem Sterblichen freundlicher an der Wiege lächelten, als diesem Fürstenkind, dessen Lebenspfad gesäumt schien von dem berau­schendsten Blüten irdischer Daseinsfteude. Noch stand der Ahn, ein Greis zwar, aber un­gebrochen an Kraft und Lebensmut, als Nestor unter den Herrschenden an der Spitze der Reichsgemeinschast, umjubclte eine Welt des Großvaters ritterliche Heldengestalt; hell und licht wölbte sich der Himmel über deutscher Erde, und die Früchte hart erkämpfter Siege reiften golden auf üppiger Flur. Es waren die Jahre ftiedlicher Entwicklung, emsiger Ar­beit und ungestörten Friedenglücks, die Deutsch­land unterm Schirm einer starken Politik in sichrer Hand durchlebte, Jahre der Zufrieden­heit und der Schicksalgüte, die ein neugeeintes Volk im vollen Genuß heldenhaft erstrittner Güter durchlebte.

Das Schicksal schreitet schnell: Noch ehe der Enkel der Kindheit Schwelle überschritten, bet­tete man den ersten Deutschen Kaiser in's Grab, und am Schmerzenslager des Großvaters war­tete der Tod auf neue Beute. Das Jahr der Heimsuchung dämmerte herauf, Deutschland sah zwei Kaiser in's Reich der Schatten sinken, und als der im Glück der Maien einst als vierter Erbe der Kaiserkrone ins Leben Ge- tretne das sechste Jahr des Daseins vollendet, stand er als nächster Erbe des Throns bereits hinterm Vater, dem als Neunundzwanzigjäh- rigem die Zügel der Regierung in die Hand der Jugend überantwortet wurden. Am letzten sechsten Maientag rundeten sich einunddreißig Jahre, seit Friedrich Wilhelm von Preußen das Licht der Welt erblickte, und der Zauber seiner Kindheittage lebt nur noch in wehmütigem Er­innern. Vier Jahrzehnte sind übers neue Reich dahingeranscht, reich an Schicksalen, Heimsu­chungen und Enttäuschungen, reich an Erre­gung, Groll und Hader, und diealte Zeit" mit ihrem poesie-umflossncn Patriarchen-Jdyll ist im Meer der Vergessenheit versunken. Die Wende des Jahrhunderts brachte auch im Reich der Zollern eine neue Aera, eine Zeit macht­vollerer Entfaltung und stärkerer Betonung Dessen, das die Väter in hartem Kampf erstrit- ten. Die Ruhe des Starken, die sichre Zuver­sicht eines seiner Kraft- bewußten Volks wich einer lebhaftem Geltendmachung deutscher Art auf allen Flächen des Erdrunds, das Steuer der Rcichspolitik glitt in beweglichere und geschäftigere Hände und man empfand plötzlich nach einer langen Pause stiller Werkarbeit, daß das Reichsgebäude auch äußerlich glänzenderer Repräsentation bedürfe, um in der Gemein­schaft der Völker die Wickht seiner Kraft voll zur Geltung bringen zu können: Dieneue Zeit" brach an, und mit ihr glitt Deutschland auf den großenStrom des Lebens".

Ein Vierteljahrhundert schon steht Friedrich Wilhelm von Preußen als Kronprinz an der Stufe deS Throns, und wenn nach menschlicher Voraussicht das Schicksal seine Wege wählt, werden Silberfäden sein Haar durchblinken, ehe die Last einer Krone sein Haupt drückt. Was wir vom Erben des Kaiserszepters wissen, macht den nun auf der Schwelle zum vierten Dezennium seines Lebens Stehenden uns schon rein menschlich wert und sympathisch: Ein ju- gendftischer, elastischer und in den Grundsätzen tatftoher Lebensbejahung crzogner Mann, der auf dem steilen Weg zur Throneshöhe des Le­bens Fordern nicht vergaß und als Fürst uni

Mensch der Welt und ihrem Wesen verständig Rechnung trug. Im Schatten eines weltbewun­derten und weltbeschäftigenden Vaters ist Kron­prinz Friedrich Wilhelm dem Volk mehr als Mensch, denn als einstiger Erbe der Krone vertraut und lieb geworden, und wie einst sein Großvater in den Tagen seines hellsten Glücks, sieht auch e r des Lebens reinste Freuden im Kreise der Familie und im Zauberreich des stillen Heims. So mancher Zug aus dem Da­sein eines glücklichen Gatten und Vaters, man­che kleine Episode aus dem Familienleben des lronprinzlichen Paares kennzeichnet den Erben der Krone als einen mit glücklichster Scelenhar- monie Begnadeten, der auch auf dersteilen Höh', wo Fürsten steh'n" dem Leben nicht fremd geworden ist, sondern mit Hellem Auge und fröhlichem Herzen seinen Pfaden folgt. Aneldo- tenerzähler haben davon zu plaudern gewußt, wie drückend auf der Seele des Jünglings und Mannes das Empfinden gelastet habe (und noch laste), neben der strahlenden Sonne väterlicher Majestät im Schatten zu verkümmern, und rei­che Kraft nutzlos rosten lassen zu müssen, ohne ehrlichem Tatendrang Geltung verschaffen zu können. Mag sein, daß die Seele froher Ju­gend auch auf Fürstenhöhen manchmal unterm Schicksal sich verdüstert: Ein künftiger Kaiser soll aber reifen und heranwachsen zur ragen­den Höhe seines Amts. Der Weg über Danzig und Breslau soll zum Ziele dieses Reifens fiihren...! F. St.

Sie Wsn» der Zsees.

Werber der Fremdenlegion in Mainz.

(Privat-Telegram m.)

Mainz, 4. September-

Ein zurzeit hier weilender Akquisiteur aus Frankfurt begab sich gestern abend in eine hiesige Bierwirtschaft. Am Nebentische saß ein Mann in mittleren Jahren, nach Seemannsart gekleidet, der mit ihm «in Gespräch anknüpfte. Der Mann brachte die Sprache auf verschiedene Kolonien fremder Reiche und er­zählte. daß er mehrere Jahre in der Frem- d e n l e g io n gedient habe. Er sprach sich sehr lobend über diese Einrichtung aus und erzählte, er habe Auftrag, Leute dafür anzuwerben. Vertraulich bemerkte er, daß er im Falle einer Anwerbung 200 Mark erhalte, die er mit dem Akquisiteur teilen wolle. Da dieser nun Verdacht schöpfte, bat er einen an seinem Tische itzenden Herrn, sich ebenfalls einmal an den Mann zu wenden, damit er seine Wahrneh- mungen bestätigen könne. Auch dieser Herr kam nach kurzer Zeit wieder, ihm wurde das gleiche Anerbieten gemacht. Sehr erregt über dies« Zumutung hielten bi« beiden Herren es für an­gebracht, die Polizei zu verständigen. Mehrere Gäste hielten den Mann, der durchbrennen wollte, fest und Übergaben ihn der Polizei. Der Werber entpuppte sich bei seiner Vernehmung als der vorbestrafte Schisser Klein aus Mainz. Er wurde in Haft behalten, da ange­nommen wird, daß er seit längerer Zeit als Werber für di« Fremdenlegion tätig ist.

Die Hochzeit in Sigmaringen.

(Draht-Meldungen.)

Sigmaringen, 4. September-

Am heuiigen Donnerstag findet im hiesigen Schloß die Vermählung der Prinzessin von Hohenzollern - Sigmaringen mit dem Ex­könig Manuel von Portugal statt. Gestern nachmittag trafen die fürstlichen Hoch- zektsgäste ein, darunter als Vertreter des Kai­sers Prinz August Wilhelm von Preußen, ferner der Herzog und die Herzogin von Aosta, der Jnfant und di« Infantin Don Carlos von Spanien, Prinz Johann Georg von Sachsen und der Herzog von Oporto. Die Fürstlich­keiten fuhren durch bi« festlich geschmückten Straßen bei Stadt und wurden von einer gro­ßen Menschenmenge stürmisch begrüßt. Etwas später trafen die Großherzogin Luise von Ba­den und der frühere Patriarch von Lissabon, Kardinal Netto, hier «in. Bei einem gestern abend stattgehabten Galadiner hielt Fürst Wilhelm von Hohenzollern eine Rede, ht der er unter anderm ausftibrte:Es ist mir ein tiefempfundenes Herzensbedürsnis, allen Ver­wandten und Gästen von dieser Stelle ans meinen wärmsten Dank dafür auszuivrechen, daß Sie meiner Einladung so bereitwillig qe- solat sind, nm der Vermählung meiner vielge­liebten Tochter anzuwohnen, nnd mit ganz be­sonderer Freude erfüllt es mich. Sie erlauchte Vettern in so großer Zahl herzlich willkommen heißen zu dürfen ...!

Nock keine Ruhe am Balkan!

(Privat-Telegram m.)

Sofia, 4. Sevtember.

Die türkischen Truppen haben auf dem reckten Ufer der Maritza außer Kirdschali, Mastanli und Gümüldschina auch die Ortschaft Sufli besetzt und in der Umgebung der Dör­fer Mosel und Besch-Tepeh über 12 000 Mann Truppen zusammengezogen. Wei­ter stehen zwei Kompagnien auf den Höhen

südlich von Oktschakroi und die reguläre In­fanterie und Kavallerie in der Umgegend von Dodhan Hissar. Kavallerie-Patrouillen streifen die ganze alte Grenze entlang. Gümüldschina wurde durch irreguläre Truppen in der Stärke von 2000 Mann eingenommen, die am 29. August in die Stadt eindrangcn. Die Offiziere verboten den Soldaten den Verkehr mit der Außenwelt. In Topali, nordwestlich von Gü­müldschina, hat sich eine Bande gebildet, die in den Dörfern der Umgebung straflos Räube­reien verübt. Am 31. August rückte türkische Infanterie nnd Kavallerie von Gümüldschina gegen Lanthie vor nnd besetzte die Stadt. Das neunte bulgarische Kavallerie - Regiment, das dort in Garnison lag, hatte Befehl erhal­ten, jeden Kampf mit den türkischen Truppen zu vermeiden. Trotzdem sah sich das Re­giment genötigt, mit der türkischen Infanterie, die ihm dicht auf den Fersen folgte, Schüsse zu wechseln. Irreguläre Banden marschieren in der Richtung auf das Dorf Sinkowo.

Zar HeM-Mhsrement.

Unterstaatssekrctäv Zimmermann geht!

Wir haben sckmn mitgeteilt, daß der Unter­staatssekretär im Auswärtigen Amt, Zimmer­mann. beabsichtigt, seinen Berliner Posten aufzugeben, um wieder im diplomatischen Aus- land-Dienst bescbäfiigt zu werden. Der Unter­staatssekretär soll angeblich den Botschafter­posten in Tokio übernehmen, eine Position, die bei den engen Beziehungen zwischen Deutsch­land nnd Japan außerordentlich wichtig ist. Die Nachricht über das bevorstehende Revirement im Auswärtigen Ami wird zwar leise dementiert, eS steht aber trotzdem fest, daß Unterstaatssekre­tär Zimmermann von seinem Posten znrücktre- ten wird. Wir erhalten dazu folgende näheren Mitteilungen:

Die alte nnb die neue Aera.

Informationen unsers W. L.-Mitarbeiters.)

Berlin, 4. September-

Es ist in orientierten Kreisen schon lange bekannt, daß sich Unterstaatssekretär Zimmer­mann seit einiger Zeit in Berlin n i ch t m e h r behaglich fühlt. Zimmermann wird von allen, die ihn kennen, sehr geschätzt. In ganz besonderem Maße genoß er die Achtung des verstorbenen Herrn von K i d e r l e n. Er stammt nicht aus der eigentlichen diplomatischen Lauf­bahn, sondern aus der Konsulatskarriere. Er ist auch kein Mann der höfischen, sondern der praktischen Politik und darin begegnete er sich besonders mit Kiderlen, aus dessen jüngst ver­öffentlichten Briefen wir ja ebenfalls wissen, daß er vom höfischen Wesen nicht allzu sehr durchdrungen war. Harden spricht sogar von Zimmermannsburschikosem LebensrythmuS": Es mag nun sein, daß dieser einigermaßen mit derneuenAera konttastierte, die mit Herrn von I a g o w im Auswärtigen Amt lebendig geworden ist. Im Gegensatz zu Kiderlen und Zimmermann ist Herr Jagow ein absoluter Hofmann, ein Kavalier alten Schlags und Aesthet. Das schafft natürlich Reibungsflä­chen und so kann man es begreifen, daß Unter­staatssekretär ZimmermanZ sich von Berlin wegsehnt. Die Gelegenheit dazu scheint jetzt sehr günstig zu sein. Zimmermann ist ein

gründlicher Kenner Ostafiens und es hat sich gezeigt, daß wir dort, wenig­stens in Japan, bald einen Wechsel unserer Vertretung vornehmen müssen, wenn wir im Osten nicht allzuviel an Boden verlieren wol­len. Wir waren jahrelang in Tokio durch Herrn Mumm von Schwarzenstein ausgezeichnet ver­treten. Mumm ging dann aber aus den be­kanntenGesundheitsrücksichten" außer Dienst, weil er nicht (wie er gehofft hatte) Staatssekre­tär des Auswärtigen oder wenigstens deutscher Botschafter in London wurde. In Tokio ver­tritt uns zur Zeit G r a f R e x, der ein Sproß eines alt-sächsischen Adels-Geschlechtes ist. Er hat ober, ganz entgegen den Erwartungen, die sich an seine Beruftmg nach Japan knüpften, dort eine wenig glückliche Hand gehabt, da sich Japan seit seiner Tätigkeit in Tokio im­mer enger an Rußland und England angeschlos­sen hat, während es die herzlichen Beziehungen zu Deutschland, die Mvmm von Schwarzenstein befestigt hatte, immer mehr vernachlässigte. Es verlautete schon im vorigen Herbst, daß Graf Rex zurückberufen werden sollte. Doch hörte man damals, daß sich der Reichskanzler, der ein Jugendfreund des Grafen Rex ist, sehr- für ihn eingesetzt hatte.

*

Der Wechsel im Auswärtigen Amt.

Wie uns weiter aus Berlin berichtet wird, ist als Nachfolger des scheidenden Unterstaats- sekretärS Zimmermann der derzeitige Gesandte in Buenos Aires, Freiherr von dem B us ch e - Haddenhausen in Aussicht genom­men. Seine Berufung nach Berlin könnte ge­rade jetzt ganz werwoll werden, denn Freiherr

von dem Busche ist ein zweifellos befähigter Politiker und seine guten Kenntnisse der Ver­hältnisse von Amerika würden für die Fortfüh­rung .der Handelsvertragsverhandlungen von Wert fein. Er ist auch früher schon im Aus­wärtigen Amt tätig gewesen.

Das Erfurter Urteil.

Die Oberkriegsgerichtsverhandlung in der Erfurter Citadelle; der erste Tag.

(Bericht unsers Korrespondenten.)

Erfurt, 4. September.

Im altertümlichen, niedrigen Kasernen­zimmer der Erfurter Citadelle wird seit gestern über die Berufung gegen das Erfurter Kriegs­gerichtsurteil gegen die sieben Landwehr­leute und Reservisten verhandelt, das seinerzeit auf schwere Zuchthausstrafen lautete und so lebhaften Widerhall in der Oeffentlich. leit und im Reichstag fand, daß ein Notgesetz geschaffen wurde, wonach im Militärstrafgesetz mildernde Umstände zugelassen werden. Ur­sprünglich sollte die Verhandlung in Cassel statlsinden, sie erfolgt aber aus finanziellen Gründen in Erfurt, lieber den Beginn des ge­strigen Verhandlungstages haben wir schon telegraphisch berichtet. Die Beweisaufnahme gestaltete sich sehr zeitraubend und wird heute fortgesetzt. Der Tatbestand an sich ist allgemein bekannt. Bei den Angeklagten handelt es sich um die Reservisten und Landwehrmänner See. Hagemeier. Ropte, Gorges, Langhelm, Schir- mer und Kolbe. Landwehrmann See gab an, gewußt zu haben, daß er am Tage der Kontroll- Versammlung unter den Militärgesetzen stehe, er sei aber betrunken gewesen, sodaß ihm das nicht zum Bewußtsein gekommen sei. Er sei mit den übrigen Angeklagten und noch einigen anderen nach dem Rüxlebener-Zoll gegangen und habe dort gezecht. Es sei dort Sitte ge- wesen, daß diejenigen, die zum erstenmal, und diejenigen, die zum letztenmal zur Kontroll- Versammlung gehen, je ein Faß Bier mit 120 Liter Inhalt bezahlen mußten. Wenn dieses Bier ausgetrunken war, mutzte jeder, das was er noch weiter trank, selbst bezahlen. So sei es auch an diesem Tage gewesen, das Fatz sei von den 35 Teilnehmern an dem Zechgelage schnell ausgetrunken gewesen, sodaß alle mehr oder weniger betrunken waren. Sie haben sich dann selbst Bier eingeschenkt. Hierbei soll der Angeklagte See die Mutter des Wirtes festge- balten haben, was er jedoch bestreitet. Er be- kündet weiter, der Polizist sei von den Wirts­leuten zu Hilfe gerufen worden und hätte chn und seine Kameraden

aus dem Lokal herauSgedräugt. Verhandlungsleiter: Das haben Sie sich nicht gefallen lassen. Sie wollten dann wieder in das Haus hinein und haben geschimpft? An- geklagter: Ja, wir haben alle geschimpft, weil wir betrunken waren. Verhandlungsleiter: Sie haben auch Schimpfwotte gebraucht, wie zum Beispiel .Luntenmann", was soll das heißen? Angeklagter: Das heißt s-oviel wie Lumpensammler. Verhandlungsleiter: Also eine Schmeichelei ist es jedenfalls nicht gewesen. Sie sind auch gegen den Gendarmen tätlich vor- gegangen?-Angeklagter: Ja, ich habe ibn aber nicht geschlagen. Verhandlungsleiter: Das ist nicht nötig. Der militärische Ausruhr liegt darin, daß Sie gegen militärische Vorgesetzte bewußt vorgegangen sind, und seinen Befehlen nicht Gehorsam leisteten. AngeNagter: Ich gewußt, daß der Gendarm unser mifttänscher Vorgesetzter ist. Verhandlungs­leiter: Sie haben das wohl gewußt. Sie meinen aber, es sei Ihnen das wegen Trunken­heit nicht zum Bewußtsein gekommen. Ange­klagter: Wenn ich nüchtern gewesen wäre, wäre das nicht Passiert. Verhandlungsleiter: Das ist immer so, wenn ihr Euch vollsauft, macht ihr solche Geschichten, zumal wenn ihr von hinten her immer gehetzt werdet. Wer war denn das? Ich glaube der Angeklagte Schirmer war das Hauptkarnickel! Wieviel haben Sie getrunken? Angeklagter: 25 bis 30 Glas Bier. Verhandlungsleiter: Das ist aller- dings ein bißchen viel. Angeklagter: Herr Oberkriegsgerichtsrat, das soll uns allen «ine Mahnung sein. Der zweite Ange- klagte Hagemeier ist Landwehrmann zwei- ten Aufgebots. Er bekundet, an der Kneiperei teilgenommen zu haben, will aber außerdem nach reichlich Schnaps getrunken haben. Ver­handlungsleiter: Es besteht der Verdacht daß Sie es gewesen seien, der sagte, es hätte Ihnen niemand etwas zu sagen, sie seien

freie Arbeiter und Sozialdemokraten. Angeflagter: Das habe ich nicht gesagt. Ver- bandlunasleiter: Das ist aber sehr komisch. Einmal sollen Sie alle gesagt haben. Sie seien freie Arbeiter, ein andermal heben Sie hervor, Sie seien Soldaten und ein gewöhnlicher Poli­zist habe Ihnen gar nichts zu sagen. Angeklag, ter: Ich bin nicht beteiligt gewesen, Wohl aber habe ich gesehen, wie die anderen einschlugen, darunter See, Ropte und Langhelm. Auf die Frage des Verteidigers erflärt der Angeklagte noch, er wisse, daß die Gendarmen militärische Vorgesetzte seien, es sei ihm das aber in der Ausregung und infolge des starken Alkoholge­nusses nicht zum Bewußtsein gekommen. Ter dritte Angeflagte Schirmer, gleichfalls Land-