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Nummer 229.
Donnerstag, 4. September 1913
Fernsprecher 951 und 952.
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3. Jahrgang.
Romanische Liebe.
Italienisch-französische Unliebenswürdigkeiten; der Minister als Liebeswerber.
Herr B a r t h o u, der Ministerpräsident Frankreichs, hat mit seiner Jtalienersreundschaft nicht viel Glück gehabt. Aus dem Zauber, der über dem herrlichen Comerseeufer liegt, erwuchs ihm in den Tagen der Sommersrische das Bedürfnis, von Italiens Land und Leuten zu schwärmen. Es sielen ihm auch seine Pflichten als stellvertrrtender Vorsitzender der Vereinigung France-Italie ein, die sich zur Aufgabe macht, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern immer intimer zu gestalten. Andre aber, die vielleicht nicht von solcher Stimmung befangen waren, dachten anders und verfehlten auch nicht, ihre Meinung darüber zum Besten zu geben. In der Republik haben sich gewisse Kreise darüber ausgeregt, daß es sich Herr Bar- thou einfallen lasse, so ganz auf eigne Rechnung Politik zu treiben und noch dazu eine Politik, die im heutige,« Frankreich schon längst aus der Mode ist. Freilich scheint seit einiger Zeit in den hohen Kreisen, die die republikanischen Zügel in den Händen haben, manche Unstimmigkeit zu herrschen. Poincaree hat (was man schon immer ein wenig vorausgeahnt) alle Mühe, seine Selbstherrlichkeit gegenüber dem eigenmächtigen Pichon aufrecht zu erhalten. Und avch den Umstand, daß Delcassees Abberufung gerade jetzt erfolgt ist, darf man mit einiger Bestimmtheit auf Kosten dieser Reibereien setzen. Aber auch in Italien hat man in einem groben Teil der Presse Barthous Annäherungsversuche mit ziemlicher Deutlichkeit abgewiesen und die Familienbande, die die beiden Rationen einst verbanden, stnd eine Sache von gestern.
Heute sei es (so heißt es in der römischen Presse) nicht an der Zeit, in gemeinsamen Erin- tzerungen an die Wechselbeziehungen in Geschichte, Literatur und Kunst zu schwelgen. Das klingt ebenso unliebenswürdig wie aufrichtig und wird französische Gemüter auss neue erhitzen. Denn wenn es auch die große Nation fiir gegeben erachten dürfte, sich von einem früher» intimen Freunde etwas zurückzuziehen, so muß ein solcher Absagebrief von der andern Seite doch mehr als kränkend sein. Die Presse- plänkelei aber gibt immerhin den Beweis von dem Verhältnis, das heute zwischen den beiden Staaten herrschend ist. Die M o t i v e für eine wachsende gegenseitige Entfremdung sind zu klarliegend, als daß sie an der Seine und am Tiber verkannt würden. Italien, seit den letzten Jahrzehnten von einem mächtigen Politischen wie wirtschaftlichen Aufschwung begriffen, beginnt mehr und mehr sich fremden Einflüssen zu entziehen und hat vor allem die geistige Vormundschaft abgeschüttelt, zu der Frankreich aus jahrhundertelanger historischer Entwicklung berechtigt zu sein glaubt. Zwischen der politischen Richtung des Dreibundes und der Triple entente lange schwankend, sah sich Italien im- mex mehr genötigt, sich an jenen anzuschließen, und die Tage von Kiel haben den langsam gereiften Entschluß auch öffentlich besiegelt. Mehr denn je schmiegt sich heute Italien an die Drei- bundfrcunde und steht fest zu ihrer Politik.
Das wissen die Franzosen nur zu genau. Ihre Devise aber lautet: Was nicht für Frankreich ist, das ist gegen Frankreich! Sie sind freilich auch voll banger Eifersucht auf die erstarkende Mittelmcermacht, auf den Rivalen in Nordafrika, der trotz allem nicht unterschätzt werden darf, auf die Konkurrenz des erblühenden Handels. Aus solchen Gedanken wurde Frankreichs Griechen liebe geboren, die ein Volk heranziehen soll, das gegebenenfalls der italienischen Seemacht Schach bieten könne. Aber auch in den Kolonien selbst müht sich Frankreich, dem neuen unerwünschten Nachbar das Leben sauer zu machen, ja, wenn möglich, überhaupt das Feld abzugraben. Italien hat in Nordafrika mit schweren Hemmungen zu kämpfen, und die Blutopfer, die in Lhbien gebracht, scheinen (bis heute wenigstens) fast vergeblich gewesen zu sein. Die Hoffnungen haben sich noch nicht erfüllt: Die Karawanen, die man erwartet hat, sind ausgeblieben. Sie zogen den Weg nach Tunis, dank der Bemühungen französischer Konkurrenz. Aber Frankreich macht sich die Lage noch weiter zunutze und baut an der wichtigsten Handelsstraße aus dem Sudan ein zweites Chadame gegenüber der italienischen Stadt.
Damit wird natürlich jeder Handel in Tri- politanien, der heute noch in den dürftigsten Anfängen liegt, vollständig lahmgelegt. Der Verkehr geht dann geradewegs nordwärts durch das französische Tunis. Allerdings kann ja nicht geleugnet werden, daß es die Italiener bisher noch wenig verstanden haben, die eroberten Gebiete auch zu befruchten. Manches muß sich in italienischer Kolonialpolitik von
Grund auf ändern, soll Lhbien nicht das ständige Sorgenkind bleiben und von dem französischen Handelsnachbarn kaltgestellt werden. Das Bewußtsein aber, daß mit Italien als Mittelmeermacht gerechnet werden muß, ist heute in der dritten Republik durchaus lebendig. Einst hatte sich Adolphe Thiers mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, daß Italien zu einer Einheit zusammenwachse. Denn nur ein schwaches Italien wollte Frankreich neben sich dulden. Wenn Frankreich dazu gelangt sein wird, ein gleichberechtigtes Italien anzuerkennen, so werden sich die Bande natürlicher Verwandtschaft wiederum enger knüpfen. Daß dies nicht im Interesse des Dreibundes gelegen wäre, ist eine verfehlte Anschauung. Freundnachbarliche Beziehungen zwischen den beiden Völkern, zwischen denen eine dauernde Feindschaft nie möglich ist, können nur dazu beitragen, die europäischen Reibungsflächcn erfolgreich zu vermindern! ***
Revolution in Bulgarien? Die Dynastie Kobuvg-Koharh gefährdet!
Die Nachwirkungen des Balkankrieges machen sich in Bulgarien in sehr bedenklichen Erscheinungen bemerkbar, und wenn auch die offiziöse bulgarische Presse alle Nachrichten über die wachsende Erregung im Volk ins Reich der Fabel verweist, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß die Lage im Innern außerordentlich kritisch ist und die Möglichkeit ernster Komplikationen in sich birgt, deren Tragweite sich heute noch nicht übersehen läßt. Charakteristisch ist in dieser Beziehung jedenfalls die Auslassung einer mit den Verhältnissen in Bulgarien vertrauten Persönlichkeit. Es wird uns darüber berichtet:
Revolution und Thronwechsels
(P r i v a t - T e l e g r a m m.) Bukarest, 3. September.
Einem Redakteur des Blattes Vevernl erklärte eine hohe bulgarische Persönlichkeit, die sich augenblicklich in Bukarest aufhält, Bulgarien stehe vor einer Revolution mit republikanischem Charakter. Die Behegung werde gleich nach der Unterzeichnung der Ratifikationsge- setze im Parlament ausbrechen. Es sei sicher, daß sich ihr auch ein Teil des Militärs unter Führung eines wegen seiner Heldentaten im ersten Balkankriege populären Generals anschließen werde. Die Revolution werde die Absetzung des Königs Ferdinand und die Proklamierung der Republik bezwecken. Sollte aber die Proklamierung der Republik aus höheren politischen Rücksichten unmöglich sein, so werde Bulgarien den Thron einem Pr i n z e n des englischen Königshauses in der Hoffnung anbieten, daß es dadurch in naher Zukunft leichter einen Zugang zum Adriatischen Meer erhalten und dadurch die Aussichten auf die Eroberung von Konstantinopel steigern könne. Die Bewegung stützt sich nicht nur auf zivile und militärische Kreise, sondern auch auf zahlreiche bulgarische Bandenführer, die die diplomatische Niederlage Bulgariens und die territorialen Abschlüsse der jetzigen Politik dem König zuschreiben, ließet den Fortgang der Verhandln n- l u n g e n zwischen Bulgarien und der Türker wird uns in einem Privat - Telegramm aus Wien berichtet: In diplomatischen Kreisen ist man überzeugt, daß die nunmehr beginnenden direkten Verhandlungen zwischen Bulgarien und der Türkei einen günstigen Erfolg haben werden. Das einzige beunruhigende Moment steht man darin, daß die Bulgaren die Gebiete auf dem rechten von ihnen verlangten Maritza-Ufer bis jetzt noch nicht besetzt haben. Dort stehen noch türkische Truppen und man befürchtet, daß Unruhen dort ausbrechen werden, was die Verhandlungen beeinträchtigen würde.
Die Kampfe in China.
Das Ende der Chrnefen-Revolntion.
(Privat-Telegramm.)
Peking- 3. September.
Die Regierungstruppen stnd jehr unbestrittene Herren der Stadt Nanking. Auch der Löwenhügel ist von ihnen gestürmt worden. Bei dem Kampfe am Südtor fielen zw eihundert Rebellen. Jetzt ist _bie Stadt gesäubert und strenge Maßnahmen stnd zur Verhütung von Plünderungen getroffen worden. Nach einem Telegramm aus W u h u ist die Revolution zusammeugebrochen. Die Rebellen, erschreckt durch die Annäherung der großen Regierungsstreitkräste, nahmen gern das Angebot der Greßkausleute, wonach ste dreiß igtausrnd Dollars erhielten als Entschädigung dafür, daß sie die Waffen nie
derlegten. an. Die Regierung kann jetzt im ganzen Jangtsetale als Herrin der Lage angesehen werden, denn die Revolution ist so gut wie beendet. Trotz der bisherigen Erfolge der Regierungstruppen herrscht in Peking noch immer die rücksichtslose Herrschaft des Gewehrkolbens. Die Verhaftung von acht angesehenen Parlamentariern schadet der Sache Yuanschikais sehr, und die Erregung unter der Bevölkerung ist infolgedessen im Wachsen begriffen.
Sie neneften Katastrophen.
EisonbahnunfSlle in England und Amerika.
In der Nähe von Carlisle, in der Grafschaft Cumberland in England, hat sich (wie wir schon kurz berichteten), Dienstag früh ein schweres Eisenbahnunglück ereignet, zwischen den Stationen Hawes Junction und Carlisle stießen infolge falscher Weichenstellung zwei Schnellzüge in voller Fahrt zusammen. Der Anprall war so heftig, daß fast alle Wagen der beiden Züge aus dem Gleise geworfen wurden und umstürzten. Mehrere Wagen gerieten in Brand. Es stnd vierzehn Personen infolge Verbrennens getötet worden. Depeschen berichten uns:
DaS Unglück bei Carlisle.
v. (Privat-Telegram m.)
London, 3. September.
Es steht fest, daß lediglich Nachlässigkeit das Unglück von Carlisle verschuldet hat. Der Glasgow-Londoner Expreßzug hatte auf freier Strecke gehalten um Dampf zu sammeln, der zur Ueberwindung einer gewaltigen Steigung nötig war. Drei Meilen von der Stelle entfernt, wo der Zug hielt, befindet sich eine Signalstation. Der Wärter sagt aus, daß alle Signale gegen den Glasgow-Edinburger Expretzzug gestellt waren, weil das Signal gegeben war, daß der GlaSgoiorr Zug die Station AiSgill passiert habe. Des Wärters Schrecken war groß, als der Edinburger Zug, ohne die Warnsignale zu beachten, vorüber raste. Wenige Minuten später dröhnte ein Donnerkrachen durch die stille Nacht und das Unglück war geschehen. Nach dem Unglück scheint das Personal völlig den Kopf verloren zu haben. Passagieren, die zu Hilfe eilen wollten, wurde gesagt, daß die zertrümmerten Wagen leer waren, und daß niemand zu Schaden gekommen sei. So gingen zehn wertvolle Minuten verloren, in denen manches Menschenleben hätte gerettet werden können, das in den nachher aus- brechenden Flammen umkam.
Die Wallingford-Katastrophe.
(Draht - Meldungen.) Newhork, 3. September.
In der Nähe von Wallingford sind gestern dex Vor- und Hauptzug des Bar Harbor - Expreßzuges zusammengestoßen, die mit heimkehrenden Ferienreisenden nach Newhork unterwegs waren. Offiziell wird bekanntgegeben, daß dreizehn Personen tot sind. Der Zusammenstoß hat, wie sich jetzt herausstellt, zwischen einem Vorzüge des Weitze-Berge-Expretz und dem Hauptzuge des Bar-Harbor-Expreß stattgefunden. Ersterer drang durch zwei Schlafwagen am Ende des letzteren hindurch^ und stieß einen dritten Schlafwagen vom Fahrdamm hinunter. Die Getöteten befanden sich sämtlich in den Schlafwagen. Das Unglück soll durch den Nebel verursacht worden sein. Rach den neuesten Feststellungen soll sich die Zahl der Toten auf achtzehn belaufen, während über sechzig Reisende zumteil schwere Verletzungen erlitten haben. Von den Verletzten dürfte über dir Hälfte kaum mit dem Leben davonkommen.
lieber die Katastrophe bei Carlisle wird noch berichtet: Die Ueberlebenden geben anschauliche Darstellungen von Schreckensszenen, die die Katastrophe, eine der schwersten auf den englischen Bahnen, im Gefolge hatte. Alles hatte sich verschworen, die Schreck- lichkeit des Unglücks zu erhöhen, da zur Zeit ein heftiger Sturm herrschte und das einzige Licht von der furchtbaren ©lut der brennenden Wagen kam. Viele Tote sind noch nicht identifiziert. Die Schuldfrage ist noch nicht festgestellt. Augenscheinlich trägt die Verantwortung entweder der «ignal- wärter oder der Lokomotivführer des zweiten Expreßzuges.
Der Frauenmord bei Berlin.
Der Mörder ei« früherer Zuchthäusler!
Berlin, 3. September. (Privat-Telegramm.) Der Mord an der Näherin Anna Schäfer ist jetzt soweit aufgellärt, daß man den Mörderkennt und die Motive des
Mordes festgestellt hat. Der Täter ist der frühere Schneider Max K i r s ch st e i n. Kirschstein ist wegen Heiratsschwindels, Betrugs, Urkundenfälschung und anderer Verbrechen mehr- fach zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafe verurteilt worden und hat auch die Schäfer, der er ebenfalls ein Heiratsversprechen gegeben hat, um mehrere hundert Mark betrogen. Er hat sie ermordet, weil sie gedroht hatte, gegen ihn eine Anzeige zu erstatten und er die Schäfer und die ihn belastenden Dokumente und Briefe aus der Welt schaffen wollte. Kirschstein ist flüchtig, man hofft jedoch, ihn baldigst ding« fest machen zu können.
Leipziger Meße.
Bilder vorn Leipziger Meßtreiben; die Stadt der Messen und der Reklame, von Paul Hahn-Leipzig.
Leipzig ist nichts mehr gut genug. Die innere Stadt scheint der Spitzhacke verschrieben. Der Leipziger Bürger reißt alles nieder; denn er lernte es, schmunzelnd in sein Taschenbuch zu notieren. Mit per Messe ist ein Baugeschäst zu machen. Selbst die Stadt hat ihr Zentralpolizeiamt niedergerissen und dafür im „Han- delshof", dem modernen Meßpalast, ein ZinseS- zinsenhaus bekommen. Die Meßfremden zahlen für vierzehn Tage soviel, als ein ehrlicher Leipziger Bürger für ein Jahr. Drum reißen wir nieder und werden modern. Drum bauen wir nur noch Meßhäuser! Leipzig den Meß- fremden!" Und so kommt es, daß die innere Stadt nicht mehr den Leipzigern gehört und nur zweimal im Jahre auflebt. Wenn unten in den Hauptadern der Stadt, der Grimmaischen- und Petersstraße, dem Reumarft und dem Brühl, das ganze Jahr das Leben pulsiert j (Rechts: Für rennende Leute, die arbeiten wollen; linke Seite: Präsentierteller fiir die langsam schlendernden Leipziger Schönen), dann schlummern oben in allen Stockwerken die weit- ausgedehnten Meßmusterwarenlager, die auf Frühlingserwachen und Herbstcampagne warten. Dann (und so beginnt es wieder heute) kommen die Väter dieser schlummernden Wunder aus aller Welt mit schönen Reden herbeigezogen, und die tote Stadt wird plötzlich zur schreienden Großstadt. Schutzleute, die aller Herren Länder Zungen reden, müssen.mitten auf der Petersstraße plötzlich ftanzösisch sprechen und acht geben, daß sie den Franzosen nicht „englisch-sächsisch" antworten. Ein ewig, wechselndes Bild drängt sich die lustig bewegte Masse durch den Straßenzug. Eine einzige farbige Impression: Die Schilder, Fahnen, Publikum, das sich drängt, und der Reklamezug. Denn
Bewegung ist Reklame.
Nach diesem Trick wandelt im Takt bunt und gravitätisch der karnevalistische Zug der Reklameträger. Männer im Zylinder, die sonst gar nicht das Recht dazu haben; zu ihren Häupten der Troß weltlicher Gegenstände, die Wunderdame mit dem vielgekauften Haar, Enten mit schreckhaft bewegtem Hals, Giraffen zum Spiel für Riesenkinder, von der auf dieser Messe geborenen, von Darwin unvorhergesehenen Entwicklungsphase der „Steifftiere", Brautausstat- mngen, Kürassierregimenter. Die Straße tobt in entzückender Buntheit, Kuriositäten schreien in die Augen, ein Schutzmann steht beschwörend, ein gutmütiger Bär rollt vorbei, Pflastersteine im Magen. Millionen werden umgesetzt, Fabriken verpflichten sich, in wenigen Wochen Millionen Gegenstände an hunderttausend Geschäfte zu liefern. Heut erfundene Artikel, die als „derniers-cris" in Karriere kommen, finden hier mitten im Markt, mitten in stärkster und in größter Welt das nötige Sprungbrett. In toemg Wochen stnd sie in Häusern und in Händen von Millionen Menschen. So werden nach der heutigen Messe die Porzellanmondaincn Karriere machen, jene neuesten prickelnden Schöpfungen aus gewöhnlicher, längst deflassierter Keramik,' die aber mit leicht parfümierten Härchen und Spitzen graziös und tief dekolletiert, als modernste Briefbeschwerer, Teewärmer und Nippes auf den Schreibtisch spazieren sollen Und das neue Achetonit, eine Alabastermasse, die das grelle elektrische Licht zu pikantem, orientalischem Zwielicht dämpft, feiert das nouveaut<5 der Beleuchtungsbranche Triumph. Schalen von einem Meter Durchmesser, an dünnen unsichtbaren Fäden von der Decke herabhängend, werfen das grelle Licht der Auerbirnen „gespenstisch" zum Plafond, um fürs Auge gesünder die Strahlen gemäßigt zu widerspiegeln.
Sprechende Uhren
rufen in allen Sprachen die kostspielige Zeit aus ... den Tatt zum Hymnus aus die gedrängte Kraft der Arbeit. Da drängt sich schret- end ein Boy mit Scherzartikeln, die den eingefleischtesten Meßonkel errötend ins Portemonnaie greifen lassen, um seiner erweiterten Sammlung „Meßwitze in der Westentasche plastische Illustrationen emzuverlerben. Mir witzigen Worten, mit der Beweiskraft humorl- frischer Figuren und allen Finessen der ausgeklügelten Reklame amerikanischen Stils wird das staunende Publikum überzeugt. Die Stadt wird zu einem einzigen Kaufhaus, das sich nicht mehr mit dem Sieg der Qualität begnügt. Der Meßfrcmde fordert äußeren Luxus, und die reichen Erbauer, die gerade zur heutigen Mess«