Einzelbild herunterladen
 

Casseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

Di« Lafskler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar ad end«. Der ilbonnementSprei« beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden jederzeit von der DeschästSstelle oder den Boten «ntgegengenommen. Druckerei, Verlag und RedaMon: Schlachthofftrab« 28/30, Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bi« 8 Uhr abends. Sprechstunden der Auskunft. Stell«: Jeden Mittwoch und Freitag von s bi« 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, ffrtedrtchstr. iS, Telephon: Amt Mortstpla» 12684.

Hessische Abendzeitung

JnsertionSpreis«: Di« sechSgefpalten« Zeil, für einhetmtsche «eschäfte 15 Pfg.. für au«, wärttge Inserat« 25 Pf, Reklame,«il« für einheimisch« »efchLfte 40 Pf, für au«württg, Geschäft« 60 Pf. Einfach« B«tlagen für di« Lesamtaustage werden mit «Mark pro Lausend de- rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung stnd di« Lasfeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche« Jnsertlonrorgan. Geschäft« stelle: »ölnisch^ Straß« 5. Berlin«r Vertretung: SW, Frtedrtchstraß« iS, Telephon: Amt Moritzplaß 12584.

Nummer 229.

Donnerstag, 4. September 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Romanische Liebe.

Italienisch-französische Unliebenswürdig­keiten; der Minister als Liebeswerber.

Herr B a r t h o u, der Ministerpräsident Frankreichs, hat mit seiner Jtalienersreundschaft nicht viel Glück gehabt. Aus dem Zauber, der über dem herrlichen Comerseeufer liegt, erwuchs ihm in den Tagen der Sommersrische das Be­dürfnis, von Italiens Land und Leuten zu schwärmen. Es sielen ihm auch seine Pflichten als stellvertrrtender Vorsitzender der Vereini­gung France-Italie ein, die sich zur Aufgabe macht, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern immer intimer zu gestalten. Andre aber, die vielleicht nicht von solcher Stimmung befangen waren, dachten anders und verfehlten auch nicht, ihre Meinung darüber zum Besten zu geben. In der Republik haben sich gewisse Kreise darüber ausgeregt, daß es sich Herr Bar- thou einfallen lasse, so ganz auf eigne Rechnung Politik zu treiben und noch dazu eine Politik, die im heutige,« Frankreich schon längst aus der Mode ist. Freilich scheint seit einiger Zeit in den hohen Kreisen, die die republikanischen Zü­gel in den Händen haben, manche Unstimmig­keit zu herrschen. Poincaree hat (was man schon immer ein wenig vorausgeahnt) alle Mühe, seine Selbstherrlichkeit gegenüber dem eigenmächtigen Pichon aufrecht zu erhalten. Und avch den Umstand, daß Delcassees Abberufung gerade jetzt erfolgt ist, darf man mit einiger Bestimmtheit auf Kosten dieser Reibereien setzen. Aber auch in Italien hat man in einem groben Teil der Presse Barthous Annäherungs­versuche mit ziemlicher Deutlichkeit abgewiesen und die Familienbande, die die beiden Rationen einst verbanden, stnd eine Sache von gestern.

Heute sei es (so heißt es in der römischen Presse) nicht an der Zeit, in gemeinsamen Erin- tzerungen an die Wechselbeziehungen in Ge­schichte, Literatur und Kunst zu schwelgen. Das klingt ebenso unliebenswürdig wie aufrichtig und wird französische Gemüter auss neue er­hitzen. Denn wenn es auch die große Nation fiir gegeben erachten dürfte, sich von einem frü­her» intimen Freunde etwas zurückzuziehen, so muß ein solcher Absagebrief von der andern Seite doch mehr als kränkend sein. Die Presse- plänkelei aber gibt immerhin den Beweis von dem Verhältnis, das heute zwischen den beiden Staaten herrschend ist. Die M o t i v e für eine wachsende gegenseitige Entfremdung sind zu klarliegend, als daß sie an der Seine und am Tiber verkannt würden. Italien, seit den letz­ten Jahrzehnten von einem mächtigen Politi­schen wie wirtschaftlichen Aufschwung begriffen, beginnt mehr und mehr sich fremden Einflüssen zu entziehen und hat vor allem die geistige Vormundschaft abgeschüttelt, zu der Frankreich aus jahrhundertelanger historischer Entwicklung berechtigt zu sein glaubt. Zwischen der politi­schen Richtung des Dreibundes und der Triple entente lange schwankend, sah sich Italien im- mex mehr genötigt, sich an jenen anzuschließen, und die Tage von Kiel haben den langsam ge­reiften Entschluß auch öffentlich besiegelt. Mehr denn je schmiegt sich heute Italien an die Drei- bundfrcunde und steht fest zu ihrer Politik.

Das wissen die Franzosen nur zu genau. Ihre Devise aber lautet: Was nicht für Frank­reich ist, das ist gegen Frankreich! Sie sind freilich auch voll banger Eifersucht auf die er­starkende Mittelmcermacht, auf den Rivalen in Nordafrika, der trotz allem nicht unterschätzt werden darf, auf die Konkurrenz des erblühen­den Handels. Aus solchen Gedanken wurde Frankreichs Griechen liebe geboren, die ein Volk heranziehen soll, das gegebenenfalls der italienischen Seemacht Schach bieten könne. Aber auch in den Kolonien selbst müht sich Frankreich, dem neuen unerwünschten Nachbar das Leben sauer zu machen, ja, wenn möglich, überhaupt das Feld abzugraben. Italien hat in Nordafrika mit schweren Hemmungen zu kämpfen, und die Blutopfer, die in Lhbien ge­bracht, scheinen (bis heute wenigstens) fast ver­geblich gewesen zu sein. Die Hoffnungen haben sich noch nicht erfüllt: Die Karawanen, die man erwartet hat, sind ausgeblieben. Sie zogen den Weg nach Tunis, dank der Bemühungen fran­zösischer Konkurrenz. Aber Frankreich macht sich die Lage noch weiter zunutze und baut an der wichtigsten Handelsstraße aus dem Sudan ein zweites Chadame gegenüber der italienischen Stadt.

Damit wird natürlich jeder Handel in Tri- politanien, der heute noch in den dürftigsten An­fängen liegt, vollständig lahmgelegt. Der Ver­kehr geht dann geradewegs nordwärts durch das französische Tunis. Allerdings kann ja nicht geleugnet werden, daß es die Italiener bisher noch wenig verstanden haben, die er­oberten Gebiete auch zu befruchten. Manches muß sich in italienischer Kolonialpolitik von

Grund auf ändern, soll Lhbien nicht das stän­dige Sorgenkind bleiben und von dem französi­schen Handelsnachbarn kaltgestellt werden. Das Bewußtsein aber, daß mit Italien als Mittel­meermacht gerechnet werden muß, ist heute in der dritten Republik durchaus lebendig. Einst hatte sich Adolphe Thiers mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, daß Italien zu einer Einheit zusammenwachse. Denn nur ein schwa­ches Italien wollte Frankreich neben sich dulden. Wenn Frankreich dazu gelangt sein wird, ein gleichberechtigtes Italien anzuerkennen, so wer­den sich die Bande natürlicher Verwandtschaft wiederum enger knüpfen. Daß dies nicht im Interesse des Dreibundes gelegen wäre, ist eine verfehlte Anschauung. Freundnachbarliche Be­ziehungen zwischen den beiden Völkern, zwi­schen denen eine dauernde Feindschaft nie mög­lich ist, können nur dazu beitragen, die europä­ischen Reibungsflächcn erfolgreich zu vermin­dern! ***

Revolution in Bulgarien? Die Dynastie Kobuvg-Koharh gefährdet!

Die Nachwirkungen des Balkankrieges machen sich in Bulgarien in sehr bedenkli­chen Erscheinungen bemerkbar, und wenn auch die offiziöse bulgarische Presse alle Nachrichten über die wachsende Erregung im Volk ins Reich der Fabel verweist, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß die Lage im Innern außerordentlich kritisch ist und die Möglichkeit ernster Komplikationen in sich birgt, deren Tragweite sich heute noch nicht übersehen läßt. Charakteristisch ist in dieser Beziehung je­denfalls die Auslassung einer mit den Verhält­nissen in Bulgarien vertrauten Persönlichkeit. Es wird uns darüber berichtet:

Revolution und Thronwechsels

(P r i v a t - T e l e g r a m m.) Bukarest, 3. September.

Einem Redakteur des Blattes Vevernl er­klärte eine hohe bulgarische Persön­lichkeit, die sich augenblicklich in Buka­rest aufhält, Bulgarien stehe vor einer Revolution mit republikanischem Charakter. Die Behegung werde gleich nach der Unterzeichnung der Ratifikationsge- setze im Parlament ausbrechen. Es sei sicher, daß sich ihr auch ein Teil des Militärs unter Führung eines wegen seiner Heldenta­ten im ersten Balkankriege populären Gene­rals anschließen werde. Die Revolution wer­de die Absetzung des Königs Fer­dinand und die Proklamierung der Republik bezwecken. Sollte aber die Pro­klamierung der Republik aus höheren politi­schen Rücksichten unmöglich sein, so werde Bulgarien den Thron einem Pr i n z e n des englischen Königshauses in der Hoffnung anbieten, daß es dadurch in naher Zukunft leichter einen Zugang zum Adriati­schen Meer erhalten und dadurch die Aussichten auf die Eroberung von Konstantinopel stei­gern könne. Die Bewegung stützt sich nicht nur auf zivile und militärische Kreise, son­dern auch auf zahlreiche bulgarische Banden­führer, die die diplomatische Niederlage Bul­gariens und die territorialen Abschlüsse der jetzigen Politik dem König zuschreiben, ließet den Fortgang der Verhandln n- l u n g e n zwischen Bulgarien und der Türker wird uns in einem Privat - Telegramm aus Wien berichtet: In diplomatischen Krei­sen ist man überzeugt, daß die nunmehr begin­nenden direkten Verhandlungen zwischen Bul­garien und der Türkei einen günstigen Er­folg haben werden. Das einzige beunruhigen­de Moment steht man darin, daß die Bulgaren die Gebiete auf dem rechten von ihnen verlang­ten Maritza-Ufer bis jetzt noch nicht besetzt ha­ben. Dort stehen noch türkische Truppen und man befürchtet, daß Unruhen dort aus­brechen werden, was die Verhandlungen be­einträchtigen würde.

Die Kampfe in China.

Das Ende der Chrnefen-Revolntion.

(Privat-Telegramm.)

Peking- 3. September.

Die Regierungstruppen stnd jehr unbestrittene Herren der Stadt Nanking. Auch der Löwenhügel ist von ihnen gestürmt worden. Bei dem Kampfe am Südtor fielen zw eihundert Rebellen. Jetzt ist _bie Stadt gesäubert und strenge Maßnahmen stnd zur Verhütung von Plünderungen getroffen worden. Nach einem Telegramm aus W u h u ist die Revolution zusammeugebrochen. Die Rebellen, erschreckt durch die Annäherung der großen Regierungsstreitkräste, nahmen gern das Angebot der Greßkausleute, wonach ste dreiß igtausrnd Dollars erhielten als Entschädigung dafür, daß sie die Waffen nie­

derlegten. an. Die Regierung kann jetzt im ganzen Jangtsetale als Herrin der Lage angesehen werden, denn die Revolution ist so gut wie beendet. Trotz der bisherigen Erfolge der Regierungstruppen herrscht in Peking noch immer die rücksichtslose Herrschaft des Gewehr­kolbens. Die Verhaftung von acht angesehenen Parlamentariern schadet der Sache Yuanschikais sehr, und die Erregung unter der Bevölkerung ist infolgedessen im Wachsen be­griffen.

Sie neneften Katastrophen.

EisonbahnunfSlle in England und Amerika.

In der Nähe von Carlisle, in der Graf­schaft Cumberland in England, hat sich (wie wir schon kurz berichteten), Dienstag früh ein schweres Eisenbahnunglück ereignet, zwischen den Stationen Hawes Junction und Carlisle stießen infolge falscher Weichenstellung zwei Schnellzüge in voller Fahrt zusammen. Der Anprall war so heftig, daß fast alle Wagen der beiden Züge aus dem Gleise geworfen wurden und umstürzten. Meh­rere Wagen gerieten in Brand. Es stnd vier­zehn Personen infolge Verbrennens getö­tet worden. Depeschen berichten uns:

DaS Unglück bei Carlisle.

v. (Privat-Telegram m.)

London, 3. September.

Es steht fest, daß lediglich Nachlässig­keit das Unglück von Carlisle verschuldet hat. Der Glasgow-Londoner Expreßzug hat­te auf freier Strecke gehalten um Dampf zu sammeln, der zur Ueberwindung einer gewal­tigen Steigung nötig war. Drei Meilen von der Stelle entfernt, wo der Zug hielt, befindet sich eine Signalstation. Der Wärter sagt aus, daß alle Signale gegen den Glasgow-Edin­burger Expretzzug gestellt waren, weil das Signal gegeben war, daß der GlaSgoiorr Zug die Station AiSgill passiert habe. Des Wär­ters Schrecken war groß, als der Edinburger Zug, ohne die Warnsignale zu beachten, vor­über raste. Wenige Minuten später dröhnte ein Donnerkrachen durch die stille Nacht und das Unglück war geschehen. Nach dem Unglück scheint das Personal völ­lig den Kopf verloren zu haben. Passa­gieren, die zu Hilfe eilen wollten, wurde gesagt, daß die zertrümmerten Wagen leer waren, und daß niemand zu Schaden gekommen sei. So gingen zehn wertvolle Minuten verloren, in denen manches Menschenleben hätte geret­tet werden können, das in den nachher aus- brechenden Flammen umkam.

Die Wallingford-Katastrophe.

(Draht - Meldungen.) Newhork, 3. September.

In der Nähe von Wallingford sind ge­stern dex Vor- und Hauptzug des Bar Harbor - Expreßzuges zusammenge­stoßen, die mit heimkehrenden Ferienreisen­den nach Newhork unterwegs waren. Offi­ziell wird bekanntgegeben, daß dreizehn Personen tot sind. Der Zusammenstoß hat, wie sich jetzt herausstellt, zwischen einem Vorzüge des Weitze-Berge-Expretz und dem Hauptzuge des Bar-Harbor-Expreß stattge­funden. Ersterer drang durch zwei Schlaf­wagen am Ende des letzteren hindurch^ und stieß einen dritten Schlafwagen vom Fahr­damm hinunter. Die Getöteten befanden sich sämtlich in den Schlafwagen. Das Unglück soll durch den Nebel verursacht worden sein. Rach den neuesten Feststellungen soll sich die Zahl der Toten auf achtzehn be­laufen, während über sechzig Reisende zumteil schwere Verletzungen erlitten haben. Von den Verletzten dürfte über dir Hälfte kaum mit dem Leben davonkommen.

lieber die Katastrophe bei Carlisle wird noch berichtet: Die Ueberlebenden geben an­schauliche Darstellungen von Schreckens­szenen, die die Katastrophe, eine der schwer­sten auf den englischen Bahnen, im Gefolge hatte. Alles hatte sich verschworen, die Schreck- lichkeit des Unglücks zu erhöhen, da zur Zeit ein heftiger Sturm herrschte und das einzige Licht von der furchtbaren ©lut der brennenden Wagen kam. Viele Tote sind noch nicht identifiziert. Die Schuld­frage ist noch nicht festgestellt. Augenscheinlich trägt die Verantwortung entweder der «ignal- wärter oder der Lokomotivführer des zweiten Expreßzuges.

Der Frauenmord bei Berlin.

Der Mörder ei« früherer Zuchthäusler!

Berlin, 3. September. (Privat-Te­legramm.) Der Mord an der Näherin Anna Schäfer ist jetzt soweit aufgellärt, daß man den Mörderkennt und die Motive des

Mordes festgestellt hat. Der Täter ist der frühere Schneider Max K i r s ch st e i n. Kirsch­stein ist wegen Heiratsschwindels, Betrugs, Ur­kundenfälschung und anderer Verbrechen mehr- fach zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafe verur­teilt worden und hat auch die Schäfer, der er ebenfalls ein Heiratsversprechen gegeben hat, um mehrere hundert Mark betrogen. Er hat sie ermordet, weil sie gedroht hatte, gegen ihn eine Anzeige zu erstatten und er die Schäfer und die ihn belastenden Dokumente und Briefe aus der Welt schaffen wollte. Kirschstein ist flüchtig, man hofft jedoch, ihn baldigst ding« fest machen zu können.

Leipziger Meße.

Bilder vorn Leipziger Meßtreiben; die Stadt der Messen und der Reklame, von Paul Hahn-Leipzig.

Leipzig ist nichts mehr gut genug. Die innere Stadt scheint der Spitzhacke verschrieben. Der Leipziger Bürger reißt alles nieder; denn er lernte es, schmunzelnd in sein Taschenbuch zu notieren. Mit per Messe ist ein Baugeschäst zu machen. Selbst die Stadt hat ihr Zentral­polizeiamt niedergerissen und dafür imHan- delshof", dem modernen Meßpalast, ein ZinseS- zinsenhaus bekommen. Die Meßfremden zah­len für vierzehn Tage soviel, als ein ehrlicher Leipziger Bürger für ein Jahr. Drum reißen wir nieder und werden modern. Drum bauen wir nur noch Meßhäuser! Leipzig den Meß- fremden!" Und so kommt es, daß die innere Stadt nicht mehr den Leipzigern gehört und nur zweimal im Jahre auflebt. Wenn unten in den Hauptadern der Stadt, der Grimmaischen- und Petersstraße, dem Reumarft und dem Brühl, das ganze Jahr das Leben pulsiert j (Rechts: Für rennende Leute, die arbeiten wol­len; linke Seite: Präsentierteller fiir die lang­sam schlendernden Leipziger Schönen), dann schlummern oben in allen Stockwerken die weit- ausgedehnten Meßmusterwarenlager, die auf Frühlingserwachen und Herbstcampagne war­ten. Dann (und so beginnt es wieder heute) kommen die Väter dieser schlummernden Wun­der aus aller Welt mit schönen Reden herbei­gezogen, und die tote Stadt wird plötzlich zur schreienden Großstadt. Schutzleute, die aller Herren Länder Zungen reden, müssen.mitten auf der Petersstraße plötzlich ftanzösisch spre­chen und acht geben, daß sie den Franzosen nichtenglisch-sächsisch" antworten. Ein ewig, wechselndes Bild drängt sich die lustig bewegte Masse durch den Straßenzug. Eine einzige far­bige Impression: Die Schilder, Fahnen, Publi­kum, das sich drängt, und der Reklamezug. Denn

Bewegung ist Reklame.

Nach diesem Trick wandelt im Takt bunt und gravitätisch der karnevalistische Zug der Rekla­meträger. Männer im Zylinder, die sonst gar nicht das Recht dazu haben; zu ihren Häupten der Troß weltlicher Gegenstände, die Wunder­dame mit dem vielgekauften Haar, Enten mit schreckhaft bewegtem Hals, Giraffen zum Spiel für Riesenkinder, von der auf dieser Messe ge­borenen, von Darwin unvorhergesehenen Ent­wicklungsphase derSteifftiere", Brautausstat- mngen, Kürassierregimenter. Die Straße tobt in entzückender Buntheit, Kuriositäten schreien in die Augen, ein Schutzmann steht beschwörend, ein gutmütiger Bär rollt vorbei, Pflastersteine im Magen. Millionen werden umgesetzt, Fabri­ken verpflichten sich, in wenigen Wochen Milli­onen Gegenstände an hunderttausend Geschäfte zu liefern. Heut erfundene Artikel, die als derniers-cris" in Karriere kommen, finden hier mitten im Markt, mitten in stärkster und in größter Welt das nötige Sprungbrett. In toemg Wochen stnd sie in Häusern und in Händen von Millionen Menschen. So werden nach der heu­tigen Messe die Porzellanmondaincn Karriere machen, jene neuesten prickelnden Schöpfungen aus gewöhnlicher, längst deflassierter Keramik,' die aber mit leicht parfümierten Härchen und Spitzen graziös und tief dekolletiert, als mo­dernste Briefbeschwerer, Teewärmer und Nip­pes auf den Schreibtisch spazieren sollen Und das neue Achetonit, eine Alabastermasse, die das grelle elektrische Licht zu pikantem, orienta­lischem Zwielicht dämpft, feiert das nouveaut<5 der Beleuchtungsbranche Triumph. Schalen von einem Meter Durchmesser, an dünnen un­sichtbaren Fäden von der Decke herabhängend, werfen das grelle Licht der Auerbirnengespen­stisch" zum Plafond, um fürs Auge gesünder die Strahlen gemäßigt zu widerspiegeln.

Sprechende Uhren

rufen in allen Sprachen die kostspielige Zeit aus ... den Tatt zum Hymnus aus die ge­drängte Kraft der Arbeit. Da drängt sich schret- end ein Boy mit Scherzartikeln, die den einge­fleischtesten Meßonkel errötend ins Portemon­naie greifen lassen, um seiner erweiterten SammlungMeßwitze in der Westentasche plastische Illustrationen emzuverlerben. Mir witzigen Worten, mit der Beweiskraft humorl- frischer Figuren und allen Finessen der ausge­klügelten Reklame amerikanischen Stils wird das staunende Publikum überzeugt. Die Stadt wird zu einem einzigen Kaufhaus, das sich nicht mehr mit dem Sieg der Qualität begnügt. Der Meßfrcmde fordert äußeren Luxus, und die rei­chen Erbauer, die gerade zur heutigen Mess«