Casseler Neueste NachMkll
Caffeler Abendzeitung
Die Caffeler Neuesten Nachrtchlen erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnementSprei« beträgt monatlich 60 Pfg. bet freier Zustellung in« HauS. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegenqenommen. Druilersi, Verlag und Nisdaltion: Schlachthofftratze 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 di« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der Auskunft - Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag v^.r 6 bi« 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung! SW, Friedrichstr. 16, Telephon: Amt Mortyplatz 12584.
Hessische Abendzeitung
Jnfertt°n»vreise: Die sichrgefpaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Pfg.. für au«, wärttge Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit - Mark pro Tausend berechnet. Wegeiz ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung stn» di« Caffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche« JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnisch« Stratze 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Morttzplah 12584.
Nummer 228.
Fernsprecher 951 und 952.
Mittwoch, 3. September 1913.
Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.
BEBO
Justiz-Tragödien.
Menschlichkeit - Prinzip und Strcrfrechts- pfiegez fünfundvierzig Jahre hinter Mauern!
Wenn im Tempel der Themis der blinden Göttin das ihr ziemende Opfer gereicht wird, fällt meist über einer düstren Menschen- Tragödie der mild-verhüllende Vorhang, der die Vergangenheit mit dem Schleier der Sühne deckt und die Zukunft eines Menschenlebens durch Kerkerpforten zu neuen Bahnen drängt. Es ist Beruf und Plicht strafender Gerechtigkeit. Buße zu fordern, das Böse zu ahnden und durch den Zwang der Sühne gleichzeitig strafend und bessernd auf den wider Gesetz und Brauch Frevelnden einzuwirken. Da die Diener der Gerechtigkeit Menschen sind wie wir, dem Irrtum und der Menschen-Schwäche unterworfen, so darf die von ihnen erkannte Gerechtigkeit nicht mit dem Begriff des R e ch t s verwechselt werden, und die Uebung strafender Gerechtigkeit nach dem Willen und dem Buchstaben des Gesetzes hat denn auch oft zu (vom staatlichen Rechtswillen sanktionierten) Erkenntnissen und Urteilen geführt, die mit dem natürlichen, von keinerlei System-Grundsätzen und Paragraphen » Interpretationen beeinflußten rein-menschlichen Recht-Empfinden nicht in Einklang zu bringen waren. Ein großer Strafrechtlehrer unsrer Zeit hat zwar gesagt, daß nicht die Menschlichkeit, sondern die harte Gerechtigkeit auf dem Stuhl des Richters thronen müsse, wenn dem Willen und der Autorität des Gesetzes Geltung und Achtung verschafft werden solle, aber cs ist diesem Grundsatz mit dem Zeichen Recht der andre entgegenzuhalten, daß die Gerechtigkeit nicht menschlichem Empfinden e n t f r e md e t werden darf, wenn sie nicht nur strafend, sondern auch bessernd wirken soll.
Ein Beispiel aus den jüngsten Tagen: Vor der Strafkammer eines Berliner Landgerichts stand ein grauer Sünder unter der schweren Anklage des Rückfall-Diebstahls, dessen Leben eine einzige Kette von Verbrechen und Sühne bildet. Man sprach am Richtertisch von der Armseligkeit auf der Anklagebank wie von einem „Veteranen des Zuchthauses", und in Wirklichkeit war dieser Mann doch einer von Denen, die, als Opfer einer Tragödie der Gerechtigkeit gefallen, nie mehr den Weg zur Ordnung und bürgerlichen Sitte zurückgefunden. Der siebenundfünfzigjährige Schuhmacher Quarsdorf, um dessen Schicksal-Verhängnis jetzt abermals der Gerechtigkeit Würfel rollten, hat fünfundvierzig Jahre seines Lebens hinter Gefängnis -und Zuchthausmauern als recht- und gesetzmäßig verurteilter Verbrecher zugebracht, und da er an dem Tag, da er zum erstenmal vor dem Strafrichter erschien, acht Jahre zählte, waren dem nun Ergrauten seit seiner ersten Heimkehr aus dem Kerker nur vier Jahre der Freiheit beschieden, die er damit ausfüllte, abermals und immer wieder neue Verbrechen aus alte Schuld zu häufen, deren Sühnung ihn viereinhalb Jahrzehnt in die Enge der Zelle bannte. Die Richter, denen der alte Verbrecher diesmal gegenüberstand, erkannten in dem „Zuchthaus-Veteranen" nicht nur den unverbesserlichen Sünder, vor dessen Verbrecher-Instinkten die bürgerliche Gesellschaft geschützt werden müsse: Sie sahen in dem Manne, der fünfundvierzig Jahre hinter Kerkermauern gebüßt, auch ein Opfer der G c s e tz e s h ä r t e, die schon den Achtjährigen in den Sumpf des Verderbens hinabgestoßen, und billigten dem abermals mit schwerer Schuld Bemakelten mildernde Umstände zu. Ein Jahr und sechs Monate Gefängnis werden den im Zuchthaus Ergreisten sicher nicht bessern, aber das Prinzip strafender Gerechtigkeit hat dennoch sinngemäße Anwendung erfahren!
Tas indessen ist's nicht, das diesem Verbrecher-Schicksal das tragische Moment einfügt: Die Tragik des verlornen Lebens beginnt scho^. beim Achtjährigen, den die grausame Härte des (damals noch geltenden) Landrechts wegen eines kleinen Diebstahls auf vier Wochen dem Gefängnis überantwortete, und ihn damit der Gesellschaft von Verbrechern und Verbrecher-Genoffen prcisgab, deren Wesensart, Unterhaltung und Ideenwelt die Seele des Knaben vergifteten und den Achtjährigen zum gelehrigen Schüler der Sünde machten. Die Frucht der ersten Strafe entsprach denn auch durchaus der Art ihrer Vollstreckung: Kaum dem Gefängnis entronnen, ereilte den nun zum Bewußtsein der Sünde erzognen Vorbestraften abermals das Geschick. Strafe reihte sich an Strafe, bis nun, an der Schwelle des Greiscnalters, ein gcorochner Mann wiederum vor seinen Richtern stand, der fünfund- vicrzig Jahre feines Lebens dem vom Gesetz
gewollten Zweck der Besserung in enger Zelle erfolglos opfern mußte. Die Kultur der Gerechtigkeit hat inzwischen eine weite Strecke der Entwicklung durchlaufen: Das Strafmündigkeit-Gesetz, das im alten Landrecht noch nicht Raum hatte, schützt das Alter unter zwölf Jahren vor dem Kerker, die Strafvollstteckung gegen Jugendliche (bis zum achtzehnten Lebensjahr) ist den Forderungen der Menschlichkeit anzupassen versucht worden und die modernen Jugendgerichte tragen dem Bedürfnis nach Rücksichtnahme auf die Eigenarten der jugendlichen Psyche verständnisvoll Rechnung. Der Fall des Schuhmachers Quarsdorf, das Schicksal des hinter Kerkermauern Ergrauten, zeigt uns indessen, wie schwer und verhängnisvoll auch das Gesetz und.die vom Staat geschaffne Gerechtigkeit an einem Menschenleben sündigen können. Die Tragödie dieses Zuchthaus-Veteranen ist der überzeugendste Beweis für die Tatsache, daß auf dem Weg durch den Kerker Strafe und Besserung nur dann erzielt werden können, wenn Menschlichkeit dem Gestrauchelten die Hand zum Wiederaufstieg ins bürgerliche Leben reicht ...! F. H.
Ereignisse des Tages.
Das Ende der Kämpfe »m Nanking.
(Draht-Meldungen.)
Peking, 2. September.
Die Einnahme Nankings durch die chinesischen Rcgierunastruppen, die früher schon einmal irrtümlich gemeldet wurde, ist nun erfolgt. Die Stadt wurde gestern von den Regierungstruppen eingenommen, während die Aufständischen durch das Südtor entflohen. Auf beiden Seiten haben die Kämpfe der letzten Tage schwere Verluste an Menschenleben gebracht. Depeschen aus Nanking berichten:
Infolge der den ganzen Morgen an- dauernden Beschießung muhten die Rebellen gestern Nanking räumen. Die Taipings und die Truppen des Generals Tschangtsun rückten in die Stadt ein. Eine Anzahl Rebellen entkam, wie bereits gemeldet, aber der Rest des „Regiments der tapferen Krieger" hält auf dem Löwenhügel aus. Der Kampf in den Straßen dauert an.
Depeschen aus Schanghai melden: Ein blutiger Kampf hat am Donnerstag in der Umgebung von Nantschang stattgefunden. Die Aufständischen verließen am Freitag morgen den Ort. Sie versuchten bei Wuhu vier chinesische Kreuzer zu beschießen. Diese Kreuzer beschossen darauf den Purpurberg, der noch immer in den Händen der Rebellen ist, ebenso den Silberberg. 1500 Aufrührer ergaben sich dem General Li. Die Kämpfe dauern seit Donnerstag ununterbrochen an und gestalten sich außerordentlich verlustreich.
*
Ein Attentat auf Dr. Daneiv!
(Privat-Telegram m.)
Wien, 2. September.
Von einer politischen Persönlichkeit erhält der Itoca Mitteilungen über Angriffe auf den bulgarischen Ministerpräsidenten Dr. D a n e w. Zahlreiche bulgarische Soldaten umzingelten das Haus Danews und zertrümmerten sämtliche Fensterscheiben mit Revolverschüssen. Ein Teil der Soldaten versuchte, in das Haus einzudringen unter den Rufen: „Tod dem Vaterlandsverräter!" Die Polizei konnte die Menge nicht bewältigen, es mußte erst Kavallerie aufgeboten werden, um die Ruhe wieder herzustellen. Der General der Kavallerie Rowtow wurde durch Revolverschüsse tödlich verletzt. Allmählich gelang cs, die Ruhe wieder herzustellen. Rach Informationen des bulgarischen Generalstabs haben die Türken bereits am Freitag Gümüd- schina und vorgestern Xanthi besetzt. Nur Dedeagatsch wird noch von den Griechen gehalten. Die diplomatischen Beziehungen mit Rumänien sind wieder hergestellt.
*
Nach der Schlacht vo« Dublin.
(Privat-Telegram m.)
London, 2. September.
Dublin war gestern verhältnismäßig ruhig, doch befürchtet man eine Wiederholung der Exzesse. Die genaue Zahl der in den Hospitälern behandelten Personen beträgt 43 3 Zivilisten und 46 Polizisten, wobei die geringeren Verwundungen nicht gerechnet sind. Ein schwer verletzter Arbeiter liegt im Sterben. Der Lord-Mavor von Dublin verlangte in der gestrigen Magistratssitzung die strafrechtliche Untersuchung über die Haltung der Polizistex. während der Unruhen und wird auf eigene Verantwortung eine städtische Untersuchung beantragen. Die Polizeibehörde erklärt die gegen die Polizisten erhobenen Anschuldigungen als übertrieben. Einige der ver
hafteten Streikenden wurden gestern zu einem Monat Gefängwis, andere zu Geldsttafen verurteilt. Die Stimmung in der Arbeiterschaft gibt noch immer zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß und das Militär bleibt weiter konsigniert.
Sie Bettung der Bettungen.
Oie Schaffung einer deutschen Weltpresse?
Der „Vorwärts" ist wieder einmal in der Lage, mit einer Enthüllung aufzuwarten, die weithin das größte Aufsehen erregen wird. Er berichtet, daß in deutschen großkapitalisti- fchen Kreisen zurzeit die Herausgabe einer großen Tageszeitung zur Förderung imperialistischer Weltpolitik betrieben wird. Es handelt sich um ein'großes tägliches Matt, das demnächst in Berlin unter dem Titel „Zeitung der Zeitungen", Tägliche Weltübersicht der internationalen Politik, Kultur und Wirtschaft, erscheinen soll, ließet die Gründung werden folgende Einzelheiten bekannt :
Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts, von Banken, Reedereien, Werften, Fabriken und Weltfirmen aller Branchen ist eine deutsche Weltrevue begründet worden, für die schon eine Million Mark Abonnentengelder gesichert ist.
Ferner erscheint eine „Europäische Korrespondenz", die den fremden Lün dcrn in ihrer Heimatsprache Berichte über Deutschland zum Abdruck gibt. Fünfzig ausländische Zeitungen sind bereits dafür gewonnen.
Geplant ist ferner der Ausbau unseres KabeldienstcS und durchgreifende Organisation eines national-deutschen Nachrichten-Dienstes zum Zweck der Fn- formafion der deutschen sowohl wie der ausländischen Presse.
Bisher bezieht das Ausland bekanntlich seine Nachrichten über die Regierungspolitik und die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands vornehmlich aus den großen englischen und französischen Zeitungen, oder aus deutschen oppositionellen Blättern. Dadurch wurde (wie die Gönner des neuen Blattes behaupten) die deutsche Polittk im Auslande herabgewürdigt. Dem soll dadurch entgegengearbeitet werden, daß die „Europäi'chen Briefe" die offizielle deutsche Politik dem Verständnis der kapitalistischen Schichten des Auslandes näherbringen und der antideutschen Politik der englischen und französischen Presse entgegenarbeiten.
*
Die Großbanken als Geldgeber.
Als Herausgeber der „Zeitung der Zeitungen" wird (zunächst) der Chefredakteur Arthur Kirchhoff, Berlin-Halensee, zeichnen. Eine große Reihe von Banken, Reedereien, Wersten, Kolonialgesellschaften, Fabriken, Export- und Importfirmen, daneben auch verschiedene Handelskammern und Ministerien haben bereits Abonnements und Geldunterstützungen zuge- sagt. sodaß nach vorläufiger Schätzung der vor- aussichtlicke Abonnementsbetrag mit den Ne- beneinkünsten fast allein schon die bedeutenden Herstellungskosten des Blattes decken wird. Der Abonnementspreis beträgt, da nur auf großkapitalistische Kreise und Behörden als Leser spekuliert wird, dreihundert Mark pro Jahr. Für die Vorbereitungsarbeiten haben große Firmen durch sogenannte Zahlungen ä fonds perdu über 40 000 Mark aufgebracht. Hauptgeldgeber sind die Großbanken, die großen Schiffahrtsgesellschaften, einige Werften und mehrere Waffenfabriken. Selbst
das Auswärtige Amt
hat für den Anfang 1000 Mark bergegeben. Das neue Organ soll hauptsächlich Berichte über die Wirtschaftspolitik und die wirtschaftliche Lage Deutschlands, der auswärtigen Staaten u. der Kolonialgebiete bringen. Außerdem soll eine Korrespondenz für auswärtige Zeitungen unter dem Titel „Europäische Briefe" erscheinen, zunächst zweimal im Monat, später wöchentlich, und zwar soll diese Korrespondenz den auswärtigen Blättern in deren Landessprache ge- liesert werden. Den südamerikanischen Zeitungen also spanisch und portugiesisch, den japanischen japanisch, den australischen englisch und fo weiter. Als Zweck dieser europäischen Briefe wird genannt: Die Auslandsmärkte über die wirtschaftliche Leistungsiähiqkeit Deutschlands zu unterrichten und der Verleumdung und Herabsetzung Deutschlands, wie sie durch die teil- wcisc entstellenden Berichte der französischen und englischen Blätter systematisch betrieben wurde, entgegenzuwirken. Ueber den Erscheinungstermin verlautet noch nichts Bestimmtes.
8iu Zrama auf dem Wemsee.
Liebes-Tragödie oder Verbrechen?
München, 2. September. (Privat- Telegramm.) Am Sonnabend abend mietete ein eleganter Herr in Beglettung einer vornehmenDame am Chiemsee einen
Kahn, mit dem die Beiden auf den See hinausfuhren. Gestern wurde der Kahn ungefähr siebzig Meter von der Insel Herrenchiemsee auf der anderen Seite des Sees treibend aufgefunden. An einem Ruder hing die Leiche des Mannes mit einer Schußwunde in der Schläfe. Bon der Dame fehlt jede Spur. Ein Fischer hat die Insassen des Kahns vom anderen Ufer aus becihachtet und will gesehen haben, wiederHerrdieDameerschotz, die dann ins We.fser gefallen fei. Bis jetzt fehlt zu dem Vorfall noch jede Aufklärung.
Theophils Zelcafsee.
Frankreichs Botschasksr an der Newa: Das Charakterbild eines Chauvinisten, vo« Fritz Steinheim-Cassel.
Januar neunzehnhundertzwölf. Weilte Eduard der Siebente, der spätgereifte Sohn der „großen Queen“, noch unter den Lebenden, dann hätte er die Genugtuung fühlen dürfen, seines Königtums schönsten Tag erlebt zu haben: Theophile Delcassee, Eduards rührigster und geschicktester „politischer Commis", der in sturmbewegter Zeit dem Gespenst der gepanzetten Teutonenfaust geopfert wurde, feierte in der dritten Republik seine staatsmännische Auferstehung, und es gab in den Kabinetten von London. Berlin und Beters- bürg in jenen Tagen Manche, die einen Alp auf der Seele spürten und in der schnauzbärtigen Gendarmenfigur des neuen französischen Außenministers den Träger kommenden Unheils witterten. Man weiß, wie schwermütig vor Jahren die Trauerweise klang, die das vom Chauvinistengeist noch scharf durch- träickte Frankreich dem „Märtyrer" Delcassee weihte, als internationale Höflichkeit und un- abweisliche Rücksichtnahme auf den furor tau» tonicus die Regierung der Republik zwangen, den Provokanten deutscher Würde aus dem Kabinettskahn auszuschiffen. Darüber sind nun Jahre verrauscht: Das Frankreich von damals ist ruhiger, gemäßigter geworden, und Del- cassees Märtyrerkrone schien fast vergessen; ungewandelt blieb nur der Hatz des einst Geopferten gegen Die, die ihn von des Tribunenruhms Zinne mit rauher Faust in den Abgrund rissen. Theophlle Delcassee hat in Deutschland stets die natürliche Zielscheibe seines gallisch-patriotischen Hasses gesehen. Ihm war das Reich
ostwärts der Vogesenberge
in den Jahren brausender Jugend sowohl wie später in der Arena des politischen Kampfs der Gegner, und in der Vorstellung dieses geistig hochgebildeten, politisch aber fanatisch, leidenschaftlichen Franzosen hat sich die Idee der „deutschen Gefahr" in allen physischen Entwicklungsstadien in derselben naiven Unbeholfenheit erhalten, wie etwa in Gedankenkreis deutscher Volksschul-Weltgeschichte die Vorstellung vom „fränkischen Erbfeind". Delcassee ist weder Diplomat noch Politiker: Er ist Patriot und Fanatiker in einer Person, leidenschaftlich in seiner nationalen Liebe, wild und ungebändigt in feinem Haß; eine Natur die vielleicht im alten Reitergeneral Gallifet ein in denselben Maßen gehaltnes Gegenstück hatte, und die sicher auch im Kriegshandwerk viel glücklichere Eigenschaften entwickelt haben würde, als in der Werkstatt der Politik, wo ein Helles Auge und ein kühler Kopf weit wichtiger sind, als der trutzigste Heldenmut. Diese menschgewordTte Leidenschaft ward am Ministertisch für Frankreich zum Unheil, zeugte am Ruder der französischen Seemacht neues Verhängnis, und wurde auch, mit der Vertretung der Republik am Zarenhof betraut, zum Störer des politischen Zweibund-Jdylls als im Moment der
Entscheidung am Balkan sich für den Intriganten Delcassee die Gelegenheit ergab, gegen Deutschland (die führende Macht im Dreibund) einen Schachzug zu .vagen. Selbst in Frankreich ist die Erkennt- nis der Gefahr Delcassee'scher Kabalistik mählich erstartt und ein Blatt von der maßvollen Ruhe des Pariser Figaro schrieb, als das Gerücht sich verbreitete, Delcassee werde das Erbe des gestürzten Außenministers antreten, die Berufung des Provokanten Deutschlands würde in diesem Moment, da auf dem ganzen Erdrund die Sehnsucht nach dem Völkersrieden fühlbar werde, eine gefährliche Herausforderung sein, zu der der (weiland) Präsident des Friedens, Armand Falliöres niemals seine Zustimmung geben dürfe, denn die unausbleiblichen Folgen einer solchen Herausforderung würden ihn allein treffen. Herr Caillaur dessen Namen zu jener Zeit die französische Volksregierung trug, schätzte indessen die hier gekennzeichneten Gefahren offenbar nicht fo hoch ein, denn es wird berichtet, daß er an Theophile Delcassee das „dringende Ersuchen“ gerichtet habe, das verwaiste Ministerium der Ansland-Politik unverzüglich unter seine Fittiche zu nehmen: Ein Vertrauenszeugnis, das Herrn Delcassee bis zu rinnenden Tranen gerührt haben soll Angc- sichts der Tatsache, daß die letzte Woge fran-