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EMr Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Rümmer 226.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 31. August 1913.

Fernsprecher 951 und 953.

3. Jahrgang.

der Seele bei Aristoteles". Der heilige Augusti­nus, jener große Kirchenvater und Gelehrte, der, an der Scheide zweier Kulturen und Wetten stehend, zum ersten Mal die Wissenschaft mit dem Glauben dadurch zu versöhnen suchte, daß er den Geist dem Glauben unterwarf, mußte Hertling besonders interessieren: Er widmete ihm ein (vor elf Jahren erschienenes) Werk Augustin: Der Untergang der antiken Kultur" und übersetzte dieBekenntnisse". Wie Hert­ling über die Stellung der Kirche zur Wissen- schaft denkt, geht aus einer SchriftDas Prin­zip des Katholizismus und die Wissenschaft" hervor, in der er scharf und bestimmt die For­derung vertritt, daß die Wissenschaft nie zum Gegner de^ Kirche werden dürfe, fondern bei aller Freiheit wissenschaftlicher Forschung doch in erster Linie sich der Pflicht des Glau­bens bewußt bleiben müsse. Es loht ein star- ker Fanatismus durch die Seele des Philo­sophen Hertling, ein Fanattsmus religiöser Inbrunst, der auch den Staatsmann Hertling beherrscht und seiner Polittk die bestimmende Note gibt.

Eins ist sicher: Der Siebzigjährige, der mit starker Hand die Geschicke des Bayerlands lenkt, ist einer der interessantesten Köpfe unter den Staatsmännern unsrer Zeit. Seine Art, un­sichtbar und still, zäh aber und unermüdlich der ihm als Einung aller Ideale vorschwebenden Politik im Reich Geltung und Einfluß zu sichern, zwingt auch den Gegner zur Achtung, und die Persönlichkeitswerte, die die Schlicht­heit des Menschen Hertling birgt, wagt kein Parteiengroll anzutasten. Als er, nach Pode- Wils' Abhalfterung, ins Regicrungsamt be­rufen ward, fiel von hoher Stelle das Wort: Schade, den Mann hätten auch wir (im Norden) gebrauchen können ...!" Der neue Ministerpräsident, von der Partei-Regierung ins höchste Amt emporgefttegen, proklamierte, noch ehe der Tag der Berufung verdämmett, seine Loslösung von allen Interessen und Grundsätzen, die ihn als Politiker mit der Par- : tei verbunden, erklärte, daß er als Träger der Regierungsgewalt es als seine Pflicht erachte, über den Parteien zu stehen und, unabhängig von patteilichen Interessen, dem Wohl des Staats zu dienen. Dies Bekenntnis steht als Devise am Eingang zur Aera Hertling: Die Zukunft wird einst abzuschätzen haben, ob Hertlings Polittk der Hüter dieses Grund­satzes, der Verwirkliche! dieses Ideals gewesen ist. Was wir h e u t e an Taten des nun Sieb­zigjährigen sehen, entspttcht nicht einmal in den allgemeinen Umrissen dem Bilde, das Hertling in den frühen Morgentagen seiner Regierung vom Wesen seiner Politik entwarf, und der stille Kampf zwischen Nord und Süd, den kein« Feierrede, kein Depeschen-Ueberschwang auS der Geschichte tilge« kann, wird vielleicht den E n k e l n «inst deutlicher erkennbar werden, wenn die Archive über die Philosophen im Ex­zellenzen-Rock: Bethmann und Hertling, reden dürfen...! F. H.

Exzellenz Hertling.

Der 70. Geburtstag des bayrischen Minister« Präsidenten Frhr. v. Hertling: Ein Porträt.

Am letzten Augusttag überschreitet, ein Sieb- zigjähriger, der bayrische Ministerpräsident Georg Freiherr von Hertling die Schwelle des biblischen Alters. Ein Greis steht am Steuer bayrischen Staatsgeschicks, aber ungebrochne Kraft, von scharfem Verstand und kühlster Vernunft reguliert, hält der Regierung Zügel in welkender Hand. Der kleine, un­scheinbare Mann ttn ewig-unveränderlichen schlichten Gehrock, mit der Riesenbrille auf trotzig vorstrebender Nase und dem spärlichen, längst vom Alter gebleichten Haar, den Allüren und Wunderlichkeiten eines greifenden Mathe­matik-Professors: Er ist eine originelle und in ihrer Wesensart charakteristische Erscheinung unter den Regierenden, ein Typ für sich, der im illustren Kreise der Besternten und Bebän­derten sich zuweilen etwas seltsam ausnimmt, wie eilte Reminiszenz auS Bismarcks und WindthorstS'Zett amnutet und in seiner scharf markierten, mitunter philiströs angekränkelten Schlichtheit fast vergessen läßt, daß derweil auch im Hayerland das Morgenrot einer neuen Aera die Erinnerung an Luitpolds stille Weltabge- wandthett überblintt, und der tote Prinzregent in der verschlissnen Lodenjoppe des königlichen Jägers nur noch in der Pietät rasch vergessen­der Gegenwart sottlebt. Neben Herrn Theo­bald von Bethmann Hollweg, dessen ragende Gestatt im Kriegerrock des Kavallette-Generals einst von den Enkeln als schwacher Abglanz Bismarchscher Größe im wuchtigen Koller der Kürassiere bestaunt werden wird, steht die Ex­zellenz vom Bayerland fast im Dunkel des Giganten-Schattens; kein blitzend Schwert klirrt an Hertlings Seite, keine Purpur-Litze säumt sein Gewand, und der mächtige Kopf, der, wie des preußischen Kollegen Hirn, Philosophie und Staatsgeschäft in seltner Geistespaarung mei- stett, ward nie von Helmeszier beschwett.

Der Abneigung gegen äußern Prunk ent­spricht das System der Arbeit: Hettlings Polittk ist Staatskunst im Stillen; seine Methode, Ziele zu erreichen und Pläne zu verwirklichen, erin- nett an die Zähe und Bedächttgkett eines am Studiertisch brütenden Gelehtten, der in der Lösung eines einzigen Problems fein Lebens­werk erblickt, und die divlomatische Kunst des Siebzigjährigen, die sich auf natürliche Veran­lagung, nicht auf Schul-Dressur am Grünen Tisch gründet, ist das Produkt eines fein- geschliffnen, Menschen und Dinge scharf und sorglich wettenden Geists. Der Name Georg von Hettling wird in der Geschichte des zwan­zigsten Jahrhundetts noch fortleben, wenn die Erinnerung an Andre, die heut mitten im Strahlenglanz der Sonne stehen, längst erstor­ben: Der Professor auf dem Stuhl des Mini­sterpräsidenten bedeutet für Bayern einen Zeit­abschnitt für sich, eine Epoche neuer Lebens­regung im Land der Wittelsbacher, eine Periode tatkräftigster Arbeit und stärkster WillenS- Energie, in der Bayern zur Erkenntnis seiner Bedeutnng im Reichsverband (und, viel- leicht, auch zur stärkern Betonung partiku- l a r i st i s ch e r Neigungen) erwachte. Wer die Spuren dieser Entwicklung zurückblickend über- schauen will, blättre in der Reichsgeschichte der letzten Jahre nach: Ueberall offenbart sich, in Momentbildchen vielleicht nur, oder in ffflcht'gen Silhouetten, eine deutlich erkennbare Gravi­tation bayrischen Einflusses; man spürt den Hauch einer tat-zeugenden Energie, fühlt, wie zwischen Nord und Süd sich neue Fäden spinnen und sieht einen kleinen, noch als Greis stahlhar­ten Mann in stillem, aber unermüdlichem Kampf wider ein System, das sein glas-geschärftes Auge als Gefahr erkannt. Der kühnste Schach­zug in diesem politischen Turnier war (oder besser: Ist!) die Hineindrängung der Jesu­itenfrage in den Kampf zwischen Nord und Süd. Hettling hat seine Aktion mit einem (etwas hastigen) Gewaltstreich begonnen: Mit dem Raffinement überlegner Taktik wird er sie, früher oder später, erfolgreich beenden!

Ter Staatsmann Hertling entwickelte sich aus dem Philosophen. Vierundzwanzig­jährig (seine Wiege stand in Darmstadt) habili- tierte er sich in Bonn als Privatdozent der Weltweisheit; dreizehn Jahre später berief ihn die bayrische Regierung als Professor nach München, und fast gleichzeittg mit dieser Be­rufung erwachte in dem damals Siebenund- dreißigjährigen der Politiker und Parteimann. AlS Philosoph, der Wissenschaft und Glauben versöhnen will, beschäftigte sich Hettling vor allem mit den großen Weltweisen der christ- lichen Epoche und mit ihren antiken Vorläu­fern. Eine Studie über AlbettuS MagnuS er­schien kurz nach der Uebernahme deS Münchner Lehrstuhls; ihr vorangcgangen war ein Werk überMaterie und Form und die Definition

Neue Greuel der Bulgaren!

Saloniki, 30. August. (Privattele­gramm.) Kurz vor der Räumung der Stadt Xanthi haben bulgarische Soldaten neuer­dings sich zu blutigen Gewalttaten Hinreitzen lassen, indem sie beim Verlassen der Stadt türkische und griechische Bewohner nie. dermetzelten. Infolgedessen hat ein großer Teil der Bevölkerung Xanthi fluchtartig verlassen und sich auf griechisches Gebiet geflüchtet.

puntt notgedrungen aufzugeben und dirette Verhandlungen mit der Pforte anzubahnen, um den Einmarsch der Türken in Südbul­garien zu verhüten.

Als Obdachlosen im Schweinestall.

Unter den Zeugen befand sich auch ein Restaurateur Seltmann aus Berlin, der auf Grund der Angaben des Angeklagten nach

Brasilien gereist war und sich dort ankaufen wollte. Er schilderte, daß seine brasilianischen Ersahrungen sehr traurige gewesen seien. Die Auswanderer, die er an dem ihm bezeich­neten Flecken getroffen habe, hätten kein Unter­kommen gehabt und in dem Sch weine­st all eines gutmütigen Landwirts nächti­gen müssen. Vor dem Angeklagte« sei et in Brasilien gewarnt worden. Brosenius sei ein S k l a v e n h ä n dl e r. Der Gerichtshof verur­teilte Brosenius zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten. Der Staatsanwalt hatte acht Monate Gefängnis beantragt.

Auswanderer Echicksale.

DasParadies"" von Minas Geraes.

Als eine eindringliche Warnung an aus­wanderungslustige Deutsche stellt sich eine Gerichtsverhandlung dar, die soeben die fünfte Ferienstrafkammer des Landgerichts Berlin beschäftigte und sich gegen den Eisenbahninge­nieur Wilhelm Brosenius richtete. Der jetzt'vierundfünfzig Jahre alte Angeklagte hat lange Zeit in Brasilien gelebt und es zu einer guten Position gebracht. Als er vor kurzem nach Deutschland zurückkehtte, trat er als Aus- wanderungsagent auf, wozu bekanntlich eine gesetzliche Erlaubnis notwendig ist. Brosenius hat zahlreiche Familien zur Auswanderung verleitet.

Weiße Sklaven-Handler?

(Bericht unserS Korrespondenten.)

Berlin, 30. August.

Wie in der Gerichtsverhandlung gegen den Ingenieur Brosenius festgestellt wurde, war als Unteragent bei ihm ein früherer Stu­dent Feierabend tätig, der im Anträge BrofeniuS weite Reise« durch ganz Deutschland unternahm undHeimatmüde" durch die glänzendsten Versprechungen zur Auswanderung nach dem brasilianische« Bundesstaate Minas Geraes zu verleiten suchte. Ms die Behörden auf das Treiben Feierabends aufmerksam wurden, floh dieser nach Brasilien. Nunmehr wurde auch Brosenius beobachtet und schließlich die Auflage gegen ihn wegen Verletzung des Auswanderungsgesetzes erho- be«. Die Anflage behauptet, daß Brosenius den Auswanderungslustigen unwahre An­gaben über die Leistungen der brasilianischen Bundesregierung und die von ihr geforder­te« Gegenleistungen gemacht habe. In der Be­weisaufnahme wurde festgestellt, daß zwischen dem Angeflagten und der Regierung von Minas Geraes ein regelrechter Vertrag zustande gekommen war, in dem Brosenius sich ver­pflichtete, im Laufe von vier Jahre« 4000 Familie« aus Europa «ach Minas Geraes zuliefern". Er sollte für jede Familie 130 Mark, für jede Einzelperson 30 Mark erhalten. Da in der weiteren Beweisaufnahme der Ver­teidiger des Angeklagten behaupttte, daß die auswanderungslustigen Personen

in der Hauptsache Polizeispitzel gewesen seien, denen gegenüber eine Straftat überhaupt nicht konstruiert werde« könne, mußte die Verhandlung zwecks Ladung neuer Zeugen vertagt werden. In der erneuten Ver­handlung fragte der Verteidiger de« Kriminal­kommissar Dr. Tanner, ob unter den Personen, die sich dem Angeflagten als Auswanderer vor­stellten, auch Polizeibeamte gewesen feien. Der Kriminalkommissar erklärte, daß er aus dienst­lichen Gründen hierüber keine Auskunft geben könne. Der als Sachverständige vernom­mene Leiter der Zentralausttlnftsstelle für Aus­wanderer bekundete, daß die Bedingungen für die Kolonisten sehr ungünstige seien. So- lange die Unterstützungen der Regierung ge­zahlt würden, also etwa sechs Monate, gehe es noch, sobald aber diese Quelle versiege, müßten die Kolonisten schlimmer arbeiten als je em Arbeiter m Deutschland. Der Sachverstän­dige behauptete, daß in den letzten fünf Jahren an 20 000 Deutsche nach Brasilien ausgewan- bert seien. Die Leute ließen sich leicht zur Aus- wanderimg überreden, da sie sich einbildeten, die Tätigkeit eines Kolonisten in Brasilien entspre­che etwa der eines Berliner Laubenkolonisten, während in Wirklichkeit das Los der ohne grö­ßere Mittel nach Brasilien Auswandernden das denkbar traurigste sei und sich fast in nichts vom Sklaventum in seiner schlimm­sten Form unterscheide.

Sos Neueste vom Balkan.

Die Cholera-Gefahr in Rumänien.

Wie uns ein Privat - Telegramm aus Bukarest meldet, hat man vom ersten bis achMndzwanzigsten August laut amtlichen Be­richten in ganz Rumänien sechshundert- sehsunddrettztg Cholera-Erkran- ki. .igen mit zweihundertfünfundsiebzig To­desfällen und siebzehn Geheilten gezählt. Drei­hundertvierundvierzig verbleiben. Nach einem Bericht des Hauptquartier« betrug die Anzahl der Toten in der OPerationSarmee insgesamt 1555, darunter sechs Offiziere. Die letzten ru­mänischen Truppen haben gestern auf dem Rückmarsch die Grenze Passiert.

Droht in Armenien Gefahr?

(Privat - Telegramm.)

Petersburg, 30. August.

Der Katholikus bet Armenier machte der russischen Regierung Mitteilung von neuen Gewalttaten in Armenien und bat um russische Hilfe. Er erflärt die Lage fürsehrernst und sagt ein furchtbares Blutbad voraus. Obgleich Minister Sfa- fattom erflärt hat, daß die Aufrollung der armenischen Frage gegenwättig nicht möglich sei, halten die politischen Steife doch die Lage für sehr ernst, so daß die A u f r o l l u n g der armenischen Frage in nächster Zeit als unabweisbar notwendig erfcheint. Den neuesten Depeschen aus Sofia zufolge hat die bulgarische Regierung die Eröffnung direkter Verhandlungen mit der Tür­kei beschlossen. Die russische Regierung hat, ent. gegen allen Erwartungen, die man in Sofia hegte, der bulgarischen Regieruna den Rat er- teilt, unverzüglich direkte Verhandlungen mit der Pforte zu beginnen. Da Oesterreich keine Sonderattion unternehme« konnte, beschloß bet Ministettat gestern, seinen bisherigen Stand-

kastelet Flug kreisnisse.

Ein Flieger-Unfall in Waldau; «euer Militär Fliegerbesuch auf dem Forst.

(Von unferm sportlichen Mitarbeiter.) Cassel, 30. August.

Das prächtige Spätsommerwetter verhieß gestern einen günstigen Flugnachmittag. Schon frühzeitig stand deshalb auf dem Waldauer Flugplatz der Casseler Fliegerschule bte Grade-Schulmaschine bereit, die in des Wortes wahrstem Sinne schonmanchen Sturm erlebt" hat. Gegen fünf Uhr machte sich aber der Wind aus und erreichte mitunter eine respektable Stärke. Deshalb unternahm vorläufig ledig­lich der Flieger Karl Abelmann einige kleine Flüge, um die Maschine auszuproben. Kurz nach sechs Uhr belegten endlich die Flug­schüler die Maschine mit Beschlag, um zu zeigen, was sie bisher in der schwierigen Flugkunst ge­lernt hatten. Einet der Flugschüler, ein be­reits älterer Herr,rollte" pon der Halle ans in der Richtung auf Waldau über den Platz. Plötzlich gab er Höhensteuer und beängstigend steil ging die Maschine vorn Erdboden ab und flog. Im nächsten Augenblick stürzte sie, als die unmittelbare Folge einer Ueberftcuerung, ab, überschlug sich und lag mit lautem Krach auf dem Platze. Sofort eilten die Flugschüler und der Flieger herbei. Allgemein wurde an­genommen, daß eine Katastrophe geschehen fei. So furchtbar sah der Absturz aus. Der verun­glückte Flugschüler stand aber schon wieder auf­recht und sah auf die rücklings liegende Maschi­ne. Der Propeller war vollkommen zersplit­tert und weithin sprühten die Stücke. Außer­dem war das Fahrgestell und das Schwanzstück gebrochen und der Hängesitz abgerissen. Der Flieger war glücklicherweise mit leichte«

Verletzungen der Hände davongekommen. Inzwischen kamen von alle« Seiten die Leute herbei, denn von der Aue aus war der Absturz beobachtet worden. Die Ma­schine wurde aufgerichtet und nach der Halle ge­zogen. Während sich der wenig rühmliche Zug mit dem geknickten Aar über den Platz bewegte, erklang plötzlich der Ruf: E i n D o p p e l d e k - ker! Und stolz und erhaben zog in tausend Me­ter Höhe ein Doppeldecker herauf. Auf der Höhe des Waldauer Exerzierplatzes setzte der Doppel­decker zum Gleitflug an und schwebte in steilem Winkel zmn Forste herab. Eilends begab ich mich durch Waldau^zum Forst, wo eine große Menschenmenge, zumeist die liebe Jugend, das in der Nähe der Söhrebahn gelandete Flugzeug umlagerte. Es war ein Militärdop P el - decket der Deutschen Flugzeug-Werke in Leip­zig-Lindenthal, der von dem Fliegerosfizier Leutnant H ü t t i ch vom Pionierbataillon Nr. 11 in Hannoversch-Münden, bei der Flieger­truppe in Posen stationiert, geführt worden war. Als Beobachter fungierte Leutnant von Poser vom Infanterieregiment Rr. 42. Leutnant von Poser erteilte bereitwilligst Aus­kunft über den Flug. Die Flieger waren ge­stern früh halb sechs Uhr auf dem Flugplatz tn Leipzig aufgestiegen und flogen bis Gotha. Abends halb sechs Uhr wurde der Weiterflug nach Cassel angetreten. " Die Fahrt gmg glatt vonstatte«.

Der Militär-Doppeldecker

fuhr durchschnittlich mit einer Geschwindigkeit von neunundneunzig Kilometern in der Stunde, eine Leistung, die als sehr befriedigend ange- sprochen werden muß. Teilweise mit Rücken­wind, kamen die Flieger rasch vorwärts. Nur in der Näbe der Wartburg bei Eisenach brachte das Ucberffiege« der Höhen des Thüttn- gerwaldes einige Schwierigkeiten. Das Flug­zeug wurde hier von schweren Böen getroffen und oftmals wurde das Fahrzeug hin- und hergeschleudert. Leutnant Hüttich kannte die Lage des Casseler Forstes bereits, lieber Wal­dau waren die Flieger Zeuge des Unfalles, der um diese Zeit einen Flugschüler der Casseler Fliegerschule betroffen hatte. Leutnant von Poser sprach sich äußerst anerkennend über den Forst als Flugplatz aus und gab seiner Freude Ausdruck, daß die Flieger statt eines vermuteten sumpfigen Wiesengeländes festen Grasboden zur Landung fanden. Das Flug­zeug blieb die Nacht über unter militärischer Bewachung im Freien. Heute morgen 6.20 Uhr stiegen die Flieger wieder auf, beschrieben mehrere Runde« über dem Platze und verließen dann Cassel, sich immer höher schraubend, in nordwestlicher Richtung. Das Ziel der heutigen Fahrt ist Köln. Auch gestern wieder mochte sich unangenehm bemerkbar, daß auf bc^i Forst noch keine Unterkunitsmöglichkeiten füi Flug­zeuge vorbanden n«d. Wenn die Starck noch