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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 30. August 1913

Nummer 225

Fernsprecher 951 und 952.

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Defraudant Steeg.

Der Prokurist als Millionen-Spekulant; Rand-Bemerkungen zur Affäre Steeg.

Ein Privat-Telegramn, berichtet un» aus Düsseldorf» Der Wege« Unterschlagung verhaftete Prokurist S t e e g der Düsseldorfer Filiale des Schaaffhausenschen Bankvereins legte gestern vor dem Untersuchungsrichter ein volles Geständnis ab. Steeg war sehr deprimiert. Au» seinem Geständnis geht hervor, datz er in allen möglichen Börsen» Objekten spekuliert und seit Jahren in diesen Spekulationen viele Millionen umgeseht hat.

Karl Steeg, Prokurist und Subdirektor der Filiale Düsseldorf des Schaaffhausen'schen Bankvereins, Aktien-Gesellschaft. Seit elf Jah­ren in verantwortlicher Position tätig, von Aufsichtsrat, General-Direktion und Aktionär- Kollegium mit uneingeschränktem Vertrauen be­dacht, als anerkannter Manager allgemein ge­schätzt und als Mensch und Ehrenmann von keines Makels Hauch gestreift! So gerüstet, war's nicht allzuschwer, das lockende Gold zu erreichen. In der Sphäre, die den Defraudan­ten Steeg vom einfachen Prokuristen zum Mil- lionen-SPekulanten sich entwickeln sah, pflegt man mit Vertrauen und Uneigennützigkeit sonst 'nicht allzu freigebig zu sein: Man rechnet; die nüchterne Zahl ersetzt das Gefühl und die Be- werrung des Menschlichen im Menschen erfolgt nach Maßgabe der Auskunft, die alle Winkel dämmernder Vergangenheit im Leben des An­dern belichtet und dem prüfenden Auge des In­teressenten einen Blick in nüchternste Wirklichkeit gestattet. Vom Schaaffhausen'schen Bankver­ein ist bekannt, daß er seine Transaktionen mit außerordentlicher, mitunter sogar etwas büro­kratisch angekränkelter Vorsicht entriert, und auch in Personalfragen erfreut sich Schaaffhau- sen des Rufs, peinlich und gewissenhaft bis in's kleinste Detail zu sein. Diese nützlichen Grund­sätze solider Geschäftsgebahrung haben indcflen nicht verhüten können, daß Herr Karl Steeg vor elf Jahren aus-feinem Berliner Wirkungs­kreis in den Schaaffhausen'schen Bankbetrieb übernommen wurde, trotzdem kundige The- baner schon damals den »gewiegten Praktiker" einen leidenschaftlichen Spekulanten nannten, und trotzdem der mit glänzenden Empfeh­lungen Ausgerüstete bei seiner Berliner Firma ungedeckte Verbindlichkeiten (aus Spckulatio- nen) in Höhe von einigen dreißigtausend Mark hinterließ. »Täuschung (sagt heut Schaaffhau- sen); uns ist das Wichtigste verschwiegen worden, und die Schuldigen werden für den uns entstandnen Schaden haften!"

Rund zweihundertdreißigtausend Mark! In elf Jahren veruntreut, ohne daß ein Revisor- Auge, ein gewisienhaft prüfender Kontrolleur die Fälschungen entdeckte. Erst der Zufall wurde zum Verräter, und auch dieser Zufall verriet den Defraudanten nur s i ch s e l b st, zwang ihn zu der Erkenntnis, daß die Rolle aus.gespielt unv die Nemesis auf dem Marsche sei. Ein dreißig Seiten langer Brief bringt das Bekennt­nis des Sünders vor's entsetzte Auge der Direk­tion; der Staatsanwalt wird alarmiert und der Arm der Gerechtigkeit erreicht den Fliehenden, als er grade dem Herrschaftsbereich des Straf­gesetzbuchs erteilen will. In ihren allge­meinen Umrissen sozusagen eine alltägliche Geschichte, ganz kriminal-romanhaft in Aufbau und Effekt, milieu-getreu bis zur obligaten blauen Brille des flücht'gen Defraudanten und der unterm Schermesser des Barbiers gefallnen bärtigen Männerzier. Charakteristisch an der Affäre ist nur das »S y st e m", nach dem Steeg gearbeitet. Staatsanwalt und Untersuchungs­richter haben bereits einige Schleier, die die Spekulations-Methode des Millionen-Defrau- danten dem Späherauge des Argwohns ent­zogen, gelüftet, und man erfährt, daß der schlichte Prokurist und Subdirektor mit neun­tausend Mark Jahres-Einkommen seit einem Dezennium Jahr um Jahr viele Millio­nen in Börsen-Spekulationen umgesetzt, in fast allen gangbaren Objekten spekuliert hat und Engagements eingegangen ist, die den Aktions­bereich einer Mittlern Bank bei weitem über­steigen. Steeg beschränkte sein Börsenspiel nicht auf einen Platz und ein Haus: Er spielte (um Millionen, um Ehre und Schicksal) in Ber­lin und Paris, London und Newyork, und feine Geschäftsverbindungen verteilten sich auf etwa zwanzig Bankhäuser, die sämtlich für seine Rechnung tätig waren. Um diese Riesen- Spekulationen wußte weder die Schaaffhausen- Bank, noch wußte darum (vermutlich) eine der­jenigen Firmen, mit denen Steeg in laufender Geschäftsverbindung stand, und grade diese Verteilung seiner Spekulationen auf eine große Anzahl Orte und Firmen hat es Steeg ermöglicht, elf Jahre hindurch unemdeckt als Deftändan» und Spekulant mit dem Schicksal zu spielen.

Der Kamps gegen die An gestellte n- Spekulation im Bankgewerbe ist fast so alt wie die Spekulation im Bankgeschäft überhaupt; daß er erfolgreich gewesen ist, wird man in­dessen nicht behaupten können. Herr Steeg, der Prokurist mit neuntausend Mark Jahresgehalt, ist der überzeugendste Beweis gegen die Be­rechtigung der Annahme. Er bat Jahr um Jahr in wilden Spekulationen Millionen um­gesetzt, hat der Leidenschaft des Börsenspiels Ehre und Ansehen geopfert, und galt trotz- d e m im Bankgewerbe als hervorragend tüch­tiger Kovf, aI3 erfahrner Praktiker und zuver­lässiger Vertrauensmann. Erfreute sich dieser Schätzung, trotzdem er schon in einer frühem Stellung durch leichtsinniges Börsenspiel sein Schicksal gefährdet batte und nur durch einen Glückszufall dem Gefängnis entgangen war. Die Jagd nach dem Golde bat ibn, kaum dem Ver­hängnis entronnen, in Düsseldorf in neue Aben­teuer bineingehetzt, und sein unrühmliches Ende nur unterscheidet sein Schicksal von demjenigen andrer Spekulanten, die vielleicht mit nicht min­der gewagten Mitteln arbeiten, den Erfolg ihrer »Arbeit" indessen nicht in enger Kerker­zelle betrauern, sondern ihn. bar und prompt, in ftmkelndem Golde überzahlen In einem Artikel, der jüngst in einer Börsen-Zeitschrift erschien und sich (wieder einmal) mit der oft erörterten Frage der Angeftellten-Svekulation im Bankaewerbe beschäftigte, wurde kurz und bündig erklärt, die Angestellten-Spekulation werde erst dann verschwinden, wenn ... die Spekulation der Direktoren der Vergan- aenbeit angeböre. Denn (so begründete der Verfasser, selbst ein Bank-Fachmann, seine Dar­legung) »das Beispiel von oben wirke ansteckend, und nirgends wirkten Beispiele so verbängnisvoll, als dort, wo Gold glitzere und täglich Millionen an Werten den Anaestellten durch die Finger'rollten!" Der Fall Steeg, der in seiner Art psychologisch zweifellos interessant und charakteristisch ist, bietet hinreichend Anlaß zum Nachdenken, denn was auch an Einzelhei­ten der Affäre noch dunkel und seltsam scheinen mag; eins ist sicher: Der Prokurist Steeg mit neuntausend Mark Jahresaehalt wäre als Mil- lionen-Spekulant nicht denkbar, wenn im Bankgewerbe die Angestellten-Svekulation un­möglich wäre. So aber hat sich Herr Steeg (vielleicht) gesagt: »Wo alles spielt, kann's Karl allein nicht lassen ...!" F- H-

Hm ßinden-Abentemr. Eine Erklärung des Auswärtigen Amts.

Wie nns aus Berlin berichtet wird, ist man an dortiger amtlicher Stelle nicht geneigt, der Beschießung der »Emden" besondere Bedeutung beizumessen. Im Auswär­tigen Amt vertritt man den Standpunkt, daß es sich erübrigt, sich noch weiter mit der Angelegenheit zu befassen, zumal die .Emden" sofort an Ort und Stelle sich Genugtuung ver­schafft habe. Zudem handle es sich um Re­bellen, die an und für sich schon durch die offi­zielle chinesische Regierung bekämpft würden.

ein deutscher Dampfer beschossen l (Privat-Telegramm.)

Berlin, 29. August.

Der Beschießung des deutsche» Kreuzers Emden" durch die Rcbellenforts int Jangtsefluß ist außer der Bedrohung des Kreuzers und des deutschen Konsulats in Nanking durch die Aufständischen und der unberechtigte Führung der deutschen Flagge durch ein Nebellenschiff noch ein weiterer Zwischenfall vorausgegangen. Aus Schanghai wird darüber gemeldet: Die Beschießung des KreuzersEmden" bei Wuhu erscheint in einem besondere» Lichte, nachdem jetzt bekannt geworden ist, daß dir Rebellen bereits am 24. August den Damp­fer der Hamburg - Amerika - LinieS u e - v i a", der von Hankau flußabwärts ging, mit Artillerie- und Gewehrfeuer beschos­sen, wobei ein Geschoß mittschiffs traf, ohne jedoch weiteren Schaden anzurichten. Im Reichs-Marineamt in Berlin wird mitgeteilt, daß das Feuergefecht der »Em­den" nur von ganzkurzerDauer gewesen sein könne, da das Kriegsschiff wahrscheinlich mit einer oder gar beiden Breitseiten geschossen habe und über schnellfcuernde 10,5 Zentimeter- Geschütze verfüge. Auch in Kreisen der Marine mißt man dem Vorfall nur geringe Bedeutung bei. Der vor einigen Tagen von Tsingtau nach Nanking abgegangene große Kreuzer .Scharn­horst" mit dem Geschwaderckef an Bord muß inzwischen in den dortigen Gewässern ein» getroffen fein.

Der Bürgerkrieg in China.

Berlin, 29. August. (Privat-Tele­gramm.) Tie hiesige chinesische Gesandt­schaft teilt mit, daß sie durch ein amttiches Telegramm aus Veking davon in Kenntnis

gesetzt worden ist, daß die Stadt Nanking eit dem sechsundzwanzigsten August sich in den Händen der Regierungstruppen be­finde. Ein vom Roten Kreuz gepachteter Damp- er brachte gestern von Nanking zweitausend lüchtende Chinesen und hundertfünfzig Schwer­verletzte nach Schanghai.

Feuer auf dem Fmverator.

Zwei Tote; hunderttausend Mark Schaden.

Wie wir schon in unfern gestrigen Abend- Depesche,« berichtet haben, ist in der Nacht zum Donnerstag auf dem im Hafen von Hobokcn (Newyork) liegenden neuen Riesendampser Imperator der Hamburg-Amerika-Linie Feuer ausgebrochen, dem zwei Menschenleben zum Opfer gefallen sind: Der zweite Offizier und ein Heizer. Das Feuer kam im Gepäck- raum zum Ausbruch und verbreitete sich auf die Kohlenbunker und die zweiten Kajüten. Die durch das Feuer angerichteten Beschädigungen sind nach den Angaben eines Schiffs-Beamten so gering, daß derImperator" wahrscheinlich fahrplanmäßig am Sonntag abfahren kann.

Die Katastrophe an Bord.

(Privat-Telegramm.)

Newhork, 29. August.

Das Feuer an Bord desImperator" brach nachts gegen vier Uhr aus. Ein großer Teil der Inneneinrichtung der zweiten Kajüte wurde zerstört, sonst ist der Dampfer unbe­schädigt. Der Dampfer war am Donnerstag abend in Hoboken angekommen. Ausnahms­weise gestattete die Zollbehörde bereits um acht Uhr die Zollabfertigung der zweitaufend Ka- jütspassagiere. Diese dauerte bis ein Uhr nachts. Die Zwischendeckler blieben an Bord. Erft um zwei Uhr nachts herrschte Ruhe an Bord. Gegen vier Uhr entdeckte die Wache den Brand in der Vorratskammer. Auf Deck wurde die Mannschaft in aller Stille alar­miert und versuchte zunächst unter Führung des Kommodore Ruser,"des Brandes Herr zu werden. Trotz der Benutzung von Rauchhelmen wurde einer nach dem andern durch den Qualm aus dem brennenden Raum hinausgetrieben. Der Offizier Hermann G o b r e ch t kam nicht mehr zum Vorschein. Darauf wurde Gene­ralalarm gepfiffen und die Hobokener und die Hafenfeuerwebr rückten an. Diesen gelang es nach verzweifeltem Kampfe mit Hilfe der heldenmütigen Mannfchaft um acht Uhr des Feuers Herr zu werden. Zeitweise lagen zwan­zig Feuerwehrleute

bewußtlos auf dem Oberdeck

des Dampfer?. Der Hamburger Seemann Otto Stumpf erlitt fchwere Brandwunden. Die beim Anrücken der Feuerwehr geweckten 1130 Zwischendeckspassagiere gerieten in eine gewaltigePanik. schrien und tobten, bis Kommodore Ruser befahl, die gerade hinter dem Brandherd Einquartierten an Land zu bringen. Halb wahnsinnig vor Angst stürzten die Passagiere die Reeling hinunter. Viele von ihnen erlitten dadurch Verletzungen. Der Sveisesaal der zweiten Kajüte und ein Teil der Vorratskammer ist ausgebrannt. Uebrigens ist mehr Schaden durch das Lösch- Wasser als durch die Flammen angerichtet wor­den. Die Leiche Gobrechts wurde erst morgens sieben Uhr halb verkohlt aufgefunden. Der Tod des Offiziers ist dadurch eingetreten, daß der Luftschlauch des Rauchhelms sich verwickelte. Nach späteren Berichten ist bedauerlicherweise noch ein zweites Ovfer zu verzeichnen. Der Heizer, der dem verunglückten Offizier an die Brandstätte folgte, wird vermißt. Der Dampfer liegt infolge des vielen Löschwassers stark auf der Seite. Unzählige Boote mit Neu­gierigen umschwärmen fortgesetzt den Koloß, der morgen die Rückreise nach Hamburg an­treten soll.

Hunderttausend Mark Schaden!

Wie uns ein weiteres Privat-Tele­gramm aus Newyork meldet, ist das Wasser, das bei dem Brand in denImperator" ge­worfen wurde, jetzt wieder herausgepumpt. Der Materialschaden dürste hunderttausend Mark nicht übersteigen. Die Zwischendecks- Passagiere desImperator" wurden, als Rauch aus dem Schiffsraum aufftieg. im höchsten Grade aufgeregt, rannten hin und her und versuchten zu entfliehen; zwei sind auch wirk­lich entkommen. Tas Gedränge auf der Land­seite des Schisses war lebensgefährlich, so daß eine Anzahl Menschen verletzt wurden.

Referendar Kaspar adgestürzt!

Der Flieger und sein Passagier verletzt.

Hamburg, 29. August. (Privat-Te­legramm.) Heute vormittag ist der aus Cassel stammende Flieger Caspar mit einem Passagier aus einer Höhe von fünfzehn

Metern auf dem Flugplatz Fuhlsbüttel abge- stürzt. Caspar erlitt einen R i p p e n - und einen Nasenbruch, sein Passagier einen Oberschenkelbruch. Beide mutzten ins Kranken­haus gebracht werden. Der Apparat ist voll­ständig zertrümmert. Die Ursache des Unglücks ist wahrscheinlich ein Motordefekt.

Alt-Heffmland.

Die Ursulinerinnen von Fritzlar : Zweihun­dert Jahre Fritzlarer Klostergeschichte, von Horst Wechmar.

Dominus proriiebit, der Herr wird sorge»! Diese frommen, vertrauensvolle» Worte stehe» über der Eingangspforte des Fritzlarer Ursulinerinnen - Klosters, das vor kurzem das Jubiläum seines zweihun- dertjährigen Bestehens feierte, unter Teilnahme der ganzen Stadt. Fritzlar ist eine der ältesten Siedelungen des Hessenlandes und einer der ersten Orte unserer Gegend, an dem das Christentum festen Fuß faßte. Soll doch an der Stelle, wo jetzt der St. Petersdom seinen Turm stolz gen Himmel reckt, die uralte wunderbare Eiche gestanden haben, die Boni- satius mit den Streichen seiner Axt vernichtete, dem heidnischen Donnergott zum Trotz. Ei» reges kirchliches Leben herrschte schon srühzer- tifl in dem alten Ort, der auch geschichtlich bald eine denkwürdige Stätte ward. Da tst es eigentlich verwunderlich, wenn man hört, daß die Ursulinerinnen erst zweihundert Jahre in Fritzlar ansässig sind. Und sie haben ja auch Vorläuferinnen gehabt, Augustiner - Nonnen, die schon im dreizehnten Jahrhundert neben dem Armen-Hospital in der Freiheit oder Neu­stadt ein Kloster und eine Kirche, die St. K a - tharinenkirche, bauten. Dte Augustine- rinnen übernahmen die Armenpflege sowie die Pflege der Kranken des Hospitals, verließen jedoch im Jahre 1535 die Stadt. Jahrhunderte­lang standen dann die Klosterräume verwaist; sie waren in kurmainzischer Verwaltung, wur­den aber nur zeitweise benutzt, fo bienten sie beispielsweise während des dreißigjährige» Krieges als Lazarett. Dann wurde das Klo­ster tynner mehr zur Ruine,' die Klosterguter wurden verschentt, und man erinnerte sich kaum noch der früheren Bewohnerinnen, bis im Jahre 1710

die Ursulinerinnen kamen.

Der Konvent der Ursulinerinnen in Du- derstadt hatte Gebäude und Klostergüter ange­kauft, und bald erfüllte neues Leben die öden Räume. Die Klosterkirche war fchonettva zwan- zia Jahre eher dem früheren Gebrauch zuruckge­geben worden. Die ersten Ursulinerinnen, die nach Fritzlar kamen, hatten einen gar schweren Stand; zumal sie (sie kamen aus Metz) kein Wort deutsch sprachen. Es waren die Schwe­stern Augustine Gräfin s'AsPremont zugleich Oberin, Magdalene M'vcquise de Valombre und Bernardine Baronesse von Löwenstein. Aber der WahlspruchDominus providebit , unter dem die Schwestern in Fritzlar ihr Le­ben sührten, sollte sich bewahrheite». Die Ur­sulinerinnen fanden mächtige, einflußreiche Be­schützer, so die Landgrafen Friedrich den Er­sten und Karl von Hessen, die Grafen Anton und Karl von Waldeck, den Mainzer Erzbischof Lothar von Schönborn und andere, und nicht zuletzt Papst Kleinens den Elften. Unter so starkem Schutze gründeten »e im ^ahre 17x2 ihr Mädchenpensionat, das sich bald eines ganz vorzüglichen Rufes erfreute. Der Besuch wur­de bald so zahlreich, daß die provisorischen Räumlichkeiten zu Nein wurden. So ging man daran, ein neues Kloster zu bauen. Der Bau­meister des Landgrafen Karl, Garniery, ent­warf die Baupläne, und 1719 war das neue Heim fertiggestellt, nachdem noch der Baron von Schleisras, ein Bruder des damaligen Fürstabtes von Fulda, durch seinen Baumeister die Fertigstellung des Werkes hatte beschleuni­gen Helsen. Im neuen Kloster nahmen die Änstalten der Ursulinerinnen bald einen praw- tigeu Aufschwung, bis

der siebenjährige Krieg, unter dem bekanntlich wie andere hessische Städte auch Fritzlar gelitten die Stagnation brachte Seit 1758 war die Stadt bald in den Hän­den der Hessen und Hannoveraner, bald tn de- neu der Franzosen. 1761 wurde sie durch die Armee Ferdinands von Braunschweig beschos­sen. Aber so schlecht es der Stadt auch ging, das Kloster blieb vom Kriegsungemach fast gänzlich verschont. Dann kamen neue Unruhe- ünd Schreckensjahre, die Zeit der napoleoni­schen Fremdherrschaft. Jetzt schien das Kloster beinahe dem Untergang geweiht. Die Zetten waren sehr traurig, die Pächter des Klozrers so verarmt, daß es ihnen unmöglich war, den Pachtzins zu entrichten; das Pensionat war fast ohne Pensionärinnen, die Klostergemeinde bis auf sechs Mitglieder zusammengeschrumpft. Aber unter den Ursulinerinnen war eine, die Jüngste dazu, Schwester Angusttne Bardt, die den Mut nicht sinken ließ. Sie übernahm das Amt der Oberin, und unter ihrer energische» Leitung erholte sich das Kloster bald wieder. Noch einmal ward die Existenz des Klosters gefährdet, als 1877 während der Kulinrkampf- veriode der Konvent in die Verbannung neben