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Hessische Abendzeitung
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Nummer 221.
Fernsprecher 951 und 953.
Dienstag, 26. August 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Dokumente der Schande. Die Kriegsgreuel am Balkan und Europa; Politik und Krieg, Waffenruhm und Kultur.
Depeschen aus Konstantinopel berichten uns: Die direkten Verhandlungen der Pforte mit der bulgarischen Regierung nehmen einen günstigen Fortgang und es verlautet, daß die bulgarische Regierung eimgewilligt hat, Adrianopel an die Türkei abzutreten. Bulgarien verlangt dafür ganze südliche Thrazien einschließlich Lüle Burgas und Kirk-Kilifie. Nun, da die Kunst der Diplomaten die brutale Gewalt der Waffen abgelöst, erwacht auch das Gewissen der europäischen Kultur. Die Kriegsgreuel am Balkan, diese Kulturschande balkanischer Menschheit, haben (spät genug) dies Wunder vollbracht. Mondelang ist Europa den Hilferufen der Zehntausende von Opfern gegenüber so stumpf und hart geblieben, wie allem Unrecht, das derweil am Balkan geschehen. Jetzt geht eine internationale Kommission an die Kriegsstätten ab, um nach der Wahrheit zu forschen. Es sind Univer- sttätsprofessoren, die von der Carnegie-Stiftung entsandt werden und neben dem loyalsten Willen nichts für ihre Aufgabe mit auf die Reise bringen. Was wollen die Herren jetzt, nachdem alles vorbei ist, erkunden? Tote ausgraben und sehen, wie die Verwundungen beschaffen sind, die ihnen den Tod gaben? Wollen sie die Unglücklichen befragen, denen die Scham über die erlittnen Untaten den Mund verschließt? Haben sie ein Mittel, haben sie auch nur das Recht, die Einwohner, die jetzt einer stemden Herrschaft zu gehorchen haben, zu einem Geständnis zu zwingen, das aufs neue eine blutige Rache heraufbeschwören könnte? Früher, da alle Wunden noch frisch waren und alle Empörung über das Erduldete stärker war als die Ueberlegung, da hätte Europa sich regen sollen, und zwar das offizielle Europa, das es vermocht hätte, die Wahrheit ans Licht zu fördern. Die Gelehrten, die jetzt aus Rußland, aus England, aus Amerika und Frankreich nach Wien kamen, dort einen österreichischen Kollegen mitgenommen haben und weiter nach Konstantinopel oder Saloniki fahren: Sie werden zu den vielen Dokumenten, die heute schon der europäischen Oeffentlichkeit vorliegen, neue häufen; das endgültige, abschließende kann man indessen auch von ihnen nicht erwarten.
Und doch wäre es nötig, unleugbar zu wissen, ob wirklich eine Hunnenzeit über ein Gebiet, das geographisch zu Europa gehört, hin- weggcbraust ist. Gewiß: Ein rauh-gewaltsam Handwerk ist der Krieg. Trotz Genfer Konvention und aller Vereinbarungen, die im Frieden von allen Staaten beraten und unterzeichnet werden, hat sich das Wesen des Kriegs, solange der Kampf der Völker untereinander auf Erden besteht, nicht geändert. Aber es handelt sich ja auch nicht um Ereignisse, die mit dem Wesen des Kriegs Zusammenhängen, wenn Türken, Bulgaren, Griechen, Serben, Montenegriner zugleich die Verbrechen der Gegner ausrufen. Sogar Dumdum-Kugeln würde man noch eher verzeihen und Freischärlerbataillone, die ihre eignen Methoden anwenden, um die nationale Sache zum Siege zu führen. Aber die Schändlichkeitn, die an Kriegsgefangenen begangen wurden, an Greisen, Frauen, Kindern, die man im Vertrauen auf das Menschentum der Völker im Dorse zurückgelassen hatte: All das, was an die bösesten Geschichtsepochen der Vergangenheit erinnert, das hat zum Gelingen der militärischen Absichten nicht gedient und ist nur begangen worden, weil man die strafende Ordnung des Staates fern wußte. Die Türken waren die ersten und stnd die letzten, die die Bulgaren anklagen, über Kriegsrecht hinaus zu morden und zu plündern. Roch jetzt drohen sie mit dem Kriege gegen Bulgarien, wenn ihren Kriegsgefangenen nicht eine schonungsvollere Behandlung zuteil wird. Damals war jede Mißhandlung eines Türken eine nationale Tat, die Heimzahlung nationaler Unterdrückung, und Leidenschaft und Haß hielten furchtbare Ernte!
Das Wechselspiel des Schicksals hat auch hinsichtlich der Grausamkeiten die Bulgaren an die Stelle der Türken gerückt, und nun jammern sie, wie Griechen und Serben die Volksgenossen, die noch oder für immer in ihrer Gewalt sind, in den Tod hetzen. Und Serben und Griechen überschreien in diesem Chor, dessen Erzählungen von Blut und Verbrechen triefen, fast noch die Andern. Wer den ersten Platz in diesem Wettstreit um die Palme der Niedertracht verdient, ist schließlich gleichgültig. Aus den Anklagen, die alle Balkanvölker ohne Ausnahme gegeneinander richten, geht nur das eine hervor: Daß alle höchstwahrscheinlich schuldig
sind. Alle haben sie den höchsten Abschnitt ihrer Geschichte verunglimpft, haben sich aus der Reihe der europäischen Kulturvölker entfernt. Mit solcher Einstimmigkeit und Vehemenz hat noch kein Besiegter in Europa seinen Sieger angeklagt, daß er die Menschlichkeit verleugnet habe. Und daraus ergibt sich nicht allein eine moralische Konsequenz, das führt auch zu einer politischen Betrachtung. Zu dieser nämlich: Die Balkanvölker haben einen Beweis militärischer Kraft und Jugendlichkeit gegeben, dem heute niemand mehr den Respeft versagt. Aber zugleich haben sie gegen sich selbst Dokumente einer rasch entfesselten Unkultur geliefert, die nicht einmal ihre besten Bewundrer leugnen können. Sie stnd politisch und militärisch frei und selbständig und am Höchstpunkte ihrer Entwicklung. Aber moralisch und kulturell haben sie sich entwürdet, haben sie das Gewissen der Kultur durch den Barbarismus urmenschlicher Leidenschaft verhöhnt und vor der zivilisierten Welt sich ein Denkmal der Schande gesetzt, das kein Siegerruhm, kein Heldenstück je aus der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts austilgen kann. Und jetzt, da die Opfer schweigen, erwacht Europas müdes Gewissen ...! -an.
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Das balkanische Problem?
Auf dem Wege zur Verständigung!
Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt in ihren Wochen-Rückblicken: „In den Orientangelegenheiten sind während der letzten Woche weitere Rückschläge gegen die naturgemäß nur langsam fortschreitende Klärung nicht zu verzeichnen gewesen. Zwischen Bulgarien und der Türkei hat sich mit dem Aushören der türkischen Truppenbewegungen jenseits derMaritza eine Entspannung angebahnt, die hoffentlich nicht durch neue Zwischenfälle gestört wird. Die Mächte bleiben insgesamt bemüht, die noch ungelösten Fragen so zu behandeln, daß einer abermaligen Störung des Friedens vorgebeugt wird . . Inzwischen liegen über die Entwicklung der Dinge folgende weiteren Draht - Meldungen vor:
Konstantinopel« 25. August.
Auf der Pforte wird mitgeteilt- daß die Verhandlungen mit dem bulgarischen Delegierten Ratfchewitsch erfolgreich z« Ende geführt worden find. Es ist ein Aebereinkommen erzielt worden« demzufolge die Türkei Adrianopel und Kirk-Kilisse behält.
Bukarest« 25. August.
Zuverlässigen Mitteilungen ans diplomatischen Kreisen zufolge hat die tu manische Regierung den griechischen Antrag auf Bildung eines Balkanbundes unter Teilnahme Rumänien sabgelehnr' weil dieser Antrag Griechenlands den Ausschluß Bulgariens von diesem Bunde verlangt.
Wie uns aus Paris depeschiert wird, hielt gestern in Lens le Saumier bei einem Festmahl der Mutualisten der Minister des Aeußern, P i ch o n, eine Rede, in der er unter anderm ausführte: Alle Umstand^ lassen darauf schließen, daß wir am Ende der Krise stehen, die mehrmals die Gefahr eines Krieges zwischen den Großmächten schuf und in deren Verlauf Frankreich nicht aufge- hört hat, im Interesse des Friedens zu arbeiten. Pichon führte dann weiter aus, daß die Orientfrage sich abgespielt habe, ohne einen Konflikt mit den Großmächten zu schaffen. Das russische Bündnis habe stets der Regelung der Schwierigkeiten gedient, die aus dem Problem erwuchsen, das zuweilen wie eine Bedrohung des europäischen Friedens erschien.
Droht neue Kriegsgefahr?
Köln, 25. August. (Privat - Telegramm.) Ein Telegramm der Kölnischen Zeitung aus Sofia meldet: Auf dem Balkan bereitet sich ein neuer Zusammenstoß vor, der durch das Einrücken der Türken in das Gebiet weit westlich der Maritza veranlaßt wird. Tie Meldung von der Besetzung Kird- schalis durch die Türken wird amtlich bestätigt. Die Türkei will den Krieg. Sie will bei Gelegenheit der Räumung von Xanthi, Gü- müldschina und Dcdeagatsch durch die Griechen das ganze Gebiet zwischen der alten bulgarischen Grenze und dem Meere besetzen.
Für Habsburg und den Kaiser!
Kundgebung der Kroaten und Slowenen.
Wien, 25. August. (Privat-Telegramm.» Auf dem gestern in Laibach abgehaltenen Kroatisch-Slowenischen Katholikentag kam es zu einer eindrucksvollen Kundgebung der Kroaten und Slowenen für die habsburgische Dynastie, zu der sich etwa zwan- zigtausend Teilnehmer cinaefunben hatten. Der
Landeshauptmann von Krain erklärte unter brausendem Jubel der Versammlung: „Unser Kaiserhaus Habsburg kann auf alle Kroaten und Slowenen jederzeit rechnen, wir werden dorthin gehen und kämpfen, wohin uns der Kaiser schickt. Sein Feind ist unser Feind und wenn der Feind von demselbenBlute wäre wie wir. Wir werden fürdenKaiser kämpfen bis auf den letzten Mann ...!"
Carnegie über den Kaiser.
Kaiser Wilhelm und der Wettfriede.
Andrew Carnegie, der weltbekannte Milliardär und Vorkämpfer der Friedens-Idee, richtet im neuesten Heft der Zeitschrift Nord und Süd an den Herausgeber Professor Ludwig Stein einen offenen Brief über das Problem des internationalen Friedens, das in diesen Tagen des Haager Friedenskongresses besondere Aufmerksamkeit beanspruchen darf. Der Multimillionär beschäftigt sich in dieser bedeutsamen Aeußerung besonders mit dem Wirken des Deutschen Kaisers für den Weltfrieden: „Der Mann, auf den sich im Augenblick die Auf- merffamteit der Welt konzentriert, ist der Deutsche Kaiser, dessen segensreiche fünfundzwanzig- jährige Regierungszeit ununterbrochenen Frie- des ihresgleichen sucht. Als Haupt der größten Militärmacht der Welt verkündet er: „Der Frieden meines Landes ist eine mir heilige Sache." Würde er die zivilisierten Mächte zur Beratung mit Deutschland darüber einlaben,, wie der Weltfriede gesichert werden könnte, so dürfte die Antwort eine rasche und allgemeine sein, und wir zweifeln nicht, daß ein zufriedenstellender Vertrag zustande käme. Kaiser Wilhelm hat während seiner Regierungszeit eine große und gütige Rolle in der Weltgeschichte gespielt. Dem Kriege gegenüber verhielt er sich bisher durchaus ablehnend. Nie hat der deutsche Kaiser das Schwert gegen den Feind gezogen, und darum verbeugen wir Pazifisten uns vor dem Kaiser." Für die Abschaffung des „persönlichen Krieges", des Duells, das „die künftige Abschaffung nationaler Kriege so sicher vorbereitet, wie der strahlende Morgen der dunklen Nacht folgt", habe der Kaiser gewirkt. „Der Rückgang des Duells in Deutschland von zwölfhuudert schmachvollen Fällen zu zwölf im Jahre, ist das
persönliche Werk des Kaisers, der erst im letzten April wieder den Armeekom- mandanten die Verfügung zugehen ließ, immer noch größere Einschränkungen dieses barbarischen Aktes zu veranlassen. Bezeichnend ist auch die jüngste Abstimmung imReichstag über die beantragte Abschaffung des Duells: Alle diese Punkte sind geeignet, uns in dem Glauben zu bestärken, daß persönlicher Krieg bald etwas sein wird, was in den sogenannten zivilisierten Ländern unbekannt ist." Dieser hofsnungssreu- dige Glauben des Multimillionärs wird dadurch bestärkt, daß nach seiner Ansicht der früher bereits von England, Frankreich und Amerika unterzeichnete und von Deutschland gutgeheißene Friedensvertrag, demzufolge internationale Streitfälle durch Schiedsspruch ausgeglichen werden sollten, wieder im Parlament des Weltbunds eingebracht werden soll. Der Vertrag wurde damals durch Ablehnung des Senats der Vereinigten Staaten zu Fall gebracht, und Carnegie teilt jetzt als den wahren Grund für das Fehlschlagen dieses großangelegten Planes „die unverantwortliche, kaum glaubliche Tatsache" mit, daß der damalige Präsident der Vereinigten Staaten den vorge- schlagenen Vertrag dem Senatskomitee gar nicht unterbreitete, so daß die Senatoren davon erst durch die Zeitungen erfuhren und nun ihrer Würde gekränkt, den Friedensvertrag mit nur einer einzigen Stimme Majorität zurückwiesen. Der jetzige Präsident, der die Felsen kennt, an denen fein Vorgänger gescheitert, wäre wohl zu der „erhabensten aller Missionen" befähigt, die führenden zivilisierten Völker zu einem Friedensvertraa zu vereinigen.
Präsident Wilson und der Kaiser.
Carnegie schließt seinen Brief mit folgender Hoffnung-Beteuerung: „Ich gebe mich der Hoffnung, fast möchte ich sagen, dem festen Glauben hin, daß entweder der Deutsche Kaiser oder der jetzige Präsident Wilson sich als jener unsterblichste Held aller Zeiten erweisen werde, der der Menschheit den größten Dienst leisten wird, den sie je von einem einzelnen Menschen erfahren hat. Dieser providen- iielle Mann wird die zivilisierten Völker jenem glücklichen Zustande entgegenführen, in dem die allgemeine Anerkennung der auf internationaler Vereinbarung ruhenden Entscheidungen des Haager Schiedsgerichtsbokes zur endgültigen Tatsache geworden fein wird...!*
Sie Wahl in Nagnit-Pillkallen.
Ein Wahlsieg der Konfervativen.
Die durch das Ableben des Grafen von Sanitz am 30. Juni dieses Jahres notwendig gewordene Ersatzwahl im ostpreußischen Wahlkreise Ragnit-Pillkallen hat am Sonnabend mit der Wahl des konservativen Kandi
daten Gottschalk geendet. Bel der Way wurden abgegeben für Gottschalk (Konsev vativ) 9452, für Ventzki (NativnalliberaH 5983 und für Hofer (Sozialdemokrat) 324; Stimmet;; 11 Stimmen waren zersplittert Gottschalk ist somtt gewählt.
Der Wahlkreis Ragnit-PillkalleI (Gumbinnen II) ist im Reichstage nur vor 1871 bis 1879 durch einen Fortschrittler, seh dem einundzwanzigsten November 1879 ab« ununterbrochen durch einen Konservativen vertreten gewesen. Der letzte Mandatsinhaber Graf von Kanitz-Podangen, war in der Ersatz. Wahl für den verstorbenen Abgeordneten vor Sperber am sechsten Dezember 1889 zum erste» Male und seitdem immer wieder mit erhebliche» Majorität gewählt worden. Seine Stimmen, zahl schwankte zwischen 7494 im Jahre 188? und 14 542 im Jahre 1907. Bei der letzte» Hauptwahl im Jahre 1912 hatten die Konserva. tiven von 19 220 Wählern 10 032, die National, liberalen 6216, die Sozialdemokraten 2964 Stimmen erhalten. Wahlberechtigt waren da. mals im ganzen 21884. Der Wahlkreis ist ei» rein ländlicher. Kaum zehn Prozent der Bevölkerung wohnen in den beiden Städten, nach denen der Wahlkreis benannt wird.
An der Katzdach.
Mars challVorwärts großerTag: eine Erinne» rnngan den sechsundzwanzigsten August 1813
Km 26, August jährt sich der Tag der Schlacht an der K a tz b a ch zum hundertsten Male. Blücher war nach dem Waffenstillstand mit dem schlestsche» Heer über die Katzdach gegangen und hatte den Feind am 19. und 20. über den Bober gedrängt Napoleon war mit den Garden von Dresden gekommen und befahl sofort den Angriff gegen Blücher. Dieser wich aber dem Kampf gegen die Uebermacht au» und führte fein Heer nach Zauer zurück, um sofort nach dem Abzug Napoleons wieder an die Katzdach vorzurücken und der französtschen Armee eine Schlacht zu liefern.
Blücher ist so wenig wie ein Stein. Scharnhorst ober Gneisenau geborener Preuße gewesen, sondern hat als mecklenburgischer Edelmann Enbe 1742 in Rostock baS Licht ber Welt erblickt. Durchaus unbehelligt von wissenschaftlichen ober schöngeistigen Bil- bungsversuchen, klettert, reitet, jagt, schwimmt, kommandiert, rauft sich bas waghalsige Land- junterlein zuerst auf dem väterlichen Gute, dann beim Onkel in Rügen durch eine glückliche Jugend hindurch. Wie im Siebenjährigen Kriege schwedische Husaren in dem sonst so stillen Rügen ihr munteres und buntes Treiben entfalten, da hält's den blutjungen Gebhard Leberecht nimmer. Mitsamt seinem Bruder reißt er zu ihnen aus, und keine Ueberredungskünste der Seinen vermögen die beiden zur reuevollen Umkehr zu bewegen. Sie treten förmlich in den schwedischen Reiterdienst, freilich ohne große Lorbeeren zu pflücken. Schließlich erreicht den einen, eben unseren Blücher, sein Schicksal. Bei einem Streifzug im Mecklenburgischen fordert er trotz des für di« Seinigen bereits ungünstigen Gefechtsstandes
die berühmten Bellinghusaren
durch übermäßiges Schimpfen allzu auffällig heraus Einem biederen Sübdeutschen reißt die Geduld. Er sprengt auf das bereits davourei- tende „Bübel" ein, dem gerade in diesem kritischen Augenblick das Pferd unterm Leib er« schossen wird, packt den Verdutzten mit starker Faust und bringt ihn vor den Obersten von Belliug. Dieser vortreffliche, ebenso kühne wie menschenfreundliche Mann merkt sofort, daß er keinen schlechten Fan^ getan. Nach beftiedigend erledigten Verhandlungen mit den Schweden wird ber nunmehr Achtzehnjährige am vierten Januar 1761 Sekonde-, am vierten Juli barauf bereits Premierleutnant des Alien Fritz. Dis 1772 tummelt er sich als wilder Husarenossizier unter Friedrichs Fahnen, den Vorgesetzten kein bequemer Untergebener, starrköpfig, streitlustig, den Degen äußerst locker in der Scheide, und zumal während der langen Friedenszeit nach 1763, leichtsinnig in Spiel und Liebe. Sein eigenmächtiges Ungestüm verdirbt ihm das rechtzeitige Avancement. Trotzig beschwert er sich beim König, fordert in gereiztem Tone den Abschied und . . . stiegt neun Monate in Ar- reft. Völlig unzugänglich für diese allerhöchste Erziehungsmethode, besteht er auch weiterhin auf seinem Entschluß und erhalt schließlich den so berühmt gewordenen lapidaren Bescheid: „Ter Rittmeister von Blücher kann sich zum Teufel scheren." Es folgen fünfzehn
Jahre ländlicher Zurückgezogenheit
und friedlichen, anspruchslosen Familien» lebens. Gleich nach seiner Verabschiedung hat er die schöne Tochter des sächsischen Obersten von Mehling geheiratet und im Lauf der Zeit sechs Söhne und eine Tochter von ihr bekommen. Aber schließlich vernachlässigt er das Gut, beginnt ein ungeregeltes Leben, spielt, gerät in Schulden. Ein Glück für ihn, daß 1786 ber große König stirbt unb fein weicherer Nachfolger sich bereit finbet, bem stürmisch Bittenben zu willfahren unb ihn 1787 als Major in fein altes Regiment einzustellen. Jetzt gesundet er schnell ... in seinem Sinne. Alle Fäden sind sofort wieder angeknüpft, und es ist, als ob die fünfzehn agrarischen Jahre spurlos dabinaeaangen wären. Im Sunt