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Casseler Neueste NMKm

Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Rümmer 219

Sonnabend, 23. August 1913

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

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8m Femen Ästen.

Die chinesische Revolntton als Auftakt eines russisch-chinesischen Krieges; der Kampf um die Mongolei; Japan steht hinter der Szene!

Wie Depeschen ans Peking melden, hat die Spannung zwischen Rußland uuv China bezüglich der Mongolei- Frage durch das Eingreifen Japans eine gefährliche Verschärfung er­fahren, und die Möglichkeit eines Konfliktes scheint in allernächste Nähe gerückt, nachdem Japan sich sehr ent­schieden für die Unantastbarkeit der Mongolei-» ausgesprochen hat.

Während am Balkan der Kriegsbrand lang­sam verglüht, wachsen im Fernen Osten dro­hend neue Konflikte empor. Wilhelm der der Zweite hat (im Beginn des vierten Lebens- Dezenniums) der Welt die.Gelbe Gefahr" auf Leinwand und in Oel vor Augen geführt, und wenn auch die politische Entwicklung der Dinge auf Astens Erde es zum Klugheitgebot hat wer­den lasten, Europcns Völker nicht mehr zum .Kampf um ihre heiligsten Güter" wider den gelben Mann aufzurufen, so ist die Gelbe Ge­fahr doch nicht geringer und nicht minder dro­hend geworden. Seit den Tagen, da auf den weiten Feldern der Mandschurei Rußlands Wehrmacht zusammenbrach, und die russischen Panzer in japanischen Gewässern ein unrühm­liches Ende fanden, hat man aus dem Fernen Osten kriegerische Kunde zwar nicht vernommen, aber d^s, was heut aus Asten zu uns herüber­hallt, klingt nicht weniger bedenklich: Die Wolke der Mißverständnisse zwischen Rußland und China wird immer düstrer und unheilschwe­rer, und wenn es auch in den letzten Lenzenta­gen der Kunst des grünen Tischs gelang, be­denklich gehäufte Differenzpunkte notdürftig zu beseitigen, so ist damit doch keineswegs end­gültig Ruhe eingekehrt. Im Zarenland sowohl als auch sm Reich der Mitte glimmt der Funke weiter, der das Pulverfaß im Nu zur Explosion bringen kann, in den Rüstkammern beider Riesenstaaten klirrt es geheimnisvoll, und durch die sibirischen Steppen schleppen Lokomotiven keuchend endlose Züge mit Waffen und Muni­tion zur mandschurischen Grenze.

In China herrscht gleich fieberhafte Tätig­est, und die politischen Sterndeuter prophe­zeien nahendes Kriegsgewitter, dessen erste Flammenzeichen bereits am Horizont erkennbar werden. Es bedarf keines besonder« Hinwei­ses, daß man sich in China genau darüber klar ist, was es heißt, einen Waffengang mit Ruß­land zu riskieren: Neigt man im Ministerium in Peking trotzdem dazu, dem Drängen der kampflustigen Kriegspartei nachzugeben und dem unbequemen Nachbar den Fehdehandschuh hinzuwerfen, dann muß man auch von der Si­cherheit einer erfolgreichen Durchführung des kriegerischen Unternehmens überzeugt sein. Seit der Stunde, in der das Keine Japan dem rasch niedergerungnen chinesischen Drachen den Fuß in den Nacken setzte, hat sich auch jenseits derGroßen Mauer" vielerlei gewandelt: In den Kreisen der Pekinger Machthaber kam man Jur Erkenntnis, daß man in Zustände, die Jahrpnnderte hindurch fast unberührt waren, Bresche legen und dem Geist der neuen Zeit Konzessionen machen müsse. Die Reformarbeft hat feit der Zeit nicht geruht und aus verwahr­losten Kohorten, die einst mit primitivstem Kriegsgerät gegen Japan zogen, ist ein Riesen­heer moderner Krieqsformation, strategisch­zielbewußt geleitet und kriegstüchtig ausgerüstet, geworden, das sich unter abendländischem Ein­fluß eine Taktik zu eigen machte, die derjenigen europäischer Armeen nahekommt: EinRiesen- h e e r. in dem zwar nicht heiße Liebe zum Va­terland zu großen Taten drängt, sondern der Standpunkt, daß eS schmachvoll sei, sieglos aus dem Kampfe heimzukehren.

Diese wilde Sehnsucht, ruhmbedeckt zu ster­ben, hat Rußland im Ringen mit Japan man­che Schlacht gewinnen lassen, und sie wird es auch in einem etwaigen Krieg mit C h i n a vor eine Aufgabe stellen, der es kaum gewachsen er­scheint. Die russische Armee, die sich im Krieg mit Japan fortgesetzt mutig .rückwärts" konzen­trierte, erscheint auch in der Zwischenzeit nicht gewachsen an all den Eigenschaften, die nötig sind, um einen Kampf mit einem im Mut der Verzweiflung erstarkten Gegner erfolgreich wa­gen zu können, sodaß hinreichender Anlaß be­steht, der weitern Entwicklung der Dinge im Fernen Osten mit Aufmerksamkeit zu folgen. Es kann weder Deutschland noch dem europäischen Kontinent überhaupt gleichgültig sein, ob Ruß­lands Stellung mehr noch, als es schon gesche­hen, im Osten erschüttert wird, ganz davon ab­gesehen, daß ein neuer unglücklicher Krieg das Zarenreich politisch und wirtschaftlich in seinen

Grundfesten erschüttern und ernsten Krisen ent­gegenführen müßte. Mehr denn je sollten sich deshalb die Diplomaten in Petersburg darüber klar sein, daß noch eine lange Reihe von Jah­ren nötig ist, um das Land einigermaßen ge­sunden zu lassen nach all den Fieberschauern, die es in der jüngsten Aera heimgesucht. Man sagt sich das wohl auch, aber es gibt Dinge, die man nicht verhindern kann, weil sie ein andrer Starker will, und China scheint nun einmal das Bestreben zu haben, seine Kräfte an denen Rußlands zu messen.

Und während in Peking die Strategen über Kriegsplänen brüten, züngeln im Riesenreich des Drachen die Flammenzeichen der innern Revolution abermals empor: Im Süden der Republik der Mitte, wo Hunderttausende sich unter den Qualen langdauernder Hungersnot winden, hat die Erbitterung des Elends, aufge­wiegelt durch kriegswütige Fanatiker, zu den Waffen gegriffen, und Geheimkuriere berichten, die Revolution im Kanton-Distritt sei das Werk japanischer Volksverhetzer, die die Notlage der breiten Masse des chinesischen Volks raffiniert zur Schürung des Frem­denhasses und zur Empörung der Menge gegen die untätige Regierung ausnutzten. Die Diplomaten des Mikado haben zwar China die freundschaftlichen Dienste Japans" zur Ord- nung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse ange­boten, aber das Mißtrauen gegenüber dem ge­schäftigen Nachbar ist auch in China so stark (und offenbar auch so berechtigt), daß man in Peking das freundschaftliche Anerbieten höflich, aber bestimmt abgelehnt hat. Sicher nicht ohne Grund, denn Japan sucht seit seinem Ausstieg zur Großmacht unablässig Gelegenheit, China seinem Einfluß zugänglich zu machen. Das Riesenreich der Republik im Fernen Osten sieht sich also zwischen drei Feuern, die ihm alle gleich gefährlich werden können: Rußlands Vordringen auf der Erde Asiens, Japans Poli­tik der Beunruhigung und die neue Hunger-Re­volution im Innern. Was aus dieser dreifa­chen Gefahr als nächster Schrecken herauswach­sen wird, läßt sich im Augenblick nicht über­sehen, sicher aber ist, daß dieGelbe Gefahr" zurzeit bedrohlicher scheint, als je seit dem Tag, da Wilhelm der Zweite sie auf Lein­wand und Oel porträtieren ließ ...! F. H.

Rachwehen der Balkaniade.

Aeberfall auf Rumäniens Königspaar?

Wie Depeschen aus Bukarest (die von offiziöser Seite allerdings dementiert werdend melden, versuchten gestern Zigeuner, auf das Automobil, in dem sich das rumänische Königspaar befand, einen Ueberfall. Die Zigeuner hatten sich auf der Landstraße ausge­stellt und gaben beim Herannahen des königli­chen Automobils dem Chauffeur ein Zeichen, anzuhalten, während am Straßenende andere Zigeuner mit vorgehaltenen Revol­vern das Automobil zum Stehen zu bringen versuchten. Der Chauffeur erkannte die Gefahr und ftrhr so rasch durch die Banditen hindurch daß deren Steinhagel das Automobil nicht mehr traf. Nur durch die Geistesgegenwart des Chauffeurs entging das Königspaar dem sicheren Tode. Ueber die Gestaltung der politischen Lage liegen heute folgende Draht-Meldungen vor:

London, 22. August.

3« hiesigen diplomatischen Kreise» ver­lautet, die Pforte sei auf diplomatischem Wege verständigt worden, daß die Groß- Mächte beschlossen haben, Adrianopel den Türke« z« überlassen. Zwischen Bulgarien und der Türkei seien bereits direkte Verhandlungen angeknüpft.

Konstantinopel, 22. August.

Der bulgarische Delegierte besuchte gestern nachmittag mehrere Botschafter «nd besprach mit ihnen die Lage. In nnterrichteten Kreisen wird die Möglich, leit einer erfolgreichen direkten Vor. standignng zwischen der Türkei vnd Bulgarien fortgesetzt sehr optimistisch beurteitt.

In einem Privat-Telegramm aus Saloniki werden uns interessante Einzel­heiten über die Z erstö rung der Stadt Mel. nik in Mazedonien gemeldet. Als am acht­zehnten August die Einwohner erfuhren, daß die Stadt unter der Herrschaft der Bulgaren bleiben sollte, sandten sie erst ihre Frauen und Kinder fort. Dann begannen die Männer das Zerstörungswerk. Sie schlugen die gro­ßen Weinfässer ein, fodaß der Wein in Stömen auf der Straße lief und verwüsteten hierauf die Weinberge. Schließlich teilten sie sich in vier Gruppen und zündeten die Stadt an Die enormen Rauchsäulen waren weithin sicht- bar; dann zogen alle nach dem griechischen Ter­ritorium ab, auch die Mohamedaner, ja selbst

auch d i e Einwohner, die als Bulgaren galten. Im ganzen sind 77000 Menschen nach Griechenland geflüchtet.

Geheimnisse der Diplomatie.

Ein deutsch-englisch-japanisches Bündnis?

Der frühere (inzwischen verstorbene) japa- msche Botschafter in London, Graf H a - ? a s h i, hat politische Aufzeichnungen hinter- -assen, mit deren Veröffentlichung soeben in einer japanischen Zeitung begonnen wurde. Die Regierung in Tokio hat aber die weiteren V-r- ösfentlichungen v e r h i n d e r t, so daß nur ihr erster Teil der Oefsentlichkert bekannt wird. Immerhin ist auch dieser von großem politi­schen Interesse, weil er den Nachweis führt, daß das englisch-japanische Bündnis aus dem Plan eines deutsch-englisch-japanischen Bündnisses entstanden ist. Es werden darüber folgende interessanten Einzelheiten mitgeteilt:

Deutschland, England, Japan.

(Aus den Aufzeichnungen des Grafen Hayashi.) Tokio, im August.

Wie der verstorbene Botschafter Graf Ha­yashi in seinen Aufzeichnungen mitteilt, wandte sich im Frühjahr 1901 der deutsche Geschäftsträger in London an den japa­nischen Botschafter mit der Erklärung, daß nach seiner Ansicht die Erhaltung des Friedens in Ostasien durch ein Bündnis zwischen Deutschland. England und Japan am besten gesichert sei; auch englische Staats­männer, wie Chamberlain und Balfour, seien derselben Ansicht. Zwei hochgestellte Persönlich­keiten, unter denen Graf Hayashi sich den Deutschen Kaiser und den Reichskanzler Für st en Bülow vorstellte, waren nach An­gabe des deutschen Geschäftsträgers für einen Dreibund mit England und Japan. Der japa­nische Botschafter erinnert sich nicht genau, ob der deutsche Geschäftsträger ihm diese Mittei­lungen im Auftrag seiner Regierung oder aus eignem Antrieb machte. D» Graf Hayashi je-" denfalls ein Bündnis mit England für sehr vorteilhaft hielt, erbat er sich von seiner Regie­rung die Ermächtigung zu einer Sondierung der englischen Diplomatie. Diese wurde ihm unter dem Vorbehalt erteilt, daß er lediglich p r i v a t i m die Ansichten der britischen Regie­rung erforschen möge. Der Botschafter verhan­delte zunächst mit Lord Lansdowne in Ab­wesenheit von Salisbury, der erklärte, daß ihm

der Gedanke eines Bündnisses durchaus diskutabel erscheine, und wenn ein solches zustande käme, wäre nichts dagegen ein* zuwenden, daß eine andere Macht sich daran beteiligte. Aus dieser Antwort entnahm der Botschafter, daß die englische Regie­rung schon Verhandlungen mit Deutschland gepflogen habe. Graf Hayashi entwarf einen vorläufigen Bünd­nisvertrag, den er seiner Regierung zur Begutachtung unterbreitete, die jedoch zunächst nicht näher darauf einging, weil sie erst unter­richtet sein wollte, ob tatsächlich ein geheimer Gedankenaustausch zwischen England und Deutschland über Deutschlands Beteiligung tätigefunben habe. In einer zweiten Unter­redung mit Lord Lansdowne bestätigte dieser nochmals dem japanischen Botschafter, daß es zweckmäßig sei, das Bündnis nicht auf Eng­end und Japan zu beschränken, sondern noch eine dritte Macht zu beteiligen. Inzwischen trat in Japan ein Kabinettswechsel ein, und die Angelegenheit ruhte infolgedessen mehrere Mo­nate. Im Juli desselben Jahres hat bann die englische Diplomatie die Initiative ergrif- en, die Bündnisverhandlungen wieder aufge- nommen und sie zu dem bekannten Abschluß des japanisch-englischen Zweibundes (unter Ausschaltung Deutschlands) geführt.

*

Das Bündnis ohne Dentschland.

Der englische Gesandte Macdonald erklärte Graf Hayashi, König Eduard habe ihm bei einer Audienz erflärt, England müsse mit Japan zu einem Abkommen gelangen, auch der Premierminister Salisbury habe die Notwen­digkeit dazu erkannt; es müsse ein Schutz­bündnis fein, nach dem jeder Verbündete dem andern Hilfe zu gewähren hätte, wenn zwei andere Mächte sich verbündeten, um Japan und England anzugreifen. An dieser Stelle nehmen die Veröffentlichungen ibr Ende. Man erfährt also nicht, aus welchen Gründen an dem englisch-japanischen Bündnis, das aus die- en Verhandlungen hervorgegangen ist, Deutschland nicht beteiligt wurde.

Graf Berchtald vor dem Rücktritt?

Fürstenberg als Berchtolds Nachfolger.

Wien, 22. August. (Privat-Tele­gramm.) In hiesigen politischen Kreise» wird der gestrigen eineinhalbstündigen Audi­enz, die der öfterreichisch-ungarische Botschafter

in Bukarest, Prinz Fürstenberg, beim Kaiser Franz Josef in Ischl hatte, große Bedeutung beigemessen. Man rechnet bestimmt darauf, daß Prinz Fürstenberg zum Nachfol­ger des Grasen Berchtold ausersehen sei und daß er noch v o r der Zusammentretung der Delegationen im Herbst den Ministerposten übernehmen werde. Falls Prinz Fürstenberg den Posten nicht annehmen sollte, dürfte Graf Czernin, ein Verwandter des Obersthofmei. sters Fürsten Montenuovo, Minister des Aus- »artigen werden.

Sllivier und Wagner.

Emile Ollivier als Richard -Lagners Freund; Sllivier, der Mann mit dem leichte» Herze».

Wenn der foeben Im hohen Greifenalter ver» storbene Emile Oll toter als derMann mit dem leichten Herzen" In der politischen Geschichte auch keine glückliche Erinnerung hinterlassen hat, so er. scheint er In einem weit oorteilhasteren Lichts, wenn man seine Beziehungen zu Richard Wagner in» Auge faßt. Der Meister selbst hat über sie in seinen Lebenserinnerungen vielfache Mitteilungen gemacht und aus allen geht hervor, daß er an Ollivier auf. richtigen Anteil genommen und datz dieser seiner­seits sich Richard Wagner gegenüber als zuver- lässiger und förderlicher freund bewährt hat.

Richard Wagners Verbindung mit Emile Ollivier wurde durch dessen Vermählung mit Liszts Tochter Blanbine geknüpft. Als Wagner im Januar 1858 nach Paris ging, um sich bas Eigentumsrecht für seine Werke in Frankreich zu sichern, ba baute er feine Hoff­nung auf die Durchführung seiner Ansprüche in erster Linie, wie er bekennt, auf densehr ergiebigen Beistand" Olliviers, den er (und mit Recht) als einen berühmten Advokaten bezeich­net. Auch hatte er sich in seiner Zuversicht nicht geirrt. Er berichtet über feine damaligen Be­ziehungen zu Ollivier:An Ollivier fand ich alsbald einen sehr einnehmenden und tätigen Freund, der die Angelegenheit, die mich, der äußerlichen Bestimmung nach, Paris zugeführt hatte, sofort entschlossen in die Hand nahm. Wir gingen eines Tages zu einem ihm befreundeten und (wie es schien) verpflichteten Notar; ich stellte dort eine geharnischte und wohl verklau- sulierte Vollmacht zur Vertretung meiner Eigen, tumsrechte als Autor an Ollivier aus, und wur­de, trotzdem viele Stempelformalitäten vor sich gingen, dort mit vollendeter Gastfreiheit behan­delt, sodaß ich mir unter meines neuen Freun­des Schutz recht geborgen vorkam. Nun aber sollte ich, im Palais de Justice in der Halle des Pas-perdus an Olliviers Seite promenierend, erst noch den berühmtesten Advokaten der Welt, der da in Barett und Robe herumwandelte, vorgestellt und sogleich bis auf den Grad ver­traulich bekannt gemacht werden, daß ich einem Kreis von ihnen, der sich um mich bildete,

das Sujet desTannhäuser"

zu explizieren veranlaßt werden konnte. DaS gefiel mir alles sehr wohl. Nicht minder be- friebigten mich meine Unterhaltungen mit Olli­vier über besten politische Aussichten und Stellung. Er glaubte nur noch an die Re­publik, die nach dem unzweifelhaften Sturz der napoleonischen Herrschaft von neuem und» dauernd hervortreten werde. Er und seine Freunde gingen nicht damit um, eine Revolu- tion hervorzurufen, sondern nur sich darauf vor­zubereiten, diese, wenn sie, wie notwendig, e-n- getreten sein würde, nicht wieder der Ausbeu­tung durch Intriganten zu überlasten. In den Prinzipien ging er auf die äußersten Konsequen­zen des Sozialismus ein: er kannte und respektierte Proudhon, jedoch nicht als Politiker: Nichts aber (so meinte er) könne sich für dau­ernd begründen, als durch die Initiative der po­litischen Einrichtung. Auf dem Wege der einfa» chen Gesetzgebung, auf dem schon bisher auS Gründen der öffentlichen Nützlichkeit bedeutende Maßregeln gegen den Mißbrauch des Privat- rechtes eingeführt worden seien, würden allmäh­lich die anscheinend kühnsten Forderungen füt die Begründung eines gleichmäßig verteilten öffentlichen Wohles zur Geltung zu bringen ein ..Ollivier tat für den deutschen Musi­ker, was er konnte. Er führte ihn in verschie­dene

Kreise der Pariser Gesellschaft, wie zum Beispiel bei der Familie Erard ehr, und als Wagner im nächsten Jahre wieder nach Paris kam, war er ihm gleichfalls mit Ratschlä­gen und sinnreichen Empfehlungen vielfach nütz­lich, wie denn die beiden Olliviers auch zu de» regelmäßigen Besuchern der Mittwochabende bei Wagner gehörten, bei denen auch der Kunst Wagners durch den Dichter Beaudelaire, der bekanntlich ein leidenschaftlicher Bewunderer 'einer Musik war, gehuldigt wurde. Bei bet historischen Pariser Erstausführung besTann­häusers" im Jahre 1861 hätte es zwischen Wag- ner unb bet Familie Ollivier fast eine kleine Verstimmung gegeben, wenn nicht ber der. ftänbige, ruhig beulende Advokat die Klippe zu umschiffen verstanden hätte. Wagner war da­mals mit Freikarten so beschränkt, daß er vielen seiner Freunde nicht nach Wunsch dienen konn­te; unb als er auch Blanbine und ihrem Gat­ten nichts anderes als ein paar Sperrsitze zu­weisen konnte, ba lag die Gefahr nabe, baß ht diesen seinenbesten Freunden" (wie et sie nennt) das Gefühl der Zurücksetzung et-