Casseler Neueste Nachrichten
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Nummer 218. Fernsprecher 951 und 952. Freitag, 22. August 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.
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Unsere Diplomaten.
Deutschtum im Ausland und deutsche Diplomatie; Wirtschafts-Politik und Grüner Tisch.
In de« letzten Tagen find in der Presse wieder neue Klage« laut geworden über den mangelnden Schutz deutscherWirrschaftsintereffen im Ausland durch die deutsche Diplomatie, die es an der erforderlichen Rücksichtnahme auf die iuternationalen wirtschaftlichen Beziehungen völlig fehlen lasse und den wirtschaftspolitischen Frage« zum großen Teil überhaupt verständnis- los gegenüberstehe, wodurch wichtige Interr,"sen ernstlich gefährdet würden.
Der Graf im Bart, den die Bielefelder ins Parlament des Reiches delegierten, hat schon in des jungen Reichstags Lenzestagen den Beweis erbracht, daß die Eigenschaft als Staatssekretär und Minister außer Diensten, als Domherr und Ritter hoher Orden einen Wackern Mann nicht hindert, das aus den Händen der Wähler empfangne Mandat s o zu verwalten, daß weniger die Regierungsbank als die Oef- fentlichkeit und der kritisch gestimmte Teil des „Hohen Hauses" ihre Freude an diesem Volk- Erwählten haben. Graf Pofadowskh hat im neuen Reichstag oft und zu den verschiedensten Fragen gesprochen. „Zu oft": Grollen sogar Einige, in deren Vorstellung der Wert einer ganzen Persönlichkeit nur dann Raum hat, wenn der Größe des Geistes die Beharrlichkeit des Schweigens entspricht. Indessen, man darf mit Genugtuung konstatieren, daß die politische Hypochondrie in dieser seltsamen Form nur selten den Oeffentlichkeit-Bereich beunruhigt: Die große Mehrheit weiß die Verdienste besser zu würdigen, die der Naumburger Domherr und einstige Staatsminister sich grade dadurch um Reich und Volk erwirbt, daß er feiner reichen Erfahrung oft und nachdrücklich Worte leiht. Wir danken es in erst:/ Linie dem Erwählten der Bielefelder, daß bei der letzten Etatberatung im Reichstag das oft erörterte und noch öfter betrauerte Kapitel der Diplomaten-Ausbildung unter Gesichtspunkten behandelt worden ist, die die Regierung unmöglich ignorieren kann, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen will, mit ihrer soft gegebnen) Zusage einer grundlegenden Reform unsres diplomatischen Systems nicht mehr ernst genommen zu werden.
Es ist der Sache wenig förderlich, die Misere unsrer Diplomatie vom einseitig-parteipolitischen Standpunkt aus zu geißeln, und den Boden für die Reform mit ein Paar Schlagworten oberflächlich zu ritzen: Es muß tiefer gegraben werden, denn es handelt sich hier um eine Frage, >bei besser gesagt: Um ein Problem, von dessen glücklicher oder ungeschickter Lösung für das Reich mancherlei abhängt. Fragen der Art muß man vom Standpunkt nüchternster Zweckmäßigkeit behandlen, und der Erste, der dies im Parlament des Reichs, unbeirrt von irgendwelchen parteilichen Wünschen oder Rücksichten, getan, war Graf Pofadowskh, dessen Kritik am System unsrer Diplomatie das Nebel an der Wurzel traf. Der Minister außer Diensten, der in einer langen Amtspraxis Gelegenheit hatte, Licht und Schatten scharf zu unterscheiden, und von dem die Anekdote erzählt, daß er ein Fanatiker im Hatz wider Schein und leere Form sei, hat in erster Linie die Ausbildung unsres diplomatischen Nachwuchses gerügt, die noch ganz im System der alten Schule wurzle, und an den Forderungen des Jahrhunderts der wirtschaftlichen Entwicklung achtlos vorübergehe. Man braucht wirklich nicht darüber im Unklaren zu sein, daß es für den modernen Diplomaten ungleich wichtiger ist, zu wissen, wie die Produktions- und Handelsverkehrs-Verhältnisse der Staaten sich entwickelt haben, und wie ihre Wechselwirkungen in den Strömungen des internationalen wirtschaftlichen Lebens sich offenbaren, als sein Hirn mit einer Rekapitulation der Vertragsdaten zu beschweren, die die Bände der Geschichte des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts füllen.
Daran mangelt's aber leider: Die Wirtschaftskunde ist der Mehrzahl unsrer Diplomaten ein Buch mit sieben Siegeln, und da man infolgede^en am grünen Tisch den Fragen des wirtschaftlichen Lebens in den wesentlichsten Punkten verständnislos gegenübersteht, kann cs eigentlich nicht wundern, daß (um ein Beispiel aus «eurer Zeit anzuführen) unsre Industrie in helles Entsetzen ausbrach, als die deutsche Diplomatie den Handelsvertrag mit Portugal heimbrachte. Die Politik der Völker und Reiche ist im zwanzigsten Jahrhundert nicht mehr das Produtt dynastische: Ideen
und Kombinationen; auch die Erobererpolitik ist heut (in ihrem einstigen Sinne wenigstens) nicht mehr denkbar, denn die t a t s ä ch - l i ch treibende und bewegende Kraft des internationalen politischen Völkerverkehrs ist das wirtschaftliche Interesse, das letzten Endes über Krieg und Frieden entscheidet. Auf das wirtschaftliche Prinzip ist überhaupt die gesamte moderne Entwicklung gestimmt, und wenn man darin, ethisch betrachtet, auch eine Härte erblicken kann, so läßt sich doch nicht leugnen, daß das gewaltige Uebergewicht wirtschaftlicher Interessen im Verkehr der Völker untereinander eine starke Friedensgarantie darstellt, die sich meist stärker erweist, als ein Wald von Bajonetten over eine Hölle von Kanonenschlünden. Die oft bespöttelte „Krämerpolitik" britischer Diplomatie ist die Schule einer wirtschaftlichen Vertretung nationaler Interessen, und ihr Erfolg beweist, daß sie dem Lande, dem sie dient, förderlich gewesen ist.
Graf Pofadowskh hat die Grundforderung aufgestellt, daß unser diplomatischer Nachwuchs sich vor allen Dingen tüchtige wirtschaftliche Kenntnisse aneignen müsse, um dem Reich auch auf diesem wichtigen Gebiet sachverständiger Berater sein zu können. Der Graf im Bart geht sogar so weit, die (in unsrer Diplomatie als Hauptsache geforderte) Fähigkeit zu glänzender Repräsentation gegenüber den großen Fragen unsrer Zeit als Nebensache zu charakterisieren. Seine Auffassung ist zweifellos richtig, denn der Diplomat von heute ist nicht mehr (wie ehedem) der Kundschafter oder Beauftragte seines Fürsten, sondern der Vertreter seines Volks im Ausland, und es ist nur bedauerlich, daß unsre Diplomatie es immer noch nicht vermocht hat. dieser natürlichen Entwicklung auch in ihrer Organisation Rechnung zu tragen. Die diplomatische Laufbahn ist heute in Deutschland ein Privileg der durch reichste Mittel zu glänzendster Repräsentation befähiaten Klassen: die praktischen Anforderungen kommen erst in zweiter Linie. Daß auf diese Weise nicht svstematisch Intelligenzen herangebildet werden, leuchtet ein, nnd es ist deshalb die unabweisbare Voraussetzuna fealicher Reform unsres diplomatischen Systems, mit dem Repräsentations-Prinzip zugunsten der g e i st i - gen Qualitäten des Apparats zu brechen. Denn es ist tatsächlich wichtiger, daß ein Diplomat über die bewegenden Kräfte des Völkerhandels orientiert ist, als daß er mit Grazie Tennis oder Polo zu spielen versteht ...! F. H.
Der VertmMMMKrm NOoleML f ♦
An der Bahre Emile Olliviers.
Der französische Staatsmann Emile £> (ft n t er, brr im Jahre 1870 Ministerpräsident war, ist gestern, 88 Jahre alt. in St. Gervais les Vains gestorben. Emile O l l i v i c r, besten Name mit der Geschichte des beutsch-französischen Krieges untrennbar verknüpft ist, hat «in Alter von acht- undachtzia Jahren erreicht. Bekannt durch feine Geschichtswerke und aanz besonders durch seine Wirksamkeit als Ministerpräsident im Jahre 1870. ist er gestorben als ein fast Vcr- geffener, dessen Andenken nur noch die Geschichte kennt. £ (toter war ein liberaler Anhänger bet Bonapartiften und machte feit 1864, als er in den gesetzgebenbcn Körper gewählt wurde, der Regierung keinerlei Opposition sondern söhnte sich mit dem Gedanken aus. das Kaisertum Napoleons in eine liberal* konstitutionelle Monarchie umzu- toanbeln. Noch am fünfzehnte« März 1867 hatte er die Einigungsbcstrebungen in Deutschland gebilligt, am zweiten Januar 1870 wurde er Ministerpräsident und übernahm noch das Ressort des Justiz- und Kultusministers. Unter seinem Ministerium wurde dann der Krieg an Preußen erklärt. Nach den ersten unglücklichen Schlackten im August wurde Olli- vier durch ein Mißtrauensvotum gezwungen, zurückzutretcn. Er flüchtete, ba er für fein Leben fürchten mußte, und kebtte erst 1872 wieder nach Frankreich zurück. Er war auch Mitglied der Akademie, hat aber nie seine Eintrittsrebe gehalten.
Großfeuer in der Weltausstellung!
Der Genter spanische Pavillon zerstört.
(Privat-Telegram m.)
Brüssel, 21. August.
Der spanische Pavillon auf der Weltausstellung in Gent wurde gestern abend durch einen Brand zerstört. Der abgebrannte spanische Pavillon enthielt Edelsteine, Weine und Seidenwaren. Infolge der Hitze sprangen die Fensterscheiben des Pavillons der Stadt Gerit. Die Ursacke des Unglücks ist nicht be
kannt. Es ist nur Sachschaden angerichtet worden. Das Feuer brach gestern abend um neun Uhr im spanischen Pavillon aus. Sofort nach Ausbruch des Brandes trat die Feuerwehr der Ausstellung und die der Stadt Gent in Aktion. Infolge der intensiven Tättgkeit der Wehren gelang eS, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Die angrenzenden Pavillons konnten vor einem Uebergreisen geschützt werden, nur derjenige der Stadt Gent erlitt einige Beschädigungen. Der Materialschaden ist noch nicht festgestellt, dürste aber, da viele werwolle Ansstellungsgegenstände dem Brand zum Opfer gefallen sind, sehr hoch fein.
Abkühlung am Salto!
Statt Kriegsgefahr: Versöhnung.
Im Gegensatz zu den alarmierenden Meldungen der französischen Presse vor zwei Tagen, die einen neuen Balkankrieg als ziemlich sicher in Aussicht stellten, sind heute aus der Wetterecke im Südosten Europas Nachrichten eingelaufen, die eine wesentliche Besserung der Sage im nahen Orient erkennen lassen. In Berliner diplomatischen Kreisen wird ernstlich behauptet, baß allerlei Anzeichen bafiir vorhanben seien, baß die Pforte in ber Abrianopeler Frage tatsächlich einzukenken gewillt sei. Man will wissen, baß bereits von der Pforte Sonbierungen bei ben Mächten eingeleitet seien, bie sich auf die Aufnahme beziehen, die ein Vorschlag ber türkischen Regierung bei ben Mächten finden würde, bet eine Teilung Adrianopels Zwischen ber Türkei und Bulgarien in ber Weile ins Ange gefaßt habe, wie sie von der türkischen Vertretung auf der Londoner Konferenz in Anregung gebracht worden ist.
Konstanttnopel, 21. August.
Der Grohvezier teilte gestern dem russischen Botschafter mit, dast es sofort den Befehl zum Rückzug der türkische« Truppen bis hinter dem Lauf der Maritza geben werde.
Paris, 21. August..
Man erwartet hier eine türkische Zirkular« ots mit der Erklärung, daß die Pforte das rechte Ufer der Maritza nicht behalten wird und ihre Truppe« zu- rückberufsn werde.
Wie uns weiter aus Paris berichtet wirb, erwartet man in dortigen diplomatischen Streifen, baß Europa sich mit ber neuen Erklärung ber Pforte und ber Rückberusimg der türkischen Truppen begnügen und bie Abriano- Velfrage ganz fallen lassen werbe. Der bulgarische Wink, bie Mächte möchten bie Durchführung des Londoner Vertrages in bie Hand nehmen, findet in Paris nicht bie geringste Ge- genliebe. Politische Kreise geben zu verstehen, baß es Sache Bulgariens sei, dielen Streitfall zu erlebmen, Europa selbst sei absolut balkanmübe. D s ch a v i d B e v, ber sich noch immer in Paris aufhält, erstatte einem Vertreter des Tetnps, der Londoner Vertrag sei von ben Mächten seines Wissens weder angenommen, noch ratifiziert worben. Außerbem habe Bulgarien die formellen Bestimmungen des Londoner Vettraaes fo oft verletzt, daß es kein Recht habe, sich heute auf diesen Vertrag zu berufen.
Reue Londoner Kriegs-Märchen.
Wien, 21. August. (Ptsvaf-Tele- g r a tn nt.) Tas Neue Wiener Tagblatt erfährt aus London: In hiesigen diplomatischen Kreisen beftirchtet man, baß Rutzlanb tatsächlich bie Beziehungen zur Türkei ab- brecken wirb. Man glaubt an einen Angriff ber russischen Flotte auf Konstantinopel und an einen Einmarsch russischer Truppe« in Armenien.
Bulgarisch-griechische Kämpfe.
Saloniki, 21. August. (Privat-Tele- gramm.) Mehrere bulgarische Komi- t a d s ch i - Banden haben gestern M e l n i k angegriffen, würben aber burch bie Griechen zurückgetrieben. Die Bevölkerung von Melnik soll ihre Kostbarkeiten fortgeschafft, bie Stabt angezünbet unb sich nach ber griechischen Stabt Emir Hissar begeben haben.
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Die Grausamkeiten der Bulgaren.
(Privat-Telegram m.)
London. 21. August.
Der Daily-Telegraph veröffentlicht einen Bericht, ber eine genaue Untersuchung über die von Bulgaren verübten Grausamkeiten, besonders was Adrianopel anbetrifst, enthält. Diese Untersuchung bringt den Beweis, daß die türkischen Anschuldigungen nicht nur wahr sind, sondern daß die verübten Grausamkeiten in Wirstichkeit alle Begriffe übersteigen. Die Abrianopeler Frauen, Griechinnen, Jüdinnen und Armenierinnen, wurden vergewal- ti gt Die Bulgaren bemächtigten sich ganz be
sonders der türkischen Frauen und respektierten weder deren Stellung noch Alter. Bon den jungen Mädchen sind viele entflohen, um ihre Schande zu verbergen. Die fremden Konfule, die gegen diese Gewaltakten Protest erhoben, wurden in arroganter Weise von den bulgarischen Behörden zurückgewiesen.
Seutscher BMer-FMlins.
Die Schlacht bei Grotz-Besre«: Crinnerunge« an de» dreiundzwauzigsten August 1813.
Die Schlacht von Groß.Beeren,am23. 9tuguftiei3‘ dicht vor den Toren Berlins, war die erste wirkliche Entscheidung tn dem großen Be'-eiungSkriege, vielleicht der Wendepunkt des Krieges überhaupt. Man darf stch durch einseitige Darstellungen, so gut ste gemeint sein mögen, nicht blenden lasten. Di« We- fechte in der ersten Periode des Krieges von 1813, bei Möckern, bei Lützen, bei Bauyen ufro. waren doch eigentlich mehr oder minder Niederlagen gewesen, so groß ihr moralischer Wert auch einzuschätzen ist. Der Kamps bei Groß-Beeren brachte den Wendepunkt.
Es lag in ber Natur ber Verhältnisse, daß Preußen mit schwacher Rüstung in ben Kampf eingetreten war. Die Tatsache, daß schließlich ein großer Rückzug auf Schlesien angetreten werben mußte, ließ sich nicht Verstecken. So hatte benn ber am Vierten Juni abgeschlossene Waffenstillstanb, ber bis zum zehnten August dauerte, unb während dessen sogar Friedens - Unterhandlungen angeknüpft wurden, eine große Entmutigung bei allen Patrioten herbeigeführt. Immerhin konnte bie Zeit ber Waffenruhe fleißig zu Rüstungen benutzt werben, und es wurde der große Erfolg erzielt, daß Oesterreich sich ber Sache bet Verbündeten anschloß. Nach dem Beitritt Oester- rcichs war zu Trachenberg in Schlesien in Viertägigen Verhandlungen, Vom neunten bis zwölften Juli, ein Kriegsplan festgelegt worden, ber hauptsächlich ben preußischen General Von bem Knesebeck zum Urheber hatte. Ein seltsamer Kriegsplan, wenn man bedenkt, daß ber Gegner Napoleon war! Die Macht der Verbündeten war in drei Armeen geteilt; bie böhmische oder Hauptarmee unter dem Fürsten Schwarzenberg, bie schlesische Armee unter Blücher, unb bie Norbarmee unter Bernabotte, ber durch ein eigenartiges Geschick Kronprinz Von Schweden geworben war. Man wollte eine eigentliche Schlacht Vermeiden, dem Draufgänger Blücher war eine Schlacht geradezu Verboten worben. Dir böhmische Armee, gegen bie sich
Napoleons erster Angriff
in allererster Linie richten würde (so nahm man an) sollte hin und her operieren, ohne zu großen Feindseligkeiten zu kommen, unb bie Norbarmee sowie bie schlesische sollten allmählich zur Unterstützung herangezogen werben. So hoffte man allen Ernstes, bie französischen Truppen, über deren Stärke große Un- flarheit herrschte, burch fortgesetztes Manövrieren zu ermatten unb sie möglicherweise ohne kriegerische Anstrengtz ig aus Deutschland herauszudrängen. Für den Notfall war freilich eine Entscheidungsschlacht vorgesehen, die man merkwürdigerweise richtig in die Gegend von Leipzig verlegen wollte. Napoleon dachte freilich gar nicht daran, sich auf schwächliche Operationen einzulassen, die seiner ungestümen Kriegskunst ganz fremd waren. Die böhmische Armee schien ihm weit weniger wichttg als ... Berlin! Dort war der Herd ber Begeisterung. bie Seele des Widerstandes. Wenn er Berlin in seine Gewalt bekam, so war ber moralische Sieg auf seiner S-ije. Er stellte hierdurch außerdem eine Verbindung mit Davon st her, ber Hamburg besetzt hielt, unb gestützt auf die Linie Hamburg-Berlin-Dresden, konnte er schleunigst gegen Stift rin unb Stettin Vorstößen. So sprengt er Russen unb Oesterreicher auseinander, denn die Russen mußten sich um Polen kümmern, und die Preußen waren genötigt, zum
Entsatz der Hauptstadt berbeizueflen. Vielleicht zogen sie auch die Oesterreicher mit, die er bann bei Dresden aufs Haupt zu fchlage« gedachte. Das war Napoleons Kriegsplan. Wie ernst es ihm mit seiner Idee war. ergibt sich daraus, daß er die Absicht hatte, ben Vorstoß gegen Berlin selbst zu leiten. Zum Glück nötigten bie unvorschriftsmäßigen Angriffe Blüchers auf seine fchlesische« Truppen ben Kaiser, selbst in Schlesien einzugreifen, unb während er mit großer Anstrengung die Preußen in blutigen Gefechten hinter die K a tz b a ch zurückdrängte, vollzog sich in den Niederungen der Nuthe unb bet Notte, bei Großbeeren unb Hagelberg, das Drama ber Rettung Berlins. Es war also eigentlich kein anberer als Blücher, bem das Vaterland diese glückliche Wendung zu verdanken hatte. Wäre Napoleon selbst an Stelle Oubinots gegen Berlin marschiert, so hätte Bernabotte, der zur Verteidigung Berufene, sich jedenfalls fofort übet bie Spree norbwärts zurückgezogen Der ehe- malige Wafsengefährte Napoleons und jetzige schwedische Thronfolger war entschlossen, einem „ungleichen" Kampfe unter allen Umständen auszuweichen. Tie Rückzugslinie war denn auch in der Tat eine seiner Sauptsorgen. was ihm großes Mißtrauen bei seinen Unterführern eintrug. Bülow, der unter Bernadotte die Preußen kommandierte, erhielt Auftrag, zu-