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Casseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 216. Fernsprecher 951 und 952. Mittwoch, 20. August 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.

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Zft Ehre vogelfrei?

Menschenschuld «nd Menschen-Tragödien; bie Opfer der Intrige; Lücken tm Strafrecht.

Au» dem AbschiedSbrief eine» greisen Lebens­müden:Durch jahrelange, gegen mich begangne Manipulationen bin ich in beständige, heftige Ge­mütsbewegung und unablässtge Sorge versetzt war» den. Mit meiner Kraft zu Ende, gebrochen an Körper und Geist, zu Tode gehetzt, scheide ich herz, und (je- mütSkranker Greis in meinem stebenundstebzigsten Lebensjahre steiwtllig au» dieser Welt, um die lang, ersehnte Ruhe zu gewinnen. Allen Denen, welche jemals im Leben mir Gute» erwiesen haben, sage ich mit letztem Gruß herzlichen Dank. Betet für mich..

Der Unglückliche, der diese Zeilen schrieb, endete im Schwimmbad zu Jena das ihm un­erträglich gewordne Leben durch eine Revolver, kugel, nachdem er sechsundsiebzig Jahre dieses Erdendaseins mit ihrer Last an K u m m e r und Sorge überdauert hatte. Aus dem Abschieds- brief des Greises spricht die Verzweiflung einer bis zum Wahn gefolterten Seele und die ver­zehrende Angst eines um sein Schicksal Ban­genden. der in dem furchtbaren Kampf zwischen Lebenswillen und Todessehnsucht schließlich un­terlag und mit zitternder Hand die Waffe an die welke Schläfe setzte. Der Mann, der mit diesem Bekenntnis eines qualvollen Seelen- Märchriums aus dem Leben schied, ist sicher nicht das einzige Opfer der Intrige: Tau­sende winden sich gleich ihm in den Fesseln des Verhängnisses, und die düstre Chronik der Selbstmorde, die Statistik derFreiwilligen des Todes", birgt Geheimnisse von erschütternder Tragik, die mit der letzten Verzweiflungtat der von der Niedrigkeit in den Tod Gehetzten den furchtbaren Abschluß fanden. Was sind die Tragödien der L i e b e, die Jahr um Jahr ihre Opfer heischen, gegen die Dramen der In­trige, die in den Banden der Seelenfolter ihre Opfer langsam dem Wahn der Verzweif­lung ausliefern, und deren Fäden aus dem sichern Hinterhalt heraus gesponnen werden! Der Greis, der im Schwimmbad zu Jena die Todeswaffe gegen sein Leben erhob, hat jahre­lang in der Furcht vor der Katastrophe gezit­tert, hat eine Seelenfolter durchlebt, wie sie furchtbarer auch den zum Tod Verurteilten in der Nacht vorm Ende nicht martern kann, und ist dann schließlich doch dem Schicksal unter­legen, als das Alter seine Kräfte zermürbt und seine Duldungsstärke gebrochen hatte.

Das tragische Gegenstück der Thüringer Tra­gödie spielte wenige Tage vorher in der Me­tropole des Reichs, wo in einem kleinen Hotel in der Sttlle der Nacht ein früherer Konsistottal- rat, ein im Amt ergrauter Pfarrer, frei­willig in den Tod ging. Auch er ein Mann, der die Schwelle des Greisenalters längst über­schritten hatte, und dessen Erdentage nach menschlicher Voraussicht gezählt waren. Auch er fiel als Opfer der I n t r i g e am Abweg des Lebens, und wenn sein tragisches Schicksal auch nicht ganz unverschuldet, nicht ohne Sühne be­gangner Schuld war, so hat doch der Abschluß des Dramas die Gemüter der menschlich Emp­findenden in ihren tiefsten Tiefen erschüttert, und man beklagt auch in diesem Unglück­lichen ein Opfer der Intrige, das aus dem Le­ben floh, um der Matter der Seelenqual und der Unbarmherzigkeit lauernden Hasses zu ent­gehen. Das Schicksal der beiden Männer zwingt zu der Frage, ob die Umstände, die sie in den Tod getrieben haben, nicht die Hand­habe bieten, gegen die Urheber dieser beiden Menschentragödien strafrechtlich einzu­schreiten und die Schuldigen zur Verantwor­tung zu ziehen. Der Mörder, der sein Opfer auf der Landstraße erschlägt, handelt noch menschlicher, als der Verbrecher, der die Pfeile des Verhängnisses aus dem Hinterhalt ab- schießl, und sein Opfer nach jahrelanger Seelen- folter der Verzweiflung überantwotttt. Und ein Gesetz, das das Leben und die menschliche Sicherheit schützen will, müßte seine idealste Aufgabe darin erblicken, die seiner Hut anver­traute bürgerliche Gesellschaft vor dem Meuchel­mord der Zittrige zu bewahren. Denn der In­trige und der Bosheit verbrecherischer Gestn- nung fallen zehnmal mehr Existenzen zum Opfer, als durch Mörderhand aus der Gemein­schaft der Lebenden getilgt werden!

Vor einigen Jahren erregte in der juristi­schen Welt ein Prozeß Auflehen, der gegen den Redakteur eines Blattes in einer kleinen Stadt im Reichswesten verhandelt wurde, und in dem der nicht alltägliche Fall zu entscheiden war, ob durch eine indirekte geistige Einwirkung eine Körperverletzung mit tödlichem Ausgang be­wirft werden könne. Das Gericht kam zur Be­jahung der Frage, verurteilte den Redakteur zu Hatter Strafe, und das Reichsgericht sah sich veranlaßt, den Spruch zu bestätigen. Mit wie viel mehr Recht würde die Hätte des Gesetzes gegen das im Verborgnen arbei­tende Intriganten- und Denunziantentum an- tuwenden sein, das seine Opfer kalten Bluts

zu Tode peinigen und such vor der Gerechtigkeit dennoch sicher wähnen darf. Der sächsische Jurist und frühere Reichstags-Abgeordnete Wagner hat seinerzeit zur Reform des Straf- Prozeßverfahrens einen Antrag eingebracht, der einen weitergehenden Schutz der Persönlichkeit gegen böswillige Verleumdungen und Beleidi­gungen" verlangt, und der alslex Wagner in der Presse leidenschaftlich bekämpft worden ist, weil man darin eine Knebelung der freien Meinungs-Aeußerung erblickte. Es handelt sich indessen nur um eine ungeschickte Wahl der Mittel, denn der Schutz der Person a n s i ch gegen die Niedrigkeit gemeiner und böswilliger Verleumdung kann gar nicht weitgehend genug gestaltet werden.

Wer wider besseres Wissen verdächtigt und verleumdet, begeht ein Verbrechen, das in sei­nen Wirkungen viel verhängnisvoller sein kann, als «in Einbruch oder ein Raub, die das gel­tende Gesetz mit Zuchthaus- und schweren Ge­fängnisstrafen bedroht. Die beiden Menschen- tragödien, von denen im Eingang des Attikels die Rede ist, offenbaren überzeugend, wie un­heilvoll die Folgen der Verleumdung und der Intrige sich grade dort äußern, wo Seele und Gewissen am empfindlich st en sind. Und es ist deshalb eine Forderung natürlichster und selbstverständlichster Gerechtigkeit, daß der Staat als Schirmer und Hüter des Rechts Gesetze schafft, die nicht nur den öffentlichen Ver­leumder der gerechten Strafe überliefern, son­dern die mit noch schwererer Sühne den aus dem Hinterhalt operierenden Intriganten und Denunzianten bedrohen, wenn er mit den Giftpfeilen des Hasses und der Verleumdung sein Opfer zur Strecke gebracht hat. Der Mörder der Landstraße mordet mit dem Messer und dem Revolver; der Mörder der Menschenehre mordet mit dem Raffinement verbrecherischen Instinkts: Beide aber sind Verbrecher, und ihr Werk fordert die gebührende Sühne. Ein Gesetz, das die feige Sünde aus dem Hinter­halt straflos läßt, fördett indirekt Niedrigkeit und Verbrechen, züchtet Denunziantentum und Intrige und liefert die bürgerliche Ehre der lauernden Gier böswilliger Verleumdung aus. Diese Gefahr, deren Opfer zu Tausenden am Saumpfad des Lebens niedersinken, zu besei­tigen, ist Pflicht- und Gerechtigkeitsgebot staat­licher Ordnung...! F. H.

Nie MMen der Streik.

Neue Schwierigkeiten an der Wasserkante.

Der Werftarbeiter streik in den deutschen Hafenstädten ist zwar nach kurzer Dauer beendet worden, doch macht jetzt die Wiedereinstellung der Arbeiter bedeutende Schwierigkeiten, und es ist zum offenen Bruch zwischen den Arbeitern und den Ar­beitsnachweisen der Industriellen gekommen. Unter diesen Umständen bat sich die Lage der­art verschärft, daß ernstlich mit der Möglichkeit neuer Verwicklungen gerechntt weroen muß. Wir erhalten über die Vorgänge, die zu dieser Gestaltuna der Sachlage geführt haben, folgende Draht-Meldungen:

Bremerhaven, 19. August.

Bei der Wiederaufnahme der Arbeit auf den Wersten ergeben sich noch allerhand Schwierigkeiten. Die Wertarbeiter, die die Wiederaufnahme der Arbeit für Montag und Dienstag durch die Arbeits­nachweise beschlossen hatten, sind bis auf ein­zelne den Wersten ferngeblieben, weil die Einstellung nur sehr zögernd vor sich geht. Der Mttallarbeiterverband hat über .die Arbeitsnachweise die Sperre ver­hängt. Die Lage ist dadurch wieder sehr kritisch geworden, und es ist damit zu rechnen, daß neue Schwierigkeiten die Wie­deraufnahme der Arbeit verzögern werden.

Hamburg, 19. August.

Auch hier haben sich Unstimmigkei­ten ergeben. Die dem Werftarbefterverband angeschlossenen streikenden Werftarbeiter ha­ben den Beschluß gefaßt, wohl die Arbeit wieder aufzunehmen, aber unter Umge­hung des Arbeitsnachweises der Metallin­dustriellen. Dieser Beschluß ist wahrschein­lich hervorgerusen durch die Maßregelungen seitens ver Werstbesitzer. Dies bedeutet eine abermalige Verschärfung der Si­tuation. da die Werftarbeiter verlangen, daß die Arbeitsvermittlung nur durch ihre Nach­weise geschehen soll.

Schärfer noch als in Bremerhaven und Hamburg baben die Werftarbeiter in Stettin gegen die Arbeitsnachweise der Industriellen Stellung genommen. Wie uns ein Privat- Telegramm aus Stettin meldet, beschäf­tigten sich dort gestern mehrere Versammlungen der Werftarbeiter mit der Frage der Wiederein­

stellung der Werftarbeiter durch die Arbeits­nachweise. In den Versammlungen wurde schließlich erklätt, daß die Arbeit unter diesen Bedingungen nicht wieder ausgenom­men werden könne, da die Arbeiter aus der Be­rücksichtigung ihrer eigenen Arbeitsnachweise bestehen müßten.

Set Somburserrrinksjmlch.

Geburtstag-Feier «nd Dreibund-Politik.

In Homburg vor der Höhe fand gestern die alljährlich« Galatafel aus Anlaß des Ge­burtstages des Kaisers Franz Josef von Oesterreich statt, und, wie üblich, hat der Deutsche Kaiser bei dieser Gelegenheit des grei­sen Herrschers des verbündeten Nachbar-Reichs in einem Triukspruch gedacht, der indessen diesmal weit über den eigentlichen Rahmen eines Geburtstagstoastes hinausgeht und po­litisch umso bedeutungsvoller ist, als er ge­wissermaßen die Versöhnungsbeteue­rung gegenüber den in den letzten Tagen durch die Presse gegangenen Nachrichten über eine deutsch-österreichische Verstimmung in der Balkanfrage darstcllt. Der Kais« führte in seinem Trinkspruch aus:

Seit wir zum letzten Male, wie alljährlich, zur Feier des Geburtstages des Kaisers und Königs Franz ZosefS, meines treuen Bundesgenossen und väterlichen Freundes, versammelt waren, sind rauhe Stürme über den Südosten Europas dahin­gebraust. Wenn eS gelungen ist, den Frie­den Europas gegen alle Brandungen er­folgreich zu schütze«, so danken wir das nickt zum wenigsten der hohen Weisheit des Kai­sers Franz Josef. Als treue Bundes­genossen Oesterreich-Ungarns empfinden wir darüber hohe Freude und blicken frohen Auges in die Zukunft; denn das alterprobte Bündnis, das auf unerschütterlicher Grundlage beruht, wird auch fernerhin zum Segen der Welt seine Kraft und seine Wirftmg bewahren.

Daß der Trinkivruch des Kaisers grade in diesen Tagen ber Dreibund-Krise in Oesterreich- Ungarn volles Verständnis und gebüh­rend- Würdigung gefunden hat. beweisen die Kommentare der Wiener Presse, die sich rückhaltlos anettennend über die Worte des Kaisers äußern, und den Homburger Trink­spruch eine neue Dekräftio-ung der allen Ge­fahren trotzenden deutsch - österreichischen Freundschaft nennen. Charakteristisch ist in dieser Beziehung, was das vom österreichischen Auswärtigen Amt inspirictte Neue Wie­ner Tagblatt sagt. Wie uns ein Vrivat- Telegramm aus Wien berichtet, äußert sich das Blatt folgendermaßen:

In einem höchst bedeutungsvollen Mo­ment hat Kaiser Wilhelm Worte ge­funden, die mächtig hinauSdttngen und all­überall den stärksten Eindruck Hervor­rufen werden. Niemals ist früher, niemals ist deutlicher der große Gedanke der eng­sten politischen Zusammengehö­rigkeit Deutschlands und Oesterreichs so zum Ausdruck gelangt, und die Zeitumstände erheben die Rede Kaiser Wilhelms zu einer ganz «ngewöhnlichen Manifestation, die vor aller Welt Zeugnis ablegen soll, daß die Grundfesten deS Bündnisses zwischen Teuflchland und Oesterreich unerschüt­terlich sind, und daß trott der so aufregen­den Ereignisse der letzten Zeit Nichts im­stande ist, Aenderungen oder Dissonanzen in diesem Bündnis hervorzurufen.

In ähnlichem Sinne äußert sich auch die Mehrzahl der übrigen Wiener, Blätter., Es scheint tatsächlich, daß der Kaiser in einem kritischen Moment Werte gefunden hat. di« an der Donau wie Versöhnungskunde nack Tagen erregender Debatte emvfunden werden, und die in Oesterreich die Ueberzeugung ge- stättt haben, daß das deutsch-österreichische Bündnis stark genug ist. um von Meinungs­verschiedenheiten in Einzelfragen nicht bsdwhj werden zu können. Man wird sich eben in Wien daran gewöhnen müssen, die deutsch-österrci- chische Freundschaft von höherer Warte aus zu Ivetten, damit Enttäuschungen erspart bleiben und zu Dissonanzen und Aergernissen nicht Anlaß gegeben ist.

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General-Inspekteur Franz Ferdinand.

Wie uns ein Telegramm aus Wien meldet, ist am gestrigen Gcbuttstag des Kai­sers Franz Josef der Thronfolger Erz­herzog Franz Ferdinand durch kaiserliches Handschreiben zum Generalinspekteur der gesamten bewaflneten Macht ernannt worden. Dem Erzherzog wird damit in Er­weiterung seines Wirkungskreises die Lei­tung größerer Manöver übertragen, und er wird zu Besichtigungen aller Art int Bereiche der bewaffneten Macht ermächttgt. Die militärische Kanzlei des Erzherzogs hat

von nun an die Bezeichnung:Kanzlei d-z Ge- neralinspekteurs der gesamten bewaffneter Macht" zu führen.

Arkische Kriegr-sttKömng?

Die Kriegspläne der Türken gegenüber Bul­garien; am Vorabend eines neue« Krieges.

Depesche«ans Konstantinopel zufolge hat die Pforte 1« einer de« Mächte« bereits durch die ottoma- Nischen Gesandten übermittelte« Ber, balnote mitgeteiltfie würde vielleicht gezwungen sein, die Maritza z« überschreite« «nd gegebenenfalls so­gar Bulgarien den Krieg zu erklären. Es heißt, der Wortlaut der Note sei nicht für alle Mächte der gleich«.

Di« in unferm gestrigen LeitartikelEuro­päische Komödie" ausgesprochne Befürchtung, daß am Balkan ein neuer Kri»g unver­meidlich sei, scheint sich allzu früh fast, als man ahnen konnte, zu verwirklichen. In Ber­liner diplomatischen Kreisen hält man aller­dings (wie uns ein Wrivat - Telegramm meldet) trotz der in den letzten Tagen sich häu­fenden Nachrichten über das militärische Vor­gehen der Türken jenseits der Maritza - Linie an der Ansicht fest, daß die türkische Regierung nicht die Absicht hat, sich jensetts der Maritza dauernd festzusetzen und über die Linie Adttanopel - Kirkkilifle hinauszugehen. Man schenkt den den Großmächten in dieser Be­ziehung von der Pforte gegebenen Versicherun­gen Klauben, schon deshalb, weil kein betont« wörtlicher türkischer Staatsmann sich der Ein­sicht entziehen kann, daß eine über Adttanopel hinausgehende Eroberungspolitik ernste Ge­fahren für die Türkei herbeiführen könnte und sie schließlich wieder um den Besitz Adrianopels bringen würde, der ihr anderfalls kaum mehr ernstlich streitig gemacht werden wird. Man wünscht in Konstantinopel ganz offenbar (darauf deuten verschiedene Nachrich­ten hin) möglichst bald direkte Verhand­lungen mit Bulgarien, und so mögen die militärischen Vorstöße den Zweck haben, einschüchternd auf Bulgarien zu wirken und es zu Verhandlungen geneigt zu macken. Aus welchen Beweggründen indessen die mili- tärisckeu Operationen der Türkei erfolgen mö­gen, ist zunächst nicht das Wesentliche, sondern di? Tatsache der Operationen an sich. Die Mächte stehen da wirklich einer schwierigen Si­tuation gegenüber, die sie allerdings selbst ver« schuldtt haben. Bulgarien verlangt jetzt allen Ernstes von den Mächten die Erfüllung der Versprechungen, für die Durchführung des Londoner VettraaeS zu sorgen. Bulgarien würde sich deshalb auch (so erklärt man in Sofia) auf dirette Verhandlungen mit der Türkei gar nicht einlaffen: es erwarte einfach die Maßnabmen ber Großmächte. Die scheinen aber auch keine Hilf« zu wissen Daß man einem russischen Vorschläge zustimmen lallte, der als Druckmittel eine gesamteuropä­ische Zwangsverwaltung der asiati- sch-n Türkei empfiehlt. Ht wohl ausgeschlossen, denn auch die Mäckie wissen, daß man über die asiatische Türkei febr wahrscheinlich auch zu europäischen Verwicklungen kommen würde Die gegenwärtige Lage ist ledensalls außerordentlich kritisch, und da in der Türkei die Krieaspartei mit Enver Beh an der di- Oberhand bot. ist mit allen Mög­lichkeiten zu rechnen! Wir verzeichnen noch nach­stehend die neuesten Depeschen über die Lage:

Europa. Ratlos wie immer!

Wien, 19. August. (Privat-Tele­gram m.) Unter den Kabinetten finden argen- märtiq Verhandlungen statt, um so schnell als möglich Vorstellungen bei der Pforte zu unternehmen, durck die die Türkei vor der Ueberschrtttung der Maritta zurückaehal- t e n werden soll. Dabei handelt es sich nicht mehr darum, die Türken zum Aufgeben von Adrianopel veranlassen zu wollen, sondern lediglich noch um den Versuch, sie von einem Bngrifl auf das bulgarische Gebiet abzuhalten.

Der Vormarsch der Tiirken.

Konstantinopel. 19. August. (Pri- vat-Telegramm.) Wie die hiesigen Blät­ter melden, haben die türkischen Truppen O r t o k ö i, das vierzig Kilometer westlich von Adrianopel liegt, besetzt. Die Meldung wird auch von anderer Seite bestätigt. Bei der Be- setzunq wurden mehrere bulgarische Ofliziere und eine Anzahl bulgarischer Soldaten gefan­gen genommen. Mehrere Komitadschis und Bulgaren wurden verhaftet. Die türftschen Truppen setzen ihren Bormattch unaufhaltsam fort.

Wird Rußland eingreifen?

Rom, 19. August. (Privat-Tele« gramin.) Ter hiesige bulgarische Ge­sandte erklärte in einem Interview, Bulga­rien werde sich weder auf eine direkte Unter­handlung mit der Türkei noch auf tiitat