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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Sonntag, 17. August 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 214

Fernsprecher 951 und 952.

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3er Patriarch.

Kaiser Franz Josefs viervndachtzigster Ge- -«rtstagr Der Nestor a«f dem Throne.

Am achtzehnten August vollendet Kaiser FranzIosefvon Oesterreich sein dreiunduchtzigstes Lebensjahr, und gerade in diesem Jahre, wo durch de« Endakt des Balkan-Dramas in Wien eine sichtbare Verstimmung gegen Deutschland hervorgerufen wor­den ist» wird man auch hierzuland am Geburtstag des greisen Kaisers auf­richtigen Anteil nehmen, dessen Per­sönlichkeit mit dem Werden und Er­starken des deutsch - österreichischen Bündnisses untrennbar verknüpft ist.

Weit über des biblischen Alters Grenze hinaus ragt Franz Josef von Oesterreichs ehrwürdige Greisengestalt ins chaotische Gewirr der Lölkergeschichte des zwanzigsten Jahrhun­dert». Wie ein Zeuge vergangner Tage und entschwundner Zeiten steht er inmitten hasten­der Ereignisse, ein Fels im Meer brandender Schicksalhaft, der ruhende Pol in der Erschei­nungen Flucht. Seit länger denn zwei Men­schenaltern trägt der Sproß des Habsburger Hauses die schwere Krone der Donau-Mo­narchie, sah, wie selten ein Regierender, in einem langen, schicksalreichen Leben die Wandel­barkeit menschlichen Glücks in tragisch-düstern Bildern, erfuhr, ein Duldender auf dem Thron, die schwersten Heimsuchungen am eignen Herd, am eignen Blut, Lnd lernte früh schon erken­nen,'daß auf der Menschheit Höhen des Lebens Pfad am dornenreichsten. Noch im hohen Grei- senalter, laut umlärmt vom Geschrei der Par­teien, umtobt vom Zank der Nationalitäten, ist Franz Josef, so lange er der Väter Krone trägt, stets mehr Märtyrer als Imperator von Gottes Gnaden, mehr Dulder als Beglückter gewesen, und unterm Hermelin des Kaisermantels schlägt «in Herz, dem keine Prüfung, kein Leid und keine Enttäuschung erspart geblieben. Längst deckt der Schnee des Alters das Greisenhaupt, dessen Auge in diesen Tagen auf dreiund­achtzig Jahre schicksal-bewegter Vergangenheit zurückblickt, und dessen Sorge noch am Spät­abend des Lebens die bange Frage ist: Was wird werden, wenn einst das Schicksal meines Daseins Tage endet?

Aus Ischl (wo der Greis im stillen Frieden der Natur, inmitten des Schönheitzaubers eines begnadeten Erdenwinkels, Erholung von des Hofgetriebs aufregender Hast sucht) trug dieser Tage der Draht die Kunde zu uns her­über, Franz Josefs Lebenskraft drohe den Er­regungen der Sorgenwochen, die das Balkan- Drama über Oesterreich herausbeschworen, zu unterliegen, und in den Mienen der Medizin­männer sei ernste Besorgnis zu lesen. Es hieß, der Unermüdliche, den noch als Achtzigjährigen das Frührot bei der Arbeit findet, leide an Schwäckeansällei: und sei wiederholt, während er der Regierung Geschäfte erledigte, eingeuickt: Ein Beweis, wie auch bei dieser einstigen Kraft­natur das Alter seine Rechte heische und dem Müden langsam die bisher mit trutziger Ge­bärde festgehaltncn Zügel entwinde. Offiziöse Eilfertigkeit war in unruhiger Hast bemüht, alle Sorge zu zerstreuen: Es ward von drei- und mehrstündigen Spaziergängen berichtet, die der greise Kaiser unternommen haben soll, von der unverwüstlichen Frische und ungeminderten Rüstigkeit des Patriarchen, und von der nie er­lahmenden und nie erlahmten Energie, die die­sen Kaiser strengster Pflichterfüllung noch im Abendschatten reich bewegten Daseins aufrecht erhalte. Märchen, die besser erfunden, flüger geformt fein könnten; Trostsprüche, die die un­wandelbaren Gesetze der Natur mit dem Mantel immergrüner Hoffnung umkleiden, und Sorgen- schwichtigungen, die man angesichts des Bilds der Wirklichkeit nur noch mit umflortem Auge zu lesen wagt.

Wie sein ganzes Leben, vom Tag der Krö­nung des Achtzehnjährigen bis zum Wiegenfest im späten Abendschatten des Greisenalters, eine einz'ge Kette von Prüfungen, Heimsuchungen und Enttäuschungen gewesen, so umdnstert auch das friedliche Absterben dieses Kaiserdaseins der Schatten des Grolls: Zwischen dem altern­den Träger der Krone und dem in vollsaftiger Manneskrast starken Erben des Habsburger Zepters bestehen Meinungsverschieden­heiten, Verstimmungen und Gegen­sätze, die nicht erst heute oder gestern aus der Entwicklung der Reichspolitik emporwuch­sen, sondern ihren Ursprung zurückführen auf die Tage, da nach Kronprinz Rudolfs tragi­schem Ende Erzherzog Franz Ferdinand als nächster Anwärter auf der Väter Thron in den Bannkreis Habsburg'scher Zukunft trat, und (eine auf Willen und Tat gestimmte Natur) neben der Person des greifenden Kaisers sich «ine ES Eilliluß-SvZäre Mut deren Umkreis

im Lauf der Jahre planmäßig und tatkräftig erweitert wurde. Das HauSgesetz beschränkt zwar auch im Donauland den Thronerben auf die Geduld des Wartens, aber in der Wiener Hofburg, wo des Schicksals rauhe Hand so manche Lücke gerissen, konnte doch neben dem alternden Stamm manch Kräutlein sprießen, das in der Folgezeit Blüten und Früchte trieb und mit der zunehmenden Schwäche des Kaiser- Regiments sein Dasein sehr bemerkbar gestal­tete. Die Eigenart der Hof-Sphäre brachte es zudem (dort wie überall) mit sich, daß um Franz Ferdinands werdende Krastnatur sich schon stille Hoffnungen und leise Wünsche rankten, als Franz Josef noch mit ungeschwächter (wenn auch müder) Hand das Zepter führte.

©3 hat sich im Lauf der Jahve, still und verborgen, aber zielklar und planbewußt, eine förmliche Th ronfolg e r - Pa rtei gebil­det, btoett Hand im Reichs-Geschäft der Donau- Monarchie hinter den Kulissen immer deutlicher fühlbar wird, und deren Finger die Zügel der Regierung umso fester umspannen, femehr sie den altersschwachen Händ:n Franz Josefs- ent­gleiten. Neben Wilhelm dem Ersten stand, als der Schnee des Alters ans sein Haupt nieder« rieselte, die Necken-gestalt Bismarcks, dessen Eisenarm das Reichsschiff auch im Klip peng wirr sicher zu steuern wußte, und noch in den Sorgentagen des Unheiljahres 1888, als der Erbe der neuerkämpften Kaiserkrone in voller Mann-eskraft von fclft Tücke schleichenden Lei­dens aufs Siechenlager geworfen ward, durfte der alte Kaiser beim Abschied von dieser Welt den Trost mit hinübernehmen ins Reich der Ewigkeit, daß übnrm rasch verwaisten Heldem- werk das Auge des erprobten Kanzlers auch in düftern Tagen Wachen werde. Franz Josef von Oesterreich ist dieser Trost versagt geblie­ben: Das vom Alter gedunlllte Auge schaut rings in der Wette nur verbaltnen Groll be­reit, im Momenk. da des greisen Kaisers Ange sich für immer schließt, den unter der Leiden­schaft nationalistischer Verhetzung zitternden Völkerkessel der Donau-Monarchie zu spvtngen und -einen Kampf -aus zu trag en, dessen End- Wirkungen sich heut nur ahnen lassen. Allein auf der steilen Höh' der Kaise-rpslicht, ein mctt- t:r Greis am Abend seiner Erdentaffe, schaut Franz Josef zurück auf ein langes, vom Orkan des Schicksals oft umbeultes Lebenswerk, und in der Seele des Patriarchen, der stets das Beste gewollt und das Gute doch mitift nur mit der Opferung des eigenen Jchs zu erkaufen vermocht hat, mag (nach fast fünfundsechzig Regterungsjahren) die Wehmut sprechen: lind doch, alles nur einTraum...! F. H.

NallanWer Roten Krieg.

Die neueste Tsirken-Note am Euroga.

Die Versuche der G r o ß m ä ch t e. die T ü r - kei zur Räumung Adrianovcls und zur Re­spektierung des Londoner Vertrags zu bestim­men, nehmen nachgerade lustspftlmäßiae For­men an. Eben erst haben die Botschafter der Mächte bei der Vforte denneuesten Schritt" unternommen, und schon hat die Türkei diesen Schritt mit einer Note beantwortet, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Ein Telegramm berichtet uns darüber:

Die Türkei trotzt Europa!

(Privat-Telegram m.) Petersburg, 16. August-

Gestern fand im hiesigen Auswärtigen Amt eine längere Beratung statt, an der der d e u t s ch e, französische, österreichische und tiirkische Botschafter, sowie die Gesandten Serbiens und Rumäniens teilnahmen. Den Anlaß hierzu bot eine neue NotederTür- kei an die Großmächte. Es verlautet, daß die Pforte in dieser Note erklärt, sie wolle nötigenfalls als Garantie die Gebietsteile jenseits der Maritza okkupieren, falls die Bulgaren nicht mit den Grausamkeiten gegen die Türken in den von ihnen eroberten Ge­bieten aufhören würden. Die Note *»at einen tiefen Eindruck in Petersburg gemacht und die Ueberzeugung hervorgerufen, daß die Türkei entschlossen ist, die Bestimmungen des Londoner Vertrages endgültig zu brechen.

Wie gering man am Balkan den Einfluß der Großmächte einschätzt, beweist auch eine Aeußerung des bulgarischen Gesand­ten in Rom, der sich in einem Interview fol- g-endennaßcn ausließ:An «ine Revision des Bukarester Friedens glaubt auf dem Bal­kan kein vernünftiger Mensch; sie wäre auch ohne Waffengewalt nicht durchzuführen. Bul­garien wartet deshalb im Vertrauen auf die eigne Kraft denTagderVergeltungab!"

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Malifforenkrieg gegen Montenegro?

Wien, 16. August. (Privat-Tele- gramm.) Die Albanische Korrespondenz mel­det; Die Häupter sämtlicher Malifsoren-

st ä m m e haben in Skutari dem Admiral Bur- ncy ein Ultimatum überreicht, daß sie Mon­tenegro de« Krieg erklären würden, falls ihre Forderung auf Richtangliederung an Montenegro unberücksichtigt bleiben syllte. Die Malisioren würden nicht eher ruhen, bis ihre Unabhängigkeit verwirflicht sei, denn diese Un­abhängigkeit sei eine Forderung historischer Gerechtigkeit.

JerThronvonBraunschweig.

Der Kaiser und sein Schwiegersohn.

Durch die Presse gingen in diesen Tagen Nachrichten, nach denen bereits jetzt in Braunschweig Maßnahmen getroffen wür­den aus denen unzweideutig hervorgehe, daß der Herzogregent Johann Albrecht nur noch vorübergehend" Aufenthalt in der Residenz­stadt Braunschweig nehmen werde, nm im Herbst (der Termin sei noch nicht festgelegt) von der Regenffchaft des Herzogtums Braun­schweig zurückzutreten und dem Schwiegersohn des Kaisers, Herzog Ernst August von Braun­schweig Platz zu machen. Spätestens im Sep­tember werde der Bundesrat sich mit der endgültigen Regelung der Tbronfrage beschäf­tigen und gleich im Anschluß daran sich der Regentschaftswechsel im Herzogtum Braun­schweig in der angedeuteten Form vollziehen. Von zuverlässig orientierter Seite erhalten wir jetzt aus Berlin hierzu die fol­genden ergänzenden Mitteilungen:

Hohenzollern und Cumberland.

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 16. August.

Es bestätigt sich nach den Mitteilungen an unterrichteter amtlicher Stelle, daß noch in die­sem Herbst das Prinzenpaar Ernst August seinen Einzug als Herzogspaar in Braunschweig halten wird. Es ist indessen beabsichtigt, eine unmittelbare Regie­rung sübernahme durch den Prinzen Ernst August zu umgehen und zunächst für kurze Zeit den Regentschaftsrat in Tätigkeit tre­ten zu lassen, nachdem Herzog Johann Albreckst von der Regentschaft des Herzogtums zurück­getreten sein wird. Die Meldung, daß von der braunschweigischen Landesregierung bereits ein Antrag über den Regierungsantrift des Prinzen Ernst August beim Bundesrat gestellt worden sei, kann nach Informationen in gut unterrichteten Kreisen als unrichtig bezeichnet werden. Es steht vielmehr fest, daß die braun­schweigische Frage bis zum Wiederzusammen­tritt des Bundesrats völlig ruht. Dor für eine Aenderüng der Regierungsfrage in Braunschweig notwendige Antrag auf Aufhe­bung des bekannten Bundesratsbeschlusses von 1885 bezw. 1907 wird überhaupt nicht von Braunschweig, sondern von Preußen gestellt werden, weil er nur von Preußen, das jenen Bundesratsbeschluß herbeigeführt hat, gestellt werden kann. Damit ist die weitere Entwick­lung. die Niederlegung der Regentschaft durch den Herzogregenten Johann Albrecht und die Thronbesteiaung des Prinzen Ernst August von selbst vorgezeichnet. Der Behauptung, daß eine Verstimmung zwischen Berlin und Gmunden bestehe, die durch die Absage des Besuchs des Kaisers in Gmunden wachge­rufen worden sei. wird an amtlichen Stellen entqegeng-etreten, doch wird zugegeben, daß der Kaiserbesuch verschoben wurde, weil er unter dem Eindruck der bekannten letzten welfi­schen Kundgebungen nicht opportun er­schien. Diese Ansicht sei auch in Gmunden ae- teilt worden, und von einer Verstimmung könne infolgedessen keine Rede sein.

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Braunschweig und der Bundesrat.

Berlin, 16. August. (Telegramm un- sers Korrespond.enten.) Die Verzöge­rung der bundesratlichen Erledigung der braunschweigischen Thronanfpruch - Frage ist hauptsächlich dadurch verursacht worden, daß einige süddeutsche Bundesregierungen Beden­ken wegen der Form des Verzichts des Prinzen Ernst August auf Hannover ael lend machten. Diese Bedenken sind indessen durch Preußen zerstreut worden, dessen Regie­rung im Bundesrat bekanntgeben ließ, daß sie keinerlei Bedenken trage, die Erklärungen des Prinzen Ernst August bezüglich feiner Stel­lungnahme zur hannoverschen Frage als bin­dend und ausreichend anzuerkennen. Darauf­hin find dann auch von den übrigen Bundes­staaten die ursprünglich geltend gemachten Be­denken fallen gelassen worden, und es steht außer Zweifel, daß die bundesratliche Ent­schließung bezüglich Braunschweigs mit Stim­men - Einheit Zustandekommen wird.

Sie Revolution in Wna.

Reue schwere Kämpfe in Nanking!

Schanghai, 15. August. (Privat- Telegram m.) Seit gestern ist bei Nanking ein neuer blutiger Kamst im Gange.

Die Südtrnppen habe« den Löwenberg, die Nordtruppen den Falkenberg besetzt. Beide Berge liegen am Ende der Stadt. Die Frem­den erhielten de« Befehl, die Stadt zu verlassen. In Kingkang ist olles ruhig. Die Nordtruppen erhielte« im Arsenal von Kang-Na« Verstärkungen von sechstausend Mann, die später wahrscheinlich nach dem Jangtse abgehen werden, um die Regierungs­truppen zu verstärke«.

Bestien des Balkans.

Bilder vom Kriegsschauplatz am Balkan: Attilas Horden als Bulgariens Helfer; die Schreckensherrschaft der Komitadschis.

Grauenvolle Geschichten von den Greueltatcn der bulgarischen Komitadschis erzählt der Franzos« Andrä Tudekq in einem Briese aus Saloniki. Tudesq hat al» Berichterstatter einer großen fron- zöstschen Zeitschrift alle Schrecken de» Dölkerkriege» am Balkan mltcrlebt und seine Schilderungen klingen wie die Geschichte grausamster Unkultur au» den dunkelsten Tagen der Menschheit. Tudesq ent­wirft von den Greueln de» Krieges folgende» Bild:

Die Komitadschis, deren Greueltaten den bulgarischen Namen für ewige Zeiten schän- den, sind di« Bestien dos Balkans, und die Hilfe, die sie Bulgarien geleistet, ist eine einzige Kette von Schrecken und Unmenschlich- keiten. Sie haben als Lieferanten des Todes Städte und Dörfer verwüstet, in Brand gesteckt und geplündert und mehr Witwen und Wai­sen gemacht, als die Schlachten eines ganzen Jahres. Nichts war ihnen heilig: Weder die Frau, noch der Priester, noch das unmündige Kind. Ein trauriger Ruhm begleitet sie. In ihnen leben nach Jahrhunderten Attilas Horden wieder auf. Wo sie vorüberzogen, wächst kein Gras mehr. Als ich an einem der letzten Abende Monaftir verließ, traf ich einige. Man hatte sie im Gebirge gefangen. Es waren acht, und sie waren mit.Stricken, die tief ins Fleisch gingen, fest aneinander gebunden. An ihrer Spitze schritt ein Priester. Er trug die bulgarische Popenmütze und eine lange, staubige, halb schwarze, halb violett« Priesterrobe. Seine Arme waren nach hinten gefesselt, sodaß sein Brustkasten sich stark wölbte. Mit großen Schritten schritt der Mann dahin. Die acht Mann, die von zwölf Gendarmen um­geben waren, marschierten seit Tagesanbruch unter der unerbittlichen, glühenden Sonne da­hin; die Zunge hing ihnen zum Halse heraus, und nur der Priester batte noch die Kraft, allen, Gendarmen und Gefangenen, einVor« wärts" zuzurufen. Ein -mtsetzlicher Seelen- Hirt! Händler und Kaffeetrinker traten aus den Türen, als der Zug vorüber kam. Die Frauen schrien:Mörder!" Die acht Mann hatten in einer Woche

fünfzehn Dorfbewohner ermordet, sechs Bauernhöfe geplündert und angezündet und zum Zeitvertreib noch ein paar Frauen geschändet. Auf ihren grimmigen Gesichtern zeigte sich auch nicht eine Spur von Gewissens­bissen und kein Zug von Scheinheiligkeit. ES schien sie gar nicht aus der Fassung zu bringen, daß sie schon ein paar Stunden später nie­dergeknallt werden sollten. Ein paar Stunden Bahnfahrt brachten mich nach Ser­res: kurz vorher hafte ich mit Flüchtlingen aus Dorat gesprochen. Diese beiden Städte, die zu den blühendsten gehörten, zählten zusammen fast 60 000 Einwohner. In Dorat gab es im Jahre 1907 mehr als 2-10 griechische und 210 türkische Häuser; jetzt sind dort nur noch Trümmer- und Schutt- und Aschen- Haufen zu finden. Man schreitet über Mauerreste, die gestern noch eine Straße oder einen öffentlichen Platz bildeten. Ist das Hercu- lanum oder Pompeji? Der Aschenstaub hat die Steine grau gefärbt, sodaß sie alt und verwit­tert aussehen; man könnte glauben, daß hier ein Erdbeben stattgesunden habe. Es find aber nur Menschen für alle diese Greuel verantwottlich: Die Menschen töten, die Ge­genstände vernichten, das ist die Kampfesweise der Komitadschis. Von ihren Grausamkeiten, einem Gemisch von Sadismus und Barbarei, ist soviel gesprochen, daß man nicht erst aus­führlich darauf zurückzukommen braucht. Jatzd auf Greise,

Niedermetzelung von Kindern.

Verstümmelung junger Mädchen: Alles ha­ben sie versucht! Hier nur zwei kurze Ge­schichten unter den Hunderten, die mir jede Stunde erzählt Werder;. Auf einem Bauern, hof bei Doxat entfliehen beim Einbruch der Banden die steinen Kinder. Eins eilt in seiner Todesangst auf eine im Hofe stehende Buche zu und umklammerte sie verzweifelt. Einer der Männer will es fortreißen, aber das Kind lei­stet Widerstand; da schlägt der Mann mit sei­nem Stutzsäbel dem fünfjährigenFeinde" bei­de Arme vom Rumpfe. In Serres hat man die Leichen alter Türken, die lebendig be. graben worden waren, entdeckt. Ein Zeuge erzählte, was da vorgegangen war. Die Komi­tadschis hatten in einer Moschee drei alte Män. ner aufgegriffen, sie mit dem Bajonett vor sich hergetrieben, und sie, unter dem Vorwande, daß eine Beerdigung stattfinden solle, gezwun- gen, Gräber zu graben. Als das erste Grab