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Nr. 213.

Dritter Jahrgang.

CKlerNMlteNchrtztm

1. Vellage. -

Sonnabend, 16. August 1913

Aus aller Welt.

Die Anarchisten von Mülhausen.

** Mülhausen i. E., 15. August.

Gegenwärtig herrscht hier und in den übri- gm Städten der Südwestecke des Reiches all­gemeine Erregung wegen einer Entdeckung, die vor kurzem dir Kriminalpolizei in Mülhausen gemacht hat. Schon seit mehreren Wochen hatte man in der Stadt mehrere fremde Auto­mobile beobachtet, die regelmäßig wieder­kehrten und deren Insassen sich besonders ost in der Nähe des Reichsbankgebäudes Herumtrieben. Es gelang bald, festzustellen, daß eine Anarchistenbande einen An­schlag auf die Bank plane. Sofort wurden die notwendigen Vorkehrungen getroffen: Die Räume des Bankgebäudes wurden durch Ge­heimpolizisten bewacht, die Bureau- und Wohn­räume mit der Gendarmerie-Hauptwache durch Klingelleitung verbunden. Man konnte auch feststellen, daß die Automobile von der Bande gemietet worden waren. Als sich die Attentäter beobachtet fühlten, verschwanden sie. Inzwi­schen hat man auch in Kolmar verdächtige Auto­mobile beobachtet, die in der Nähe der Reichs­bankstelle kreuzten. Daraufhin wurden dort sofort die Schutzmannsposten verdoppelt. Nun­mehr sind auch in der Stadt Hüningen Anarchisten aufgetaucht, die sich ebenfalls auf derlei Einbrüche verlegen. Es gelang sogar einige Personen zu verhaften, lieber die Ein­zelheiten der Sache beobachtet die Behörde Stillschweigen, die staatlichen und städtischen Polizeibehörden sind aber in fieberhafter Tä­tigkeit, um der Ausführung der geplanten At­tentate vorzubeugen.

Neue Petersburger Sensationen.

** Petersburg, 15. August.

Die Petersburger Polizei entdeckte (wie wir bereits in unseren gestrigen Abenddepeschen weitsten) in der Nacht zum Donnerstag end­lich nach langem vergeblichen Fahnden eine Spielhölle, genanntGoldener Klub", nach dessen Spielsatzungen beim Makkao nur in Gold gesetzt werden durste. Der Klub befand sich im Hause des früheren Kurators des Pe­tersburger Lehrbezirks, des Grafen Mussin- Puschkin, und zwar in der großen, elegan­ten Wohnung der Edelfrau und Osfizierswitwe Bestujef. Die Polizei arretierte dreißig Personen, die sie beim Glücksspiel vorfand. Die Spieler waren nur elegante Damen und Her­ren und gehörten zur vornehmsten Petersbur­ger Gesellschaft. Auch Lebedamen und Mon­dänen hatten Zutritt. Die Anwesenden betei­ligten sich gerad e eifrig beim Hasardspiel, als die Polizei eingriff. Im Nebensaal stand eine große, schön dekorierte Tafel, besetzt mit den feinsten Likören, Weinen, Leckerbissen und De­likatessen. Wegen der glänzenden Stellungen der meisten Beteiligten ist die Aufhebung des Klubs in aller Munde, und ganz Petersburg hat seine Sensation. Die Affäre ist schon beim Untersuchungsrichter. Frau Bestujes ist schon wiederholt zur Verantwortung gezogen wor­den wegen Veranstaltung von Soireen zu SpiÄzwecken. Das Einschreiten der Polizei kam so unerwartet, daß den eindringenden Be­amten eine Menge Bargeld, das auf dem Tische umherlag, in die Hände fiel.

Prinz und Wäscherin.

** Ncwyork, 15. August.

In den letzten Tagen des Juli fand in L o s Angeles im amerikanischen Staat Kali- fomien die Hochzeit des Prinzen Stanislaus Sulkowski mit Miß Marie Louise Fr er­de, der Tochter eines Millionärs, statt. Es war eine ganz stille Trauung, denn die geplan­ten glänzenden Hochzeitsfestlichkeiten mußten in letzter Minute aus gewissen Gründen peinlich­ster Natur abgesagt werden. Wenige Tage vor dem Hochzeitstage war nämlich in Los Ange­les plötzlich die dralle Frau Clara Melcher, Eigentümerin einer Wäscherin in Wien, auf­getaucht, die ältere Ansprüche auf die Zunei­gung des Prinzen zu haben glaubte und em» schlossen war, sie energisch zu verfechten. Frau Melcher sicherte sich zunächst einmal die Dienste eines guten Anwaltes. Ehe dieser aber dazu kam, einen Haftbefehl wegen Bruchs des Ehe­versprechens gegen den Prinzen zu erwirken, hatte dieser in aller Eile und Stille die Millio- nenbraut heimgeführt und die Hochzeitsreise angetreten, indem er es seinem Schwiegervater überließ, sich mit Frau Melcher auseinanderzu­setzen. Mr. Freede, der wirklich ein Muster von Schwiegervater zu sein scheint, bot der Verschmähten als Herzensbalsam zehntausend Dollar, Frau Melcher aber erklärt, daß sie un­ter fünfzigtausend nicht vergeben und vergessen könne. Falls sich die Angaben der Frau Mel­cher bestätigen, dürste der Prinz als uner­wünschter Ausländer des Landes verwiesen werden, denn in punkto Moral verstehen die amerikanischen Behörden keinen Spaß.

* Ein Berliner Animierbankier verhaftet? Ein Berliner Morgenblatt will wissen, daß der Inhaber eines Animierbankgeschäftes _ in der Friedrichstraße in Berlin gestern verhaftet und dem Untersuchungsrichter vorgesühtt word-n sei. Es soll sich um den Bankier Artur Frankel handeln. Ob die Meldung sich bestätigt, muß «ost noch festgestellt werden; die Polizeibehör­den haben bis fetzt über den Fall Stillschweigen bewahrt.

* Französische Schildbürgerstreiche. Ein ei­genartiger Streich der französischen Verwaltung wird aus dem kleinen Seebad P o u r v i l l e gemeldet. Eine Familie mußte ihrem Söhn­chen kraft ärztlicher Verordnung Bäder aus warmem Seewasier geben und sandte einen Diener mit zwei Eimern an den Strand, um die Flüssigkeit zu holen. Mit rauher Stimme fuhr den Mann ein Diener des Fiskus an: Wasserholen ohne besondere Ermächtigung ist hier verboten. Passen Sie auf, daß ich Sie Licht noch einmal L!w1lche,^ Da dgs Knablem

Dreiundachtzig!

Hundert Jahre Infanterie-Regiment Nummer dreiundachtzig; von 1813 big 1913; die Bildung des Regiments; eine Geschichte des Ruhms und der Ehre; dieDreiundachtziger" in Krieg und Friede«; am Vorabend des Festes.

Tausende und Abertausende, die im Lause der Jahre.im Infanterie - Regiment von Wittich (3. Kurhessisches) Nr. 83 das Waffenhandwerk übten, Hunderte, die auf Frankreichs blutgeträntten Gefilden am Ruhm des Regiments mitwirsten und beitru­gen, das neue Deutsche Reich aufzurichten, wei­len heute und in den nächsten Tagen in der al­ten Garnison an der Fulda: In Cassel. Un­sereDreiundachtziger begehen morgen und am Sonntag die Feier ihres hundertjäh­rigen Stiftungstages. Rach den Be­stimmungen der Kabinettsorder vom 27. Ja­nuar 1899 sollen die Taten der kurhessischen Truppenteile, die den Ereignissen des Jahres achtzehnhundertsechs erlegen sind, in dem In­fanterie-Regiment Nr. 83 fortleben und als Gründungstag wurde für dieDreiund­achtziger" der zweiundzwanzigste November 1813 angegeben. So blickt heute das Regiment auf eine hundertjährigen Geschichte, wenn auch die Geschichte der Hessentruppen, aus denen es gebildet wurde, noch um mehr als hundett Jahre vorher zurückgreist. Die Casseler Bür­gerschaft hat von jeher mit ihrenDreiundacht­zigern" in dem besten Einvernehmen gelebt und nahm allezeit Anteil an ihren Geschicken. So schmücken auch heute Blumen und Fahnen die Häuser als sichtbare Zeichen der Freude an dem Fest des Regiments von Wittich.

Die Geschichte des Regiments.

Das große Ringen auf den Schlachtfeldern um Leipzig, auf denen sich heute das Giganten­denkmal deutscher Kraft und Größe erhebt, war gewesen, Napoleon trat die Fahrt gen Elba an und der Kursürst von Hessen kehrte, von dem Jubel seines Volkes, von der Begeiste­rung seiner Residenzstadt Cassel empfangen, in das Hessenland zurück. Sein erstes Wirken war die Neubildung der aufgelösten hes­sischen Truppenteile, die bestimmt wurden, mit in den großen Krieg zu ziehen, der die neue Aera Napoleons nach den Elbaer Tagen untergehen ließ. In dieser Zeit ent­stand das jetzige Infanterie-Regiment Nr. 83. Es wurde gebildet aus dem ehemaligen dritten Hessischen Infanterie-Regiment (Prinz Frie- drich Wilhelm von Hessen) und je drei Kom­pagnien der Regimenter 10, 18, 38 und 51. Die Garnisonen waren für das erste und zweite Ba­taillon Fulda, für das Füsilier-Bataillon Hers seid. Alle kurhessischen Stammbatail- lerne haben in vielen Kämpfen und Schlachten Ruhm und Lorbeeren geerntet, Hessenmut und die sprichwörtliche blinde Hessentreue bis zum letzten Atemzuge ihrer Angehörigen bewähtt. Sie waren es, die 1703 bei Speierbach, 1709 bei Malplaguet, 1758 bei Krefeld,-1759 bei Min­den, 1762 bei Wilhelm stal vor den Toren von Cassel in heißer Feldschlacht standen. Und weiter vergossen Hessensöhne ihr Blut im nord­amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und im Feldzug in Virginien. Sie alle fanden sich jetzt zusammen in dem neuen Regiment, das in gedeihlicher Friedensentwicklung fortgebil­det wurde, bis es nach dem Bruderkrieg von 1866 ein Glied der preußischen Armee wurde. Erster Reqiments-Komandenr war ein Vorfah­re des bekannten deutschen Botschafters in Kon­stantinopel und in London, .Oberst Mar­schall von Bieberstein. Im November 1867 siedelte das erste und zweite Bataillon nach Cassel über und sind seitdem der Fulda- Residenz treu geblieben, während das Füsilier- Bataillon, in das 1866 das ehemalige waldeck- sche Bataillon eingereiht worden war, nach Arolsen in Garnison kam. Im Juli 1867 verlieh König Wilhelm dem Regiment neue Fahnen. Die Casseler Bataillone lagen, wie sich alte Casselaner noch gut erinnern können, da diese Tage nicht allzu weit zurückliegen,

in der alten Jäger-Kaserne, die auf dem Gelände stand, bas jetzt die Jä­ger-, Moltke- und Gießbergstratze einschließen. Im Volksmunde hieß die Kaserne nur die alte Jägerkaserne, und hier war es, wo am Abend des 16. Juli 1870 das Alarmsignal ge­geben wurde: Die Mobilmachung für den Feld­zug gegen Frankreich war erfolgt! Am 24. Juli verließ das Regiment mit der Bahn die Garnison, um zum Kriegsschauplatz befördett zu werden, am vierten August 1870 überschritt es bei Weißenburg die französische Grenze und griff nun in den großen Krieg ein, der von dem Regiment ungeheuere Opfer sordette, aber die Hessen treue in neuem Glanze bewähren ließ. Heldentaten ersten Ranges leisteten die Dreiundachtziger" in der Schlacht von Woerth, an der sie hervorragenden Anteil nahmen. Der Kommandierende General von Rose, der sich bei dem Regiment befand, wurde verwundet, und neben ihm fielen in großer Zahl die Hessen. Aber die Opfer waren nicht umsonst gebracht: Fünf Geschütze, die der Feind, gegen uns gerichtet hatte, wurden vom Regiment erobert. Nach dieser ersten Feuer­taufe in preußischen Diensten eilten dieDrei­undachtziger" von Sieg zu Sieg. Bei Sedan griffen sie wirksam an und waren Zeugen des weltgeschichtlichen Ereignisses, das sich dort ab- ,'piette. Rach der Kapitulation des Franzosen- Kaisers marschiette das Regiment mit der Ar­mee nach Paris und beteiligte sich dott bis An­fang Oktober an der Belagerung der großen Franzosen - Haupfftadt. Das Einerlei des Be- lagerunqskrieges sollte bald durch große Ta­ten abgelöst werden: Am 6. Oktober wurde das Regiment mit der Division nach dem Sü­den Frankreichs dirigiert, und hier kam es zu den heißesten Gefechten, bei denen das Blut

derDreiundachtziger" in Strömen floß. Schon die Schlachtennamen reden Bände: Orleans, Chateauneuf, Bretourelles, Le Mans, Ballon, Beaumont und Alencour. Am fünften März erfolgte der Friedensschluß. Während es aber vielen anderen deutschen Truppen vergönnt war,geschmückt mit grünen Reisern" als Sie­ger in den heimischen Garnisonen einzurücken, blieben dieDreiundachtziger" noch bis zum Spätsommer 1871 im Lande des besiegten Geg­ners und hielten bis Ende August 1871 die Nordforts von Paris besetzt. In den letzten Tagen des September 1871, nach länger als einem Jahre im Kriegszustand, kehrten die Dreiundachtziger"

nach Cassel «nd Arolsen

zurück, und seitdem hat kein Zwischenfall un­sere Hessentruppen wieder abberufen. Mit Ehren reich bekränzt zogen sie in Cassel ein. Viele aber von Denen, die fröhlich mit hinaus­zogen ins Feld, dectt der grüne Rasen fern der Heimat. Die Ehrentafeln des Regiments im Haupteingange der Kaserne reden eine erschüt­ternde Deutlichkeit von den Verlusten, die die Dreiundachtziger" zu buchen hatten. Ihre Tapferkeit fand bereits im Juni 1871 die aller­höchste Anerkennung dadurch, daß der Fahnen- spitzo des Regiments das eiserne Kreuz ver­liehen wurde. Eine große Zahl Eisenkreuze ist von den Angehörigen des Regiments er­worben worden, und im Februar 1873 erhielt die Fahnenstange des dritten Bataillons einen silbernen Ring mit dem Namen des Sergean­ten Franke, der als FahAenträger mit der Fahne in der Hand, im Angesicht des Feindes gefallen war. Doch auch noch später sollten Dreiundachtziger" für Deutschlands Ruhm und Ehre eintreten, als Freiwillige für China und später für Afrika aufgerufen worden. Da traten viele aus den Reihen, und mancher von ihnen hat im fremden Lande, unter fremder Sonne den Heldentod gefunden. Auch das An­denken dieser Tapferen ehrt eine Gedenktafel. Am 27. Januar 1889 verlieh eine Kabinetts­ordre dem Regiment den neuen Namen: In­fanterie-Regiment von Wittich (3. Kurhessi­sches) Nr. 83, und vor wenigen Wochen erst wurde Fürst Friedrich von Waldeck und Pyrmont zum Chef des gesamten Re­giments ernannt. Inzwischen wurde bettDrei- undachtzigern" die stattliche Kaserne an der Hohenzollernstraße errichtet, die von den Sol­daten allgemein alsVilla Wittich" bezeichnet wird. In stiller Friedensarbeit hat bisher das Regiment seine hohe Aufgabe erfüllt, die Schule für den Krieg zu sein, und wiederholte Anerkennungen wurden ihm zuteil. Als die Maschinengewehr - Kompagnien eingerichtet wurden, erhielt das Regiment ebenfalls eine sol­che als dreizehnte Kompagnie zugeteilt. Bei den Neuformattonen von Armeekorps an den deut­schen Grenzen gaben auch dieDreiundachtzi­ger" einzelne Kompagnien ab. Bis zum Früh­jahr dieses Jahres führte Prinz Reuß der Dreißigste als Regimentskommandeur das Ju­belregiment. Jetziger Kommandeur ist Oberst Graf von Moltke. Eine an Lorbeeren reiche Geschichte weisen demnach dieDreiundachtzi­ger" auf, die den Stolz aller Angehörigen bil­det eine Geschichte, die in der Tat eine solche des Ruhms und der Ehre darstellt I

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Am Vortage des Fests.

Cassel, 15. August.

Seit Wochen hat in der Kaserne des Jubel- Regiments Nr. 83 das geschäftigste Treiben geherrscht. Da war auch nicht ein Soldat, der nicht seine besondere Aufgabe erhalten hätte. Die Sänger hatten und haben noch täglich Uebungsstunden, denn das LiedHurra, Drei­undachtzig!" von Louis Wolff-Cassel kommt bei der Regimentsfeier am Sonntag nachmittag auf dem Kasernenhofe in der Vettonung des Königlichen Musikdirettors O. Grosse für vier­stimmigen Männerchor zum Vortrag. Auch in den Kompagnien wird das Lied, das bentfen zu sein scheint, Allgemeingut des Regiments und Regimentslied zu werden, eifrig eingeübt. Heute ftüh sechs Uhr erfüllte rauschende Mili­tärmusik den Friedrichsplatz. Die beiden hiesigen Bataillone des Regiments nahmen Probe-Aufstellung, wie sie bei der Parade am Sonntag stattfinden soll und übten den Para­demarsch in Zügen und in der Regimentsko­lonne. Um nicht eine größere Menschenansamm­lung hervorzurufen, war die Probeparade für diese Morgenstunde anberaumt worden. Trotz­dem hatte sich ein ziemlich stattliches Publikum eingefunden, meist Arbeiter, die nach ihrer Ar­beitsstätte sttebten. Die Polizei besorgte den Absperrungsdienst. An der

Parade am Sonntag

nimmt auch das dritte Bataillon in Arolsen teil, das mit Sonderzug nach Cas­sel befördett wird. Fürst Friedrich von Wal­deck und Pyrmont wohnt sämtlichen Veranstal­tungen des Regiments bei, dessen Chef er be­kanntlich ist. Auch die Fürstin begleitet ihren Gemahl und außerdem sind Gäste des Regi­ments die Mitglieder der Familie von Wit­tich. Auf dem Kasernenhofe des Regiments wurde bereits ein prächtiger Pavillon errich­tet, der dem Fürstenpaar zum Aufenthalt die­nen soll. Während diese Vorbereitungen getrof­fen worden sind, haben es sich die Anwohner der Hohenzollernstraße, besonders die in der Nähe der Jnfanteriekaserne, nicht neh­men lassen, ihre Häuser festlich zu schmücken. Ueberall duften Tannen und Tannengewinde, Fahnentücher schlingen sich von Fenster zu Fen­ster und in den Schaufenstern prangen teilweise künstlerisch ausgeführte Dekorationen. Das Fest wird alle bisherigen Regimentsfeiern schon durch seine Teilnehmerzahl in den Schatten stellen. Hoffentlich läßt der Regen nach, damit dasFest auch vom Wetter begünstigt wird,.

noch am Nachmittag ohne sein Bad war, be­gab sich die Mutter selbst zu der Behörde, die sie nach dem, was ihr gesagt wurde, für die Er. mächtigung zum Schöpfen von Seewasser für zuständig hielt: Zu der Marineverwal. tung. Da erfuhr sie dann, daß sie sich an die Z o l l st e l l e wenden müsse und auf dieser er­klärte man ihr, es sei eine Eingabe auf Stem­pelpapier (60 Zent.) notwendig, ganz mit der Hand geschrieben, also nicht mit der Schreibma­schine. In der Eingabe müßten die sämtlichen Umstände aufgeführt werden, die die Erteilung der Ermächtigung rechtfertigen. Die Familie unterzog sich dieser lästigen Förmlichkeit und hatte die zweifelhafte Genugtuung, daß nach vierzehn Tagen die Ermächtigung einlief. Der Hausvater ging der Geschichte auf den Grund und erfuhr die schnurrige Ursache der Plackeret: Es könnte jemand Seewasser beim Brotbacken verwenden, wodurch er sich das Salz ersparen könnte, und dadurch wurde dem Fiskus sein Anteil an der Salzsteuer entgehens

* Die Folgen einer Ohrfeige. Während eines Wortwechsels versetzte in München ein Hausdiener dem fünfundsechzigjährigen Mu­siker Scharl eine Ohrfeige. Der alte Mann stürzte und geriet unter die Räder eines Wa­gens, der ihn schwer verletzte. Der Hausdiener wurde verhaftet. Die Polizei hatte Mühe, ihn vor Angriffen der Straßenpassanlen, dir den Mann verprügeln wollten, zu schützen.

* Revolten in einem Pariser Franen-Asyl. Gestern brach in einem Pariser Asyl für besserungsbedürftige Frauen eine Revolte aus, die das Beaufsichtigungspersonal in große Ge­fahr brachte. Eine starke Polizeiabteilung mußte zur Bekämpfung des Aufruhrs, der durch die Unzufriedenheit einiger Frauen mit der Hausordnung verursacht worden war, herbei» gerufen werden. Einige Wächter haben Ver­letzungen davongetragen. Die Rädelsführerin­nen wurden ins Gefängnis gebracht.

* Vierzehn Millionen Mark Erbschaftssteuert Soeben wurde beim Nachlaßgericht in Newyork der Bericht des staatttchen Erbschaftssteuer-Ab­schätzers über den Nachlaß des beim Untergang derTitanic" umgekommenen Multimil­lionärs John Jacob Astor eingereicht und vom Richter gutgeheißen. Der Bericht schätzt den Nachlaß Astors aus me6r als 150 Millionen Dollars, gleich 425 Millionen Mark. Diese Summe wird insgesamt mit 3 316 992 Dollars,- gleich rund vierzehn Millionen Mark besteuert. Den Hauptteil der Steuer bezahlt der Sohn des Erblassers aus erster Ehe, der einundzwanzigjährige Vincent Astor, dem von dem Riesenvermögen seines Vaters 89 Millio­nen Dollars zufallen. Die einzige Tochter er­hält 4852 000 Dollars. Die beim Untergang derTitanic" gerettete zweite Gattin Astors erhält rund VA Millionen Dollars.«'

* Eine ganze Familie durch Opium vergiftet! In Luchsingen im schweizerischen Kanton Gla­rus, hat der Naturarzt Röthardt feine Frau, feine beiden Kinder, ein Mädchen von sechs und einen Knaben von fünf Jahren, und sich felbft wegen Nahrungssorgen durch Opium vergiftet. Röthardt stammte auS der Umgebung von Berlin, war nach Argen­tinien ausgewandett, wo er in Rosario ein deutsches Fräulein Heiz heiratete, und siedelte in diesem Jahre nach Luchsingen über. Dem Apotheker, dem Röthardt das Opium entwendet hatte, meldete er durch ein Schreiben sein Vor­haben.

* Das Cholera-Gespenst in Ungarn. Aus Szegedin wird gemeldet: Vor dem Ge­bäude der Hauptpost ist ein Tagelöhner unter choleraverdÄhttgen Erscheinungen zusammenge- stürzt. Die umfassendsten Isollerung sma ß na h - men wurden getroffen. Aus Agram wird gemeldet, daß dort zwei Brüder an Cholera schwer erkrankt sind. Man befürchtet ein wei­teres Umsichgreifen der Seuche. Die sechs Cho­lerakranken von Serajewo sind der Seuche er­legen.

* Der Glaubenswechsel einer Fürstin. In Madrid geht das Gerücht um, daß die Prim zessin Beatrix, geborene Herzogin von Sachsen-Koburg und Gotha, die mit dem In« santen Alfonso, dem Sohn der Infantin Eula, lia, vermählt fft, demnächst den Protestantis^ mus abschwört und Katholikin wird. Die Ehe' des Prinzenpaaves wurde im Jahre 1909 ge­schlossen.

*Noch im Sarge Pflaikzt ec die HofflNks. auf...!" Der verstorbene Pi er Pont Mor) g a n war nicht nur ein leidenschaftlicher ameri­kanischer Patriot, er rühmte auch immer wieder als einen der wertvollsten Cha rockt erzüge des Amerikaners die einem echter« Yankee eigene kühne, wortlose und tatbereite Entschlüssen, beit, die selbst unter den schlimmsten Ver­hältnissen nichr den Mut betitelt und es als Pflicht betrachtet zuzugreifen und zu handeln. Und zur Illustration dieses CharakterzugeS pflegte der berühmte Milliardär immer wieder eine kleine Geschichte zu erzählen:Ein echter neu-englischer Yankee war Gefangener auf einem Seeräuberschiff. Das war noch in der guten alten Zeit, da die Seeräuber das Meer, unsicher machten. Die Gelassenheit und das scheinbare Phlegma des gefangenen Yan­kee ärgerten die Piraten so sehr, daß sie diesem Mann ein besonders schlimmes Schicksal berei­ten wollten. Man beschloß, den Yankee auf. eine verlassene Insel auszusetzen, ihm nur we­nig Nahrung da zu lassen, dazu aber einen Sarg, damit er stets an fein trostloses Schicksal gemahnt werde. Gesagt, getan, man setzte den Yankee aus, stellte den Sarg daneben und se­gelte davon. Nach ein paar Tagen trat Wind- sttlle ein. man kam nicht weiter. Da. am Abend des dritten Tages, als man immer noch in de, Flaute lag, erschien am Horizont ein schwarzer Fleck. Er wurde immer größer, endlich konnte man erkennen, was es war." Und hier hielt Morgan inne, machte eine Pause und sagte lächelnd:Es war natürlich der Y an kee, der saß in dem Sarge und ... ruderte mit zwei Brettern des Deckels gemütlich nach Hause.