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Nummer 212. Fernsprecher 951 und SSL Freitag, 15. August 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.

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Sie Melungen-Treue. Vorgeschichte der deutsch-österreichische« Verstimmung; Thronfolger und Kaiser.

Ein Privat-Telegramm mel- detunsausWien: Trotz der gestrigen beschwichtigenden Erklärungen der dem Erzherzog Thronfolger nahe­stehenden WienerReichspost" steht es fest, daß die Haltung Deutschlands in der Frage der Revision des Bu­karester Friedensvertrags in hiesigen diplomatische« u«d Hofkreise« tief verstimmt hat und daß grade in den dem Thronfolger nahestehenden Kreisen äußerst scharfe Worte über die Politrl des Deutschen Kaisers gefalle' sind, die angeblich die Nibelungentreue völlig verleugne. Das linde Säuseln offiziöser Schwichtigung nimmt sich angesichts des im D o n a u l a n d brausenden Entrüstung-Sturms wie Verlegen­heits-Komödie aus. In Berlin und Wien weiß man, daß die Ziele der Balkanpolitik der beiden Reiche weit auseinanderliegen, und nun zeigt's sich auch, daß die Wege, die zu diesen Zielen führen sollen/ ein Abgrund von Gegensätzen trennt. Oesterreich steht isoliert, sieht sich in einer Stunde folgenschwerer Entscheidung ein­sam und verlassen, durch kein Nibelungen-Ge­löbnis, kein Trutzwort vonschimmernder Wehr" an den deutschen Bundgenossen geket­tet; sieht, wie die Politik, die Berchtolds Hand am Balkan gewoben, die Donau-Monarchie dem Nachbar-Reich entfremdet und erkennt nun, daß auch Nibelungen-Treue ihre Grenzen hat und ein in Jahrzehnten bewährter Bündnis- Vertrag den Partner nicht zu Abenteuern ver­pflichtet. Man weiß, daß in des Vorjahrs Spät­herbst-Tagen, als bei Podgoritza der erste Ka­nonendonner des Völkerkriegs dumpf durch des Balkans Schluchten rollte, am Wiener Ball­hausplatz das Balkan-Programm einer grund­legenden Revision unterzogen wurde, weiß, daß Oesterreich schon damals mit bestimmten Vorschlägen an Deutschland herantrat, die die Politik der verbündeten Reiche in der Balkan­frage bis zum Moment endgültiger Entschei­dung festlegen sollten und weiß ferner, daß diese Pläne in der Berliner Wilhelmstraße alsun­diskutabel" höflich aber entschieden ab ge­lehnt wurden. Oesterreich versuchte dann sein Glück in Rom, fand bei der Consulta saus na­heliegenden Gründen) Gegenliebe und durste sich des Erfolgs rühmen, Italien für den bal­kanischenTeilungsplan" des Grasen Berchtold gewonnen zu haben. Dieser Erfolg werde (so hoffte man in Wien) schließlich auch Deutchland bestimmen, seine kühle Reserve aufzugeben, und dem Willen der Dreibund-Mehrheit den eignen Wunsch kluger Zurückhaltung unterzuordnen. Die Ereigniffe der letzte Tage, v o r und nach dem Friedensschluß in Bukarest, haben diese Hoffnung restlos schwinden laffen und die Kal­kulation österreichischer Balkanpolitik hat sich als Irrung erwiesen, weil ihre wichtigste Vor­aussetzung: Die tatkräftige Unter st ützung Oesterreichs durch Deutschland, sich sich nicht erfüllte?

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Der Entrepreneur der österreichischen Bal- kanpolitik war (und ist) Erzherzog Franz Fer­dinand, der, wenn Franz Josef einst die müden Augen schließt, die Kaiserkrone Habsburgs und den Goldreif des Ungarnkönigs tragen soll. Sophie Chotcks Gatte ist, wie Wilhelm der Zweite, eine impulsive Natur, ein Mann des raschen Handelns und der Plötzlichkeit-Ent­schlüsse, dessen Energie stark genug ist, die Poli­tik der Donau-Monarchie nach seinem Willen zu formen. Oesterreich bangt in ahnender Sorge vor dem Tag, der die Herrscher-Gewalt in Franz Ferdinands Hände legen wird, sieht mit wachsender Unruhe dem (nach menschlicher Vor­aussicht nicht mehr fernen) Moment des Her- ausdämmerns einer neuen Aera entgegen und fühlt instinktiv, daß schon heut der Kurs der Politik Habsburgs durch ein Fahrwasser führt, das Klippen und Gefahren birgt. Franz Fer­di n a n d s Wille entschied die Frage, ob Oesterreich-Ungar7 der Balkan-Katastrophe ge­genüber als interessierter Zuschauer verharren oder als ^ächstbeteiligter aktiv ins Werk der Chaos-Entwirrung cingreifen solle; Franz Ferdinand war's, der am Wiener Ball­hausplatz die Parole ausgab:Kein Friede ohne Oesterreich!", und Franz Ferdinand ist's auch, der fetz-., da nach der Bukarester Frle- dens-Apocheose tteue Unheilwolken über der Erde des Balkans Heraufziehen, diehistori- fchen Rechte" Oesterreichs als europäisches Ge- fahren-Moment in den Vordergrund interna­

tionaler Politik drängt. Deutschland hat von allem Anfang an der Abenteuer-Politik des Bundgenossen widerstrebt, hat in den Tagen hitzigster Balkan-Erregung, als in Wien die Mobilmachungs - Pläne bereits unterzeichnet waren, dringlich zur Besonnenheit und Mäßi­gung gemahnt und eben erst durch sein Eitigret- sen in die Bukarester Friedensverhandlungen bewiesen, daß es in der Sicherung der Ruhe am Balkan die einzige Pflicht europäischer Großmacht-Politik erkennt. Das ist Nibelun­gen-Treue, ist ehrliche Bundespflicht und Gewissensgebot aufrichtiger Freundschaft, und die Geschichte wird einst diese Politik des Friedens rechtfertigen, die man jetzt am Do­naustrand als Sünde wider den heiligen Geist deutscher Treue brandmarkt. Deutschland hätte sich des Verbrechens europäischer Friedens- Gefährdung schuldig gemacht, wenn es eine Politik der Abenteuer am Balkan unter­stützt und mit der Wucht seiner Wehrmacht ge­fördert haben würde; es hätte das Gelöbnis der Nibelungen-Trestx entwürdet und seinen Schild als Wächter des Friedens mit der Sün­de unverantwortlichen Handelns befleckt. Daß wir es nicht getan, wird einst vielleicht auch Franz Ferdinand uns danken . . .! F.H.

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Der Kaiser und Franz Ferdinand.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 14. August.

DiePoft" will in einem Leitartikel über die augenblickliche, deutsch-österreichische V e r- stimmung nachweisen können, daß Deutsch­land bereits bei der letzten Anwesenheit des österreichischen Thronfolgers in S p r i n g e sich gegen dessen Wünsche, uns in eine uferlose Balkanpolitik hineinzuzichen, nachdrück­lich verschlossen habe. Erzherzog Franz Fer­dinand sei nach Springe gekommen in der Hoffnung, daß Deutschland sich ohne weiteres mit seinerschimmernden Wehr" für Oester­reichs Balkan-Interessen e i n s e tz e n und mit Nibelungentreue bis zum blutigen Ende aushaltrn würde. Es sollen auch schon ganz bestimmte Abmachungen zwischen Oesterreich und Italien über die Teilung der Beute vorgenommen worden sein. Dem Deut­schen Reiche hatte man dabei diedankbare" Aufgabe zugedacht, sich für

die Pläne Oesterreichs

mit der ganzen Welt zu schlagen und schließlich zu sehen, wie es seinen Kampfespreis erlangen würde. In Springe erlebte nun der Thron­folger eine schwere Enttäuschung. Man berief sich auf den wahren Sinn und Wortlaut des Vertrages und weigerte sich ganz entschieden, den österreichischen Anträgen stattzugeben.Dann also nicht!" soll der enttäuschte Thronfolger fchließlich geantwortet haben;wir wissen aber wenigstens, woran wir find." Da Franz Ferdinand in man­cher Beziehung in feinem Temperament mit Wilhelm dem Zweiten übereinstimmt, so wa­ren die Anzeichen einer tiefen Mißstim­mung nicht zu verdecken. Infolgedessen war trotz des engen Bündnisses kein Habsbur­ger bei der Hochzeit der Prinzessin Viktoria Luise und beim Negierungsjubiläum des Kaisers in Berlin anwesend.

Eine Stimme aus Wien.

Wien, 14. August. (Privat-Tele­gramm.) Die dem Thronfolger nahestehende WienerReichspost" bespricht unter dem Titel Ruhig Blut" die Differenzen zwischen Wien und Berlin in der Revisionsfrage und schreibt:Solche Meinungsverschiedenheiten zwischen Berlin und Wien hat es schon bei den verschiedensten Anlässen gegeben und wird es vernmtlich noch ost geben, trotz aller Bünd­nis- und Nibelungentreue. Es ist kein Un­glück, am wenigstens eine Gefahr für den Dreibund ...!" Nach zuverlässigen Informa- tionen bezeichnet man im hiesigen maßgebenden Kreisen die Stellung des Ministers des Aeuße- ren, Grafen Berchtold, für unhaltbar.

Der Kaiser und der Friede.

Paris, 14. August. (Privat-Tele­gramm.) Der Berliner Korrespondent des Temps gibt seinem Blatte folgende Darstellun­gen über das Telegramm, worin König Carol dem Deutschen Kaiser seinen Dan? für die Bemühungen zur Herbeiführung des Frie­densschlusses ausspricht. Er sagt, daß der Kai­ser ununterbrochen mit seinem Schwager, dem König von Griechenland, in Korrespondenz ge­standen habe und diesem die notwendigen Rat- schläge erteilte. In einem Briese habe der Kaiser selbst gesagt: Ich kämpfe für Jhre Rechtewie einTiger. Der Kaiser habe sich persönlich bei Kaiser Franz Josef fiir die griechische Sache verwandt.

Die Demobilifieruug am Balkan.

Sofia, 14. August. (Privat-Tele­gramm.) Die Demobilsierung geht in normaler Weise vor sich. Geltem morgen kamen

hier zwei Regimenter Kavallerie cm. Soldaten und Pferde waren mst Blumen geschmückt. Wohl hörte man einige Hurrarufe, aber im allgemeinen fah man mit trauriger Miene dieHelden von gestern", die heute nach einem erniedrigenden Frieden heimkehrten. Hier spricht man davon, daß neue Reibun­gen zwischen der Bevölkerung von Plewna und den rumänischen Tmppen stattgefunden haben. Die Bevölkemng soll vor den Trupven die Flucht ergriffen haben. Ueber den Ge­sundheitszustand des Königs Ferdinand erhalten sich hartnäckig die beunmhigmdsten Gerüchte.

Sie Flugsvende-MMonen.

Das Rätsel der National-Flugspende.

In Deutschland ist es mit großer Genug­tuung begrüßt worden, daß die Verwaltung der National-Flugspende für dreihun­derttausend Mark Preise ausgesetzt hat, um die deutsche Aviatik zu ähnlichen großen Ueberland- flügen anzuspornen, wje wir sie unlängst von französischen Fliegern sahen. In Fliegerkreisen hat das Preisausschreiben aber einen wesentlich geringem Enthusiasmus ausgelöst, und das liegt in erster Linie an den Bedingungen, deren Erfüllung die Voraussetzung des Er­werbs von Preisen ist. Einer unserer ersten und bekanntesten Flieger schreibt uns dar­über:

Flieger und Flugfpende.

(Die Klage eines deutschen Fliegers.)

Berlin, 14. August

Dreihunderstausmd Mark für deuffche Flie­ger: D re ihundertta u sen d Mark für Die, denxn tausend Kilometer in hohen Lüften gelingen! Es ist richtig, daß uns deutschen Fliegern schon längst ein solches Preisausschrei­ben mit entsvrechend großen Preisen für ent- sprcchmd große Wagnisse gefehlt hat, aber es ist ebenso richtig, daß unter uns nicht einer ist, bei dem der neue Wettbewerb der National- Flugspende restlose Begeisterung hätte wecken könnm. Das Publikum wird darüber vielleicht erstaunt sein. Aber es würde die Sstmmung in Fliegerkreisen wohl begreifen, wenn es die Einzelheiten des neuen Preisausschrei­bens kennen würde. Die schönen Preise stehen leuchtend am Anfang, aber am Ende steht klein und unauffällig ein Satz, der alle Hoff­nungen zu Nichte macht, die wir Flieger an diesen Wettbewerb, von dem schon seit zwei Wochen verheißungsvolle Andeutungen gemacht wurden, knüpften. Dieser Satz heißt:Die Preise werden den Besitzern der Flugzeuge ausgezahlt." Nun muß man wissen, daß unter den deutschen Piloten, die in der Lage wären, sich an so gewaltigen Ueberlandflügen zu betei­ligen (es kommen etwa zwanzig in Frage) ge­rade ein einziger Besitzer eines eigenen Flugzeuges ist. Alle anderen stehen in Diensten einer Flugzeugfabrik, die ihnen die Avparate zur Derftigung stellt, und die nun, falls auf diesen Apparaten in dem neuen Wettbewerb ein Preis errungen wird, diesen Preis nach

Bestimmungen der Verwaltung der Nationalflugspende auch einstecken werden. Man kann ja einigermaßen verstehen, warum die Verwaltung der Nationalflugspende die Flugzeugfabriken zu den Preism heranziehen will. Es gilt die aviatifche Industrie zu fördern, ihre Unternehmungslust zu steigern und sie einigermaßen zu belohnen für die kost- spieligm Experimente, die sie machen muß. Auch werden für die Teilnehmer an dem großm Wettbewerb meistens neue große Apparate ge­baut werden müssen, da die bisher im Gebrauch befindlichen meist für weite Ueberlandflüge nicht verwendbar sind. Darum wird man nichts dagegen haben können, wenn die Firmen an den Preisen beteiligt werden, nur müßte eine Bestimmung getroffen werden, nach der die Fabriken verpflichtet sind, dem gewinnenden Flieger einen entsprechenden Prozentsatz des Preises zu garantieren. Davon ist aber keine Rede. Vielleicht glaubt das Komitee der Nationalflugspende, daß die Fabriken aus eige­nem die Flieger nicht zu kurz kommen lassen: Dann kennt es aber das aviatifche Untemeh- mertum schlecht. Eine unserer ersten Fabri­ken bietet zum Beispiel einem Flieger für die respeftable Leistung eines Ueberlandfluges von Berlin nach Königsberg gerade ...hundert- sünfzig Mark! Dafür kann der Flieger unterwegs zehnmal das Genick brechen. Und auch bei dem neuen großen Wettbewerb wird immer viel größer als das Wagnis der Fabrff, die den Apparat liefert, das Wagnis des Flie­gers sein, der sein Leben aufs Spiel fetzt.

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Die Flieger und die Fabriken.

Wie uns im Anschluß an diese Mitteilungen aus Berlin berichtet wird, sind bereits seitens der Verwaltung der National-Flugspende Er- hebMgcn darüber eingeleitet worden, wie den

Fliegern ein Anteil an den ausgesetzten Preisen gesichert werden könne. Es ist (wie unser Berliner G. 8x>.-M i t a r b e iter erfährt) geplant, die Bestimmung über den Preisanspruch derart abzuändern, daß eine Teilung derPreise zwischen Fabrik und Flieger erfolgt, und zwar soll diese Teilung nicht der beteiligten Flugzeug-Fabrik überlas­sen bleiben, sondern direkt durch die Ver­waltung der National-Flugspende erfolgen.

Anguss Bebel» Bekenntnisse. August Bebel über seins Jugendzeit; a«4 de« Kasematte« z«r Reichstags - Tribüne.

Mtt August Bebel Ist ein Lharatterkopf au» der politischen Welt Deutschlands verschwunden. Wie man auch van ihm denken und ihn als Politiker be­urteilen möge: Dieser Mann, der sich au» den be­scheidensten Verhältnissen zu einer Macht im deutschen Leben emporgearbeitet hat, war doch, war Gv<he eine Natur zu nennen pflegte. ES prägt sich die» auch in seinen Lebenserinnerungen aus, denen viel­leicht gerade die Partten am anziehendsten sind, die jedes pvlittschen Beigeschmäcke» entbehren. Da» gilt besonders von Bebels Schilderung seiner Jugendzeit, August Bebels früheste Kindererinnerungen führen in die Kasematten zu Deutz-Köln zurück, wo der Vater Unteroffizier des fünfundzwantigsten Infanterie-Regiments war. Für uns Kinder (erzählt Bebel) war das Leben in den Kasematten ein Leben voller Wonnen. Wir trieben uns in den Kasemattenstuben um­her, verhätschelt oder auch gehänselt von Unter­offizieren und Mannschaften. Waren aber die Stuben leer, weil die Mannschaften zu Uebun- gen ausgerückt waren, so begab ich mich auf eine der Stuben und hotte die Gitarre des Un­teroffiziers Wintermann, der auch mein Tauf­pate war, von der Wand, auf der ich dann so­lange musikalische Hebungen betrieb, bis keine Saite mehr ganz war. Um diesen ungezügelten Musikübungen und ihren bösen Folgen eilte entsprechende Ablenkung zu geben, schnitzte er mir aus einem Brett ein gitarreartiges Instru­ment, das er mit Darmsaiten bezog. Ich saß nunmehr mit diesem in Gesellschaft meines Bruders stundenlang auf der Türschwelle zu einem Hof in der Deutzer Hauptstraße und mal­trätierte die Saiten, was die beiden Töchter eines gegenüber wohnenden Dragoner-Rittmei­sters soentzückte", daß sie uns öfter für meine musikalischen Leistungen mit Kuchen und Kon­fekt regulierten. Natürlich litten unter diesen musikalischen nicht

die militärische« llevungen.

Der Anreiz dazu lag ja in der ganzen Um­gebung, er lag buchstäblich in der Luft. So­bald ich also die ersten Hosen und den ersten Rock an hatte (die selbstverständlich beide aus einem alten Militännantel des Vaters gezim- mert worden waren), stellte ich mich, ausgestat­tet mit der nötigen Bewaffnung, neben oder hinter die auf dem freien Platze vor der Kase­matte übenden Mannschaften und ahmte ihve Bewegungen nach. Wie mir meine Mutter spä­ter oft humorvoll erzählte, soll ich namentlich das rechts und links Aufrücken meisterlich fer­tigbekommen haben, eine Uebung, die den Mannschaften viel Schweiß verursachte, und bei der ich manchmal von dem kommandierenden Offizier ober Unteroffizier als Muster hinge­stellt worden sein soll. Nach dem Tode des Vaters lebte die Familie in Wetzlar, und hier geriet der junge Bebel bald in den Ruf, von allen Jungen die schlimmsten Streiche zu machen. Im Herbst zum Bei­spiel wurden Raubzüge in die Kartoffelfelder unternommen, es wurden Kartoffeln zum Bra­ten geholt, und einmal mußte Bebel mit sei­nen Genossen auf der Garbenheimer Warte eine förmliche mehrstündige Belagerung durch eine Bauernfamilie aushalten, die aber siegreich abgeschlagen wuvde. DieFestung" war nämlich nur durch eine gewagte Kletter­übung zu erreichen! Auch der Kantor hatte oft Ursache, über

de« j««ge« Bebe!

zu klagen. Er verfiel eines Tages darauf, in die roten Sandsteinstufen zum Eingang in den Dorn in lapidaren Buchstaben feinen Namen nebst Geburtsort und -tag einzumeißeln. Ein starker Nagel als Meißel und ein Stein als Hammer bildeten die Werkzeuge, die er be­nutzte. Natürlich wurde die böse Tat am näch­sten Sonntag beim Kirchgang allseittg entdeckt, auch vom Kantor. Endresultat: Etwelche Ohr­feigen und dreimal über Mittag bleiben. Die TocNer des Kantors erwirtte dem jungen Uebeltäter allerdings eine Amnestie. Ganz so schlimm wie fein Ruf war er übrigens wahr­scheinlich nicht, und auch gute Taten stehen auf seinem Konto. So bat er beispielsweise einem Vetter, der beim Schlittschuhlaufen ein­brach, das Leben gerettet. @irr<»I kam auch der Tag, wo August Bebel den Entschluß faßte, ein ordentlicher Kerl zu werden". Bei einem Schulexamen erhielt er, wie sein Kumpan, der Sobn eines Majors, das Zeug­nis V, Das wirkte. August Bebel besserte sich, beim nächsten Examen erhielt er für sittliches Verhalten das Zeugnis III, und bei dem letzten das Zeugnis I, und er hätte beinahe eine Prä­mie bekommen:Als der Rektor den Namen des zweiten Ausgezeichneten nennen wollte, rief die ganze Klasse meinen Namen. Der Rektor aber meinte, ich hätte mich zwar sehr gebessert, aber doch nicht in dem Maße, um mir eine