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Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 209* Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 12. Arrgirft 1913.

Fernsprecher 951 und 952. 3. ZahkgaNg.

Droht neue Teuerung?

Die Gefahr abermaliger Flcischtenerung; Landwirtschaft, Fleischmarrt nnd Kousnm.

Rach den Ermittelungen der wirt­schaftliche« Statistik machen sich zur­zeit bereits die Anzeichen einer «euen Preisverteuerung für Fleisch und Fleischwaren bemerkbar und es ist mit der Wahrscheinlichkeit zu rechnen, daß mit dem Beginn des Winters eine nicht unerhebliche Er­höhung der Preise für Fleisch und Fleischwareu eintrete« wird.

Es scheint fast, daß über unserm Wirtschafts­leben, soweit es die Ernährungsfrage anbelangt, ein Verhängnis waltet: Jahre hin­durch haben wir unter den schlimmen Wirkun­gen einer (zum Teil natürlichen, zum Teil rafsi- niert erkünstelten) Fleischteuerung gelit­ten, haben die Massen des Volks den Genuß des wichtigsten und wertvollsten Nahrungsmit­tels auf das bescheidenste Maß einfchränken und die Ernährung notgedrungen verbilligen (und damit verschlechtern) müssen. Als die Fleisch­teuerung sich zur allgemein empfundnen Fleischnot steigerte, empfing der neuge- wordne preußische Landwirtschaftsminister von Schorlemer unterschiedliche Deputationen, denen er erzählte, von einer Fleisch -Not könne über­haupt nicht, von einer Fleisch-Teuerung nur in beschränktem Umfang die Rede sein; im übrigen aber (versicherte der Herr Minister, gütig lächelnd) werde die Regierung der Frage ihre ernsteste Aufmerksamkeit widmen und zu geeigneter Zeit entsprechende Maßnahmen tref­fen, um etwaige Uebelstände zu beseitigen. Richt lange nach diesen denkwürdigen Audien­zen vernahm man mit aufrichtiger Genugtuung, Herr von Schorlemer habe den Statistik-Spe­zialisten unter seinen Geheimräten damit be­traut,eingehende und umfassend« Erhebungen übe? den Stand der Fleischpreise" im Bereich der Preußen-Monarchie zu veranlassen.

Dann ward's still: Ministerielle Statistiken bedürfen der Ruhe und Akkuratesse, und man wurde nur noch gewahr, daß in den offiziösen Schreibstuben die WorteTeuerung" und Not" auf oberherrlichen Befehl wir der Sünde giftigste Wurzel gemieden wurden: Nur das kritisch-milde Zuckerwasser-WörtchenVerteu­erung" ward gestattet. Und die Fleifchpreise kletterten weiter empor. Zu fast schwindel­erregender Höhe! Darüber sind nun fast zwei Jahre verronnen und verinnilich sträubt Herr von Schorlemer sich auch Deut noch, den üblen Worten Teuerung und Rot den Weg über die Lippen zu gestatten. Trohdcni «in- grimmige Laune der Natur bemüht gewesen ist, den Mi­nister für Ackerbau, Domänen und Forsten nütz­licher Erkenntnis zuzuführen. Die ungünstige Gestaltung der Ernte-Ergebnisse in den beiden letzten Jahren hat Millionen an Wetten in Feld und Flur vernichtet und die Landwitt- schaft gezwungen, «inen Teil des Viehbestands zum Verkauf zu stellen oder in eigner Schlach­tung zu verwerten. Stellenweise gestaltete sich die Viehabgabe unter den Einwirkungen des wittschaftlichen Zwangs so enorm, daß die Aufnahmefähigkttt der heimischen Märkte weit überboten wurde. Unter normalen Ver­hältnissen hätte ein solches Massenangebot na­turgemäß eine Preisminderung für Schlachtvieh, und im Zusammenhang damit eine Verbilligung des Fleischgenusses im Ge­folge haben müssen, da jede normale Preisent­wicklung von dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage abhängig ist.

Wer aber hat bisher innerhalb der deutschen Reichsgrenzen auch nur das winzigste An­zeichen einer beginnenden Ermäßigung der Fleischpreise bemerkt? Man frage unsre Haus­frauen: Sie werden bestätigen, daß die (durch den Bannstrahl des preußischen Landwirt- schastsministers nicht gescheuchte) Fleischteue­rung in der Zeit allgemeiner Rot-Verschärfung fühlbarer gewesen ist als je! Vielleicht ver- wahtt sich Herr von Schorlemer auch heut noch gegen die zwingende Erkenntnis des herr­schenden Notstands, und wie er vor Zwei-Jah- resfttst den dankbar lauschenden Deputationen versicherte, daß die Preisverteuerung nureine vorübergehende Erscheinung" sein werde, wird r möglicherweise jetzt geneigt sein, unser» sor­gen-bedrängten Hausfrauen zu erzählen, daß auch des Schicksals unsteundlichste Laune nicht ewig daure, und daß der August-Regen die Nahrungsorgen wie den Staub von der Straße Hinwegspülen werde. Daß die unentbehrlichsten Lebensmittel im Verlauf weniger Wochen eine enorme Preissteigerung erfahren (einige Ge- nußmittel sind dem Hausverbrauch um fünfzig und mehr Prozent vetteuert worden; läßt sich an der Hand der Statistik leicht nachweisen und

die Folgen der T-uerung machen sich auch heut noch überall in bedenklichster Form merkbar.

Die Größe der wittschaftlichen Gefahr wird erst erkennbar, wenn man von volkswirtschaft­lichen Auwritäten die düstre Kunde hött, daß die eigentliche Teurung sich erst im kom­menden Winter in ihren schlimmsten Wirkun­gen offenbaren werde: Im Winter, wenn infolge der ungünstigen Lage des Arbeits- martts und der wirtschaftlichen Flaue die teure Zeit" am empfindlichsten gefpütt wer­den wird! Die Frage ist nun: Was soll ge­schehen? Die schöne Zuversicht des preußischen Landwittschastsministers allein macht die Hung­rigen noch nicht satt, und der Kampf gegen die Teurung mit dem dünnen Speer der Statistik ist auch keine rettende.Tat. Es gibt nur eine Rettung, und es wird höchste Zeit, diesen ein­zigen Ausweg zu nutzen: Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr von Fleisch und billigen Volksnahrungsmitteln, Einfuhr- Vergünstigungen und Zoll-Erleich­terungen! Dio Zeit drängt, und man darf von einer Regierung, die durch die Verfassung dem Volkswillen zwar entrückt ist, durch keine Macht der Erde aber von ihrer moralischen Vcrantwottung gegenüber dem Volk entbunden werden kann, erwarten, daß sie den (übervie­len) klangvollen Motten endlich auch Taten folgen läßt. . .! F- H.

Sie Menschlichkeit siegt! Inkrafttreten der MilitLr-Strafreform.

Die vom Reichstag seinerzeit beschlossene Milderung des Militärstrafrechts, die mit dem Reservistenprozeß vor dem Erfur­ter Militärgericht in engster Verbindung steht, ist jetzt Gesetz geworden. Der Kaiser hat die darauf bezügliche Vorlage vollzogen und das Gesetz ist inzwischen bereits veröffentlicht worden. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung bringt darüber folgende Mitteilung:

Der vom Reichstag beschlossene Gesetzent­wurf betreffend Aenderung des Mili­tär st rafgesetzbuches war in der Sit­zung des Bundesrats vom dritten Juli den zuständigen Ausschüssen überwiesen worden. Nachdem inzwischen sämtliche Bundesre­gierungen ihre Zustimmung zu dem Ge­setzentwurf erklärt haben, ist die Vorlage am Freitag vom Kaiser vollzogen worden. Das Gesetz ist in der Sonnabend-Nummer des Deutschen Reichs - Gesetzblattes erschienen. Wie erinnerlich, wurden von dem Erfurter Militärgericht mehrere R e s e r v i st e n, die sich am Tage der Konttollversammlung bei ei­ner Wirtshausschlägerei an einem Gendarmen vergriffen hatten, zu fünfjähriger Zuchthaus­strafe verurteilt. Dieser Fall wurde im Reichs­tag, als die Wehrvorlage zur dritten Lesung stand, zur Sprache gebracht. Am dreißigsten JuNi wurde dann von allen Parteien der An­trag angenommen, das Militärstrafgesetzbuch entsprechend abzuändern.

Ein Akt der Menschlichkeit.

Der Antrag des Reichstags auf entsprechende Aenderung des Militär-Strafgesetzbuchs ging dahin, daß bei Meuterei, militärischem Aufruhr und Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte, wenn ein minder schwerer Fall vorliegt und die Tat nicht im Felde begangen ist. die Strafe bis auf ein Iahr bezw. sechs Monate Gefäng- n i s ermäßigt werden kann. Diese Bestimmung ist jetzt nach der Annahme durch den Bundesrat und der Vollziehung durch den Kaiser in Kraft getreten. Sie wird den Erfurter Reser­visten noch zugute kommen. Wie seinerzeit gemeldet, wurde die auf den «fiten August an- gesetzte Berufungsverhandlung plötzlich vertagt. Die Verbindung dieser Vertagung mit der da­mals im Bundesrate wohl erfolgten Annahme des Abänderungsantrages läßt sich jetzt klar er­kennen. Für die Berufungsverhandlung haben nunmehr die oben angeführten milderen Be­stimmungen Gültigkeit. Die langjährigen, b i s- 6er an dem starren Widerstand der unbe­dingten Vertreter des Alten gescheiterten Bestre­bungen, das Militäfitrafrecht zu modernisieren, und, unbeschadet der Erfordernisse der Disziplin, mit den Geboten der Menschlichkeit in Einklang zu bringen, haben mit der Annahme des Notgesetzes durch die gesetzgebenden Fak­toren des Reiches ihren ersten Erfolg zu ver­zeichnen. Ter starre Buchstabe des Gesetzes wird in Zukunft kein Militärgericht nötigen, für Wittshausscklägereien und Trunkenheitsexzesse existenzvernichtende Zuchthausstrafen zu verhän­gen. Die Einfügung der mildernden Umstände in die einschlägigen Paragraphen des Milttär- strafgesetzbuchcs gestattet ein« individualisierte Behandlung der einzelnen Fälle und erlaubt den Richtern, neben der Gerechttgkeit auch Menschlichkeit und Milde walten zu lassen.

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Eine Jubiläums-Amnestie.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung gibt bekannt: Der kaiserliche Erlaß vom sechzehnten Juni dieses Jahres betreffend Erlaß und Milderung von Strafen aus Anlaß des Re­

gierungsjubiläums ist nunmehr im wesentlichen zur Durchführung gelangt. Er hat zu einer sehr großen Zahl von Gnadenerweisen gefühtt. Ihre Zahl beläuft sich aus ungefähr vierund­zwanzigtausend. (Erwähnenswert ist, daß die Norddeutsche Allgemeine Zeitung sagt, der Amnestieerlaß sei jetztim wesent­lichen" zur Durchführung gelangt. Die Erlasse erschienen am sechzehnten Juni, und die Perso­nen, die jetzt noch nicht in Freiheit gesetzt sind, aber noch auf der Begnadigungsliste stehen soll­ten, hätten dann also mehr als sieben Wochen Zuschlag" verbüßt.)

Set Friede Don Bukarest.

Der Abschluß des definitiven Friedens.

Am Sonnabend hat die Friedens-Kon­ferenz in Bukarest ihre letzte Sitzung abgehalten, in der beschlossen wurde, die Frage der Kriegs-Entschädigungen dem Haager Schiedsgerichte zu überlassen. Zur Reftifizie- rung der alten serbisch-bulgarischen Grenze wurde eine Kommission eingesetzt, und die bul­garischen Delegietten gaben eine neue Erklä­rung in der Frage der Revision ab. Sie gaben dabei der Hoffnung Ausdruck, die Groß­mächte würden den Opfern Bulgariens und den nationalen sowie wittschaftlichen Efioxder- nissen entsprechend die Lage Bulgariens verbessern. Die übrigen Delegierten ant- wotteten, daß der auf dem Gleichgewicht beru­hende Frieden definitiv sei und die bulga­rische Erklärung die Rechtskraft des Friedens nicht berühre. Die allgemeine Auffassung geht dahin, daß der Friede nicht revidiett werden wird. Gestern wurde nach der um neun Uhr erfolgten Friedensunterzeichnung unter Kano­nendonner in sämtlichen Kirchen ein T e d e u m abg»halten. Inzwischen liegen folgende neuen Meldungen vor:

Wie», 11. August.

Wie die Südslavische Korrespondenz meldet, ist die Türkei fest entschlossen, Adrianopel «nd Thrazien zu be­halten. Die Türkei sei gewillt, Bulgarien den Krieg z« erklären, falls Bnl- garien die formelle Rückerstattung des gesamten Gebietes ablehne.

Sofia, 11. August.

Der Ministerrat, der gestern unter dem Vorsitz König Ferdinands zusammen­trat, hat den Beschluß gefaßt, den Be­fehl zur Demobilisierung der Trup­pe» s o f o r t zu geben. Diese Demobili­sierung wird stufenweise erfolgen. Es werden in erster Reihe die ältesten Jahr­gänge entlassen.

Petersburg, 11. August.

Man rechnet hier bestimmt auf eine Revision des Bukarester Friedens-Ver­trages betr. Cawallas und hat den Wunsch, daß Cawalla unbedingt Bulgarien zu­geteilt werden müsse. Der Ton der Petersburger Presse verrät eine starke Verstimmung gegenüber Frankreich und Deutschland.

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung bemerkt in ihren Wochen-Rückblicken zu dem Friedensschluß in Bukarest: Wir freuen uns des glücklich vollendeten Werkes einer klugen und energischen Staatskunst, die dem König Carol von Rumänien und sei­nen Ratgebern in Europa und vor der Geschich­te Ruhm und Anerkennung sichert. Vor allem in Deutschland wenden sich lebhafte Sympa­thien dem ehrwürdigen Fürsten zu, der eine lange, für sein Land segensreiche Regierung mit solchem Efiolg gekrönt hat. Aus bett har­ten Kämpfen geht keiner der Balkanstaaten ohne neue Gebiete hervor, in denen lohnende Aufgaben und Hoffnungen winken. Auch wenn vielleicht nicht alle Fragen für immer gelöst sind, können die Kriegführenden sich beglück­wünschen, daß sie in Bukarest den Frieden gefunden haben, dessen der verwüstete Balkan und seine schwer heimgesuchten Bevölker bedür­fen. Auch Europa wünscht, daß nun endlich Frieden werde und bleibe!

Rußland droht den Türken!

Paris, 11. August. (Privatielegra mm.) Der Petersburger Korrespondent des Figaro teilt mit, daß zwischen Petersburg und Wien ein eifriger Notenaustausch in der Ka- walla-Frage stattfind« und daß man eine völ­lige Einigkeit der beiden Regierungen in dieser Frag« erwatte. Betreffs Adrianopels sei Rußland unnachgiebig und werde, falls die Tüttei den diplomatischen Vorstellungen nicht Gehör schenken wolle, zu Zwangs- matzregeln greifen.

Feuer im Botschafter-Haus.

Konstantinopel, 11. August. (Privattele- gramm.) In der Sommer-Residenz des französischen Botschafters in Therapia brach gerade in dem Augenblick Feuer aus, als ein Diner aus Anlaß der Rückkunft des

Bofichafters im Park stattfand. Von der an­wesenden Gesellschaft mußten viele unter Zu­rücklassung ihrer Hüt« und sonstiger Toilette­gegenstände flüchten. Der mitanwesende Sekretär der italienischen Botschaft erlitt Brandwunden. Das Archiv wurde gerettet.

Am Hof des Zaren. . Aus Kiderlen-Waechters Petersburger Er« inneruugen; russische Kultur- tu Hofbilder.

Im nächsten Hefte von Wettermanns Monats­heften beginnt George Eleinow mit einer Reihe von Aufsätzen, die den verstorbenen Staatssekretär von Kiderlen-Waechter als Menschen schildern. Dabet bringt Eleinow ans dem reichen brieflichen Nachlasse des Diplomaten eine Fülle noch unbekann­ten Materiales, wodurch Ktderlens origineller' Charakter in interessanter Weise beleuchtet rotrb.j Im Jahre 1880 entschied Bismarck, daß Ki­derlen-Waechter nach Petersburg gehen solle:Auf «inen Posten, wo cs viel zu tun gibt, wo man viel lernen kann und sich viel in den Salons bewegen muß." Mitten im Winter 1881 kam der junge Diplomat auf dem neuen, durch seinen großen Chef historisch gewordenen Felde seiner Tätigkeit an, und kurz darauf machte er bereits anläßlich der Neujahrsfeter eine große Hoffestlichkeit mit, die er in einem Briefe vom dreizehnten Januar 1881 ebenso anschaulich wie witzig geschildert hat. Der in­teressante Brief lautet: Neujahr. Morgens ging ich auf einen Sprung auf die Kanzlei, gratu­lierte dem Botschafter zum neuen Jahr und fuhr schließlich im höchsten Gala zum Winter­valais, wo um zwölf Uhr Neujahrscour war. Das Winterpalais ist ein kolossales, fenster- und säulenbelastetes Steingebäude, das mehr durch seine Größe, als durch seine Schönheit imponiett. Beim Eintritt in das Palais fand ich den mir von den Stuttgarter und Berliner Hofbällen her bekannten Mummenschanz aller möglichen Uniformen; da wandette neben dem schlanken Chevalier - Garde - Offizier der mißgestalttt« Japaner, nicht viel großer als ein Kind; daneben auf hohen Filzsohlen der be­kannte chinesische Marquis Tseng mit einer Brille und einem alten garstigen, aber unend­lich klugen Gesicht.

3« Samt und Pelz, mit krummem Säbel und in Stiefeln, die wie Strümpfe aussahen, stolziette em kaukasischer Füfit vorüber, zwischen unzähligen Hof- und Militäruniformen sah man den mit Edelsteinen (echt?) überladenen persischen Geschäftsträger bindurchschimmern; oben standen Wachen von Chevalier - Gardes mit dem riesigen Doppelad­ler auf dem Helm, von Tscherkessen in roten langen Röcken und mit den bekannten Kartu­schen auf der Brust und von reich vergoldeten graubärtigen Schloßgardisten. Nun ging es durch eine lange Reihe imposanter Sale, deren einer einen köstlichen Blick in einen Wintergar­ten gestattete. Alle fremden Missionen wurden nach Rang und Anciennttät (die deutsche Bot­schaft voran) halbkreisförmig in einem Zim­mer aufgestellt. Ich wurde vom Botschafter noch allen möglichen Größen vorgestellt, unter ande­ren auch dem reichen Stieglitz (cf. N^ckarblatt- le): der türkische Botschafter sprach längere Zeit mit mir. und zwar französisch, nickt türkisch. Die Türken und Perser behielten ihr« Kopfbe­deckung auf. Aus oller Herren Länder waren Vertreter do:Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich bier zusammenkamen? Bet gastlich" will ich biet gleich, um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, bemerken, daß

alles nur Augenweide

war: materielle Genüsse wurden nickt verab­reicht! Endlich hörte man den Hof sich allmäh­lich heranklopfen. Zuerst erschienen paarweise Diener, vom gemeinsten aufwärts; dann in der­selben Reihenfolge eine Anzahl Kammerjunker, und -Herren, da gab's alte und junge, schon« und häßliche, dicke und dünne, gerade und krumme, nüchterne und . - . nein, das waren sie doch alle, wenigstens taten sie so! Nach den Kammerberren kamen Generale, Exzellen­zen und solche Sachen. Endlich «fichieu der Kaiser Alexander der Zweit«, groß, schlank, elegant, aber doch recht alt. Er gab allen Missionschefs die Hand und sprach eini­ges wenige mit ihnen. Ich wurde vom Bot­schafter vorgestellt, worauf Seine Mazestat di« allerhöchste Frage an mich richtete: -Würt­temberger?" und ich die alleruntertauigste Antwort gab:Ja, Majestät." Damit schloß die denkwürdige Unterredung. An den gleich­falls vorgfitellten Engländer Hamilton richtete Seine Majestät eine ebenso lakonische Frage. Don andern nachher befragt:Quest-ce que 8. M. vous a dit?" antwortete Hamilton:II m a demandS quelque chose, que je nai pas eoIn­prise, alors j ai repondu, Oui Sir!" Echt Eng­lisch! Hinter dem Kaiser erschien

der Cezarewitsch

(sprich: Cesarswitsck), «in großer, stattlicher, nicht positiv magerer, hübscher Mann, etwa was die Wienersfick" nennen, der mich unge­fähr an den srüheren Livingsione erinnerte. Er hatte zwei klein- Buben bei sich, wahrscheinlich eigenes Gewächs. Sein« Gemahlin Dagmar, die der Kaiser geführt hatte, sieht aus wie ein junges Mädchen, aber nicht eben wie ein allzu hübsches. Dann war ferner noch die Grobkür-