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Caffeler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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IleAmeedesSchiösals.

Die französische Fremdenlegion und wir; der Kampf gegen Versuchung und Verführung.

Wie uns ein Privat - Telegramm aus Paris meldet, steht die Entlas­sung des ehemaligen Bürgermeisters Trosmel aus der Fremden-Legion für den 15. August zu erwarten. Zm französischen Kriegsministerium ist bereits die Verfügung unterzeichnet worden, die Troemels Entlassungin­folge DienstunfLhigkeit" ausspricht. Troemel wird «ach Marseille «nd von dort an die deutsche Grenze gebracht.

Die Tragödien der Gescheiterten, die in der Fremden-Legion Frankreichs eine letzte Zuflucht suchten und, am Rande der Verzweif­lung angelangt, unter der Sonne Afrikas ihres Daseins letzte Hoffnung grausam enden sehen: Sie häufen sich zu erschreckender Fülle. Oder vielmehr: Das düstre Schicksal der Opfer fran­zösischen Blutsolds ist näher an Auge und Ohr der Nation gerückt worden, greift schärfer und unmittelbarer an's Empfinden völkischen Hei­mat-Bewußtseins «nd mahnt eindringlicher als früher die Gewissen, die sich mit dem Ge­danken abgefunden hatten, in den Trägern der gallischen Legionär-Uniform die dunkle Schar der der Heimat Entfremdeten, mit Familie und Vaterland Zerfallnen zu beklagen, deren Mehr­zahl menschlichen Mitleids kaum noch würdig. Seit derdämmernde* Bürgermeister von Use­dom Amt und Heim verließ, um in der Legion der afrikanischen Söldner sein überhitztes Blut zu kühlen und märchenhaften Abenteuern nach­zujagen, ist ernste Ausklärungs - Arbeit bemüht, bxt deutsche Jugend (die leider immer noch das Haupt - Kontingent des Legion - Ersatzes stellt) über Bedeutung und Gefahr der Ver­pflichtung zur Fremden-Legion zu unterrichten, dem Werbe-System der französischen Seelenver­käufer entgegenzuarbeiten und Gescheiterte, die Reue, Scham oder Furcht aus dem Land der Heimat treiben, vor der Sflaverei im bunten Rock des Legionärs zu bewahren. Alle diese Bestrebungen verdienen rückhaltlose Anerkenn­ung und tatkräftigste Förderung, denn sie bekämpfen eine Gefahr, die nicht dem Einzelnen allein, sondern auch der nationalen Gesamtheit droht, der Jahr um Jahr blühende Jugendkraft entzogen wird, die unter der glü­henden Sonne Afrikas elend verkümmert und meist tragisch endet.

Indessen: Man übersieht, daß die Fremden- Legion nicht ausschließlich ihren Menschen- Ersatz aus jener internationalen Gemeinde von Verbrechern und Uebeltätern bezieht, die irgend eine Sünde wider Gesetz und Recht zur Flucht aus dem Vaterland gedrängt, sondern daß grade der Kern, der eigentliche Stamm der Legion sich aus Jenen zusammensetzt, die Abenteuerlust und Freude an Kampf und Krieg hinaustrieb in unbekannte Weiten, um dort Das zu finden, was sie in der Heimat vergeb­lich gesucht: Gelegenheit zur Betätigung über­schäumender Jugendkraft, die Möglichkeit Per­sönlicher Auszeichnung und die Aussicht, Ruhm und Ehren zu erwerben. Und grade Deutsch­land (das neben der Schweiz Jahr um Jahr den stärksten Menschen-Ersatz fiir die Fremden- Legion stellt) ist's, dessen Jugend nach den Feststellungen der Statistik in erster Linie die­sen Lockungen zum Opfer fällt, denn aus einer Veröffentlichung, die dieser Tage ein französi- scher General, der vordem selbst die Fremden- Legion als Kommandeur befehligt, französischen Blättern zur Verfügung stellte, geht her­vor, daß unter den bei der Legion neu-eintre- tenden Deutschen sich mindestens sünsund- siebzig Prozent befinden, die das Alter von vierundzwanzig Jahren noch nicht über­schritten haben, und daß unter diesen die weit­aus größte Zahl versichert, nur deshalb sich zum Dienst in der Legion verpflichtet zu haben, um (einerseits) Gelegenheit zur Auszeichnung zu erlangen, oder (andersefts) sich dem Dienst im deutschen Heere zu entziehen. Hier war also die Abenteuer-Lust die eigentliche treibende Kraft der Heimatflucht, denn der Hin­weis auf die Furcht vorm Dienst im deutschen Heer ist imgrunde ja auch nichts anderes als eine Umschreibung der Abenteuer-Sehnsucht, weil der Dienst in der Fremden-Legion, ver­glichen mit der Dienstleistung im deutschen Heer, dm Einzelnm in eine Sflavenrollc zwingt, die alle Menschenwürde ertötet und den Uniformträger zum stummen Dulder, zur Rümmer und zum Kaufobjekt macht.

Sechs ehemalige Legionäre, die ein freund­liches Geschick aus den afrikanischen Kasematten wieder zur Heimat entführt hat, habe« jüngst in Köln in einer öffentlichen VerfMmlung

dieTragödie des Fremden-Legionärs* auf­grund eigner harter Erfahrungen geschildert, haben gewamt und gemahnt, und die Richt­linien erörtert, die ein systematischer Kampf ge­gen das lockende Verhängnis der Sklaverei ttn bunten Rock ins Auge fassen müsse. Die Sechs, die da am Vortragspult das Drama ihres eig­nen Lebens als wamendes Beispiel für Andre aufrollten, erflärten übereinstimmend, daß der größte Teil der deutschen Jugend, die all­jährlich aufs neue die Kasemm von Saida und Oran bevölkere, von der Lust an Aben­teuern auf jenen Schicksalweg zum Unglück ge­drängt werde, und daß deshalb die wichtig- st e Voraussetzung eines erfolgreichen Kampfs gegen das Sklaventum der afrikanischen Söld­ner-Legion die Ableitung dieser übcrschäumen- den, nach Taten drängenden Kraft in den Dienst deutscher Kolonialarbeit sei. Man möge deutsche Freiwilligen- Corps für Südwest» und Ostafrika, für China und Deutsch-Guinea einrichten, Truppenteile für den Kolonial-Dienst, in Organisa­tion und Dienstform dem kolonialen Bedürf­nis angepaßt, in deren Reihen die deutsche Ju­gend, die der Drang nach Abenteuern über die Enge der Heimat hinaustreibe, ihre Kraft er­proben und im Dienst des Vaterlandes nutzbar machen könne. Man werde dadurch der französischen Fremden-Legion ihren Haupt­reiz für die Jugend nehmen und die jetzt dem Reich verloren gehende Menschenziffer der nationalen Kolonialarbeit erhalten.

Der Gedanke bat manches für sich. Tatsäch­lich ist der Deutsche, wie alle Germanen, aben­teuerfroh. und die Sehnsucht nach der Fern« wobnt in jedem deutschen Herzen. Es ist viel­leicht noch ein Erinnern an die großen Züge der Völkerwanderung, das hier, unbewußt aber lebensstark. sich regt und qrade in Herz und Hirn der Jugend jene Sehnsucht weckt, die in fernen Weiten das Glück erhofft. Dieser Emp­findungs-Stimmung verständig Rechnung zu tragen, ist das Gebot kluger Rücksichtnahme auf die Eigenarten der nationalen Psyche, und «S läßt sich nicht leugnen, daß der Gedanke, als Abwehr gegen die Fremden-Legion deutsche Freiwilligen-Corps in den Kolonien einzu­richten. diese Regung germanischen Empfin­dens durchaus richtig erfaßt. Organifatorische oder vcrwaltungs-technische Schwierigkeiten stehen der Verwirklichung des Planes nicht entgegen: im Gegenteil: Die Schaffung von kolonialen Freiwilligen-Corps würde sieb auf der bereits bestehenden Organisations-Basis leicht durchführen lassen und das Reich würde auf diese Weise eine Kolonialtruppe gewinnen, wie sie in dieser Qualität ein anderes Land kaum aufzuweisen hätte. Als vor Jahren für den China-Feldzug und für die Kämpfe in Deutsch-Südwest beim stehenden Heer Freiwil­lige verlangt wurden, waren die Meldungen so zahlreich, daß nur ein Drittel der freiwil­lig vorgetretnen Mannschasten und Unteroffi« ziere berücksichtigt werden konnte: Ein weiterer Beweis für die Tatsache, daß die Freude an Kampf und Abenteuer dem Deutschen tief im Blute sitzt und nur geweckt zu werden braucht, um für das Vaterland tatwitksam und nutz­bringend zu werden. Die französische Frem­den-Legion mit ihrem düstern Nimbus von Kampf und Ruhm, Abenteuern und Heldentat ist für viele unter den Opfern gallischen Goldes der lockende Versucher gewesen, der ihnen Glück und Ehre, Ruhm und Lorbeer verhieß. Machen wir diesen Versucher entbehrlich, Glück und Ehre, Ruhm und Lorbeer auf beut« scher Erde erreichbar, und wir werden das Gespenst des französischen Seelenverkäufers, das opfersuchend durch di« Lande zieht, aus dem Bereich deutscher Zunge scheuchen ...!

F. H.

Sie Schlacht bei Kanton.

Das Ende der chinestschen Revolution!

Die seit Sonntag früh andauernde Schlacht bei Kanton (China) zwischen den Rebellen und den Regierungstruppen hat mit dem Sieg der Regierungs- truppen geendet. Alle Truppensührer Kantons haben sich für Yuanschikai er- fiärt Der Generalgouverneur entfloh. Wie Depeschen aus Kanton melden, er­hielten die Aufständischen in der Provinz Ki- ängsi von Kanton, Hunan und Anhai Verstär­kungen. Ihr Zahl betrug am Tage der Ent­scheidungsschlacht 25 000 Mann. Am Sonntag und gestern wurden sie in einer großen Schlacht zurückgeschlagen. Die Nordtruppcn nahmen die wichtige Stellung haupt­sächlich durch ihre überlegene Artillerie. Ein britisches Dampfschiff wurde von den chi­nesischen Truppen beschossen, und ein Schutz

durchbohrte den Bug. Ein britisches Kanonen­boot kam dem Dampfer zu Hilfe und brachte ihn nach seinem Bestimmungsort. Seitdem der Generalgouverneur verschwunden ist. herrscht in Kanton große Bestürzung auf Seiten der Aufständischen, die noch vermehrt wird durch die Nachricht, daß di« Regierungstruppen nur noch zwanzig Meilen von der Stadt entfernt sind. Man glaubt nunmehr, daß sich die ganze Pro­vinz der Nordpartie anschließen und damit der Aufstand sein Ende erreicht haben wird.

Sie Waffenruhe nm Balkan. Verlängerung «m drei Tage!

In Bukarest ist gestern der Waffen still- stand, der am heutigen Dienstag, mittags um zwei Uhr abgelaufen wäre, um drei Tage verlängert worden. Das darf für den Verlauf der Friedensverhandlungen günstig ge­deutet werden. Die Verlängerung der Waffen­ruhe soll die letzte Frist bis zum Abschluß des Friedens zwischen den Streitenden fein. Auf die rumänische Anfrage über die Ansicht der Mächte über die voraussichtlichen Beschlüsse der Friedenskonferenz haben bisher England, Oesterreich und Rußland zustimmend erwtderi, Frankreich ist außer der Kawallafrage noch nicht formell einverstanden, die Antworten Deutschlands und Italiens stehen noch aus. Wir registrieren die folgenden, heute vor­liegenden Depeschen:

Bukarest, 5. August.

Die Friedens- Konferenz hat gestern auf Vorschlag des Präfidenten Majoresc« die Waffenruhe um drei Tage, also bis Freitag mittag verlängert. Rumänien erklärt, daß es nach diesem Waffenstill­stand eine abermalige Waffenruhe nicht zulaffen werde.

Wien, 5. August.

Die Militärische Rundschau bestätigt, daß die bulgarischen Streitkräfte in der Zeit vom 29. bis 30. Juli derart b e - deutende Erfolge über die Griechen errangen, daß die griechischen Truppen in eine sehr schwierige Lage ge­kommen und zurückgedrängt worden find.

Paris, 5. August.

Der Korrespondent desTemps* in Bukarest telegraphiert seinem Blatte, daß der Friede vorausfichtlich am Donnerstag unterzeichnet werden wird. Rumänien sei entschlossen, im Interesse des Friedens auf Bulgarien einzuwirken. Der rumänische Ministerpräsident Majoreseu hat gestern dem Korrespondenten des Pariser Temps erklärt, daß das bulgarisch-rumänische Abkommen einen provisorischen Cha­rakter habe und in das allgemeine defini­tive Abkommen zwischen den Verbündeten mit einbegriffen werden solle. Er will damit die feierliche Bestätigung der Solidarität der Verbündeten aussprechen. Die noch nicht gelösten Fragen benötigten eine Verlängerung der Einstellung der Feindseligkeiten, aber nur für drei Tage, und doch werde(wie Majoreseu erklärte) das der äußerste Termin sein, um die ganze Konferenz zu Ende zu führen. Am Er­folg der Konferenz selbst sei, wie der Minister versicherte, nicht mehr zu zweifeln, der Frie- b e sei vielmehr gesichert.

Am FriedenStisch in Bukarest.

Bukarest, 5. August, (Privat-Te- legramm.) Wie aus Delegierten-Kreisen verlautet, werden die serbisch-bulgari­schen Verhandlungen nunmehr im Sinne ge­genseitiger Konzessionen geführt. Die neue Grenze zwischen Bulgarien und Serbien wird ungefähr in der Mitte zwischen dem War- dar und der Struma liegen und dürfte bereits morgen vereinbart werden. Die Frage von Cawalla wird (so versichert man hier) wahr­scheinlich mit Zustimmung Griechenlands, den Großmächten zur Lösung überlassen wer­den.

KirbKiliffe für Adrianopel!

Konstantinopel, 5. August. (Pri- vat-Telegramm.) Wie hier bekannt wird, hat der bulgarische Unterhändler Natsche- witsch dem Großwesir erklärt, Bulgarien ziehe eS vor, die Frage von Adrianopel ohne Vermittlung der Großmächte direktmitder T ü r k e i zu lösen. Die bulgarische Regierung schlage vor, Adrianopel als autonome S t a d t zu neutralisieren. Dafür solle die Tür­kei Kirk-Kilisse behalten. Tie Türkei werde das Angebot Bulgariens erst nach dem Kollek­tivschritt der Mächte beantworten.

Ein Schiedsgericht der Machte?

Wien, 5. August. (Privat-Tele- gramm.) An hiesiger zuständiger Stelle wird erklärt, daß man die Forderungen Bulgariens für durchaus maßvoll halte. Im Falle einer Nichtverständigung der Kriegführenden in

Bukarest werde man diese veranlassen müssen, ein Schiedsgericht der Mächte anzu­rufen, das sich nicht nur mit der Aufteilung Mazedoniens, sondern mit allen Balkanfra­gen befassen werde. In diesem Falle werde dann das ganze Balkanproblem von den Mächten aufgerollt werden müssen.

Frankreichr Renaisinme?

Randbemerkungen z« den Naneh-Intenmez» zi; Frankreich, wie es fühlt und denkt, von

Dr. Fritz Friedmann.

Auch die jüngsten Zwischenfälle von Nancy zeigen, datz in Frankreich jetzt eine schärfere Luft weht. E« wird deshalb unsere Leser interessieren, über die gegenwärtigen Verhältnisse einen Mann spreche,: zu hören, dessen scharfer Blick ihn einst zum be­rühmtesten deutschen Verteidiger gemacht hat. Dr. Fritz Friedmann, der jetzt dauernd nach Deutschland zurückgekehrt ist, hat achtzehn Jahre in Frantreich al« Rcchtsbeirat gelebt und dabei Land und Leute sorglich studiert. Die Redaktion

Als ich Vor achtzehn Jahren nach Paris kam, herrschte in Frankreich die Stimmung völliger Gleichgültigkeit. Ich verkehrte damals mit einer Anzahl jüngerer Pariser Anwälte; darunter waren einzelne im Begriff, aktiv in die Politik einzutreten: Sie bewarben sich um ein Deputierten-Mandat. Ich war starr, wenn ich sie reden hörte. Nach ihrer Darstellung war Bestechung, Nepotismus, Erreichung aller Würden durch Frauengun ft und eine At­mosphäre, wie sie Zola bei dem ersten Auftre­ten Nanas im Theater schildert, der gleichblei, benbe, schmutzige Hintergrund aller politischen und sozialen Geschehnisse: Ein Marasmus sondergleichen! Die Dreyfus-Affäre brachte ein wenig Leben in diesen Sumpf. Aber auch dieAffäre" wurde begraben, Drehsus re- habilitiert, Picquart wurde Kriegsminifter und es schien, als ob dieser Bewegung nichts Nachhaltiges folgen sollte. Im Stürzen, Zu- sammenleimen und Äiederaufbauen von Mt« nisterien blieb alles beim Alten. Da kam em neuer Luftzug ins Land. ®it ersten Aero- plane flogen über die Städte, über die Flu­ren, über die trennenden Wasser. Der Jugend wurde das Geschenk eines neuen Ideals zuteil und noch dazu eines Ideals, das so recht für die Franzosen paßt, eines, für das man sein Leben riskieren muß. Man konnte wieder ein­mal in Frankreich für

eine geniale Idee

dem Tod ins Antlitz sehen. So ging denn auch seit den ersten großen Erfolgen der Blsriot und Latham bis heute zu denen des Distanz­fliegers Brindejone immer wieder derselbe Jubelschrei befriedigten National stolz es und gesättigter National-Eitelkeit durch das Land Wieder einmal konnten die Franzosen die stolze Ueberzeugung in sich tra- gen, daß sie, die der Welt schon so viele Erfin­dungen geschenkt (um sich deren praktischen Nut. zen wieder aus den Händen winden zu lassen), diesmal etwas gesunden und ausgebildet hat­ten, was sie aufs Neue zu Führern unter den Völkern macht. Und auf die Befriedigung des Ehrgeizes, auf das Prestige kommt es ihnen in erster Linie an. Das ist der Jungbrun­ne n, der sie neu belebt. Mitten hinein in ven vollen ersten Jubel über diese großen Erfolge des jungeü Frankreich traf derftoup d'Agadir , Seine politische Bedeutung für Frankreichs Stellung nach außen ist ja zu tausenden von Malen in der Presse gewürdigt worden; viel bedeutsamer aber vielleicht noch ist der Um­schwung, der sich seit jener Zeit im inneren Leben des französischen Volkes vollzog. Die Blagueure" fingen an zu verstummen: Pa- trioten (und damit natürlich auch Patrio- tarden) kamen zu Wort. Man

besann fich ans sich selbst,

auf die Revolution von 1789, auf Napoleon, auf die siegreichen Kolonialkriege, auf die Wiedergeburt nach 1870. Man rieb sich die Augen und fand, daß eS doch noch einiges an- bete in bei Welt gäbe, als feile Politiker, intri­gante Frauen und raubgesätttgte Spieler aller Art. Gute Kenner des Charatters ihrer Landsleute unter den leitenden Staatsmän­nern verstanden, der neuen Stimmung ent­gegenzukommen. Man begann, dem Bürger seine Brüder und Söhne wieder mehr in der bunten Uniform vor Augen zu führen. An den Sonnabend-Abenden wurden von Mille- rand, als er Kriegsminister war, längst ver- gessenr Militär-Retraiten mit klingendem Spiel wieder ins Leben gerufen und ... fanati« fierten die Massen. In den Theatern wurde nickst allein durch grob gezimmerte Stücke, wie das von der Räjane (als Dank für die glän­zende Aufnahme, die Deutschland ihr bereitet!) in Szene gesetzteLAlsace", sondern durch folche, die das viel tiefergehende und nicht allein dem einseitigen Revanchegedanken die­nende:Service" die patriotische Fiber ange­schlagen. Von der Jugend und vom einfachen Volk steigt die kräftige belebende Stimmung hinauf in das gereifte Alter, in die sogenann­ten leitenden Schichten.

Wer war Poinearee?

Der Mann des neuen Frankreichs. Der ehr­geizige Lothringer, der sein Land wieder groß machen will, der den Kontakt mit dem Voll