Einzelbild herunterladen
 

Casseler Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 203

Dienstag, 5. August 1813

Fernsprecher SSI und SSL.

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Sie Staffelet Neuesten Nachrichten erfcheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der AbonnementSpretS beträgt monatlich 50 Pfg. bet freier Zustellung ins HauS. Bestellungen werden jederzeit von der TefchäftSNelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag uns Redaktion: Schlachthofftratze 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bis 8 Uhr abends. Eprechftunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag vo.i 6 bi» 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedtichftr. 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

JnfertionSpreife: Die fechSgefpaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Pfg., für au», roärttge Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte«) Pf. Einfache Beilagen für die Sesamtaustage werden mit SMark pro Tausend be­rechnet Wegen ihrer dichten Berbreitung in der Restdenz und der Umgebung sind di« Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: »olnifch° Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße IS. Telephon: Amt Moritzplatz 12581.

Wriano Kaftro.

Castro in Venezuela gelandet; die Re­publik vor einer «euen Revolution:

Depeschen aus Caracas (Venezuela) zufolge ist Expräsident Castro tat­sächlich mit einer größere» Truppen- macht in Coro gelandet. Ein Teil der Bevölkerung hat sich bereits für Castro erklärt, und an der Grenze find verschiedene Orte von den Re­bellen in Flammen gesteckt worden. Die Mobilisierung der Regierungs­tr « p p e n wurde gestern beendet. Cipriano Castro, der Unermüdliche, der einst als Viehtreiber in den Pampas des ame- rikanischen Sikdens den Lasso schwang, der dann, ein Menschenalter später, zur Knute des Diktators langte und Venezuela unter die grau­same Gewalt seiner harten braunen Faust beugte; Cipriano C a st r o, der Europa und der Nankee-Union getrotzt, Greuel und Verbrechen gehäuft und Tausende von Menschenleben sei­nem Haß und seinem Autokratenwahn geopfert hat, der schließlich dann, als der dumpfe Groll der Unterdrückten mit elementarer Gewalt zur Rache drängte, dem Schauplatz seiner Taten entfloh und, ein Ewig - Ruheloser, die alte und die neue Welt durchquerte: Er regt sich wieder! Regt sich mit der un­geschwächten Energie des Tatmenschen, dem erst die Gefahr den Kampf wert und köstlich macht, und droht, im Hexenkessel Amerikas einen Brand zu entfachen, dessen Flammen weit über Venezuelas Grenzen hin­aus ins Land hineinzüngeln sollen. Cipriano Castro ist in des Juli letzten Tagen in dem venezolanischen Felsennest Coro gelandet, hat ein Abenteurer-Heer todverachtender Banditen um sich geschart und ist entschlossen, in raschem Siegcszug bis zur Hauptstadt des Landes vor­zudringen, um die Herrschaft des Autokraten, die vor ein paar Jahren seiner Hand entglit­ten, zurückzuervbern. Sei's mit, sei's ohne Blutvergießen; sei's mit Schrecken oder verzei­hender Milde!

Man erinnert sich: In Venezuela hatte sich gegen Don Cipriano Castro endlich die Gerech­tigkeit ernrannt und Ende neunzehnhundertacht brach in Caracas ein Aufstand gegen den Dik­tator aus. Der Vizepräsident Gomez, dem Castro nach dem Leben getrachtet hatte, kam seinem Gegner zuvor, stürzte Castros Regie­rung, übernahm die Präsidentschaft und erklärte Castro für abgesetzt. Castro war gerade in Europa, um sich einer Operation zu unterziehen. Auf die Kunde von dem Geschehenen machte er sich sofort auf die Reise und kam in Martinique (Französisch-Westindien) an. Aber die französi­sche Regierung wollte mit der braunen Exzel­lenz, gegen die heute noch in der amerikanischen Heimat ein Mordprozeß schwebt, nichts zu tun haben. Sie wies ihn aus: Mit Gewalt und unangefleidet wurde Castro an Bord eines Dampfers gebracht und abgeschoben. Der Zähe ließ sich jedoch nicht entmutigen:Geht es heute nicht, so geht es morgen." Also nach Europa zurück! In der Welt wird's still von dem alten Abenteurer. Aber schon im Juni neun­zehnhundertelf beginnt die Groteske von neuem: Ein geheimnisvolles Schiff, derKonsul Grot- stück", erscheint vor Haiti. Es heißt, Herr Castro sei an Bord und wolle nach Venezuela. Dies­mal ist's die amerikanische Regierung, die Castro das Spiel verdirbt. Ein paar Kriegs­schiffe der Union machen sich auf die Jagd nach demGrotstück". Aber scheinbar ist Castro doch geschickter als seine Verfolger: Er landet angeb­lich mit zweitausend Mann am Marakaibosee auf venezolanischem Boden und soll auf Cara­cas marschieren. Plötzlich jedoch wird's aber­mals still: Cipriano Castro geht in Luft auf samt seinen getreuen Zweitausend. Wohin er verschwunden, wieso, und was aus seinen Trup­pen geworden: Niemand weiß es!

Und wieder wird's still. Aber der alte Fuchs lebt; lebt sogar sehr kräftig, trotz des Aergers. den ihm die Amerikaner zu Anfang neunzehnhundertdreizehn bereiteten, als sie ihn alsunerwünschten Einwanderer" nicht nach Newvork lasten wollten. Und als er, nach lan- FT Kuraufenthalt auf Ellis Island, end­lich landen durfte, behandelte man ihn so grgutam, daß er noch um eine Nuance gelber wurde, als er schon war. Die übliche Pause ist nun wieder einmal abgelaufen. Castro, der Privatmann, ist nicht mehr; an seine Stelle ist Castro der Krieger, der Diktator und Napoleon, getreten. Drahtnachrichten melden daß es ihm gelungen sei, in Venezuela zu landen, die im Nordwesten des Landes an der Küste gelegne Stadt Coro zu erobern und einenGeneral" oder Gouverneur der Regierung auszuheben Wie weit die Operette diesmal gehen, oder ob ne tragisch enden und dem alten unruhigen

Freibeuter nun endlich sein Schicksal bereiten wird, steht dahin. Immerhin: Das Kapitel Castro ist eine nicht unangenehme Erheiterung in dem Ernst der andern Ereignisse einer sonst nicht ganz so operettenhaften Welt. Man muß sich diesen Konquistador nur vorstellen, um den

stellte die Polizei die Ordnung wieder her. Achtzehn Personen wurden bei den Zu­sammenstößen zwischen der Polizei und der Menge verletzt und neun andere wurden verhaftet

Am BsmbenS des Friedens?

Bulgarisch-rumänische Verständigung.

Die Verhandlungen der Bukarester Frie­denskonferenz haben bis jetzt einen von der schönen geraden Linie der europäischen Er­wartungen stark abweichenden Verlauf genom­men. Zunächst wurde von allen Seiten dem Verlangen eines W a f f e n st i l l st a n d e s mit einer Bereitwilligkeit zugestimmt, die keines­wegs der seither zutage getretenen Uneinigkeit entsprach. Dann ließen die von den Verbün­deten an Bulgarien gestellten Forderungen er­kennen, daß von einer Mäßigung der An­sprüche, wie man sie in Aussicht gestellt hatte, gar keine Rede sein konnte. Bulgariens Gegen­forderungen schlugen infolgedessen auch gänz­lich auf die andere Seite hinüber, indem sie eine Grenzfestlegung verlangten, die der veränderten Lage kaum entsprechen dürfte. Während sich hier Gegensätze ergeben haben, die trotz der offensichtlich beabsichtigten Uebertreibung einer Ueberbrückung dringend bedürfen, ist wider alles Erwarten eine von den Gesamtverhand- lungcu getrennte Einigung zwischen Bul­garien und Rumänien erfolgt, die man als vollständig und endgiltig bezeich- men darf:

Bukarest, 4. August.

Die gestrige Soudorberatung der Ru­mänen und Bulgaren führte zu einem vollständigen Einvernehmen zwischen den beiden Mächten. Die neue rumä­nische Dobrudschagrenze steht fest. Heute findet von zehn Ahr vormittags an eine neue Konferenz statt, auf der wahrschein­lich der Waffenstillstand verlängert werden wird.

ganzen Humor der Situationen zu erfassen. DerGeneral" ist ein winziger Zwerg, fünf Fuß hoch, mit südlichem Teint, kurz geschornem Bart und einem Schmerbäuchlein. Als er in Ellis Island söstsaß, bedeckte von Morgen bis Abend eine goldgestickte Phantasiekappe sein würdiges Haupt; seine Füße steckten in gold­gestickten Pantoffeln, auf denen er ruhelos hin und her klapperte, und feine Tätigkeit bestand darin, in spanischen Fluch-Tiraden Gott und die Welt zu lästern. Aber fein Stern scheint noch nicht erloschen: Die Landung in Coro ist der Beginn eines neuen Aktes in dieser düsteren Autokraten-Groteske, und wenn ihm diesmal das Schicksal freundlicher lächelt, sehen wir vielleicht in des nahen Herbstes Tagen den Abenteurer abermals auf Venezuelas Prä­sidentenstuhl. Der Viehtreiber alsAmerikas Napoleon": Ein Schauspiel für Götter und ein grausamer Hohn auf Ordnung und Kultur in jener Sphäre, die diesen finstern Autokraten zur Macht emportrug ...! F. H.

Vor einer neuen Revolution?

(Privat-Telegram m.)

Newhork, 4. August.

Expräsident Castro hat von Coro aus eine Proklamation erlassen, in der er in den schärfsten Worten den Krieg an den jetzigen Präsidenten von Venezuela, Gomez, erklärt Er sagt, die Uebernahme der Regierung durch "Ge­neral Gomez sei eine wahre Katastrophe für Venezuela gewesen; der General trage das Zeichen der Verräterei auf der Stirn Ve­nezuela habe ihn (Castro) um Hilfe angerufen, und er, ein Sklave der Ehre und der Pflicht, habe nicht gezögert, dem Hilferuf zu folgen Weiter sagt er, es heiße für ihn, Venezuela der Anarchie zu entreißen und mit der Hilfe von befreundeten Mächten aus der Grundlage der Gerechtigkeit Venezuela die Segnungen der Kultur und der Z i v il i sa t i o n wieder zu geben. Zu diesem Zweck rufe er die Bürger Venezuelas zu den Waffen. Es bestätigt sich, daß Coro von den Leuten Castros genom- m e n wurde und daß man den dortigen Gou- vemeur zum Gefangenen machte Die gegen- wärttge Regierung fammelt die Mannschaften zu einer großen Truppenmacht, um Castro gleich in der ersten Schlacht zu erdrücken In amerikanischen Regierungskreisen verlautet, daß Castro alle Vorbereitungen zu der neuen Revolution traf, als er sich noch in den Vereinigten Staaten aufhielt. Man will Be­weise dafür haben, daß er Waffen und Muni­tion für seine Anhänger in Venezuela von New- Orleans aus ab gesandt hat. Castto selbst hat sich bei seiner Abreise als italienischer Aus­wanderer ausgegeben und dadurch die ameri- kantschen Beamten getäuscht. Präsident Gomez hat der Regierung der Vereinigten Staaten mitgeteilt, daß die ganze venezuelanische Ra­tton zu ihm halte.

Ci» Gouverneur als Raubmörder?

Newyork, 4. August. (Prrvat-Tele- gramm.) Der frühere Gouverneur des Staa­tes Camveachp in Mexiko, Britto, wurde auf Veranlassung der mexikanischen Regierung we­gen Raubmordes in New-Orleans verhaf­tet. Nach der Verhaftung stellte sich heraus, daß Britto zwei Beamte des amerikanischen Justizdepartements zu dem Zwecke bestochen hatte, daß sie ihn in Freiheit lassen oder ihm einen Wink geben würden, falls ein Verhafts- befehl gegen ihn erlassen werde. Jeder Beamte hatte 500 Dollars von Britto erhalten. Die be­stochenen Beamten wurden ebenfalls verhaftet.

Krawall-Sonntag in Prag.

Kampf der Slave« gegen die Germanen.

Die Tschechen in Prag haben wieder ein­mal eineHeldentat" vollbracht: Gestern vormittag fand in Prag eine Protest Ver­sammlung der Tschechisch-radikalen Partei gegen die Landesverwaltungs-Kommission statt, und bei dieser Gelegenheit kam es zu wflden Exzessen:

Prag, 4. August.

Vor dem deutschen Konsulat hielt ge­stern der ffchechische Abgeordnete S o b o t k a eine aufteizende Rede, in der er erklärte, die Landesverwaltungskommission fei nur eine Episode in dem Kampf zwischen Ger­manentum und Slaventum, von dem zu sprechen jüngst der oberste Beamte des Deutschen Reiches die Kühnheit hatte. Hier unter den Fenstern des deutschen Konsulats kündigt das Slaventum den Kampf an. Als der Redner mit diesen Wotten den Regie» rungsvertreter unterbrach, erschollen wüste Pfuirufe, und die Menge drohte mit Stöcken

London, 4. August.

Der Bukarester Korrespondent des Daily Telegraph meldet seinem Blatte, datz aller Voraussicht nach der Friedensvertrag am Dienstag unterzeichnet werden wird. Die Friedensdelegierten werden darauf dem Könige von Rumänien in Sinaia einen Besuch abstatten und dann das Land verlassen. .

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung widmet in ihrer Wochen-Rundschau den Friedensverhandlungen in Bu­karest folgende Randbemerkungen: Die Schwierigkeiten dieser diplomatischen Verständigungsarbeit werden nicht unterschätzt. Man darf aber nach dem Bisherigen das Ver­trauen haben, daß die Konferenz ihr Z iel er­reichen und zu Ergebnissen führen wird, denen die Großmächte zustimmen können. In der Frage der Zukunft Adrianopels ist eine schärfere Zuspitzung vermieden worden. Die dauernde Wiederbesetzung Adrianopels würde den Anlaß zu einem neuen Waffen- gang zwischen der Türkei und dem an seiner Zukunft nicht verzweifelnden Bulgarien fort- bestehen lallen. Sie würde ein Hindernis für die von beiden gewünschte gute Nachbarschaft lein. Sie würde die Türkei zu unablässigen Militärischen Anstrengungen tn Thrazien und, für solche Zwecke, zum Verbrauch von Mitteln zwingen, die das osmanische Reich, mit mehr Nutzen für seine Zukunst, anderen Aufgaben zuwenden könnte.

Deutschland gegen Rußland?

Paris, 4. August. (Privat-Tele- gramm.) Der deutsche Botschafter in Kon­stantinopel, Freiherr von Wangenheim, hat (nach einer Meldung des Echo de Paris) den Großwesir davon in Kenntnis gesetzt, datz Deutschland niemals eine Besetzung türkischen Gebietes, selbst im enffernten Klein­asien, durch Rutz land zugeben würde. Die Erflärung der deuffchen Regierung (über die offiziell allerdings eine Nachricht noch nicht vor­liegt) hat auf der Pforte den besten Ein­druck gemacht.

Der neueste Schritt der Machte.

Konstantinopel, 4. August. (Pri- Vat-Telegramm.) Nachdem hier die In­struktionen der Großmächte für ihre Botschafter eingetroffen find, wird der neueste Schritt d e r M ä ch t e bei der Pforte noch heute er­folgen. Wie verlautet, werden die Vorstellun­gen in freundschaftlicher Form ge­macht werden. Man wird der Türkei gewich­tige Kompensattonen für die Abtretung Adria­nopels anbieten, die in der Hauptsache in Grenzberichtigungen bestehen. Von einem g e - waltsamen Vorgehen wollen die Mächte zunächst absehen.

Verlängerung der Waffenruhe!

. . ~ .. . . ------- Wien, 4. August. (Privat-Tele-

geaen die erntet des Konsulats. Schließlich gramm.) Nach hier einaetroffeneu Meldun­

gen aus Bukarest wird bestimmt versichert, datz der W a f f e n st i l l st a n d in der heutigen Sitzung der Friedenskonferenz auf weitere drei Tageverlängert wird. Die bulga- rische Regierung soll bereit sein, der Türkei eine Verbesserung der Grenzlinie Enos-Midia zuz«. gestehen. Ferner wird bekannt, datz Bulgarien Anlehnung andieTürkei suche, da eine neue Annäherung an Serbien ausgeschlossen sei.

Sinter dm Kulissen.

Als der Reichskanzler zurücktreten wolltet Aus der Geschichte der Milliarden-Deckung.

In diesen Wochen erlebt man die wenig er­freuliche zweite Auflage eines Schauspiels, das man schon im Jahre 1909 nach der Reichs- Finanzreform einmal kennen lernte. Die parlamentarischen Kämpfe um die Deckung des Neichsdefizits waren nur das Vorspiel zu stür­mischen Kämpfen, die einsetzten, als die Reichs-Finanzreform erledigt war. Ebenso streitet man sich diesmal, wer bei der Bewilli­gung der Neurüstungen den stärkeren Patriotis­mus bewies: Die Konservativen, die zum Schutz des Neichsgedankens" so reserviert blieben, oder die Andern, diezum Schutz des Reichs" so bewilligungsfreudig waren. Das sind nachträglich allerdings nur theoretische An­gelegenheiten: Eine Einzelheit aber, die die Debatte jetzt ans Licht gebracht hat, verdient doch festgehalten zu werden, weil sie in mehr als einer Hinsicht charakteristisch ist.

Kanzler und Bundesrat.

(Von unferm Berliner W. X.-Mitarbeiter.) Berlin, 4. August.

ImTag" hat soeben der bekannte freikon­servative Abgeordnete Dr. Ahrendt einen ArtikelDie deutschen Reichskanzler" veröffent­licht, in dem er zu der Ueberzeuguug kommt, daß Herr von Bethmann Hollweg im Gegensatz zu dem Mangel an Popularität, der seine Kanz­lerschaft auszeichnet, dochder schlechte st e nicht" ist. Wenn man Herrn von Bethmann Hollweg nachsage, er habe kein eigenes Gesicht, sondern sei im politischen Leben immer nur der Geführte, so sei das verfehlt. Gerade im Kamps um die Deckung der Heeres-Milliarden sei Herr von Bethmann der Führer gewesen. Die Deckungsvorlage sei s o geworden, wie sie der Reichskanzler von Anfang an wollte. Nun ist noch in aller Erinnerung, daß der Reichstag die Regierungsvorlage für das Milliarden- Opfer beinah anfden Kopf gestellt hat. Wie man da von einerFührung" des Reichskanz­lers reden will, ist scheinbar schwierig. Aber diesen Widerspruch scheint nun Dr. Ahrendt aufklären zu können: Die Regierungsvorlage, die Herr von Bethmann Hollweg dem Reichs­tag vorlegte, war gar

nicht das Werk des Kanzlers, sie war ihm vielmehr vom Bundesrat gegen seinen Willen aufgezwungen worden, nachdem Herr von Bethmann Hollweg vorher dem Bundesrat die Deckung der Rüstungsaus­gaben (insbesondere die Reichsvermögenszu- wachssteuer) vorgeschlagen hatte, wie sie schließ­lich vom Reichstag angenommen wurde. Da­mit stieß aber der Kanzler im Bundesrat auf den stärksten W i d e r s p r u ch, auf einen Widerspruch, der s o stark war, daß Herr von Bethmann seinen Rücktritt in Erwä. gung zog. Und dieser Rücktritt wäre Tat. fache geworden, wenn nicht Freiherr von Hertling, der bayerische Ministerpräsident, vermittelnd eingcgriffen und ein Kompro­miß zustande gebracht hätte, das als Regie­rungsvorlage dem Reichstag zu überweisen Herr von Bethmann sich schließlich auch ent­schloß. Wobei er dann die Genugtuung erlebte, daß der Reichstag diese Regierungsvorlage Über den Haufen warf und die ursprüng­lich vom Reichskanzler geplante Reichsvermö­genszuwachssteuer auf den Schild zu heben ..,

*

Was ist nun Wahrheit?

Unser Berliner W. X.-Mitarbeiter bemerkt aufgrund von Informationen aus zu­verlässigster Quelle, daß die Mitteilungen Dr. Arendts bezüglich der Vorgänge hinter den Kulissen der Deckungs-Verhandlungen in al­len Punkten der Wirklichkeit entsprechen. Man kann sich nun also erklären, warum der Kanz­ler im Reichstag die Regierungsvorlage so we­nig vetteidigt hat. (Von konservativer Seite ist ihm ja auch vorgeworfen, daß er sich einer zu großen Passivität befleißige".) Die Regierungsvorlage entsprach eben wirklich nicht seinen Ideen. Ist nun der Kanzler einMann des weichen Rückgrats", der sich vom Bundes­rat gegen seine Ueberzeugung eine Regie­rungsvorlage aufzwingen läßt? Oder ist er derüberragende Kopf", der weitsichtig in die Zukunft schaut, und der dem Bundesrat nur seinen Willen tat. weil er wußte, daß schließ-