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Kasseler Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

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Nummer 202.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 3. August 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Magdalenens Beichte.

Die Memoiren einer Kaiserliche« Hoheit: Was Luise von Toskana sah und empfand.

3tt einem Pariser Verlag find so­eben die Memoiren der einstigen Kronprinzessin Lnise von Sachsen, der jetzigen Ehefrau Enrico Toselli, in einer Am- und Neubearbeitung erschienen, in der mancherlei Ergänz­ungen und Besichtigungen Aufnahme gefunden haben, die die Mitteilungen der ersten Ausgabe vervollständigen. Namentlich find darin die Vorgänge vor und nach dem Verlassen Dres­dens ringehend behandelt und auch den Milieu-Schilderungen ist ein breiterer Raum gewidmet.

Das bescheidne Heftchen, das, grau und an­spruchslos in Form und Stil, vor mir auf dem Schreibtisch liegt, soll eine Lebensbeichte sein: Die Beichte einer Frau, einer Unverstand- uen; einer, die von sich selbst gesagt, daß ihr Erdenwandel dem Schicksal Magdalenens gleiche, und in harter Buße enden muffe. Wie eine Beichte klingts denn auch durch alle Zeilen dieses Buchs, das zum Herzen und zum Emp­finden, nicht zum Verstand uns zur Kritik spre­chen will. Und man mag die Reminiszenzen der Kaiserlichen Hoheit sonst beurteilen wie man will: Daß sie psychologisch intereffant sind, und in gewisser Hinsicht sogar als eine Art Kultur-Dokument angesprochen werden dürfen, wird kein unbefangen Urtei­lender leugnen können. Schon die Tatsache, daß ein Fürstenkind, das von der bekannten »steilen Höh'" hinabstieg und in den Niederun­gen des Daseins mancherlei Schicksal erfuhr, am Ende langer Irrfahrt sich auf sich selbst besinnt und nun in später Lebensbeichte das bunte Kaleidoskop einer wildbewegten Vergan­genheit mit allen ihren Stimmungen, Irrun­gen und Torheiten vorm Auge der breitesten Oeffentlichkeit aufleuchten läßt, ist ein Moment, dem selbst der trockenste Puritaner einen ge­wissen pikanten Reiz nicht absprechen kann. Und um es gleich von vornherein zu sagen: Die Leute, die Luise von Toskana mit dem Milli­meterstäbchen der Heuchelmoral messen und bet der Beurteilung der Irrungen im Leben dieser einstigen Kronprinzessin mit kaltem Pharisäer­stolz über die Milverungsumstände hinweg­sehen, die auch dieser seltsamen, über den Zu­fall ihrer Geburt gestolperten Frau nicht ver­sagt werden können; Leute, die schon beim me­lodischen Klang des Namens Toselli sich sittlich entrüsten, mögen in den losen Blättern der Er­innerungen des Toskaner-Kinds nicht stöbern. Sie haben ihnen nichts zu sagen und der Odem, der sie durchweht, bleibt ihrem Enrp- finden fremd.

Umsomehr wird Der aus der Lebensbeichte dieser.Unvetstandnen" herauslesen, der, ohne an die Verfasserin als an die (nach König Georgs öffentlich publiziertem Wort) »int Stil­len längst gefallne Frau" zu denken, die charak­teristischen Silhouetten der in dieser Menschen­tragödie austauchenden und verschwindenden Personen nach ihrem Erkenntniswert schätzt und Frau Luise Tosellis Memoiren ge­wissermaßen als ein Feuilleton über »die Welt auf der Menschheit Höhen" liest, geschrieben von Einer, deren Blick durch harte Prüfung ge­schärft wird, mag auch ihr Urteil unter der Einwirkung selbstverschuldeten Schicksals ver­bittert worden sein. Es ist eine seltsam geform­te Welt, die aus den Memoiren der Frau zu uns spricht, deren Mädchentraum es war, ein­mal »eine Königskrone tragen und um die Liebe treuer Untertanen werben zu dürfen": Eine Welt, die, an der landläufigen Vorstel­lung gemessen, wie eine häßliche Karikatur an­mutet, bar allen idealen und poetischen Gehalts und erfüllt von denselben ärmlich-vagen Klein­lichkeiten, Leidenschaften und Begierden, die auch in der Armut Hütte das Menschen- Dasein vergällen. Man schaut die Erhabenheit fürstlicher Hoheit, die fromme Legende und ehrwürdiger Brauch mit dem Nimbus unnah­barer Herrlichkeit umwebt, in ihrer natürlichen Kultur, sieht, wie auch im Reich der Gottes­gnaden - Tradition der peinliche Erdenrest menschlicher Schwäche und menschlicher Unvoll­kommenheit den Flug zur Höhe hemmt und lernt verstehen, wie winzig imgrunde genom­men das »Tal des Lebens" ist, das die Niede­rungen von den Höhen trennt.

Es mag an sich eine belanglose Episode sein, die Luise von Toskana in den ersten Ka­piteln ihrer Memoiren erzählt, aber sie ist als Symptom außerordentlich interessant: An «iner offiziellen Fürstentasel unterhalten sich die

beiden Brüder Ferdinand und Philipp von Koburg über den Kopf der zwischen ihnen sitzenden kleinen Prinzessin hinweg in ungari­scher Sprache über Dinge, die sonst nur in sehr vorgerückter Stunde im Rauchzimmer oder im Klub erörtert zu werden pflegen, und erst die resolut« Intervention der Siebzehnjäh­rigen endet das interessante Geplauder. Fer­dinand von Koburg, tatkräftiger und geschästs- kluger als sein Bruder, regiert heut als Zar der Bulgaren in den Balkanbergen, und sei­ner Enwicklung zum König von Gottes Gna­den hat's nicht geschadet, daß man vor Jahrzehnten, als er am Toskanerhof um die kleine Prinzessin warb, seine Eitelkeit belächelte und über seinen »ultra-schicken" Panamahut, über die gelben Stiefel und die grellbunte Kra- vatte bissig witzelte. (Jst's anders, wenn der Hans um die Grete wirbt?) Oder die Mo­mentbildchen vom Dresdner Königs­hof: Der König in Weißen Socken und Pan­toffeln, ein sehr frommer, aber auch sehr eng­herziger Mann, der es der Schwiegertochter nie verzeihen konnte, daß sie als Kind des Donau- lanbs schon in den Jugendtagen über die Enge Wettin'scher Farnilien-Tradition hinausge­wachsen war. Der die junge Frau des Thron­erben einst zürnend am Arm ergriff, und voll ehrlicher Entrüstung ausrief:Es ist ein Un- glück, daß Du in unsre Familie hineingekom- men bist!" (Hat man Achnliches nicht schon in andern Familien vernommen, die nicht auf den Höhen, sondern tief drunten im Tal wohnten?)

Oder das Porträt des Prinzen Max: Voll religiösen Eifers, fromm und gottesfürch­tig, vom flotten Garde-Schützenoffizier zur De­mut priesterlicher Selbstlosigkeit bekehrt. In der Verachtung äußern Glanzes so unempfind­lich gegen denStachel der Welt", daß matt ibn einst, auf der Heimfahrt von Freiburg nach Dresden, einige Stationen vorm Ziel aus dem Zuge steigen ließ, aus Fürcht, die schäbige Kleidung-der Königlichen Hoheit könne in der Residenz peinliches Aufsehen erregen. Außer einer Zahnbürste führte der prinzliche Priester kein »Gepäck" mit sich, und diese Zahnbürste war (wie Max seiner Schwägerin erzählte) zu­gleich seine Haarbürste ...! Warum Luise von Toskana, die Gattin des Klavierspielers Enrico Toselli, das alles erzählt? Aus Rache sagen die Einen: Um die Menschen, in deren Mitte sie einst Liebe und Glück genoß und deren Kreis sie dann um der Liebe willen in Nacht und Dunkel verließ, durch die Preisgabe ihrer kleinen Launen und Schwächen zu kränken; aus fluger Berechnung, erklären die Andern: Um für die Pläne, deren Verwirklichung immer noch die Sehnsucht dieser vom Schicksal hart zerzausten Frau ist, sich die Sympathie der Oef- sentlichkeit zu erkämpfen; aus Sensations­lust, grollen die Dritten: Um der Welt die Erinnerung an das »Opfer höfischer Jntrigue" wieder lebendig vors Auge zu zaubern! Wer will die Rätsel dieser seltsamen Frauenseele entschleiern, über die in vier Daseinsjahrzehn­ten so viel Gutes und noch viel mehr Böses geflüstert worden? Luise von Toskana nennt ihre Flucht in die Oeffentlichkeit eineLebens­beichte", und mag man auch in dieser Beichte Schuld und immer wieder Schuld erkennen: Man spürt in ihr auch das tragische Ver­hängnis, das das Leben dieser Frau ver­düsterte und dessen Sühne Friedrich Augusts einstige Gattin umso schwerer traf, weil eine Königskrone ihr Schicksal beschwerte und die Ehre einer Dynastie an ihrem Namen hing. Aber gibts nicht auch für die größte der Sünden reuige Buße und aufrichtige Sühne...?

F. H.

Krupp Skandal in England?

Schmiergelder und Militär- Geheimnisse.

. Nun hat auch England seine Krupp- Affäre, und zwar gewinnt es den Anschein, daß die Angelegenheit in ihren strafrechtlichen und moralischen Wirkungen noch weit schwer­wiegender ist als die jetzt vor dem Berli­ner Kriegsgericht im letzten Aft spielende deut­sche Affäre:

London, 2. August.

Gegen achtzehn Beamte des britischen Kriegsministeriums ist eine strenge Untersuchung eingeleitet worden, da sie stark verdächtig sind, Schmiergelder von Fa­brikanten angenommen zu haben. Es kom­men zehn Feldwebel und acht Zeugoffi­ziere in Betracht. Ten Fabrikanten soll unter gleichen Umständen wie in der Krupp-Affäre g e h e i m zu haltendes Material über Heeres- lieferungen zugänglich gemacht worden sein. Die Untersuchung in der Angelegenheit führt der Untersuchungsrichter Slaton. Es haben be­reits zahlreiche Vernehmungen von in die Af­färe verwickelten Fabrikanten und Armee-Liefc- lernten stattgefunden und das vorliegende Ma­

terial ist so schwerwiegend, daß an der Schuld der verdächtigten Beamten nicht mehr gezweifelt werden kann. Der Prozeß gegen die Angeflag- ten dürste bereits im nächsten Monat zur Ver­handlung kommen.

Bestürzung in Bukarest!

Die Friedens-Verhandlungen gefährdet?

Wie uns ein Privat-Telegramm aus B u k a r e st meldet, haben in der gesttigen Sitzung der Friedens - Konferenz die Verbündeten ihre sorgfältig formulierten B e - dingungen für das Zustandekommen des Friedens bekanntgegeben. Diese Bedingungen sind in rumänischen und bulgarischen Kreisen mit großer Bestürzung ausgenommen worden, da man nicht erwartet hatte, daß die Verbündeten so scharfe Forderungen stellen würden. Die Verbündeten verlangen nämlich: Als Grenze den Lauf der Struma, beginnend an der alten bulgarisch-türkischen Grenze bis zum Sarteri, dann über Kuka und Witkowa bis nach Makri am Aegäischen Meer. Bulga­rien solle allen Ansprüchen auf alle Inseln im Aegäischen Meer entsagen und die Entschä­digung der Einwohner im Grenzgebiete über­nehmen. Diese Forderungen sind für Bulga­rien direkt unannehmbar, und die Aus­sichten der Friedenskonferenz werde dadurch we­sentlich verschlechtert. Wir verzeichnen nachste­hende Draht-Meldungen:

Bukarest- 2. August.

Die hiesige Presse bezeichnet die For­derungen der Berbündeteu an Bulgarien als derart übertrieben, daß die Antwort Bulgariens wahrscheinlich ablehnend lauten werde. Bulgarien könne die ihm von de« Verbündeten zugemutete De­mütigung nicht dulden.

Wien, 2. August.

Die Neue Freie Presse erhielt aus Bukarest die Meldung, daß die Friedens- Verhandlungen sich einem britischen Punkte nähern. Der gefährliche Zwie­spalt bestehe zwischen Bulgarien und Griechenland und es handle sich um die Hafenstadt Cavalla.

Bukarest, 2. August.

3« diplomatischen Kreisen verlautet, daß Rumänien und Bulgarien sich völlig einig find. Die Verbündeten wol­len, falls Bulgarien versuche« sollte, die Verhandlungen himausznziehe», die krie­gerischen Operationen sofort wieder auf­nehmen.

Französische Blätter berichteten gestern, Ruß­land habe bereits in B e r l i n die Z u s a g e er­langt, daß Deutschland ein zur Einschüchterung der Türkei dienendes Vorgehen Rußlands un­ter gewissen Bedingungen ohne Einspruch lassen werde. Von einer derartigen Abmachung zwischen Deutschland und Rußland ist indessen (wie uns auf Grund von Informationen an amtlicher Stelle aus Berlin berichtet wird) nicht die Rede, und man kann es als Tatsache betrachten, daß Rußland vorläufig noch nicht d en Zeitpunkt für gekommen erach­tet, mit einer Sonderaktion einzufetzen. In diplomatischen Kreisen Sofias verlautete ge­stern, bet deutsche Reichskanzler habe bei der türkischen Botschaft in Berlin energische Schritte unternommen, damit die Türken sich auf die Linie Enos-Midia zurückziehen. Glei­che Schritte hätte der deutsche Botschafter in Konstantinopel bei der Pforte unternommen. Auch diese Meldung entspricht nicht den Tat­sachen, da die deutsche Regierung in der Bal­kanfrage bisher irgendwelche bireften Schritte nicht unternommen hat unb auch keine derarti­gen Schtttte plant.

Die Türken in Adrianopel.

Konstantinopel, 2. August. (Pri­vat-Telegramm.) Die türkifche Armee­leitung läßt Adrianopel in großem Stile ver­proviantieren unb mit Munition sowie Waffen versehen. Es hat den Anschein, als ob man mit einer neuenBelagerung rechne. Das Komitee für nationale Verteidigung veran­staltet große Pilgerfahrten nach Adrianopel. Es sind bereits mehrere Separatzüge mit Teilneh­mern von hier nach Adrianopel abgegangen. Ueberall werden Gottesdienste abgehal­ten, in denen für die Erhaltung der Stadt bei der Türkei gebetet wird.

Eine Niederlage der Griechen?

Sofia, 2. August. (Privai-Tele- gramm.) Die Niederlage der beiden griechischen Flügel hat bei den Griechen große Panik hervorgerufen. Fünf griechische Divi­sionen sind abgeschnitten und in dem Struma« Tefilee eingeschloffen. Diese Truppen müßten sich den Weg nach Saloniki bahnen, was aber unmöglich ist. Zwei andere griechische Divisio­nen, die die Berbindung mit den Serben auf­recht erhielten, find gleichfalls abg«.schnit«

ten. Die griechische Kammer bewilligte einen neuen Kriegskredit von fünfzig Millionen.

Die Türken werden kühn!

Wien, 2. August. (Privai-Tele- gram m.) Der türkische Botschafter in Wien, Hussein Hilmi Pascha, äußerte sich einem Mitarbeiter des Neuen Petersburger Journal gegenüber, daß die türkische Armee freiwillig Adrianopel niemals verlas, sen werde. Die Pforte betrachte die Londoner Friedensabmachungen, da sie durch Bulgarien gebrochen worden seien, als null und nich. t i g und lege auch den russischen und englischen Drohungen keinen besonderen Wert bei. Die Türkei werde bis auf den letzten Mann um Adrianopel kämpfen.

Bismarck md Viktoria.

Die Kaiserin Friedrich und Fürst Bismarck; 3mtimes und Charakteristisches vom Hofe.

Tatherine Kolb ceröffentließt Im neuesten Heft« derRevue" unter dem DittelViktoria, Äaifertn von Deutschland und Königin von Preußen" einen langen Aufsatz, b-r viele interessante Züge aus dem Leben der Kaiserin Friedrich und vom Leben am Berliner Hofe enthält. Die Verfastertn wurde im November des Jahres 1873 der deutschen Kron- Prinzessin in Berlin vorgestellt, und ste hatte dann in der Folgezeit Gelegenheit, da« Leben am damaligen deutschen Kaiserhof in allen Einzelheiten zu studieren.

Für die Geistesart der Kronprinzes­sin Viktoria, wie sie ihr erschien, erzählt die Verfasserin eine kleine Anekdote aus späte­rer Zeit: Sie wurde wieder einmal von der Kaiserin (in deren letzten Lebensjahren) emp­fangen, und das Gespräch wandte sich einer Person zu, über die sich zu beklagen die Kai­serin früher allen Anlaß gehabt hatte. »Ich war überrascht (so heißt es in den Aufzeichnun­gen) wie sich das Urteil der Kaiserin über diese Person verändert hatte. Sie sprach von ihr sogar mit einer gewissen Sympathie. Ich kon-tte nicht umhin, hierüber etwas zu sagen, und nun legte die Kaiserin die Hand auf meinen Arm und sagte:Wir wollen das Vergangene ver­gessen. Denken Sie an eine Grabschrist in der Westminsterabtei: Nescire et errare humanum est. Ich bitt zu dem Schluffe gekommen, das diese Worte das einzige Urteil enthalten, was wir uns erlauben dürfen. . .!" Wie eine Spannung zwischen dem Thronfolger unb feiner Gattin einerseits und dem Fürste« Bismarck andererseits endete, erzählt Ca­therine Kolb in einem längeren Abschnitt ihrer Erinnerungen. Sie vermutet, daß Lord Odo Russell, der Vertreter Englands am Berli­ner Hofe, dabei eine Rolle gespielt habe. Er soll Bismarck veranlaßt haben, bei einem Ge­burtstag sfeste der Kronprinzessin zu erscheinen. Charlotte Kolb erzählt darüber:

Die Kronprinzessin

gab eine Soiree und zum allgemeinen Erstau­nen erschien Fürst Bismarck, der sich von solchen Veranstaltungen, selbst beim Kaiser, ge­wöhnlich sernhielt. Ich erinnere mich noch ganz deutlich an diesen Abend. Man war in einem mit mattblauem Samt ausgeschlagenen Salon versammelt, dessen strenge Möbel viele Leute zu bitterer Kritik herausforderten: Es sähe wie ein Katafalk aus. Der Kronprinz und die Kron­prinzessin (so dachten wir) müßten gleich het- einkommen, als in einer Seitentür die Silhou­ette des Kanzlers in seiner weißen Kürassier- uniform erschien, ein imposanter Anblick, wie bei allem wahrhaft Großen. Die Anwesende« gerieten in Erstaunen. Bismarck wußte woh^ was für einen Eindruck fein unerwartetes Er­scheinen machte unb hielt sich etwas im Hin­tergründe, ließ jedoch mit einem spötti­schen Lächeln seine Blicke übet die Gäste schweifen, als mache er sich über die Aufre- Jung, die seine Anwesenheit hervorgerufen atte, lustig. Nach einigen Minuten öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers der Kronprinzes­sin, und diese betrat mit ihrem Gemahl unb ihrem Gefolge den Salon. Ganz ruhig blieb sie bei bet ersten Dame stehen, richtete einige Worte an sie, ging dann ohne Hast, aber mit der

Anmut und Würde,

wie nur sie sie hatte» burch ben Raum, blieb ab und zu stehen, um irgend jemanden mit einem liebenswürdigen Wort anzuteden und stand schließlich vor dem Kanzler. Es ent­spann sich zwischen Beiden ein Gespräch, das einige Minuten dauerte; Bismarck schien ver­legen, wenn man dieses Wort bei einer so gewaltigen Individualität gebrauchen kann, und während des Gesprächs zog er seine lan­gen Milttärhandschuhe durch die Hände.. Die Prinzessin dagegen sprach ttotz ihrer Liebens­würdigkeit nur höflich und ohne Wär­me, ohne aus ihrer königlichen Manier het- auszutreten. Nach etwa fünf Minuten ver­neigte sie sich leicht und ging davon. Nun schritt der Kronprinz auf den Kanzlet zu, aber sofort änderten sich die Dinge. Während des Gespräches mit der Kronprinzessin schien Bismarck verlegen'gewesen zu sein. Nun rich­tete er sich plötzlich entschlossen und stolz auf, hob den Kopf hoch, und jetzt war er eS, der das Gespräch mit dem Thronfolger führte, e r wat es, der Fragen stellte, e t beherrschte mit dem Gewicht seiner gewaltigen Persönlich-