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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 199.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, 31. Juli 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Ainzen-Romane.

Die Heirat desPrinzen vonThnrnu.Taxis mit der Schauspielerin Reichenberger.

Wie «ns ein Privat - Telegramm meldet, hat der frühere Prinz Ni­kolaus von Thurn und Taxis, der auf Rang und Titel verzichtet und den Namen eines Freiherr« von Hochstadt angenommen hat, fich so­eben mit der Münchener Schauspie­lerin Karola Reichenberger verlobt. Die Braut ist eine auffal­lende Schönheit und die Tochter eines Druckereileiters. Die Vermählung soll am 20.Aug«st inMeran stattfinden.

Um glücklich zu werden, muß der Prinz von Thurn und Taxis sich in einen Baron verwandeln, und um derStimme des Her­zens" folgen zu können, muß er auf alle Rechte und Privilegien, die der Zufall der Geburt ihm schon in der Wiege beschert, verzichten: Eine Tragödie, wenn man will, und im- grunde doch nur eine Komödie, denn alle Tatsächlichkeits-Momente des Ereignisses blei­ben von der prinzlichen Metamorphose unbe­rührt, und das Einzige, das fich verändert, ist nebensächliche Aeußerlichkeit. Der Baron von Hochstadt, als der nun der weiland Prinz Niko­laus von Thurn und Taxis an der Seite sei­ner schönen Braut durchs Leben schreitet, wird hoffentlich die Erwählte feines Herzens so glücklich machen, wie der Prinz von Thurn und Taxis der Geliebten es versprochen, und auch Fräulein Karola Reichenberger, die am Münch- tt Gärtnerplatz-Theater alle Welt durch die Grazie ihrer Kunst entzückt, wird (so hoffen wir) mit dem Schicksal nicht hadern, das ihr einen wackren Lebensgefährten beschied, der es über sich gewann, seiner Liebe den Visiten- karten-Stolz einer Fürstenkrone zu opfern. So weit präsentiert fich also der Roman dieses Prinzen als ein vom milden Licht versöhnen­den Schicksals überstrahltes Idyll, dessen leicht- getönte Schatten nur dem Empfinden der ethisch und ästhetisch Wertenden offenbar werden. Zwei junge, lebensfrohe Menschenkinder wagen, unbekümmert um Muhmengroll und Basenzorn, den Weg durchs Leben, kämpfen stark und stolz für ihre Liebe, und siegen auch, well die Stimme des Herzens den Drohrus griesgrä­miger Zionspriester vermorschter Traditionen hell und freudig überhallt. Aber selbst der Sieger wird derTradition" noch tributpflich­tig: Der Prinz, die Durchlaucht schwindet, und der Baron erscheint auf der Szene!

Im zwanzigsten Jahrhundert, dem Säku- lum der Aufklärung und des frei«, Menschen­tums. ein Schauspiel, das an da» grvteßke Bild einer englischen Tribunal-Szene erinnert, in deren Mittelpunkt der Priester der Gerechtigkeit in langgeringelter Puder-Perücke thront, während um denFels im Meer" in der Allonge-Perücke des achtzehnten Jahrhunderts das moderne Leben in seinen hrtettflbfkft und mannigfachsten Regungen brandet: Alte und neue Welt inniglich verbunden! Auch die Perücke des englischen Richters verkörpert eine Tradition; auch sie heischt Achtung und zie­mende Rücksichtnahme, aber während ihre feier­lich gepuderten Ringellöckchen nur für die Tauer des Gerichtstags das Jahrhundert de» Luft­schiffs und der Funken-Telegraphie in den Bann vergreister Vergangenheits-Ideale zwin­gen, belastet die Tradition derStandes-Rück- sichten" und desEbenbürtigkeltS-Prlnzlps" das ganze Leben der in ihrer schwülen Sphäre Atmenden, vernichtet unbarmherzig und grau­sam Menschenglück und Menschenhoffen und macht die ihr Hörigen zu stummen Duldern, zu Märtyrern des Geburtszufalls, oder aber (wie im Fall des Thurn- und Taxis-Prinzen und in Hunderten von andern Prinzen-Romanen, die mit einer sonnigen Apotheose starker und hochgemuter Liebe endeten) zuEnterbten des Glücks", zu Abtrünnigen und Ausgestvßnen, die, weil ihr Herz stolz und mutig war, sich nicht dem Zwang beugten, sondern ihr Ideal ab­seits von denHöhen, wo Fürsten stehn" er­kämpften. Der Baron von Hochstadt, der wackre Bräutigam der blendend-schönen Münchner Bühnen-Künstlerin, ist den gleichen Weg ge­schritten, den viel andre (die, wie er.auf der Menschheit Höhen" vergeblich sich' nach Glück gesehnt) vor ihm gegangen, und der Ver­zicht auf Rang und Titel, den dieTradition" von ihm verlangt, wird strahlenden Ersatz fin­den im Zauber treuer Liebe, deren Kraft sich stärker erwiesen, als die Fessel eine» zerbrök- kelnden Prinzips.

Die Geschichte aller Zeiten erzählt uns von Prinzen- und Fürsten-Romanen, tn denen die Liebe Motiv und Mittelpunkt der Handlung war, und grade im Habsburg'schen Kaiserhaus, dem ,jHort des Legitimitäts-Prinzips", hat die,

Kraft des Herzens sich meist stärker gezeigt als die Macht der Tradition. Von Johann Orth bis Franz Karl Burg führt der Weg fürstlichen Liebesschicksals vorbei an manchen Tragödien, manchen Seelen-Dramen, deren Aktschluß sich düster und katastrophal gestaltete; wir sehen aber auch den Sonnenglanz reinen Glücks zwi­schen finstern Schicksalwolken, und grade diese Erkenntnis ist's gewesen, die den greisen Franz Josef von Oesterreich, den starren Ver­teidiger des Ebenbürtigkeits-Prinzips und Pa. triarchen der Legitimitäts-Idee, immer wieder bestimmte, liebende Herzen des traditionellen Zwangs zu entbinden, wenn die Sehnsucht der Seele stark und kühn dem Gebot der Tradition widerstrebte. Erzherzog Franz Ferdinand, der einst Habsburgs Kaiserkrone tragen wird, folg­te dem Impuls der Liebe, als er Sophie Cho- tek, die Hofdame der Kaiserin, zur Gattin er­kor, und das Glück dieser Ehe ist so fest begrün­det, daß es keine Jntrigue und keine Kabale der von kabalistischer Meisterhand gewobnen Hof- politik je zu trüben vermag. Die Geschichte der Dynastien offenbart's in jedem Kapitel, auf jedem Blatt, daß das starre Festhalten am Ebenbürtigkeits-Prinzip" der Füxstenwelt we­der Segen noch Glück gebracht, daß es die Gefahr der Degeneration verhundertfacht und durch den Zwang zur Inzucht ganze Geschlech­ter schwächt. Wäre es keine Tat glücklicher Er­kenntnis, kein ttihnes Retterwerk, mit dieser Tradition des Verhängnisses endlich zu bre­chen und dem Menschen zu geben, was des Menschen ist: Anrecht auf Glück und Liebe nach freier Wahl des Herzens? Oder hätte es den alten Schild der Thurn und Taxis ent­weiht, wenn Karola Reichenbergers blühende Jugend den durch Jahrhunderte allen Stür­men trotzenden, mählich aber dorrenden Stamm verjüngt und neu gekräftigt haben würde. . . .? F. H.

ßurova und der Balkan.

WaS wird «««: Krieg oder Friede?

In Berliner maßgebenden Kreisen herrscht noch durchaus Ungewißheit über den in Aussicht genommenen Schritt der Mächte in Kon­stantinopel. Sicherheit scheint nur in einem Punkt vorhanden zu sein, nämlich darüber, daß die Mächte bei einer Vorstellung in Konstan­tinopel aus keinen Fall über den Rahmen einer diplomatischen Einwirkung hinaus­gehen werden, und daß von der Drohung einer G e w a l t a k t i o n für den Fall einer Weige­rung der Pforte, dem Ratschlage der Machte Folge zu leisten, k e i n e R e d e sein kann. In­zwischen liegen folgende neue Meldungen vor:

Bukarest, 30. Juli-

Die Friedenskonferenz wird heut» nachmittag hier eröffnet. Man hofft, noch in dieser Woche den Abschluß des Waffenstillstandes zu erreichen. Dagegen wird fich die Friedenskonferenz wegen der Beratung über die Verteilung Mazedoniens in die Länge ziehen.

London, 30. Juli-

Mit der Begründung, daß nunmehr die Entschließungen in Bukarest getroffen werden, wird die Botschafter-Konferenz in dieser Woche ihre Arbeite» einstellen und fich wahrscheinlich ein für allemal auflösen, da die weiteren Verhandlungen nun am Balkan stattfinden.

Wie uns weitere Depeschen melden, haben die bulgarischen Delegierten für die Friedens­konferenz in Bukarest die weitgehendsten Vollmachten erhalten, sodaß sie keine wei­teren Instruktionen von Sofia aus brauchen, sondern ganz selbständig handeln können. Blät­termeldungen zufolge erklärte König Karol von Rumänien bei einer Inspektion der in Bukarest gebliebenen Truppen den höheren Offizieren, daß in zehnTagenFriede sein werde. Rach Depeschen aus Sofia erhielt Genera? Iwanow bedeutende Verstärkungen gegen die Griechen. Es soll eine Schlacht im Gange fein, in der die Griechen geschlagen wurden

Adrianopel bleibt türkisch!

Pari», 30. Juli. (Privat-Tele- gramm.) Ter Konstantinopeler Korrespon­dent des Matin depeschiert seinem Blatte, daß er eine kurze Unterredung mit Enver Beim Adrianopel gehabt habe, der ihm fol­gende Erklärung machte: Sagen Sie offen und an alle, daß wir niemals Adrianopel räumen werden. Wir werden bis znm letztenMannsterbeu, wenn es nötig ist. Tas ist der Entschluß der ganzen Armee, das oll ganz Europa wissen.

Ein Kulinrvereins Zdhll.

Serajewo, 30. Juli. (Priva 1 tele­tz r a m m) Die Mitgliederversammlung des ms-ammedanischen Kulturvereins endete

gestern mit einem unerhörten Skandal. Zwischen den serbophilen und den kroatophilrn Muselmännern kam es zu Auseinandersetzun­gen, die zu einem regelrechten Ka m p f e führ­ten. Die ganze Einrichtung des Saales wurde zertrümmert. Von den einschreitcnden Poli­zisten wurden fünf verletzt. Die Zahl der ver­letzten Kultnrvereinler konnte noch nicht festge­stellt werden.

Sie Mland KLtaftrMe. Reue Einzelheiten über das Unglück.

Die eingeleitete Untersuchung über die Ur­sachen der grauenhaften Eisenbahnkata­strophe von Bramminge auf Jütland scheint ergeben zu haben, daß der Bahnkörper an der kritischen Stelle eine gewisse Schwäche ge­habt hat; der Gries hatte sich von den Eisen­bahnschwellen gelockert, und das eine Gleis scheint zu lose gewesen zu sein, um dem schweren Druck der dahinbrausenden Eilzugs- lokomotive widerstehen zu können. Dazu kämmt noch, daß das Gleis infolge der starken Sonnenhitze fich erweitert hatte. Wen die Schuld an der Schadhaftigkeit des Bahnkörpers trifft, ist noch nicht festgestellt.

An der Stätte des Dramas.

(Mitteilungen von unterrichteter Seite.) Kopenhagen, 30. Juli.

Die hiesigen Blätter bringen aufgrund der Darstellungen von Augenzeugen grauen­hafte Einzelheiten über die Katastrophe bei Bramminge. Die Wagen wurden zum Teil gänzlich zersplittert und zerschmettert. Unglück- seligerweise führte der Zug keinen Ver­bandskasten und kein Rettungsweikzeug mit. Da nun auch der Hilsszug aus Esbjerg mit den Aerzten erst etwa dreiviertel Stunde nach der Katastrophe ankam, erklärt es sich leicht, daß viele der schwer Verwundeten,' die vielleicht sonst hätten gerettet werden können, einfach verbluten mutzten. Die erste Rothilfe brachten einige mutige Frauen aus Bramminge, darunter die Frau des Arztes Hinkboel und eine sich dort in der Sommerfrische aushaltende Krankenschwester aus Kopenhagen. Diese beiden wurden in ihren Rettungsbestrebungen. tzprch einige der Passagiere unterstützt. Es lietz sich aber leider nicht viel ausrichten, da man nur sehr unvollkommen mit Verbandsstoff versehen war. Furchtbar war der Anblick vieler der Verwundeten. Der dänische Reichstagsabge­ordnete S a b r o e, der einen Wagen erster Klasse benützt hatte, war durch die Decke des zerschmetterten Wagens hinaus geklemmt wor­den, wo er

mit dem Kopf nach unten und einem Bein nach oben hängen geblieben war. In dieser furchtbaren Lage muhte er eine halbe Stunde lang verbleiben, bis man ihn endlich herausgesägt hatte. Er hatte noch eine schreckliche Stirnwunde davon- gettagen, und verschied, kurz nachdem man ihn auf die Bahre gelegt hatte. Entsetzlich waren auch die Qualen der bei der Katastrophe ums Leben gekommenen Deutschen. Die schrecklich­sten Wunden waren zweifellos die vielen Bein­verletzungen. Bei Eisenbahnunglücken werden die Sitze meistens zusammengedrückt, wodurch die Beine der Passagiere ab geschnitten werden. Es hat nach der Katastrophe leider auch an beschämenden Szenen nicht gefehlt. Ein junger Mgnn, dem das eine Bein zerschmet­tert worden war, wurde einfach in den Straßengraben gelegt, wo die vor­beifahrenden Wagen den Staub gegen sein blu­tiges Gesicht wirbelten, während Hunde über den Aermsten wegliefen und ihn beschnüffelten. Ein Junge, der nur bewußtlos war, wurde zu den Leichen hingelegt. Als er nach einiger Zeit aufwachte, wurde er auf sein Verlangen zu den Verwundeten getragen.

Die deutschen Opfer des Unglücks.

Wie dänische Blätter berichten, wäre der bei der Katastrophe umgekommene deutsche Opern­sänger Barre noch zu reiten gewesen, wenn er nicht infolge des späten Eintce«. frns der Hilfe einen so schweren Blut­verlust erlitten hätte. Frau Barre befindet sich jetzt im St. Josephs-Hospital zu Esbjerg, wo auch andere verwundete Deutsche untergebracht sind, unter andern Frau Krause-Charlottenburg und ihr vierjähriger Sohn, sowie ihre Schwe­ster, Frau Kohl. Herr Krause erlag seinen schweren Verletzungen Frau Eberheiner-Nürn- berg und ihre beiden kleinen Kinder büßten bei der Katastrophe ebenfalls ihr Leben ein.

Der Thron von Braunschweig.

Einzug in Braunschweig im November?

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 30. Juli.

Die Lösung der braunschweigischen Frage wird (wie in unterrichteten Kreisen verlautet) endgültig Anfang Oktober im Bundesrat

erfolgen. Es wird eine der ersten Aufgabe» des Bundesrats nach der Sommerpause sein, die braunschweigische Thronfolgerfrage zu re­geln. Es verlautet, daß schon in den nächsten Wochen eine vertrauliche Fühlung­nahme zwischen Berlin und Braunschweig stattfinden wird, die den Zweck hat, einen g e - meinsamen preußisch-braunschwei, gischen Antrag int Bundesrat vorzuberei­ten. An der Annahme dieses Antrages ist nicht zu zweifeln. In eingeweihten Kreisen ist man davon überzeugt, daß das junge Herzogspaai schon im November seinen Einzug i» Braunschweig halten wird.

Bazame, der Verräter? Der angebliche Verrat des Marschalls Ba> zaine im deutsch-französischen Kriege; di« Forschungen eines französtschen Historikers.

In der Fortsetzung feiner Studien über das zweit« französische Kaiserreich und seinen Sturz ist der franzö­sische Historiker Emile Ollivter bei Gravelotte und St.-Privat angekommen und verteidigt Bazaine. Er gibt zu, daß der Marschall Irrtümer militärischer Natur begangen habe, bestreitet aber dessen Verrat, Er zeichnet Bazaine al« c nen mutigen und beschei­denen Mann, der aber stets unentschlossen und zwei- felnd, klug im Ueberlegen, aber unfähig zum Entschluß, also das Gegenteil eines Feldhcrrn gewesen sei.

Marschall B a z«i n c ist (wie Emile Olli- vier behauptet) der Einzige gewesen, der die schrecklichen Ereignisse, die Frankreich in seinem unglücklichen Krieg gegen Preußen be- Vorständen, voraussah und bei seiner Abreise von Paris zur Front erklärte:Wir gehen einer Katastrophe entgegen!" Olli- Vier bemüht sich ferner in seinem Werk, ben Prozeß, den man Bazaine gemacht hatte, einer gründlichen Revision zu unterziehen und den zahlreichen Gegnern des Feldherrn zu bewei­sen, daß dieser tatsächlich zum größten Teil an den Niederlagen Frankreichs unschuldig war. Bor allem behauptet er, daß Bazaine ein Opfer des Hasses Mae Mahons wurde. Der Herzog von Magenta sei von einer wüten­den Eifersucht gegen Bazaine befallen wor- den, weil Kaiser Napoleon zu diesem sagte: Wir verdanken unser Schlachtenglück Ihren Raffchlägen und der Brauch will es, lieber Bazaine, daß der Verdienst und die Belohnung eines Erfolges den kommandierenden Genera­len zufällt und nicht den Leutnants." Der Haß, den diese etwas dunfle Lobrede bei - Mac Mahon entfachte, hat sich in dem furchtbaren Urteil Luft gemacht, das das Gericht von Tttanon fällte. Der Sohn Bazaines, der rm spanischen Heere dient, erzählte auch von entern bitteren Vorwurf, der seiner Mutter die letzten Lebensjahre verbitterte. Bekanntlich war die Gattin des Marschalls Bazaine eine der schon­ten Frauen am Hofe Napoleons und die tn» imste

Freundin der Kaiserin Eugenie.

Sie war es, die He Flucht des Marschalls aus dem Kerker von St. Marguerite veranstaltet hatte, um ihrem Gemahl Gelegenbett zu geben, sich gegen die ungerechten Vorwürfe ferner Feinde zu verteidigen. Diese Flucht wurde, in­dessen nur zur Waffe in den Händen feiner Gegner, und dies brach der armen Frau das Herz. Ein weit wirkungsvolleres Dokument für die Unschuld »azaines ist folgender PassuS in den Memoiren des Prinzen Hohen- lohe, des ehemaligen deutschen Reichs- kanzlers, der Gesandter in Paris war: Thiers hat mich besucht. Wir sprachen von Bazaine, und er nennt diesen Prozeß eine Infamie, die er gern verhindert hatte, was ihm jedoch nicht gelang." Dies gesammelte Ma­terial genügt nicht zu einer Rehabilitierung, aber es gründeten fich große Hoffnungen auf ein geheimes Dossier. Wenn auch manche Staatsmänner in Frankreich nicht der Ansicht sind, daß Bazaine ein Verräter im engeren Sinne des Wortes gewesen sei, so sind sie doch überzeugt, daß die taktischen und strategischen Fehler des Marschalls derartig zahlreich wa­ren, daß schon in diesen allein der Haupt­grund an dem Untergang des Kaiser- reichs und den Siegen der Preußen zu su­chen war.

Die Handlungen Bazaines lassen ahnen, daß er sich der Hoffnung hingab, Frankreich im letzten Augenblicke mit der bis dahin geschontenRheinarmee" zu retten und bei der Rückkehr im Triumphzug nach Paris die napoleonische Krone zu gewinnen. Hatte er nicht ähnliches unter der merikanischen Sonne geträumt? Er war nach Mexiko ge­schickt, um Erzherzog Maximilian als Kaiser einzusetzen, und arbeitete gegen ihn. Im Kriege gegen Preußen gingen alle Befehle Bazaines bis Mitte August darauf aus, die Positionen zu halten. Er wagte nicht einmal eine Gegen- attacke. Er schonte die Truppen, die feinen Zwecken dienen sollten. Einige Tage vorher verlangte Frossard, der bei S p i ch e r n in ein schwieriges Gefecht verwickelt war, von Ba­zaine, der eine Eifenbahnlinie zur Verfügung hatte, Unterstützung. Der Marschall verweigerte sie ihm mit den zynischen Worten:Frossard möchte wohl den Marschallstab gewinnen. Jede Hilfe würde nur seine Verdienste und die An- kvrücbe auf diesen von ihm so heiß begehrten