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Hesstsche Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 22. Juli 1913

Nummer 191

Fernsprecher 951 und 952.

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Sie Bitte der Königin.

Der Brief der Königin Eleonore an Car-

Das Balkan Drama.

men Shlva; Geschichtliche Reminiszenzen.

Wie wir bereits mitteilten, hat die Königin Eleonore von Bulgarien, die jetzt in Nieder- Sesterreich weilt, an die Königin Elisabeth von Rumänien (die bekannte Dichterin Carmen Shlva) einen Brief gerichtet, in dem fie die Königin bittet, vermittelnd und ver­söhnend in die Kriegswirren auf dem Balkan einzugreifen und Bulgarien vor dem Untergang zu bewahren.

Ein Ruf banger Sorge an eine Seele edel- . ster Menschlichkeit: So wird die Geschichte einst der Fl eh brief der Bulgaren-Zarin an Ru­mäniens Dichter-Königin charakterisieren. Kö­nigin Eleonore ist keine Maria Stuart, und Carmen Shlva, die Königin auf dem Ru- mänen-Thron, hat gewiß nichts van dem grau­samen Hochmut der englischen Elisabeth, aber in der gewaltigen Szene Schillers zwischen der ge­fangnen Marie und der wild triumphierenden Elisabeth, in dem Kniefall der Gedemütigten ist etwas ALgütiges für die Situation jeder zu Sturz gekommnen Frau, die den Resigna­tionsmut aufbringt, den schweren Bittgang zum Sieger zu tun, um Gnade zu erflehen. DennGnade" bleibt's immer, das da er­beten und gewährt oder geweigert wirr», in welche Umschreibungen und Varianten .mmer man das bittere Wort auch hüllen möge, wenn man vor.Interventran", vonVermittlung" und vonmilderen Friedensbedingung m" spricht. Gnade und Almosen bleibt's immer, um das da der Hilferuf geht. Und Königin Eleonore, die vor wenigen Wochen noch eine großbulgarische Zarenkrone,, den blitzenden Goldreif des Kaisers SYmoori, über ihres Gat­ten Haupte schweben sah, wird den furchtbaren Schicksalwechscl und den Zwang der Selbst­demütigung nicht minder hart und schneidend empfunden haben als ihre Vorgängerinnen auf dem Pfade der fürstlichen Dulderinnen. Sie ist die Dritte seit einem Jahrhundert, die mit der Schmerzenskrone auf dem Haupt den dornigen Leidensgang beschritten.

Eigentlich über ein Jahrhundert zurück schon liegt jener Märthrertag (auch im Juli war's: Dem von 1807), der Luise von Preußen in Tilsit vor dem unerbittlichen französischen Sieger sah. Eine Szene voll Schicksalwucht und Verhängnis-Gewalt, wenn auch in ihrer tragischen Gewalt nicht größer und erschütternder als die der Schillerschen Tragödie, weil es keine Schuldbewußte war, die in der Senkung des Haupts und der Beu­gung des Knies vor einem übermütigen Geg­ner Strafe und Sühne für begangene Fehler erblicken mochte. Eher mit stolz gehobener Stirn konnte diese Besiegte vor Napoleon hintretcn, den sie an Charakter-Reinheit und Herzens- Adel weit überragte, und sie machte auch in der Hoffnung gekommen sein, der harte große Mann werde sich nicht unempfänglich zeigen für die sittliche Gewalt der Weiblichkeit, die da ihre Ansprüche auf Gehört- und Gewürdigt­werden erhob; sie werde in dieser moralischen Würde (Moral" im höchsten Weltbegriff ge­nommen) sich eindrucksstark genug erweisen, um etwas für ihren Gatten und ihr Land zu er- zielen. Desto schmerzlicher mußte sie die Täu­schung empfinden, die sie erfuhr: Die brennende Demütigung, die sie nicht nur als Königin, sondern auch als Frau erlitt, als schöne, ge­priesene. an die Huldigung aller Welt gewöhnte Frau.

Sechzig Jahre darauf sah wieder ein Na­poleon eine gekrönte Bittstellerin vor sich, die eine Kaiserkrone trug: Die unglückliche Char- lotte von Mexiko. Das heißt: Er sah sie eigentlich nicht, denn er ließ sie nicht vor sich, sondern ^erschloß ihr seine Tür, weil ihm ihre Bitten, Anklagen und Vorwürfe zu wehgetan hatten, weil es ihm zu viel Herzeleid bereitet hätte, ihr nicht helfen zu können, ihr ein Nein sagen zu müssen. So wurde dieser verwei­gerte Empfang damals auf Bestellung kom­mentiert (die Variante des mitleidigen Geld­protzen aus dem Witzblatt:Werst mir den Armen hinaus, er bricht mir das Herz."). Wohl war sie nicht als Besiegte zum Sieger gekom­men. sondern zum Alliierten, zum Protettor ihres Galten, der ihn ja doch in das mörderi­sche Abenteuer hineingehctzt hatte. Mochte es auch die Verlegenheit des gewissenlosen Imstichlassens gewesen sein, das Louis Na­poleon die Begegnung mit der Mahnerin mei­den ließ, so lag doch der herzlose Hochmut des sich für unverantwortlich und unfaßbar Hal­tenden in dieser düstren Sicne eines Kaii'er-

Grenze in dem Präliminarvertrage verhindert.

Der Vormarsch der Türken unb die Besetzung AdrianopelS; neue Kämpfe zwischen Griechen und Bulgaren; Anarchie und Hungersnot in Sofia; die Revolutionsgefahr in Bulgarien; die Dynastie Koburg-Koharh gefährdet; die Friedensbemühungen der Großmächte.

Sofia, 21. Juli.

Zwei Divisionen türkischer Kaval­lerie und eine Divifion Infanterie find in Lüle Burgas augekommen. General Belcheff, der bulgarische Kom­mandant in Adrianopel, rüstet fich zur Verteidigung der Stadt. Die Be­setzung Ädrianopels durch die Tür­ke» dürfte heute beginnen.

Die Gräuel der Bulgaren verhinderten die Pforte indeffen, die Frage durch diplo­matische Verhandlungen mit Bulgarien zu lösen. Die Türkei sei daher genötigt, die Grenze bereits jetzt zu besetzen. Die os­manische Regierung schiebt Bulgarien jetzt bereits die volle Verantwortung für eine eventuelle Wiederaufnahme des Krieges zu.

Die letzten Kämpfe am Balkan.

(Meldung der Agence dAthenes.) Athen, 21. Juli.

Die Kämpfe zwischen Griechen und Bul­garen wurden gestern auf der ganzen Linie mit dem allgemeinen Vormarsch der griechischen Truppe» fortgesetzt. Der äußerste rechte Flügel stand im Tale von Nestos. Die Verfol­gung des Feindes erfolgte in der Richtung auf Nehomia. Das Zentrum hat vorgestern und gestern den Feind aus seinen gesamten Stellun­gen in der Richtung auf die Pässe von Creona herausgedrängt. Auf dem linken Flügel haben die griechischen Divisionen den Feind nach und nach aus allen seinen befestigten Stel­lungen bei Petschowo geworfen und die be­herrschenden Höhen nördlich Petschowo besetzt. Da die Rumänen in den Dörfern des Bezirks S i l i st r i a und anderer Bezirke, die sie besetz­ten. kein Militär zurückgelassen haben, herrscht

Die türkischeArmee hat von der türki- chen Regierung jetzt den amtlichen Befehl er­halten, Thrazien und Adrianopel zu besetzen, der Erlaß einer Kriegserklä­rung an Bulgarien wird in Konstantinopel augenblicklich erwogen. Alle Vorstellungen der Mächte, selbst die russische Drohung mit einem Einmarsch in Armenien, haben also die Türkei nicht zur Ruhe zu bringen vermocht. Da auch Griechenland und Serbien erklären, sich einem Druck Europas nicht fügen zu können, wenn Bulgarien ihre Bedingungen nicht annimmt, da ferner Rumänien mit Griechenland und Serbien über die Friedensbedingungen einig ist und im gleichen Maße seine militärischen Ope­rationen gegen und in Bulgarien fortsetzt, wie Griechenland, Serbien und die Türkei vorwärts rücken, müßte es zu einer Zermalmung Bulgariens unter dem vereinten Ansturm von vier Seiten kommen. An eine ernsthafte Intervention der Mächte glaubt man kaum noch. Wir verzeichnen die folgenden Draht- Meldungen:

Rom, 21. Juli.

dort volle Anarchie.

In amtlichen Kreisen fürchtet man allen Ernstes den Sturz der bul­garischen Dynastie. Hauptsäch­lich deshalb seien auch die Mächte bemüht, die Rumänen von einem weitere» Vormarsch abzuhalten, da ein Vorrücken gegen Sofia die Re­volution in Bulgarien bedeute.

Nach den aus Sofia vorliegenden telegra­phischen Meldungen beginnen dort geradezu anarchistische Zu stände einzureißen. Alles steuert mit einer beängstigenden Schnel­ligkeit auf die R e v o l u t i o n hin. Seit drei­viertel Jahr befindet Bulgarien sich im Kriegs­zustand. Die Kämpfe gegen die Türkei verlang­ten bereits das Einsetzen c r Kräfte bis zum Aenßcrsten; Griechenland, Serbien und Mon­tenegro litten nickt halb so schwer unter den Lasten des Krieges wie Bulgarien. Es ist des­halb begreiflich, daß die letzten Anstrengungen Bulgariens gegen die srüheren Verbündeten zum Zusammenbruch führen mußten. Die ge­samte männliche Bevölkerung steht unter den Waffen: Handel und Verkehr liegen still, Fluren und Felder verkommen. Die Hungersnot zeigt erst ihre ersten Merkmale, die A n a r ch i e wird im gleichen Maße wachsen wie die Preise der Lebensmittel steigen und wie die Bevölke­rung des Landes die ganze Wahrheit des mi­litärischen und politischen Zusammen­bruchs erfahren wird.

Die Gefahr der Revolution.

(Privat - Telegramm.)

Wien, 21. Juli.

Ein hier eingetroffener bulgarischer Kauf- mann schildert die Lage in Bulgarien und speziell in Sofia in den düstersten Farben. Sofia bietet das Bild heller Verzweif­lung und vollständiger Planlosig­keit. Die Umgebung Sofias besteht ans einem Heerlager, da alle bulgarischen Truppen hierher dirigiert wurden, um sich nötigenfalls dem Vormarsche der griechische» und serbischen Truppen gegen die Metropole entgegenzustellen. Die Stadt wimmelt von Verwundeten und Flüchtlingen, alle befinden sich in einem er­bärmlichen Zustande. Es mangelt an Acrzten und dem notwendigen Sanitätsmate­rial. Die Preise für Lebensmittel sind inS Ungeheure gestiegen. Die ganze Bevölkerung ist über die auswärtige Politik, speziell über die Aktionen Tancws. auf tiefste empört und die Gefahr einer Revolution nimmt immer dro­hendere Formen an.

Will die Türkei den Krieg?

(Privat-Telegramm.)

Konstantinopel, 21. Juli.

Vor der Entscheidungs-Schlacht!

(Privat-Telegram m.)

Saloniki, 21. Juli.

Die gegenwärtige Situation der griechischen, serbischen und bulgarischen Armeen deutet.auf eine sofortige allgemeine Schlacht hin. Der Schwerpunkt liegt im gegenwärtigen Augenblick im Tale von Res na, wo die Bul­garen sich verschanzt haben. Der rechte Flügel der griechischen Armee ist in einem Umgehungs­versuch bei Newrokop begriffen, um den Feind im Rücken anzugreifen. Das Zentrum und der linke Flügel drängen den Struma-Fluh entlang nach vorwärts und werden versuchen, die Bul­garen zwischen zwei Feuer zu nehmen. Die Griechen zogen gestern nachmittag in Newrokop ein. Der Einzug erfolgte, nach­dem ihm ein hartnäckiger Kampf mit den bulgarischen Truppen vorangegangen war, der auf beiden Seiten schwere Verluste brachte, da die Bulgaren sich heldenmütig ver­teidigten.

Die Kampfe um Newrokop.

(Amtliche griechische Meldung.) Athen, 21. Juli.

Nach den neuesten amtlichen Meldungen waren die bulgarischen Streitkräfte während der viertägigen Kämpfe um Newrokop viel zahlreicher, als man ursprünglich angenom­men hatte. Die Zahl der feindlichen Kanonen betrug zweiundzwanzig. Achtzehn wurden von den Griechen genommen, darunter sechs mit dem Bajonett. Die Bulgaren wur­den völlig vernichtet. Die Wege sind besät' mit Waffen, Munition und Militäraus- rüstungsstücken. Tie griechischen Truppen be­setzten Newrokop unter dem Jubel der griechi­schen und muselmanischen Bevöfferung. Tür­kische Soldaten feuerten an der Küste von Klein­asien mit Gewehren auf zwei griechische Segler. Die Besatzung wurde gezwungen, sich zu ergeben und nach einem unbekannten Orte ins Gefängnis geschafft, wo sie noch zurückgrhalten wird.

Die Friedens-Verhandlungen.

(Privat-Telegramm.)

Bukarest, 21. Juli.

Die Verhandlungen, eine Konferenz der Delegierten der fünf kriegführenden Mächte zum Zwecke der sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten, herbeizuführeu, dauern fort. Die rumänische Regierung schlägt als Verhand- lungsort das Königsschloh von Sinaia vor oder aber ein neutrales Schiff auf der Donau. Die Rumänen warten auf die Entscheidung der

an

Eine gestern ausgegebene Rote der Pforte die Mächte führt aus, die türkische Regie-

Bulgaren, Griechen, Serben und Montenegri­ner. Die rumänische Armee wird aber in der Zeit, bis eine endgültige Entscheidung getrof­fen ist, bulgarisches Gebiet besetzt halten. Sofort nach dem erfolgten Abschluß des Frie­dens werden dagegen sämtliche rumänischen Truppen hinter die Linie Turtukai-Baltschik

* zurückgezogen.

rung habe stets betont, daß die neue Grenze dem Maritza-Lanf nach Norde» folgen müsse, falls die Verteidigung der Dardanellen und der Hauptstadt möglich sein sollte. Nur der Wunsch der Großmächte, den Friedensschluß zu bekwleunigen, habe die Festlegung einer solchen

Dramas. Im Vatikan aber, wohin die arm« Frau alsdann den Bittgang richtete, konnte man ihr auch nur Trost statt Hilfe bieten und diese sand sie (für sich nur allein) in der Wohl­tat des Wahnsinns, der sie allem Elend entrückte und sie seitdem, beinahe ein halbes Jahrhundert schon, in der Schmerzlosigkeit der Sinnesumnachtung geborgen hält.

So tragische Allüren nimmt das Geschick für Eleonore von Bulgarien nun wohl nicht an, denn es ist noch nicht das Schlimmste, an eine so feinsinnige Frau wie Carmen Shlva einen Brief schreiben zu müssen. Nur helfen wird er allerdings wenig, und Schloß Ernstbrunn in Niederösterreich ist eine recht behagliche vor­läufige Zuflucht. Aber die Bitterkeit eines jähen Niedersturzes ist doch nun einmal da unb, bei allem Demokratismus der Zeiten bleibt man doch nicht unempfänglich bei den Katastrophen fürstlicher Herrlichkeiten. Eleonore von Bulga­rien fühlt des Verhängnisses Hand in ihrem eignen Schicksal: Sie, die gestern noch vom Volk umjubelt wurde, als sie, in der ernsten Tracht der Krankenschwester, aufs Schlachtfeld hmausschritt, um den Opfern des Kampfes Trost und Hilfe zu bringen; sie, die in den Siegertagen des ersten Balkankriegs den Ruhm der Dynastie Kobnrg- Kohary ins Mythisch- Heldenhafte emporwachsen, Gatten und Fami­lie im strahlenden Mittelpunkt lohender Volks- beqeisterimg sah: Sie hat, von drohender Ge- fahr gedrängt, Haus und Heim, Familie und Land verlassen, um unterm Schutze Oesterreichs das Ende der Tragödie abzuwarten, deren düstrer Aktschluß sich soeben am Balkan vorbe­reitet und deren Opfer wahrscheinlich Bulga- rien sein wird: Dasselbe Bulgarien, das in des Vorjahrs Spittherbsttagen wie ein Phönix auf den Trümmern der Türkenmacht zu Welt- bestaunter Ruhmeshöhe emporstieg. Der Brief der bittenden Königin an Carmen Sylva, die königliche Dichterin, wirkt wie feierlich-ver- söhnende Verklärung grausamer Wirklichkeit, wie ein Lichtblick inmitten der Verhängnis- Häufung eines unbarmherzigen Schicksals^..!

*

Hungersnot in Sofia!

(Privat-Telegramm.)

Wien, 21. Jull.

SBier hier eingegangene Depesche» aus bet bulgarische» Hauptstadt melden, lebt die Be­völkerung von Sofia zurzeit buchstäblich unter der Schreckensherrschaft der K r i e g s p a rte i. Da alle waffenfähigen Männer zur Front ab- gegangen sind, wird der Polizei- und Sicher­heitsdienst von Krüppeln und Jnvali- den versehen, die nicht imstande sind, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten. Morde und D i e b st ä h l e find an der Tagesordnung. Nachts wagt kein Mensch fich auf die Straße. Seit Tage» werden kein« Postsendungen mehr bestellt, und die Zeitungen erscheine» seit eini­ger Zeit nicht mehr wegen Mangels an Perso­nal. Nur einige offiziöse Blätter veröffent­lichen von Zeit zu Zeit kurze Depeschen vom Kriegsschauplatz, die von Erfolgen bulgarischer Truppen berichte». Die Preffe für Lebens­rnittel find enorm gestiegen, und man be­fürchtet in den nächste» Tagen den Ausbruch einer Hungersnot, da die Zahl der Ein­wohner Sofias durch die fast stündlich eintref­fenden Flücktlinge aus Mazedonien fast um das Doppelte gestiegen ist.

MsmarcksReichs-Grundrmg. Ans den Tagen der Gründung des Deutsche» Reichs; Bismarck und Ludwig von Bayern.

Neue Quellen zur SründungSgeschlchte de« Deutschen Reicher erschließt soeben «arl M-r> ander von M ü l l e r in derHistorischen Zeitschrift". Es handelt sich hauptsächlich um Aufzeichnungen aus dem Nachlasse des Grafen Karl von Taufkirch en. deS ehemaligen Bayrischen Gesandten in Petersburg und Rom, der ziemlich allgemein als kommend« Ministerprästdent galt und Ende August 1870 jum Maas-Departements-Präfekien ernannt morden war.

Bismarck suchte damals, birett oder indi­rekt, mit den politischen Führern Bayerns uni namentlich mit König Lubwig dem Zwei­ten selbst, in intimere Fühlung zu kommen und bediente sich zu diesem Zwecke auch der Ver­mittlung Taufstirchens. Er berief ihn am ,ie- benten September telegraphisch nach Reims. In einer zweieinhalbstündigen Unterredung kam Bismarck plötzlich nach einigen einleiten­den Bemerkungen über die neue Stellung Tanffkirchens auf die brennendedeutsche Frage" zu sprechen. Er wollte namentlich wissen,welche Absichten Bayern bezüglich des Territorialanteiles unb bezüglich seiner künfti­gen Stellung in Deutschland" habe, und ob es geneigt sei,in der deutschen Sache die Jni- ttative zu ergreifen". Taufflirchen hatte übet diesen Punkt keine amtlichen Instruktionen er­halten, erklärte sich aber bereit, die Anfrage Bismarcks weiterzugeben. Dann ging er selbst ru einem Eikunbiaunasvorttoß über und woll-