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Casseler Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

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Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 183

Sonnabend, 12. Juli 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Zusammenbruch!

Bulgarien wendet sich an Rußland. Die Sehnsucht in Sofia nach dem Frieden. Ein bulgarisches Sedan? Rumänien er­klärt Bulgarien den Krieg. Der Einmarsch rumänischer Truppe« in Bulgarien. König Ferdinand schwer erkrankt.

Politische Wetterwarte.

Des Kaisers Nordland-Fahrt. Des Kanzlers Sommerplage. Will Ru­mänien Krieg führen?

Nach der Kieler Woche tritt der Kaiser all­jährlich eine Fahrt in die nordischen Gewässer an, deren Stille und erhabene Küstenlandschaf­ten ihm Erholung nach mühseligen Staatsge- schästen und unendlich vielen Repräsentations­pflichten bringen sollen. In diesem Jahre wird der Monarch sich ganz besonders nach einer Ruhepause sehnen, denn in der auswär­tigen Politik stand seit Herbst des vorigen Jah­res ständige Kriegsgefahr am europäischen Ho­rizont, deren Bannung in erster Linie dem Kaiser oblag, und in der inneren Politik be­schäftigte ihn die Vollendung der Wehr- und Dcckungsvorlagen, die mit vielen Erwägungen verbunden war. Da das große Ziel der der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht im Deutschen Reiche glücklich erreicht ist, so hat der Kaiser erleichterten Herzens die Fahrt ange­treten. Aus dem Umstande, daß der Kaiser an­gesichts des neuen Orientkrieges und drohender Verwicklungen nicht von der Reise absah, ist in politischen Kreisen und namentlich an der Börse geschlossen, daß keine Gefahr im Verzüge sei. Einen derartigen Schluß kann man leider nicht unbedingt ziehen, wenn man an den Ma­rokkostreit des Jahres 1911 denkt. Gerade, als der Kaiser in den nordischen Gewässern weilte, waren die Verhandlungen zwischen Kiderlen- Wächter und Cambon auf einem höchst kritischen Punkte angelangt, sodaß England verdächtige Flottenbewegungen vornahm, um ein Zeichen seiner Kriegsentschlossenheit zu geben. Zur Zeit steht die russisch-österreichische Krise auf ihrem Höbepuntt, und jeder Tag vermag Ueberra- schungen zu bringen. Doch der Kaiser wird jetzt auf der See durch neue vorzügliche Einrich­tungen täglich, ja fast stündlich, über alle wich­tigen Vorgänge auf dem Laufenden erhalten. Es wird gegebenenfalls wohl nicht wieder Vor­kommen, daß er vont Sultan zuerst über die Geburt eines Enkelsohnes unterrichtet wird, wie es bekanntlich durch den Glückwunsch Abdul Hamids geschah. Sollten die russischen Probe­mobilmachungen an der Westgrenze des Reiches eine ernstere Gestalt annehmen, so würde der Kaiser binnen kurzer Zeit im Kieler Hafen zurück sein können. Durch die drohende Ge­bärde Rußlands läßt man sich in Wien und Berlin indes nicht so leicht wieder bestimmen, wie im Januar und Februar dieses Jahres.

*

... Meister muß sich immer plagen...! Während die meisten Verantwortlichen Leiter der Reichs- u. Staatsgeschäfte nach allen Richtungen der Windrose in den Feriennrlaub gereist sind, sitzt Herr von Bethmann-Hollweg im Kanzlerpalais an der Wilhelmstraße und hört die Vorträge des Staatssekretärs von I a - Roh), der gleichfalls das Los der Heimgeblie­benen teilen muß. Die Klippen der inneren Reichspolitik hat der Kanzler zwar zunächst überwunden, doch er weiß nicht, was aus den bitteren Angriffen noch herausspringen mag, die er täglich von den konservativen Organen über sich ergehen lassen muß. Herr vonHey- d e b r a n d hat keine Freude an der Wendung in der Reichssinanzpolitik, denn sie zeigte das Parlament in einer ungewöhnlichen Entschluß­kraft und Leistungsfähigkeit... ja geradezu in einer Führerstellung der Regierung gegenüber. Da der .ungekrönte König- gewohnt war, die Regierung zu leiten, wie es ihm gefiel, so paßt ihni natürlich die ganze Richtung nicht, und Herr von Bethmann-Hollweg muß dafür bü­ßen. Die konservativen Organe schreiben noch täglich von einer Bedrohung der bundesstaatli­chen Selbständigkeit, von gefahrvoller Demo­kratisierung des Staates und von Abwärts­entwicklung. Sie schelten über den schwachen Staatsmann, der sich dem Parlamentswillen beugte. Das Zusammenwirken des Zentrums und der Liberalen im Reichstag erweckt bei den grundsätzlichen Bekämpfern der preußischen Wahlreform große Bedenken, zumal aus den Amtsstuben des preußischen Ministerpräsiden­ten Gerüchte gedrungen sind, daß die Einlö­sung des »Königswortes- schon in nächstem Winter wieder das Abgeordnetenhaus beschäfti­gen werde. Wird der Kanzler auch in diesem Punkte weichen? so ftagt man unwirsch im La­ger der Rechten. Der Kanzler muß damit rech­nen, daß schon jetzt Intrigen zu seinem Sturze gesponnen werden, wenn er beim Gedanken an die preußische Wahlreform ertappt wird. Augenblicklich drücken ihn aber größere aus­wärtige Sorgen. Eine Verständigung zwi­schen Wien und Petersburg ist wieder in große Ferne gerückt, und die Minierarbeiten der rus­sisch-französischen Allianz verderben ihm das Friedenskonzcpt. Tie Tigrisschiffahrt droht zu einem kleinen Krieg zwischen englischen und

Auf dem Balkan haben sich im Verlaufe bei letzten vierundzwanzig Stunden hochwichtige Ereignisse abgespielt, Ereignisse, die umsomehr Aussehen erregen müssen^ als sie ganz uner­wartet plötzlich eingetreten sind. Nachdem sei­tens -der Bulgaren lange Zeit hindurch be­hauptet worden war. daß die serbischen und griechischen Siegesdepeschen nicht ernst zu neh­men seien, da sich der Sieg dauernd an die Fersen der Bulgaren hefte, war es während der jüngsten Tage auffallend still in Sosia. Das Gespenst drückender Sorge schlich durch die Gassen, und das Kriegsministerium hüllte sich in Schweigen. Nur aus den Erzählungen der massenhaft ankommenden Verwundeten ver­mochte man die reine Wahrheft zu hören, die nach all dem Siegesjubel wie niederdrückende Hiobspost anmutete. Und nun ist gestern das Unerwartete Ereignis geworden: Bulga­rien hat sichan Rußland gewendet mit dem Ersuchen, vermittelnd einzugreifen, da­mit die Feindseligkeiten eingestellt und dem Blutvergießen ein Ende gemacht werde!

Dieser ersten sensattonellen Botschaft gesellt sich die zweite, die zwar erwartet, aber doch immer wieder angezweifelt wurde, weil das Ereignis auffallend lange aus sich warten ließ: Rumänien hat Bulgarien den Krieg erklärt und feinen Gesand­te n in S o fi a ab b e ru f en! In der Note heißt es, die bulgarische Regierung habe es nicht für nötig gehalten, auf eine Mitteilung, daß Rumänien in Aktion treten werde, wenn der Krieg zwischen Bulgarien und Serbien- Griechenland anfange, zu antworten. Im Ge­genteil, der Krieg sei infolge der plötzlichen An­griffe der Bulgaren ohne jede Notifizierung ausgebrochen. Angesichts dieser Lage habe die rumänische Regierung ihrer Armee den Befehl gegeben, in Bulgarien einzumarschieren. Das letztere ist denn auch inzwischen geschehen. Das sind die neuesten Sensationen auf dem Balkan, durch die der ganzen Situation ein anderes Gepräge gegeben wird. Zunächst einige uns -beute zugegangene Privatdepeschen, durch die bewiesen wird, in welch kritischer Si­tuation sich das bulgarische Heer befindet:

Belgrad, 11. Juli.

Nach zuverlässigen Nachrichten sollen die Bulgaren, die bei Knicjaschewatz in eine förmliche serbische Falle gerieten, durch das serbische Artilleriefeuer buchstäblich dezimiert worden sein. Von achttausend bulgarischen Soldaten sei es keinem einzigen gelungen, über die Grenze zu entkommen. Ebenso waren die bulgarischen Angriffe bei Wasina, die aus Sofia als erfolgreiches Vordringen nach Wranja geschildert worden wäre», blu­tig abgewiesen worden.

Loudon, 11. Juli.

DerDaily Telegraph" meldet aus Athen: Privat-Telegramme aus Saloniki besagen, daß die Eisenbahnbrücke in der letzten Nacht von den Griechen in die Luft gesprengt wurde, und daß eine starke Abteilung grie­chischer Soldaten den einzigen Weg besetzt habe, der den Bulgare» zum Rückzug noch offen stand, General Iwanow ist also voll­ständig cingeschloffen und ein bulgarisches Sedan steht bevor.

Vielleicht ist um diese Stunde das bulgari­sche Sedan schon zur Tatsache geworden. Aus Sofia meldet man. König Ferdinand fei durch die schweren Auftegungen der letzten Tage auf das Krankenlager geworfen. Er fühlt, daß er das Spiel verloren hat. Zermürbt und ftank wie sein Heer nach den Entbehrungen im Kampf mit den Türken war, konnte es dem ge­meinsamen wütenden Ansturm der Serben und Griechen nicht mehr standhaften und so folgte, nachdem die Reihen einmal gebrochen waren, Schlag auf Schlag, bis man jetzt vor dem völ­ligen Zusammenbruch angelangt ist. Es ist eine Tragödie, aber sie ist in anbetracht der Haltung Bulgariens den Verbündeten gegenüber als verdient zu bezeichnen.

Ein Waffenstillstand.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 11. Juli.

Serbien und Griechenland dürsten sich ohne weiteres mit einem Waffenstillstände einverstan­den erklären. Sie werden Sicherheiten dafür fordern, daß der Waffenstillstand effettiv und nicht von Bulgarien zur Verstärkung seiner mi­litärischen Positionen ausgenutzt wird. Ferner werden sie verlaugen, daß der im Vorjahre zwischen Serbien und Bulgarien abgeschlossene Vertrag als nicht mehr existierend betrachtet, und daß über die Teilung Mazedoniens auf Grund der gegenwärtigen Tatsachen verhandelt

wird. Auch müsse Bulgarien wieder in den Baffanbund eintreten.

Wieder ein Gefecht?

(Privat-Telegramm)

Athen, 11. Juli.

Man nimmt in hiesigen militärischen Kreisen an, daß gänzlicher Mangel an Proviantzufuhr die Bulgaren zur Aufgabe der Orte Serres, Cavalla und Dedeagatsch gezwun­gen hat, und daß sie außerdem das Eingreifen der griechischen Flotte fürchteten. Der Gene­ralstab gibt bekannt, daß die Pässe von Stru- mitza gänzlich in den Händen der Griechen sind, die auch die Strumitza-Ebene besetzt halten. Am rechten griechischen Flügel ist ein heftiger Kampf im Gange. Einzelheiten fehlen noch. Die Griechen haben einen erfolgreichen Angriff ge­gen die Streitkräfte des Generals Iwanow aus geführt und die bulgarischen Truppen in die Flucht geschlagen. Tie Verbindung mit Serres ist seit einiger Zeit unterbrochen, die Postbeam­ten befinden sich auf der Flucht. In Sofia soll man bereits den Kanonendonner von der Grenze her vernehmen.

Die neue Grenzlinie.

(Priv at-Telegramm.)

Belgrad, 11. Juli.

Wie verlautet, ist zwischen Serbien und Griechenland bereits die künftige Grenz­linie, die von den Bulgaren gefordert werden soll, vereinbart worden. Sie soll von Okrita über die Seen und Monastir bis Gjewgelü ge­hen, das ebenso wie Monastir serbisch wird. Man glünbt, daß Bulgarien diesem Verlangen große Schwierigkeitne entgegensetzen werde, ist aber angesichts der gegenwärtigen Lage auf dem Kriegsschauplatz fest entschlossen, auf den Forderungen zu beharren.

Eine Stimme ans Rumänien.

(Privat-Telegramm.)

Bukarest, 11. Juli.

Der rumänische Einmarsch in Bulgarien zeigt, daß die Regierung fest entschlossen ist, ihr Programm Bulgarien gegenüber mit aller Energie durchzuhfüren. Die offiziöseRuma- nia", das Organ des Ministers des Innern, schreibt: Wir wiederholen noch einmal: Wir unterscheiden nicht zwischen Mobilmachung und Krieg. Wir haben den Großmächten und den Nachbarn klar gesagt, Rumänien will an der Regelung aller Balkanfragen teilnehmen. Die Bulgaren werden heute zu ihrem Schaden er­fahren, daß es Wahnsinn war, Rumänien zu provozieren.

Eine Frage aus Petersburg.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 11. Juli.

Ans Athen wird berichtet: Auf eine Frage der russischen Regierung, unter welchen Be­dingungen Griechenland bereit sei, einen Waf­fenstillstand mit Bulgarien zu schließen, erNärte M'nister»iräßdent Venizelos: Griechenland müsse sich erst mit den Bundesgenossen ausein­andersetzen. Der Ministerpräsident kündete je­doch an, daß Griechenland sämtliche Küstenstri­che Mazedoniens bis zur Mündung des ost­mazedonischen Flusses Nesta, einschließlich Drama und Zsanthi beansprucht; ferner ver­lange es für die Griechen und Muselmanen von Thrazien eine Autonomie unter der Ga­rantie Rußlands oder sämtlicher Großmächte.

Rumäniens Kriegserklärung.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 11. Juli.

In Berliner diplomatischen Steifen ist bis­her keine Bestätigung der heuttge» Times-Mel- dung eingetroffen, daß Rumänien gleichzeitig mit dem Einmarsch seiner Truppen in Bul­garien seinen Gesandten in Sofia abberufen und den Krieg an Bulgarien erklärt habe. Man ist hier geneigt, anzunebmen, daß Rumänien infolge der Erklärung des bulgarischen Ge­sandten in Petersburg seinen Vormarsch be­schleunigt habe, damit Rumänien bei den kom­menden Verhandlungen in Petersburg in mög­lichst günstiger Situation im Besitze des von ihm beanspruchten bulgarischen Besitzes dastehe.

Türkei und Balkan.

(Privat-Telegramm.)'

London, 11. Juli.

DerDaily Telegraph" meldet aus Kon­stantinopel: Die Türkei hat mit den Balkan­staaten Verhandlungen begonnen. Entgegen de» bisherigen Meldungen wird Dragumis vorläufig nicht nach Konstantinopel zurückkeh­ren. Die Verhandlungen werden bis zu deren Abschluß von Ghabel Kemal Bey geleitet.

deutschen Wirtschaftspolitikern zu werden. Frankreich wünscht, daß Deutschland in Ma­rokko gewisse Vorrechte aufgeben möchte und ruft England als Vermittler an. Die Raisuli- geschichte und der Mannesmannunmut lassen erkennen, daß in Marokko etwas nicht tu Ordnung ist.

*

In Rumänien sind die Würfel gefallen! König Carol hat den Bulgaren den Krieg er« Kart und feine Armee bereits marschieren las­sen. Bulgarien befindet sich am Ende seiner Kraft, es steht vor dem Zusammenbruch! Un­sere Ausführungen in dem besonderen Artikel dieser Nummer lassen darauf schließen, daß der Bulgaren-König das Spiel, das er wagte, verloren hat. Man wird in Sosia nach Lage der Dinge froh sein müssen, wenn.die vereinigten Griechen und Serben keine allzu großen Forderungen als Entschädigung für den ihnen aufgezwungenen Kampf fordern. Daß es bei der ursprünglich verabredeten Ver­teilung der Beute, die der Türken-Krieg brachte, nicht bleiben kann, ist klar, und auch den Ser­ben und beit Griechen nicht zuzumuten. Schon bie allernächsten Tage werden zweifellos wich­tige Ereignisse bringen. Für Bulgarien wird, nachdem ihm nun auch König Carol den Fehdehandschuh zugeworfen hat, nichts an­deres übrig bleiben, als auch die ru­mänischen Forderungen zu bewilligen. Mit den Bulgare» hat Rumänien niemals recht sympathisiert, und das zögernde kleinliche Ver­halten des Bulgarenreiches in der Silistria- frage hat vollends böses Blut gemacht. Ein Anwachsen des Nachbarn infolge der thrazisch- mazedonischen Eroberungen bedroht auch un­streitig bie rumänische Machtstellung. Daher kann Rumänien wohlbercchtigt eine Entschädi­gung verlangen, die nur die Kurzsichtigkeit des vermeintlichen Siegers ihm vorbehielt. Nichts anderes aber ist es, was Rumänien will, und wenn man sich in Sosia in zwölfter Stunde zum Entgegenkommen bereit erklärt, könnte man auch der bulgarischen Hilfe so gut als sicher sein. Denn ferne muß es Bukarest liegen, im panfiavistisch-russischen Fahrwasser zu segeln. Rußland vergißt man cs nie, wie heimtückisch es den Rumänen bie öbe Dobrudscha-Steppe gegeben unb das fette Bessarabien weggenom- men hat. ***

6te interessanter Besuch.

3m Schloß gtt Bukarest. Die Audienzen bei König Carol. Aus trüber Zeit. Hohenzollern und Collalto. Die Be­

ziehungen zu den Balkanfürstcn.

Ueber einen Besuch beim König von Ru­mänien plaudert Vico Mantegazza imCor- riere della Sera":Wenn man bei Könige» Audienz hat/ schreibt er,sollte man vorsichts­halber immer eine Viertelstunde früher kom­men; besser viel zu früh als auch nur eine Minute zu spät. Und das gilt vor allem für Audienzen beim König Carol, der die Pünkt­lichkeit selbst ist. Einmal passierte es jemand, daß er erst eine Viertelstunde nach der für die Audienz festgesetzten Zett in den Palast kam; der Flügeladjutant riet ihm. sich nicht erst beim König melden zu lassen, sondern sich schriftlich zu entschuldigen und vielleicht anzugeben, daß er wegen eines plötzlich eingetretenen Unwohl­seins nicht aus dem Hause habe gehen können; das sei das einzige Mittel, den König freund­lich zu stimmen. Anstatt aber den guten Rat anzunehmen, wollte der Mann unter allen Um­ständen empfangen werden. Und der König machte nicht die geringste Bemerkung und emp­fing denNachzügler" mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit. Der aber hatte die unglück­liche Idee, sein Zuspättommen mit einem Witz entschuldigen zu wollen: Pünftlichkeit, sagte er ungefähr, ist wohl bie Höflichkeit der Könige, aber nicht die der gewöhnliche» Sterblichen. Da sagte der König verbindlich lächelnd und mit einem leisen Anflug von Ironie, daß et von der Verspätung nicht so viel Wesens zu machen brauche, zumal da ja seine Audienz be­reits feit fünf Minuten beendigt sei. ... Und es wurden in der Tat sofort andere Personen empfangen: Der König wollte, um seine Pünkt­lichkeit ad oculos zu demonstrieren, keine von ihnen warten lassen. Und bei dem König von Rumänien ist dieser Respekt vor der Pünktlich­keit keine Pose, sondern eine absolute Notw M digkeit, da et einer der beschästigsten und

fleißigste» Menschen

ist. Als streng konstituttoneller König will er alles sehen, alles verfolgen, und ständig fast ist er mit einem seiner Minister bei eifriger Ar­beit.Ter Minister Soundso arbeitete heute früh mit seiner Majestät dem König zusammen" heißt es jeden und jeden Tag im Hosbericht. Und der König hat immer gearbeitet, von den ersten Tagen feiner Regierung an, als Rumä­nien nur ein bescheidenes Fürstentum unter türkischer Oberhoheit, ein Ländchen ohne Heer und mit so verworrenen Finanzen, daß nie- mand daran glauben wallte, daß die Dynastie Lobenrollern in Bukarest eiws und die Per-