Einzelbild herunterladen
 

Casseler NM Nachrichten

Casseler Abendzeitung

Die Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar »bendS. Der AbonnementSpretS beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung ins Haus. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Berlag und RedaMon: Schlachthosstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 M8 8 Uhr abends. Sprechstunden der Auskunft Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bis 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Frtedrichftr. 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

Hessische Abendzeitung

Jnserttonspreise: Die sechsgetpaltene Zeile für einheimische Geschäft« 15 Pfg., für au?, wärttge Inserate 25 Pf, Reklamezetl« für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Einfache Beilagen für Sie Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Taufend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung sind dt« Laffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnsertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnisch^ Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplah 12581.

Nummer 181.

Fernsprecher 951 mtb 952,

Donnerstag, 10. Juli 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Sie große Uebrnaschung.

Der neue Kriegsminister.

Nicht nur in militärischen Krei­se«, sondern ganz allgemein hat die Ernennung des Generalmajors von Falkenhahn zum Staats­und Kriegsminister große lieber» .aschung hervorgerufen. Aus der Reichshauptstadt wird uns zu dem Politischen Ereignis geschrieben: In militärischen Kreisen hat die Ernennung deS Generalmajors von Falkenhahn zum Staats- und Kriegsminister eine große Ueber- raschung hervorgerufen, denn Herr von Heerin- gen War der dienstälteste General, der nunmehr von einem der jüngsten Generale abgelöst wird.

Generalleutnant v. Falkenhahn,

der. neue Kriegsminister.

Mit der Berufung von Falkenhayns zum Kriegsminister ist gleichzeitig seine Beförde­rung zum Generalleutnant erfolgt. Da von Falkenhahn erst seit dem 22. April 1912 Gene­ralmajor war, so geschah seine abermalige Rangerhöhung außerordentlich früh, zumal jetzt erst die Generalmajors vom März 1911 zur Ernennung zum Generalleutnant anstehen. Ferner erregt es in militärischen Kreisen be­sonderes Aufsehen, daß der neue Staatssekretär für Deutschlands Heerwesen in seiner bisheri­gen Laufbahn dem Kriegsministerium über­haupt noch nicht angchörte. Da die meisten Amtsvorgänger von Falkenhahns vor lieber« nähme der Leitung des Kriegsministeriums schon längere Zeit in ihm tätig waren, so liegt eine Neuerung in der Gepflogenheit vor. Es wird sicherlich ein hohes Maß von Umsicht und Geschick für den neuen Kriegsminister erforder­lich sein, wenn er sich sofort in den Verhältnis­sen des Ministeriums zurechtfinden und seine verantwortliche Tätigkeit ausüben soll.

Eine Schonzeit, wie sie sonst die Minister und selbst der Reichskanzler, um mit den Wor­ten Caprivis zu reden, für sich in Anspruch nehmen können, wird von Falkenhahn nicht finden, denn mit den Vorbereitungen zur gro­ßen Heeresvermehrung im Herbste dieses Jah­res muß unverzüglich begonnen werden, nach­dem Reichstag und Bundesrat ihre Zustim­mung erteilt haben. Der reine Verwaltungs­dienst, dem der Kriegsminister fast den größten Teil seiner Amtsführung widmen muß, ist Herrn von Falkenhahn einigermaßen fremd. Auf seinen verschiedenen Posten im General­stab hat er zwar Gelegenheit gefunden, sich mit Verwaltungssachen zu befassen, aber doch nicht in einem Umfang, tote ihn das Kriegsministe­rium erforderlich macht. Die Hauptschwierig- keit für den neuen Kriegsminister liegt in dem Umstande, daß auch alle hervorragenden Mitar­beiter des Herrn von Heeringen aus den von ihnen geleiteten Ministerialämtern verabschie­det werden. Die drei Direktoren im Kriegsmi­nisterium, Generalleutnant von Wandol, Generalleutnant von Staabs und Oberst Adams gehen gleichzeitig mit ihrem bisheri­gen Vorgesetzten in andere Felder militärischer Tätigkeit über, und ihre Nachfolger kommen ebenfalls nicht aus dem Kriegsministerium. In militärischen Kreisen herrscht die Ueberzeu- gung, daß mit diesem großen Schub der Per­sonalwechsel in der obersten Militärverwal­tung noch keineswegs beendet ist. Die einschnei­dende Umgestaltung des Kriegsministeriums muß schon deshalb einen starken Eindruck Her­vorrufen, weil die gleichen Männer, die die großen Wehrvorlagen vorbereitet und im Reichstage schließlich mit Erfolg vertreten ha­ben, nicht mit der Durchführung betraut wer­den. Mit einem Schlage sind sie von der Bild­fläche verschwunden. Eine gewisse Verwunde- runa in dem höheren Ofsizierkorps und selbst

in politischen Kreisen ist also nicht verwun­derlich, und die etwa vorhandenen Gründe zu den getroffenen Maßregeln werden überall leb­haft erörtert.

Eine Berufung des Generalmajors von Falkenhahn wird dabei vielfach in erster Linie auf den Einfluß des Generalstabschefs von Moltke zurückgeführt, der ein vollkommenes Einvernehmen ztvischen dem Kriegsministe­rium und dem höchsten Vertrauensmann des obersten Kriegsherrn wünscht. Die Beziehun­gen von Moltkes und von Falkenhahns sollen von ausgezeichneter Art sein. Die Spatzen Pfif­fen schon längst von den Dächern des General­stabsgebäudes und des Kriegsministerimns, daß bedeutende Gegensätze zwischen den Gene­rälen von Moltke und von Heeringen bestän­den. Man erinnert sich, daß vor Einbrinaung der neuen Wehrvorlagen außerordentlich scharfe und sachkundige Ausführungen in der Presse, die dem Kaiser unterbreitet zu werden Pflegen, erschienen, worin die sofortige Erhöhung der Wehrkraft des Reiches gefordert wurde. Be­kanntlich hatte Kriegsminister von Heeringen noch bei Beratung der vorjährigen Militärvor­lage in bündiger Form die Versicherung abge­geben, daß eine weitere Vergrößerung des Hee­res in absehbarer Zeit überflüssig sein werde, weil die Rüstungen für alle Fälle genügten. Eine ganz andere Ansicht wurde beim General­stab vertreten, und diese ist siegreich durchge- drungen. Für die Wünsche des Reichstages und des Volkes bezüglich der geforderten Ge­genleistungen in anbetracht großer finanzieller Opfer ist Kriegsminister von Falkenhavn zu­nächst ein unbeschriebenes Blatt. Die Nation kommt ihm indes mit der Erwartung cntgegtn, daß er sich mit der Ergebenheit des Heeres auch das Vertrauen des Volkes erwerben wird. Ein Bruder des jetzigen Kriegsministcrs hat den Kronprinzen in den Geschäften der in­neren Verwaltung unterwiesen.

Set Mkanbtmd.

Die allgemeine Lage.

Politische Zeichendeuter wollen aus der Pe­tersburger Meldung, daß Minister Ssasanow trotz der Lage auf dem Balkan in Urlaub gehe, schließen, daß die allgemeine politische Lage nicht allzugefährlich sein könne. Dieser optimi­stischen Auffassung könnte entgegengehalten werden, daß, einem Drahtbericht aus Paris zu­folge, die russische Diplomatie eine Aktion vor­bereitet, um sofort nach dem ersten entscheiden­den Siege einer der kämpfenden Parteien dem Kriege Einhalt zu tun. Man befürchtet in Pa­ris, daß die Situation auf dem Balkan für den Frieden Europas ernstliche Gefahren in sich schließt, es wird ge­sagt. daß Rußland von feiner Reschützerrolle der Balkanslaven trotz der letzten schweren Ent­täuschung nicht abgehen und eine Zerschmette­rung Bulgariens niemals zugeben werde. An­dererseits spricht für die Ruhe Europas die Tatsache, daß Kaiser Wilhelm am heutiaeu Mittwoch nach feiner Rückkehr von der Fahrt mit dem RiesendamvferImperator" die Reise nach Nordland antritt. Ueber die Situation in Bulgarien und den Fortgang der Mobilisierung in Rumänien liegen uns die folgenden P r i - vat-Telegramme vor:

Köln, 9. Juli.

TieKölnische Zeitung" meldet aus So­fia: Seit mehreren Tagen werden keine amt­lichen Berichte ausaeaeben. Das Ministeri­um verweigert jede Auskunft. Da auswär­tige Post und Zeitungen seit fakt einer ganzen Woche fehlen, so kommen die schnellsten Nach­richten über Konstantinopel in drei Tagen. Aus diesen Zeitungen wird erst ersichtlich, daß eine geringe bulgarische Macht unter General Iwanow der griechischen Uebermacht bei La- hana und Kilkitsch nicht widerstehen konnte, und daß Doira und Serres in griechischen Händen bleiben.

Bukarest, 9. Juli.

Die Mobilisierung der gesamten rumäni­schen Armee vollzieht sich in musterhafter Weise. Auf sämtlichen Stationen der Strecke Boduieni-Bukarest herrscht eine geradezu un­heimliche Lebhaftigkeit. Die Einrückenden werden von der ganzen Bevölkerung der umliegenden Ortschaften begleitet und unter Mustk und enthusiastischen Ansprachen am Zuge verabschiedet. Tie Begeisterung für den Krieg mit Bulgarien ist dem Delirium nahe. Der Ausschank von geistigen Getränken wurde für die Dauer der Mnbilifiertma untersagt.

Der rumänische Minister des Innern hat umfassende Maßnahmen getroffen, damit die landtoirtschaftlichen Arbeiten durch die zurück­gebliebenen Frauen, Greise und Kinder sowie durch die nicht eingezogenen Männer besorgt werden.

Der bulgarische Vormarsch.

(Privat « Telegramm.)

Wien, 9. Juli.

Der Korrespondent derReichspost" meldet aus Sofia, daß die Armee auf dem Vormarsche

über Ucsküb nach Kotschana vordringe. Unter ungeheuer blutigen Kämpfen wurde der Vor­marsch vereitelt. Die serbische Armee ist im Nordwesten und Norden eingeschloffen. Die bulgarische Armee dringt jetzt weiter vor, trotz­dem das Hochgebirge des Grenzgebietes große Schwierigkeiten bietet. Die Serben haben an­gesichts des bulgarischen Vormarsches die Eisen­bahn bis Piros zerstört. Die Verbindung mit Ranga ist unterbrochen. Die Eisenbahnbrücken sind zersprengt worden. General Dimitriew er­klärte, innerhalb vierundzwanzig Stunden werde die Entscheidung fallen. Heute schickte General Dimitriew seinen persönlichen Adju­tanten zu mir, der erklärte, daß die serbisch-grie­chischen Nachrichten unwahr seien. Die Kriegs­lage in der Prigalitza ist auf dem Kulminati­onspunkt. Dort ist das Ende des großen Kampfes in kurzer Zeit zu erwarten. Große bulgarische Banden sind unter der Führung des bekannten Bandenführers Sandanski bei Ues- küb aufgetaucht.

Ein bedrängter General.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Sofia, 9. Juli.

Die bulgarischen Truppen fetzten die Offen­sive gegen Alexinas und Risch fort. Dem Ge­neral Iwanow, der sich bisher gegen die fast dreifach überlegenen griechischen Streitkräfte in bewundernswerter Defensive hielt und der den Griechen jeden Fuß breit Boden strittig machte, wurde zur Unterstützung die zehnte Di­vision, die bei Dimotika und mit ihren Vor- trupven bei Tschataldscha und Bulair stand, zur Verfügung gestellt Das Eintreffen dieser Truppen wird hier stündlich erwartet. Durch die Verstärkung des Generals Iwanow gift die schwierige Krise auf dem südlichen Schau­platze für überwunden. In hiesigen militärischen Kreisen wird die Situation des serbischen Zentrums als äußerst kritisch bezeichnet.

Vom mittleren Kriegsschauplatz.

(Privat-Telegram m.)

Wien, 9. Juli.

Wie die Militärische Rundschau erfährt, stößt auf dem mittleren Kriegsschauplatz die südliche Flügelgntvve Kowatschews bei Istip auf heftigen serbischen Widerstand. Dagegen befindet sich Kotschana in bulgarischem "MIM Die von Priztina zur Verstärkung herangezo- gene zweite serbische Dima-Division ist in Istip eingetroffen und hat diesen Ort in noch unbe­kannter Richtung vaffiert. Auf dem südlichen Kriegsschauplätze ist eine Division vo« Ver­stärkungen der aus dein Abschnitt Doira- Struma zurückgegangenen Tnippen Iwanows aus noch unbekannter Richtung im Anmarsch gemeldet. Infolge des Abbruches sämtlicher Struma-Brücken ist das Vorgehen der Struma- Armee in diesem Abschnitt zum Stillstand ge­kommen.

Die begeisterten Rumänen.

(Privat-Telegram m.)

Bukarest, 9. Juli.

Als Majoreseo das königliche Schloß ver­ließ, drängte eine zahlreiche Menschenmenge den Wagen des Ministerpräsidenten, hielt ihn auf und verlangte das königliche Dekret mit dex Unterschrift des Königs zu sehen. Mnjo- resco zeigte hierauf der Bevölkerung das De­kret, worauf diele in stürmische Hochrufe auf den König und den Krieg aus­brach.

Fn ernster Zeit.

Rumänien am Scheideweg.

Lange hat Rumänien, das sich jetzt rüstet fein Schwert in der Entscheidung über die Zu­kunft des Balkans in die Wagschale zu werfen, den Frieden genossen. Seit dem russisch-türki­schen Krieg int Jahre 1877, der auch Rumänien in seinen Wirbel riß, hat das Land unbehel­ligt sich seiner zahlreichen inneren Aufgaben widmen können. Dieser letzte Krieg Rumä­niens ist zu gleicher Zeit das ruhmreichste Ka­pitel in seiner Geschichte. Wer weiß, welchen Ausgang der russisch-türkische Krieg genommen haben würde, wäre nicht König Karol mit seinen Rumänen als Helfer in der Not in die Bresche gesprungen und hätte die Russen vor der Vernichtung bewahrt.

*

Wann wird Rumänien eingreifen?

Ueber die Frage, zu welchem Zeitpunkt mit einem Eingreifen Rumäniens in den Krieg zwischen den bisherigen Verbündeten zu rech­nen ist, wird von diplomatischer Sette mitge­teilt: Man hat anfangs geglaubt, die rumäni­sche Mobilisierung habe vor allem den .^weck, den rumänischen Forderungen in der SYltstria- Streitstage größeren Nachdruck zu verleihen. Heute schon darf man überzeugt sein, daß Ru­mäniens Absichten bei der Mobilisierung über diesen Zweck weit hinausgehen. Rumänien hat sich während der ganzen Balkanwirren der letz­ten Zeit im Hintergründe gehalten und nur die notwendigen Forderungen geltend gemacht. Es konnte sich damit bescheiden, solange die Ent­wicklung der Verhältnifle auf dem Balkan zu einer gleichmäßigen Verteilung der politischen Macht zu führen schien. Nun aber, wo es sich

direkt um die Frage des künftigen Ueberge- Wichts auf dem Balkan handelt, ist es für Ru­mänien Zeit, rechtzeitig zu zeigen, daß man es nicht als quantitö negligeables betrachten darf. Rumänien war bisher der größte und mächtig­ste der Balkanstaaten. Bei einem Siege Bulga­riens in dem jetzigen Kriege würde Bulgarien ihm diesen Rang streitig machen. Es handelt sich für Rumänien jetzt um die künftige

Hegemonie auf dem Balkan, die es selbstverständlich nicht an Bulgarien ab­zutreten gesonnen ist. Aehnlich liegen die Ver- hältniffe im Hinblick auf Serbien. Auch ein zu mächtiges Erstarken Serbiens bedeutet für Ru­mänien eine beträchtliche Gefahr. Und im ge­genwärtigen Augenblick läßt sich die nächste Zu­kunft wenig übersehen. Es war also für Ru­mänien eine selbstverständliche Forderung, daß man unverzüglich an die Mobilisation der Armee ging. Wie Rumänien sich stellen wird, ist jetzt noch ungewiß. Der Zeitpunkt für fein Eingreifen wird da sein, wenn der Steg im neuen Balkankriege entschieden ist. Dann ist es für Rumänien Zeit, ein deutliches Wort in der Frage der Zukunft des Balkans rnitzu- sprechen, und seine tüchtige und toohlgerüstete moderne Armee wird dafür sorgen, daß dieses Wort den nötigen Nachdruck erhält. Man darf in der Existenz Rumäniens die Garantie da­für erblicken, daß der weitere Verlauf der Din­ge auf dem Balkan innerhalb der Grenzen bleiben wird, mit denen Europa zufrieden sein tarnt.

8«» einem W-ügsWoffe. Viktor Emanuel von Italien als Sammler. Der König auf der Reise. Ein Feind ge­räuschvoller Feste. Im Schloß am Meer.

Der König als Zeitungsleser.

Gar manches, was bisher in der Oeffent- lichkeit über den König von Italien gesagt und geschrieben wurde, bedarf der Richtigstellung. Daß er klein von Statur ist, Neigungen zur Demokratie zeigt, als vorzüglicher Gatte und Familienvater gilt, weiß man. Ja, man weiß fogar, daß der dritte König des geeinigten Ita­liens ein großer Numismatiker ist. Was man sich aber sonst über das Leben im Quirinal er­zählt, ist ein seltsames Gemisch von Wahrheit und Dichtung, bei dem die Dichtung auf Kosten der Wahrheit am besten wegkommt. In der Regel glaubt man. der Thron der Savoyer sei Erfchütterungen ausgesetzt, der monarchische Gedanke wäre in Italien wurzellos geworden und die Regierung paktiere nur darum mit der Sozialdemokratie und liebäugele auch mit den unentwegten Republikanern, weil sie sich sonst den antimonarchischen Elementen auf Gnade und Ungnade ergeben müßte. Wer seit Jahren den politischen Strömungen in Italien sein größeres Interesse entgegengebracht hat. wird über solche grundfalsche Anschauunaeu lächeln.

Viktor Emanuel ist wie Kaiser Wilhelm ein höchst reiselustiger Herrscher, der bald hier, bald da weilt und das Auto fleißig benutzt. Aber die Reisen des italienischen Königs befchäftigen nur höchst selten die große Oeffentlichkeit. Am liebsten fährt der König unerkannt durch feine Lande. Er bevorzugt das Inkognito auf seinen Reisen. Und mancher Wirt, der seinen König bei Nacht beherbergt hatte, erfährt erst bei der Abfahrt oder oft noch später, wem er ein freundliches Geleit gegeben hat. König Viktor Emanuel der Dritte Pflegt durch kleine Listen feinem Inkognito eine größere Sicherheit zu geben. Die Einfachheit in feinem Auftreten kommt ihm dabei meisterhaft zu statten. Der König ist gleich seiner Gattin ein geschworener Feind geräuschvoller Empfänge und Festereien, soweit diese nicht zu den Regierungsnottoen- digkeiten und den Aufgaben seines Herrscher- tums gehören.

Man weiß in römischen Hofkreisen feltfame Dinge über die Abneigung des Königspaares gegen das Prunken zu erzählen, das-nun ein­mal eine notwendige Begleiterscheinung bei allen Hoftesten ist. Vor zwei Jahren hatten die Jubiläumsfeierlichketten und die zahlreichen Ausstellungsfeiern schwere Anforderungen an das Herrscherpaar gestellt. Der König fragte da mehr als einmal:Was wird bloß das Volk sagen, wenn wir aus den Festen gar nicht mehr herauskommen!" Ihm ist Ruhe und Abge­schiedenheit Lebensbedürfnis. Am wohlsten fühlt er sich zu Hause in San Rossore, einem kleinen Schloß in der Nähe von Pisa, von dem aus das Meer leicht zu erreichen ist, wo für die Kinder Badegelegenheiten eingerichtet sind, oder auch in Raceoniai oben im Viemon- tesischen, von wo aus sich fchnell auf die Pirsch auf Alvenhöhen gehen läßt.

Außer den Regierungsgeschäften, denen der jetzige König mit größtem Pflichteifer nach­geht. so daß von einem Minister erklärt wurde: Bei unserem König ruht kein Aftenstück län­ger als vierundzwanzig Stunden!" widmet Viftor Emanuel der Dritte den größten Teil des Tages der Lektüre von Zeitungen. Es dürfte wenige andere Herrscher geben, die mit gleichem Eifer tote er die Zeitungsnachrichten verschlingen". Italienische (auch die Organe der äußersten Linken), französische und eng­lische Blätter und Revuen lieft er selber, und zwar unausaeicknitiL». die deutschen läßt et