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Das Balkan-Ringen.

Ist der Weltfriede bedroht? Vorbereitungen Rußlands und Kriegslust in der Türkei. Ru­mänien ist bereit. Das ratlose Rußland. Ein furchtbares Ringen. Die Schlacht bei Kilkitsch.

Die augenblickliche Lage auf dem Balkan wird, wie man uns schreibt, in Berliner amt­lichen Kreisen für den Weltfrieden nicht als 6c. diohlich angesehen. Selbst wenn Rumänien in den Krieg eingreift, wird Rußland neutral bleiben. Man glaubt nicht, daß der allgemeine Vernichtungskampf der Balkanstaaten von langer Dauer sein wird. Die Mittel sind er­schöpft, die Heere dezimiert. Bedauerlich bleibt, daß der Zweck des Türkenkrieges, die Befrei­ung der stammverwandten Mazedonier, nun­mehr gänzlich verfehlt ist, denn die angeblich befreiten Mazedonier werden jetzt von den Stammesverwandten massakriert. Und dies alles aus Ländergier. Für den deutschen Han­del spielt der Balkan für lange Zeit keine Rolle, denn es wird Jahre dauern, ehe dort normale Zustände herrschen. Auf dem Kriegsschau­platz haben sich während der letzten Tage jeden­falls bedeutsame Ereignisse abgespielt. Allem Anschein nach sind die Bulgaren trotz aller ser­bischen Siegesmeldungen im Vorteil und es dürfte den bulgarischen Trupven auch gelingen, eine Vereinigung der serbischen und der grie­chischen Heereskörver endgültig zu verhindern. In Wien sind Meldungen eingetrosfen, nach denen die bulgarischen Hauptstreifkräfte auf dem nördlichen und südlichen Kriegsschauplätze die linken offensiv vorgegangenen serbischen und griechischen Kerntruppen angegriffen und zum Stehen gebracht, und auf dem nördlichen Schauplatze bei Köprülü vollständig ge­schlagen haben. Rach heutigen Depe­schen scheint man in der Türkei kriegslustig zu fein und in Rußland scheint man militärische Maßnahmen zu treffen.

Konstantinopel, 7. Juli-

Die Regierung beschloss, den bulgarischen Truppen eine eintägige Frist für die Räu­mung des Marmarabeckens zu geben. Nach Ablauf dieser Frist ist ein Vorgehen gegen die Bulgaren beschlossen Gestern fand ein wichtiger Ministcrrat statt, worauf der Kriegsminister zur Armee abreiste. Die Pforte hält sich durch den Friedensschluss von London in ihrer Bewegungsfreiheit nicht ge­hindert. Eine Verständigung der Türkei mit Rumänien ist abgeschlossen.

Konstantinopel, 7. Juli-

Grosses Aufsehen erregt eine Unterredung, die der rumänische Gesandte gestern mit dem Grosswesir hatte. Nach der Unterredung be­riet der Ministerrat die Lage. Alle beur­laubten Offiziere der Gallipoli-Armee er­hielten gleich den Offizieren der Tschatald- scha-Armee den Befehl, spätestens am Diens­tag auf ihre Posten zurückzukehren.. Aus­bleiben wird unter keiner Bedingung gestat­tet. Auch die hier eingetroffenen Offiziere der Westarmee erhielten Befehl, sich bereit zu hallen.

London, 7. Juli.

Nach einer Meldung derDaily Mail" aus Odessa hat die ruffifche Regierung den Mobilmachungsbefehl für die Garnisonen des Südens und des Südwestens ergehen lassen.

Vor einigen Tagen ist, wie erinnerlich, mit- aeteilt worden, daß sich Bulgarien durch den Verricht auf eine Kriegsentschädigung die Türkei vom Halse w halten suche. Diese? Be­streben sollte, so hieß es, auch von Erfolg ge­krönt fein. Die heutige Drahtmeldung lautet allerdings wesentlich kriegerischer. Die aller­nächste °eit wird Klarheit über die Stellung­nahme der Türkei den kriegerischen Verwicke­lungen gegenüber bringen müssen.

Rumänien ist bereit.

(Privat-Telegram nt.)

Bukarest, 7. Juli.

Wir verlautet, beabsichtigt auch König Ka­rol, sich ins Hauptquartier begeben. Gestern wurden auch die Kontingente von 1893 bis96 in­klusive einbcrufen. Die Nationaldank ver­sichere, alles zu tun, damit der Handel nicht stiüfieht, und die Kreditgewährung. durch die Banken nicht eingeschränkt wird. Die Königin ist aus Konstanza gestern hier eingetroffen, um die Oberleitung des Roten Kreuzes zu über­nehmen. Die Kronprinzessin begibt sich in die Provinzstädte, um dort den Roten Kreuz- Dienst zu organisieren. Die rumänischen Eisen­bahnen haben Sonnabend nachmittag halb sechs vhr den gesamten Privatverkehr einge­stellt und den für die Mobilisierung vorgesehe­nen Fahrplan in Kraft treten lassen. Dem Pcrsoi'.enverkrhr wird ein Zug pro Tag in je­der Richtung zur Verfügung gestellt. Interna­tionale Erpretzzüge und Schlafwagen verkeb-

re»r nicht mehr. Die Bevölkerung der Haupt­stadt ist freudig erregt. Sie hat vor dem Pa­lais Sympathiekundgebungen für die Mobili­sierung dargebracht und dem italienischen Ge­sandten lebhafte Ovationen bereitet.

Das ratlose Rußland.

(Privat-Telegramm.)

Petersburg, 7. Juli.

Die russische Diplomatie steht im Augen­blick den Balkanvorgängen ratlos gegen­über. Rußlands Ratschläge an die streitenden Parteien, gleichzeitig den Kampf einzustellen, sich gegenseitig für die Vorgänge der verflosse­nen Wochen zu entschuldigen und ihre Premier­minister unverzüglich nach Petersburg zum Schiedsgericht zu entsenden, fanden nur in Bul­garien Beachtung. Serbien ging achtlos daran vorüber und beeinflusste in gleicher Weise auch Griechenland. Serbien wird nicht eher die Waffen nicderlegen, wie hierher gemeldet wird, bis eine Partei besiegt ist. Infolgedessen ist bei der russischen Regierung während der letz­ten Tage ein merklicher Umschwung zugunsten Bulgarien s eingetreten. Der Zar erhält täglich mehrmals in den Schären telegraphische Mel­dungen über die Balkanvorgänge. Die Hof­kreise wissen von einem grossen Unmut des Zaren über das sinnlose Blutvergießen zu er­zählen.

Ein furchtbares Ringen.

(Privat-Telegramm.)

Belgrad, 7. Juli.

Die Kämpfe zwischen Krivolae und Wa- lnndowa, wo die besten Truppen der Bul­garen angriffen, dauerten ununterbrochen in voller Erbitterung drei Tage und drei Nächte. Tic Bulgaren wollten die serbischen Truppen zurückdrängen, um freien Weg nach Prilip-Ku- manowo und Bitolja-Monastir zu gewinnen. Bis gestern mittag stürmten die Bulgaren un­unterbrochen, aber die Serben wiesen ihre An­griffe zurück und gingen gestern Nachmittag ihrerseits zur Offensive über, wobei sie die Bul­garen auf der ganzen Linie zurückfchlugen. Dies ist die erbittertste und blutigste Schlacht des ganzen Balkankrieges. Nach der Eroberung des BergcS Rnjan hatten die Serben gestern noch einen siegreichen Kampf mit dem Freiwilligen- korps deS Generals Genews, das die Seiten­deckung der Bulgaren war, die von dem Kriegs­minister, General Kowatschew, kommandiert wurde.

Die Schlacht bei Kttkttsch.

(Privat-Telegramm.)

Rom, 7. Juli.

Der Korrespondent desSeeolo", der im griechischen Hauptquartier die Schlacht von Kil- tisch mitmachte, entwirft von dem Kampfe ein grauenhaftes Bild. Die griechischen Truppen wurden bei dem Anmarsch durch präzises bul­garisches Geschüstseuer geradezu dezimiert und verloren gegen 5000 Mann. Sechs Obersten sind tot, ein siebenter tödlich verwundet. Bei dem Bombardement gingen hochstehende Ge­treidefelder, welche die Griechen beim Angriff zu passieren hatten, in Flammen auf und viele Verwundete verbrannten lebendigen Leibes. Die Bulgaren sind in voller Flucht und werden von den griechischen Soldaten verfolgt. Der linke Flügel und das Zentrum des griechischen Heeres rückten nordwärts vor, wo die Bulgaren sich stark verschanzten. Der rechte Flügel mar­schiert im Rordosten gegen Serres.

Die Lage der Griechen.

(Privat-Telegramm.)

Wien, 7. Juli.

Aus bulgarischer amtlicher Quelle wird be­richtet, dass die griechische Armee feit einigen Tagen tatsächlich im Vorrücken begriffen sei. Die von der griechischen Presse als eine un­unterbrochene Folge grösserer Siege dargestell­ten Ergebnisse der Kämpfe sind in Wahrheit folgende: Die griechische Arm« ist durch einige Scheinerfolge bestimmt, den allgemeinen Vormarsch fortzusetzen, und geriet dadurch in eine schlechte Position. Zurzeit scheint sogar ihre Rückzugslinie nach Saloniki bedroht, wenn nicht gar abgeschnitten. Man nimmt an, daß die griechische Armee tu kurzer Zeit zu einer enffcheidenden Schlacht gezwun­gen werden würde. Bisher ist keinerlei Ent­scheidung gefallen. Mehrere Stellungen der bulgarischen Bortruppen wurden durch Befehl des Oberkommandeurs aeräumt.

nicht in den Wünschen unseres Volkes, unseres Handelsfleißes und tatkräftigen Unternehmer­tums. Im übrigen aber steht die Harmonie des Dreiverbandes trotz allem nicht so ohne Weiteres fest. Frankreich und Rußland, schein­bar ein Herz und eine Seele, sind häufig genug verschiedener Anschauung, und englische Ziele sind von vornherein in manchen Punkten den russischen entgegengesetzt. Daneben ist die Kie­ler Monarchenbegegnung doch von einer Bedeu­tung, die nicht geleugnet werden kann. Viel­leicht sind gerade in Schleswig-Holstein die Richtungslinien für eine energische selbständige Balkanpolitik des Dreibundes festgelegt wor­den. Auch ist Italien gezwungen, in der Wah­rung seiner Interessen in Kleinasien den deut­schen Zielen sich anzuschließen. Jedenfalls aber weiß man in Deutschland den Ernst der Welt­lage wohl zu würdigen. Das erkennt man auch auswärts an. und der ehemalige französische Minister Harrotaur glaubt die Ursache der Un­geheuren Rüstungen Deutschlands jetzt zu ent­decken:Deutschland weiß ohne Zweisel, was sich vorbereitet, und es bereitet sich auf das vor, was es weiß!" ***

Zer neunzigste Minister.

Warum Heeringen ging.Der Geschiedene als der 90. Minister. Wer wird der Nachfolger?

Ueber die Gründe zum Rücktritt des Kriegs- ministcrs von Heeringen wird von unterrichte­ter Seite folgendes mitgeteilt: In der Presse fanden sich vielfach falsche Angaben über den Rücktritt des Krieqsmimsters, die einer Rich­tigstellung bedürfen. Vorerst sei festgestellt, daß der Rücktritt des Herrn von Heeringen von seinem Posten völlig freiwillig er­folgte. Die Absicht, zurückzutreten, bestand bei dem früheren Kriegsminister schon längere Zeit, er brachte aber seine Absicht nicht zur Ausführung, weil der Kaiser ihm gegenüber den Wunsch aussprach, er möge seinen Rück­tritt bis zur Annahme der Wchrvorlaqe auf­schieben. Der Kriegsminister befand sich bis zuletzt in völligem Einverständnis mit dem Kaiser und dem Reichskanzler, und von einer Störung der Homogenität", von der verschie­dentlich geschrieben wurde, kann keine Rede sein. Der Grund für den Rücktritt des Gene­rals von Heeringen liegt lediglich darin, daß der Kriegsminister sich auf seinem exponierten Posten nicht wohl fühlte und in das Heer zu­rückzukehren wünschte. Herr von Heeringen ift mehr Soldat als Parlamentarier, und die par­lamentarischen Kämpfe, in deren Mittelpunkt er häufig stand, bereiteten ihm großes Unbe­hagen. Daraus hat er nun die Konsequenzen gezogen.

Kriegsminister von Heeringen war, wie von diplomatischer Seite geschrieben wird, der neunzigste Minister unter Kaiser Wilhelm dem Zweiten. In seinem eigenen Amt hatte Herr von Heeringen sechs Vorgänger: Bronsart von Schellendorf I, Werdv du Vernois, von Kalten­born, Bronsart von Schellendorf II, von Gos- ler und von Einem. So groß auch die Zahl von sieben Kriegsministern in den fünsund- zwauzig Regierungsjahren des Kaisers er­scheinen mag, fo gab es doch in anderen Res­sorts noch häufigeren Wechsel. Am häufigsten war der Wechsel im Ministerium des Innern, das jetzt seit dem Regterungsantritt des Kai­sers der neunte Minister verwaltet. Nächst den preußischen Ministern des Innern folgen der Zahl nach die Staatssekretäre des auswärtigen Amtes. Herr von Iagow ist der achte Staats- sekretär. Die Zahl der Staatssekretäre des Reichsschatzamtes beträgt sieben. Die Zahl sechs kehrt mehrere Male wieder. Wir hatten, wenn die noch im Amt befindlichen Minister eingerechnet werden, sechs preußische Minister­präsidenten. sechs Kultusminister, sechs Han­delsminister und sechs Landwirtschaftsminister. Das Reichskolonialamt wird jetzt zum sieben­ten Male verwaltet. Allerdings sind hierbei die Direkioren eingerechnet, die an der Spitze des Reichskolonialamts standen, bevor es vom Auswärtigen Amt abgetrennt wurde. Exzel­lenz Sols ist seit der Abtrennung der dritte Staatssekretär. Die- Zahl der übrigen Minister unter dem Kaiser ergibt sich folgendermaßen: Wir hatten fünf Reichskanzler, vier Staats- fekretäre des Reichsamts des Innern, vier Staatsfckretäre des Reichsjustizamtes, vier Staatssekretär des Reichsmarineamtes, vier preußische Finanzminister, vier preußische Iu- stizminister und vier Minister der öffentlichen Arbeiten. Die Zahl vier spielt also die Haupt­rolle. Den seltensten Wechsel sah das Reichs- vostamt, an dessen Spitze jetzt feit Gründung des Reichs der dritte Staatssekretär steht

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Der kommende Mann.

Unter den Anwärtern auf den Poste« 6eg Kriegsministers wird, wie dieReue Preu- ßische Eorrespondenz* erfährt, in parlamenta­rischen Kreisen auch der Kommandeur des vier- ten Armeekorps in Magdeburg, General Sixt von Arnim, genannt. Ueber seine Person seien deshalb folgende Angaben gemacht: Sixt von Arnim wurde am 27. November 1851 in Wetz, lar als Sohn des Oberstleutnants Sirt von

Casseler Neueste Mchrichteu

Hessische Abendzeitung

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Stammet 179

3. Jahrgang.

Dienstag, 8. Juli 1913

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dem mächtigen Dreibund? Oesterreich-Ungarn hat selbst schwer zu kämpfen. Italien sucht sei­nen Vorteil dort, wo man ihm denselben am besten zu geben vermag, und die beiden West- möchte vermögen wohl mehr an Lockmitteln auszuspielen, als die Freunde im Dreibund. Die Beziehungen zwischen Rom und Peters­burg aber sind Tatsache?

Peters Ansichten von Deutschlands Lage sind nicht besonders rosig. Immerhin liegen, wenn die Darstellung auch ein wenig zu schwarz malt, Punkte vor, die Bedenken erwek- ken können. Die Anfrage Baffermanns im Reichstag ütar unsere Ziele und Erfolge am Tigris zeugt davon, daß man auch in parla- mentarifchen Kreisen die deutsche Politik in Asien mit einer gewissen Sorge verfolgt: Man möge sich vorsehen und seine Interessen wahren! Denn eine Ausschließung des deutschen Reiches in dem hoffnungsreichen Osten liegt durchaus

Sie Möchte.

Tie Machte wollen sich auf dem Balkan nicht einmischen. Nutzlands Einfluß wirkungslos. Die Gegensätze der Inte­ressen des europäischen Mächtekonzerts.

Der Kölnischen Zeitung wird aus Berlin gemeldet, die Mächte hätten, als die Feindseligkeiten innerhalb des Dalkanbundes begannen, von vorn­herein in voller Aebereinstimmung die Stellung eingenommen, daß es ihre Aufgabe nicht sein könne, sich in die Kämpfe selbst einzumischen. Diese Aebereinstimmung ist in täg­lichen diplomatischen Gesprächen als­bald durchaus klar festgestellt worden.

Auf Grund der letzten Londoner Bespre­chungen ist die französische Regierung zu dem Entschluß gekommen, bei den Mächten die Nicht­intervention im Balkankonflikt zu befürworten. Die Wendung in der Politik des Dreiverbandes kommt um fo überraschender, als noch vor we­nigen Tagen ein Gefamtschritt der Mächte in der Balkanangelegenheit empfohlen wurde. Nachdem Rußlands Einfluß auf die hadernden Balkanstaaten vollständig versagt hat, muß es den DreiverbandsmäLien natürlich am nächsten liegne, daß man dirBalkanregierungen sich selbst überläßt. Keine mitte Macht sollte nach dem Zaren auf dem Balkan ein vermittelndes Wort sprechen. Man kann sich Vörstetten, wie schmerz­lich es in Petersburg und Paris berühren muß, wenn die Bemühungen der österreichisch- ungarischen Diplomatie von Erfolg gekrönt wären. Denn Graf Berchtold, nicht zuletzt von den österreich - feindlichen Kundgebun­gen in Bukarest bestimmt, fetzt nun alles daran, zwifchen Bulgarien und Rumänien zu vermit­teln, um die beiden Staaten der österreichischen Freundschaft zu erhalten. Von dieser Vermitte- lnngshandlung aber erhofft man in maßgeben­den Kreisen auch die Einstellung der kriegeri­schen Operationen der Balkanstaaten. So glückt vielleicht in Wien, was man in Petersburg vergeblich erstrebt hat. Die Gegensätze der In­teressen und folglich auch der Politik innerhalb des europäischen Mächtekonzerts sind wieder einmal schlagend bewiesen, und alle Sprüche über Harmonien, Gemeinschaftsbestrebungen u. Zieleinigkeit lösen sich in blauen Dunst auf.

Dem aufmerksamen Beobachter, der sich nicht vom äußeren Schein blenden läßt, liegen jene Gegensätze auch auf dem Gebiete der wei­teren Politik klar. Carl Peters, der in langjährigem Aufenthalt in London den Blick für englische Politik geschärft hat,,nennt Poin- carees Besuch an der Themse einen Triumph, während der Fernstehende allzu leicht geneigt war, die verhältnismäßig kühle Behandlung der Republik durch England festzustellen und die neuerlichen freundlichen Beziehungen mit Deutschland in den Vordergrund zu schieben. Denn worauf laufen diese schließlich sonst hin­aus, als daß das deutsche Reich bei der Auftei­lung der kleinasiatischen Interessensphären die gebührende Rücksicht findet? Daran aber scheint man, wie Peters glaubt, in London nicht zu denken. Um die Gebiete in Anatolien, Mesopo­tamien, Persien, die durch die Bagdadbahn dem deutschen Reich wirtschaftlich erschlossen sind, legt der Dreiverband seine Interessensphä­ren und nimmt durch solche Einkreisung dem deutschen Unternehmen jeden politischen Wert. Für Frankreich aber ist durch Syrien nebst Ha­fen gesorgt, und der Zar wird durch Trapezunt und freien Zugang nach Konstantinopel dafür entschädigt, daß England feine Interessen in Mefopotamien ungestört verfolgen kann. Deutschland dagegen will man noch weitere fünfundzwanzig Jahre des Friedens gewähren, wenn es sich fernerhin bescheiden verhält. Man läßt es einfach in feinem eigenen Fett schmo­ren/ meint Peters,und teilt sich inzwifchen in die Länder int Osten/ Wie steht es aber mit