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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 177.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 5. Juli 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Der Krieg am Balkan.

Die Kieler Monarchen-Begegnung mtb der Balkan-Krieg; Rumänien greift in den Kampf ei«; KriegSbcgeisterung überall; die letzten Kämpfe «nd ihre Opfer: Dreihig- tausend Tote und Verwundete; Eingreifen der Türkei in den neuen Balkan-Krieg?

Wo bleibt Europa?

Der neue Balkan krieg und Europa: Die Poli­tik der Großmächte «nd die der Balkanier.

Der Kanonendonner am Balkan scheucht die Träumer am Grünen Tisch aus süßem Schlummer: Die Kämpfe zwischen Serben und Bulgaren, Bulgaren und Griechen dauern fort; Schlachten werden geschlagen und Tausende von Kämpfern verröcheln auf denselben Stätten wilden Völkerringens, die erst vor ein paar Monden vom Blut der Kriegsopfer getränkt wurden. Der Draht erzählt uns Schauer­dramen entfesselter Leidenschaften, malt düstre Bilder blut'ger Schlachtgreuel, und in allen Schluchten, auf allen Höhen der Balkanberge heult der Orkan wilder Volksentflammung auf, dieser Orkan des Verhängnisses, der Menschen­leben zu Tausenden und Zehntausenden vor sich niedermäht und grausame Zerstörung, Tod und Verderben als Schreckensspur seiner Wut hin- lerläßt. Schon heute sind Tausende von Men­schen diesem Kriege vor dem Krieg, diesem Zxperimental-Gemetzel zum Opfer gefallen: Ein wichtiges Handelsgebiet ist vom europäischen Verkehr ausgeschaltet und die Barbarei, die nie gänzlich vernichtet, feiert am Balkan abermals blutige Orgien. Und Europa? Wo bleibt Europa, da die europäische Kultur wieder zer- ireten wird und die europäischen Interessen im Wirbel zerstieben? In London tagt sogar (tote man hört) eine Botschafter-Reunion, die aller­dings theoretische Fragen der Geographie erör­tert. Es gibt auch, wenn man den wiederhol­ten Aeußerungen Sir Edward Greys glauben darf, eine europäische diplomatische Einheit, ein europäisches Konzert. Was aber tun diese alle für den Balkan, für Europa, für die Ideen der Menschlichkeit? Rußland und Frankreich sind in den Hauptstädten der Balkanstaaten tätig und halten da zurück und beschwichtigen dort. Aber Rußland und Frankreich sind nicht Europa. Rußland arbeitet sogar in eigner Sache. Davon, daß es st e t s pro domo arbei­tet, fvü jetzt gar nicht die Rede sein. Denn wie um Krieg oder Frieden, handelt es sich um sein Prestige. Rußland hat jedenfalls in dieser setzten Balkan-Episode eine schwere Schlappe er­litten: Es hat geradezu selbst die Hand dazu geboten, um darzutun, daß die kleinen, schntz- slehenden Balkanvölker groß, stolz und ihrer Macht sich bewußt geworden sind und keinen Vormund mehr haben wollen.

Rußlands Macht, die mit einem Zarentele­gramm Frieden dekretieren zu können vermeinte, hat sich als ohnmächtig erwiesen. Rußland und selbst der Zar haben nichts aufzuhalten ver­mocht, sondern sogar die Ereignisse noch be­schleunigt. Rußland ist nicht Europa, es ist das grade Gegenteil von Europa, hat immer seine eignen Pläne verfolgt und Europa erst dann gerufen, wenn es nicht mehr weiter konnte, Rußland kämpft also um sein Prestige, wenn es für den Frieden kämpft. Neben Rußland gibt es aber noch fünf Großmächte, die in ihrer Gesamtheit nicht ungehört bleiben können, wenn sie der Friedens-Sehnsucht der Zivilpolitiker, de­nen die Militärpolitiker das Steuer entringen, Nachdruck verleihen. Aber die Großmächte sind mehr oder minder stumm. Die Diplomatie hat abdiziert, und sie tut es grade in einem Augen­blick, da man ihres noch so bescheidnen Einflus­ses dringend bedarf. Jetzt ist nicht der Moment, um böse zu werden. Die Diplomatie hätte vor der Serie der letzten historischen Begebenheiten ihre verstaubte Existenz aufgeben sollen, oder sie wird es später tun, wenn zur Abrechnung Zeit sein wird. Aber solange sie (bedauerlicher­weise!) denWillen Europas" präsentiert, ist sie (ebenso bedauerlicherweise) noch notwendig; war vor allem notwendig in dem Augenblick, als am Balkan die Wetterwolken sich zur drohenden Katastrophe eines zweiten Völker- k r i e « s verdichteten. Sie hat ihre Pflicht ver­gessen, hat versagt, wo man wenigstens den W i l l e n zu nützlicher Tat erwarten durste und hat dadurch ein Unheil heraufbeschworen, das in diesem Moment den Frieden Europas vielleicht noch nicht gefährdet, das aber in sei­nen Endwirkungen eine viel größere Gefahr für Europa darstellen kann als das große Drama türkischen Herrschafts-Untergangs, das in den letzten Monden sich vor unserm Auge abgespielt. Europa isteinig", ist (angeblich) unermüdlichfür den Frieden tätig", aber es erschöpft seine Kraft in der Schwungkraft klang­voller Worte, während jeder Moment, jede Sekunde europäischer Gegenwart-Geschichte der Diplomatie die Gewiflensmahnung zu endlicher T a t ins Ohr schreit .. .1 F. H.

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Die Türkei und der Krieg.

Konstantinopel, 4. Juli. (Draht- Meldung) Wie zuverlässig verlautet, hat hie Pforte ihren Vertretern im Auslande

Daß die Kieler Zusammenkunft des Kai­sers mit dem König von Italien mit den Ereignissen auf dem Balkan in Zusammen­hang zu bringen ist, darf als feststehend gelten. Es wies darauf schon die (gestern mitgeteilte) Auslassung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung hin. Auch die Wiener und römischen halbamtlichen Blätter stellen diesen Zusam­menhang fest. Wenn auch an Berliner amt­lichen Stellen darauf hingewiesen wird, daß in Kiel besondere Abmachungen nicht zu treffen gewesen seien, so kann die Kieler En- trevue doch angesichts der Schachzüge der Mäch­te der Tripleentente von großer Bedeutung werden. Es sei nur daran erinnert, daß neuer­dings, nachdem die russische Sonderfriedens­mission so kläglich gescheitert ist, diplomatische Bemühungen im Gange sind, nun auch die Mächte des Dreibundes zu einer gemein­samen Aktion zu gewinnen und so durch die Fiftion deseinigen Europas" die Interessen der Tripleentente zu fördern. Der ganze Kom­plex der Orientfragen wird in den Kieler Kon­ferenzen zwischen den Verantwortlichen Staats­männern eingehend behandelt worden sein. Wir erhalten darüber folgende Draht-Mel­dungen:

Die Konferenzen in Kiel.

(Privat-Telegramm.)

Rom, 4. Juli.

Das Giornale dItalia erfährt aus diplo­matischen Kreisen, dass die stattgehabte» Un­terredungen der Staatsmänner in Kiel vol­le Identität der deutschen und italienischen Regierung in allen Orientfragen festge­stellt haben. Es wurde die Hoffnung aus­gesprochen, einen Krieg verhüten zu können, und es wurde zu diesem Zweck eine Parallel-Aktion vereinbart, mit dem Ziel, auf ein versöhnliches Entgegenkom­men hinzuwirken und R u nie« auf je­de» Fall zur Neutralität zu bestimmen.

Ueber die Vorgeschichte des neuen Balkankrieges bringt die Wiener Neue Freie Presse folgende charakteristische Auslastung: Die europäische Diplomatie wird diesen neuen Balkankrieg vor der Geschichte, vor ihrem eigenen Gewissen und vor den Völkern zu verantworten haben. Er wäre zu vermei­den gewesen, wenn sich nicht die Politik hin- eingeinischt hätte, die aus dem Balkanbund ein Werkzeug der Rache für Sedan und für die Annerion von Bosnien schmieden woll­te. Die Politik, die die Balkanstaaten dazu mißbrauchen will, die Kräfte der österreichisch­ungarischen Monarchie zu binden, Deutsch­land dem militärischen Druck der Tripleen­tente ohne nachhaltige Unterstiitzung durch sei­nen Verbündeten auszusetzen, Serben, Bulga­ren, Griechen und Montenegriner als Helfer bei der Rückeroberung von Straßburg und Metz und der Befriedigung des pan­slawischen Hasses gegen die Donau- Monarchie zu verwenden, hat die russische und französische Diplomatie geleitet.

Der Vormarsch der Bulgaren.

. (Privat-Telegramm.)

Sofia, 4. Juli.

Nach in der vergangenen Nacht hier ein­gegangenen amtlichen Meldungen sind die bulgarischen Truppen in vollem Anmarsch auf Saloniki begriffen Eine große Schlacht steht hier unmittelbar zu erwarten. Nach In­formationen auö »niet'sichteten militärischen Kreisen sind die Operationen der Bulgaren mtf beiden Kriegsschauplätzen in großen Zügen mit ausgesprochenem Erfolg verknüpft. Am wei­testgehenden find bisher die errungenen Vor­teile gegen die Griechen, die auf fast allen Plätzen von den Bulgaren zurückgeworfen wur­den. Versuche von griechischen Regimentern, die Bulgaren aufzuhalten, scheiterten. Auf dem Gjevgelüflntz wehen die bulgarischen Flaggen. Tic neuen Stellungen wurden sofort durch star­ke Befestigungen gesichert. Die Bulgaren be­herrschen den größten Teil der Eisenbahnlinie nach Saloniff, die von Uesküb über Gjevoclü führt.

Eine Niederlage der Serben?

(Privat-Telegramm.)

Sofia, 4. Juli.

Die serbische Armee hat auf dem Ovce- polje eine vernichtende Niederlage erlitten. Die vorgestrigen Scheinerfolge der Serben bei Istip sind durch die Umgehungs- operationen bei Kratovo Egripalanka als er­folgreich abgeschlagen zu betrachten und die Bulgaren haben bereits den Vormarsch

gegen Kumanowo und gegen die serbi­sche Grenze angetreten. Das Umgehungs­manöver am rechten Wardda-Ufrr war erfolg­reich, sodaß sich die Serben bei Küprülü nicht mehr halten konnten und den Rückzug antra­ten. Nach Mitteilungen aus militärischen Krei­sen belaufe» sich die Verluste der Serben in den bisherigen Kämpfen auf 7000 Tote und Verwundete, die Verluste der Bulgaren anf 23 000 Tote und Verwundete, sowie 4000 Ge­fangene.

Will die Türkei eingreifen?

(Privat-Telegramm.)

Konstantinopel, 4. Juli.

Die hier ankommenden Nachrichten über den Krieg haben unter der Bevölkerung die aller­größte Erregung verursacht. Die Kriegs­partei, die längere Zeit geschwiegen hat, hat jetzt wieder ihre Stimme erhoben und es ver­lautet, daß die Türkei in aller Eile Borbe- rcitungenfüreinen neuen Krieg trifft. Es sollen bereits Befehle nach Klein­asien abgcgangen sein, um die zum Teil bereits in ihre Heimat entlassenen Reservisten wieder unter die Fahnen zu rufen. Die Straßen von Konstantinopel bieten wieder das militärische Bild wie vor Beginn des Krieges gegen die Balkanstaaten. Trupps von Soldaten durch­ziehen die Straßen der Stadt mit unbekannter Richtung. Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß die Regierung in Anbetracht der s ch w i e - rigen inneren Lage der Türkei dem Verlangen der Kricgspartei und der Offiziere nachgibt und von zwei Ucbeln, einem neuen K,riege oder einer neuen Revolution, das erstere vorzieht.

Mobilmachung in Rumänien'

(Privat - Telegramm.)

Bukarest, 4. Juli.

Gestern ist der amtliche M o b i l i s i e - r«»gsbefehl des Königs veröffentlicht worden, der die gesamte Armee unter die Waf­fen ruft. Der Mobilisierungsbefehl löste allge­meinen Enthusiasmus aus. Die ganze Armee, also alle fünf Armeekorps, wurden mobili­siert. Die Reserven sind bis einschließlich des Jahrganges 1905 einbernfen worden. Damit stehen ungefähr eine halbe Millionen Mann unter den Waffen. Die rumänischen Eisenbah- ttett haben den gesamten Personen- und Fracht­verkehr auf einen Zug täglich in jeder Richtung eingeschränkt. Um acht Uhr abends fand ge­stern vor dem königlichen Schloß eine große Kundgeb nngdcs Volkes zugunsten des Krieges statt. Inzwischen hat auch Monte­negro mobilisiert. König Nikita hat gestern abend den Mobilmachungs-Befehl unterzeichtici, der die gesamte montenegrinische Armee zu den Waffen ruft.

Die ersten Gefangenen.

(Privat-Telegramm.)

Uesküb, 4. Juli.

Gestern nachmittag passierte der erste G e - fangenentransport auf dem Wege nach Belgrad die hiesige Bahnstation. Es wa­ren 17 Offiziere, 2 Acrzte und 1166 Mann. Die Gefangenen machten einen sehr erschöpften Eindruck. Von der Front wird bekannt, daß die Bulgaren hinter Grivolat zurückge­trieben sind. Die Griechen haben Gjevgelü das die Bulgaren den Serben abgenommen hatten, gestern wieder erobert. Zu der Mobi­lisation der rumänischen Armee verlautet von unterrichteter Seite, daß Rumänien den Großmächten in einer Note vom fünften Juni erklärt habe, Rumänien werde im Falle des Ausbruchs von Feindseligkeiten zwischen den Balkanverbündeten die Reserve, die bisher von der rumänischen Negierung beobachtet war- den sei, aufgebcn und seine Armee mo­tz il i s i e r e n. . Dieser Fall ist jetzt einaetreten und daher ist die Mobilisation endgültig ange- ordnct wordciu

Ein Zarenbrief nach Sofia.

Paris, 4. Juli. (Privat-Tele­gramm.) Nach einer Petersburger Meldung des Petit Journal soll der Zar gestern einen eigenhändigen Brief an den «König von Bulgarien gerichtet haben, um die­sen zur E i n st e l l u n g der Feindseligkeiten zu bestimme» und weiter zu veranlassens daß De­legierte zwecks Verständigungs-Verhandlungen mit den anderen Balkanstaaten nach Peters­burg entsandt werden.

ein Telegramm übermittelt, in dem diese aufge. fordert werden, die Kabinette davon zu ver­ständigen, daß die Pforte im Falle einer Kriegserklärung Bulgariens an Ser- bien und Griechenland sich AktionSfrei« heit Vorbehalte. In politischen Kreisen ruft diese Nachricht große Beunruhi­gung hervor.

JasMentatdrsAnarchiften. Die Ermordung des Militärattachees von Lewinski vor dem Münchener Schwurge­richt; Straffer zweimal zum Tods verurteilt!

Das Münchener Schwurgericht h«tt gestern abend de» Doppelmörder Jo­hann Strasser, der am dreizehnte« Mai den Major von Lewinski von der prentzischen Gesandtschaft meuch, lings erschoß und auch de» diesem zu Hilfe eilende« Polizeioberwacht­meister Bohlender durch Revolver- schüffe tötete, zweimal zum Tode und zur Aberkennung der bürgerliche« Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt.

Wie wir schon telegraphisch berichteten, be­gann gestern vor dem Münchener Schwur- gericht unter großem Andrang des Publi­kums die Verhandlung gegen den vierunddrei­ßig Jahre alten Zinngietzer JohannStras- s e r aus Nieder-Altaich, Bez.-Amt Deggendorf, der der Ermordung des preußischen Militär- attachees in München, Major von Lewinski, beschuldigt ist. Wie noch erinnerlich sein dürfte, hat Strasser am dreizehnten Mai dieses Jahres mittags kurz nach ein Uhr in der Nähe des preußischen Gesandtschastsgebäudes auf offener Straße den Major von Lewinski durch Revol­verschüsse getötet und einen zu Hilfe eilen« de» Polizeioberwachtmeister durch Schüsse in den Unterleib und in den Kopf derart schwer verletzt, daß der Getroffene nach wenigen Augenblicken an Ort und Stelle verschied. Der Mörder wurde alsbald von den Passanten fest­gehalten, überwältigt und gefesselt, und konnte nur durch das Dazwischentreten der Polizei vor der Wut des Publikums geschützt werden. Der bereits achtzigmal wegen Bettelns, Land­streicherei, Diebstahls und Roheitsdelikten vor­bestrafte Angeklagte entstammt einer

kleinbürgerliche« Familie, beten finanzielle Verhältnisse anscheinend geord­nete waren. Im Jahre 1900 war der Ange­klagte volljährig geworden und erhielt sein Erbteil in Höhe von 4000 Mark in Form einer Hypothek ausgezahlt, die er sofort für 3400 Mark weiterverkaufte. Nach feiner eigenen Angabe hat Strasser seit dieser Zeit nicht mehr gearbeitet, so daß das kleine Kapi­tal natürlicherweise alsbald verbraucht war. Straffer, der durch sein langedauerndes Müßig« aängerleben die Lust an Arbeit vollständig ver- loten hatte, erwarb sich seinen Lebensunterhalt durch Betteln und D i e b st ä h l e, die ihn schließlich auch ins Zuchthaus führten. In je­ner Zeit fanden die anarchistischen Leh. ren bei Straffer ein dankbares Feld und er wurde in kurzem als anarchistischer Agitator auch der Polizei bekannt, die ihn als Anarchisten in ihren Listen führte und überwachte. Diese Ueberwachung konnte aber das furchtbare Ver­brechen, wegen dessen er nunmehr vor den Geschworenen steht, nicht verhindern. Der Täte.- hat auch in der Untersuchungshaft keine be - sondere Reue an den Tag gelegt. Die Un­tersuchung durch medizinische Sachverständige hat keinen Anlaß dafür ergeben, daß er etwa als geisteskrank anzusprechen ist.

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Das Verhör des Mörders.

Anarchist Straffer über das Attentat.

Zn Beginn der Vernehmung Strassers ließ der Vorsitzende dem Angeklagten einen Situationsplan des Tatortes überreichen. Mit unwirscher Gebärde beugte sich der Angeklagte vor und warf das Blatt Papier seinem Ver­teidiger zu. Der Vorsitzende besprach sodann mit dem Angeklagten dessen persönliche Verhält­nisse. Der Angeklagte, der mit tiefer Stimme nur kurze Antworten gibt, durfte dabei mit Rücksicht auf seinen kranken rechten Fuß auf der Anklagebank sitzen bleiben. Er gab an, daß er schon seit langem einen Leistenbruch habe, her ihn an schwerer Arbeit hindere. Auf der Wanderschaft ist er nach Schweinfurt, Bamberg, Berlin, Breslau und Leipzig gekommen, wo er als Zinngießer arbeitete. Dann kehrte er in die Heimat zurück und erhob seine Erbschaft, eine Hypothek von 4000 Mark, weil er ins Ausland gehen wollte. Straffer war damals gerade großjährig geworden. Wegen bet Zahlung von Zinsen geriet er mit seinem Stiefvater in Streit. Schließlich ließ ihm dieser 600 Mark durch einen Mittelsmann in kleinen Beträge» auszahlen. Mit den 4000 Mark machte Strasser dann eine Grundstücksspekulation, die aber fehlscklug. Der Angeklagte erzählte diese Episode, die ihm viel Aerger eingebracht hat, indem er sich nervös den Schnurrbart streicht. Als er schließlich

kein Geld mehr hatte.

habe er von der Polizei einen Arbeitsaustrag erhalten. Dann ging er auf die Walze, bet- leite und stahk auch bei guter Gelegenheit.