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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
3. Jahrgang.
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, 24. Juni 1913
Fernsprecher 951 und 952.
Nummer 167
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Wladimir Kolowzow.
Rußlands Premierminister: Ein Porträt.
Depeschen aus Petersburg melde« «ns: Die Gerüchte über den bevorstehende« Rücktritt des Minister- präfidente« Kokowzow scheine« sich zu bestätigen. Kokowzow dürfte »och vor Ende dieses Mo«ats von seinem Posten zurücktreten und es wird versichert, daß als Nachfolger Kokowzows Graf Witte ausersehen ist, der schon früher einmal Ministerpräsident war und dieser Tage vom Zaren in längerer Audienz empfangen wurde, in der die Frage der eveutl. Llebernahme des Premierministerpostens durch Witte erörtert wurde.
Nach dem Stolypin-Drama: Der Befehl des Aaren berief Wladimir Nikolajewitsch Kokowzow, der bis dahin im Reutzenreich das Amt des Säckelmeisters verwaltet, auf den Stuhl des Premierministers, und füllte damit die durch Bagrows Mörderkugel ins Gefüge der ruflischen Staatsregierung gerissne Lücke aus. -Der neue Mann übernahm sein Amt weder freudig (tote es angesichts des Vertrauens der Majestät sich geziemt hätte) noch widerstrebend (wie man es von Wladimir Nikolajewitsch Kokowzows schwerblütiger Art wohl hätte erwarten dürfen), sondern mit dem stoischen Gleichmut, der den meisten ruflischen Beamten in hoher Stelle eigen ist, und der wohl als das Ergebnis einer langen Schul-Dreflur im Zwang amtmännischer Pflicht gelten darf. Der rufli- sche Regierungs-Apparat hat mit westeuropäischer Landesverwaltungsform nur wenig gemein: Der Wille des Zaren ist die einzige treibende Kraft, die bis in die fernsten Winkel des Riesenreichs die gewalftge Maschine in Gang hält, und da Rußland (nach der Praxis seiner Regierung zu urteilen) für eine parlamentarische Mitwirkung des Volks an der Gestaltung des Landesgeschicks immer „noch nicht reif" ist, das Parlament vielmehr ein bedeutungsloses Scheindasein sristet, so regiert Nikolai der Zweite heut trotz der Verfassung in Rußland so unumschränkt und selbstherrlich, tote wenn nie ein Zar den Eid auf die Konstitution geleistet hätte. Des Zaren Befehl nun erhob Wladimir Nikolajewitsch Kokowzow zum Kanzler des Reichs.
Die Stimmen, die der neue Mann am Tag seiner Berusung als Kundgabe öffentlicher Meinung vernahm, ttangen nicht allzu freundlich: Man sah im Erben Stolypins den rechtschaffnen Beamten und emsigen Arbeiter; man schätzte seine Rechtschaffenheit und Ueberzeu- gungstreue, aber man vermißte in ihm den schöpferischen Gei st, dessen Rußland in der Periode des UebergaNgs von der alten zur neuen Zeit so dringend bedurfte; man suchte in Kokowzows Vergangenheit vergebens nach einer einzigen Tat rascher und harter Entschlossenheit, und man fühlte instinftiv, daß dieser Mann, der nach dem ehrlichen Streber und schwachen Kämpfer Stolypin zur Leitung des Reichsgeschicks berufen ward, weniger noch als der Vorgänger im Amt in der Lage sein werde, die verhängnisvollen Einflüsse russischer Korruption, flavischer Kabalen und höfischer Kamarillen zurückzudämmen und das wilde Chaos der Verwaltung mit rücksichtsloser Hand zu ordnen. Als Peter Arkadje- wiffch Stolypin noch auf der Höhe seiner Erfolge stand, als durch den russischen Galgenwald schauerlich das Sterbelied der „niederge- rungnen" Revolution rauschte, umspann bereits ein Netz raffiniert erflügelter Intrigen die Gewalt des Premier-Ministers, und nur sein tragisches Ende hat Kokowzows Vorgänger vor dem Fall bewahrt: Der Zar aller Reußen, der selbstherrschende Kaiser des flavischen Riesenreichs, ist ein Spielball in den Händen höfischer, religiöser und spiritistischer Intriganten, und der ehrlichste Wille seiner Verantwortlichen Ratgeber splittert an der unsichtbaren Gewalt fremder Einflüsse, deren unheilvolle Macht noch kein Kanzler Nikolais niederzuringen vermocht hat.
Hat's Kokowzow, der Sohn des Ostsee- Balten. vermocht? WaS er: Erst als Hilfsarbeiter der Gefängnis-Verwaltung, dann als Staats-Sekretär im Departement für Nationalökonomie, später als Witte's Assistent und Minister der Finanzen, und schließlich als Kanzler des Zarenreichs geleistet, rechffertigt weder Hel- dcnruhm noch Lorbeerkränzung. Kokowzow ist der Typ des russischen Beamten im guten Sinn des Worts: Emsig, eifrig, ehrlich und treu. Er hat auch in der Zeit, da er an Witte's Seite das Chaos der russischen Finanzwirtschaft ordnete, mancherlei Eigenschaften gewonnen, die die Langeweile der s o n st üblichen
Beamten-Laufbahn kaum entwickelt haben würde, aber er ist dennoch geblieben, was er war: Ein Mann der Amtsstube, der in den „laufenden Geschäften" ausgeht, mit peinlicher Genauigkeit seine Pflicht erfüllt und aus dem Gesichtskreis seines amtlichen Gewissens alles fernhält, das eine Störung der geschäftsord- nungsmäßigen Akkuratesse fürchten lassen könnte Und dieser Mann, der nie den Durchschnitt überragt u. dessen sechstes Lebensdezennium sich zur Jahreswende rundete, als an ihn des Zaren Ruf erging, füllte das von Stolypins Hand begonnene, dann aber in der Furcht vor den Konsequenzen wieder verkümmerte Werk „russischer Wiedergeburt" von neuem aufnehmen und zum glücklichen Ende führen! Sollte bett unsichtbaren Widerständen trotzen können, die des Vorgängers Arm in der tatstohesten Stunde seines Ministerseins lähmten und den dann müd Gewordnen int ganzen Machtbereich der Kamarilla zur Ohnmacht verdammten! Wladimir Kokowzow hats nicht vermocht: DieZeit seiner Kanzlerschaft ist eine einzige Kette von Enttäuschungen, und wenn er nun, selbst ein Müder, von dannen geht, wird die Spur seiner Wirksamkeit schon dem Auge nächster Zukunft nicht mehr erkennbar sein.
Man hat, als im Kiewer Stadt-Theater der Rauch von Bagrows Mörderpistole sich verzogen, von einem „Signal-Verbrechen" gesprochen, das, wie der Blitz vorm Wetterschlag, neue Schrecken und neue Opfer künde, und hat aus den leidenschaft-erregten Tagen, die der Tat des Fanatismus folgten, die Erkenntnis gewonnen, w re dünn die Decke der Kultur ist, die den Krater russischer Barbarei und sla- vischer Volksleidenschaft trügerisch übergrünt: Das Verbrechen des Dreiundzwanzigjährigen, der im Kiewer Festungshof die Tat feigen Meuchelmords mit dem Tode gesühnt hat, wird auch am Geschickdes Russenvolks nicht ungerochen bleiben, mag die Schuld an Stolypins Opferung n o ch so deutlich auf den Sumpf russischer Korruption als des Verhängnisses Brutstätte Hinweisen. Der Morgen einer neuen „Galg^n-Aera" dämmert blutigrot herauf, und nah am Grabe Stolypins lauert die Gefahr, daß in dem Meer von Blut und Schrecken, dessen Brandung wild an den schwachen Ufern russischer Volkskultur schäumt, alles untergehen wird, was im Lauf der letzten Jahre vom gewaltig aufbäumenden Freiheitsdrang der Autokratie abgerungen ward. Wladimir Nikolajewitsch Kokowzow war nicht der „Mann mit der eisernen Hand", der das drohende Verhängnis bannen und bet Gerechtigkeit endlichen Sieg sichern konnte. Sein Hirn barg nicht die Energie-Gewalt, ein Heer mächtiger Gegner im Palast unb vorm Altar in Schach zu halten unb eines schwachen Kaisers Ohr bem Einfluß schlimmer Flüsterer zu entziehen. Er hat bett Kurs des Staatsschiffs nicht zum hellen Morgen -russischer Freiheilsarbeit, sondern zum düstren Abend gewalttätiger Kultur-Unterdrückung gewandt, und diese Erkenntnis stempelt Wladimir Kokowzows Herrschaftszeit zur T r a g ö d i e, zum Drama russischer Autokratie, unter deren Hauch alles Leben erstirbt ...l F- H-
Mutige Kämpfe am Kongo.
Die erste Frucht der Kongo-Sümpfe?
Vom .Kongo - Zspfel", den uns der „Scherz von Agadir" als hettzumstrittnen Siegerpreis eingetragen, kommt eine H r o b s - post die wenn sie ben Tatsachen entweicht, ernsteste Besorgnisse hinsichtlich der Ebnung unb Sicherheit in dem jüngsten Bezirk deutschen Kolonialbesitzes rechtfertigen wurde. Wir verzeichnen darüber folgende uns ans Parts zugehende Drahtmeldung:
Dreizehn Opfer der Kämpfe« (Privat - Telegramm.)
Paris, 23. Juni-
Von einem verlustreichen Gefecht am Kongozipfel, das die deutsche Schutztruppe zu bestehen gehabt habe« soll, meldet die Pariser „Presse Coloniale": Major Zimmer mann, der sich aus einer Inspektionsreise in der von Deutschland neuerdings annektierten Kongozone befand, sei von Eingeborenen aus Etone angegriffen worden, wobei der Unteroffizier Seifert und zw ö l s Soldaten der deutschen Schutztruppe g e - tötet worden seien. Nach Bekanntwerden dieser Nachricht hätten die Mitglieder der Grenzkommission ihre Arbeiten abgebrochen und seien Zimmermann zu Hilfe geeilt.
Trotzdem die Meldung der Pariser Depeschenagentur in durchaus bestimmter Fonn gehalten ist. hat man an amtlicher Stelle fet Berlin «och keine offizielle Kenntnis von diesen Vorgängen, denn wie uns ein Telegramm unseres Korrespondenten meldet, erklärte man heute im Reichs - Ko-
lonialamt, über die angeblichen verlustreichen Kämpfe im Kongo - Gebiet bisher keinerlei Nachricht erhalten zu haben.
zwischen Krieg und Frieden.
Die Konflikt-Verschärfung am Balkan.
Depeschen aus Belgrad berichten, daß der Eindruck der letzten Unterhandlungen zwischen den Balkanregierungen ein äußerst schlechter fei Mau glaubt allenthalben an den baldigen Ausbruch des Krieges, ja mau geht fogar foweit, einen Krieg als unabwend b ar zu bezeichnen und fprtcht dies ohne Bedauern aus. Man ist zu allen Opfern bereit. Jnzwifchen ist das serbische Mmtstert- um zurückgetreten, offenbar im Zusammenhang mit der Ablehnung der bulgarischen Gegenvorschläge. Wir verzeichnen folgende Draht-Meldungen:
Belgrad, 23. Juni.
Die Regierung hat wegen Meinungsverschiedenheiten zwischen Pasitsch und den übrigen Kabinettsmitgliedern demissioniert. Es verlautet, das Prositsch das Präsidium und der Bukarester Gesandte Ristitsch das Mittisterium des Aeußern übernehmen werde. Alles drängt zur sofortigen Aktion. Pasitsch hatte vorher noch den Mitgliedern der radikalen Partei erklärt, daß er absolut nicht aus dem Verlangen nach einer Vertragsrevifion bestehe.
Sofia» 23. Juni.
Eine vom Komitee der nationalen Einigung einberufene, zahlreich besuchte Versammlung nahm eine Resolution an, worin die Einigkeit und Unteilbarkeit des bulgarischen Vaterlandes verkündigt und an den König und die Regierung bet bringende Appell gerichtet wird, unverzüglich der bulgarischen Armee den Befehl zu geben, in das nicht befreite Vatvland einzudrin- g e n unb die neuen Eroberer zu verdrängen.
Saloniki, 23. Juni.
Die Lage hat sich derart verschlimmert, daß selbst Optimisten jetzt überzeugt sind, am Vorabend eines Krieges zu stehen. In Galinicki liegen noch tausend Bulgaren, die eine volle griechische Division immobilisiert halten. Die Bulgaren haben etwa fünfzehn Gebäude, sowie zwei große türkische Spitäler okkupiert und in Verteidigungszustand gesetzt. Sofort nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten beabsichtigen die Griechen, diese tausend Bulgaren zu G e - sangenen $u erklären.
’ Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zei- tung läßt sich in ihrer Wochen-Rundschau über die Situation am Balkan folgendermaßen ans: Gegenwärtig läßt sich noch nicht absehen, ob der Streit unter den Balkanstaaten dmrch schiedsrichterliche Vermtttlung oder durch Waffengewalt entschieden werden wird. Das all- seitige Festhalten der Großmächte, an den Grundlinien einer europäischen Frredens- politik, zu denen auch die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Balkanstaaten gehört, hat bisher günstig gewirkt und totrb sich, wie wir hoffen, auch fernerhin bewähren.
Araber-Attentat in Basra.
Konstantinopel, 23. Juni. (Draht- Mel bung.) Nach amtlichen Telegrammen ans Ba s r a feuerten am Sonnabend abend im Augenblick der Landung unbekannte Araber auf den Divisionskommandanten von Basra, Obersten Ferid und den G o u- vern cur, den Kommandanten der Gendarmerie und andere Offiziere sowie auf die Gendarmen Revolverschüffe ab. Ferid wurde getötet, der Gouverneur und ein Gendann wurden schwer verletzt. •
Mahmud Schewkets Mörder.
Konstantinopel, 23. Juni. (Dxaht- Meldun«.) Das Urteil des Kriegsgerichts gegen die Mörder des Großwesirs Mahmud Schewket ist noch nicht bekannt gegeben, doch ist sicher, daß zwölf Personen zum Tode verurteilt wurden. Darunter find der ftü- here Direktor der Polizei, Muhie, und Topak Tewfik. Prinz Sabah, Scherif und der frühere Minister R e ch i d, die geflohen sind, wurden zu schweren Strafen verurteilt.
Der Sachsenkonig im Zeppelin.
Einweihung des Leipziger Luftschiffhafens.
Leipzig, 23. Juni. (Privat - Telegramm.) In Anwesenheit des Königs von Sachsen, des Kronprinzen, des Prinzen Friedrich Christian unb einer ungeheueren Menschenmenge fand gestern die Einweihung des treuen Leipziger Lnftfchiffhafens statt. Das Luftschiff „Sachsen" landete kurz nach wer Uhr. Graf Zeppelin hatte das Luftschiff persönlich gesteuert. Bald nach bei Landung
bestieg der K önig von Sachsen nnt den Prinzen, bem Grafen Zeppelin sowie bem Gefolge das Luftschiff, bas sich gleich darauf tu etwa 600 Meter Höhe erhob unb eine emitundtge Rundfahrt über Leipzig unternahm, nach deren Beendigung es glatt auf dem Platze landete.
Reden vor leere« Bänken.
Die Militär-Zustiz im Reichstag.
Noch immer hat Herr von Heeringen das zweifelhafte Vergnügen, im Reichstag den Erwählten des Volks Rede und Antwort stehen zu müssen. In der Sonnabend-Sitzung würbe die zweite Beratung der Heeresvor- lage bei der Freitag abgebrochenen Debatte über die Militärjustiz fortgesetzt. Besonders er- eifette man sich darüber, ob es angebracht sei, dem Untergebenen das Recht sofortiger Erwiderung der ihm etwa von Vorgesetzten zugefugten Beleidigungen oder Mißhandlungen zu ver. leihen. Das heißt, die Sozialdemokraten wa- rcn's, die es befürworteten. Alle übrigen bestritten es natürlich. „Zug um Zug, Beleidigung um Beleidigung, Körperverletzung gegen Körperverletzung", meinte Genosse Kuhnert, während Müller-Meiningen drastisch zeigte, wohin das führen würde. „Hierher, du Ramme l g' s ch e e r t e r!" ruft der bayerische Hanpt- nlann ärgerlich. Prompt dürfte ihm künftig aus der Front zurücktönen: „Selber der größte R ammel!" Vermutlich würde sich dann dieser vettraulichen Zwiesprache zum Ergötzen der ganzen Truppe noch eine solenne Keilerei zwischen Kompagniechef und Gemeinem anschließen. Es ist zwingend richtig, was der Kriegsminister sagte, daß der beleidigende Vorgesetzte am einzelnen Mann, der beleidigende Untergebene hingegen am ganzen Heere, daher am Vaterlande sündigt. Natürlich muß der Mißbrauch der Dienstgewalt mit allerKraft ausgerottet werden, aber durch Selbsthilfe wahrlich nicht, sondern, wie der Abgeordnete van Cal- k e r ausführte, durch eine gründliche
Reform des Militärrechts unter gehöriger Erhöhung der StrafandrohtM* gen. Kein Unbefangener verkennt übrigens, daß gerade auf diesem Felde die Heeresbehör- ben in ben letzten Jahrzehnten rücksichtslos burchgegrissen haben. Auch bie kriegsgerichtliche Statistik verrät, baß bie allerwenigsten Miß- hanblungen noch durch Offiziere erfolgen ei- was mehr burch Unteroffiziere, bie meisten burch Kameraden. Aber, ob man mit Menschen- oder Engelzungen redete/kein Sozralbe- mokrat würbe überzeugt. Arn Schluß bei Debatte befand sich fast niemanb mehr tm Saale. So konnte auch keine Abstimmung erfolgen. Lebebonr wollte zur Strafe für bie Teilnahmslosigkeit Vertagung erzwingen, konnte aber auch nicht einmal Genossen genug zu- sammentrommeln, bie feinen Antrag unterstützten. Eine Resolution ber Budgetkommission will durch nachdrücklicheren T u r n unter r i ck> t auch ber Schulentlassenen bie Ju- genb besser aus ben Heeresbienst vorberciten. Hier konnte ber K r i e g s m i n i st e r aus vollem Herzen beistimmen, hatte aber freilich nicht unrecht mit ber Bitte, baß man boch mit sol- cheu Dingen die Wehrvorlage nicht belasten folle Die Sache erhält eine politifche Note ba- burch, baß ein Zusatzantrag Mumm nur bie» jeiligen Turnverbände unterstützt wissen will, die aus dem Boden ber heutigen Gesellfchafts- orbnung stehen. Der sozialbemokrattsche Abge- orbnete Heine legte gegen biesen Antrag ttt längeren Ausführungen energisch Protest ein. Schließlich aber wurde man doch rebemube unb vertagte bie weitere Aussprache auf Dienstag. * =n-
Wehrdebatte: Neunter Tag.
Reichstag-Sitzung vom 21. 2««i.
Am Bundesratstische: von Heeringen Die zweite Beratung ber Heeresvorlage wird wrt- gesetzt bei der Freitag abgebrochenen Debatte über bie Militärjustiz.
Sächsischer Generalmajor Freiherr Leuckarl von Weißdorf: Die von Stabthagen aufgestellte Behauptung, König Georg von Sachsen habe als Prinz bas Recht ber Notwehr nnlttartscher Untergebener gegen persönliche Angriffe Vorgesetzter anerkannt, trifft nicht zu.
Abg. Dr. von Calker (Nattonalliberal): Ohne stramme Disziplin kann selbst bie Miliz nicht auskommen. Der Begriff ber Dis- ziplin, bei sich natürlich nickt erschöpft Mit bem „Haube an bie Hosennaht" muß im Interesse ' bes Heeres ailfrecht erhalten bleiben. Das liegt auch im Interesse bes Vaierlanbes. Wenn auch bie S'rasminima herabgesetzt werden können, so ist bock ersoiberlich, baß für Mißhanblungen eine Strafverschärfung ein» "^Abg. von Bruckhausen (Konservativ): Die ganzen sozialbemokratischen Resolutionen haben nur ben Zweck, bie Kommanboge- waltbes Kaisers zu bescittgen unb sie durch bie parlamentarische Gewalt zu ersetzen. Zweckmäßige ober notwenbige
Aenderungen im Disziplinarwese« werben vom Kaiser ohne Ihr (zu ben Sozialdemokraten) Zutun vorgenommen. Wer und welcher Pattei er auch augehött unb mit ber Sozialbemokratie Zusammengehen will, hat bie