Einzelbild herunterladen
 

(i

s

3

«p

S

s

s

'V

5

a 3 ]

3

CMer Neueste NuWteu

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 24. Juni 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 167

Die Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der Abonnementspreis beträgt nwnatltch 60 Bsg. bet freier Zustellung inS Haus. Bestellungen werden jederzeit von der Eefchästsstelle oder den Boten entgegsngenommen. Druckerei, «erlag und Redattton: SchlachthoMraße 28/30. Sprechstunden d« Redaktion nur von 7 b» S Uhr abends. Sprechstunden der AuStun« - Stelle; Jeden Mittwoch und Freitag voa « bt» 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Frtedrichstr. 1«, Telephon; Amt Morttzplatz 12584.

-tnserttonSvretse- Die sechsgespaltene Zeile für einheimische Geschäfte IS Pfg-, für aus. wärttae Inserate 25 Pf, Rellamezetle für einheimische Geschäfte 40 Vf, EeschästeSO Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit S Mart pro Taufend be- rechnet. Wegen chrer dichten Berbreitung in der R-stden, und derUmgebung stnd^ Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jnfertionsorgan. Geschäftsstelle, «olniich Etraste^S.^^öerttner Vertretung: SW, Medrichstraße 16, Telephon^ Amt Morttzplatz E

Wladimir Kolowzow.

Rußlands Premierminister: Ein Porträt.

Depeschen aus Petersburg melde« «ns: Die Gerüchte über den bevor­stehende« Rücktritt des Minister- präfidente« Kokowzow scheine« sich zu bestätigen. Kokowzow dürfte »och vor Ende dieses Mo«ats von seinem Posten zurücktreten und es wird versichert, daß als Nachfolger Kokowzows Graf Witte ausersehen ist, der schon früher einmal Minister­präsident war und dieser Tage vom Zaren in längerer Audienz empfangen wurde, in der die Frage der eveutl. Llebernahme des Premierminister­postens durch Witte erörtert wurde.

Nach dem Stolypin-Drama: Der Befehl des Aaren berief Wladimir Nikolajewitsch Ko­kowzow, der bis dahin im Reutzenreich das Amt des Säckelmeisters verwaltet, auf den Stuhl des Premierministers, und füllte damit die durch Bagrows Mörderkugel ins Gefüge der ruflischen Staatsregierung gerissne Lücke aus. -Der neue Mann übernahm sein Amt we­der freudig (tote es angesichts des Vertrauens der Majestät sich geziemt hätte) noch widerstre­bend (wie man es von Wladimir Nikolajewitsch Kokowzows schwerblütiger Art wohl hätte er­warten dürfen), sondern mit dem stoischen Gleichmut, der den meisten ruflischen Beamten in hoher Stelle eigen ist, und der wohl als das Ergebnis einer langen Schul-Dreflur im Zwang amtmännischer Pflicht gelten darf. Der rufli- sche Regierungs-Apparat hat mit westeuropä­ischer Landesverwaltungsform nur wenig ge­mein: Der Wille des Zaren ist die ein­zige treibende Kraft, die bis in die fernsten Winkel des Riesenreichs die gewalftge Maschine in Gang hält, und da Rußland (nach der Praxis seiner Regierung zu urteilen) für eine parlamentarische Mitwirkung des Volks an der Gestaltung des Landesgeschicks immernoch nicht reif" ist, das Parlament vielmehr ein be­deutungsloses Scheindasein sristet, so regiert Nikolai der Zweite heut trotz der Verfassung in Rußland so unumschränkt und selbstherrlich, tote wenn nie ein Zar den Eid auf die Konsti­tution geleistet hätte. Des Zaren Befehl nun erhob Wladimir Nikolajewitsch Kokowzow zum Kanzler des Reichs.

Die Stimmen, die der neue Mann am Tag seiner Berusung als Kundgabe öffentlicher Mei­nung vernahm, ttangen nicht allzu freundlich: Man sah im Erben Stolypins den rechtschaff­nen Beamten und emsigen Arbeiter; man schätzte seine Rechtschaffenheit und Ueberzeu- gungstreue, aber man vermißte in ihm den schöpferischen Gei st, dessen Rußland in der Periode des UebergaNgs von der alten zur neuen Zeit so dringend bedurfte; man suchte in Kokowzows Vergangenheit vergebens nach einer einzigen Tat rascher und harter Ent­schlossenheit, und man fühlte instinftiv, daß dieser Mann, der nach dem ehrlichen Stre­ber und schwachen Kämpfer Stolypin zur Lei­tung des Reichsgeschicks berufen ward, weni­ger noch als der Vorgänger im Amt in der Lage sein werde, die verhängnisvollen Ein­flüsse russischer Korruption, flavischer Kabalen und höfischer Kamarillen zurückzudämmen und das wilde Chaos der Verwaltung mit rück­sichtsloser Hand zu ordnen. Als Peter Arkadje- wiffch Stolypin noch auf der Höhe seiner Er­folge stand, als durch den russischen Galgen­wald schauerlich das Sterbelied derniederge- rungnen" Revolution rauschte, umspann bereits ein Netz raffiniert erflügelter Intrigen die Ge­walt des Premier-Ministers, und nur sein tra­gisches Ende hat Kokowzows Vorgänger vor dem Fall bewahrt: Der Zar aller Reußen, der selbstherrschende Kaiser des flavischen Riesen­reichs, ist ein Spielball in den Händen höfi­scher, religiöser und spiritistischer Intriganten, und der ehrlichste Wille seiner Verantwortlichen Ratgeber splittert an der unsichtbaren Gewalt fremder Einflüsse, deren unheilvolle Macht noch kein Kanzler Nikolais niederzuringen vermocht hat.

Hat's Kokowzow, der Sohn des Ostsee- Balten. vermocht? WaS er: Erst als Hilfsar­beiter der Gefängnis-Verwaltung, dann als Staats-Sekretär im Departement für National­ökonomie, später als Witte's Assistent und Mi­nister der Finanzen, und schließlich als Kanzler des Zarenreichs geleistet, rechffertigt weder Hel- dcnruhm noch Lorbeerkränzung. Kokowzow ist der Typ des russischen Beamten im guten Sinn des Worts: Emsig, eifrig, ehrlich und treu. Er hat auch in der Zeit, da er an Witte's Seite das Chaos der russischen Finanzwirt­schaft ordnete, mancherlei Eigenschaften gewon­nen, die die Langeweile der s o n st üblichen

Beamten-Laufbahn kaum entwickelt haben würde, aber er ist dennoch geblieben, was er war: Ein Mann der Amtsstube, der in den laufenden Geschäften" ausgeht, mit peinlicher Genauigkeit seine Pflicht erfüllt und aus dem Gesichtskreis seines amtlichen Gewissens alles fernhält, das eine Störung der geschäftsord- nungsmäßigen Akkuratesse fürchten lassen könn­te Und dieser Mann, der nie den Durchschnitt überragt u. dessen sechstes Lebensdezennium sich zur Jahreswende rundete, als an ihn des Za­ren Ruf erging, füllte das von Stolypins Hand begonnene, dann aber in der Furcht vor den Konsequenzen wieder verkümmerte Werkrus­sischer Wiedergeburt" von neuem aufnehmen und zum glücklichen Ende führen! Sollte bett un­sichtbaren Widerständen trotzen können, die des Vorgängers Arm in der tatstohesten Stunde seines Ministerseins lähmten und den dann müd Gewordnen int ganzen Machtbereich der Kamarilla zur Ohnmacht verdammten! Wladi­mir Kokowzow hats nicht vermocht: DieZeit sei­ner Kanzlerschaft ist eine einzige Kette von Ent­täuschungen, und wenn er nun, selbst ein Mü­der, von dannen geht, wird die Spur seiner Wirksamkeit schon dem Auge nächster Zukunft nicht mehr erkennbar sein.

Man hat, als im Kiewer Stadt-Theater der Rauch von Bagrows Mörderpistole sich ver­zogen, von einemSignal-Verbrechen" gesprochen, das, wie der Blitz vorm Wetter­schlag, neue Schrecken und neue Opfer künde, und hat aus den leidenschaft-erregten Tagen, die der Tat des Fanatismus folgten, die Erkennt­nis gewonnen, w re dünn die Decke der Kultur ist, die den Krater russischer Barbarei und sla- vischer Volksleidenschaft trügerisch übergrünt: Das Verbrechen des Dreiundzwanzigjährigen, der im Kiewer Festungshof die Tat feigen Meuchelmords mit dem Tode gesühnt hat, wird auch am Geschickdes Russenvolks nicht ungerochen bleiben, mag die Schuld an Stoly­pins Opferung n o ch so deutlich auf den Sumpf russischer Korruption als des Verhängnisses Brutstätte Hinweisen. Der Morgen einer neuenGalg^n-Aera" dämmert blutig­rot herauf, und nah am Grabe Stolypins lauert die Gefahr, daß in dem Meer von Blut und Schrecken, dessen Brandung wild an den schwachen Ufern russischer Volkskultur schäumt, alles untergehen wird, was im Lauf der letz­ten Jahre vom gewaltig aufbäumenden Frei­heitsdrang der Autokratie abgerungen ward. Wladimir Nikolajewitsch Kokowzow war nicht derMann mit der eisernen Hand", der das drohende Verhängnis bannen und bet Gerech­tigkeit endlichen Sieg sichern konnte. Sein Hirn barg nicht die Energie-Gewalt, ein Heer mäch­tiger Gegner im Palast unb vorm Altar in Schach zu halten unb eines schwachen Kaisers Ohr bem Einfluß schlimmer Flüsterer zu ent­ziehen. Er hat bett Kurs des Staatsschiffs nicht zum hellen Morgen -russischer Freiheilsarbeit, sondern zum düstren Abend gewalttätiger Kul­tur-Unterdrückung gewandt, und diese Erkennt­nis stempelt Wladimir Kokowzows Herrschafts­zeit zur T r a g ö d i e, zum Drama russischer Autokratie, unter deren Hauch alles Leben er­stirbt ...l F- H-

Mutige Kämpfe am Kongo.

Die erste Frucht der Kongo-Sümpfe?

Vom .Kongo - Zspfel", den uns der Scherz von Agadir" als hettzumstrittnen Sie­gerpreis eingetragen, kommt eine H r o b s - post die wenn sie ben Tatsachen entweicht, ernsteste Besorgnisse hinsichtlich der Ebnung unb Sicherheit in dem jüngsten Bezirk deut­schen Kolonialbesitzes rechtfertigen wurde. Wir verzeichnen darüber folgende uns ans Parts zugehende Drahtmeldung:

Dreizehn Opfer der Kämpfe« (Privat - Telegramm.)

Paris, 23. Juni-

Von einem verlustreichen Gefecht am Kon­gozipfel, das die deutsche Schutztrup­pe zu bestehen gehabt habe« soll, meldet die PariserPresse Coloniale": Major Zim­mer mann, der sich aus einer Inspektions­reise in der von Deutschland neuerdings an­nektierten Kongozone befand, sei von Einge­borenen aus Etone angegriffen worden, wo­bei der Unteroffizier Seifert und zw ö l s Soldaten der deutschen Schutztruppe g e - tötet worden seien. Nach Bekanntwerden dieser Nachricht hätten die Mitglieder der Grenzkommission ihre Arbeiten abgebrochen und seien Zimmermann zu Hilfe geeilt.

Trotzdem die Meldung der Pariser Depe­schenagentur in durchaus bestimmter Fonn ge­halten ist. hat man an amtlicher Stelle fet Berlin «och keine offizielle Kenntnis von diesen Vorgängen, denn wie uns ein Tele­gramm unseres Korrespondenten meldet, erklärte man heute im Reichs - Ko-

lonialamt, über die angeblichen verlust­reichen Kämpfe im Kongo - Gebiet bisher kei­nerlei Nachricht erhalten zu haben.

zwischen Krieg und Frieden.

Die Konflikt-Verschärfung am Balkan.

Depeschen aus Belgrad berichten, daß der Eindruck der letzten Unterhandlungen zwischen den Balkanregierungen ein äußerst schlechter fei Mau glaubt allenthalben an den baldi­gen Ausbruch des Krieges, ja mau geht fogar foweit, einen Krieg als unab­wend b ar zu bezeichnen und fprtcht dies ohne Bedauern aus. Man ist zu allen Opfern bereit. Jnzwifchen ist das serbische Mmtstert- um zurückgetreten, offenbar im Zusammenhang mit der Ablehnung der bulgarischen Gegenvor­schläge. Wir verzeichnen folgende Draht-Mel­dungen:

Belgrad, 23. Juni.

Die Regierung hat wegen Meinungs­verschiedenheiten zwischen Pasitsch und den übrigen Kabinettsmitgliedern de­missioniert. Es verlautet, das Prositsch das Präsidium und der Bukarester Gesandte Ristitsch das Mittisterium des Aeußern über­nehmen werde. Alles drängt zur soforti­gen Aktion. Pasitsch hatte vorher noch den Mitgliedern der radikalen Partei erklärt, daß er absolut nicht aus dem Verlangen nach einer Vertragsrevifion bestehe.

Sofia» 23. Juni.

Eine vom Komitee der nationalen Eini­gung einberufene, zahlreich besuchte Versamm­lung nahm eine Resolution an, worin die Einigkeit und Unteilbarkeit des bulgarischen Vaterlandes verkündigt und an den König und die Regierung bet bringende Appell gerichtet wird, unverzüglich der bul­garischen Armee den Befehl zu geben, in das nicht befreite Vatvland einzudrin- g e n unb die neuen Eroberer zu verdrängen.

Saloniki, 23. Juni.

Die Lage hat sich derart verschlim­mert, daß selbst Optimisten jetzt überzeugt sind, am Vorabend eines Krieges zu stehen. In Galinicki liegen noch tausend Bul­garen, die eine volle griechische Division immobilisiert halten. Die Bulgaren haben etwa fünfzehn Gebäude, sowie zwei große türkische Spitäler okkupiert und in Vertei­digungszustand gesetzt. Sofort nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten beabsichtigen die Griechen, diese tausend Bulgaren zu G e - sangenen $u erklären.

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zei- tung läßt sich in ihrer Wochen-Rundschau über die Situation am Balkan folgendermaßen ans: Gegenwärtig läßt sich noch nicht absehen, ob der Streit unter den Balkanstaaten dmrch schiedsrichterliche Vermtttlung oder durch Waf­fengewalt entschieden werden wird. Das all- seitige Festhalten der Großmächte, an den Grundlinien einer europäischen Frredens- politik, zu denen auch die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Balkanstaaten gehört, hat bisher günstig gewirkt und totrb sich, wie wir hoffen, auch fernerhin be­währen.

Araber-Attentat in Basra.

Konstantinopel, 23. Juni. (Draht- Mel bung.) Nach amtlichen Telegrammen ans Ba s r a feuerten am Sonnabend abend im Augenblick der Landung unbekannte Ara­ber auf den Divisionskommandan­ten von Basra, Obersten Ferid und den G o u- vern cur, den Kommandanten der Gendar­merie und andere Offiziere sowie auf die Gen­darmen Revolverschüffe ab. Ferid wurde getötet, der Gouverneur und ein Gendann wurden schwer verletzt.

Mahmud Schewkets Mörder.

Konstantinopel, 23. Juni. (Dxaht- Meldun«.) Das Urteil des Kriegsgerichts gegen die Mörder des Großwesirs Mahmud Schewket ist noch nicht bekannt gegeben, doch ist sicher, daß zwölf Personen zum To­de verurteilt wurden. Darunter find der ftü- here Direktor der Polizei, Muhie, und Topak Tewfik. Prinz Sabah, Scherif und der frühere Minister R e ch i d, die geflohen sind, wurden zu schweren Strafen verurteilt.

Der Sachsenkonig im Zeppelin.

Einweihung des Leipziger Luftschiffhafens.

Leipzig, 23. Juni. (Privat - Tele­gramm.) In Anwesenheit des Königs von Sachsen, des Kronprinzen, des Prin­zen Friedrich Christian unb einer ungeheueren Menschenmenge fand gestern die Einweihung des treuen Leipziger Lnftfchiffhafens statt. Das LuftschiffSachsen" landete kurz nach wer Uhr. Graf Zeppelin hatte das Luftschiff persönlich gesteuert. Bald nach bei Landung

bestieg der K önig von Sachsen nnt den Prin­zen, bem Grafen Zeppelin sowie bem Gefolge das Luftschiff, bas sich gleich darauf tu etwa 600 Meter Höhe erhob unb eine emitundtge Rundfahrt über Leipzig unternahm, nach de­ren Beendigung es glatt auf dem Platze landete.

Reden vor leere« Bänken.

Die Militär-Zustiz im Reichstag.

Noch immer hat Herr von Heeringen das zweifelhafte Vergnügen, im Reichstag den Erwählten des Volks Rede und Antwort stehen zu müssen. In der Sonnabend-Sitzung würbe die zweite Beratung der Heeresvor- lage bei der Freitag abgebrochenen Debatte über die Militärjustiz fortgesetzt. Besonders er- eifette man sich darüber, ob es angebracht sei, dem Untergebenen das Recht sofortiger Erwide­rung der ihm etwa von Vorgesetzten zugefugten Beleidigungen oder Mißhandlungen zu ver. leihen. Das heißt, die Sozialdemokraten wa- rcn's, die es befürworteten. Alle übrigen be­stritten es natürlich.Zug um Zug, Beleidi­gung um Beleidigung, Körperverletzung gegen Körperverletzung", meinte Genosse Kuhnert, während Müller-Meiningen drastisch zeigte, wohin das führen würde.Hierher, du Ram­me l g' s ch e e r t e r!" ruft der bayerische Hanpt- nlann ärgerlich. Prompt dürfte ihm künftig aus der Front zurücktönen:Selber der größte R ammel!" Vermutlich würde sich dann dieser vettraulichen Zwiesprache zum Er­götzen der ganzen Truppe noch eine solenne Keilerei zwischen Kompagniechef und Gemeinem anschließen. Es ist zwingend richtig, was der Kriegsminister sagte, daß der beleidigende Vor­gesetzte am einzelnen Mann, der beleidigende Untergebene hingegen am ganzen Heere, daher am Vaterlande sündigt. Natürlich muß der Mißbrauch der Dienstgewalt mit allerKraft aus­gerottet werden, aber durch Selbsthilfe wahrlich nicht, sondern, wie der Abgeordnete van Cal- k e r ausführte, durch eine gründliche

Reform des Militärrechts unter gehöriger Erhöhung der StrafandrohtM* gen. Kein Unbefangener verkennt übrigens, daß gerade auf diesem Felde die Heeresbehör- ben in ben letzten Jahrzehnten rücksichtslos burchgegrissen haben. Auch bie kriegsgerichtli­che Statistik verrät, baß bie allerwenigsten Miß- hanblungen noch durch Offiziere erfolgen ei- was mehr burch Unteroffiziere, bie meisten burch Kameraden. Aber, ob man mit Men­schen- oder Engelzungen redete/kein Sozralbe- mokrat würbe überzeugt. Arn Schluß bei De­batte befand sich fast niemanb mehr tm Saale. So konnte auch keine Abstimmung er­folgen. Lebebonr wollte zur Strafe für bie Teilnahmslosigkeit Vertagung erzwingen, konn­te aber auch nicht einmal Genossen genug zu- sammentrommeln, bie feinen Antrag unterstütz­ten. Eine Resolution ber Budgetkommis­sion will durch nachdrücklicheren T u r n un­ter r i ck> t auch ber Schulentlassenen bie Ju- genb besser aus ben Heeresbienst vorberciten. Hier konnte ber K r i e g s m i n i st e r aus vol­lem Herzen beistimmen, hatte aber freilich nicht unrecht mit ber Bitte, baß man boch mit sol- cheu Dingen die Wehrvorlage nicht belasten folle Die Sache erhält eine politifche Note ba- burch, baß ein Zusatzantrag Mumm nur bie» jeiligen Turnverbände unterstützt wissen will, die aus dem Boden ber heutigen Gesellfchafts- orbnung stehen. Der sozialbemokrattsche Abge- orbnete Heine legte gegen biesen Antrag ttt längeren Ausführungen energisch Protest ein. Schließlich aber wurde man doch rebemube unb vertagte bie weitere Aussprache auf Diens­tag. * =n-

Wehrdebatte: Neunter Tag.

Reichstag-Sitzung vom 21. 2««i.

Am Bundesratstische: von Heeringen Die zweite Beratung ber Heeresvorlage wird wrt- gesetzt bei der Freitag abgebrochenen Debatte über bie Militärjustiz.

Sächsischer Generalmajor Freiherr Leuckarl von Weißdorf: Die von Stabthagen aufgestellte Behauptung, König Georg von Sachsen habe als Prinz bas Recht ber Notwehr nnlttartscher Untergebener gegen persönliche Angriffe Vorge­setzter anerkannt, trifft nicht zu.

Abg. Dr. von Calker (Nattonalliberal): Ohne stramme Disziplin kann selbst bie Miliz nicht auskommen. Der Begriff ber Dis- ziplin, bei sich natürlich nickt erschöpft Mit bemHaube an bie Hosennaht" muß im In­teresse ' bes Heeres ailfrecht erhalten bleiben. Das liegt auch im Interesse bes Vaierlanbes. Wenn auch bie S'rasminima herabgesetzt wer­den können, so ist bock ersoiberlich, baß für Mißhanblungen eine Strafverschärfung ein» "^Abg. von Bruckhausen (Konservativ): Die ganzen sozialbemokratischen Resolutionen ha­ben nur ben Zweck, bie Kommanboge- waltbes Kaisers zu bescittgen unb sie durch bie parlamentarische Gewalt zu ersetzen. Zweckmäßige ober notwenbige

Aenderungen im Disziplinarwese« werben vom Kaiser ohne Ihr (zu ben Sozial­demokraten) Zutun vorgenommen. Wer und welcher Pattei er auch augehött unb mit ber Sozialbemokratie Zusammengehen will, hat bie