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Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952,

Sonntag, 22. Zuni 1S13

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 166

Etumtag im Reichrhmr.

gemeldet:

Saloniki, 21. Jutii-

l

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zeit mit der breiten Masie des Volks in nähere Berührung gekommen (möglicherweise sogar durch'die ganze Methode seiner Erziehung zu einem Verächter des .Volks" herangebildei worden ist), natürlich nicht erwarten, daß er pätrr als Richter dem Volk mitfühlend, ver- ebend und erkennend gegenüberzutreten und

Ein weiteres Privat-Telegramm be­richtet uns aus Wien: Der bulgarische Mun- srerprästdent Tr. Da new äußerte sich gegen­über dem Korrespoiwenten der Zeit in Sofia, daß die gegenwärtige Lage äußerst heikel und schwierig sei. Ter bulgarische Stand- punkt sei unabänderlich. Die Entscheidung des Streitsalles muffe sehr bald erfolgen, da ent weiteres Hinausschieben unmöglich sei, weil so­wohl in Bulgarien als auch in Serbien das Volk den Krieg wolle.

viertes Opfer gefordert. Die siebenjährige Anna K u p i t s ch k a ist heute früh ihren Ber- letrungen erlegen. Der Lehrer Moellmann ist operiert worden, doch haben die Aerzte we­nig Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten. Der Mörder macht einen völlig stumpfsinni- g e n E i n d r u ck. Er gibt keine Antwort; nur wenn man ihm das WortJesuit" zuruft, springt er erregt auf.

Der Zar soll entscheide»!

Wie Depeschen aus Sofia melden, unter­nahm der russische Gesandte gestern einen neuen Schritt bei der bulgarischen Regie­rung, der e: nahelegte, sich dein russischen

Hofsbeamten mit der Bitte, ihm

einen Bahnhofs-Plan zu besorgen.

Der Beamte ging scheinbar darauf ein, machte aber seiner vorgesetztere Behörde davyn Mittei­lung. Er übergab dann dem Angeklagten einen (völlig wertlosen)Plan", den dieser nach Rußland zu schassen versuchte. Als er am dreizehnten Januar dieses Jahres den Zug nach Kalisch mit dem Plane besteigen wollte, wurde er verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis zu Ostrowo gebracht. Lösche hat gewußt, daß es sich um einen Ge­genstand handelte, der im Jnterefle der Staats­icherheit geheim zu halten war. Er hat sich also des versuchten Verrats militärischer Ge- heimniffe schuldig gemacht. Bei der Strafzu- meffung wurde mildernd berücksichtigt die I u- gend des Angeklagten und seine schlechte Erziehung und der Umstand, daß er kein Elternhaus gehabt hat: im übrigen mußte erschwerend in Betracht gezogen werden, daß er, obgleich in Rußland geboren, der Sohn deutscher Eltern ist und sich als Deutscher be­frachtet hat, ferner, daß er ein im Staats­dienst beschäftigter Arbeiter war und ausrei­chend zu leben hatte. Endlich ist auch darauf Rücksicht genommen worden, daß er lediglich aus Leichtsinn und Vergnügungs­sucht gehandelt hat, um sich einen mühelosen Erwerb zu verschaffen.

Das Urteil des Reichsgerichts.

Tas Reichsgericht erkannte gegen den An­geklagten wegen versuchten Verrats militäri­scher Geheimnisse aus zwei Jahre sechs Monate Zuchthaus und fünf Jahre Ehrenrechtsverlust. Auch wurde auf Zuläffig- keit von Polizeiaufsicht erkannt. Die Zucht- bausstrase wird mit der noch nicht verbüßten Gefängnisstrafe zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren sechs Monaten einer Woche vereinigt. Ta8 Reichsgericht hat angenommen, daß der Angeklagte bewußt sich der versuchten Spio- : nage schuldig gemacht hat und zwar aus reinem ! Eigennutz. Lösche nahm das Urteil sehr 1 ruhig entgegen und erklärte, die Strafe so- 1 fort antrete« zu wollen.

Iar KriegMrl am Balkan.

Vor dem Krieg oder vor dem Frieden?

Die Situation am Balkan spitzt sich immer mehr zu: In Serbien sowohl als in Bul­garien wird fieberhaft gerüstet, und mrs Belgrad wird sogar gemeldet, die serbische Re­gierung habe gestern eine vertrauliche Mittei­lung erhalten, wonach die bulgarische Mo­bilisierung bereits beendet sei und die gesamte Armee marsch- und aktionsbereit un­ter den Waffen stehe. Inzwischen wird uns

Nach den hier vorliegenden Meldungen haben die Bulgaren bisher ungefähr 200 000 Mann gegen die serbischen und griechisihen Stellungen aufgeboten und noch werden weitere Truppentransporte erwartet. Ueber die Stimmung der bulgarische« Sol­daten liegen hier widersprechende Berichte vor; es werden sogar Meutereien gemeldet.

Belgrad, 21. Juni.

Alle Anzeichen deuten auf eine weitere Verschärfung der Lage hin. Man ist auf den Ausbruch der Feindseligkei- t e n gefaßt, obgleich die Bulgaren noch eini­ge Tage benötigen, um ihren Aufmarsch so­wohl gegen die serbischen als auch gegen die griechischen Stellungen zu vollenden.

Jas Bremer Schul-Drama.

Ein weiteres Opfer des Attentäter«!

Bremen, 21. Juni. (P riv at-Tele- gram m.) Die Wahnfinnstat in der Marien- schule in Bremen (Siebe Beilage) hat ein

unterrichten." Und als geeignetes Mittel zur Erlangung praktischer, wirtschaftlicher Kennt­nisse verlangt er für die jungen Juristen eine ihrer Ausbildung dienende Beschäftigung in Handelskammern, Gewerbe- und Landwirt­schaftskammern, oder geeigneten kaufmännischen oder industriellen Großbetrieben. Wie berech­tigt die Forderung des Handelskammertags ist, geht aus tausend Beispielen hervor, die die Zivil- und Strafjustiz unsrer Tage grade in denjenigen Fragen als weltfremd und mangelhaft unterrichtet kennzeichnen, die mit der fortschreitenden Industrialisierung des Reichs naturgemäß auch im Rechtsleben in den Vordergrund des aktuellen Interesses gedrängt werden: Fragen des industriellen, gewerblichen und kaufmännische« Lebens, der modernen Ar­beiterbewegung, der Sozial- und Wirtschafts­politik und der a«s dem Kampf ums Dasein hercuswachsenden Kriminalität. Hier kann keine Justiz des »grünen Tischs" die berufne Priesterin der Gerechtigkeit sein, sondern die Rechtsprechung erfordert die Recht-Erkenntnis eigner Erfahrung, die verständige Würdi­gung von Milieu und Motiv, und sichre Erfassung vonUrfachen und Wirkungen!

Einer nnsrer besten und hekiblickendsten Ju­risten hat das harte Wort gesprochen:Tas Erbübel der Justiz ist die Einseitigkeit ihres lebenden Apparats!" Um die Berechti­gung dieser Kritik überzeugend, darzutun, braucht nur nachgewiesen zu werden, daß sich der Nachwuchs unsrer Juristen heut nur noch ausschließlich aus den bemitteltsten und wirtschaftlich unabhängigsten Klassen rekru­tiert. weil die finanzielle Dürftigkeit der Kar­riere in Verbindung mit einer gradezu uner­hört langen Wartezeit es den Angehörigen der minderbemittelten Klassen direkt unmöglich macht, die juristische Laufbahn einzuschlagen. Das allein schon ist eine schwere Gefabr für die Volkstümlichkeit und praktische Schulung unsrer Justiz, denn man kann von dem Sohn eines reichen Hauses, der weder in d'.r Kinderstube, noch auf der Schulbank, noch während seiner Studien- und Vorbereitungs-

Hinter der Wolke.

Unsre Richter und das Leben: Rechtspre- 1 chnng, Wirklichkeit «nd Weltfremdheit. '

Ein paar Ereignisse jüngster Vergangen­heit haben uns wieder daran erinnert: Die »Weltfremdheit" unsrer Juristen ist kein leerer Wahn, kein Schlagwort und kein frevler Spott; nein, sie ist da, lebt und webt und ist unterdessen so alt geworden, wie die Justiz selbst: Grau, zitternd und ehrwürdig-alters- müd. Und wenn man die Chronik der Recht­sprechung alter und neuer Zeit durchblättert, gewinnt'« fast den Anschein, als habe das zwanzigste Säkulum der Justiz den Blick für s reale Leben mit seinem ganzen Gehalt an Lei­denschaften und Kümmernissen mehr getrübt, als alle Jahrhunderte, die vordem über dem Tempel der Themis dahinrauschten. Möglich, daß optische Täuschung zu allzu hartem Urteil verführt, und daß unsre Justiz imgrunde besser ist als ihr Ruf: Aber auch dann bliebe noch zu berechtigter Kritik genügend Anlaß, und eine der schwächsten Seiten des modernen Rechtsbetriebs ist zweifellos der schroffe (und zuweilen komisch-groteske) Gegensatz, der zwischen der Vorstellungwelt mancher Juristen und der Welt der real-nüchternen Wirklichkeit klafft. Alle Gerechtigkeit gründet sich auf die Wahr­heit der E r k e n n t n i s, und erkennen kann nur, wer das Wesen der Dinge in seinen Motiven und Keimen erfaßt hat und die Wer­tung der Tatsachen unterm Gesichtswinkel der Milieu-Erkenntnis objektiv richtig abzuwägen vermag. Mit andern Worten: Wer urteilen will, muß des Lebens soziale, wirtschaftliche und sittliche Geheimnisse erlauscht, Niederun­gen und Höhen des Menschendäseius prüfend gemessen und den Lebenskampf dort studiert haben, wo Not und Verbrechen, Wahn und Leidenschaft an den Fundamenten menschlich­sittlicher Ordnung rütteln.

Es gilt, ein Problem zu lösen und drohen­der Gefahr den Damm ernster Reformarbeit entgegenzustemmen, und aus dieser Erkenntnis heraus hat jüngst auch der sächsische Handels­kammertag (bei der Beratung über eine Re­form der juristischen Vorbildung) einen Be­schluß gefaßt, der sich scharf gegen die Welt- frimdheit unsrer Justiz richtet: »Der Handels­kammertag hält es im Interesse von Handel und Industrie, Gewerbe- und Landwirtschaft, wie auch im Interesse des Juristenstandes selbst fiit dringend wünschenswert, daß sich Richter und Anwälte von den Bedürfnissen des p r a k- tischen Lebens in weitestgehendetn Maße

^nferttonäorelfe: Die sechSgespaltene gelte für einheimische Geschäfte 15 ißfg., für, auS. wärtige Inserate 2° Bf, ReklamezeUe für einheimische Geschäfte S» Pf. für auswärtige Geschäfte M Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be­regnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residen, und der Umgebung Nnd ^e Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jnsertionsorgan. ®er<f)aft8fteae. Stoln-fd) Strobe 5. Berliner Vertretung: SW Friedrichsirahe 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12581.

Die Freitags-Debatte.

Reichstags-Sitzung vom 20. Juni.

Am Bundesratstisch: Kriegsminister von H e er i n g e n. Auf der Tagesordnung steht die Weiterberatung der Heeresvorlage. Nach einer langen Geschäftsordnungsdebatte übet die Frage, ob Abgeordneter Frank (So­zialdemokrat) eine Depesche zur Verlesung brin­gen dürfe, legt dieser die Depesche auf den Tisch des Hauses nieder.

Das Haus nimmt sodann die Abstim- m u ng über den verhandelten sozialdemokra­tischen Antrag betreffend Militärb oy- ko tt vor. Er wird in namentlicher Abstim­mung mit 201 gegen 127 Stimmen abgc- lehnt, die in ihrer Tendenz ähnliche Reso­lution der Kommission wird durch Aus­zählung (Hammelsprung) mit 196 gegen 100 Stimmen angenommen. Dafür stimmen So­zialdemokraten und die liberalen Parteien.

Alsdann wird die am Donnerstag abgebro­chene Debatte über den sozialdemokratischen Antrag betresfend Beförderung (persönli- cke Tüchtigkeit ohne Rücksicht auf Religion und Pclitik) fortgesetzt. Der erste Redner ist

Abgeordneter Dr. Werner-Gießen von der Wirtschaftlichen Vereinigung. Er führt aus: Der Kampf gegen den Semitis­mus ist nicht verächtlicher als der Kampf, den die Sozialdemokratie gegen das Junkertum führt. Unsere antisemitische Bewegung ruh« daher weil der Semitismus die «seit zu beherrschen sucht. Judengegner hat es zu allen Zeiten gegeben. Alle großen Man­ner'des deutschen Volkes, von Luther über Kant bis Richard Wagner waren Judengegner. W-mn man die Ausführungen der Abgeordne­ten Bernstein, Gothein, Ablaß, Müller-Meinin­gen über die Wehrvorlage hört, fällt einem der Spruch aus Goethes Jahrmarktsfest von Pluu- dersweiler ein, worin es heißt, daßim ganzen Land ein jeder sei mit Israel verwandt. Man will dem Ofsizierkorps d ie Iu d en auf­zwingen, wie man auch den Krankenhäu­sern jüdische Aerzte aufzwingen will. Das ist die Freiheit, die Sie haben wollen, daß «ie die Leute zu Ihren Ansichten zwingen wollen. Für solches Gebühren habe ich kein, Verständ­nis Es gibt Leute, die hinten wieder herem- kommen, wen sie vorn hinausgeschmiflen sind, i Wir Deutschen sind zu stolz, um uns in Kreise

Die Fortsetzung der Wehr-Debatte: Werner» SchSpflin «nd Liebknecht auf der Tribüne.

Der Kampf um die Wehrvorlage im Reichstag nimmt nachgerade beängstigende Formen an: Man nützt die zu Dutzenden vor­liegenden Resolutionen zu einer Ueberfulle höchst zwecklos überhitzter Reden aus. Es ist nur wunderbar, daß die Rechte 9ar nrc^ die Absicht merkt, sondern durch das Vorschicken von allerhand Heißspornen in dies künstlich entfachte Feuer immer wieder mit den Leuten aus der äußersten Linken sehr erwünschtes Oel aießt. So war die lauge, vom Grasen Westarp heraufbeschworene Geschastsord- nungsdebatte zu Anfang der gestrigen Sitzung so überstüssig wie nur möglich. Wurde auch für den Augenblick der Abgeordnete Frank an dem Verlesen seiner Depesche verhindert, so war doch sonnenklar vorauszusehen, daß die Genossen ihren Zweck doch noch erreichen wür­den. Dies geschah einfach dadurch, daß Abge­ordneter Schöpflin sie später in seine Rede eiv flocht. Mit etwas Voraussicht und weniger Kampflust hätte somit der sehr ärgerliche Zu­sammenstoß vermieden werden können, der ent­stand als man von links dem Grafen Westarp den Vorwurf der Unwahrheit an den Kopf warf, und dieser gleich vor Erregung mit Stentorstimme hinüberrief: »Ich verbitte mir derartige Bemerkungen", was wieder ungeheure L ä r m a u s t r i t t e zur Folge hatte. Und dann nun gar die Rede des Abgeordneten Werner-Gießen! Sie drängte Ahlwarts peinliches Angedenken weit in den Hintergrund und entfachte im Hause Stürme der Entrüstung. Die Fortsetzung brachte dann diegroßen Ka­nonen" aus anderen Lagern: Schöpflin, Erzberger, Liebknecht und Stadt­hagen. Schließlich auch noch den Kriegs- m in ist er, der stramm und schneidig ms Feuer ging. Am Sonnabend soll die Debatte fortgesetzt werden. Wenn's int Freitag-Tone wcitergeht, sind bis zur Verabschiedung der Heeresvorlage noch einigeunterhaltsame" Ta­ge zu erwarten. . .! "n-

C Mer Neueste MrWm

' ~ Hessische Abendzeitung

Schiedsspruch im Vertrauen auf das Ge­rechtigkeitsgefühl des Zaren zu unterwerfen und die Einladung nack Petersburg anzuneh­men. Dr. Tanew stellte die d e f i n i t i v e Ant­wort nach Anhörung des Ministerrates in Aussicht. _________

Wamse-Prozeß Lösche. Zwei Jahre sechs Monate Zuchthaus! Vor dem Reichsgericht in Leipzig wur­de gestern der Spionageprozetz gegen den zwan­zigjährigen aus Rußland gebürtigen Eisen­bahn-Rangierer Lösche verhandelt. Der Angeklagte, der deutscher Staatsangehöri­ger ist, war zuletzt in Skalmierzhce als Eisen­bahn-Rangierer tätig. Er stand in Beziehungen zu russischen Offizieren, denen er den Babnhofsplan von Skalmierzhce ausliefern wollte. Bei der Abfahrt nach Kalisch wurde er verhaftet. Für die Dauer der gestrigen Prozeß­verhandlung wurde die Oeffentlichkeit ausge­schlossen. Wir erhalten über den Prozeß fol­genden Bericht:

Der Rangierer als Spion.

(Draht- Meldungen.)

Leipzig, 21. Juni-

Wie in dem gestern vor dem Reichsgericht verhandelten Spionageprozeß Lösche fcstge- stellt wurde, hat der Angeklagte mit seinem Va­ter zusammen in Breslau gewohnt und ist dort als Gasschlosser, Materialverwalter und Büro­gehilfe in einem technischen Büro tätig gewe­sen. Im Jahre 1911 wurde er Reisender. Er beging Betrügereien und ist deswegen vom Schöffengericht Posen zu einer Strafe von einem Monat Gefängnis verurteilt worden, die er noch nicht verbüßt hat. Nachdem er wegen dieser Betrügereien entlassen worden war, ging ernachRußland und war in Lodz als Un­terschweizer tätig. Im September 1911 kehrte er, vollständig mittellos, nach Deutschland zu­rück. Später kam et nach der deutschen Grenz­station Skalmierzhce, wo er als Bahnar­beiter und später als Eisenbahn - Rangierer Beschäftigung fand. Im September 1912 wur­de er dort mit mehreren russischen Offi­zieren bekannt, für Sie er verschiedene Auf­träge ausführte. Die Offiziere ersuchten ihn auch, ihnen einen genauen Plan des Bahnhofes von Skalmierzyce, der für rus­sische militärische Zwecke anscheinend von Bedeutung war, zu verschaffem Lusche wandte sich ganz unverfroren an einen Bahn«

einen Richterspruch aus die Sicherheit eigner Kenntnis von Welt und Menschen zu gründen vermag. Aus dem Boden der Weltfremdheit wächst dann das Unkraut der K l a s s e n j u st i z empor, die keine Vergewaltigung des Rechts aus Prinzip, sondern lediglich die Einsei­tigkeit der Gerechtigkeit als Ausfluß man­gelnder Lebens- und Weltkenntnis ist.

Wenn dann vom Mund der Weltsremdheit Urteile gesprochen werden, die dem natürlichen Rechtsempfinden des Herzens und dem unbe­irrbaren Rechtsbewußtsein der Oeffentlichkeit miverstandlich bleiben, dann rächt sich die un­gesundeExklusivität" der Justiz auf verhäng­nisvolle Weise und die Gerechtigkeit spürt die drückende Last des herrschenden Systems. Im Zivilprozeß hat in neuerer Zeit die Zuziehung von Sachverständigen in Spezialfragen einiges gebessert, und in Fällen, in denen dieAllwis- enheit" der Justiz versagt, steht der Praktiker dem Laien im Richtertalar als Dolmetsch der Wirklichkeit helfend zur Seite. Im Strafpro­zeß dagegen pflegt die Justiz grade dort noch auf diesen erfahrnen Vermittler zu verzichten, wo die Erkenntnis des Milieus der Grundpfeiler der Gerechttgkeit sein müß­te. Der sächsische Handelskammertag hat mit seiner Forderung sicher das Beste gewollt, und die Erfüllung seines Verlangens würde mög­licherweise auch manches zu bessern vermögen und einen Teil der Mängel beseitigen: Die Wurzel des Nebels aber liegt, tiefer; sie ist in den zerklüfteten Boden der herrschenden s o - zialen Gegensätze eingerammt, und wenn man unsre Rechtspflege volkstümlich mache» und die staatliche Gerechtigkeit dem Empfinden des Volks näher bringen will, dann muß man die Justiz s e l b st näher ans pulsierende Leben, näher an den Mit­telpunkt der Volkgemeinschaft her- anrückeu, und sie nichtauf der Höhe der Menschheit" verdorren und verküm­mern lassen. Die Justiz muß verjüngt, mit frischem Blut aus allen Teilen des Volkskörpers versorgt und der gefährlichen so­zialenInzucht" entlleidet werden: Dann wird ih.-eWeltsremdheit" von selbst-schwinden, denn diese Weltsremdheit ist ja nur das Produkt der sozialenInzucht", die heut unser Juristentum beherrscht . . .1 F. H.