Einzelbild herunterladen
 

Cafleler Abendzeitung

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 21. Juni 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 165

gnferttonSpretfe: Die fed;»gefpaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Psg., für auä, roärttge Inserate 25 Pf, Reklamezelle für einheimische Geschäfts 40 Pf, für auswärtige Geschäfte« Pf. Einfache Beilagen für di- Gesamtauflage werben mit 5 Mark pro Tausend be­regnet. Wegen ihrer dichten Berbreitung in der iRelben) und der Umgebung sind die Saffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnsertionSorgan. Geschäftsteile: Kölnisch Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße I«. Telephon: Amt Morttzplatz 1584.

Die Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der Abonn-mentSpreiS beträgt monatlich 50 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon 7 bl« 8 Uhr abends. Sprechstunden der AuSlunft. Stelle: Jeden Mittwoch und FrUtag vo.1 6 bl« 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrichftr. 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

Kasseler Neueste NachrichttN

Hessische Abendzeitung

Raumams Mcklehr.

Die Reichstags-Wahl in Waldeck-Ptzrmont; Nanmann zum Abgeordneten gewählt!

Die gestrige Reichstags-Stichwahl im Wahlkreis Waldeck-Ptzrmont hat mit dem Siege Friedrich Naumanns geendet. Es wurden insgesamt 12920 Stimmen abgegeben. Davon entfiele« auf den Kandidaten der Fortschritt­lichen Volkspartei, D. Naumann, 6593 und auf Vietmeher (Wirt­schaftliche Vereinigung) 6327 Stim­men. Naumann ist also mit einer Mehrheit von 266 Stimmen gewählt.

Ms, vor sechs Jahren, Friedrich Naumann (dem ein Jahrzehnt hindurch die Massen zuge- snbelt hatten) nach langen Kämpfen in den Reichstag einzog, erhofften die Naiven unter den Zeitgenossen den Anbruch einer neuen Aera parlamentarischen Aufstiegs, dte endliche Befruchtung des dezennicnlang dorren­den Ackers politischer Betätigung und einen Hochschwung parlamentarischer Kultur zu nie erstrebten Höhen. Der Traum hat sich indessen nicht erfüllt: Das Morgenrot ist ausgeblieben und im Betrieb parlamentarischer Arbeit ist derweil nichts geschehen, das mit Recht als son­derlich erfreulich und das Maß normaler Wir- kensmöglrchkeit erheblich übersteigend als Be­weis für die erhoffte Entwicklung in Anspruch genommen werden könnte. Es scheint sogar, daß in der Werkstatt unsres parlamentarischen Lebens eine gewisse Stagnation eiugetreten ist, seit die Reihen der Großen, der Führenden und der Kämpfenden sich gelichtet haben und das Heer der Epigonen sich vergeblich müht, in der Rüstung der Titanen sich emporzureckcn. Naumanns Schicksal (man kann hier wirklich von einem .Schicksal" sprechen) darf in ge- wifler Hinsicht als Bestätigung dieser Befürch­tung gelten, denn Naumann stand als freier Tribun der Volkheit zweifellos viel näher als heut, wo er (abermals) durch die Barre der Partei-Disziplin von den Massen getrennt ist, ohne daß seine Einspannung in den Betrieb parlamentarischen Werkellagsarbeit seine Nütz­lichkeit fürs Volksganze sichtlich erhöhen könnte. Die Waldecker Wahl im Roscnmond ruft Friedrich Naumann ins Reichshaus zurück, sckickt ihn, als Erwählten freier Bürger, aber­mals ins Parlament und sichert dem in der Enge des Varteibetriebs nie heimisch Geword- nen die Wirkungs-Möglichkeit in der Werkstatt nationaler Gesetzesarbeit. Nicht die Fortschritt­liche Volks Partei hat im Waldeckcr Land den Sieg erstritten, sondem Friedrich Nau­mann, und nicht die Wahlarbeit einer Partei zwang den Gegner nieder, sondern die Sympa­thie für den Mann, der in Waldeck sich als Kandidat der Volkspartei den Wählern präsen­tierte.

Friedrich Naumann ist (auch heut noch) einem großen Teil deutscher Zeitgenoflenschaft ein bestimniter Persönlichkeits « Be­griff, ein volkstümlicher Typ, eine Art Programm, das jedem Ohr verständlich, je­dem Äuge deutlich erkennbar ist. Und grade deshalb lebt in der Sympathie für den ein­stigen national-sozialen Idealisten eine starke Werbekraft, ein Persönlichkeits-Zauber, wie er nur selten einem Berufspolitiker gegeben, und eine trotz aller Enttäuschungen nie geminderte und nie erschütterte Popularität. Der Mann im nachlässig-schlichten Rock des Bürgers, mit dem breiten Schlapphut auf dem ausdrucksvol­len Eharakterkopf, dem behaglich-gemütlichen Ton in Rede und Unterhaltung und der ehr- lich-biedermännischen Art, über Menschen, Tinge, Welt und Wesen zu reden: Dieser Mann, der einst die Armee der Idealisten um sich scharte, um dem national-sozialen Sehn- suchtstranm die deutsche Welt zu erobern, und der dann, durch tausend Widerstände ermattet, den Weg zurückschreiten mußte zum Tal der Enttäuschung, er ist der breiten Maste des Vol­kes der Vorkämpfer hohen Strebens, der Pio­nier sonnenhellen Idealismus geblieben, besten Scheiden aus Paul Wallots Haus aufrichtiges Bedauern weckte. Friedrich Naumann ist, kri­tisch gewertet, kein Politiker, kein Parteimann und kein Prinzipien-Grenadier: Er ist Volks­mann und Volksredner, Volksfreund u. Volks­anwalt, und grade diese Abkehr vom Wesen der eigentlichen Parteipolitik, sein, instinktives Widerstreben gegen parteiliche Dogmen- Starre und öden Traditionen-Kult kennzeichnen seine politische Eigenart als M. d. R.

Der Tribun Naumann hat als Parlamenta­rier manchmal enttäuscht. Nicht, weil er Hoff­nungen unerfüllt ließ, die auf die scharf-ausge­prägte Eigenart seiner Persönlichkeit sich grün­

deten, nicht, weil er versagt hätte, wo man Groß­taten erwartete, sondern weil er sich zu sichtbar hinaushob über das gewohnte Bild hand- werkelnden Parlamentarismus, weil er sich nicht in den Rahmen der Tradition einzusügen ver- m-chte und weil Das, was er von der Höhe der parlamentarischen Warte herab als Evange­lium verkündete, den monotonen Einklang tra­ditioneller Melodie zu stören schien. Man hat gegen Naumann den Vorwurf erhoben, er sei keinkonsequenter" Politiker und stehe derre­alen Politik, die, losgelöst von jedem Hauch idealistischer Vorstellung, in der legendären Kunst des Erreichbaren" sich erschöpft, himmel- fern gegenüber. Mag sein, daß Naumann wirklich keinRealpolitiker" und kein -kon­sequenter" Dogmen-Fanatikcr ist (manche seiner groß anaelegten Reichstags-Reden klangen wie ein- Sinfonie ethisch-idealisierter Sehnsucht-Re­flexionen)-, mag sein, daß sein Idealismus, ins Geschirr der Parteipolitik gezwängt, mehr stö­rend als fördernd gewirkt hat (weil der partei­politische Zwang weder Fortschritt noch Ent- wicklungskraft des parlamentarischen Levens darstellt, viclmebr die Freiheit der Persönlich­keit hemmt und selbst den Ueberragendcn zum Sklaven desProgramms" macht): Als Volks- mann aber steht Friedrich Naumann heut wie einst dem Empfinden der deutsch-bürgerli­chen Welt näher als irgend ein andrer unter den zum Hause Wallots Delegierten und die Wahl in Waldeck, die ihn dem Parlament des Reichs zurückgibt, ist deshalb auch mehr ein Siea des Persönlichkeitswerts über die Partei- Doktrin als ein Erfolg parteipolitischen Kampfs. Unsre Zeit ist die der alles nicvellie- renden Tendenzen: der Durchschnitt regiert die Stunde und die Verflachung feiert Triumphe: Wir haben also Anlaß, Persönlichkeiten, deren Wertgehalt das Maß gewohnten Durchschnitts übersteigt, doppelt zu schätzen. Und in Frie­drich Naumann verkörpcrt sich eine Per­sönlichkeit voll Kraft und Männlichkeit, voll idealen Schwungs und deutscher Art: Em Kops, der dem Parlament des Reichs etwas geben kann. Und diese Gewißheit darf uns Allen Naumanns Rückkehr zum Hause Waflots wert­voll machen . . .!

Die gestrige Wahl.

Naumanns Mehrheit: 266 Stimmen.

(Draht-Meldungen.)

Arolsen, 20. Juni.

Aus der gestrigen Stichentscheidung der Reichstagsnachwahl im Kreise Waldeck-Pyr­mont ist Dr. Friedrich Naumann, der Kandidat der Fortschrittlichen Volkspartei, mit 6593 Stimmen als Sieger hervorgegangen. Sein Gegenkandidat, der reformparteiliche Amtsgerichtsrat Vietmeyer, erhielt 6327 Stimmen; die Differenz beträgt also 266. Diese Zahlen sind noch nicht ganz endgültig, aber die paar Äenderungen, die voraussichtlich uoch vor­genommen werden müsten, dürsten höchstens dreißig Stimmen für die eine oder andere Seite ausmachen und könneA deshalb am Er­gebnis nichts mehr ändern. Naumann hat gegenüber der Hauptwabl 16 46 Stimmen gewonnen, das sind etwa so viele, tote der Sozialdemokrat 1912 erhalten hat, wahrend er diesmal auf 1016 zurückgegangen war. Da aber schon bei der Hauptwahl mindestens 2 bis 300 sozialdemokratische Stimmen an Nau­mann gefallen sind, so ist anzunehmen, daß er gestern mindestens ebensoviele

neu gewonnen

hat. Der Gegenkandidat und bisherige Ver­treter des Kreises, Amtsgerichtsrat Viet- melier, hat noch 679 Stimmen mehr aufge­bracht als vor acht Tagen. Der Wahltag ver­lief regnerisch, was auf dem Lande, wo man jetzt sonst mit der Heuernte beschäftigt ist, offen­bar der Wahlbeteiligung zu Gute kam. Aber den Hauptanteil hat die lebhafte innere Anteil­nahme und politische Stimmung, die vor acht Tagen gefehlt hat. Die Sozialdemokra- t e n scheinen überall, der Parole ihrer Partei­leitung entsprechend, für Naumann eingetreten zu sein. Die Rückeroberung des Waldecker Kreises durch die Fortschrittliche Volkspartei hat gerade in diesem Augenblick erhebliche sach­liche Bedeutung: Sie verstärkt die sehr knappe Mehrheit der Linken im Reichstag um eine Stimme und kann unter Umständen (wie die Erfahrung des letzten Jahres gezeigt hat) in manchen Fällen entscheidend wirken, da die Partei-Konstellation mancherlei Zufälligkeiten unterworfen ist. 4

Kaiser Wilhelm und die Slaven.

Lärm-Debatte im Weaner Parlament!.

Wien, 20. Juni. (Privattelegramm.) Die unterbliebene Kundgabe des Abgeord­netenhauses zum Regienmgs-Jubiläum des Deutschen K a i s e r n hat gestern zu neuem Lärm im Parlament gesühtt. Ter Tschechisch- Radikale Choc wies die den Slaven wegen

des Unterbleibens der Kundgebung für den Kaiser gemachten Vorwürfe zurück, indem er be­merkte, man könne einen Glückwunsch nicht er­warten, während der Deutsche Kaiser die Aus­weisung von böhmischen und polnischen Arbei­tern patronisiere. Als dem Redner wegen die­ser Bemerstmg ein Ordnungsruf zuteil wurde, erhob sich großer Lärm und die Sitzung endete mit einem regelrechten Tumult.

Stolt neuer Balkan-Krieg?

Der serbisch-bulgarische Konflitt.

Die Lage auf dem Balkan gilt als Höch st kritisch. Die bulgarische Regierung will nur noch wenige Tage auf die Erfüllung ihrer For­derungen an Serbien warten und zur Peters­burger Konferenz niemand entsenden. Das be­deutet, daß die ruflische Vermittlung vorläufig von Bulgarien abgelehnt wird. Die serbi­schen Forderungen hat Bulgarien mit einem schroffenNein!" beantwortet und damit ist die Gefahr neuer kriegerischer Verwicklungen in nächste Näbe gerückt. Daß die Lage außer­ordentlich kritisch ist, zeigen die nachstehenden Drahtmeldungen:

Bulgarien lehnt schroff ab!

(P r i v a t - T e l e g r a m m.) Belgrad, 20. Juni.

Die Antwort der bulgarischen Regie­rung auf die Note, in der die serbische Regie­rung die Revision des Vertrages fordert, ist gestern durch den bulgarischen Gesandten in Belgrad überreicht worden. Die Note be­deutet ein kategorisches Nein auf die For­derungen Serbiens. Gleichzeitig enthält sic die energische Aufforderung an die serbische Regierung, diejenigen Gebiete Mazedo­niens, die nach dem Vertrage Bulgarien gehö­ren, binnen aflcrkürzestcr Zeit zu räumen.

Kampfbeginn in Mazedonien?

(Privat-Telegramm.)

Sofia, 20. Juni-

Extrablätter melden den Beginn ernster Tressen in Mazedonien. Ausgaben der Wetfchrrna Posta" bestätigen, daß bulgarische Freischärler die Serben an mehreren Punkten angegriffen haben. Von den amtlichen Stellen wird über diese Nachrichten keine Auskunft erteilt. Bei dem Grcnzdorfe P u - l i n kam cs gestern zu einem heftigen Kampfe zwischen einer Kompagnie serbi­scher Soldaten und bulgarischer Vorposten. Sieben serbische Soldaten sollen gefallen sein, während die Bulgaren keine Verluste erlitten.

Die Kriegsgefahr in nächster Nähe.

(Privat-Telegramm.)

Belgrad, .20. Juni-

In hiesigen Regierungökreisen wird er- »ärt. daß die Krisis im Balkanbunde eine weitere Verschärfung erfahren habe. Die Gefahr einer kriegerischen Verwick­lung sei durch die Haltung Bulgariens sehr nahe gerückt. Serbien muffe aber auf seinem Standpunkte, nämlich der Revision des Ver­trages mit Bulgarien, bestehen, selbst auf die Gefahr eines Krieges hin. Tie Regierung ist entfchloffen, auf friedlichem odcr ckriegerischcm Wege ihrem Willen Geltung zu verschaffen.

Nach Privatmeldungen aus B u k a r e st soll sich dort der geheime Kurier der rumänischen Regierung, Nikolaus Kommentari, er­schossen haben, weil sich schwerwiegende Verdachtsmomente ergeben haben sollen, daß Kommentari ihm anvertraute geheime Akten­stücke geöffnet und den Inhalt einer fremden Macht (man spricht von Bulgarien) verra­ten haben soll. Bei Jenikoej an der bulgari­schen Grenze stießen gestern zwei Eisenbahnzüge zusammen, von denen der eine mit bulgari­schen Truppen besetzt war. Fünf bulga­rische Offiziere und vierzig Soldaten wurden getötet und viele verletzt.

Griechenland gegen Bulgarien?

Sofia, 20. Juni. (Privat-Tele­gramm.) Extrablätter melden den Beginn eines ernsten Treffens in Mazedonien. Bulgarische Freischärler haben die Serben an mehreren Punkten angegriffen. Gleichzeitig bringen die Zeitungen Telegramme ans Salo­niki, in denen gemeldet wird, daß die Grie - ch e n an Feindseligkeiten gegen die Bulgaren die türkischen Behörden noch Übertreffen. Alle bulgarischen Priester wurden als Revo­lutionäre verhaftet. Die Gefängnisse in Saloniki sind von Bulgaren überfüllt und täg­lich finden neue Maffenvcrhaftungen statt.

Mahmuds Mörder vor Gericht.

Konstantinopel, 20. Juni. (Privat­telegramm.) Gestern nachmittag begann der Prozeß gegen die M ö r d e r Mahmud Schcwket Paschas vor dem Kriegsgericht in Stam- bul. Zweiunddreima Verbrecher waren verhak­

tet. Neber vierzehn wurden in contumaciam abgcurteilt. Hier herrscht vollkommene Ruhe. Der Dampfer mit den Verbannten ährt nach Sinope ab. Die eben erscheinende Liste der Angcflagten erregt Aufsehen, da unter den Verbrechern außer Scherif Pascha auch Prinz Sabah Gb bin genannt wird.

Hauvtmlm « Heetingr«.

Gerhart Hauptmanns Puppenspiel im Reichstag: Fortsetzung der Wehrdebatte.

Auf der Tagesordnung der gestrigen Reichstags - Sitzung stand: Fortsetzung der Wehrdebatte. Indessen: Sind wir eigentlich noch bei der Heeresvorlage? Am gestrigen siebenten Tage ist kein Wort davon gesprochen worden. Selbst Ger h-a r t H a u pt- m a n n s F e st s P i e l wurde öfter erwähnt als der Gegenstand der Tagesordnung. Die So­zialdemokraten haben zahlreiche Anträge ge­stellt und halten zahlreiche Reden, sie zu begründen. Die Kundgebung und Betätigung politischer oder religiöser Gesinnung soll im Heere keiner Beschränkung unterliegen, das Militärverbot sozialdemokratischer Wirtschaften verboten sein. Abgeordneter Heine, der sonst so Verständige, wirkte als Scharfmacher. Vogt­herr eiferte gegen den zwangsweisen Kirchen­besuch der Soldaten sder freilich, wie jeder weiß, der ein paarmal dabei gewesen, in der Tat seine Bedenken hat) und Frank regte sich im Interesse der Gastwirte über das Lokalver­bot auf und über die Zwiste des Generals von Deimling mit der Straßburger Bürgerschaft, worüber der Kriegsministcr leider nur unge­nügende Auskunft geben konnte. Ein weiterer Antrag der Sozialdemokraten will die Beför­derungen lediglich von der Tüchtigkeit abhän­gig machen. Für diesen Antrag sprach Bern­stein, der Unmilitärischsten einer in der soztal- demokratischen Partei, mit pedantischer Ge­lehrtengründlichkeit. Aber auch er geriet im Eifer aus Rand und Bgnd und vergaß sich so­weit, den konservativen Abgeordueten von Graefe, dessen vorgestriges und gestriges Auftreten allerdings einen wenig erfreulichen Eindruck machte, zumAbschaum der Mensch­heit" zu rechnen. So erhielt er einen Ord­nungsruf, was bei ihm ebenso selten ist. wie es bei Liebknecht und Ledcbour die Regel bil­det. Auch dieser Antrag wurde schließlich ab­gelehnt und die Debatte flaute dann mählich ab...I *

Wehrdebatte: Siebenter Tag.

1 Reichstag-Sitzung vom neunzehnten Juni.

Am Bundcsratstisch: von Heering en. Die zweite Beratung der Heeresvorlage wird fortgesetzt. Zur Verhandlung steht ein so- zialdemokratifcher Antrag, der die Einfügung neuer Attikel Id und 1h wünscht: Den Angehö- rigen der Armee wird die Freiheit der politi­schen und religiösen Gesinnung und ihrer außerdienstlichen Betätigung gewährleistet. Den Zivil- und Militärbehörden ist die Aus­kunsterteilung darüber untersagt."

Vor Eintritt in die Tagesordnung bemerkt der

Kriegsminister von Heeringen: Der Abgeordnete Zubeil hat sich gestern mit dem im Jahre 1890 verstorbenen preußischen General­leutnant a. D. von Roon beschäftigt. Ich stelle hier fest, daß Herr von Roon eine in jeder Hinsicht glänzende Dienstlaufbahn hinter sich hat. Herr von Roon hat niemand getötet. (Hört? Hött!) Mir fehlen die Worte dafür, daß ein Abgeordneter, ohne die Richtig­keit nachzuprüfen, Behauptungen gegen einen vor dreiundzwanzig Jahren verstorbenen Ehrenmann in die Welt schleudern kann, die je­der Begründung entbehren. Ich überlasse das Urteil darüber dem Hause. (Beifall rechts. Un­ruhe bei den Sozialdemokraten.)

Abgeordneter Zubeil (Sozialdemokrat): Ich habe gestern das Mittel angegeben, meine An­gaben nachznprüfen. Was ich gesagt habe, wa­ren meine eigenen Erlebnisse. (Unruhe rechts.) Ich wollte lediglich von dieser Stelle aus den. Leutnant von Roon charakterisieren.

Kriegsminister von Heeringen:

Ich habe lediglich die Behauptung zurückge» wiese», daß Herr von Roon einen Burschen er­stochen hat und daß er wegen Mißhandlungen im Avancement zurückgrsetzt wurde. Was der Abgeordnete Zubcil hier gesagt hat, ist nicht gBhr. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.)

Abg. Heine (Sozialdemokrat) begründet die sozialdemokratischen Anträge. Die Maßrege­lungen des Obersten Gädke und des Professors Ezerny sprechen eine deutliche Sprache. Die Disziplin darf nicht so weit gehen, daß die Uebcrzeugung der Mannschaften vergewaltigt werden.

Abg. Dr. Quarck-Freiburg (Nationalliberal): Wir lehnen natürlich die Anträge ab. Sie stel- len den Höhepunkt der sozialdemokratischen Forderungen dar. Die Annahme der Anträge bedeutete die Wassenstreckung des Staates vor dem Antimilitarismus.