Einzelbild herunterladen
 

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, IS. Juni 1913

Nummer 163

Fernsprecher 951 und 952.

gnferttonSpreife: Die fcd)8gefpaltene Zeil- für -inhxtmifch- w-schäft- 15 Pfg., für ouä. wäriig- Inserate 25 Pf, ReklamszeU- für einheimische Geschäfts <J Pf, für auswärtige Geschäfte Sil Pt Einfache Beilagen sür die Gesamtaustuge werden mit 5 Mark pro laufen» be­regnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der iHe'toen) und der Umgebung sind di- Lasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnsertionSargan. Geschäfts teile: Kölnisch^ Itrabe 5 Berliner Vertretung: SW, -zrt-drichftrah- 16, Telephon: Amt Moritzpla, 12584.

Di, Caffeler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der AbonnementSpreis beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung ins Haus. Befi-llung-n werden jederzeit von der Seschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. $ ruderet, Verlag und Redaktion: Schlachthofftratze 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bis 8 Uhr abends. Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von «bis 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstr. 18, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

COlerNemste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Immer neue Mtsel! Äeitte Ausschreibung der Oberbürgermeis­ter -Stelle; Kommiffion-Vorverhandl««gen.

Die Wahlkörperschaft für die Neu­wahl des Caffeler Oberbürgermeisters hat gestern beschlossen, einstweilen von einer abermaligen öffentlichen Aus­schreibung der Stelle abzusehen. Cs wurde eine Kommission von achtzehn Mitgliedern gewühlt, die das Erforder­liche zur Erledigung der Oberbürger­meisterfrage in die Wege leiten und sich mit geeigneten Persönlich­keiten für das Oberbürgermeister- Amt in Cassel sowohl als auch uutzerhalb i« Verbindung setze« soll.

Daß es so und nicht anders kommen werde, hatten kundige Thebaner vorausgesehen: Von einer Neuausschreibung der Oberbürger- meister-Stelle soll »vorläufig ab­gesehen" werden, um einer Achtzehnmänner- Kommiffion Gelegenheit zu geben, »inner- und außerhalb Cassels" mit geeigneten Kandidaten fürs Oberbürgermeister-Amt in Verbindung zu treten. Das heißt mit andern Worten: Die Auswahl des Nachfolgers für den scheidenden Dr. Scholz soll auf den engen Kreis derjenigen Anwärter beschränkt bleiben, die der Achtzehnmänner - Kommission bekannt, genehm und erwünscht sind! Dieser »Kreis" schrumpft bei näherem Zusehen auf drei Per­sonen zusammen: Landesrat Dr. Schroeder- Cassel, Bürgermeister T h o d e - Stettin und Stadtdirektor Koch-Bremerhaven. Glaubt die Wahlkörperschast wirklich, daß die Aus­wahl unter drei Anwärtern auf den Ober- bürgermeisterstuhl ausreicht, bei der Neube­setzung der Stelle die Berücksichtigung aller derjenigen Interessen $u gewährleisten, die hier infrage kommen, und deren Sicherung Zwangs- und Pflichtgebot ist? Niemand drängt die im geheimen Rat Versammelten, die Oberbürgermeister-Neuwahl mit unziemender Hast zur Erledigung zm bringen, niemand macht der Residenzstadt Cassel das Recht strei­tig, unter den Männern moderner Kommunal- polittk den Beste« und Tüchtigsten als Nachfolger des nach kaum Jahresfrist scheiden­den Oberbürgermeisters zn wählen, und nie­mand vermag einzusehen, welche Umstände die »vorläufige" Umgehung einer Neu-Aus- schreibung der Stelle zum Gebot drängender Notwendigkeit machen könnten. Warum also (fragen wir) glaubt die Wahlkörperschaft, von einer Ausschreibung des Oberbürgermeister- Postens zum freien Wettbewerb der Tüchtigen und Leistungsfähigen absehen zu können?

Was über die (seltsam anmutende) Kandi­datur Schroeder zu sagen war, ist an dieser Stelle schon dargelegt worden; der Hinweis auf die Verhandlungen mit »geeigneten Per­sönlichketten jn ner- und außerhalb Cassels" läßt indessen fast keinen Zweifel mehr an der Annahme zu, daß die WahWrperschaft den der Kommunalpolitik und der kommunalen Stadt­verwaltung vollkommen fremd gegenüberstehen- den Landesrat Dr. Schroeder tatsächlich als ernsthaften Kandidaten füt den Oberbürger­meister-Posten ins Ange gefaßt hat. Jst's wirklich der Fall, dann wäre in einer sol­chen Aufiassung eine bedauerliche Verkennung aller derjenigen Momente zu beklagen, die die bevorstehende Oberbürgermeister - Wahl als Ausgangspunkt einer neuen Zukunft Cassels charakterisieren und denen gebührende Berücksichtigung nur dadurch gesichert werden kann, daß Dr. Scholz' Erbe einem Nachfolger überttagen wird, der als praktisch-erfahrner, moderner und wettblickender Kommunalpoli­tiker dem Scheidenden zumindest an Qualitä­ten gleichw ert ist. Von diesem, den Kern­punkt der Oberbürgermeister-Frage darstel­lenden Gesichtspunkt aus betrachtet, erübrigt es sich, gegen die Kandidatur Schroeder noch weitere Argumente ins Treffen zu führen: Sie P. kommunalpolttisch betrachtet u. gemessen am vitalsten Interesse der Stadt, einfach eine Un­möglichkeit. und wenn diese Unmöglichkeit (wie's den Anschein hat) in den Möglichkeit­bereich gedrängt werden soll, ist'S an der Bürgerschaft, gegen derartige Mane mit gebotner Entschiedenheit Front zu machen: Denn schließlich ist die Oberbürgermeister- Frage doch nicht eine auf den Gewissen- und Willensbereich einer Kommission be­schränkte Angelegenheit, sondern eine Frage, die die Bürgerschaft in idrer Gesamtheit berührt und deren sorglichsie, vom bürgerschaft. lichen Interesse bestimmte Erledigung die na­türliche Voraussetzung deS Vertrauens ist, das di« Brücke zwischen Bürgerschaft und DtadtparLament darftellt.

Von Herrn Koch in Bremerhaven wird uns erzählt, daß er bereit sei, ein« etwa auf ihn entfallende Wahl anzunehmen und sich »auf 'echs Jahre zu verpflichten". Auf ganze sechs Jahre! Sind wir »draußen" durch den raschen (Wechsel im Oberbürgermeister-Amt etwa in den Geruch gekommen, Cassel sei einOber­bürgermeister-Taubenschlag" und eine Bin­dung auf die (gesetzliche) Dauer von zwölf Jahren lasse sich mit der Gewissenspflicht freier Männer nicht vereinen? Es mag sein: Dr. Scholz' Spuren schrecken, und zwei Oberbür­germeister-Wechsel in zwei Jahren sind für Cassel nicht grade eine Empfehlung. Aber schließlich haben wir doch an der »Häufung der Abwechslung" den Geschmack verloren und wünschen im Oberbürgermeister-Amt einen Mann zu sehen, der die Kraft in sich spütt. auch über sechs Jahre hinaus dem Dienst der Stadt sich zu widmen. Die Zusage des Herrn Koch, sich auf sechs Jahre zubinden", hat (es läßt sich nicht verkennen) einen peinlichen Bei­geschmack und ist letzten Endes ja auch praktisch wenig wertvoll, denn wenn eine Stadt einen Oberbürgermeisterhalten" soll, ist sie meist selbst der Leidende. Im übrigen sprechen allerdings für die Kandidatur Koch mancherlei Vorzüge: Der Stadtdirektor von Bremerhaven erfreut sich als moderner Kommunalpolitiker allseitiger Schätzung und seine Tätigkeit an der Wasserkante verzeichnet Verdienste und Er­folge, die wett über's Durchschnittsmaß hin- ansreichcn. Indessen: Bremerhaven ist nicht Cassel; di« kommunalen Verhältnisse in der Hafenstadt sind wesentlich anders geattet als in der Residenz an der Fulda, wo vom Ober­bürgermeister in erster Linie neben ausge- sprochnem Derwaltungstalent tüchtige fi­nanztechnische Fähigkeiten verlangt wer­den müssen.

Von Bürgermeister Dr. T h o d e in Stettin der als Drifter aus der Kandidatenliste steht, ist nicht viel zu sagen. Ein zweiter Bürger­meister versinkt als Kommunalpolittker meist allzusehr hinter der Persönlichkeit des Ober­bürgermeisters, als daß die Früchte seiner Arbeit weithin sichtbar werden könnten, und die eigentliche Schöpferkraft präsentiett sich ja auch in der Hauptsache im Amt des Verwal- tungs -Chefs. Herr Thode leitet in Stettin die innere Verwaltung, erfreut sich als «rnst- strebender und gewissenhafter Kommunalbeam­ter vorbehältkoser Schätzung und ist erfolgreich bemüht gewesen, die ihm zngewiesnen Auf­gaben zur glücklichsten Erledigung zu bringen. Indessen: Reicht's aus, auch in Cassel eine Entwicklung anzubahnen und entschlossen durchzuführen, deren Werden wir überall auf kommunalem Gebiet im Keim erkennen? Wie schon jüngst hier gesagt wurde: Die Neu-Be­setzung des Oberbürgermeister-Postens bedeutet ein wichtiges (wenn nicht das wichtigste) Stück Casseler Zukunft., denn von dem kom­menden Manne wird es abhängen, ob Cassel von der starken Schöpferkraft eines auch schwie­rigen Aufgaben gewachsnen, durch keinerlei Hemmungen zu entmuttgenden Komnrunalpoli- ttkers zur Höhe fortschrittlicher Entwicklung emporgetragen wird, oder ob es auch in Zu­kunft in jenem bedauerlichen Zustand der Stagnation verharren muß, der alle Kräfte lähmt und das kommunale Gemeinwesen der Gefahr des Jn-stch-Erftarr«ns ausliefett. Mr werden bald hören, welche Wege di« Acht- zchnmänner - Kommission zu schreiten gedcnft. um das ersehnte Ziel zu erreichen, und dann wird's an der Bürgerschaft und den kommunalen Vereinigungen sein, zu sagen, was not tut. Dievor­läufige" Nichtausschrcibung der Oberbürger- meister-Ttelle gibt neue Rätsel zu alten Frage­zeichen auf, denn grade (oder besser: R u_r!) di« Ren-Aus sckreibnng der Stelle hätte die Möglichkeit geboten, tn sorglichier Auswahl aus stattlichem Bewerber-Kreis den Mann zu küren, dem CasfelS Zukunft anvertraut werden soll ...! F- H.

3as MMarden-Komvromiß

Die Parteien vor der Verständigung?

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 18. Juni.

Die Verständigung über die Deckungs­frage steht vor ihrem Abschluß. Am Dienstag haben die Verttauensmänner der Fraktione« wiederum fast zwei Stunden lang über die Grundzüge des Abkommens beraten und das Ergebnis ist, daß man sich über die Hauptpunkte geeinigt hat. Die Grundlage bildet die BermögenszuwachSsteuer. die Besteuerung des Kindeserbes bleibt darin und die Steuerpflicht beginnt bei einem Zuschläge von 20 000 Mark,

während die ursprüngliche Regierungsvorlage sie bei 2000 Mark anfangen lassen wollte. Die Fraktionen halten heute noch Sitzungen ab, um definitive Beschlüsse zu fassen. Ein erheb­licher Teil der Konservativen und auch einige Mitglieder des Zentrums mb der Besteuerung des Kindeserbes wegen nach wie vor mit den Abmachungen n'cht einverstanden. Trotz alledem scheint das Zu­standekommen der Verständigung gesichert. Als Endpunkt der Verhandlungen des Reichs­tages wird der 10. Juli genannt.

Mg entgleist, ri Schwerverletzte.

Der v-Zug Berlin - Köln, der gestern gegen 12 Uhr mittags vom Potsdamer Bahnhof in Berlin abfuhr, ist nachmittags halb zwei Uhr kurz vor der Station Groß-Wusterwitz ent« gleist. Die hinteren Wagen sprangen aus dem Gleis; der letzte Wagen stürzte die- chung herunter. Ein Wagenwärter wurde ge­tötet; die Leiche mußte ans den Eisentei­len, zwischen denen sie festgeklemmt war, yer- ausgehackt werden. Drei Passagiere er­litten schwere Verletzungen. Der Ma­terialschaden ist sehr groß, lieber das Unglück, dessen Ursache noch nicht feststeht, erhalten wir folgenden Draht-Bericht.

Das Unglück bei Wusterwitz. (Privat-Telegram m.)

BerN«, 18. Juni.

Das gestrige Eisenbahnunglück ereig­nete sich ein Kilometer von dem Bahnhofe von Grotzwusterwitz entfernt hinter Brandenburg. Zuerst spürte man, daß der Speisewagen, der sich ungefähr in der Mitte des Zuges befand, aus den Gleisen sprang, aber sofort wieder zurücksprang. Wenige Augenblicke später entgleisten die Hintere Achse des vorletzte« Wagens und der ganze letzte Wagen dritter Klasse, der eine Zeitlang neben den Geleisen aus dem Damm mitgeschleift wurde, hin und her schwankte, dann aber u m k i p p t e und die Bö­schung hinunterfiel, wobei die Kuppelung riß. Der Zug wurde sofort zum Halten gebracht. Unter den Fahrgästen brach begreiflicherweise eine große Panik aus. Aus dem letzten umgestürzten Wagen hörte man furchtbare Jammerruse. Nur die in diesem Wagen befind­lichen Personen hatten unter der Entglei­sung zu leiden gehabt. Der Wagenwärter Klos hatte den Versuch gemacht, sich durch einen Sprung aus dem Wagen im letzten Moment zu retten, ebenso die Dienstfrau Marie Haber­mann. Während aber Klos sprang, stürzte auch der Wagen um und begrub ihn unter sich. Frau Habermann fiel neben die Seine des Klos und erlitt außer einem Nervenchock schwere Ver­letzungen, denn Klos stieß

im Todeskampfe

mit den Beinen nach ihr und verletzte sie am Kopf und an der Brust schwer. Die Fahrgäste im Wagen wurden durch das Unglück überrascht und wurden, als der Wagen die Böschung hin­unterfiel, furchtbar durcheinandergeworsen. Sie konnten sich auch aus dem Wagen nicht retten, da die Fenster sich oben befanden. Man legte an den Wagen Leitern an und holte so nach und nach die Fahrgäste durch die Fensteröffnun­gen heraus. Es stellte sich zum Glück heraus, daß man weitere Todesopfer n i ch t z« beflagen hattt, wie man zuerst befürchtete. Zwei Passa­giere, Albrecht B ck e r aus Berlin und Bern­hard Gieseler ans Iserlohn hatten schwere Verletzungen erlitten, fünf andere Fahrgäste aber nur Verletzungen leichterer Natur, Haut­abschürfungen an Kopf und Händen. Frau Ha- bermann wurde auf ihren Wunsch nach Bran­denburg gebracht, wo sie verbunden wurde, die anderen Verletzten setzten die Fahrt nach Magdeburg fort und ließen sich dort verbinden. Die Ursache der Entgleisung ist noch unauf­geklärt und auch die Beamten des Eisenbahn­ministeriums und der Eifenbahndttektion Magdeburg, die an die Unglücksstelle kamen, konnten nichts feststellen. Das Gleis selbst ist in Ordnung gewesen, denn die Lokomotive und die anderen Wogen haben die Unglücksstelle glatt passiert. *

l «glück bei der Kaiser-Feier.

Sei dem großen Festzug. den die Stadt Glückstadt in Schleswig-Holstein gestern anläßlich des Regierungs-Jubiläums des Kai­sers arrangiert hatte, ereignete sich ein be­dauerliches Unglück. Beim Abmarsch des Fest­zuges scheuten plötzlich die Pferde eines Wagens und rasten in di« Menge hinein. Ein achtnnd- siebzrgjähriger Veteran wurde getötet, zwei Personen schwer, einige andere leicht verletzt. Die Vetunglückren wurden sofort

ins Krankenhaus gebracht. Am Aufkommen der Schwerverletzten wird gezweifelt.

Eine Stunde bei Carnegie. Der amerikanische Stahlkönig «. Milliardär in Berlin; eine Unterredung mit Carnegie.

Der amerikanische Milliardär Andre>v Car­negie, der dem Kaiser am JubtläumStage di« Adresse der amerikanischen Friedensfreunde über­reichte. hat 100000 Mark für die Verbreitung des offiziellen Organs der deutschen FriedenSgesellschaft gestiftet. Tie Spende soll besonders dazu dienen, die deutsch-englischen Beziehungen zu ver- bessern. Hierzu schreibt uns ein Berliner Mitar- beiter, der von Herrn Carnegie in dessen Berliner Hotel empfangen und in ein Gespräch gezogen wurde: Andrew Carnegie ist alt geworden. Die weißen Haare, die tausend Falten und Fält­chen in dem breiten, gutmütigen Gesicht des Sechsundsiebzigjährigen wirken greisenhaft. Nur das hellblaue klare Auge blitzt Feuer und Jugend.Wenn der Balkankrieg aufzu- kaufen und bankerott zu machen gewesen wäre, hätte ich's versucht (meinte der alte Herr scherzhaft), ich kenne den Krieg aus eigener Anschauung, ich habe die amerikanischen Bür­gerkämpfe als Telegrapheninspektor auf den blutigsten Kriegsschauplätzen mitgemacht und damals einen so tiefen Eindruck von den Greu­eln des Krieges empfangen, daß man meinen lebenslänglichen Zorn gegen den Krieg schon aus diesem Grunde verstehen muß." Do« Kaiser Wilhelm ist Herr Carnegie natürlich wieder hoch entzückt. Er sieht in Wilhelm dem Zweiten den größten Herrscher der Zett, der berufen sei, der Wett eines Tages den Frie­den einfach zu dikt i er« n. Er erwartet von ihm, daß er aus eigener Initiative die Hand zum großen Schiedsvertragsbund der anglo- sächsischen Rassen reichen werde, das heißt: Carnegie denkt sich die Einleitung deS Frie­denszeitatters als eine Verbrüderung der drei großen teutonischen Reiche Deutsch­land, England und Nordamerika. Darüber, daß das Deutsche Reich ein streng verfassungsmäßig regierter Staat ist mit Mi­nisterverantwortlichkeit, Parlamentsrechten und sonstigen Widerständen und Schwierigkette«, die nicht in der Person des Kaisers zu überwinden sind, darüber scheint sich Carnegie allerdings nicht gründlich informieren lassen z« wollen, und das ist ja so eigentlich der Rechen­fehler in seiner menschlich schönen Friedens­politik. Ich konnte ihm auf das Gebiet der Utopie nicht folgen und bemühte mich, das Gespräch auf feine früheren

deutsche« Stiftungen

zu bringen. Carnegie ist von der Verwendung und Verwaltung seines Heldenfonds in Deutschland sehr bssriedigt und hofft, daß sich die Stiftungen bei uns noch recht »einleben" werden. Er hatte bekanntlich zum ersten Ja­nuar 1911 dieHeroenstiftung" errichtet, tote das Werk in Nordamerika, England und Frank­reich heißt, oder die Lebensretterstiftung, wie wir es nennen. Für Deutschland sind e§ f ü n f Millionen Mark, zu dem Zweck bestimmt, umdas Unglück zu mildern, das sich int Be­reiche des Deutschen Reichs und auf feinen Ge­wässern bei heldenmütigen Anstrengungen zur Rettung menschlichen Lebens ereignet und das den Tod oder die Arbeitsunfähigkeit der Le­bensretter zur Folge hat". Außer diesen fünf Millionen und der jetzigen 100000 Mark-Stif­tung ist bis jetzt eine Summe von insgesamt zehn Millionen Matt aus den Kassen Came- gies nach Deutschland geflossen, nänflich für das Institut Robert Kochs, für die Trep­tower Sternwa rte und für das Museum für Naturkunde in Berlin. Für den Frie- denspalast im Haag hat Carnegie bisher an­derthalb Millionen Dollars gegeben. Seine größte Sttstung ist das Carnegie-Institut in Pittsburg, das zahlreiche Museen und Schulen enthält und für das er. der ehemalige Haspel- junge einer Baumwollspinnerei in Pittsburg, im Laufe der Zeit fünfundzwanzig Millionen aufwandte. Für die Bibliotheken in Dunser- line, Pittsburg und Edinburgh schenkte Car­negie insgesamt 790 000 Dollars, nicht gerech­net die Arbeiter-Institute in Schottland und Amerika. Carnegie hat alle diese feine

Kulturen der Wohltätigkeit" genau im Gedächtnis und verfolgt mit Eifer die Verwertung der Summen, deren er sich in sei­ner Hochherzigkeit entäußert hat. Er verfügt, obwohl er seit dem Jahre 1899 von den Ge­schäften zurückgetreten ist, über dauernde und immer noch wachsende Einnahmen, von deren Umfang man sich kaum die rechte Vorstellung machen kann. Der einstige Spinner,' Hei­zer und Depeschenausträger verdankt seinen märchenhaften Reichtum immer noch der Stahlindustrie, der er sich als Dreißig­jähriger zuwandte. Sein Königreich ist immer noch Pittsburg mit den in ihrer Art und Aus­dehnung einzig dastehenden Stahlwerken. Car­negie behauptet, daß er seine Lebeusersolge in erster Reihe seiner organisatorischen Begabung, seinem Sinn füt das jeweils naheliegende und notwendige und ... seiner ursprünglichen Ar­mut verdanke.Wer Millionen erwerben will, darf nicht mit dem silbernen Löffel im Munde geboren sein. Er muß gesehen habe«, wie feint Eltern den Daseinskampf kämpfe«

Irr Berliner D

Ei« Toter «nd dr<