Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
3. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Dienstag, 17. Juni 1913
Nummer 161
Fernsprecher 951 und 952.
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Die Kaiser-Feiern.
Die heutigen Feiern zum Regierungs-Jubiläum Kaiser Wilhelms; Amnestie-Erlasse zum Iubiläumstag; Staudes-Erhöhungen. Ernennuugen und Ordensverleihungen; die Reichshauptstadt im Festkleide; Momentbilder vom Iubiläumstage.
Zrunten im Tai.
Die Notlage der Anterbeamten und die Regierung : Vorläufig keine Teuerungszulagen!
Das Abgeordnetenhaus hatte in einer Entschließung die Staatsregie- ruug ersucht, in einem Nachtragsetat für das Haushaltsjahr 1913 kinder reichen Lnterbeamten und mittlere« Beamten mit einem 3000 Mark nicht übersteigenden Gehalt in allen Verwaltungen unter Abstufung «ach der Zahl der Kinder Teuerungszulage» zu gewähren. Die Regierung hat jetzt beschlossen, dem Antrag vorläufig keine Folge zu geben.
Ms der preußische Minister für Ackerbau Ms vor zwei Jahren, gütig lächelnd, erzählte, die Teuerung sei eine vorübergehende Erscheinung und werde im Heimstattbereich deutschen Wohlbehagens sichtbare Spuren nicht hinterlassen, ahnte niemand, daß nach zwei knappen Jahren derselbe Minister für Ak- kerbau sich in edlem Eifer um die Milderung des nicht „vorübergegangnen", sondern unverändert gedliebnen Notstandes mühen werde. Die herzerfreuende Zuversicht des Herrn von Schorlemer-Lieser ist von der Wirklichkeit unbarmherzig korrigiert worden, die Regierung, die einst in ihren Moniteuren scherzte, die Fleischteuerung sei in ihrem ureigensten Wesen ein „Zeugnis der gesunden Entwicklung unsres Wirtschaftsystems" hat sich, stöhnend und mit dem Schicksal grollend, zu Maßnahmen entschließen müssen, die nur die harte Not der Zeit ihrem Gewissen abringen konnte und noch in des Frühlings letzten Tagen haben Minister und Geheimräte im Schweiß des Angesichts über dem Magenfrage-Problem gebrütet. Man erkennt, daß der Hammel in Eis oder das dänische Beafsteak allein noch nicht die Sorgen bannen, sondern daß die ganze Wirtschaftspolitik den Forderungen der Zeit angepatzt werden mutz. Wir hören von Teuerungs- Zulagen, die Werke ihren Angestellten, Banke« ihren Beamten gewähren und sehen sogar, wie einsichtige Stadtverwaltungen der allgemeinen Notlage durch Teuerungs-Zuschüsse an die in ihrem Dienst Befindlichen werktätig Rechnung tragen.
Nur der Staat, der größte Arbeitgeber im nationalen Wirschafts-Verband, läßt auf sich warten, und wer den Inhalt der Eingabe gelesen hat, den seinerzeit der Verband der sinter beamt en an die Ministerien gerichtet, fühlt als Staatsbürger und Reichsangehö- ciger tiefe Beschämung angesichts der Tatsache, »aß Staat und Reich, die Hüter sozialer Gerechtigkeit, in ihrer eignen Verwaltung dem sozialen Empfinden nur Raum zwischen zwei Aktendeckeln gönnen, im übrigen aber soziales Verständnis und soziale Werktätigkeit völlig »ermiffen lassen. Der Verband der Unterbeamten bezweckte mit seiner Eingabe die Erlangung einer Teuerung-Zulage, und man braucht erst gar keine Worte darüber zu verlieren, daß diese Forderung in einer Zeit wirtschaftlichen Notstands, wie wir sie eben durchleben, durchaus berechtigt ist. Sie ist m e h r als das: Sie ist ein selbstverständliches Pflicht gebot, und es bleibt nur zu bedauern, daß Staat und Reich sich an die Erfüllung dieser Pflicht erinnern lassen, nachdem Kommunen und Perivatuntcr- nehmer längst getan haben, was zu tun die Not der Zeit gebot. Staats- oder Reichsbeamter sein heißt Selbstverleugnung üben: Das Einkommen ist bis zum letzten Drittel der Berufslaufbahn knapp, die Wartezeit umso reichlicher und das Avancement ermüdend langsam.
Die Begründung der Eingabe des Unterbeamten-Verbands enthüllte ein Bild von gradezu trostloser Kümmernis: Rach langjähriger Dienstleistung im Heer wird der Unterve- amte (der dann meist schon Familienvater ist) mit einem Anfanggehalt von noch nicht hundert Mark monatlich im Staats- oder Reichsdienst angestellt und er erreicht dann, wenn der Himmel ihm ein langes Leben und ein e gute Conduitenliste beschert, in späten Greisentagen einmal einen Linkommen-Satz, der ihm das Dasein etwas freundlicher zu gestalten vermag. Von >er Anstellung aber bis zur Erreichung die- «s Ziels ist die wirtschaftliche Lage des Un- .erbeamten ein steter und manchmal verzweifelter Kampf mit den Sorgen um Brot and Notdurft, und es ist sicher keine Uebertrei- iung, wenn in der Eingabe des Unterbeamten- Verbands darauf hingewiesen wird, daß cs Nthon in normalen Zeiten der äußersten Wirt- LaftUÄkeit bedürft, um mit den vorhandnen
Berlin am Iubiläumstag, (Privat-Telegram m.)
Berli«, 16. Juns.
Seit den frühen Morgenstunden steht Berlin im Zeichen ungetrübter Festesfreude. Von feiertäglich gestimmten Menschenmassen sind die Straßen angefüllt und Aller Herzen und Gedanken sind dem Kaiser zugewandt, dem heute ein Jubiläum beschieden ist, wie es nur selten einem Monarchen zu erleben vergönnt. Das große Wecken leitete die militärische Feier des heutigen Tages ein. Es begann mit lautem, durchdringendem Trommelwirbel und gleichzeitig schallten vom Trompeterkorps der zweiten Garde-Ulanen die Klänge des Liedes „Nun danket alle Gott" vom Rundgang der Schloßkuppel herab. Nach dem Trommelwirbel setzte das Mustkkorps des Garde-Füst- lier-Regimcnts mit dem Choral „Lobe den Herren" feierlich ein und nun erschien der Kaiser am Fenster des Schlosses. Der Rundmarsch der Musik begann. Geführt von dem Adjutanten im Garde-Füstlier-Regiment, Leutnant von V i e b a h n , zogen die vereinigten Spielleute der zweiten Garde-Jnfanterie-Bri- gade, der bekannten „Kaiser-Brigade", und hinter diesen die Musik der Garde-Füsiliere zum Portal I hinaus. Das Anschlägen des Tambours und die Hornisten setzten ein und führten zu den Klängen des alten Volksliedes „Freut euch des Lebens" über. Im Schlenderschritt ging es, gefolgt von der die Straßen belebenden Menge,
über de« Schlotzhof, die Schloßfreiheit, die Schlotzbrücke zu den Linden, wobei Trommelwirbel und Pfeisenklang mit munteren Volksweisen wechselten. Während des Hin- und Rückmarsches auf der Mittelpromenade der Linden wurden Marschklänge angestimmt und strammer Marschschritt angenommen. Die Choralmusik von der Schloßkuppel war längst verstummt, als die Spielleute und die Kapelle der Füsiliere sich wieder dem Schlosse näherten. Fast gleichzeitig begannen die Maßnahmen zur Absperrung des Verkehrs, denn es galt, für den bald darauf ein- setzenden Einzug der Schulkinder Raum zu schaffen. Im Schlenderschritt marschierte die Musik ins Schloß zurück. Auch jetzt war der Monarch wieder am Fenster sichtbar. Er verweilte dort, bis der Choral „Nun danket alle Gott" verklungen war. Roch hatten die Musik und die Spielleute das Schloß nicht verlassen, als von der Alexander-Kaserne Marschflänge herüberschallten. Die Berliner Schuljugend rückte heran, um dem Kaiser durch ein Morgen- ständchen zu huldigen. Adrett und einfach, meist in Weiß gekleidet, mit einem Blumenkranz in den Haaren, zogen in langen Reihen die Mädchen heran, denen sich die Knaben angliederten. Beim Lustgarten schwenkte die Musik ab und ließ die 7000 Kinder an sich vorbei in das Schloß hineinziehen. Bald nach neun Uhr begann dann die
Auffahrt zum Kofferschloß.
Als die Ersten fuhren in Equipagen und Automobilen die Mitglieder der Königlichen Familie vor. Mit Jubel wurde insbesondere das Kronprinzenpaar begrüßt. Ihm folgten die Prinzenpaare Eitel Friedrich und August Wilhelm, sowie Prinz Oskar und weiter die Prinzessin Friedrich Leopold mit ihren Söhnen. Eine lange Wagenreihe brachte die Mitglieder der Hofftaaten, die hohen Hof- würdenträger und die Pagen heran. Auch die Palastdamen der Kaiserin, die Hofchargen, Generaladjutanten und das sonstige militärische Gefolge traf bald darauf ein. Von Minute zu Minute wurde das Treiben in der Umgebung des Schlosses lebhafter, und die Leibbatterie, die Schloß-Kompagnie, die Leibgarde der Kaiserin, die Galawache des Regiments der Garde du Corps rückten in ihren roten Galawesten, das Trompeterkorvs in den betreßten Gala- Röcken heran und zogen auf Posten. Rach und nach begann auch die Auffahrt des diplomatischen Korps, der Minister und der Staatssekretäre, der General-Feld- marschälle und der hohen militärischen Würdenträger, der Reichs- und Landtagspräsidien und der Bundestags - Bevollmächtigten, der Abordnungen der Städte und Provinzen, sowie der ausländischen besonderen Missionen. Besondere Aufmerksamkeit erregten die
Botschafter v«d Gesandten, die den traditionellen Prunk entfalteten. Mit klingendem Spiel zog die Leibbatterie des ersten Feldartillerie-Regiments Hera«, um ttn Lustgarten zum Daluffchießen während der Gratulationscour abzuprotzen. Erst kurz vor elf Uhr trat Ruhe ein. Zur gleichen Zeit begann im Anschluß an die Empfänge die große Gratulationscour, deren Beginn der erste Salutschuß verkündete und dann donnerte der Kaisersalut von 101 Schuß über die Staot. -jur Parole-Ausgabe, die um halb ein Uhr im Zeughaus: stattfand, stellte das zweite Garderegiment zu stufe die Ehrenkompagnie. Der
Kaiser war in Begleitung seiner Söhne er- chienen. Der Tag des Kaiser-Jubiläums ist von wirklichem „Hohenzollern-Wetter" begünstigt: lieber der Kaiserstadt strahlt ein ommerblauer, wolkenloser Himmel, die ganze Millionen-Stadt mit ihrem verwirrenden Verkehrs-Gewühl steht im Zeichen der Kaiser- Fuibiläums-Feftr und überall, in der City und in den Vorstädten, grüßt ein einziger Flag- genwaild die Menge der Hunderttaufende, die, sestlich gekleidet und feiersroh durch die prächtig geschmückten Straßen ziehen. Seit Jahrzehnten sah Berlin nicht mehr eine Feier, die so prunkvoll sich gestaltete nnd an der die Bevölkerung so innigen Anteil nahm, wie am heutigen Jubiläums-Fest Kaiser Wilhelms des Zweiten.,.! *
Amnestie-Erlasse des Kaisers.
Eine Sonderausgabe des Reichsanzeigers veröffentlicht eine große Reihe von Gnadenerlassen und Auszeichnungen anläßlich des Kaiser-JubiläumS: Zunächst drei umfassende Amnestieerlasse für Zivilpersonen und für Angehörige des Heers und der Marine, die Strafen erlitten.
In einem Erlaß an den Justizminister erklärt der Kaiser seinen Willen, Erlaß oder Milderung von Strafen in weitem Umfange zu üben, vornehmlich gegenüber solchen Personen, die zu ihren Straftaten durch Not, Leichtsinn. Unbesonnenheit oder Verführung veranlaßt worden sind. In einem zweiten Erlaß an das Kriegsministerium erläßt der Kaiser den Militärpersonen, über die bis zum heutigen Tage Strafen im Disziplinar- wege verhängt sind, diese Strafen, soweit sie nicht vollstreckt sind, mit Ausnahme der Strafen wegen Beleidigung, sowie vorschriftswidriger Behandlung eines Untergebenen. In einem weiteren Jubiläum - Erlaß an den Reichskanzler werden dieselben Gnadenerweisungen für dte Marine getroffen. Der vierte Erlaß an das Präsidium des KYfshäuserbundes erklärt die Uebernahme des Protektorates über den Kvff- häuserbund der deutschen Landeskriegerverbände. Es heißt in dem Erlaß:
Ich vertraue, daß der Geist echter Kameradschaft und einsichtiger Hingabe an das große deuffche Vaterland, wie er sich bisher so erfreulich bewährt hat, allezeit ein unveräußerliches Eigentum der deutschen Krieger - Vereine bleiben wird. Ein weiterer Erlaß an den Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenhciten gedenkt mit besonderem Wohlgefallen der bisherigen Erfolge für eine umfassendere Förderung der geistigen und körperlichen Wohlfahrt der schulentlassenen Jugend und spricht sämtlichen Beteiligten den landesväterlichen Tank und die kaiserliche Anerkennung aus, sowie die Hofftmng, daß es bald gelingen werde, eine einheitliche Organisation zu schaffen, die es dem Kaiser ermöglicht, zu diesem ihm sehr am Herzen liegenden Werk in noch nähere Beziehungen zu treten. Schließlich heißt es in einem Erlaß an das Kriegsministerium:
Ich will aus Anlaß meines Regierungsjubiläums auch der Mitkämpfer aus großer Zeit gedenken, und bewillige daher den mir zu diesem Zweck auf meinen Befehl namhaft gemachten sechshundert Kriegsteilnehmern ein besonderes Gnadengeschenk von je fünfzig Mark. Der König von Sachsen hat aus Anlaß des Regierungsjubiläums des Kaisers alle über Angehörige des sächsischen Heereskontingents verhängten Disziplinarstrafen, soweit sie am 16. Juni 1913 noch nicht, oder nur teilweise vollstreckt sind, in Gnaden erlassen, sowie befohlen, daß auch noch eine Anzahl der von sächsischen Militärgerichten verurteilten Militärpersonen zu Gnadcnakten vorgeschlagcn werden sollen.
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Die Jubiläums Auszeichnungen.
Anläfelich seines Regierungs-Jubiläums hat der Kaiser eine große Anzahl von Auszeichnungen und Standeserhöhun- qen verliehen. Zu Grafen wurden ernannt: Ter Erbmarschall der Grafschaft Mark, Freiherr Fritz von B o delschwin g h-Plettenberg, der Kammerherr Freiherr von Richthofen und der Erbküchenmeister im Herzogtum Hinterpommern. Wolf-Friedrich von Kleist- Retzow. Unter den Geadelten befinden sich Walter vom Rath, der Vizepräsident des Preußischem Abgeordnetenhauses, Dr. Krause, ferner der Schriftsteller Joseph Laufs, die Generäle Gallwitz, Mudra, Oberstabsarzt Dr. Riedner und die Admirale Thomsen, Coerper. Pohl und Lans.
geringen Mitteln auszukommen; in Zeiten der Teuerung aber (wie sie uns jetzt heimgesucht) dte Unzulänglichkeit des Einkommens sich zu einem Zustand dauernder Not steigre, unter dem das gesamte Familienleben schwer leide. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß sich das ganze Unterbeamtentum zurzeit in einer gefährlichen wirtschaftlichen Krise befindet und es ist unbestreitbar, daß die Schuld daran allein Staat und Reich betrifft.
Die Unterbeamten waren stets die Stiefkin- der staatlicher Fürsorge. Der Staat nimmt den Ruhm für sich in Anspruch, durch Gehalts - Aufbesserungen und Besoldungs- Reformen die Wirtschaftslage der ihm Dienenden gehoben zu haben; die Wirkungen dieser Wohltat sind indessen nicht bis nach unten gedrungen, im Gegenteil: Die Gehaltsaufbesserung hat den Unter beamten nicht nur keine Besserung der Lebenshaltung ermöglicht, sondern sie sind auf der sozialen Stufenleiter hinabgeglitten. Und nun, da selbst das Landesparlament die Gewährung einer Teuerungszulage an die Unterbeamten als zwingendes Pflichtgebot bei der Staats- regierung beantragt, erklärt man im Regie« rungskreise: „Vorläufig besteht nicht Aussicht, dem Antrag stattzugeben!" Die Ablehnung wird mit „wirtschaftlichen Bedenken" begründet, die (angeblich) die „Gewährung einer allgemeinen Teuerungszulage zur Unmöglichkeit machen". Der süße Trost, daß „Evwä- gungen gepflogen werden," hilft den Unterebam- ten nicht über die Not hinweg, denn man weiß, wie diese „Erwägungen" zu enben pflegen: Sie verrinnen im Aktenstaub und ihre Spur verliert sich in irgend einem voluminösen Faszikel. Jsts verwunderlich, wenn der Unterbeamte, der bei kärglichem Gehalt und anstrengendem Dienst Staat und Reich die beste Kraft seiner Mannesjahre in treuer Pflichterfüllung opfert, es als mangelnde Gerechtigkeit und als ungerechtfertigte Härte empfindet, daß die Regierung ihn schutzlos seinem Schicksal überläßt, ihn der Teuemng und der Not preisgibt und den Familienvater der Gefahr einer Notlage überantwortet, unter deren Druck die Freude am Amt verkümmert. . .? F. H.
Sie Imperator-Premiere.
Die Ausfahrt des Imperators, des größte« Schiffs der Welt; Eindrücke, Empfindungen.
(Von unsenn Spezial-Korrespondenten.)
Hamburg, 16. Juni.
An Bord des größten Schiffs der Welt! Erste Ausreise des „Imperator"! Man rutscht im Lift von einem Stockwerk ins andere; kaum hat man in irgend einem der Säle eine Mahlzeit genommen, so ladet ein anderer, noch glänzenderer Raum zur Ruhe; man schwimmt im hellblau-durchsichtigen Wasser des pompeja- nischen Badetempels, bestaunt das technische Raffinement der elektrischen Luftbäder, und dringt im nächsten Augenblick in die sehr wohligen Räume der zweiten Klasse. Man raucht in einer Halle im Tudor-Stil und taucht hinab in die dritte Klasse, wo es mancher der Passagiere besser hat, als sonst in seinem Leben. Man schreitet verblüfft durch die unfaßlichen Küchen- und Wirtschastsräume, läßt sich endlich erschöpft auf die Chaiselongue seiner „Kammer" sinken, die eigentlich ein kleiner Schlafsaal ist, und da man selbst ausruhen möchte, arbeitet eine Welt für uns: 65 000Pferdekräfte, die das Ungetüm „Imperator" vierzig Kilometer in der Stunde vorwärts treiben. Vergebens sucht man für das ungeheure Vielerlei die eine erschöpfende Formel. Der feuilletonistische Stil sagte vor Jahren „das schwimmende Hotel": später, da man die scharfen sozialen Abgrenzungen unter einer Menge von 4000 Passagieren in Betracht zog, einigte man sich auf die „schwemmende Stadt" Aber der lebendige Eindruck des Miterlebenden kann sich auch damit nicht zufrieden geben. Ist diese
Steigerung der Personenzahl, des Tonnengehalts, des Luxus überhaupt noch das Erstaunliche? Vielleicht wird man in zwanzig Jahren die Tonnenzahl noch einmal verdoppelt haben, und mit 100 000 Tons von einem Erdteil zum andern gondeln. Der Laie schreckt vor keiner Phantasie zurück! Aber das eigentliche Bedeutungsvolle erscheint mir, daß ein solches Schiff das En d z i e l, das Denkmal einer Epoche ist. Es vereinigt die Resultate wissenschaftlicher, künstlerischer und sozialer Ar- beit in einem so vollkommenen Maße, und diese Resultate durchdringen sich wechselseitig so stark, daß wir ein Abbild der Welt in ihren höchste« Leistungen erkennen ... ober vielmehr nicht erkennen. Nur nock das Allernächste, im Augenblick durch unsere Sinne Erreichbare wird uns deutlich: Das über und unter uns, vor und hinter uns ist in mystische Nebel getaucht. Daß der Großwesir in Konstantinopel ermordet ist, hat uns die drahtlose Telegraphie gemeldet. Aber wo der Freund ist, mit dem ich vor zehn Minuten im Speisefaal gefrühstückt habe, weiß