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Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 15. Juni 1913

Nummer 160

Fernsprecher 951 und 952.

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Hessische Abendzeitung

Das große Mtfel.

Die Oberbürgermeisterkrife und Casielr Wer wird Nachfolger des scheidenden Dr.Scholz?

Am nächsten Dienstag wird die Casseler Wahlkörperschaft eine die Oberbürgermeister-Frage betref» sende Vorbesprechung abhalte«, in der die zur Neuwahl des Oberbürger­meisters erforderlichen Maßnahmen erörtert werden sollen. Irgendwelche Schritte in der Wahl-Angelegenheit find bisher nicht erfolgt, auch haben noch keine Vorverhandlungen mit bestimmten Persönlichkeiten be­züglich der Neuwahl stattgefunden.

DaS Gold von Charlottenburg hat Cassel feines Oberbürgermeisters beraubt: Mit dieser Tatsache müssen wir uns, mag sie auch schmerzlich und betrübend sein, abfinden. Dr. Scholz geht, noch ehe der Jahffaussndtag Chassalas herausdämmert, von dannen, und er hinterläßt ein Erbe, das eines ganzen Mannes rüst'ge Kraft verlangt. Man witterte Morgen­luft. als vorm Jahr zur Sommerzeit der neue Mann ins Rathaus an der Königstraße seinen Einzug hielt, wagte wieder zu hoffen, als im Kreise der Stadterwählten der Oberbürger­meister seine Antrittsrede hielt und in festen Umrissen das Programm moderner Verwal­tungsarbeit skizzierte, und sah mit froher Zu­versicht di« ersten Keime nützlicher und dring­licher Reformarbeit dem dorrenden Boden vaterstädtischer Kommunalpolitik entsprießen. Was damals an Hoffnungen, Erwartungen und Wünschen heranreifte, ist unterdessen im Nachtstost der Enttäuschtrng verkümmert; reich- fich gespendeter ffrüh-Lorbeer welkt« dahin, und was uns geblieben, ist die schmerzliche Er­kenntnis, daß die Residenzstadt Cassel einen Kommunalpolitiker von der Qualität und Eigenart Dr. Scholz' nicht dauernd an sich zu fesseln vermocht. Warum? Wer weiß es? Im intimen Kreis kundiger Dhebaner wird erzählt, der vor einem Jahr mit großen Hoff­nungen und weitausschauenden Plänen nach Cassel gekommene Oberbürgermeister habe bei der Durchführung der von ihm als notwendig erkannten, von der gesamten Bürgerschast dringlichst gewünschten Reorganisation der Kommunalpolitik Schwierigkeiten er­kannt, die h i n t e r der Kuliss« sich zu Bergen türmten und deren Riederzwingung einen Kampf erfordert hätte, dessen Konsequenzen und Ausgang nicht abzusehen waren. Und dies« Erkenntnis fheitzttS) fei'S in erster Linie gewesen, die Dr. Scholz bewogen habe, der Stimme aus Charlottenburg zu folgen und Cassels Zukunft-Gestaltung bet Energie eines Streitbarer« zu überlassen.

Wo hier Wahrheit und Dichtung sich scheiden: Wer will'? ergründen? Fest steht nur das Eine: Unsre Kommunalpolitik wurde (und wird) von Einflüssen bestimmt, die nicht le­diglich aus dem Selbstverwaltnngs-Svstem der Kommune resultieren, sondern eine Art Son­der - Macht darstellen, die sich auf ein Zu­sammenwirken von mancherlei Umständen gründet. Hat Oberbürgermeister Dr. Scholz in diesen Einflüssen Hemmungen erblickt und sind ihm von den in Chassalas Mauern Mäch­tigen Schwieri gkei trn bereitet worden, die er, als mtt dem Prinzip der Selbstverwal­tung unvereinbar, bekämpfen mutzte und deren Häufung in der Folgezeit ihn bestimmte, einen mit großen Hoffnungen und taffrohem Eifer übernommenen ehrenvollen Wirkungskreis in überraschend kurzer Zeit wieder auszugeben? Eine Klärung dieser Fragen wird nicht «ffol- gen: sie wird auch nicht erwartet: Aber man­cherlei Anzeichen sprechen dafür, daß die Ge­rüchte über di« Gründe des Scheidens Dr. Scholz' mehr sind als müßige Kombinationen. Und diese Tatsache verdient (im Interesse der Stadt Cassel) beachtet zu werden! Ver- dient's, besonders bei der nun bevofftehenden Neuwahl des Oberbürgermeisters in aller- effter Linie ins Auge gefaßt zu werden, denn wenn schon ein Mann von der Energie und Tackraft eines Dr. Scholz es vorzieht, Schwierigkeiten aus dem Wege zu gehen, die sich (im Verborgnen) einer durchgreifenden Re­organisation der Casseler Kommunalpolitik auf der Grundlage verständigen Fortschritts entgegenstemmen: Was bleibt da noch zu er­warten von einem Nachfolger, dem das Schick­sal schwächre Nerven und minder zähe Energie gegeben? Die kommende Oberbürger­meisterwahl entscheidet über die Zukunft Cassels: Das ist kein Schlagwort, sondern die aus der kommunalen Gesamtlage sich als zwin­gend ergebende Erkenntnis. Und darum «emt's der Bürgerschaft. den ück vorbe­

reitenden Ereignissen sorglichste Aufmerksamkeit zu widmen!

Wenn's mehr ist als das Märchen irgend eines in Phantasien schwelgenden Kopses: Daß Herr Landesrat Dr. Schroeder als Anwär­ter auf den Casseler Oberbürgermeisterstuhlin Aussicht genommen" sei, dann verdient dieser dlffam-groteske Plan geschäftiger Unverant- wörtlicher schärfste Abwehr. Wir schät­zen Herrn Dr. Schroeder als Menschen, Beaui- ten und Parlamentarier außerordentlich hoch ein, würdigen seine reichen Verdienste nach Ge­bühr und sehen in ihm einen in der Landes­verwaltung erprobten, hervorragend beanlag- ten und kenntnisreichen Beamten, dessen Tätig­keit in Amt und Parlament Cassel Mancherlei verdankt. Als Oberbürgermeister der Residenzstadt aber können wir uns Herrn Dr. Schroeder nicht denken! Cassel braucht als Derwaltungschef einen in langer Praxis ge­reiften, in jeder Hinsicht erfahrnen und erprob­ten Kommunalpolitiker, der die kom­munale Verwaltung von Grund aus beherrscht: einen Mann mit eignem Urteil, eignen Ideen und eignem Willen, der uns etwas geben kann; der nachzuholen vermag, was in jahr­zehntelanger Stagnation versäumt wurde: mit einem Wort: Eine frische, tatfrohe, unverbrauchte Kraft mit Initiative und Schöpsergeift! Der Mann, der Dr. Scholz' Erbe übernimmt, mutz über mehr als Durchschnitts-Energie verfügen, mutz auch turmhoch gehäuften Schwierigkeiten gewach­sen und entschlossen sein, der Casseler Kommn- nal-Verwaltung di« Note eigner, staffer Per­sönlichkeit zu leihen. Herr Dr. Schroeder steht der Kommunalpolitik und der kommunalen Verwaltungs-Praxis als ein Fremder gegen­über; er hat das fünfte Jahrzehnt des Lebens bereits überschritten und würde sich, wenn wirklich die Bürde eines Oberbürgermeister- Amts seine Schulter belasten sollte, in das We­sen der Kommunalpolitik efft hineinleben müs­sen. Wagt selbst ausschweifendste Phantasie zu erhoffen, daß aus diesem späten Werden für Cassel noch Segen erblühen könnte?

Sodann: Di« beiden Kandidaten, die vorm Jahr um diese Zett mit Herrn Dr. Scholz in der engern Wahl standen Dr. T h o d e, Zwei­ter Bürgermeister von Stettin und Stadtdirek­tor Koch, der Verwaltungschef von Bremer­haven! Unwidersprochen gebliebne Gerüchte, wollen wissen, daß ,ht maßgebenden Kreisen" Stimmung vorhanden sei, mit einem der Her­ren (oder gar mit Beiden) abermals Verhand­lungen anzuknüpfen, angeblich »weil die Zeit dränge" und »weil Cassel seine Tausendjahr­feier doch wohl kaum ohne einen Oberbürger­meister feiern könne". Der Scherz ist nicht schlecht! Wer drängt denn eigentlich und warum müßte Chassala ihr Haupt verhüllen, wenn am Jahrtausend-Tag kein Oberbürger­meister zur Stelle wäre? Die Zukunft Cassels (und die Oberbürgermeister-Neuwahl bedeu­tet das wichtigste Stück Casseler Zukunft-Ge­staltung) ist schließlich doch noch um einiges wichtiger als die Jahrtausend-Feier im September, und es würde jedenfalls eine völ­lige Tieffennung aller infrage kommenden Mo­mente bedeuten, wenn unterm Sorgendruck der Tausendjahffeier die Oberbürgermeister- Neuwahl in eilender Hast betrieben werde« sollte. Die beiden Herren aus Stettin und Bremerhaven mögen als Kandidaten für das Oberbürgermeisteramt mit gutem Recht ernst­haft in Frage kommen: Sind sie aber etwa die Einzigen im Kreis« der Kommunalpoliti- ker, die sich berufen fühlen dürfen, der Residenz­stadt an der Fulda derMann neuer Zukunft" zu werden? Cassel besoldet seinen Oberbürger­meister (Charlottenburg braucht ja nicht gleich als Vergleich herangezogen zu weiden) s o reichlich, daß wir Anspruch auf eine aller­erste Kraft erheben dürfen. Es gilt nun, diefr Kraft zu finden, und der Weg dazu ist gewie­sen: Die Wichtigkeit der Wahl effordert eine Neuausschreibung der Stelle, und es wird sich dann zeigen, ob Cassel tatsächlich genöttgt ist, mit beschränkter Auswahl vorlieb zu nehmen. Wahrscheinlich fft's nicht, denn grade Cassel stellt ür einen wirklich leistungsfähigen Kommunalpolitiker einen Wir­kungskreis dar, der zu schöpferischer Betätigung reichste Möglichkeiten biet«t ...! F. H.

Ouvertüre zum Kaiser-Fubilaum.

Berlia am Vorabend der Kaiserfeier.

Berlin. 14. Juni. (Privattelegramm.) Unter den Linden zeigte sich schon heute Bormittag das typische Treiben eines f c st l i - ch e n T a g e s. Als der K a i s e r gegen elf Uhr die Linden passierte, wurden ihm von dem in dichten Reiben stehenden Publikum stürmi­

sche Ovationen gebracht. Der Kaiser be­gab sich nach dem Schlosse, um dort einige De­putationen ans der diplomatischen Welt zu empfangen, die dem Kaiser Glückwünsche ihrer Souveräne überbrachten. Kardinal-Fürstbischosf Dr. Kopp überbrachte die Glückwünsche des Papstes. ______ MahmudSchewketrMörder.

Die Verschwörer am Goldenen Horn.

Die Untersuchung gegen die Mörder des türkischen Großwesirs Mahmud Schewket Pascha hat ergeben, daß das Komplott s o r g - fällig vorbereitet war und daß eine Reihe hervorragender politischer Persönlichkeiten in die Verschwörung verwickelt sind. Es ist aufallend, daß bei der großen Zahl der Teilnehmer an der Verschwö­rung bie Polizei nicht rechtzeitig Kenntnis von dem Mordplan erhalten hat, denn an der Aus­führung waren mehr als hundeff Personen be­schäftigt. Inzwischen werden folgende weitere Einzelheiten bekannt:

Die Festnahme der Verschwörer.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.) Konstantinopel, 14. Juni-

Das Hays, in dem sich die vermutlichen Mörder Mahmud Schewkcts veffteckt hat­ten, ist von der Polizei gestern nachmittag eingenommen worden. Acht Peffonen wurde« verhaftet. DemTanin" zufolge wurden Attentate noch geplant gegen En­ver Bey, den früheren Minister des Acu- tzeren Talaad Bey, und zwei andere höhere Abgeordnete des jungtürkische« Ko­mitees. Gestern wurden abermals über hun dert Verhaftungen vorgenommen.

Europäer als Verschwörer-Helfer?

(Privat-Telegram m.) Konstantinopel, 14. Juni.

Die lebten Ermittelungen haben ergeben, daß auch einige Europäer in die Ver­schwörung gegen Mahmud Schewket ver­wickelt sind. Es ist beabsichtigt, gegen diese Europäer mit der größten Strenge vorzugehen. Der Leichenzug, der dem Automobil des Großwesirs den Weg versperrte, gehörte mit in das Programm der Verschwörung, denn wie sich herausgestellt hat, befand sich in dem Wagen gar keine Leiche, und die Leidtragende« waren Helfershelfer der Attentäter.

3m Kampf mit den Mörder«. (Privat-Telegram m) Konstantinopel, 14. Juni.

Der Mörder, nm dessen Verhaftung gestern gekämpft wurde, heißt Z i a. Bei dem Ver­suche, ihn festzunehmen, schoß er den Leut­nant Hilmi, Ordonnanzoffizier des Stadt­kommandanten Obefften Dschemal, in die Brust und den Unteffuchungsrichter Samuel in den Fuß. Das Haus, in dem sich die Ver­schwörer mit Revolvern und Gewehren ver­teidigten, so daß Polizei und Militärfeuer- wehr es erst nach langem Kampfe einnehmen konnten, ist übel berüchtigt und gehört einem englischen Untertan.

Ein weiteres Privat - Telegramm aus Konstantinopel meldet uns: Die Re­gierung hofft, durch die gestrigen Verhaftungen alle Mörder in Händen zu haben. Abdar- rahman will angeblich ein volles Gestand- n i s gegen die Zusicherung der Schonung sei­nes Lebens ablegen. Die Mordbuben erflärten, gekauft zu sein. Im Laufe des gestrigen Tages wurden zahlreiche weitere Ver­haftungen vorgenommen. Unter den Ver­hafteten befinden sich fast alle Leiter der libera­len Klubs der Hauptstadt, unter ihnen auch Beamte und Militärpersonen, die offenbar an der Verschwörung beteiligt waren.

*

Petersburger Balkan-Konferenzen.

Petersburg, 14. Juni. (Privat-Tele­gram m.) Im russischen Auswärtigen Amte herffcht jetzt regster Diplomatenverkehr. Ter französische Botschafter Deleassee, sowie der italienische Botschafter besuchten gestern den Minister des Aeußeren, Saffanow. Danach konferierte der bulgarische Gesandte lange Zeit mit Sassanow. Dieser Monte dabei den deut­lich kuittigegebenen Friedens - Willen des Zaren. Die gestrige Extrasitzung des Mini- sterrates War hauptsächlich dem Balkan- zwist gewidmet. Die russische wie di« hiesige auswärtige Diplomatie glaubt an keinen neuen Balkankrieg.

Der Knegsschatz des Reichs.

Die Annahme der Regierungsvorlage.

Berlin, 14. Juni. (Privattelegramm.) Die Budgetkommission des Neichsta- «s beendete beute die Beratuna über den

Kriegsschatz. Nach längerer Debatte wur< de die Regierungsvorlage angenommen, die meisten Teile sogar einstimmig. Nur ein­zelne Abgeordnete einzelner Parteien haben sich bei diesem oder jenem Paragraphen der Abstimmung enthalten oder dagegen gestimmt. Die Zustimmung zu dem Gesetze seitens der sozialdemokratischen Fraktionsmitglieder wur- de ausdrücklich als provisorisch bezeich­net.

VerräterWswkzik vor Gericht. Der SpiouageprozeH Wawrzik vorm Reichs­gericht; Zwei Jahre eine Woche Zuchthaus k

Wie wir schon telegraphisch berichteten, stand gestern vor dem Reichsgericht in Leipzig unter der Anklage des versuchten Ver­rats militärischer Geheimnisse der Schmelzer Emil Wawrzik, am 22. Juni 1885 in Ge- orgenburg. Kreis Tarnowitz, geboren. Der Angeklagte hat von 1907 bis 1909 beim In­fanterie-Regiment 51 in Breslau gedient und gehört jetzt der Reserve an. Schon als zwölf­jähriger Knabe hat er dauernd die Postkasse seines Vaters bestohlen und ist deswegen verurteilt, die Strafe ist ihm aber im Gnaden­wege erlassen worden. Wawrzik ist im Jahre 1900 bei der Eisenüahnbedarfs-Aktien-Gesell- schaft Friedenbütte eingetreten und dort bis 1907 mit einem Gehalt von rund zweihundert Mark monatlich beschäftigt worden. Von da ab hat er es aber nirgend? lange ausgehalten und sich in verschiedenen Stellungen in Lothrin­gen und später auch in Schlesien nur vorüber- tobend Geld erworben. Im November vorigen Jahres kam er in größte Geldverlegenheit und schwere Notlage, und am 24. November ist er nachmittags drei Uhr nach Beuchen gefahren und hat dort durch zwei selbständige Hand­lungen sich in den Besitz eines Gewehr­schlosses gesetzt in der Absicht, es einet fremden Macht zu verkaufen, und zweitens in das Strafregister des Beuthencr Gefängnisses die Eintragung machen lassen, daß sich ein Schlosser aus Nancy, dessen Namen er sich bei feiner Verhaftung später zulegte, in Strafhaft befinde, zu dem Zwecke einer Täuschung der Behörden Wer feine wahre Person. Nach Verlesung der Anklageschrift beantragt der Reichsanwalt Ausschluß der Oes - fentlichkeit während der ganzen Dauer der Verhandlung, was das Gericht im Inter­esse der Wahrung des militärischen Geheim­nisses auch beschließt.

Zwei Jahre Zuchthaus!

Das «rn halb zwei Ahr mittags ver« kündete Arteil kantete wie folgt: Der Angeklagte wird wegen versuchte« Verrates militärischer Geheim«iffe, so­wie wegen intellektueller Urkunden­fälschung z« einer Gesamtstrafe von zwei Jahren eine Woche Zucht- Hans und fünf Jahren Ehrver- lnst verurteilt. Außerdem wird auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt.

In der Begründung des Uffeils wird ausgesühff: Der Angeklagte hat im vorigen Jahre, zu einer Zeit, in der er sich in Geldbe- drängnis befand, den Beschluß gefaßt, sich ein Gewehrschloß der Infanterie zu ver- schaffen, um es an Frankreich zu verkaufen. Er hat gewußt, daß ein Gewehrschloß ein Ge­genstand ist, der im Interesse der Landesver­teidigung geheim zu halten ist, er hat auch ge­wußt d-atz die Hinausgabe an eine fremde Macht die Sicherheit des Deutschen Reiches gefährdet. Der Angeklagte rft in vollem Umsanae geständig gewesen und hatte auch vor dem Untersuchungsrichter ein ltzeständnis abgelegt. Es ist diesem Geständnis von allen Seiten ein großer Wert beigelegt worden. Der Gerichtshof steht aber auf einem anderen Standpunkte Hätte der Angeklagte das Geständnis wirklich aus einem Gefühl bei Reue über seine Tat abgegeben, so würde dies gewiß als besonders strafmildernd in Be­tracht gezogen werden können; so liegt di« Sache aber nicht. Der Angeklagte hat während der lange dauernden Voruntersuchung fort- während gelogen und er hat efft, nach­dem er in der Irrenanstalt untersucht worden war, sich herbeigelassen, dem Untersuchungs­richter gegenüber ein volles GeständMs abzu­legen. Dieses Geständnis bat er dann aber in einer schriftlichen Einaabe widerrufen, und et hat sich nicht bloß damit begnügt, das Geständ­nis zu widerrufen, sondern auch dem Unter- suchungsrichter den Vorwurf gemacht, daß er das Geständnis von ibm erpreßt habe. Unter diesen Umständen kann die Tatsache, daß der Angeklagte später ein Geständnis abgelegt hat, nicht als mildernd in Betracht kommen.

Redl, dsr Allerwetts-Spion.

(Privat-Telegramm.)

Wie«. 14. Juni.

Ein böhmisches Provinzblatt läßt sich auS Wiener mflitärischen Kreisen beffchten, daß der Verräter-Oberst Redl nicht nur Spionage zu- aunüen Rußlands, sondern auch zugunsten