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Hessische Abendzeitung
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3» Jahrgang
Nummer 157
Donnerstag, 12. Juni 1913
Fernsprecher 951 unb 952.
Fernsprecher 951 und 952.
Weg von der Krippe!
Die Aeberfüllung der amtlichen Berufe und der „©rang zur Krippe": Zwei Mißstände.
Im preußischen Unterhaus ist, kurz bevor die Auflösung das Parlament ereilte, von staatsfteundlicher Sette das harte Wort über den »Drang zur Staatskrippe* gefallen», und man hat diesen Drang nicht mit Unrecht als ein Symptom krankhafter Zeit st rö» mung gedeutet, die die wirtschaftlichen und ethischen Erfordernifle ernst-sozialer Daseins- Auffassung sträflich ignoriere. Das Wort klingt herb, und die Kritik eines an sich verständlichen Strebens wirft wie ätzende Beize. Sie sollte so auch (dürfte man wünschen) aufs Volks- gewiflen wirken, denn der Mann, der hier im Abraham a Santa Clara - Stil zur Umkehr rief, hat auf einen ernsten Schaden im staatsbürgerlichen Leben unsrer Zett hingewiesen und den Volksgenossen eine Schwäche offenbart, vie mtt Energie bekämpft werden mutz. Exzellenz von Beseler, der nach dem Mahner zum Wort kam, hat denn auch feinerseits die scharfschneidende Kritik des Vorredners überzeugend unterstrichen und als Vertreter der Staatsregierung den »Drang zur Krippe- ebenfalls bekämpft. Man darf daraus schließen, daß am Amtstisch die immer schärfer erkennbar werdende Ueberfüllung der amtlichen Berufe ebenso unangenehm empfunden wird, wie im Volksleben überhaupt, dem durch den »Drang zur Krippe* wertvolle und wirtschaftlich nutzbare Kräfte entzogen werden, die in sozialer Hinsicht das Beamtentum als solches belasten und auch dem nationalen Wirtschaftskörper einen schweren Ballast aufzwingen, dessen Druck von Jahr zu Jahr empfindlicher fühlbar wird.
Im gesamten Amtsleben herrscht Ueberfülle an Angebot, und das Heer der harrenden Anwärter wächst inS Ungeheure. Die Menge des Angebots verschlechtert naturgemäß die wirtschaftliche Situation des Beamtentums, weil infolge des Anschwellens der Anwärterflut und der (gewissermaßen zur moralischen Staatspflicht gewordnen) Neuschaffung von Stellen die Einkommen der etatsmä- ßigen Beamtenschaft nicht in dem Maße aufge- bessert werden können, wie es mtt Rücksicht aus die Verteuerung der allgemeinen Lebenshaltung Wünschenswert und geboten erscheint. Es ist (bedauerlicherweise) soweit gekommen, daß mit einem gewissen Recht von einem »amtlichen Proletariat* gesprochen werden kann, dessen Daseinsbedingungen und Existenzmöglichkeiten die denkbar primittvsten sind, und dessen Lebenshaltung verdüstert wird durch die Sorge ums bescheidenste Brot des Tages. Und trotzdem wird der »Drang zur Krippe* immer ungestümer, strömen Jahr um Jahr Tausende von Kräften, die in Handel und Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft Nützliches zu leisten und wirtschaftliche Werte zu erzeugen vermöchten, zum Heer der Anwärter auf staatlichen Dienst und staatliche Versorgung, und mehren damit die Last, die die Staatsorganisation drückt, und »en Stamm ihrer Beamtenschast in der Erstte- bung besserer Daseinsbedingungen behindert. Der Vertreter der Staatsregierung erklärte im Landesparlament rundheraus, daß der »Drang zur Krippe* schwere Enttäuschungen bringe und den Staat dazu zwinge, seinerseits sich gegen die Hochflut des Andrangs durch die Verlängerung der Wartezeit und bie_ Hinausschiebung der festen Anstellung zu schützen.
Die U r s a ch e n des »Drangs zur Krippe siegen flar zu Tage: Die Verschärfung des Kampfs ums Dasein, der von allen im Er- werbsleben Stehenden die äußerste Anspannung der Kräfte verlangt, erhöht naturgemäß den Wert der gesicherten Lebensposition ganz ungemein, selbst dann, wenn die dauernde Sicherung der sozialen Position den Verzicht auf die Möglichkeit relativ höherer Einkünfte und weiter umgrenzter Verdienstmöglichkeiten im freien Wettbewerb in sich schließt. Sodann bietet die amtliche Anstellung neben der sozialen Txistenzensicherung die Altersversorgung durch Pensionsgewährung und die Fürsorge für die Hinterbliebenen: Alles Dinge, die im sozialen Leben bedeutsame Werte repräsentieren und die sie größern Verdienstmöglichkeiten im freien Wettbewerb des privaten Lebens zum mindesten aufwiegen. Diese Werte werden indessen beträchtlich herabgemindert, wenn ihr Erwerb von der Ueberwinduna größerer Schwierigkeiten (der staatlichen Schutzmaßregeln gegen die Hochflut des Anwärter-Andrangs) und der Durchängstigung einer schon weit übers Normale ausgedehnten Wattezeit abhängig gemacht wird. Der Staat hat gar lein Interesse an der Steigerung des Andrangs zur Krippe staatlicher Versorgung; im Gegen- tell: Er mutz Vorkehrungen treffen, diesen An
drang auf das normale und wirtschaftlich er- ttägliche Maß zurückzudämmen.
Der »Drang zur Krippe* ist an sich nicht be- fremdlich in einem Land, das seinem Beamten- ntm ein beträchtlich Teil großer Vergangenheit verdanft; da er aber nach dem Zeugnis der Nächstbeteiligten zu bedenklichen Konsequenzen fühtt, mutz er mit den gebotnen Mitteln b e - kämpft werden. Er entzieht dem Volkskörper Kräfte, die zweckdienlicher nutzbar gemacht werden könnten, als datz sie im jahrelangen Hatten auf staatsamtliche Versorgung Witt» schaftlich verkümmern, bis endlich der Tag der ersehnten Berufung heraufdämmert. Industrie, Handel, Gewerbe und Landwittschaft erfordern nicht mindtt tüchtige Köpfe wie der Amtsbe- trieb; Fähigkeit und Leistungsvermögen werden auch hier nach ihrem Wett gelohnt und die größere Möglichkeit des geschäftlichen und beruflichen Erwerbs bietet dem Nichtbeamten die Aussicht auf die Erstrebung wittschastlicher Selbständigkeit, wodurch der Vorteil dtt Lebensversorgung im Staatsbetrieb ausgewogen wird. Es ist leider auch ein »Zug der Zeit*, daß gerade das Bürgertum danach strebt, die nachwachsende Generation tunlichst dem Staatsamt oder dem sogenannten »gelehrten Beruf* zuzuführen, offenbar aus dem Drang heraus, den Nachkommenden die Hätten des selbst mühsam geschritMen Wegs zu ersparen. Daß es sich hier indessen um ein schlecht gewähltes Mittel bandelt, haben die Erfahrungen längst bewiesen und die »Forderung des Tags* verlangt also: »W e g v o n d e r K r i p - p e* und zurück zum nützlichen Wettbewerb im freien Spiel der Kräfte. Damit nützen wir dem Staat, seinem Beamtentum und dem Volk, das von der »Krippe* nicht abhängig sein darf ...I H.
Zwischen Krieg und Frieden.
Die neue Kriegsgefahr am Balkan.
Die Situation am B a l k a n hat sich weiter verschärft. Wie Depeschen aus Konstantinopel melden, erhielt die Psotte gestern Depeschen aus Belgrad und Sofia, wonach die Lage unter den Balkanverbündeten sich derart zugespitzt hat, daß man mit einer friedlichen Regelung nicht mehr rechnen zu können glaubt. Der Beginn der Feindseligkeiten wird innerhalb der nächsten Wochen erwartet. Wir verzeichnen folgende Draht^stel- dungcn:
Wien, 11. Juni.
Die politischen Nachrichten ans Sofia und Belgrad lauten sehrrrnst. ES wird befürchtet, datz Serbien und Griechenland die besetzten Gebiete annettieren, was für Bulga- rien den Kriegsfall bedeuten würde. Rumänien dürste dann voraussichtlich kein mützigtt Zuschauer bleiben. Die voraussichtliche Haltung der Türkei ist noch ungewiß.
Konstantinopel, 11. Juni.
Die Gefahr eines Krieges zwischen Bulgarien und Griechenland gilt hier fottgc- setzt als sehr groß. Die türkische Regierung beschloß, sich im Falle eines Krieges zunächst neutral zu verhalten. Eine Demobilisierung wird einstweilen nicht vorgenommen, da das Intttesse der Türkei die Erhaltung der gesamten Truppcnmacht unter den Waffen erfordert.
®rn werteres Telegramm berichtet uns aus Wien: Wie hin in diplomatischen Kreisen verlautet, werden die Großmächte vielleicht schon morgen, jedenfalls aber in den allernächsten Tagen in Sofia, Belgrad und Athen durch ihre Vertteter eine ernste Mahnung zum Frieden erteilen und konkrete Vorschläge zur Schlichtung des Streites geben. Ob diese Mahnung Erfolg haben wird, bleibt allerdings abzuwarten.
Serbien macht Ernst!
Belgrad, 11. Juni. (Privat-Tele- gramm.) Der gestrigen Sitzung des Mini- sterratS wohnten auch der Generalstabschef P u t n i k und der Gesandte tu Sofia Spa - laikowitsch bei. Nach Anhörung ihrtt Berichte über die Situation wurde beschlossen, daß Spalaikowitsch kategorisch die Antwort der bulgarischen Regierung auf die serbische Forderung ber Vertragsrevi- fiou im Sinne der übetteichten Rote, sowie die Feststellung des Termins für die vereinbarte Zusammenkunft in Saloniki fordern soll.
Die Militarpartei droht.
Belgrad, 11. Juni. (Privat-Tele- gramm.) Die gestrige Sitzung des Ministerrats ist sehr stürmisch »erlaufen. ES fanden heftige Zusammenstöße zwischen König Peter unb dem Ministerpräsidenten Basitsch einerseits und dem Cberftcn
Pawlowitsch, dem Haupt der serbischen Militärliga, andererseits statt. Pawlowitsch warf dem König und Pasitsch ihre zögernde Haltung in dem bulgarischen Konflikt vor jptb drohte im Namen der Militärpartei mit einer Erhebung der Armee, falls man nicht energische Maßnahmen gegenüber Bulgarien in Anwendung bringen werbe.
Da» MMarden-Problem.
Parteien »Verständigung in Sicht?
In parlamentarischen Kreisen verlautet, daß zwischen den Nationalliberalen und dem Z en t r u m seit einigen Tagen sehr eisti- ge Verhandlungen über die Besitzvereinbarnn- gen geführt werden. Diese Vereinbarungen haben zur Grundlage die Vermögenszuwachssteuer, die in dem Entwurf der Dek- kungsvorlagen von der Regierung den Bundesstaaten bekamttlich angedroht wird, wenn sie nicht selbst innerhalb einer bestimmten Zeit eine Besitzsteuer einführen, lieber den gegenwärtigen Stand der Krise im Reichstag erhalten wir folgende Mitteilungen:
Reichstag und Regierung.
(Von unferm parlamentarischen Mitarbeiter.) Berlin, 11. Juni.
Obwohl dem Anschein nach die Wehrvor- lage sich auf dem Marsch befindet, müssen doch Befürchtungen ausgesprochen werden, daß die Wehrvorlage gefährdet ist und eine Auflösung des Reichstags nicht unmöglich erscheint. Das Zentrum wird die Wehrvorlage in dritter Lesung ablehnen, wenn die Deckungsgesetze bis dahin nicht (wenigstens zum Teil) verabschiedet sind. Man wird versuchen, diese Klippe zu umschiffen, denn die Wehrvorlage muß unbedingt noch in diesem Monat erledigt werden. Ihre gesondert« Verabschiedung läßt sich aber nicht durchführen bei der bekannten Stellung der Rechten und des Zentrums und der ablehnenden Haltung der Sozialdemokraten. Will man die Vorlage also nicht ernstlich gefährden, so muß der W e h r b e i t r a g so schnell alß möglich ins Plenum kommen. Das Plenum wird in vier Tagen ohne Arbeitsstoff sein. Es ist deshalb zwischen den Fraktionen vtteinbart worden, nach der Beratung des Entwurfs über den Erbanfall des Staates (er dürfte wohl zur Ablehnung kommen) sofort die
zweite Lesung des WchrbeitrageS in der Kommission zu beginnen und dieses Gesetz noch in dieser Woche dem Plenum zu überweisen, daS es in der nächsten Woche berg- ten soll. Man nimmt an, daß das Zentrum bei endgültiger Gestattung deS Wehrbeittags iill Plenum auch der Wehrvorlage in dritter Lesung zustimmen wird, weil für die einmaligen Ausgaben, die zunächst in Frage kommen, Deckung durch den Wehrbeittag vorhanden ist. Sollte dieses Ziel nicht zu etteichen sein, so stehen die Chaneen sehr schlecht. Man hofft aber in den besonnenen Kreisen, daß die Regierung eine Auflösung des Reichstags int JubiläumSjahr vermeiden wird, zumal der Kaiser sich gegen eine solche Maßnahme aussprechen würde. Wirklich maßgebende Parlamentarier bemühen sich zurzeit sehr angestrengt, die Situation zu retten und in absehbarer Zeit (spätestens bis zum fünfzehnten Juli) alle Deckungsvorlagen zu verabschieden, da im andern Falle sich Konsequenzen ergeben würden, die für Reichstag und Regierung gleich unangenehm sein müßten.
Rur keine Reichs-Vermögenssteuer!
Wie uns weiter aus Berlin berichtet wird, Hot eine vertraulich Fühlungnahme unter den verbündeten Regierungen stattgefunden, um eine Stellungnahme zur Frage einer Reichsvermögenssteuer httbeizuführen. Das Ergebnis der vertraulichen Besprechung war eine fast einstimmige Ablehnung des Gedankens, der Einführung einer Reichsver- mögenssteutt zuzustimmen. Die Mehrheit der Verbündeten Regierungen steht auf dem Stand- punft, daß die Deckung der dauernden Ausgaben entweder durch ein Zurückgreifen auf die Regierungsvorschläge oder durch Einführung der Erbanfallsteuer gefunden werden muß.
Acht, sechs, oder drei?
Berlin, 11. Juni. (Privat - Telegramm.) Die Zentrumsfraktion hat beschlossen, ihren Mitgliedern bezüglich der von bei Regierung geforderten sechs Kavallerie-Regimenter die Abstimmung ftcizugeben. Es wird ein kleiner Teil der Fraktion gegen jede Vermehrung der Kavallerie- Regimenitt stimmen, ein anderer für den Kom- miffionsbefchlutz eintreten und ein anderer für die ganze Regierungsvorlage. Inzwischen haben Konservative und Freikonservattve den Bnttaa einaebracht. statt bet von ber Remeruna
geforderten sechs und ber von der Kommission bewilligten drei Kavallerie-Regimenter acht Kavallerir-Regimenttt zu bewilligen.
Dauer-Redner Roske.
Reichstags-Sitzung vom zehnten Mai.
Am Bundesratstisch: Kriegsminister vo« Reelingen. Auf der Tagesordnung stehen zunächst: Kleine Anfragen.
Abg Liebknecht (Sozialdemokrat) fragt, was bisher zum Schutze des Bergmanns Jaku- b i k der in dem ruflrichen Grenzort Rtska von den 'russischen Behörden verhaftet und wegen der von ihm betriebenen Agitation für den oberschlesischen Bergarbeiterstreik im admmi- sttativen Wege (angeblich zu lebenslanglnher Zwangsarbeit) verurteilt worden ist, getan ist und was in dieser Angelegenheit Wetter getan wird
Geheimer Legattonsrat Lentze: Das Auswärtige Amt hat sofort durch den Grenzkommissar und den Konsul in Warschau nähere Erkundigungen über den Vorfall «ingezogen. Nach dem inzwischen eingegangenen Bericht hat der Bergmann Sammlungen zugunsten der Streikenden außerhalb der preußischen Grenze veranstaltet. Infolgedessen ist er in Nifka verhaftet und em Verfahren gegen ihn eingeleitet worden, das demnächst $um Abschluß kommt und für den Bergmann nur die Ausweisung zur Folge haben kann. Es wird füi möglichste Beschleunigung des Per- fahrens Sorge getragen und eingehender Bericht erstattet werden.
Die Abgeordneten Di. Haegy (Elsässer) und Baumann (Zentrum) fragen, was gegen die Irreführung bei Konsumenten und schwere Gefährdung des Weinbaues und des r«ell«r Weinhandels durch ein den Namen .Malzwein* führendes Produkt getan wird.
Ministerialdirektor Dr. von Joncquieres er widert: Die .Herstellung des Weines ist an und
LbstnMsn im Reichstag?
Zweite Lesung der Wehr-Vorlage; Sozial« demokrat Roske redet viereinhalb Stuudeuk
Der Kampf um die Wehr - Vorlage beginnt spannend zu werden. Bei der ersten Lesung war s nicht sonderlich erregend; selbst auf der äußersten Linken blieb man kühl und nüchtern, und es schien der Wille erkennbar, auf grobem Wege rasch zum Ziel zu kommen. Gestern hat die zweite Lesung begonnen. Und gleich zeigt das parlamentarische Bild ein anderes, weniger freundliches Gepräge. Es sieht wie Obstruktion aus, und Hett N o s k e, der Sprecher der Sozialdemokratie, hat es gestern fertig gebracht, durch eine viereinhalbstündige Dauerrede den ganzen ersten Tag der zweiten Lesung für sich in Anspruch zu nehmen. Er hat an verschiedenen Stellen seiner Rede sich theatralisch aufgeregt, hat aufs Pult gehauen wie ein Heerpauker und leidenschaftliche Töne angeschlagen. Auch die Fraktion hat wild getan und durch Zwischenrufe unparlameniarischsttt Art ein paar Sturmszenen heraufbeschworen. Die Absicht war geheim gehalten worden, und so versah man sich in den ersten zwei Stunden keiner Ueberra- schung. Jeder tat, was ihm beliebte; denn Hett Roske batte schon nach den ersten Worten das Ohr des Hauses verloren. Selbst seinem durch die Hebung zahlreicher Volksversammlungen gefaulten Organ gelang es nicht, das Summen der Privatunterhaltungen zu übertönen, denen man sich hingab. Man verhandelt über eine an- gebahnte Verständigung in Sachen der Deckung.
In der Sofaecke
plaudert Graf Oppersdorfs angeregt mit Wetterls, der sich zwar zur elsässischen Inter- pellation nicht nach Berlin gewagt hatte, aber doch jetzt da sein muß, um die Wehrvorlage ablehnen zu helfen. Der Reichskanzler ist überhaupt nicht erschienen; Kriegsuiimster von Heeringen raucht draußen in den 2B anbei» gangen seine Zigarre. Abgesehen davon, daß auf der Esttade ein paar Generäle Wache halten, sieht es genau so aus wie am Montag, als man über die Tagegelder bet Schöffen beriet Und Herr Roske redet weiter. Er gibt nichts, was man nicht schon anderwärts gehört m» gesehen hätte. Aber das ist man ja im Reichstage schon lange nicht mehr anders gewährt. Erst als er nach zwei Stunden nochimmer nicm Anstalten macht, mit seiner ziemlich vollständigen Sammlung aller seit drei Monaten Wehrvorlage gesammelten sozialdemokratischen Gemeinplätzlichkeit zu Ende zu kommen, wird das HauS aufmerksam. Unruhig rückt der A^ geordnete Erzberger auf feinem Sitz« hin und her. Er ist der nächste Redner, bart also den Saal nicht verlassen wenn er nicht des Worts verlustig gehen will. Es geht sckon aus sieben, als Hett Roske endlich aufhort. Begteff- licherweise denkt nun Hett Erzberger nicht mehr daran, auch noch das Wort zu nehmen. Er beantragt selber die Vertagung, die denn anch beschlossen wird. Müde, gelangweilt und abgespannt gebt das Haus auseinander: Das Roske'sche Vorspiel der Obstruktion war allzu gewalttätig gewesen. .