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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Nummer 156

Mittwoch, 11. Juni 1913

Kernsprecher 951 und 952.

Kernsprecher 951 und 952.

F. H.

bewahren..

dahin wirken, daß nach der zweiten Beratung des Wehrbeitrags - Entwurfs sowohl dieser als die Wehrvorlage in den letzten Junitagen definitiv verabschiedet wird.

ergebnislos auseinander. Hebet die noch ausstehenden einzelnen Punkte ist keine Einigung erzielt worden, und als der Vor­schlag gemacht wurde, die bereits erzielte« Punkte in einem gemeinsamen Protokoll nie. derzulegen, lehnten die Türken auch das ab. Drei Serben und ein Montenegriner find be­reits a b g e r e i st. Die Griechen bleibe« vor- läuftg noch hier.

gnferttonepretfe: Die fedt)8gefpattene gelte für einheimische <L-schäfte 15 Pfz., für aus. würtige Jnf-rat- 25 Pf, Reklame,eile für einheimische «SeiSäfte 40 Pf, für au8n>6«ttge Seschüfte OO Pf. Einfache Bellagen für die Defamtauflage werden mit 5 Mark pro laufen» be. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Reiidenz and der Umgebung und die «Saftetet Neuesten Nachrichten ein oorzüglicheS JnfertionSorgan. »efchastsfielle: »ölnische Straße 5. Berliner Vertretung SW, Friedrichüratze 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584

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Re Krise im Reichstag.

Nur eine Mehrheit für Wehr und Deckung!

Der Schluß der gestrigen Reichstags­sitzung gewann durch die Erklärungen des Zentrums, der Konservativen und der Reichs- Partei zur Geschäftsordnung erhöhtes Inter­esse. Sowohl Herr Spahn als auch Graf Westarp und Herr Schulz betonten unter gro­ßer Spannung des Hauses, daß für sie die Wehrvorlage nur zusammen mit der voll­ständigen Deckung der Kosten existiere und daß eine Trennung der beiden Vorlagen un­denkbar sei.

Bulgarisch-serbischer Krieg?

S)ie Lage ist fortgesetzt sehr ernst!"

Die Gegensätze zwischen den Balkan-Ver­bündeten haben sich derart verschärft, daß die Gefahr eines bulgarisch-serbischen Krieges in nächste Nähe gerückt scheint. In Serbien so­wohl als in Bulgarien herrscht allgemeine Kriegsstimmung, und unter dem Druck der Volks-Erregung hat sich die serbische Regie­rung nun entschlossen, den entscheidenden Schritt zu tun und von Bulgarien eine be­stimmte 'Antwort auf die Forderungen Ser­biens zu verlangen. Leutet diese Antwort un- bestiedigend, dann ist der Krieg unvermeid­lich. Die neuesten Depeschen kennzeichnen den Ernst der Lage:

Belastung; mehr als vier Fünftel aller Selbstmorde aber waren auf äußere Einwir­kungen, auf (erwiesnen) Lebensüberdruß und auf Furcht vorm Elternhaus zu- rückzuführen! Professor Gerhardt (der neben Gurlitt sich eingehend mit dem Wesen und den Ursachen der Kinderselbstmorde beschäftigt hat) mißt «die Hauptschuld an dem »Brandmal unsrer Kultur" der Familie und dem El­ternhaus bei und klagt die moderne Kin­der-Erziehung im Schoß der Familie der Ver­ständnislosigkeit gegenüber dem Emp­finden des Kindes an: Kein Kind würde seinem Leben ein Ende machen, wenn es nur einen lieben Menschen fände, dem es in der Sprache seines Herzens sein Leid, seine Kämpfe und Nöte klagen könnte! Man muß sich in die verzweifelnde Seele des Kindes hinein, denken können, wenn in ihren tiefsten Tiefen aus einem Meer von Tränen der Gedanke an den Abschied vom Leben, an das ewige Schei­den von allem, was dem Empfinden der jungen Seele teuer geworden, austaucht; wenn Lebens­sehnsucht und Verzweiflung im empfänglichen Hirn kindlicher Vorstellungswelt einen furcht­baren Kamps kämpfen und dann schließlich die Furcht, der Ekel vorm Sein oder das bleiche Gespenst der Not den Willen zum Leben im letzten Ausbäumen niederringen. Edle Mensch­lichkeit fördert als Gebot natürlichster Huma­nität den Tierschutz in jeder Form; wo aber sind die Schirmer und Beschützer unsrer Jugend, die das kostbarste Gut nationalen Besitzes, die Zukunft des Volks, vor den Schäden eines auf das Dreffurprinzip gestimm­ten Erziehung-Systems, vor dem erdrückenden Jammer des modernen Familien-Elends und vor dem Verhängnis früher Verzweiflungtat

Was wird nun werden?

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 10. Juni-

In der gestern im Reichstag abgegebenen Erklärung der Konservativen, des Zen- trums und der Reichspartei wird betont, man werde zwar in die heute auf der Tagesordnung stehende zweite Lesung der Heeresver- mehrung mitcintreten intb an den Beratun­gen teilnehmen, die Stellungnahme bei der Abstimmung aber könne nur eine v o ef ä it. fi ge sein. Man will also die eigentliche Ent­scheidung sich bis zum Schluffe aufsparen. Aus den Worten des konservativen Redners glaubte man eine gewisse Zurückhaltung herauS- zuhören, insofern die Ausdrücke bei ihm vor­sichtiger gewählt waren, als beim Redner des Zentrums. Unterstaatssekretär Wahnschaffe, der Adlatus des Kanzlers, der zu diesem für die Zukunft der Wehrvorlage so bedeutsamen Moment im Hause erschienen war. ging nach Schluß der Sitzung in den Saal hinab und be­legte sofort Herrn Spahn mit Beschlag, mit dem er ins Innere des Reichstagsgebäudes zu einer Besprechung verschwand, wäh­rend die Abgeordneten, noch in Gruppen zu. samnienftehend und lebhaft ihre Meinungen austauschend, noch eine Weile beieinander blieben. In parlamentarischen Kreisen wird jetzt dafür Stimmung gemacht, zwischen der Regierung und den Parteien bjndendeAb. machungen über die Gestaltung der übrigen Deckungsvorlagen zu treffen und durch Gesetz die Art der Deckung sestzulegen, die Beratung der Einzelheiten aber erst im Herbst vor­zunehmen. Tas Zentrum will dagegen alle Deckungsvorlagen noch vor der Vertagung er­ledigen.

Die zweite Lesung der Wehrvorlage steht heute im Reichstag auf der Tagesord­nung, da die Konservativen und das Zentrum nur Widerspruch erheben gegen die Verabschie­dung der Wehrvorlage, ohne daß über die Deckungsgesetze ein Beschluß vorliegt, dagegen gegen die Vornahme der zweiten Lesung im Plenum nichts einzuwenden haben. Man hofft, daß die Budgetkommission den Entwurf über den Wehr bei trag bis zum Schluß dieser Woche verabschieden kann und bereits in der nächstesi Woche das Plenum den Wehrbei­trag beraten wird. Die Regierung will

Achtundsünfzig...!

vie Tragödien der Jugend als Maffen-Er- scheinung: 58 Katastrophen in 2 Monaten.

Rach einer amtlichen Statistik haben in den beiden letzten Mo­naten (April und Mai) in Deutsch­land achtundsünfzig jugend­liche Personen Selbstmord verübt. Von diesen Achtundsünfzig find Dreinndzwanzig aus Liebes- kvmmmer. Sechzehn aus Furcht vor Strafe, die übrigen aus unbekanntem Gründen in de« selbstgewählten Tod gegangen. Die Flucht vor dem Leben ist das Ver- hängnis unsrer Zeit. Wir hören, tote im Bannkreis russischer Kultur die Epidemie der Verzweiflung am Leben die Jugend scharen­weise in des Todes kalte Arme treibt, sehen, tote inmitten des raffiniertesten Lebensgenusses das düstre Menschendrama der Todes-Sehnsucht sei­ne Opfer fordert, und werden nun durch die trocknen Zahlen d^r Statistik daran erinnert, wie auch bei uns die Tragödien der Jugend sich zur Massen-Erscheinung häufen, wie am Mark des Volks die finstre Tragik des Lebens nagt und wie der rastlos fortschreiten­den Entwicklung zu den Firnen der Kultur die Decadenee der Persönlichkeit als Schatten des Verhängnisses folgt. Was dem Entschluß, das junge Sein aus eignem Willen gewalttätig zu enden, in den Seelen jener Achtundfünfzig vorausgegangen, wiegt schwerer als die ganze Roman- und Dramenproduktion eines Jahr­zehnts unsrer betriebsamen Literatur-Indu­strie, und die Tragödie unsrer Zeit, die sich darin offenbart, ist so ergreifend, daß die käl­teste Seele unter der Erschütterung dieser Erkenntnis modernster Kultur-Degeneration erzittert. Professor Gurlitt hat kürzlich in einem Vortrag im Deutschen Monisten-Bund die Frage der Schüler- und Jugend-Selbstmor­de erörtert, und lver seine Auflagen wider das Erziehungs-System vmsrer Zeit vernom­men hat, wird im tiefsten Herzensinnern über­zeugt sein, daß hier ein Abgrund flafst, den nicht der Zufall, sondern dieKultursünde des zwanzig­sten Jahrhunderts geschaffen hat: Innerhalb zweier Dezennien, in der Zeit von achtzehnhun­derteinundachtzig bis neunzehnhunderteins, waren (nach der amtlichen Statistik) in den Reichsgrenzen nicht weniger als rlfhun- dertzweiundfünfzig Schüler- und Kln- derselbstmorde zu betrauern und achthun- derizwölf dieser Jugend-Tragödien entfielen allein auf die nieder« Schulen, also auf dieje­nigen Erziehungsanstalten, in denen die Kin­der der breiten Massen des Volks für den Kampf mit dem Leben herangebildet werden. Achtundfünfzig Jugend-Tragödien in zwei Monden: Die Ziffer des Verhängnisses redet eine eindringlichere Sprache als die überzeu­gendste Beweisführung volks-psychologischer Erkenntnis über das Wesen dersittlichen Ju­gend-Entkräftung" und mahnt zu ernster Ein­kehr. Wir rühmen uns des Vorzugs, daß un­ser nationales Erziehungswesen das vollendt- ste der modernen Kulturwelt sei, und Haden auch (waS den rein schulmäßig - wissen­schaftlichen Charafler der Erziehung an­belangt) ein Recht dazu. Daß unser hochent­wickeltes Erziehungs-System aber nicht gleich­zeitig auch die sittlichen Kräfte der Heran­wachsenden Generation gefestigt hat, beweist die Statistik der Jugend-Tragödien, und es ist dehalb wirllich kein Anlaß zu stolzer Bcsriedi- gung gegeben, denn ein betrüblicheres und er­schütternderes Zeugnis für die Schwächen unsrer Kultur kennt die Geschichte kaum. In jüngster Zeit ist (als die Tragödien der Ju­gend sich förmlich epidemisch häuften) über das Thema der Schüler-Selbstmorde mancherlei ge­sprochen und geschrieben worden, und es hat schließlich die Annahme Geltung gefunden, daß beim Durchschnitt dieser Katastrophen jungen Lebens psychische Defekte, erbliche Bela­stung und andre, im Seelenleben der Unglückli­chen wurzelnde krankhafte Erscheinungen die Ursache der Flucht vorm Leben seien. Daß diese Annahme der Tagesmeinung so rasch geläufig geworden ist, hat seinen Grund offenbar in ihrer nahen Anlehnung an die Gewöhnung unsrer Zeit, alles Außergewöhnliche unterm Gesichtswenkel psychologischer Degeneration zu betrachten.

Die Statistik indessen beweist das Gegen, teil: Von Hunderisiebzig Jugend-Tra­gödien, die in ihre« Tatumständ:« und Mo. tiven untersucht wurden, entfielen nur ein- unddreißig auf Krankheiten des Gehirns, ..etiruwit der Geistesiätiakeit oder erbliche

Ja« Stoma von Belgrad.

Die Schreckensnacht im Belgrader Palast und das Ende der Dynastie Obrenowitsch.

In der Nacht zum elften Junt 1903 ereignete ftch tm Belgrader Köntgs-Palast jener furchtbare D öp­pe l m o r d, der das Schicksal der ferbifchen König«- Dynastie Obrenowitsch besiegelte. König Alexander und Königin Draga fielen als Opfer der Berfchwörer und ihre Leichname wurden von der wild erregten Volksmenge in furchtbarster Weise geschändet. Zehn Jahre find fett jener Schreckensnacht verflossen und die einstigen Verschwörer und KönigSmörder stehen im neuen Serbien in Amt und Ehren. Die Eretg- nifle der Blutnacht schildert der nachstehende Artikel auf Grund authentischer Darstellungen von Augenzeugen.

Die Nacht vom zehnten zum elften Juni des Jahres 1903 brach heran. In der Belgrader Winkelkneipe, die den Namen des großen ser­bischen OrdensZum weißen Adler" führte, ging cs hoch her. Brausende Freiheils« reden ertönten, die Schwerter wurden zum Schwure gezückt, und einmütig erklang es: Tod dem Vaterlandsschänder Alexander!" Das war das Vorspiel zu der großen Tra­gödie, die in der Weltgeschichte ohne glei­chen scheint, die noch in derselben Nacht ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichte. Die mitter­nächtliche Stunde naht. Scchsundzwanzig Aus­erkorene erheben sich. Von jubelnden Ermun­terungsrufen der Genossen begleitet, brechen sie auf, um den Beschluß des Verschwörer-Tribu­nals auszuführen. Sie lenken ihre Schritte zum alten Konak. Die anderen aber kehren in die Kaserne« zurück, um dort die letzten Vor- bereitungen zu treffen. Als fluge Strategen haben die Offiziere in den vier Straßen, die znm Konak führen, Bataillone aufgestellt. Vor der russischen Gesandtschaft stehen dräuend zwei Batterien Artillerie. Der Verschwörerzug naht sich dem kleinen Tore des Palastes. Es ist unverschlossen, denn der Offizier vom Dienst ist auch einer vom Bunde. Im Hofe treffen sie einen Gendarmen, einen treuen, biedren Men­schen. Die Verschwörer stürmen auf ihn zu. Einer will ihn auf ihre Seite ziehen, sucht ihn mit Reden zu betäuben. Da, gerade will der Verdutzte antworten, durchbohrt ihm ein« Re­volverkugel das Gehirn. Damit ist

das Signal zum Angriff gegeben. Die Scchsundzwanzig stürzen auf Me innere Türe zu, die ja nach einer vorher getrof­fenen Verabredung geöffnet sein soll. Aber der Verschwörer Oberst Naumovitsch, dem diese Ausgabe oblag, hatte sich auch an dem Schlaftrunk, der den königstreuen Offizieren tückischerweise verabfolgt worden war, be­rauscht. Die kleine Schuld büßt er mit dem Leben. Da erlischt plötzlich das elektrische Licht. Jemand hatte die Drähte durchschnit­ten. Wütend jagen die Scchsundzwanzig durch die Gänge auf der Suche nach dem Schlaf­zimmer des Königs. Sie können es nicht fin­den. Ein Hauptmann erscheint mit Soldaten. Er bringt Kerzen: Die Sechsundzwanzig brau­chen nur noch zu folgen. Ein Krachen: Wieder werden Dynamitpatronen geschossen, die die Türen sprengen. Im Gange hinten steht ein Soldat mit dem Gewehr in der Hand. Er ist der Hüter des königlichen Schlafgemaches. Ach habe strengsten Befehl. . .!" Der Arme kann den Satz nicht vollenden: Hoch auf spritzt sein Blut! Der König und die Königin erwachen aus schwerem Schlummer. Sie ahnen, was ihnen bevorsteht. Waren doch längst Anzeichen genug vorhanden für ihr Schicksal. Die Scchsundzwanzig brechen durch die Tür. Im Rahmen halten die Vordersten inne. Sie sehen die leeren Betten und schreien: Hier ist ja kein Mensch!" Regungslos abet stehen

Draga «nd Alexander

in ihren Nachtgewändern vor den Fenstern. Sitz scheinen gerettet, denn die Mörder stürmen da­von. Mittlerwefle aber ist die ganze Belgra­der Garnison in Aufruhr. Kaum hören die Massen, daß man das Königspaar noch nicht gefunden hat, als sie zu wüten beginnen. Selbst an den Möbeln kühlen sie ihr Mütchen: Alles wird zerfchlagen, zerbrochen, zerriflen. Nach dem Berichte eines Verschworenen gleicht der Palast einem Kartoffelfeldc, das von Wild­schweinen aufgewühlt toorden ist. Königin Draga und ihr Gatte haben sich mittlerweile in die enge Loggia geflüchtet, die die doppelten Fenster bilden. Draußen fahren Kanonen auf Die Königin glaubt sich und ihren Gemahl ge­rettet, sic öffnet das Fenster und ruft:Her zu uns! Wir leben noch!" Nicht das ein­zige treue Regiment, das ihren Namen trägt, ist es. Ihr antwortet nur das höhnische Lachen der Verschwörer, denen sie sich verraten hat In wilder Unordnung stürzt alles die Stufe« hinaus, ins Zimmer hinein. Der König kauern in der Nähe des Fensters am Fußboden. Auf reckt und stolz steht die fast nackte Königin ia

Belgrad, 10. Juni.

Die serbische Regierung hat gestern eine N o t e an die bulgarische Regierung abge­sandt. in der verlangt wird, daß Bulgarien mitteile, ob es die Zusammenkunft der Mini­sterpräsidenten wünsche und wann diese statt- sinden solle. Die Antwort wird binnen acht­undvierzig Stunden erwartet. Sollte diese Antwort negativ sein, oder der Termin länger als eine Woche hinausgeschoben wer­den, so werde Serbien die Annektion der eroberten Gebiete proklamieren.

Sofia, 10. Juni.

Oppositionskreise zeigen sich über die Ver­zögerung der Lösung der Ministerkrise, die noch einige Tage dauern wird, ungeduldig. Die Erklärungen des serbischen Thronfolgers über die Lage auf dem Balkan werden hier allgemein als neue Herausforderun­gen angesehen imd bestätigen den allgemei­nen Eindruck, daß eine friedliche Verständi­gung mit Serbien unmöglich sei. In dip­lomatischen Kreisen erwartet man noch einen entscheidenden Schrit Rußlands zur Erhal­tung des Friedens.

Petersburg, 10. Juni.

Die russische Regierung hat gestern bei den tSalkanstaaten einen dringenden S chr i t t unternommen und die Verbündeten aufgefordert, sobald wie möglich zu einer um- faffenden Demobilisierung zu schrei­ten. Griechenland «nd Serbien sollen den Rat Rußlands günstig ausgenommen und sich bereit erflärt haben, nur 70 bis 80 000 Mann unter den Fahnen zu behalten. Bulga­rien hat dagegen bisher noch keine desi- nitive Antwort erteilt.

Daß derletzte dringende Schritt Rußlands" irgend einen tatsächlichen Erfolg haben wird, ist nach Lage der Sache kaum anzunehmen. Es wird offenbar auch gar nicht damit gerechnet, denn ein Privat-Telegramm aus Sa­loniki meldet uns: Die Lage wird fortgesetzt als e r n st bezeichnet. Nach der Meinung un­terrichteter bulgarischer Kreise ist der Krieg zwischen Bulgarien und Serbien unver­meidlich. Die Konferenz der vier Minister­präsidenten, die in Saloniki stattsinden scEl, wird jedenfalls, wenn sie wirflich noch zustande kommt, zwecklos verlaufen, denn Bulgarien ist entschlossen, mit seiner Forderung noch nach­drücklicher als bisher hervorzutreten.

Serbische Spione in Sofia?

Sofia, 10. Juni. (Privat-Tele­gramm.) Das Berlaffcn der Hauptstadt nach neun Uhr abends ist auf Befehl des Stadüom- mandanten verböte« toorde«. Wie eg heißt, weil von serbische« Spionen der Versuch gemacht wurde, die Pulvermaga­zine vor der Stadt in die Lust zu sprengen. Gestern abend wurde der Wachtposten vor dem Pulverdepot von Unbekannten erschossen. Mehrere Verdächtige find verhaftet worden, un­ter ihnen zwei Personen, in denen man serbi­sche Spione vermutet.

Kriegsfiinnnnng in Bulgarien.

Sofia, 10. Juni. (Privat - Tele­gramm.) Kammerpräsident Dr. D a n e w und der bisherige Ministerpräsident G'e s ch o w find gestern abend vom König in Audienz emp­fangen worden. Man hat den Eindruck, daß die Ministerkrise sich günstig entwickeln wird. Die Erklärung des serbischen Thronfolgers über die Bakkanlage hat hier den schlimmsten Eindruck hervorgerufen. Das offiziöse Blatt Mir erklärt dazu:Stark durch unser Recht, gehen wir den kommenden Ereignisse« mit Festigkeit und unerschütterlicher Ruhe ent­gegen; möge kommen, was da wolle ...!"

Die Friedens-Konferenz: Fiasko!

London, 10. Juni. (Privat-Tele, «ramm.) Wie vorausgesagt wurde, ging gestern die Konferenz der Friedensdelcgierten