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3« Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, 8. Juni 1913
Nummer 154
Fernsprecher 951 und 952.
Exzellenz Sydow.
Der bevorstehende Rücktritt des Ministers.
Depeschen aus Berlin melden «ns: In unterrichteten Kreisen wird ernstlich mit dem bevorstehende« Rücktritt des preußischen Handels m inisterS Dr. Shdow gerechnet, verschon seit längerer Zeit sich mit der Absicht ttägt, das Amt des Handelsministers mtt dem eines Oberpräfidenten z« vertauschen. Der Minister dürfte zurücktrettn, sobald das für den frühen Herbst geplante Oberpräfiden- ten-RevirementTatsache wird und es verlautet, daß Dr. Shdow dann das Oberprästdium der Pro- vinzHannover übernehme«wird.
Durch den Blätterwald huscht in diesen Tagen (wieder einmal) die Kunde, daß Exzellenz Shdow, der Minister für Handel und Gewerbe, sich mit dem Gedanken trage, der Handelsgewerberegierung Valet zu sagen, und in der friedlichen Stille irgend eines Oberpräsidiums des Lebens Abend zu verträumen. Herr Shdow war zwar beim letzten Parlaments-Turnier noch am Regierungstisch im Redehaus zu sehen, und aus der muntern Art, wie er sich bort mit Freund und Nachbar unterhielt, wollen hellhörige Zeichendeuter schließen dürfen, daß der Herr Handelsminister fester als je im Regierungs sattel sitze, von der Sonne der Kabinetts-Homogenität hell bestrahlt werde und sicher nicht daran denke, das warme Plätzchen an der Sonne mit dem Exil in irgend einem stillen Erdenwinkel zu vertauschen: Als ob Minister, die die Erlösung von schwerer Bürde nahen sehen, den Drang spüren müßten, Asche aufs Haupt zu streuen und im Parla- mentSgewimmel die Freunde durch der Leichenbittermiene Blässe zu ängstigen! Der „lange Möller" (weiland Sydows mannigfach bewährter Kollege) sprach aus Herzensgrund ein auf- richtig „©ott sei Dank', als ihm LucanuS (der damals noch als Geist des Unheils über den Wassern schwebte), das blaue Feierabendbriefchen ins Haus trug. Und auch Wer Herrn S Y - dow werktätig in der Nähe sah, mag nicht glauben, daß die Fahtt in die Stille geruhigen Daseins ihm als „Weg zum Unheil' das Herz bedrücken könnte.
Ms man vor Jahren den Gehilfen des Reichs-Postmeisters Krätke zum Säckelmeister des Reichs berief, damit er des alten Stengel vergreistes Werk mit ftischer Jugendkraft befruchte, da wußte man von Herrn Shdow nicht viel mehr, als daß er als Sammler interessanter Post- und andrer Marken sich in Liebhaberkreisen eines gesicherten Namens erstelle, und außerdem dem Reichspostmuseum mit un- bestrittnem Erfolg sorgliche Aufmerksamkeit widme. Man war deshalb einigermaßen überrascht,daß gerade diesen im Reichspostwagen erst gelind erprobten Schultern die schwere Bürde des Stengel-Erbes aufgeladen ward, und die Praxis erwies denn auch schnell, daß der Griff kein glücklicher gewesen: Als Reichsschatzmeister bat Herr Shdow kein einzig Lorbecrreis ererntet, und mehr als einmal hörte man im Wallotbaus spitzige Rede über „das Stenglein im Wiesengrund', dem des Tages Last und Hitze verderblich zu werden drohe, ohne daß der also Apostrophierte Schwung und Lust zur Attacke spürte, so daß man, als beim Begräbnis des Bülow-Blocks die große Ministerverpsianzung stattfand, erlöst aufatmete, da man Herrn SY- dow am sichern Port der Handels- und Ge- werberegierung sah.
Als Handels- und Gewerbeminister hat der In Krätkes Schule rasch Emporgestiegne schätzbarere Arbeit zu leisten vermocht, und man sähe auch keinen Anlaß, der Herrn Shdow daS Dasein der Gewerbe-Erzellenz verbittern könnte, wenn nicht der Minister selbst den Wunsch verspürte, gelegentlich in die „Stille der Provinz' sich zurückzuziehen und des Daseins Feierabend in Frieden zu verträumen. Vor zwei Jahren bereits, zur Sommerzeit, als Valentin! in der Stille zum großen Ministersterben rüstete, verlautete, auch Herr Shdow werde der Ministerstube drückenden Staub von den Schuhen schütteln und unter friedlicherm Himmelsstrich Hütten bauen. In ihm lauerte zwar keine Gefahr für die Eintracht des Kabinetts, ihn stachelte kein Rbeinbaben'scher Ehrgeiz und ihn belastete auch nicht die „passive Resisten;' eines Molike; dennoch wäre es dem Kanzler in jenen Tagen des Großreinemachens erwünscht gewesen, wenn auch der Minister für Handel und Gewerbe, vom Gespenst der .Homogenität' erschreckt, von dannen gezogen wäre. Herr Svdow blieb indessen, tat auch unterm neuen Kurs
seine Pflicht wie's sich gebührt, und galt unterdessen sogar (da die Gewerberegierung mit dem politischen Tageskurs nicht so unmittelbar zusammenhängt, wie die übrigen Ressorts) als eine der festesten Stützen der Bethmann Holl- Weg-Aera. Bis nun, über Nacht, der Minister für Handel und Gewerbe als Kandidat für die Provinzregierung auf der Bildfläche erscheint.
Noch kein Greis, unverbraucht auch an sorglich geschonter Kraft und Lebensenergie, präsentiert sich Herr Shdow nicht als lächelnd Sonntagskind des Glücks (wie Bülow), auch nicht als straffbesaiteter Tatmensch (wie Rheinbaben), sondern als der vom soliden Wohlwollen des Werkeltags geförderter Pflichtarbeiter, den die Gunst der Verhältnisse aus der verborgnen Stille der Postkanzlei rasch emporhob, als im Reich die Zahl der Männer sich lichtete und der Typ des „Verlegenheits-Ministers' zur vertrauten Erscheinung ward. Er war nie ein Pionier neuer Ideen, nie Stürmer und Dränger im Kampf um Ideale, und nie Rufer im Streit und Ringen der Geister; einer von bett Stillen im Land, die ihr Werk ohne lärmend Geräusch vollbringen und durch peinliche Pflichterfüllung ersetzen, was ihnen am Radius des Jdeenkreises etwa mangelt. Daß Herr Shdow auf dem Stuhl des Handelsministers sich je in des Glückes Hochgenuß gefühlt hat, haben Kundige nie gewähnt, trotzdem er, als man ihn von der drückenden Bürd« der Reichsfinanzsorgen erlöste, sicher Dankbarkeit empfunden hat. Es könnte also auch nicht befremden. wenn er nun, da Rheinbaben längst wieder am Rhein regiert, sich nach einem stillen Orte, „fern von Madrid' sehnt. Das Kabinett Bethmann Hollwegs würde durch seine Abwanderung kaum erschüttert werden, und die Provinz erhielte in dem auf zwei Mi- nisterMhlen heimisch Gewordnen einen Ober- präfldenten, dessen Eigenart für die „gewissenhafte Pflege altbewährter Traditionen' bürgt. Denn die „Pflege bet Tradition' war stets Herrn Sydows rühmlichste Stärke.,.! F. H.
Lberst Redl, der Berräter.
Reue Enthüllungen in der Redl-AsfLre.
Die Landesverrats - Affäre des Prager Ge- neralstabS - Obersten Redl zieht immer weitere Kreise, und je weiter man den Spuren der Verbrecher - Tätigkeit Redls folgt, umso deutlicher zeigt sich, daß Redl zahlreiche andere Personen mit ins Verderben gerissen hat. Die neueste Enthüllung betrifft den Fall des bekannten österreichischen Schriftstellers Baron von Ungern - Sternberg, der ebenfalls ein Opfer RedlS geworden zu sein scheint. Ueber den Fall werden jetzt folgende Einzelheiten bekannt:
Der Oberst als Denunziant.
(Privat-Telegramm.)
Wien, 7. Juni.
Eine sensationelle Aufllärung sindet anscheinend der Fall des Barons von Ungern- Sternberg, der bekanntlich vor mehreren Jahren wegen angeblicher Spionage zu gunsten Oesterreichs vom Gericht in Petersburg zu langer Freiheits st rafe verurteilt worden ist. Der Fall erregte damals das größte Aufsehen, weil Baron von Ungern Sternberg eine bedeutende soziale Stellung in der russischen Hauptstadt einnahm. Er war bekanntlich auch Vertreter verschiedener deutscher und österreichischer Blätter. Wie nun in Dresden kwo sich^verschiedene Mitglieder der Familie Ungern - Sternberg niedergelassen haben) verlautet, ist der verurteilte Baron ein Opfer des Obersten Redl geworden, der jetzt durch Selbstmord geendet hat. Redl soll die russischen Behörden auf Ungern-Stern- berg aufmerksam gemacht haben. Wie erinnerlich, erfolgte damals ganz plötzlich eine Haussuchung bei Ungern - Sternberg, die nach der Behauptung der russischen Behörde« schwer belastendes Material zutage förderte und zu der Verurteilung des Barons Sternberg führte. Die Beantworwng der parlamentarischen Interpellation über den Verrat Redls durch den Kriegsminister Georgy wird fortgesetzt in der Presse kritisiert. Wenn auch die Mehrheit des Reichsrates beschlossen hat, in eine Debatte über die Jnterpellationsbeant- wortung nicht einzutreten, so ist doch die Meinung allgemein, daß die Antwort des Ministers unzulänglich gewesen sei.
Die ungarische Kabinetts-Krise.
Wie uns aus Budapest berichtet wird, dürfte der Empfang des Grafen Tisza beim Kaiser schon heute erfolgen. Außer der Audienz der Präsidenten der beiden Häuser des Reichstages ist zurzeit ein Empfang anderer Politiker überhaupt nicht in Aussicht genommen. Es dürfte demnach die Betrauung Tiszas mit der Kabinettsbildung außer allem
Zweifel sein, wenn auch (wie in Kreisen der Regierungspartei zugegeben wird) eine Aende- rung der Dispositionen im letzten Augenblick nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegt.
Um die Heeres-Milliarde
Die Vermögenssteuer auf dem Marsch?
Die Beratungen der B u d g e t - Kommission des Reichstags über die Deckung der Kosten der neuen Leeres-Verstärkung habe« in Regierungskreisen einiges Unbehagen geweckt, weil kaum noch daran zu zweifeln ist, daß für die Deckung bet s ortl aufenden Ausgaben neue Steuerquellen erschlossen werden müssen. Unter diesen Umständen kann es nicht wunder nehmen, daß in erster Linie wieder die Reichs -Vermögens st euer aus dem Plan erscheint. Wir erhalten darüber folgende Meldung:
Hat der Kanzler sich bekehrt?
(Priv at-Telegramm.)
Berlin, 7. Juni.
Die Möglichkeit einer Reichsvermögenssteuer scheint immer noch gegeben zu feilt. Zwar hat der Kanzler gesprächsweise den festen Entschluß geäußert, unter keinen Umständen eine Reichsvermögenssteuer vorzuschlagen. Es liegt aber (wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet) keineswegs eilte ebenso entschiedene Erklärung des Kanzlers vor, ob er nicht gegebenenfalls eine von der Mehrheit des Reichstages angenommene Reichsvermögenssteuer annehmen würde. Selbst solche Einzelstaaten, die sich bisher am schärfsten gegen eine Reichs- einkontmen- und Reichsvermögenssteuer gewehrt haben, stehen der geplanten Besteuerung des Einkommens innerhalb des Wehr- beitrages durchaus nicht mehr so unfreundlich gegenüber, wie anfangs erNärt wurde. Wenn die Steuer nicht gar zu niedrig angefebt würde, werde sich zweifellos eine Mehrheit im Bundesrat finden, die vieler Abänderung de» Regierungsvorlage zustimmen würde.
Inzwischen regt sich dos vom Wehrbeitrag bedrohte Groß-Kapital. Die Beschlüsse der Bubget-Kommisston. über bk Staffelung des Wehrbeitrags, durch die die großen Vermögen am stärksten zu der Wehrbeitrag-Abgabe herangezogen werden, haben die großinbustriel- len Streife, namentlich im rheinisch-westfälischen Industrie-Bezirk, veranlaßt, in ihrer Presse gegen diese Form der Staffelung scharfen Pro - test zu erheben und auf die Gefahr der „Abwanderung des Kapitals' hinzuweise«. Ei« Telegramm berichtet uns:
Die Industriemagnaten im Westen.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 7. Juni.
Die vorgestrigen Beschlüsse der Budget- kommisfion, die eine Besteuerung der Rie - senvermögen bis zu andetthakb Prozent ermöglichen sollen, haben bereits daS Großkapital in Wallung gebracht, besonders das durch patriotischen Ueberschwang mehr als durch Zahlungssreudigkeit sich auszeichnende rheinische Großkapital. Sei« Repräsentant, die Kölnische Zeitung, beschwört bereits mit aufgehobenen Händen die Regierung, doch ja nicht in solche Maßnahmen zu willigen, die nach der Behauptung des rheinischen Blattes das Kapital aus dem Lande treiben würden. Es fehlt nur noch, daß die Kölnerin, wie vor zwanzig Jahren bei der MiqueFschen Einkommensteuer, mit einer „Revision der monarchischen Gesinnung" droht. Man darf jedenfalls erwarten, daß das Großkapital mit alle« Mitteln gegen die Verwirklichung der Kommiffions-Be- fchlüffe im Reichstag ankämpsen wird.
Daß es so kommen werde, war vorauszusehen: industrielle Großkapital, das im-
grunde doch von der Rüstungs-Verstärkung wirtschaftlichen Nutzen zieht, ist in der Frage der Kostendeckung wesentlich zugeknöpfter als hinsichtlich der Verteidigung der Heeres-Verstär- kung selbst. Die Bochumer Handelskammer bat sich kürzlich in bemerkenswert scharfen Worten gegen Professor Lujo Brentano gewandt, der diese Tatsache registrierte. Wie reimt sich nun die damalige Entrüstung gegen Brentano mit der h e u t i g e n gegen Regierung und Budget-Kommission ...?
Das Kabinett Batthou in Gefahr!
Französische Korruption vor der Kammer.
(Privat-Telegram m.)
Paris, 7. Juni.
In der gestrigen Sitzung der französischen Kammer kam es infolge der Interpellation des Deputierten P a i n l ö v e über den' Fall des städtischen Polizeibirektors Tauny zu einer gefährlichen Situation der
Regierung. Trotzdem vorher der Minister beS Innern, Klotz, hinreichende Erflärungen gegeben hatte, wurde die Besprechung der Interpellation beschlossen. Ministerpräsident Bar- thou stellte die Vertrauensfrage und erhielt auch endlich mit 547 gegen 210 Stimmen das Votum der Kammer.
Sie ältesten Frauen der Welt. Vier Mattoninne« des Frauentums; die Mutter einer einhundertjährigen Tochter.
Ob die Männer oder Frauen länger leben, ist eine Frage die häufig cröriet wird. Doch sind bisher die Statistiker und Gelehrten zu keinem endgültigen Resultat darüber gekommen, welchem Geschlecht sie die Palme der Langlebigkeit reichen sollen. Fast möchte man aber glauben, daß gegenwärtig die Frauen den Rekord des höchsten Alters haben, wenn man die Zahlen und Angaben lieft, die eine sranzösich« Wochenschrift soeben über die vier ältesten Frauen der Welt in einem Artikel mittetll. Da ist zunächst eine Indianerin aus Kanada vom Stamme der „durchbohrten Nase«', die auf ein Akter vo« bundertzwökf Jahre« zurückblickt. Sie führt den bürgerliche« Namen Creseent Antonote, aber ihre Landsleute, die ihr eine große Verehrung entgegenbringen, nennen sie die „weiße Krähe', weil dieser Vogel den Ruf genießt, sehr alt zu werden. Das Harfe, an Entbehrungen und Mühe« reiche Leben, das die Greisin als Frau dieses Jägerstammes geführt hat, hat ihre Gesundheit nicht untergraben können. Sie arbeitet noch heute mit an der Zubereitung der Häute, mit deren Verkauf sich die kanadischen Indianer ihren Lebensunterhalt erwerben, und trägt ihre hundertzwölf Jahre leicht und fröh- lich. An Alter übertroffen wird sie von einer ehrwürdigen Chinesin Tsao - Hat, die es bereits zu dem respektablen Alter von Hundertvierzeh« Jahren gebracht hat. Ma« wird ja in China überhaupt älter als anderswo, und die Stadt Mn-Nan, in der Tsao-Mt geboren wurde, nimmt den Ruhm für sich in Anspruch, daß ihre Bewohner besonder?''fp8t sich dem allgemeinen Los der Sterblichen beugen. Sie ist sehr stolz auf diese uralte Frau, die ihre Mauern bergen, zumal Tsao-Yat noch über eine seltene Klarheit deS Geistes verfügt und sich mit einem erstaunlichen Gedächtnis an Dinge erinnert, die vor einem Jahrhundert passiert sind.
eine Fra« von 118 Jahren lebt in Peru. Ihr ganzes langes Leben hindurch hat sie auf dem Lande gewohnt, in der Umgebung von Arequipa; sie war die Frau eines Bergmanns, und teilte das harte Los und die frugale Lebensweise, die den armen Arbeitern auferlegt ist. Ihre älteste Tochter, mit der sie zusammen lebt, ist gerade hundert Jahre alt; die beiden haben immer in frischer Lust ihre Arbeit verrichtet und in einer kleinen Hütte mitten im Walde geschlafen. Es ist ihnen augenscheinlich gut bekommen, denn die Einhundertachtzehnjährige ist noch heute rüstig, und die Tochter gerät der Mutter nach und wird vielleicht ebenso alt werden. Diese hundert Frühlinge zählende Frau, bereit Mutter noch lebt, kann sich mit Reckt rühmen, auf ber Welt einzigartig zu sein. Aber bie älteste Frau hat boch das alte Europa hervorgebracht: Es ist eine hundertzwanzig Jahre alte Spanierin. Diese Zeitgenossin Napoleons wurde im April 1793 zu Huesear, einem kleinen Dorf in Südspanien, geboren. Sie ist ein Nachkomme ber alten Mauren, bie mehrere Jahrhun- berte hindurch die Halbinsel beherrschten, und hat ein Leben geführt, so reich an Erlebnissen und Wechselfällen, wie man es sich kaum träumen lassen möchte.
Während der großen Aufstände von 1820, die zugunsten König Ferdinands deS Siebenten stattfanden, erhielt sie einen Schuß und wurde verwundet; ein anderes Mal wurde sie das Opfer eines Wagenunfalls, bei dem sie mehrere Glieder brach und viele Monate aus dem Schmerzenslager zubrachte. Oesters hat sie der Tod gestreift, aber stets hat er sie verschont. und so lebt die tapfere Spanierin, die dem Vaterland neun Kinder gefchenst hat, noch heute, in einfachen Verhältnissen, aber ohne Beschwerden und Gebrechen irgendwelcher Art. Sie hört und sieht noch vortrefflich und ihre größte Freude ist es, einer zahlreichen Enkelschar aus ihrem unerschöpflichen Schatz ber Erinnerungen zu erzählen. _ Häufig finben sich bann auch noch andere Zuhörer dazu, um aus dieser „lebendigen Geschichtsquelle zu schöpfen. Vor einigen Jahren wurde ihr von der Königin Mutter eine Ehrenpension ausgesetzt. Ja, die damalige Regentin verschönte sogar die Feier ihres hundertsten Geburtstages durch einen Besuch. Die ganze Umgegend beS Dorfes, in dem sie bereits feit fünfundvierzig Jahren lebt, nahm an der-Feier teil. In einem schön geschmückten Wagen wurde sie in feierlichem Umzüge herumgefahren und sie weinte damals vor Freude und Stolz über diesen „schönsten Tag ihres Lebens'. Nun bösst sie, an ihrem hundertfünfundzwanzigsten Geburtstag noch einen schöneren Tag feiern zu können. . .1 w. L