Casseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 153.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonnabend, 7. Juni 1913.
3. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Zeusetts des Rechts.
Justiz-Irrtümer r Drei Beispiele.
Ein großer Strafrechtslehrer des vorigen Jahrhunderts hat den Satz geprägt: .Auch in der Rechtspflege hat der I r r t u m seine Stätte, denn Irren ist das Produkt menschlicher Unzulänglichkeit. Aber in der Justiz bedeutet ein Irrtum immer ein Stück Menschen schick- s a l und deshalb ist cs unsre Pflicht, alles zu tun, um Irrungen vorzubeugen!" Ein Stück Menschen-Schicksal: Das ist's, was den Justiz-Irrtum zum Verhängnis, zur Tragödie stempelt, und einige Fälle jüngster Vergangenheit mögen als Beispiele zeigen, wie furchtbar unter Umständen die Irrung strafender Gerechtigkeit in ein Menschenschicksal eingreifen kann. Vor den Strafrichtern von Dresden stand dieser Tage ein Mann, den der Spruch des Gerichts vor einem halben Jahrzehnt auf zwei Jahre der Zucht des Gefängnisses überantwortete, weil er als schuldig befunden worden war, sich an schulpflichtigen Kindern sittlich vergangen zu haben. Der Angeklagte, ein Offizier der Handelsmarine, beteuerte vor den Richtern seine Schuldlosigkeit; als Zeugen traten zwei Schulmädchen auf, und nach dem Befund der Beweisaufnahme entschied der Gerichtshof au Schuldig. Der Sünder wanderte ins Gefängnis, verlor, ein moralisch schwer Bemakelter, Charge und Erwerb und kehrte aus dem Kerker heim als ein der bürgerlichen Gesellschaft Entfremdeter, als ein A u s g e st o ß n e r, dem das Urteil des Gerichts das Brandmal der Schande auf Dasein und Namen gedrückt hatte.
Drei Jahre später: Vor den Männern des Dresdner Strasgerichts, die seinerzeit die Schuld des Uebeltäters ahndeten, steht derselbe Angeklagte; diesmal im Wiederaufnahme-Verfahren vor die Schranken gefordert. Abermals werden Zeugen gehört, Eide geleistet, und nach vielstündiger Beweisaufnahme kommt das Gericht zum Urteil: Freisprechung von der schweren Anklage, da die völlige Schuldlosigkeit des zwei Jahre hinter Gefängnismauern Verbannten sich einwandfrei erwiesen! Die Zeuginnen von einst, am Tag, da sie an der Stätte des Gerichts den Eid leisteten, noch Kinder, mußten unterm Druck der Tatsachen ihre frühern Aussagen widerrufen, bestimmt geformte Behauptungen als Produkte überreizter EinbUdung anerkennen und zugeben, daß sie „damals (vor drei Jahren) so verwirrt gewesen seien, daß sie nicht wußten, was sie sagten". Der Mann, der zwei Jahre seines Lebens schuldlos im Gefängnis vertrauern mußte, ist durch den zweiten Spruch der Richter äußerlich zwar rehabilitiert, in seiner Menschenwürde gereinigt von dem Makel des schweren Verbrechens: Wer aber kann den Unglücklichen die Stunden der Qua! und Angst, der Seelenmarter und Gewissensfolter vergessen machen, die er hinter grauen Kerkermauern durchkämpft; wer ihm die moralische und wirtschaftliche Einbuße erleichtern, die zwei Jahre hindurch sein Dasein belastete? Und die „Verwirrung" zweier Kinder vor Gericht ge- -nügte, ein Menschen-Dasein zu vernichten!
Ein andrer Fall: Der Rektor Bock von der Berliner Gneisenau-Bürgerschule hat achtzehn Monate Gefängnis verbüßt, weil er vom Gericht als schuldig beftmden wurde, sich an ihm anvertrauten Schülerinnen sittlich vergangen zu haben. Der alte Mann, bis zum Tage seiner Inhaftnahme geehrt und geachtet, ist aus dem Kerter heimgekehrt als ein siecher Greis, dessen schwindende Lebensenergie sich nur noch auf das eine Verlangen konzentriert, in einem Wiederaufnahme-Verfahren die Welt von seiner Unschuld zu überzeugen. Der Irrtum der Justiz ist in diesem Falle zwar noch nicht restlos erwiesen, aber die Fundamente der seinerzeit gegen Bock erhabnen Anklage sind längst erschüttert durch die einwandfreie Feststellung der Unglaubwürdigkeit und moralischen Minderwertigkeit der tm ersten Prozeß gegen den (als Sittlichkeitsverbrecher in der Anklagebank eingcschlossnen) Rektor austretenden Zeuginnen. Auch hier handelts sich um „Kinder-Aussagen", die offenbar unterm Druck der Verhältnisse, vielleicht auch unter den Einwirkungen von Scham und Furcht zustande- gekommen sind, und die inzwischen durch die Abgabe eidesstattlicher Erklärungen seitens der Zeuginnen eine gründliche Korrektur erfahren haben. Die Wiederaufnahme des Verfahrens ist damit gesichert und an der Rehabilitierung des alten Rektors ist nach juristischem Urteil nicht zu zweifeln: Das Schicksal hat aber bereits sein Opfer gefordert und selbst die spätere Freisprechung kann nur wie lindernder Balsam auf einer tödlichen Wunde wirken.
Ein dritter Fall spielte im erlösenden Endest vor den Schranken des Göttinger
Strafgerichts. Ein angesehener Kaufmann, besten Ehrenhaftigkeit nicht vom Hauch eines Makels getrübt war. wurde im Vorjahr aus Grund der Aussage zweier Kinder im Alter von fünf und sechs Jahren wegen angeblicher sittlicher Verfehlungen zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein glücklicher Umstand bewahrte den Verurteilten solange vor dem Zwang der Strafverbüßung, bis er ausreichendes Material zur Wiederaufnahme des Verfahrens gesammelt hatte. Im neuen Verfahren erkannte jetzt dasselbe Gericht, das ein paar Monde früher den Schuldspruch gefällt hatte, auf kostenlose Freisprechung, nachdem in der Beweisaufnahme sich ergeben hatte, daß die Kinderaussagen (auf die sich die Verdammung zum Kerker gründete) durchaus unzuverlässig und objektiv unwahr gewesen waren! Die Häufung der Fälle, für die das Moment der „Zufälligkeit" nicht in Frage kommen kann, gibt ernstlich zu denken, und man kann es, an diesen Tatsachen gemessen, kaum verstehen, daß das Reichsgericht kürzlich das Urteil gegen einen Messenger-Boy bestätigte, der trotz aller Unschuldsbeteuerungen aus Grund der Aussagen zweier Kinder im Alter von drei und vier Jahren dem Gefängnis überantwortet worden war. Kinderaussagen sind Aeußerungeu von Wahrnehmungen, in denen Tatsächliches und Erdichtetes sich untrennbar verweben, und es ist immer ein Spiel mit Zufälligkeiten, wenn auf Auge und Hirn der Kindlichkeit schwerwiegende Entscheidungen gegründet werden. In der Strasrechtspflege aber handelt's sich nicht nur um schwerwiegende Entscheidungen, son- dern ... um Men scheu. Schick sale! F. H.
Sie Zoten von 6t. Privat.
Stumm grabt Erz auf den Schlachtfeldern r
Aus Rietz kommt die Kunde, daß die Arbeiten an den neuen Bergwerksanlagen der Firma Stumm auf den Mctzer Seylachtfet- d e r n zwischen St. Privat und St. Marie au; Chsnes auf Wunsch des Kaisers eingestellt worden sind, da der Kaiser in der Weiterführung der Arbeiten aus dem Schlachtfeld der Hetoeu von St. Privat eine Profanierung oes Angedenkens an die dort ruhenden Krieger erblickte.
Die Lebende» und die Toten.
(Draht-Meldungen.)
Metz, 6. Juni.
Es bestätigt sich, daß die Arbeiten an den neuen Bergwerks-Anlagen der Firma Stumm bei St. Privat auf Wunsch des Kaisers vorläufig eingestellt worden sind, doch ist die Frage noch keineswegs endgültig entschieden. Es handelt sich hier um einen Kampf zwischen der Ehrfurcht vor den Toten und dem Recht der Lebenden, um einen Kampf zwischen der Liebe zu einer glorreichen Vergangenheit und den unerbittlichen Forderungen der Gegenwart. Der Kaiser vertritt den idealen Standpunkt, die erhabene Scheu vor den stillen Zeugen einer großen Zeit, während die Firma Stumm bei allem Verständnis für die Empfindungen des Herrschers gezwungen ift den nüchternen Realitäten zu folgen. «tumm besitzt dort seit dreißig Jahren Eisenerzgruben. Doch die Firma ließ sie unberührt. Roch standen ihr andere Quellen zur Verfügung, aus denen sie schöpfen konnte. Aber bei der Entwicklung, die in den letzten drei Jahrzehnten mit der deutschen Industrie auch
die Stummscheu Werke
nahmen, begannen diese Quellen sich zu erschöpfen, und einige sind bereits so erschöpft, daß sie abgeteust werdem Und da war für das Haus Stumm der Augenblick gekommen, an den es selbst nur mit Zagen und Scheu dachte: Die Firma mutzte daran gehen, die unter der Erde neben den Helden von St. Privat schlummernden Erze zum Leben zu erwecken. Ende April fand unter dem obersten Kriegsherrn eine Uebung der Metzer Garnison auf den dortigen Schlachtfeldern statt. Da sah der Kaiser, wie z wichen den Gräbern, die die Soldaten der preußischen Garde deckten, Schachtarbeiten unternommen wurden. So lebhaft war der Monarch von der Wahrnehmung ergriffen, daß von diesem ruhmvollen Felde der Ehre die Industrie Besitz ergreifen wollte, daß er unmittelbar darauf die Besitzer Stumm um einen Jm- mediatbericht ersuchen ließ. Mitglieder der Familie Stumm erstatteten dem Kaiser per- önlich Bericht, und seitdem schweben die Verhandlungen.
Stumm und der Kaiser.
Berlin, 6. Juni. <Telcgramm unseres Korrespondenten.) In den seit zwei Monaten chwebenden Verhandlungen wegen Bergwerks- arbeiten auf dem Schlachtfeld von St. Privat
hat die Firma Stumm den Standpunkt vertreten, daß die Erzgruben bei St. Privat geradezu das Brot für die Abertausende der von der Firma beschäftigten Arbeiter seien und daß die dauernde Einstellung der dort geplanten Arbeiten zur Entlastung zahlreicher Arbeiter führen würde. Trotzdem ist es als sicher anzunehmen, daß eine Verständigung Zustandekommen und das Schlachtfeld von St. Privat nicht durch die Industrie entweiht werden wird.
6ttaßenkämpse bei Stettin.
Viele Personen bei den Kämpfen verletzt.
Bei Stettin ist es gestern abend zu schweren Ausschreitungen gekommen, bei denen zahlreiche Schutzleute und Zivilpersonen Verletzungen erlitten haben. Ein streikender Arbeiter der Cichorienfabrik von Weitz in Frauendorf (in der vor einigen Wochen ein Streik ausgebrochen ist) war von einem Arbeitswilligen erstochen worden. Es kam darauf zu wüsten TumultszeMen, und ein großes Polizeiaufgebot mußte von Stettin nach dem Tatort beordert werden. Erst nach längerer Zeit gelang es, die Ruhe wieder herzustellen. Wir erhalten über die Vorgänge folgenden Bericht:
Die Folgen eines Streiks.
(Telegramm unsers Korrespondenten.) Stettin, 6. Juni.
In den gestrigen Abendstunden spielte sich in der Herrenwieserstraße in Frauendors eine furchtbare Bluttat ab. Der streikende Arbeiter Kühl der Cichorien- und Kaffee- Surrogatfavrik von Weiß wurde von einem Arbeitswilligen namens Brandenburg mit einem Messer gestochen und so schwer verletzt. daß er auf dem Wege zum Frauendorfer Krankenhause starb. Infolgedessen kam es in den Abendstunden vor der Fabrik der Firma Weiß zu großen Kundgebungen, sodaß Stettiner Schutzmannschast hcrbeigerufen werden mußte. Heber Nacht entwickelten sich wahre Straßenkämpse. Die Arbeiter der Weitzschen Fabrik streiken bereits seit einigen Wochen. Als gestern Abend der Arbeiter Brandenburg, der die Arbeit nicht niedergelegt hatte, nach Arbeitsschlutz die Stratze betrat, begegnete er dem streikenden Arbeiter Kühl. Es kam zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Brandenburg
ein Dolchmeffer zog
und mit diesem Kühl in die Brust und in den Unterleib stach, so daß die Eingeweide hervor- traten. Der Getötete hinterläßt eine Frau und drei unversorgte Kinder. Der Täter Hermann Brandenberg war inzwischen von einem Gendarm festgenommen und in das Fabrikgebäude von Weiß zurückgeführt worden. Die Nachricht von der Tat verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und es entstand sofort ein gewaltiger Tumult vor der Fabrik. Die Haltung der vor der Fabrik stehenden Arbeiter wurde immer drohender. Man verlangte die Herausgabe des Täters, und die auf dem Fabrikgrundstücke seit Wo.-ea stationierten beiden Gendarmen konnten ft.Mßlich gegen die Menge nichts mehr ausrichten. Zunächst erschienen die Zül- chower und Frauendorfer Sicherheitsbeamten. Später wurde die Stettiner Schutzmannschaft zu Hilfe gerufen. Die Stettiner Polizei begab sich in vier Wagen der elektrischen Bahn, sowie in acht Automobilen zum
Schauplatz der Exzesse.
Dort wurden inzwischen Rufe laut: „Heraus mit dem Mörder! Schlagt die Tore ein!" Es wurde nunmehr mehrfach an die Exzedenten die Aufforderung gerichtet, auseinander zu gehen. Ein furchtbarer Tumult war die Antwort. Aus der Menge fielen Schüfse und Drohungen wurden laut. Inzwischen langten die mit Schutzleuten besetzten Automobile aus Stettin an. Im Ganzen sollen 260 Schutzleutean- wesend gewesen sein. Als alle Aufforderungen, auseinanderzugehen, fruchtlos blieben, wurde der Befehl zum Ein haue u mit der blanken Waffe gegeben. Es tarn nun zu einem regelrechten Kampfe. Aus der Menge fielen Schüfse; namentlich die Automobile bildeten das Ziel. Die Schutzleute gaben Schreckschüsse ab. Mehrmals attackierte die Schutzmannschaft mit blanker Waffe die Menschenmassen, wobei es auf beiden Seiten Verwundete gab. Gerüchtweise verlautet, daß etwa zehn Schutzleute und sechzig Zivilpersonen Verletzungen erlitten haben.
Rach den Kämpfen.
Gegen halb cif Uhr war die Menge soweit auseinandergetrieben, daß der Täter Brandenburg mit einem Automobil in Sicherheit gebracht werden konnte. Von einer starken Schutzmannseskorte begleitet, wurde er nach Stettin gebracht. Gegen elf Uhr kehrte allmählich Ruhe auf dem Kampfplatz ein. Der
größte Teil der Schutzmannschaft rückte wieder nach Stettin ab. Gegen zwanzig Schutzleute blieben auf dem Fabrikgrundstück zurück, da man erneute Unruhen befürchtet. Sämtliche Fensterscheiben des Fabrikgrundstückes sind eingeschlagen; das Tor ist ausgehoben und zertrümmert.
Set Freund der Kaisers.
Ein Porträt: Fürst Egon zu Fürstenberg, der Mann hinter dem Thron des Kaisers.
Ter bekannte englische Publizist Wite, seit acht Jahren Vertreter der Londoner „Daily Mail“ und der „Times“ non New-Aorl in Berlin, veröffentlicht zum r.'jährigen Regiebungssubiläum des Deutschen Kaisers dieser Tage (bet William Heinemann, London,) ein Buch, daß er „Men around the Kaiser" nennt und das die Charakteristik von einunddreitzig deutschen Zeitgenossen Wilhelms des Zweiten enthält. Wir entnehmen, in deutscher Uebersctzung, dem reich illustrierten und sehr beachtenswerten Buch mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers den Abschnitt, den er dem stursten zu Fürstenberg unter der Aufschrift „Der Mann hinter dem Throne" gewidmet hat.
Seine Durchlaucht Fürst Maximilian Egon zu Fürstenberg, deutsch - österreichischer Grandseigneur und Multimillionär, stellt eine Macht hinter dem Throne dar. Keiner seiner Standesgeitossen besitzt solchen Einfluß wie er, und wenige von ihnen haben das Vertrauen Wilhelms des Zweiten in jo hohem Maße wie er geflossen. Fürst Fürstenberg ist von der Umgebung des Kaisers der Einzige, den er wie einen Gleichberechtigten behandelt, und man weiß, daß der Monarch auf fein Wort vielleicht noch häufiger hört, als aus das feiner Kanzler nnö Minister. Dabei hat Fürst Fürstenberg nicht das Geringste von jenen legcnöären Marionettenspielern, die den Herrscher auf dem Throne an unsichtbaren Fäden nach ihrem Belieben lenken. Er ist nichts weiter als des Kaisers fröhlicher Gesell- schafter, der teilnimmt an feinen Freuden und der sein Kamerad in seinen Sorgen, der Freund, zu dem der Kaiser seine Zuflucht nahm in der dunkelsten Stunde seiner Regierung, als ganz Deutschland erschüttert war von jener Bewegung gegen das „persönliche Regiment", die, im November 1908, der Zwischenfall des „Daily Telegraph" hervorgerufen hatte. Mehr als einmal hat der Kaiser seinen Freund bestürmt, seine Freundesrolle gegen die des höchsten verantwortlichen Beraters der Krone zu vertauschen. Aber Fürst Fürstenberg hat mit einem Scharfblick, der ihm Ehre macht, die Grenzen erkannt, in denen er sich halten muß, und stets sich standhaft geweigert, die Bürde eines Amtes auf sich zu laden. Die einzige ofsizielle Stellung, die er einnimmt, besteht in der lediglich dekorativen und zeremoniellen Würde eines Oberstmarschalls des preußischen Hofes. Er könnte sich außerdem
des Kaisers „Hofbräumetster" nennen, wenn er wollte, da, wie man allgemein erzählt, das „Fürstenberg-Bier", das in der Brauerei des Fürsten im Schwarzwald, hergestellt wird das Lieblingsgetränk des Kaisers und Königs ist. Manche meinen, die Sympathie, die der Kaiser dem Fürsten Fürstenberg entgegenbringt, sei auf die Tatsache zurückzu- fiihreu, daß der Fürst ein Industrie- Magnat riesigen Stils ist. In Verbindung mit einem entfernten Verwandten des Kaisers, dem Fürsten Christian Kraft zu H o - henlohe - Oehringen, steht der Fürst Fürstenberg an der Spitze einer Genossenschaft, die über ein Kapital von ungefähr zwei Milliarden verfügt. Man nennt sie in der Oefsentlichkeit den „Fürste nko n zern", und feine vielfachen Verzweigungen stellen ihn ungefähr auf dieselbe Stufe, wie die Jnteressen- gemeinschaften, die Mr. Pierpont Morgan oder andere Geldfürsten der Newyorker Wallstreet begründeten. Der „Fürstenkonzern" ist eine Macht geworden in der deutschen Finanzwelt und seine Beziehungen zu den höchsten Kreisen verleihen ihm ein Gewicht, mit dem gerechnet werden muß, so oft er auf neue Unternehmungen auszieht. Man schätzt das persönliche Vermögen des Fürsten Fürstenberg auf 400 Millionen und das des Fürsten, Hohenlohe-Oehrin- gen auf 200 Millionen Mark. Vor fünf Jahren bereinigten sich die Kräfte und haben seitdem ihre Tätigkeit nach allen Richtungen in einer Weise erweitert, die sich kaum noch übersehen läßt. Luxushotels, Warenhäuser, Theaterrestaurants und Omnibuslinien in Berlin und Hamburg, ausgedehnte Kohlenminen, Zink- und Pottaschewerke im Rheinland und in Schlesien, Sanatorien und Spielhäuser auf Madeira, Zehntausende von Morgen Land und Wald in Deutschland und Oesterreich. Grund- stücke und Syndikate in Berlin unterstehen gegenwärtig der
Kontrolle des Fürstenkonzerns.
Und seine überseeische Tätigkeit sindet ihren Ausdruck durch die zu ihm gehörende P alöst in ab an k, mit der wichtige Eisenbabn- und Handelskonzessionen im Heiligen Lande verbunden sind, sowie durch die ihm ebenfalls angegliederte Deutsche Levantelinie in Hamburg. Die erste Niederlage, die der „Fürstenkonzern" auf seinen Erobcrungsziigcn erlitt, war der Fehlschlag seines Versuches, Emden, an der Nordsee, in einen gewaltigen Auswandererhafen zu verwandeln, der einem langjährigen Monopol der Hamburg-Amerikalinie und