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Casseler Neueste Nluhrilhtm

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3* Jahrgang

Freitag, 6. Znni 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Rnmmer 152

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Ne deutsche Presse.

Das Düffeldorfer Rendezvous der Preffe; Preffe, Politik, Oeffentlichkeit «nd Kultur.

Will's nun endlich Morgen werden im deut­schen Blätterwald, endlich, nach überlan­ger Nacht? Es dämmert wenigstens, und da wir im Hoffen nicht verwöhnt worden, freut uns schon der eine hellere Strahl im Osten. Zwar ist das Schmeichelwort vomKomman­dierenden General- (einst hinter funkelnden Bechern gesprochen) immer noch amerikanisches Privileg, und wir gönnen auch den Dankees gern und neidlos den Rückblick auf die der Er­innerung fast entschwundne Stunde fürstlicher Preisung, die iveder als Urteil der Geschichte noch als Ausflutz kultureller Wertung dauernde Geltung beanspruchen durste. Wir neiden dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten wirk­lich nicht den rasch ernanntenKommandeur der öffentlichen Meinung-, mag er auch tm Reich des Dollars weniger noch als anderwärts mit dem Feldherrnstab gerüstet sein: Hierzu­land (im Bannkreis der Vorstellung vom entlausnen Gymnasiasten-) ist die Presse als Organ der öffentlichen Meinung immer noch Dasjenige, das sie stets war und immer sein soll: Der Pionier der Kultur, der K ä m p. fer für Wahrheit und Recht, der Prediger der Freiheit und der B a n n e n i r ä g e r deut­scher Ideale! Ohne prunkenden Ruhm, ohne billig erhaschten Lorbeer und ohne Schmeichel­kitzel tut sie ihre Pflicht, wie sie es getan, seit Gutenbergs Werk Leben und Inhalt gewann, und dies Verdienst der deutschen Preffe, das von keines Fürsten Huld und Groll verherrlicht oder entwertet werden kann, dünkt uns rühm­licher als die Beglückung durch irgend eines Zufalls Gnaden-Laune.

In diesen Tagen war in Düffeldorf, der Blumenstadt am Rhein, der Reichsver­band der Deutschen Presse versammelt, wurde der Oeffentlichkeit offenbar, daß die Preffe deutscher Zunge endlich sich ermannt, und in der aus eigner Kraft erstrebten Schaf- stmg einer großen, reich-umspannenden Orga­nisation die Grundlage zu einer starken Macht­stellung nicht nur im öffentlichen, sondern auch im politischen und staatsrechtlichen Leben er­kämpft hat. Was man vor wenig Jahren noch als undenkbar belächelt, ist heut überzeugende Wirflichkeit: Die deutsche Preffe besitzt eine StandeSorganisation, die, ftei von allen trennenden Beschränkungen politischer, parteilicher und rechtlicher Art, deS Reichs Ge­samtheit umschließt, und von der man hoffen darf, daß sie in nicht zu ferner Zett alle die- ieiligen Kräfte in sich vereinigen wird, die tm Dienst der Oeffentlichkeit sich betätigen und ihre Arbeit dem Werk der VolkS-Erziehung und Bolks-Bildung widmen. Als vor ein paar Jah­ren (tote schon so ost) wieder einmal der Ver­such gemacht wurde, die Preffe zu organisieren, meinte ein alter Veteran der Feder resigniert: Ach, was hilft das Trommeln; wir könnten eine Allmacht fein und wir sind doch nur eine Fliege mit tausend Augen!- Das Wort war nicht un­berechtigt, und die jahrzehntelange Erfolglosig­keit aller durchgreifenden Organisationsbestre. düngen hat ja auch bewiesen, daß dieFliege mit öen tausend Augen- viel zu lange blmd ge­wesen ist und die Notwendigkeit nächstliegender Selbsthilfe erst spät erkannt hat. Das ist nun anders geworden.

Beim Düffeldorfer Rendezvous der Preffe finb viel kluge und nützliche Worte gesprochen worden, und man war überrascht, zu sehen, wie einmütig und klar imgrunde die Gesamtheit der deutschen Presse den Fragen gegenübersteht, die ihr Dasein, ihr Wirken, ihre Ideale und ihre Ehre betreffen, trotzdem int Einzelnen die Wege doch weit auseinanderführen und die Jntereffen scharf sich scheiden. Es ist dankbar anzuerkennen und gereicht den Männern von Düffeldorf zur Ehre, daß die Frage der Slan­de s e h r e energisch in den Vordergrunds der Erörterungen gerückt worden ist und eine Be­handlung erfahren hat, die der Wichtigkeit der grundsätzlichen Bedeutung der Frage ziemte. Denn gerade das: Die würdige und nachdrück­liche Geltendmachung des Einfluffes und der Machtstellung der Preffe, das stolze Standes« bewußtscin und die Erkenntnis der kulturellen Mission des Journalismus waren es, die über­lang an bleicher Schwäche gekrankt, unterm Druck der Verhältniffe gelitten und in der Zersplitte­rung aller Kräfte die Ohnmacht der ösientlichen Meinung offenbart haben. In Düffeldorf sprach man die stolzen Worte:Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß an Lauterkeit der Gesin­nung, an Unbestechlichkeit und Ehrlichkeit der Ueberreuguna und in der Aufrichtigkeit ihrer

Bestrebungen die deutsche Preffe von keiner andern Preffe der Welt überragt toiib! Sprach's voll heiligen Eifers unb mit tiefiune- rer Ueberzeugung, unb sprach's mit Recht, benn in der deutschen Preffe sind geistige, sittliche und ethische Werte wirksam, wie sie keine andre Kulturnation in lautererm Gehalt aufzuweisen hat. Aber man erkannte auch in Düffeldors: Die Macht und der Einfluß der deutschen Preffe beruht vor allem auf der sittlichen G r u n b. läge, unb ihre Erhaltung und Vervollkomm­nung ist nur möglich, wenn der sittliche Unter­grund der Arbeit ^m^Dienst öfsentlicher Mei­nung in unerschütterlicher Festigkeit und Stärke erhalten bleibt.

Das ist der Kernpunkt der Dinge unb der Jdealgehalt allen Strebens: Die sitfliche Grundlage! Wir dürfen von der deut­schen Preffe mit Ueberzeugung sagen, daß ihre Arbeit gegründet * ist auf das Prinzip strenger Selbstzucht, auf die Achtung vor' den Geboten beruflicher Pflicht und auf den Grundsatz der Wahrheit und Gerechtigkeit: Die deutsche Preffe ist nicht der Trabant der Parteien (wie in Oesterreich), sie ist nicht angekränkelt von der politischen Korruption (wie in Frankreich), sie dient nicht der Clique (wie in England) und sie opfert nicht fllavisch dem Götzen Mammon (wie in Amerika, der Heimat derKommandierenden Generäle-); sie tut ihre Pflicht in ernster, ge­wissenhafter Arbeit, getragen vom Bewußtsein der Verantwortung gegenüber dem Gewiffen der Oeffentlichkeit und erfüllt damit eine hohe Mission, deren gelegentliche geringe Wertschät­zung darauf zurückzuführen ist, daß es den Männern der Preffe stets weniger daraus an« kam, Gnade vor den Augen der Mächtigen die­ser Erde zu finden, als der Sache zu dienen, und der Volksgemeinschaft durch ehr. liche Arbeit zu nutzen. Das ist ja eben der Ruhm der deutschen Preffe, daß sie nie nach äußerlichen Ehren gestrebt, sondern ihre Be- -fricdigung in bet Erfüllung ihrer Pflicht und in bet Wahrung ihrer Unabhängigkeit gesucht (unb gefunden) hat. Wir erleben es noch heut, daß ftrmde Reporter im deutschen Land von Hochmögenden wie Halbgötter umschmeichelt werden, während die eigne Preffe selbst in den Kanzlistenstuben nur demzugeknöpften Rock- begegnet: Krankheitsmerkmale der Volks- Psyche, die man mit Nachsicht übersehen darf, ohne darum den Wett deutscher ZeitungSarbett herabzumindern. Wenn die Tage von Düflel- dots die Früchte bringen werden, die man er» hoffen darf, dann wird auch DaS sich wandeln, und vielleicht erleben wir noch den Tag, da auch in bet dentschen Presse bet erste AuS- erwählte vomentlanfnen Gymnasiasten' zum . . .Kommandierenden General- avanciert!

F. H.

$as Millmrden-Problem- Der Bericht der Bndget-Kommiffio«.

Im Reichstag ist gestern bet Bericht bet Budget-Kommission über die Wehr-Vor­lage ausgegeben worden, der zwar keine Ueberraschungen, aber doch immerhin mancher­lei Abänderungen der ursprünglichen Vorlage bringt. Für die Erhebung der ein« maligen Wehrabgabe sind von national- liberaler Seite Neuanträge in der Budget- Kommission eingebracht worden, und auch von konservattver Seite steht ein neuer Antrag zu erwarten.

Die künftige Heeresstarke.

(Privat-Telegramm.)

Berlin, 5. Juni.

Durch die (jetzt im Wottlaut vorliegen- ben) Beschlüsse bet Budget-Kommission hat bieWehrvorkage folgende Umgeftattung erfahren: Die FriedenSpräsenz. starke soll von 544 211 auf 659 563 Mann erhöht werden und nicht, wie die Regierung es forderte, auf 661176 Manu, und zwar: für Preußen auf 511153 (statt auf 513 068) für Bayern auf 73 370 (statt auf 73168) für Württemberg 25 568 istatt auf 25 468) Die Zahl der Kavallerie-Eskadronen fall statt auf 550 von 516 auf 535 erhöht werden. Im fiebrigen find die Forderungen der Wehrvor­lage unverändert geblieben, foweit die Präsenzstätte in Betracht kommt. Hinzuge­fügt wurde dem Gesetz übet die Friedensprä- fenzstärke ein neuer Paragraph 3a. Die Mannschaften des Beuttaubtenstaudes sollen, soweit militärische und wirtschaftliche Gründe es gestatten, nur in den Wintermonaten zu Hebungen einberufen werden.

Außerdem hat die Budgttkommiffion in einer großen Zahl von Refolutionen, die sämtlich im Wottlaut seinerzeit mitgeteilt wur­den, der Kriegsverwaltung Wünsche ausge- drückl. die zum Tefl fchon oft und feit Jahren

dringend vom Reichstage ausgesprochen wor­den sind. Die Zahl dieser Resolutionen, die in der Budgetkommiffion bei Beratung der Wehr- Vorlage eine Mehrheit gefunden haben, beträgt nicht weniger als v i e r u n d z w a n z i g , von denen ine meisten berücksichtigt werden dürsten. ________

Ser Won von Braunschweig.

Sine hannoversche Frage gibt eS nicht!"

In der Frage der braunschweigischen Thronfolge brachten die letzten Wochen fast täglich neue Meldungen die einen fensa- tionellen Anstrich trugen. Da tauchte die un­sinnige Meldung auf, der Kreis Lüneburg solle von Hannover abgetrennt werden und zusam­men mtt dem Herzogtum Braunschweig dem Prinzen Ernst August von Cumberland als Großherzogtum offeriert werden. Hannoversche Welfen wieder äußerten ganz ungeniert öffent­lich die Hoffnung, daß auch für Hannover selbst dieE rl ö sun g sstund e" demnächst schlagen und ein Welfe wieder in Hannover als König residieren werde; und man gab sich in Welfenkreisen sogar den Anschein, als sei diese Wissenschaftaus erster Quelle" geschöpft. Jetzt endlich ermannen sich unsre Offiziösen, dieser Massenproduktion wölfischer Fabeldich­tung mit ziemender Entschiedenheit entgegen­zutreten:

Das Organ des Kanzlers, die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, bringt soeben eine offiziöse Kundgabe, in der es heißt:In einigen Lokalblättern bet Provinz Hannover wird fortgesetzt mit dem Gedanken gespielt, daß die Vermählung des Prinzen Ernst August, Herzogs zu Braunschweig unb Lüneburg, mit der Prinzessin Viktoria Luise von Preußen von Einfluß auf bie Z u - fünft der Provinz Hannover fein werde. Hannover ist und bleibt ein Be­standteil deS preußlfchen Staates und fein preußifcher König, feine preußische Staatsregierung, feine preußische Volksver- tretung wird jemals die Hand dazu bieten, daß daran auch nur ein Titelchen geändert wird. ES hieße ober auch die Gesinnung des Herzogs von Cumberland, feines Sohnes, des Prinzen Ernst August, von Grund aus vetteuuen, wenn bie Meinung zu verbreiten gesucht wird, als wünschen diese Fürsten die soeben geschlos­sene Verbindung des welsischen Hauses mit dem Hause Hohenzolleru in irgendwelcher Form znr Grundlage von Versuchen zu machen,^bie auf die Wiederherstellung de»

Königreich« Hannover htturuSlaufen. Ein Hannoversches Blatt hat diesen Betdächttgungen die Krone aufgesetzt, indem eS behauptet, auch die Gemahlin des Prinzen Ernst August, die Tochter des Kaisers, werde nunmehr für die Wiederherstellung des Königreichs Hannover eintreten. Jedes Wort der Zurückweisung wäre hierzu zu viel. Das feierliche Wortdes Prinzen Ernst August, das er im Einverständnis mit feinem Batet abgegeben hat, bürgt über jeden Zweifel da­für, daß er n i ch t s t u n unb nichts unter­stützen werde, was eine Aenderung des preußischen Besitzstandes im Ange hat. Anders steht es mit der Ordnung der braunschweigischen Verhältniffe. Auf Anregung der braunschwei­gischen Regierung wird, wie wir annehmen, der Bundesrat im Laufe des fommenben Herb­stes in die Sage versetzt werden, zu prüfen, ob der Thronbesteigung des Prinzen Ernst August in Braunschweig noch Beden- fen entgegenstehen. Mit Hannover hat das, wie wir wiederholen, nicht das mindeste zu tun, denn eine hannoversche Frage gibt es nicht.. .!"

Das Wort des Welfenprinzen.

Die offiziöse Erklärung der Regierung ist endlich die Klarheit, die unbedingt tzötig war, um bie über jebes Ziel hinausgehenben welsi­schen Hoffnungen im Keime zu ersticken. Es geht aus der Erflärung hervor, baß ein feierli­ches Wort des Prinzen Ernst August vorliegt, daß er n i ch t s tun unb nichts unter­stützen werbe, was eine Aenberung des preußi­schen Staates im Auge habe. Unb es ist beson­ders wettvoll, baß ausbrücklich festgestellt wirb, daß bieses Wort von ihm, im Einverstänbnis mit seinem Vater, dem Herzog von Cum­berland, abgegeben wurde. Das Wort des Prinzen bedeutet (darüber werden sich auch die Welsen nicht hinwegtäuschen können) einen un­bedingten Verzicht auf Hannover.

Der Einzug in Braunschweig.

Berlin, 5. Juni. (Von unfeint wc- Mitarbeiter.) Zur Thronfolge in Braun­schweig verlautet aus BundesralLkrei- fen, daß die Thronbesteigung des Herzogs Emst August vom Bundestat noch vor den Sommerferien genehmigt werden wird. Prinz Emst August wird in etwa zwei Wochen

nach Btandenbutg zutückkehren, wo mit einem Aufenthalt von zwei Monaten gerechnet wird. Anfang Oktober wird das junge Herzogspaar nach Braunschweig übersiedelt

Ungarische Parlament NM. Nach dem Lukacs-Desh-Prozeß; Säbel­hiebe im Parlament; die Kabinetts-Krise.

Budapest, 5. Juni. (Privattelegramm.) Heute findet zwischen dem Ackerbau- mrnister Grafen Eeranh, und dem Abgeordneten Grafen Karoly ein Duell statt. Die beiden Gegner wer» den zuerst mit Pistolen und dann ge- gebenenfalls mit Säbeln fich gegenüber treten. Die Ursache des Duells find Angriffe, die Karoly gegen den Ackerbauminister richtete, und die dieser in einer scharfen Rede im Ab- geordnctenhause sehr erregt zurückwies. Wie vorauszusehen war, hat bet gestrige Tag in Ungarn anläßlich bes Ausganges des Prozesses Lukacs-Desy große Demon­strationen gebracht. Schon am frühen Mor­gen zogen gestern in Budapest bie Oppositionell len vor das Parlament, begleitet von einer gro­ßen demonstrierenben Menge. Das Parlament war von einem militärischen Aufgebot, von Polizei unb Genbarmen umgeben, bereu Auf­gabe es war, bie Demonstrierenden an der Be- letzung des Parlamentsplatzes zu hindern. An der Kundgebung beteiligten sich auch viele Ar­beiterinnen. In der Alfotmanystraße begegnete der Zug der Abgeordneten und Demonstranten der ersten P o l i z e i g r u p p e, bie sie auffor­derte, sich zu zerstreuen. Zugleich richtete I u st h die gleiche Aufforderung an bie Menge, bie bann auseinanderging. Die Oppositionellen würben durchgelassen unb erschienen um halb zehn Uhr im Abgeordnetenhaus. Etwa 900 Fabrikarbeiter wollten vor das Parlament ge­langen, wurden jedoch zerstreut. Graf Tisza erschien um neun Uhr mit seiner Ge­mahlin. Kurz nach zehn Uhr nahmen bie Oppo­sitionellen im Sitzungssaal Platz, worauf Justh sofort, vor Eröffnung der Sitzung, während bie Bänke bei Rechten noch vollständig leet waren, ein Manifest bei Opposition verlas. Justh schloß mit bet Erklärung, daß bie Oppo­sition den Beginn der Sitzung abwatte, um ihre Abhaltung zu vereiteln. Das Galerie­publikum verhielt sich mhig. Als mit dem Prä­sidenten Tisza der Ministerpräsident Lukae« im Saale erschien, ertönten Schmährufe: Diebe! Zahlt das gestohlene Geld zurück! Salzdiebe! Schufte! Gehen Sie in» Salzamt! Zahlen Sie die Amder Wahlfosten! Schmutzige Schufte!" ES entstand ein ungeheurer Lärm. Die Rechte bewill­kommnete Tisza nnd SukaeS. Nach einiger Zett verließ die Arbeitspartei den Saal. Die Oppo­sitionellen blieben. In den Couloirs Wauen ü» Parlamentswache und ein

großes Gendarmerie-Aufgebot aufgestellt. Nach zehn Minuten betrat bie Pär- lamentswache den Saal unter Führung des Oberstleutnants Horwath und des Hauptmanns Geroe. Die Opposition empfing sie mit P f«i - rufen und ungeheuremTumult. Plötz­lich ging Hauptmann Geroe mit gezoge­nem Säbel auf die Gmppe loS und versetzte den Abgeordneten Lengyel und Hedervary Hiebe gegen den Kopf. Hedervary pa- rierte mit dem Arm, stürzte aber nieder. Er hatte gerufen:Schufte! Pfui!" Der Oppo­sition bemächtigte fich eine ungeheure Er­reg u n g, die fich erst etwas legte, als bttannt wurde, daß Hedervary nur leicht verletzt fei. Di« Oppositionellen «Härten nun, sie wollten unter solchen Umständen nicht im Haufe bleiben und schickten sich zum Verlassen des Saales an. Justh, der sich gleichfalls aus dem Saale entfer­nen wollte, blieb plötzlich stehen und sagte: Man darf das Haus nicht verlaffen!", worauf die Opposition die Parole ausgab, daß sie blei­ben wolle. Der Tumult verstärkte sich in ungeheurem Maße. Es ertönten neuerdings Schmährufe. Die Oppositton kehrte auf ihre Sitze zurück. Hierauf forderte die Parlaments- wache die von Tisza bezeichneten Ruhestörer zum Verlassen des Saales auf. Die Opposition netten folgten schimpfend. Die ParlamentS- wache zog ab; im Saal verblieben einzelne Oppositionelle, bie bei Eröffnung der Sitzung in Ichmährufe gegen Tisza unb Lukacs auS- brachen. Dir Oppositionellen verließen schließ­lich den Saal. Der Ministerpräsident Lukacs er­griff das Wort, meldete den Rücktritt be» Kabinetts an unb bat das Haus, sich zu ver­tagen. Dieser Vorschlag wurde angenommen unb die Sitzung geschlossen ...!

*

Lukacs' Nerven versagen...!

(Privat-Telegiamm)

Budapest, 4. Juni.

Rach der gestrigen stürmischen Parla» ments-Sitzung wurde Ministerpräsident LnkacS von einem Journalisten über die wirflichen Gründe seiner Demission befragt. Lukacs sagte: Der unmittelbare Gmnd