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Weier Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 3. Juni 1913

Nummer 149

Fernsprecher 951 und 952.

Der Reichstag hat in seiner Sonnabend-Sit

zung die Besprechung der sozialdemokratisch d-'lng: Interpellation über die geplante reichsländische fLhri

Reichslag und Reichsland

Die Mehrheit gegen die Diktatur I

Du Stiffeln SieneBen Nachrichten erschein«! wöchentlich sech«mal und zwar abend». Ter Abonnementrpret« betragt monatlich W Pfg. bet tretet Anstellung in« Hau«. Beliellungen werden leberjett von der <8efd)äft«fteHe oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Beriag und Redaktton: Schlachthofstrabe 28/90. Sprechstunden der RedaMon nur von 7 bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der auetimft - Stelle: Jede» Mittwoch u»d Freitag von 6 bi» 8 Uhr abend«. Berliner Sertretimg: SW, Friedrichstr. 18, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

Äusnahrnegesetzgebung zu Ende ge­führt. Sämtliche Parteien mit Ausnahme der Rechten verwarfen die Methode, mit ans- nahmegesetzlichen Bestimmungen dem Ratio­nalismus zuleide zu gehen. Allgemein herrsch, te die Ueberzeugung, (die der nationalliberale Straßburger Professor van C a l k e r kaum min­der entschieden zum Ausdruck brachte, als der ozialistische Vertreter von Metz, Dr. Weill und ein Parteigenosse Peirotes) daß es dem gr­ünden Sinn der reichsländische» Bevölkerung

Sache völlig totschweigen. Die Herzogin von Orleans lebt zurzeit auf ihrem Gute Alcsuth in am. In ihrer Klage gegen ihren Gatten

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Wer sündigte hier?

Der Fall Schaffrath: Eine Tragödie.

Der .Fall Schaffrath-: In drei Worten die Geschichte eines Menschen - Schicksals. Der Schlußakt spielt vorm Reichsgericht, deffen Strafsenat ein Urteil bestätigt hat, das einen in treuer Pflichterfüllung und viertelhundertjäyri- ger, karg gelohnter Arbeit ergrauten Beam­ten mit der Schuld eines schweren Vergehens bemakelt. Der Bahnwärter Schasfrath stand auf der Schwelle des fechsundzwanzigsten Dienstjahrs, und hatte (ein Greis von sechsund­sechzig Jahren!) bereits um die verdiente Ruye- stand-Bewilligung gebeten, als das Verhäng­nis ihn ereilte. Der Alte war Bahn- und Streckenwärter auf der Eisenbahnlinie Bonn- Euskirchen im Rheinland, und trotz des Vier- teljahrhunderts treu erfüllter Pflicht, trotz des Altersschnees auf Haar und Bart und trotz der Gebrechen des nah vollendeten siebenten Le­bensjahrzehnts heischte des Dienstes ewig un­bewegtes Reglement von dem greisen Veteran zweier Kriege täglich vierzehn Stun­den angestrengtester Tätigkeit, die sich nicht et­wa auf den Auslug vom kleinen Bahnwärter­häuschen beschränkte, sondern außerdem die regelmäßige Streckenrevision zwischen dem eig­nen und dem nächsten Wärterposten, die Be­dienung zweier Telephone und die Schranken­wartung akn nahen Gleisübergang zur minu­tiös geordneten Pflicht machte. Tag um Tag vierzehn lang« Stunden mühseliger und vielsei­tiger Dienstarbeit, in deren ewig-gleichem, mo­notonen Lauf vom Morgcndämmern bis zu den Abendschatten hund crtz w anz i g Zü­ge am einsamen Wärterhaus vorüberbrausten.

Hundertzwanztg! Der Alte in der Well­blech-Baracke, der an seines Daseins Abend vierzehn Stunden Tagesniühe für kargen Lohn im Dienst des Staates der Schwäche des Alters abringt, hält in der zMettiden Hand das Leven und das Schicksal von Tausenden, die Tag um Tag das fauchende Dampfroß an seinem Posten »orüberträgt: Ein einziger Mißgriff der in langer Dienstarbeit ermatteten Rechten, ein winziges Versehen der vom Abend des Lebens verdunkelten Augen, oder eine (verzeihliche) Störung im Gedächtnis des Alten: Und unab­sehbares Unheil mußte die Folge sein! Und der Mann, der vor mehr als einem Viertel­jahrhundert die kleine Wärterbude bezog, er­

graute, ward altersmatt und schwach, erkannte im Empfinden treuen PflichtbewutztfeinS selbst das Schwinden seiner Kraft und dai um Abschied-Bewilligung mit der Aussicht auf bescheidnen Gnadenlohn: Dem Arbeitgeber Staat war und blieb der Sechsundsechzig- Jährige, was der Einundvierzig-Jährige einst gewesen: Der verantwortlicheBeamte, der Tag um Tag durch vierzehn lange Stunden Hand und Hirn bei ftischer Kraft erhalten, hun­dertzwanzig Züge signalisieren, Strecke und Schranke überwachen und zwei Telephone be­dienen mußte! Sah in den fünfundzwanzig Jahren dieser arbeitsreichen Laufbahn keines der sonst so forschend spähenden Auguren-Augen in die acta personalia dieses müden Braven; merkte keine wohlwollend sorgende Oberbe­hörde, daß der Mann alt und matt geworden?

Als er das erste Vierteljahrhundert treuer Pflichterfüllung überdauert, ereilte den nah an des biblischen Alters Schwelle Stehenden das Verhängnis: In einer regendüstren Herbstnacht des Vorjahrs, als durch Verspätungen im Zug­verkehr die sonst automatisch funktionierende Dienstordnung Störungen erlitten, entging Auge und Ohr des Sechsundsechzigjährigen (als er hinter einem enteilenden Schnellzug grad die Schranke emporwand) das Rahen eines aus der andern Richtung heranbrausenden Eilzugs. Und das Unheil nahm seinen Lauf: Ein Wagen, der in dem verhängnisvollen Moment die Gleise kreuzte, wurde von der Lokomotive samt den Pferden zermalmt, und der Kutscher erlitt so schwere Verletzungen, daß er bald darauf starb. Nächste Folge: Erhebung der Anklage gegen den Greis, wegen fahrlässiger Tötung und Ge­fährdung eines Eisenbahntransports! Die Strafkammer des Landgerichts Bonn billigte dem unter der Wucht seines Schicksals zusam- mengebrochnen Alten zwar mildernde Umstände zu, erachtete sich aber durch den Buchstaben des Gesetzes als zur Ahndung verpflichtet und ver­urteilte den in fünfundzwanzigjähriger treuer Dienstleistung keines Fehls schuldig Gewordnen zu zwei Wochen Gefängnishaft; für den Beamten im Angesicht des Ruhestands gleichbedeutend mit der Aecktung unentschuld­barer Pflichtverletzung. Und das höchste deutsche Gericht hat dies Urteil bestätigen müsien: Des Gesetzes Buchstabe ist mächttger als der kategorischste Imperativ der Menschlichkeit!

trennt. Die Uebersiedlung des Herzogs von England nach Brüffel steht mit dieser Eheaffäre im Zusammenhang, und es heißt auch, daß der englische Königshof sich dieserhalb vom Herzog abgewandt habe. In Belgien ist der Herzog unabhängig, da er keinerlei

Beziehungen zum belgischen KSnigshof unterhält. Schon seit einem Jahrzehnt kommt er jährlich einige Male nach Brüffel und emp­fängt dort die Führer der französischen roya-I listischenPartei. Seit etwa acht Wochen hat er seinen Wohnsitz in unmittelbarer Nähe von Brüssel genommen. Er hat dort ein Schloß von einer alten Patrizierfamilie gekauft und ist von einem Hofstaat umgeben, in dem das Damenelement überwiegt. Die finanziel­len Differenzen zwischen dem Herzog und der Herzogin haben schon vor mehreren Jahren be­gonnen. Bei der Verheiratung erhielt die Her­zogin eine Mitgift in einem Jahreseinkommen von 200 000 Francs zugesichcrt. Dazu kam die Aussicht auf die Millionen ihrer Mutter, der Erzherzogin Klothilde. Der Herzog hat die finanziellen Mittel seiner Frau zum großen Teil vergeudet. Vor einigen Monaten versuchte er den ihm gehörigen prachtvollen Wald von Eu in Frankreich an die Grundstückspekulanten zu verkaufen. Zum Glück kam der Staat da­zwischen und kassierte den Wald, der somit ge­rettet wurde.

Die Leidensgeschichte einer Frau.

Von Beginn der Ebe an hat die H e r z o - g i n von Orleans sehr große Summen für ihren Gatten bezahlt, der größte Teil ihrer Mit­gift ging in seine Hände über. Dann er­krankte sie schwer; gelähmt und un­heilbar mußte sie Zuflucht bei ihrer Mutter, der Erzherzogin Klothilde, auf deren Schloß an den Ufern der Adria suchen. Seit zwei Jahren hat der Herzog die kranke Gattin ohnejedcs Lebenszeichen gelassen. Durch Vermitt­lung von Freunden, und später durch Advoka­ten/ versuchte die Herzogin in den letzten drei Jahren vergeblich, zu einer gütlichen Perstan- dioung mit dem Herzog zu gelangen, um den Prozeß zu vermeiden. Alle Bemühungen aber blieben ergebnislos, da der Herzog nichts von sich hören ließ.

fuhrt sie aus, baß sie schwer krank und ge­lähmt sei; ihr Gatte habe sie v ollständig verlassen; trotz ihrer Bemühungen, ihn schriftlich zu erreichen, sei ihr dies nicht gelun­gen, da der Herzog alle Augenblick« sein Domi­zil wechsle. Der Herzog und die Herzogin von Orleans leben seit zwei Jahren ge-

Iimi-Premlere in Frankreich.

Reue Opfer der Demonstrations-Epidemie.

Paris, 2. Juni. (Draht-Meldung.) Auf Veranlassung des allgemeinen Arbeiterver­bandes sanden gestern in verschiedenen Provinz- städten Protest Versammlungen gegen di« dreijährige Dienstzeit statt. In Renne-

;«fingen werde, die Wetterlö und Kon­orten unschädlich zu machen, und daß Aus­nahmemaßregeln, wie die Straßburger Regie- rung sie verlange, die Ueberwindung des Pro- testlertums nicht beschleunigen, sondern viel- mehr verlangsamen würden. Mit dem Versuch, diese nahezu allgemeine Ueberzeugung des Reichstages zu erschüttern, hatte der reichs- ländische Unterstaatssekretär Mandel kein Glück. Ein Anttag war zu der Jnterpellations- besprechung nicht gestellt worden und es bedurf­te seiner auch nicht. Die Diskussion hat di« hocherfreuliche Gewißheit gebracht, daß die er­drückende Mehrheit des Reichstages und mit ihr die Reichsregierung an dem elsaß-lothringi­schen Verfaffunaswerke f e st h ä l t. Während dieser ganzen Woche fallen die Plenarsitzungen aus. Am Montag, dem neunten Juni, stehen kleine Vorlagen auf der Tagesordnung und am folgenden Tage soll alsdann die zweite Lesung der Wehrvorlage beginnen, die nach Lage der Sache noch einige Ueberaschungen bringen dürste.

Graf Wedel vor dem Rücktritt!

Straßburg, 2. Juni. (Telegramm unsers Korrespondenten.) In hiesi­gen politischen Kreisen rechnet man mit dem nahe bevorstehenden Rücktritt des Statt­halters Grafen Wedel wie mit einer un­abwendbar gewordenen Tatsache. Die sichere Ablehnung der Anttäge der reichsländischen Regierung in der Frage der Ausnahme-Gesetz­gebung durch den Bundesrat macht den Rück- tntt des Statthalters direkt erforderlich, denn daß nach der schroffen Ablehnung der Anträge im Reichslag der Bundesrat sich noch entschließen könnte, für diese Anträae sich zu entscheiden, gilt als gänzlich ausgeschlossen, und diese Niederlage will Graf Wedel nicht mehr alS Statthalter erleben.

Es fehlen noch 160 Millionen!

Berlin, 2. Juni. (Pr i v at-T e l e- gramm.) Den Mitgliedern der Budgettom- mission hat Schatzsekretär Kühn eine Berech­nung des Ertrage« des WehrbeitrageS nach den in der Sitzung der Subkommifsion vom 29. Mai gemachten Vorschlägen zugehen lassen. Tas Reichsschatzomt rechnet mit einem Ertrage im Reiche von 720 Millionen, in Preußen von 120 Millionen Mark. Tas Gesamtergebnis mit 840 Millionen Mark ist also nicht befrie-

Der alte Mann, der einer ehrenvollen Lauf­bahn mühselige Plage^nun als Sträfling hinter Kerkermauern enden soll, weckt tiefftes Mttleid: Denn mag der Bahnwärter Schaftrath auch nach dem Gesetz derfahrlässigen Tötung und der Gefährdung eines Eisenbahntrans­ports" schuldig sein; schuldiger als dieser in jahrzehntelanger Dienstarbeit zermürbte Greis sind sicher D i e, die die Verantwor­tung dafür tragen, daß dieser eisgraue Sechs­undsechzigjährige mit der Hand, dem Ohr und dem Auge altersschwacher Müdigkeit Tag um Tag vierzehn lange Stunden auf einem Posten ausharren mußte, dessen Wartung die Kraft voller Mannesstärke heischte. Es ist immer wieder der alte Notschrei, der am eindringlich­sten ins Ohr der menschlich Fühlenden gellt, wenn (wieder einmal!) eine Katastrophe auf der leichten Flucht der Schienenwege die Gemüter erschüttett, wenn das Verhängnis schreckliche Ernte gehalten, und das Gewissen der Menschlichkeit dringend fragt: Welche dunklen Mächte woben hier das Menschen- Drama? Und immer noch, wenn eine Tra­gödie auf den Schienen zu betrauern war. wies der Wahrheit Finger stumm auf die Neber- l a st u n g des Eisenbahnpersonals hin, auf die Hast des Dienstbetriebs und den tollen Wirbel des R i e s e n v e r k e h r s , der vom einzelnen Beamten mehr Anspannung verlangt, als Geist und Körper herzuleihen vermögen. Der dem Gefängnis überantwortete Sechsundsech­zigjährige ist eine lebende Anklage wider das herrschende System, und die Menschlichkeit beklagt in diesem Greis das Opfer einer Sünde, die weit fchwerer wiegt, als der Schuldspruch strafender Gerechtigkett ...! F. H.

wurde ein Mann, der sich für einen Elsässer ausgab und gegen die Bemerkungen des Red­ners Einspruch erhob, von den Revolutto- nären arg mißhandelt. Als die Polizei zu Hilfe eilte, kam es zu einem $ anb ge­rn enge. Sechs Antimilitaristen wurden bet- haftet. ,

Sie Benäter-MZre Redl, gleite sensationelle Feststellungen in bet Landesverrats-Affäre; Redl u. seine Opfer.

Depeschen aus Wien zufolge haben kürzlich mehrere Offiziere des General» stabes und des Kriegsmiuisteriums einer fremden Macht Selbstmord verübt. Man bringt diese Selbst- morde mit der Affaire des ehemaligen Obersten Redl insofern in Zu­sammenhang, als Beweise dafür vor- liegen, daß Redl die Namen dieser Offiziere auf Grund seiner Kennt- nis des Spionagenetzes als Spione der fremden Macht bekanntgab und fic somit znm Selbstmord drängte.

Inzwischen sind in der Affäre Redl, deren ganzer Umfang noch gar nicht abzuiehcn ist, neueVerhaftungen erfolgt: ~cr Ulanen­leutnant Horinka, der dem in Stockerau gar- nisoniercnden Ulancn-Regimcnt zugeteilt war, ist verhaftet worden. Leutnant Horinka ist jener Offizier, von dem im Verlauf der Affäre Redls wiederholt gesprochen wurde. Hormka stand zu Redl in einem intimen Freunds cha,ts- verhältnis, das mehrere Jahre dauerte. Die Freundschaft zwischen beiden hatte so eigen­tümliche Formen, daß sie in Bekanntenkreisen Redls allgemein anftiel. Redl hatte diesen Lstt- zier auch sehr reichlich mit Geldmitteln .berschen und ihm auch in seiner Wohnung wiederholt Quartier gegeben. In den Kreisen der öster­reichischen Militär-Verwaltung, die von allem Anfang an das Bestreben hatte, die Affäre Redl nach Möglichkeit zu v e r t u s ch e n, die anfang- lich die harmlosesten Andeutungen über den Fall in den Blättern konfiszieren ließ und auch jetzt noch mit Dcm-iRis arbeitet, versucht man bereits, die Tragweite der aufgedeckten Spio- nageaifäre herabzudrücken. So wird er- klärt, daß die Laienöftentlichkeit den Wert der verräterischen Tätigkeit Redls überschätze. Di« Zeit meldet hierzu: Infolge der durch den Spio- nagefall Redls aufgedeckten Vorfall«, die, ab« gesehen von dem ideellen Schaden, einen m die Millionen gehenden Verlust für den Staat be­deuten, wird eine umfassende Reforml«- rung des General st abes und der damit zusammenhängenden Agenten vorgenommen werden.

Kaiser Franz Josef

hat bereits Befehl zur Einsetzung einer Kam- Mission gegeben, die sich mit diesen Zwirnen, namentlich aber mit einer Neuregelung der Dor- schritten über die Behandlung von Reservat, alten und sonstigen streng geheim zu haltenden Gegenständen, tote Ordre de Bataille, Mobili- "lerungs- und Aufmarschplänen befassen wird. K a i se r F ra n z I o f e f hat sich in de« letzten Tagen wiederholt über den Spionagefall Redl eingehend Bericht erstatten lassen. Der Kaiser ist s e h r e n t r ü st e t gewesen und hat sich ver­schiedenen hohen Persönlichkeiten gegenüber dl« im Laufe der letzten Tage bei ihm in Audienz erschienen, empört über das Verbrechen veS ge­wesenen Obersten geäußert. Zu einer Persön­lichkeit machte der Kaiser, der tief bewegt schien, die Aeußerung, daß dieser Vorfall wohl das Unerhörteste während feiner langen Regierungszeit sei. Es sei u n g l a u bl ich, daß ihm dies ein Offizier, ein Generalstabs- oberst. auf den er selbst große Hoffnun­gen setzte, antun konnte. Redl, der bekannt- lich auch zu verschiedenen Missionen herange- zogen wurde, erschien öfters beim Kaiser in Audienz und war auch eitrige Male zu Be­sprechungen zugezogen worden. In Wien will man übrigens wissen, daß Redl von Prag oft nach Dresden gefahren sei, «m hier mit russischen Agenten zusammenzukommen. Es sind darüber jetzt Untersuchungen angeftdtt, die aber zu keiner Bestätigung jener Angaben führten. Polizeilich ist Redl wenigstens nie- mal» in Dresden gemeldet. Wenn er ;chon hier berartige Zusammenkünfte abhielt, so tat er es wahrscheinlich unter falschem Namen.

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Der Verräter als Lebemann.

Wien, 2. Juni. (Privat - Tele- gram m.) Die Entdeckung, daß Oberst Redl in russischen Diensten stand, hat hier große Bestürzung hervorgerufen. Red! stand aus­schließlich mit dem Warschauer Generalstab in Verbindung, der feine Informationen weiter- beförderte. Er hat nachgewiefenermaßen seit zehn Jahren für Rußland Spionagedienst« geleistet. Seit 1906 erschien er dreimal jährlich in Warschau, verweilte meistens nur einige Ta­ge, zuweilen auch ein paar Wochen dort Er traf dann mit General Misczeuko zusam­men, mit dem er intim war. In Warschau führt« Redl, der geläufig russisch sprach, ein, flottes Leben und knüpfte ein kostfpie-

digend. Voraussetzung für das von der Sub- kommission in Aussicht genommene Kompromiß war, daß es zum mindesten eine Mil­liarde Mark einbringt. Hier fehlen nach den Berechnungen des Reichsfchatzamtes aber noch 160 Millionen, fo daß man sich am Mitt­woch wohl zu einer Erhöhung der Sätze des Wehrbeitrages vom Vermögen wird ent­schließen müssen.

Mr einer Herzogr-fiir.

Der Ehezwist im Hause Orleans.

Wie wir schon telegraphisch berichtet haben, tft vor dem Brüsseler Zivilgericht soeben ein Scheidungs-Prozeß gegen den französischen Thronprätendenten, den Herzog Philipp von Orleans, eingeleitet worden. Der Herzog, der im Alter von fünfundvierzig Jahrim steht, ist der Onkel des Exkönigs Ma­nuel von Portugal, dessen Mutter die Schwester des Herzogs ist. Die Ehe des Thronprätenben- ten mit der österreichischen Erzherzogin Ma­ria Dorothea war unglücklich, und wurde nur deshalb nicht geschieden, weil das am öster­reichischen Kaiserhof geltende Hausge!etz einer Scheidung unüberwindliche Schwierigkeiten ent­gegenfetzt. Die Prinzessin verlangt eine jähr­liche Apanage von 100 000 Francs, Schadenersatz für die Jahre, in denen ihr fein standesgemäßer Unterhalt gewährt wurde, und Rückzahlung von -200 000 Francs, die sie ihrem Gatten vorgeschos- ften hat.

Der Herzog und die Herzogin.

(Draht-Meldungen.)

Paris, 2. Juni.

Die Nachricht von der Scheidungsklage der Herzogin von Orleans erregt in der Pariser Gesellschaft ungeheures Aufsehen; sie hat in den royalistischen Kreisen wie ein B l i tz eingeschlagen. Die royalistischen Hauptorgane Gaulois und LAction Frangaise möchten die