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COlerNkiieste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 146.

Fernsprecher 951 nnb 952.

Freitag, 30. Mai 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Morgendämmern?

Edward Grey: Fanatiker und Abenteurer; unauslöschlicher Hatz gegen Deutschland!

Durch den englischen Blätterwald geht, noch nnterm Nachhall der Berliner Feierwoche, ein seltsam Raunen. Es ist das Präludium nahenden SturmS. und man empfindet aus der Urwüchsigkeit der Aeutzerungen öffent­licher Meinung, daß es sich um die natür­liche Explosion lang verhaltnen Grolls han- dekt, der jetzt die Band« frommer Scheu ge­sprengt. Wer in den letzten Wochen die Prefle englischer Zunge gelesen, vernahm mit Staunen eine Sprache, wie fle in der wohldisziplinierten Gaxetten-Sphäre des Jnselreichs sett langem nicht vernommen worden, und das Charakte­ristischste an dieser Tatsache ist der Umstand, daß sich die Erregung brittscher Tagesftimmung diesmal nicht gegen irgend einen weltpoliti­schen Konkurrenten der Angelsachsen-Macht, son­dern gegen den Entrepeneur des briti­schen Auslandsgeschäfts, den in den letzten Monden oft und unliebsam genannten S t r Edward Grey, richtet. Sir Edward, der noch in den Tagen der Rosen (beim verwir­renden Schachspiel der Balkaniade) als der kühlste und produktiv-te Kopf europäischer Staatsmannschast gepriesen ward, erfährt heut im eignen Land die schärfste Kritik seines diplomattschen Systems, und was vor ein paar Wochen noch dem eiskalten Briten als Sieger­preis mit goldnem Griffel ins Buch nationaler Begeisterung eingetragen wurde, erscheint heut der kühlen Stritt? englischer Vaterlandsliebe als frevles Spiel mit Unheil und Gefahr.

Schon der Vorgang an fich ist nicht ganz alltäglich; in Verbindung mit den Sorgen­wochen deutsch-englischer Konfliktszeit aber ge­winnt er grade für uns erhöhte Bedeutung. Sir Edward Grey ist das Prototyp des alt« englischen Geschäflspoliiikers: Kühl bis zum Gefrierpunkt aller Gefühle, nüchtern bis zur steifleinensten Langeweile und geschäftspedan- ttsch wie der weltfremdeste Vorortkrämer. Sein britischer Nattonalismus hat nie den zartesten Keim sympathischer Regungen für das »stamm­verwandte- Volk der Deittschen geduldet; in sei­ner polittschen Vorstellung war Deutschland stets der gefährliche Weltmarkt- und Weltmacht- Konkurrent der Britenmacht, und als Eduard der Siebente die Allüren des flotten Lebe­manns mtt der Pose des Weltpolitikers ver­tauschte. war Sir Edward einer der Ersten, der das Endzsel dieser raffiniert erklügelten »Onkel- polittk" gegen den Neffen frohlockend wittette und jede neue Masche in dem Netz eduardischer Kabalen als eine Großtat brittscher Staatsge­schichte vejubelte. Diesem Grundzug seiner politischen Charakteranlage ist der Mann mit dem scharfgeschnittnen Gesicht des High church« Priesters auch als Minister der englischen Aus- landpolittk treu geblieben, und ihm, dem alle Listen und Schliche meisternden Manager der Londoner Downing Street, haben Witts zu dan­ken, daß sich vorm Sehnsucht-Ziel deutsch-eng­lischer Verständigung immer wieder neue Schwierigkeiten gleich Barrikaden türmen.

Diese Erkenntnis dämmert nun auch in England herauf, zugleich mit der Ueberzeu- gung, daß das weltumspannende Ententen- Netz, das England der Politik Eduards des Siebenten verdankt, die Britenmacht in ver­hängnisvoller Weise belastet, und das zu Lande nur schwach geschützte Inselreich Gefah­ren ausliefert, die in gar keinem Verhältnis zum erkennbaren (oder auch nur möglichen) Nutzen der ins Uferlose angewachsnen Bünd­nisverpflichtungen stehen. Sit Edward Grey war es. der während des Marokko - Handels zwischen dem england - verbündeten Frankreich und dem england-gsfährdenden Deutschland die Energie britischer Entente-Polittk bis zur äußersten Hochspannung wirksam werden ließ, und er hat es nur einen; glücklichen Zufall, der Entschlußarmut deutscher Diplomatie und der (immer noch) epidemischen Furcht Europas vor der Seerüstung des allbritischen Imperiums, zu danken, daß dies gewagte Spiel mit den ehernen Würfeln der Weltgeschichte England nicht diejenigen Nachwehen brachte, die unier normalen Umständen unabwend­bar gewesen wären. Ob der Minister des fünften Georg von England den hohen Einsatz des Kriegsspiels (einst um Marokko, heut um den Balkan) dem politischen Intereffe des Reichs glaubte schuldig zu sein? Blätter eng­lischer Zuge bestreiten'S und zeihen Edward Grey des unauslöschlichen Hasses ge­gen Deutschland, aus dem auch das Ver­hängnis der Marokko-Komplikationen geboren worden sei.

Ein Mann vom Persönlichkettswert des Earl of Rosebery hat soeben in öffent­licher Versammlung Sir Edward Grey einen

»abenteuernden Fanatiker" genannt, besten leidenschaftliche und hemmunglose Po­litik das Britenreich in schwere Gesahren stürze. Das Echo dieser Auflage rauscht heut in tau­send Zungen durch den englischen Blätterwald: Von der einflußreichen politischen Presse im Stil der Daily News bis hinab zur angesehe­nen polittsch - gesellschaftlichen Wochenschrift vom Schlage der Nation und des Outlook wird die Politik Edward Greys in einer Form bekämpft, die deutlich den tiefgründigen Groll des intellettuellen Britentums über das beut« schen-hetzerische Abenteurertum Greh'scher Welt­politik offenbart. Die Mehrheit der öffent­lichen Meinung Englands spricht es offen aus, daß Sir Edward als Minister der aus­wärtigen Angelegenheiten direkt unmög- I i ch geworden sei, nachdem seine Politik sich als Kabbalistik gefährlichster Art entpuppt habe. Diesseits des Kanals hat man Anlaß, die weitere Entwicklung dieser interessanten Me­tamorphose britischer Volksstimmung aufmerk­samen Auges zu verfolgen, denn wenn wir auch weit davon entfernt sind, im England Ge­orgs des Fünften Sympathie-Regungen für das »Volk der blonden Vettern" zu wittern: Das Morgen dämmern überm Kanal scheint doch beachtlich genug, um der Hosfnung auf eine freundlichere Zukunft neue Kraft zu leihen, sintemalen der Weg zur Besserung über den Berg der Erkenntnis führt. . .! F. H.

Zar Parlament klagt an!

Anklagen gegen die Reichsland-Regierung.

Die Erste Kammer des elsaß-lothringischen Landtags nahm gestern mit allen gegen die Stimme.des Abgeordneten Blumenthal und bei Stimmenthaltung des Abgeordneten Ru- land das Besoldungsgesetz nach den Beschlüs­sen der Zweiten Kammer an. Das größte Interesse erregte in der Sitzung ein Antrag, bex sich gegen die Ausnahmegesetze richtet und der von achtzehn Mitgliedern der Kammer unterzeichnet war. Dieser Antrag ent­hält ein scharfes Mißtrauensvotum an die Re­gierung und bringt schwerwiegende- Auflagen vor.

Parlament gegen Regierung.

(Draht - Meldung.)

Straßburg, 29. Mai.

Der gestern in der Ersten Kammer einge­brachte aufiehenerregeude Antrag lautet wört­lich: Die Kammer verurteilt aufs schärfste die Interessen des Landes schädigenden und die Weiterentwicklung der Verfassung hemmenden Umtriebe einzelner Politiker und Journalisten, sie kann aber nicht aner­kennen, daß in ihren Bestrebungen der Mei­nungsausdruck der elsaß-lothringischen Bevöl­kerung oder auch nur eines erheblichen Teiles derselben zu finden ist, sie hält vielmehr die Be­deutung, die ihnen vielfach namentlich außer­halb Elsaß-Lothringens beigelegt wird, für Übertrieben. Die Kammer ist der Ansicht, daß es dem gefunden Sinn der großen Mehr­heit der Bevölkerung und dem Statthalter ge­lingen werde, auch ahne außerordentliche Maßnahmen die von einer fleinen Gruppe ausgehende Störung der fortschreitenden Ent­wicklung des Landes zu überwinden. Die Kammer ersucht daher die Regierung, von der Weiterverfolgung ihrer Absicht, Ausnahmebe­stimmungen bezüglich des Preß- und Vereins- gesetzes herbeizuführen, Abstand zu neh­men, zumal diese Absichten auch in der loyal gesinnten Bevölkerung eine große Erre­gung hervorgerufen haben.

»Nur gegen den bösen Geist!"

Abgeordneter Höffel begründete den Anttag und erteilte dem verhetzenden Treiben der Nationalisten di« schärfst« Absage, wobei ihm sämtlich« Abgeordneten, mit Ausnahme des Abgeordneten Blumenthal, verpflichteten. Staatssekretär Zorn von Bulach erllärte, daß von einer Wiedereinführung der Diktatur keine Rede sein könne. Tie Schutzmaßnah, men sollten gegen den bösen Geist er­richte! werden, der sich int Lande breit mache und die Jugend vergifte. Der Anttag wurde schließlich mit allen gegen fünf Stimmen an­genommen.

Die Politik der Hintertreppe?

In der Debatte über den in bet Ersten Kammer eingebrachten Antrag erhob der Abge­ordnete Ruland schwere Borwürfe gegen die Regierung. Er erklärte zunächst, daß die alldeutschen Chauvinisten nicht in Elsaß- Lothringen zu suchen seien, es sei aber eine be­kannte Tatsache, daß die Teuffchen tagtäg­lich in den Schmutz gezogen würden. Die Regierung sei nicht frei von Schuld. Der Rationalismus wäre nach den Wahlen tot gewesen, die Regierung habe ihn jedoch wieder in die Höhe gebracht durch Hi nie r- treppenvalitik. Sie könne es nicht un­

terlassen. mit den Rationalisten zu regieren, ob­gleich sie deren Vertreter öffentlich desavouiere. Staatssekretär Zorn von Bulach trat diesen Behauptungen entgegen. Er müsse es entschie­den ablehnen, daß die Rationalisten Einfluß auf die Regierung hätten, und verlange von dem Abgeordneten Ruland Beweise für eine solch« Behauptung. Ruland versprach, der Regierung das betreffende Material zu geben, vor der Oeffentlichkeit wolle er es nicht tun.

War tun, Herr Kanzler?

Die parlamentarische Krise dauert an!

Der Zeitungsleser wird kaum recht flug werden aus dem, was gegenwärtig unter den Fraktionen des Reichstags vorgebt. Man hatte geglaubt, der Reichstag würde sich jetzt nach den Psingstferien mit voller Kraft auf die Erledigung der Wehr- und Deckungsarbeiten werfen. Allein ganz im Gegenteil befaßt er sich in der ersten Woche lediglich mit verstaub­ten Ladenhütern und beschließt dann gar für die zweite schon wieder eine neue Arbeitspause. Es ist das die Folge der gestrigen Erklärung des Zentrums, feine Annahme der W eh r- vorlage in zweiter Lesung sei nur eine vor­läufige; die letzte Entscheidung behalte es sich vor, bis über die Deckung entschieden sei. Das war zwar nicht ganz so schroff, wie die Erflärmig, die neulich der Abgeordnete Speck abgab, aber immerhin eine versteckte Dro­hung, die Heeresfordernngen ab­zulehnen, wenn die Steuerbeschlüsse nicht nach seinem Sinne ausfallen. Es ist daher, wenn man nicht eine Ablehnung der Wehrvorlage und damit eine Reichstagsauflösung heraus­fordern will, nicht möglich, im Gesamthause an die Wehr heranzutreten, ehe der Ausschuß die Deckung erledigt hat. Daher die Pause. In­zwischen sind folgende Tatsachen zu registrie­ren:

Berlin, 29. Ma».

Die Entscheidung über die weitere Be­handlung der Wehr- und Deckungs­vorlag e n ist gestern endlich in der Budget- kommiffion des Reichstags gefallen. Da eine Einigung unter den Parteien vorher nicht zustandegekommen war, mußte zur formellen Abstimmung geschritten werden, und diese er­gab die Annahme des Vorschlags der Linken, daß die Kommission zunächst die Wehrvorlage auch in zweiter Le- fting erledigen und dann erst sich den Dek- kungSfragen zuwenden solle. Die parlamen­tarische Krise ist damit akut geworden.

Berlin, 29. Mai.

Die Budget-Kommission des Reichstages lehnte gestern abermals die Regierungsvor­lage aus Errichtung von sechs neuen K a - vallerieregimentern mit sechzehn Stimmen ab und bewilligte gegen zwölf Stimmen (wie in der ersten Sitzung) nur drei Kavallerieregimenter. F ü r die ab- gelehute Regierungsvorlage stimmten die Kon­servativen, die Rationalliberalen und vier von sieben Mitgliedern des Zentrums. Die Wehrvorlage wurde nach den Beschlüs­sen zweiter Lesung angenommen.

Die gestrige Sitzung der Budget-Kommis­sion gestaltete sich infolge der zwischen Rechts und Links bestehenden Gegensätze sehr be­wegt. Der Redner der Konservativen präzisierte den Standpunkt seiner Freunde da­hin: Gleichzeitig mit der weiteren Beratung der Wehrvorlage sei die Frage der Deckung zu Hären. Die Konservativen würden alles daran setzen, dies Ziel zu erreichen, und sie würden es für einen Fehler betrachten, wenn die Vorlage ohne Deckung erledigt würde. Er richte namens feiner Freunde an die Regle­rn n g die Frage, wie sich die Regierung zu der gleichzeitigen Erledigung der Wehrvorlage und der Deckungsvorlagen stelle. Reichsschatzsekre­tär Kühn bezeichnete es als selbstverständlich, daß die Kosten nicht auf Anleibe aenommen, sondern daß jedenfalls noch im Laufe des Sommers die Frage der Deckung erledigt wer­den müsse. Von feiten der Verbündeten Re­gierungen werde mit voller Entschieden- heit gefordert werden, daß bis zur Erledi­gung der Heeqesvorlage auch die Deckungsfrage ibre Klärung chefttnden habe. Der Zentrums- Abgeordnete erklärte, was bereits über die Stellung des Zentrums gesagt worden fei, blei­be bestehen.

Unstimmigkeiten Im Bundesrat?

Berlin. 29. Mai. (Privat-Tele- g r a m m.) Bon unterrichteter Seite wird auf Unstimmigkeiten im Bundesrat hingewiesen. Es scheint einigen Regierun­gen und offenbar gerade denjenigen, die seinerzeit gegen die Erteilung einer neuen liberalen Derfassung an Elsaß-Lothringen star­ke Einwendungen erhoben, nicht leicht zu wer­den, zu den bekannten elsaß-lothringischen An- trcgen Stellung zu nehmen. Obgleich die An­träge der einzelstaatlichen Regierungen bereits feit einiger Zeit vorliegen, haben bis heut« iwch

nicht alle einen Beschluß gefaßt, wie ihre Ver­treter im Bundesrat anzuweisen feien. Da der Reichskanzler, offenbar gestützt auf einen Beschluß des Bundes rats, den sozial­demokratischen Interpellanten entgegen« treten will, so bleibt allerdings wenig Zeit mehr übrig.

Sie Bürgermeister-Krise.

Di« Charlottenburger Oberbürgermeister- Wahl vertagt; GehaltSfragen - Beratung.

Die Charlottenburger Stadtver­ordneten * Versammlung beschäftigte sich gestern abend mit der Neuwahl des Oberbürgermeisters, doch wurde die eigentliche Wahl, entgegen der Erwartung, nicht abgeschlossen, sondern auf einen späteren Termin vertagt, da wegen der Regelung der Gehaltsfrage neue Anträge eingebracht worden find. Über die vor der Wahl Beschluß gefaßt werden muß. Die Wahl des Caffeler Ober» bürgermeisters Dr. Scholz scheint jedoch trotzdem gesichert zu sein.

Einsam und still lag das Charlottenburger Rathaus, als sich gestern nachmittag sechs Uhr die Charlottenburger Stadtväter versammelten, um ihr Votum abzugeben-, wer während bet nächsten zwölf Jahre bi« Geschicke der Viertel, mittione-nftabt Charlottenburg leiten soll. Leicht wurde ihnen ihre Aufgabe allerdings nicht ge­macht, denn die beiden Herren, die für den Oberbürgermeffterposten in Frage tarnen, sind gleich gute Kommunalpolitiker. Eine Gruppe wünscht« den bisherigen zweiten Bürgermeister Dr. Mayer an Stelle des verstorbenen Ober­bürgermeisters Schustehrns zu sehen, die ander« jedoch (und zwar die größere) trat für Ober­bürgermeister Dr. Scholz in Cassel ein. Der eigentlichen Wahl ging ein« geheim« Sitzung voraus, doch hatten die Stadtväter zwischendurch immer noch Zeit, sich in den Wandelgängen des prächtigen Rathauses in Gruppen zusammenzufinden und eifrig ihr« Meinungen auszutauschen. Ernst und gespannt zugleich waren die Gesichter, und man konnte auf ihnen förmlich lesen: Wie wird es werden? Schließlich nahte der Zeitpunkt, wo die Würfel fallen mußten. Ueber die gestrigen Verhand­lungen erhalten wtt solgenden Drahtbericht:

Reue Wahl-Schwierigketten!

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Charlottenburg, 29. Mai.

Noch nie ist in Groß-Berlin die Wahl eine* Stadtoberhauptes mit solchen Schwierigkeiten verknüpft gewesen, w« die gegenwärtige Wahl des Oberbürgermeisters in Charlottenburg. Es ist gestern der Fall eingetreten, daß bie zur Tagesordnung stehende Wahl vertagt werden mußte, weil nicht einmal in den bürgerlichen Fraktionen über das zu zahlende Gehalt Einig­keit herrschte und der schließlich gefaßte Be. schluß in einer fofort zusammengetretenen Ma­gistratssitzung abgelehnt wurde. Im Auftrage des Ausschusses, der die Wahl vorzubereiten hatte, referierte Stadtverordneter Meyer (li­beral). Ter Normalbesolduugsetat der Stadt sieht für den Posten des Oberbürgermeisters ein Gehalt von 19500 Mark, steigend auf 24 000 Mark. vor. Die Mehrheit des Ausschusses hätte sich nun überzeugt, daß die größten deittschen Städte höhere Gehälter zahlen und infolgedes. sen empfehle sie der Verwaltung, dem zu wäh­lenden Oberbürgermeister.gleich 24 000 Mark zu gewähren und außerdem noch dreitausend Mark Repräsentationsgelder zu zahlen. Stadt­verordneter Hirsch (Sozialdemokrat) be- kämpfte Diesen Antrag, die liberale Fraktion fei Schuld, daß die ganze Oberbürgermeisterwahl einen unangenehmen Beigeschmack erhalten habe. Hierbei kam es zeitweise zu recht heftigen Auseinanderfetzungen. Stadtverordneter Hirsch behauptete nun ausdrücklich, daß der Ausschuß sich

von persönlichen Motive»

habe leiten lassen. Auch der frühere Stadtvett ordnetenvorsteher Kaufmann (liberal) gab uwer dem Beifall eines Teiles seiner politischen Freunde der Meinung Ausdruck, daß der Be­griff Repräsentationsgelder schlecht zu verstehen sei. In Wirflichkeit solle doch damit nur er. reicht werden, daß der neue Oberbürgermeister ein Gehalt von 27 000 Mark bezieht. Gegen die zwölf sozialdemokratischen Stimmen wurde das Oberbürgermeistergehalt auf 24 000 Mark festgesetzt und mit 41 gegen 25 Stimmen die Repräsentationszulage von 3000 Mark bewil- ligt. Hierauf zogen sich die Magistratsmitglieder zu einer besonderen Sitzung zurück. Beim Wie­dereintritt des Magistrats erbat sich der zweite Bürgermeister Mayer das Wort: Der Ma. gistrat habe den Beschluß der Stadtverordneten in der vorgelegten Form ab gelehnt. Er sei