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Nummer 142. Fernsprecher

Sie Flucht vorm Glück.

Das Problem der modernen Ehe: Eine Gefahr für Volksknltur und Gesellschaft!

Beim letzten Rendezvous der Anthropolo­gen war's, als der Geheimrat von Luschau auf die schweren Schäden und Gefahren der Geburten - Verringerung in Deutschland hin­wies und das Zweikinder-System (in dem er die eigentliche Ursache der Erscheinung steht) das .Kultur-Brandmal unsrer Zeit" nannte. Luschau's Anklagen wider die sozialen Tenden­zen des modernen Familienlebens haben lau­ten Beifall und fast noch schärfern Widerspruch geweckt: Man hat die Erhaltung der bisherigen starken Bevölkerungszunahme in Deutschland als Grundgebot des nationalen Interesses Pro­klamiert, und hat auf der Seite der Gegner darauf hingewiesen, daß der Geburten-Rück- gang einzig und allein die Folgeerscheinung des verschärften Kampfs ums Dasein sei, der dem Familienvater eine viel größere wirtschaftliche Verantwortung aufbürde, als es noch vor zwei oder drei Jahrzehnten unter glücklichern Er­werbs- und Daseinsbedingungen der Fall ge­wesen. Es ist nutzlos, in diesen Kampf um Grundsätze und Theorien einzugreifen, denn die Wahrheit liegt (wie bei allen leidenschast- lich erörterten und umstrittnm Fragen der Art) in der Mitte, und man darf das Tat­sächliche aus den Argumentationen der Freunde und Gegner Luschau's vielleicht in die Formel zusammenfaffen, daß die Erhaltung der nationalen Bevölkerungs-Vermehrung zwar im vaterländischen Jnterefle dringend wün­schenswert erscheint, auf der andern Seite aber ein gewisser Ausgleich zwischen Bevölkerungs- Zunahme und sozialer Entwicklungs-Gestaltung unerläßlich ist.

Anschließend an die eifernde Bußpredigt Luschau's wird soeben in einer (zuweilen aus Ministerialkanzleien gespeisten) politischen Kor­respondenz eine Frage angeschnitten, die dem Jdeenkreis des zwanzigsten Jahrhunderts eigentlich noch viel näher liegt, als die Sorge um die Verhütung des Geburten-Rückgangs: Das Problem der modernen Ehe! Man liest dort, daß die Ehe im Kultur-Säkulum all­mählich alle die idealen Werte eingebüßt habe, die ihr früher Leben und Inhalt liehen, und daß (ursächlich damit zusammenhängend) die Flucht vor der Ehe immer weitere Kreise des Volks ergreife. Hand in Hand damit schreite die Entsittlichung der bürgerlichen Ge­sellschaft und die Entwertung der Frau als Trägerin nationaler Kultur-Ideale in be­ängstigender Hast ständig weiter fort, und man sehe das Ende dieser Entwicklung unnatürlicher und volksfeindlicher Gesellschafts-Tendenzen im düstern Schein der modernen Sozial-Tragödien verhängnisvoll stch wiederspiegeln. Der junge Mann von heute dokumentiere denEintritt inS Leben" mit der Eroberung eine? Verhält­nisses"; er werde auf diese Weise zur Verach­tung der auf sittlicher Grundlage beruhenden bürgerlichen Ehe erzogen und sehe in der ehe­lichen Verbindung (wenn er sie nicht über­haupt fliehe) am Ende einer wild durch­brausten Jugend lediglich ein Geschäft, das letzten Endes dem Zweck der Versorgung diene. Die Ehescheu der männlichen Jugend zwinge auch das Weib in den Bannkreis dieser ge­fährlichen Auflassung, und in der Seele der modernen Frau erstürben (unbewußt vielleicht) alle jene Instinkte, die unsre Väter als des Weibes idealste Tugenden verehrten.

Wir sehen hier ein Gemälde Grau in Grau, dessen einzelne Linien dielleicht düstrer an­muten, als die Wirklichkeit es erfordert, das aber, als Ganzes bewachtet, tatsächlich als zutreffende Illustration der modernen Ge­sellschafts-Moral gellen darf. Die alten Begriffe von Ehe- und Familienglück, die unsre Klassi­ker in begeisternden Hymnen besungen, haben sich unter den Einwirkungen der materialistisch- mammonistischen Lebensauffassung und unterm Druck der sozialen Entwicklung von Grund aus gewandelt; die treibende Kraft des Lebens und Webens unsrer Zeit: Die Sucht nach G e - n u ß und Besitz, macht auch in Ehe und Fa- mllie ihren Einfluß geltend und die Romantik idealer Liebe, die aus der Zeit, da derGroß­vater die Großmutter nahm", wie ein süßes Märchenblld zu uns nüchternen Kindern einer seelenärmern Zeit herübergrüßt, hat sich hin­ter den Holzpapier-Wall der Roman-Industrie flüchten müssen. Es ist sicher nicht unberechtigt, in allen diesen Erscheinungen Merkmale zuneh­mender Entsittlichung der modernen Ge­sellschaft zu beklagen und unsre Kultur der Mitschuld an dieser Degeneration zu zeihen; wenn wir indessen näher zusehen, finden wir auch unter der Oberfläche dieser gesell-

951 und 952. SvNNtag,

schafts - sozialen Krankhett - Erscheinungen den Bazillus sozialwirflchaftlicher Mißbildung, der das Nebel verursacht und geweckt hat. Die ruhige, selbstgenügsame Behaglichkeit der Zeit unsrer Väter ist ins Gegenteil, in den wlldesten Kampf um Dafein und Erwerb verkehrt, und es ist imgrunde gar nicht einmal verwunderlich, daß auch Ehe und Familie in diesen Sttudel m i t hineingerissen worden sind.

Die modernen Sensations-Prozesse, die typi­schen Metternichiaden im Teuchel der Gerech­tigkeit, zeigen uns grade auf diesem Gebiet charakteristtschere Merkmale als ein Dutzend Folianten modernster Sozial- und Gesellschasts- Ktttik. Im Bilde dieser Gesellschafts-Tragödie figuriert das Weib immer nur als Mittel zum Zweck, als Ware oder Jagd-Trophäe, und wir sehen auf der andern Seite den Jam- mer-TYP jenes Männettums, das, an der Bran­dung des Lebens angelangt, in der (reichen) Ehe die einzige noch denkbare Rettung vor der Katastrophe erstrebt. Das ganze Gesellschafts- Milieu, das der charatteristischste Prozeß dieses Genres, die Metternich - Tragikomödie, in grellen Schlaglichern beleuchtete, war ein Heb ner Ausschnitt sozialer Wirklichkeit, und wenn man die darin erkennbar gewordnen sitt­lichen Schäden auch nicht ohne weiteres verall­gemeinern darf, so verdient doch daran erinnert zu werden, daß daS Sttickchen Berlin W-W, das sich uns damals, aller Hüllen bar, in sei­nen Talmi-Idealen präsentiette, nicht etwa eine Fläche Sumpfland auf dem sonnigen Hochpla­teau modernen Gesellschafts - Glanzes darstellt, sondern ein Fleckchen Erde mitten unterm wär­menden Strahl hellster Kultursonne! Wir fin­den die Metternichs und die ihnen Zugehöri­gen heut in allen Schichten des Volks, ritter­licher vielleicht oder brutaler, aber ausnahms­los beseelt und getrieben von dem gleichen In­stinkt: Der Jagd nach dem Glück! Ehe und Fa­milie versinken neben diesem obersten Lebens­zweck in dunklen Niederungen, und das End­produtt der Entwicklung ist (naturgemäß) die allamneine Entsittlichung der Gesellschaft". Der Ausgangpuntt dieser Gesellschafts-Degenera­tion ist indessen nicht etwa in den Tälern des sozialen Lebens zu suchen: Strömungen der Art pflegen von den Höhen niederzu­gehen, und was vor einem Jahrhundert viel­leicht noch als Privileg der auf den Gipfeln Thronenden respettvoll geduldet ward, be­trauern wir heut als dieKatastrophe unsrer Zeit. . .!" F. H.

Satans Kaiser im Sterben.

Vom Sterbelager Kaiser Doshihitos.

Die gestern früh über Newport verbreitete Nachricht vom Ableben des Kaisers ?)o- s h i b i t o von Japan ist zwar durch inzwischen vorliegende amtliche Meldungen widerlegt worden, doch kann kein Zweifel darüber be­stehen, daß Kaiser Joshihito im Sterben liegt und jeden Augenblick vom Tod avberusen werden kann. Die letzten Meldungen aus Tokio berichten über eine bedenkliche Verschlim­merung im Befinden des schwerkranken Kai- sers und lassen die Hoffnung auf Wieder re- nesung fast als geschwunden erscheinen. Wir erhalten folgenden Drahtbericht:

Die Krankheit des Kaisers.

(Privat-Telegramm.)

Tokio, 24. Mai.

Seit dem 18. Mai litt der Mikado an starker Influenza. Diese griff am Mitt­woch auf die Lunge über. Die Aerzte konsta­tierten eine gefährliche Lungenentzün­dung. Am 22. Mai abends wurde das erste Bulletin ausgegeben, das befagte, die Tem­peratur fei auf 39 Grad gestiegen, doch habe das Fieber fpäter wieder etwas nachgelassen. In Hoflreisen ist man optimistifch gestimmt. Im Botte dagegen traut man den Künsten der Aerzte wenig und bereitet sich auf das Ablebendes Kaifers vor. Die letzten Meldungen besagen, daß das Fieber gestern abend auf 39,7 Grad gestiegen ist. Ein weiteres Telegramm teilt mit, daß der Zu­stand des Kaisers sehr bedenklich fei und daß die Kaiferin die ganze Nacht am Bett des erkrankten Herrschers wachte.

Nach diesen Meldungen zu urteilen, ist mit dem Eintritt einer Katastrophe jeden Augenblick zu rechnen. Kaiser Poshihito, selbst erst dreiunddreißig Jahre alt, würde im j, alle seines Ablebens als Nachfolger auf dem Thron einen erst zwölfjährigen Sohn hinter­lassen, für den eine Regentschaft eingesetzt wer. den müßte. Daß unter diesen Umständen das Ableben des Kaisers für Japan ernste Gefahren in sich schließen würde, liegt auf der Hand, um­somehr, als die Spannung zwischen den Ver­einigten Staaten und Japan im ganzen Reick! des Mikado eine bedrohlich! Kriegs st im- mung hervorgerufen hat. die unter Umstanden

>. Mai 1813. Fernsprecher

zu ernsten Verwicklungen führen kann, umso­mehr, als das stark entwickelte japanische Na­tionalgefühl sich durch die Haltung der Vereinigten Staaten verletzt fühlt.

Nr. Scholz verM Sasse!! Die Charlottenburger Wahl gesichert.

Die Casseler Oberbürgermeister-Krfle ist nunmehr akut geworden. Oberbürgermeister Dr. Scholz geht nach Charlottenburg. nachdem er nicht einmal eines Jahres Dauer in Cassel das höchste Amt der Stadt verwaltet hat, auf das ihn im Vorjahre das Vettrauen der Bürgerschaft berief. Die Aeva Dr. Schatz währte nicht lange und die Hoflnungen, die vor Jahresfrist denneuen Mann" bei seinem Ein. zug ins Casseler Rathaus geleiteten, reiften noch nicht der Verwirklichung entgegen. Daß Oberbürgermeister Dr. Scholz die am kommen­den Mittwoch in Charlottenburg stattfindende endgilttge Wahl annehmen wird, unterliegt keinem Zweifel, und die Wahl am kommenden Mittwoch wird an der gestrigen Abstimmung nichts mehr ändern. Ueber die gesttige Vor­wahl erhatten wir folgende Draht-Meldungen:

Dr. Äholzr Schustehrus Nachfolger.

(Privat-Telegramm.)

Charlottenburg, 24. Mai.

Der Ausfchuß der Charlottenburger Stadwerordneten für die Oberbürgermeister­wahl beschloß gestern abeiw mit 11 gegen 4 Stimmen, der Stadtverordnetenversamm­lung am 28. Mai die Wahl des Oberbürger­meisters Dr. Scholz in Cassel als Nachfolger des verstorbenen Oberbür­germeisters Schustehrus vorzuschlagen. Die Wahl Dr. Scholz' nach Charlottenburg ist demnach gesichert.

Die Mehrheit für Dr. Scholz!

(Privat-Telegramm.) Charlottenburg, 24. Mai. Bei der gestern vorgenommenen Oberbür­germeister des Wahlausschusses in Charlot­tenburg, die auf Oberbürgermeister Dr. Scholz fiel, fetzte sich die Mehrheit für Dr. Scholz, wie nunmehr feststeht, als särnt- lichen Mitgliedern der liberalen Fraktton zusammen. Außerdem stimmten für Dr. Scholz drei Mitglieder der vereinigten alten Fraktion. Die Minderheit bestand aus nur vier Stadtverordneten.

Oberbürgermeister Dr. Scholz's BediuMN- gen inbezug auf die Mehrheit bei der Ab­stimmung sind damit in Erfüllung gegangen. Der Oberbürgermeister wollte begreiflicherweise nicht nur als Gewählter der liberalen Fraktton Schustehrus Nachfolge antreten: _®r erwartete vielmehr auf Stimmen aus den übrigen Frak­tionen. Diese sind ihm, wie die gestrige Ab­stimmung zeigt, auch zuteil geworden. Ein eigenartiges Zusammen treffen ist. daß just am gleichen Tage, da die Wahl der Charlotten­burger auf Dr. Scholz fiel, eine kaiserliche Ka- binettsorder die Beförderung des bisherigen Reserve-Oberleutnants Scholz zum Hauptmann der Reserve im Kurhessischen Infanterie-Regi­ment zu Wiesbaden verfügt hat. Die Stadt Cassel ist nunmehr vor die Notwendigkeit einer neuen Oberbürgermeisterwahl gestellt, und das Jahr der Jahttausendseier wird gleich­zeitig zum Jahr eines Oberbürgermeister- Wechsels.

Stadtrat Dr. Saran bleibt!

Zur selben Zeit, da Oberbürgermeflter Dr. Scholz in Charlottenbura zum Oberbüraer- meister gewählt wurde, stand Siadtrat Dr. S a- ra n-Cassel zur engeren Wahl für den Posten des zweiten Bürgermeisters von Potsdam. Stadtrat Dr. Saran erhielt 25 Stimmen: aus den Gegenkandidaten, den einheimischen Stadttat Dr. Over, entfielen 27 Stimmen sodaß dieser als gewählt gilt. Um die Stelle des zweiten Bürgermeisters der Residenzstadt Potsdam Hatton sich 94 Herren beworben. Wir freuen uns, daß der allgemein beliebte und tüchtige Stadttat Dr. Sa-ran unserer Stadtver­waltung erhalten geblieben ist. Stadttat Dr. Saran bat sich in seiner bisherigen Amtstättg- keit in Cassel als ein weitschauender, von m o- dernem Geiste beseelter Kommunalbeamter erwiesen, sodaß sein Bleiben in Cassel sicher allseitig mit Genugtuung vermerkt werden wird. Bei dieser Gelegenheit darf wohl auch der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß Stadtrat Dr. Saran der Casseler Kommunal­verwaltung dauernd erhalten bleibt: Wir haben s o wenig Ueberfluß an tüchtigen und leistun-rsfäbigen Verwal'unosbeamten. daß kein Mittel unversucht bleiben sollte, erste Kräfte für Cassel zu erhalten!

Das Trama vsn Zohanmsthal.

Zweinndfschzig deutsche Flugsport-Opfer!

Berlin, 24. Mai. (Privat-Tele­gramm.) Der Flugzeugznsammcnstoß, der sich am vierzehnten Mai auf dem Flugplatz Johannisthal ereignete, hat jetzt ein

»i und 952. 3. Jahrgang.

weiteres Todesopfer gefordett. Rach zehn­tägigem Krankenlager ist der Flugschüler D i e d r i ch, der mit dem kürzlich veninglückten Hauptmann Jucker in dem Doppeldecker fast, ftcm abend seinen schweren Verletzungen er­legen. Damtt ist die Zahl der deutschen Opfer des Flugzeugsports auf zweiund- sechzig angewachsen.

Berliner Hochzeits-Tage.

Die Berliner «nd die fürstlichen Hochzetts- gäste; im Kaiser-Schloß an der Epres.

Berlin, 24. Mai- (Privat-Telegramm.)

Herzog Ernst Angnst von Brauu- schweig und die Prinzessin Viktoria Luise dürften nnr eine Woche in Hubert« sstock verbringen und dann für etwa vierzehn Tage nach einem bei Gmunden gelegenen Jagd« schloß des Herzogs von Cnmberland übersiedeln. Es war der persönliche Wunsch der Prinzessin, die ersten Tage ihrerFlitterwoche« in Hubertus- stockzu verbringen,wo bekanntlichauch der Kronprinz und die Kronprinzesstn nach ihrer Vermählung geweilt haben, j Unsere gute Reichshauptstadt hat ihr Gesicht! völlig verändert. Die Anwesenheit so violett Fürstlichkeiten erregt die Bewohner, und wenn auch die wenigsten wirflich etwas zu sehen bekommen, die beflaggten Häuser, daK Menschengewimmel auf Straßen und Plätzen, die vorübertutenden Hofautos und die vorüber- rasselnden Hofwagen zeigen, daß etwas Beson­deres vor sich geht; und die Zeitungen überbie­ten sich gegenseitig in den Schilderungen der Hochzeitsseierlichkeiten am Kaiserhof und dessen, was damit zusammenhängt. Fm allgemeinen dürften die politischen Spekulationen der Ber­liner, soweit sie sich auf den Straßen zeigen, nicht allzu sehr in die Tiese gehen. Die guten Leute wollen Brmtes sehen. Selbst eine leere Galakutsche mtt den herrlichen tänzelnden Rap- Pen, den stlbergetreßten, roflackigen Reitknech­ten ist allein schon wert, eine halbe Stunde auf der Straße zu stehen, und wenn man gar in einem vorüberhuschenden Automobil einen österreichschen Tschako erkennt, dann weiß man: Es war der Cumberländer, und man ist zu­frieden. Das Berliner Publikum hat aber auch seine ganz besonderen Lieblinge, und das sind alle die, die dem kronprinzlichen Hause ange­hören. So ost sich die Kinder des Kronprin­zenpaares am Fenster des Palais zeigen, jubelt das Publikum auf, und die lebhaftesten Zeichen der Sympathie werden der Kronprinzessin dar­gebracht, weil sie so liebenswürdig und so ele­gant ist. So wandett man Linden auf und Linden ab, und wenn auch nicht in jedem Augenblick eine Hofequipage zu sehen ist, so gcht es doch auch noch andere schöne Dinge, über die man sich freuen kann. Ueber allem Lärm wird es Mittag und Abend. Die Maf­ien stauen sich die breiten Fahrwege sind von Menschen gesäubett.

Sm alten Kaiserschloß

flammen die Lichter auf, und ein Wagen nach dem andern rollt heran, um die Gäste zmn Fest zu sühren. Nacht wird es, und die Menschen stehen da unten und starren hinauf und Watten, und Watten wie auf etwas Wunderbares. Ich war gestern diesem Wunderbaren etwas näher als sonst. Dank einer freundlich gewährten Einlaßkatte öffnete sich vor mir zum ersten Male das Portal der Kaiserresidenz; ich pas­sierte glücklich die dräuenden Geheimpolizisten und stand dann auf dem alten, ehrwürdigen Hof, der noch immer so schlecht gepflastert ist wie zu den Zeiten, da dirBerliner ihn noch nngehin- dert passieren dursten. Und dann kletterte ich eine Treppe empor. Ganz unten kommt mir ein sehr feiner Küchenduft in die Nase, auf halber Strecke vetteilt sich das vornehme Par­füm eines fürstlichen Boudoirs, dessen Eingang sichtbar wird, dann gerät man in einen Strudel silberstarrender Lakaien: Man ist auf Parkett- Höhe des Weißen Saales, und endlich endlich ist man am Ziel: Am Eingang zur Musikloge. DerWttße Saal" ist ja kaum imposant durch feine Größe. Aber der zart geäderte weiße Marmor, die reichvergoldete Decke, und vor allem das vornehme Maß der architektonischen Verhältnisse lassen den Raum sehr festlich an­muten. Man steht den Reichskanzler in seiner blauen Dragoneruniform, die preußischen Mi­nister in den reichbestickten Staatsgewändern, mit weißen Kniehosen und Strümpfen. AlleS bewegt sich noch zwanglos durcheinander. Da erstarrt plötzlich das Leben, die Musik setzt ein, ein tiefes Neigen überall: Die Majestäten er­scheinen. Und nun ist plötzlich der Saal er­füllt von einem vielfältigen, unentwirrbar glän­zenden Gemisch. Uniformen, Staatsroben, Livreen, Diademe, Orden: Eine blendende Fülle, in der man Einzelheiten nicht mehr er­kennt. Man spürt die Bederttsamkett des Augenblicks, da die drei

mächttgsten Herrscher der Erde sich an eine Tafel setzen, aber es ist, als ver­flüchtige sich das rein Persönliche, das Mensch­liche. Um den Eindruck zu erklären, kommt man weder mit dem Patriotismus, noch mit der monarchischen Gesinnung, noch mit dem Gegen-